• „Mord in Babelsberg“ | Susanne Goga

    Autor:  Susanne Goga
    Verlag:  dtv Verlag
    Genre:  Kriminalroman
    4. Fall von Leo Wechsler
    Seitenzahl:  316
    ISBN:  978-3-423-21486-5

    Berlin 1926. In einer eleganten Wohnanlage in Kreuzberg wird die Leiche einer Frau gefunden, die mit einer Scherbe aus rotem Glas erstochen wurde. Die Spuren führen hinter der Kulisse der aufblühenden Filmindustrie Berlins …

    Meine Meinung

    Seit dem letzten Fall sind 3 Jahre vergangen. Leo Wechsler und seine Clara sind mittlerweile glücklich verheiratet und auch dienstlich steht für ihn eine Beförderung an. Da platzt ein neuer Mordfall in die alltägliche Ruhe: In einem Wohnkomplex wird die Leiche einer wunderschönen rothaarigen Frau aufgefunden, der auf grausame Weise die Kehle aufgeschnitten wurde.
    Für Leo beginnen die Ermittlungen erstmal mit einem Schock, hatte er doch vor Jahren eine sexuelle Beziehung zu der Toten. Aus Angst, den Fall entzogen zu bekommen, verschweigt er die Bekanntschaft und verliert dadurch nicht nur fast das Vertrauen seiner engsten Kollegen, sondern auch das von Clara, die natürlich hinter seinem plötzlich sehr seltsamen Verhalten noch ganz andere Dinge vermutet …
    Obwohl kurz darauf ein weiterer Toter aus der Filmbranche auf dieselbe Art und Weise ermordet wird, können die Ermittler zunächst keine Verbindung zwischen den Toten finden. Alles wirkt recht undurchsichtig, bis Leo Wechsler und seine Kollegen eine vermeintliche Zeugin ausfindig machen!

    Auch in diesem Kriminalroman ist es Susanne Goga wieder gelungen das Berlin der 20er Jahre lebendig werden zu lassen. Es ist immer wieder auffällig, wie genau sie die zeitgeschichtlichen Hintergründe recherchiert, denn da stimmt vieles bis ins kleinste Detail: Ob es nun Ernst Gennats richtiger Dienstgrad ist oder man sich die ersten Pläne des Mordbereitschaftswagens anschaut. Aber auch die die geplante Fürstenenteignung und die angestrebte Aufnahme in den Völkerbund finden hier ihre Erwähnung. All das ist beleg- und nachvollziehbar, überlagert aber nicht die Handlung des Kriminalromans.

    „Mord in Babelsberg“ ist das bisher positivste Buch in der Reihe, was natürlich auch an der Grundstimmung im Berlin der damaligen Zeit liegt. War diese in den letzten Bänden noch eher düster und angespannt auf Grund der Inflation und der ungewissen Zukunft, spürt man hier schon deutlich die Aufbruchsstimmung, die durch den wirtschaftlichen Aufschwung und der Möglichkeit, wieder zu leben, statt nur zu überleben.

    Wie schon in den Vorgängerbänden erfahren die Leser auch in dieser Geschichte, wie es privat mit Leo Wechsler und seinen Kollegen Jakob Sonnenschein und Robert Walther weitergeht. Dies verleiht dem Roman neben dem Kriminalfall und geschichtlichem Hintergrund eine dritte sehr persönliche Ebene. Auch in Robert Walthers Privatleben geht es bergauf und Jakob Sonnenschein ist nun glücklich verlobt. Ich fand es schön hier ein wenig mehr Einblicke, als nur die dienstliche Situation der drei Männer zu bekommen.

    Mit „Mord in Babelsberg“ ist Susanne Goga wieder ein spannender und zugleich sehr unterhaltsamer Kriminalroman gelungen. Kaum ausgelesen, freue ich mich schon auf den fünften Fall!

  • „Die Tote von Charlottenburg“ | Susanne Goga

    Autor:  Susanne Goga
    Verlag:  dtv Verlag
    Genre:  Kriminalroman
    3. Fall von Leo Wechsler
    Seitenzahl:  294
    ISBN:  978-3-423-21381-3

    Berlin 1923. Eine engagierte Ärztin und Frauenrechtlerin wird tot in ihrer Charlottenburger Wohnung gefunden. Ihr Neffe will nicht an einen natürlichen Tod glauben.  Und in der Tat hatte sich die Ärztin zu Lebzeiten viele Feinde gemacht. Kommissar Leo Wechsler ermittelt – es ist ein Fall, der ihn vor ganz neue Herausforderungen stellen wird …

    Meine Meinung

    Leo Wechsler ist doch immer wieder eine Reise ins Berlin der 20er Jahre wert …
    Auch in diesem Fall beweist er wieder seine wunderbare Kombinationsgabe, gepaart mit viel Menschlichkeit und Familiensinn!

    Berlin 1923! Die renommierte Ärztin Henriette Strauss stirbt nach kurzer, aber schwerer Lungenkrankheit. Doch ihr Neffe Adrian Lehnhardt, ein aufstrebender Violinist, der tief mit seiner Tante verbunden war, glaubt nicht an einen natürlichen Tod. Henriette war eine aktive und lebensfrohe Frau, die immer sehr bewusst gelebt hat. Sie machte sich außerdem einen Namen, indem sie Frauen bei nicht gewollten Schwangerschaften beriet und vehement gegen den Paragraphen 218 eingetreten ist. Leo Wechsler und sein Team werden mit den Ermittlungen betraut …

    Auch in „Die Tote von Charlottenburg“ gelingt es Susanne Goga wieder perfekt die Ermittlungen in einen sehr gut recherchierten historischen Hintergrund einzubetten. Der zunehmende Verfall der Währung, die dadurch bedingte Knappheit von Gütern des täglichen Bedarfs und das Pogrom im Scheunenviertel spiegeln die damaligen Umstände wieder.
    Unser sympathischer Kommissar ist bei all diesen Ereignissen persönlich beteiligt und hilft auch schon mal auf unkonventionelle Weise wo er kann!

    Leo Wechsler muss den Mord an einer Frau aufklären, die ihre Freiheit liebte, die selbstbewusst und mutig war, sich aber auch immer wieder gegen Widerstände durchsetzen musste. Seine Lebensgefährtin Clara hatte Doktor Strauss im gemeinsamen Urlaub flüchtig kennengelernt und kann ihre persönlichen Eindrücke über die Tote wiedergeben. Die selbstbewusste und weitgereiste Ärztin hat die junge Frau auch damit beeindruckt, dass sie sich für Yoga begeisterte und sich für das, zur damaligen Zeit, „minderwertige“ Geschlecht engagierte.
    Mit Clara hat die Autorin, neben der Verstorbenen, eine weitere starke Frauenfigur geschaffen, die wir in diesem Band ein bisschen näher und persönlicher kennen lernen durften!

    Ebenso lernen wir einen neuer Mitarbeiter der Berliner Mordkommission kennen. Der junge Jakob Sonnenschein ist freundlich, fleißig und intelligent – und Jude! Was ihn und besonders seinen Vater im Berlin der 20er Jahre zur Zielscheibe von Anfeindungen macht. Die prekäre Situation der Bevölkerung ist zwar nicht direkt Thema dieses Krimis, aber doch ständig präsent.

    Die Lösung des Kriminalfalls wird dem Leser schon bei knapp der Hälfte des Romans klar. Für mich hat es aber immer wieder einen voyeuristischen Reiz, Leo Wechsler dabei zu beobachten, wie er sich Stück für Stück näher an die Wahrheit herantasten.
    Auch die Balance zwischen der Krimihandlung und seinem Privatleben war erneut geglückt und gut dosiert. Ich bin schon sehr gespannt, wie es mit ihm und Clara Bleibtreu weitergeht!

  • „Tod in Blau“ | Susanne Goga

    Autor:  Susanne Goga
    Verlag:  dtv Verlag
    Genre:  Kriminalroman
    2. Fall von Leo Wechsler
    Seitenzahl:  304
    ISBN:  978-3-423-25380-2

    Berlin, 1922. Der Maler Arnold Wegner erregt mit seinen provokanten Bildern Bewunderung – und Abscheu. Als er tot in seinem Atelier gefunden wird, führt eine erste Spur Kommissar Wechsler zur dubiosen Asgard-Gesellschaft. Gibt es eine Verbindung zu dem geheimnisvollen Toten, den man kurz zuvor aus dem Landwehrkanal gezogen hat?

    Meine Meinung

    Wie so oft, musste ich auch bei Leo Wechsler nach beenden des ersten Falls, sofort mit dem Zweiten weitermachen. Und natürlich treffen wir auch in „Tod in Blau“ wieder auf den sympathischen Ermittler …

    Ende 1922. Leo Wechsler und sein Team müssen den Mord an dem bekannten Berliner Maler Arnold Wegner aufklären. Ein interessanter Mann, der sich aber bereits so manchen Feind gemacht hat. Er porträtierte seine Auftraggeber nicht immer von ihrer vorteilhaften Seiten:  Sein Markenzeichen war es, Wesenszüge der Personen sehr eigenwillig hervorzuheben. So ließ er aus dem Bauch einer Gräfin Maden hervorquellen …
    Zur selben Zeit wird ein Verkäufer für Herrenbekleidung tot aus dem Landwehrkanal gefischt. War es Selbstmord? Ein Unfall? Oder gar Mord? Kommissar Wechsler soll auch hier ermitteln. Eine Spur im Nachlass des Mannes führt zur rechtsextremen Asgard-Gesellschaft und zu einem ihrer führenden Köpfe!

    Auch in „Tod in Blau“ erfährt man viele Details über das Leben der reichen Oberschicht, aber vor allem über die schuftende und mit dem Leben kämpfende Berliner Bevölkerung in der Zeit nach dem Ersten Weltkriegs. Die verschiedenen Handlungsstränge führen uns quer durch die gesellschaftlichen Schichten:  Zu den vornehmen Villen der gehobenen Gesellschaft, in die Hinterhöfe und Armenviertel und in die extravagante Künstlerszene der 20er Jahre. Eine faszinierende Momentaufnahme!

    Susanne Goga versteht es, die handelnden Personen für mich sehr anschaulich und sympathisch zu charakterisieren. Besonders gut gefallen hat mir die junge Tänzerin Thea Pabst, die durch ausdrucksstarke tänzerische Interpretationen auf sich aufmerksam machte und zudem die Geliebte des ermordeten Malers war. Auch der völlig verwahrloste 12-jährige Paul, der eine ganz eigene Beziehung zu Arnold Wegner aufgebaut hatte, konnte mich mitten ins Herz treffen.

    Die kriminalistische Ermittlung und das Privatleben des Kommissars stehen auch in diesem Band wieder in einem ausgewogenen Verhältnis. Leo Wechsler vertieft seine Bekanntschaft mit der Buchhändlerin, wobei schon jetzt dunkle Geheimnisse aus ihrer Vergangenheit auftauchen. Auch die Beziehung seiner Schwester mit einem gutsituierten Kaufmann, bringt die Familie durcheinander. Und als wäre das noch nicht, erkrankt seine Tochter Marie schwer.

    Wenn die nächste kriminalistische Zeitreise nach Berlin ansteht bin ich auf jeden Fall wieder mit von der Partie!

  • „Leo Berlin“ | Susanne Goga

    Autor:  Susanne Goga
    Verlag:  dtv Verlag
    Genre:  Kriminalroman
    1. Fall von Leo Wechsler
    Seitenzahl:  276
    ISBN:  978-3-423-21390-5

    Wer hat den Wunderheiler mit dem Jade-Buddha erschlagen?
    Und gibt es einen Zusammenhang mit der ermordeten Prostituierten im Scheunenviertel?
    Kommissar Leo Wechsler ermittelt im Berlin der zwanziger Jahre

    Meine Meinung

    In „Leo Berlin“ begleiten wir Leo Wechsler und die Berliner Mordkommission bei ihrem ersten Fall.
    1922. In Berlin wird ein charismatischer Wunderheiler, dessen Klientel überwiegend aus der betuchten Oberschicht stammt, in seiner Wohnung erschlagen aufgefunden. Kurz darauf gibt es einen weiteren Mord: Eine 50-jährige Prostituierte wird in ihrer ärmlichen Unterkunft erdrosselt. In beiden Fällen ermittelt Wechsler mit seinem Team.
    Obwohl die Mordopfer aus völlig unterschiedlichen Milieus stammen, vermutet der Kommissar schon bald einen Zusammenhang …

    „Leo Berlin“ ist zwar flott und mitreißend geschrieben, bleibt aber ein Kriminalfall, der etwas leiseren Töne, was in meinen Augen aber eventuell auch an der Perspektive liegen könnte. Überwiegend lesen wird diese aus der Sicht des Kommissars, wir springen aber immer wieder direkt in den Kopf des Mörders. Anders als ich es zu Beginn erwartet habe, wird dessen Identität von Susanne Goga bereits nach dem ersten Drittel offen gelegt und wir können so sehr gut in seine Gedankengänge hineinschauen und bekommen sein skurriles Handeln in all seinen Facetten mit. Wirklich spannend gemacht!

    Leo Wechsler als Hauptprotagonist wirkt authentisch und sympathisch. Man bekommt einen guten Einblick in seine kriminalistische Arbeit, ohne dass diese jedoch zu viel Raum einnimmt. Auch sein Privatleben wurde von der Autorin toll ausgearbeitet:  Er ist trotz seiner erst 34 Jahre bereits Witwer und lebt mit seinen beiden Kindern Marie und Georg allein. Unterstützt wird er von seiner älteren Schwester. Da der Kommissar in seinem Beruf keine regelmäßigen Arbeitszeiten hat und seine Familie dadurch zwangsweise vernachlässigt, ist das Verhältnis der Beiden nicht immer das Beste!

    Susanne Goga schreibt aber auch über das entbehrungsreiche Leben in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, wenn auch politischen Themen weitestgehend nur angedeutet werden. Mehr Raum bekommt das Leben der Bevölkerung in der Großstadt Berlin. Diese sind anschaulich und authentisch beschrieben.

    Ein toller Startschuss in die Reihe und ich freue mich schon auf die weiteren Fälle …

  • „Im Schatten des Turms“ | René Anour

    Autor:  René Anour
    Verlag:  Rowohlt Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  641
    ISBN:  978-3-499-27670-5

    Wien, 1787. Der Medizinstudent Alfred ist fasziniert vom sogenannten Narrenturm. Hier werden erstmals die Irrsinnigen behandelt, ein ganz neuer Zweig der Medizin. Doch die Zustände sind erbarmungswürdig. Und der Anblick einer jungen Frau mit seltsamen Malen auf den Armen lässt ihn nicht los.
    Die junge Adelige Helene war noch nie am Wiener Hof. Ihr Vater hält Schönbrunn für eine Schlangengrube und will seine Tochter möglichst lange von dort fernhalten. Doch er kann sie nicht beschützen.
    Der Student, der zu viel sieht. Und die Adelige, die frei sein will. Zwei Menschen, ein Schicksal – das sich im Schatten des Turms entscheiden wird …

    Meine Meinung

    René Anour entführt uns ins Wien des endenden 18. Jahrhunderts.
    „Im Schatten des Turms“ ist ein toller und unglaublich ehrlicher Roman, der mich nicht nur mit seinem Schreibstil überzeugen konnte, sondern auch eine einzigartige Geschichte erzählt.

    Wir schreiben das Jahr 1787. Alfred Wagener ist mit Leib und Seele Medizinstudent. Da er aus ärmlichen Verhältnissen stammt, ist es unüblich, dass er überhaupt studieren darf und muss sich, um die Gebühren und seinen Lebensunterhalt zu verdienen, mit Nebenverdiensten über Wasser halten. Ein Besuch im Narrenturm erschüttert ihn zutiefst und lässt seine Gedanken nicht mehr los …
    Helene lebt mit ihrem liebevollen, aber doch unkonventionellen Vater auf Schloss Weydrich am Wiener Stadtrand. Statt in höfischer Etikette wird sie in lateinischer Sprache, Pflanzenkunde und Mathematik unterrichtet. Alfred soll Helenes Wissen weiter fördern, verliebt sich aber Hals über Kopf in die wunderschöne aufmüpfige Frohnatur. Doch schon bald muss auch er am eigenen Leibe feststellen, wie sehr ein ehrlicher, aber mittelloser Medizinstudent den Plänen der hohen Gesellschaft im Weg stehen kann …

    Der Roman brilliert durch seine historischen Feinheiten. Maria Theresias Sohn Joseph II. von Österreich-Lothringen regiert das Kaiserreich und wird als Reformkaiser bezeichnet. Der junge Herrscher will das Reich modernisieren. Er kümmert sich vor allem um die Kranken und lässt 1785 die „Medizinisch-Chirurgische Militärakademie“, das „Josephinum“, errichten. Zwei Jahre zuvor wurde schon das große Armen- und Siechenhaus in ein Allgemeine Krankenhaus umwandeln und mit dem Narrenturm eröffnet er nun die erste, aber damals mordernste Einrichtung für psychisch Kranke!
    In dieser Zeit werden die Habsburger immer wieder vom Osmanischen Reich bedroht. Und der Kaiser reagiert:  Soldaten werden zwangsrekrutiert. Jägerbataillone, die aus Jägern und Forstarbeitern bestehen, werden einberufen und kämpfen aktiv im Gebirge. Besonders stolz ist der Kaiser aber auf seine Tiroler Standschützen!

    Der Einstieg in die Geschichte ist mir wirklich sehr leicht gefallen. Mit „Im Schatten des Turms“ hat René Anour keineswegs eine leichte Lektüre geschrieben, dennoch bietet jede Seite dem Leser Spannung und Nervenkitzel. Seine bildhafte Sprache ließ mich ganz rasch in die damalige Zeit eintauchen und der Wiener Flair sprang sofort auf mich über!
    Die Atmosphäre ist dicht und ehrlich. Der Schreibstil ist angenehm flüssig, spannend und mitreißend, aber auch authentisch!

    Die Gefühle und Gedanken der beiden Protagonisten kommen sehr gut zur Geltung. Alfred und Helene werden natürlich immer wieder in den Vordergrund der Geschehnisse gerückt und beide erzählen uns im perspektivwechsel ihre Erlebnisse. Besonders die Rolle der Frau war damals erschreckend, umso sympathischer war mir Helene, die drastisch von diesem Frauenbild Abstand nimmt und einfach nur frei sein möchte.

    Wer sich also mitreißen und ins Wien des 18. Jahrhunderts entführen lassen möchte, ist in diesem historischen Roman genau richtig. Eine Geschichte voller unvorhersehbaren Wendungen!