• „Stoner“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Stoner
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Robben
    Verlag: dtv Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  349
    ISBN: 978-3-423-28015-0

    Willam Stoner, Anfang des 20. Jahrhunderts als Sohn armer Farmer geboren, sollte Agrarwissenschaften studieren, doch stattdessen entdeckt er seine Leidenschaft für Literatur und wurde schließlich Professor an der Universität im Mittleren Westen der USA.

    Die Geschichte eines, so scheint es, genügsamen Lebens, in dem sich dennoch alles spiegelt:
    Leidenschaft, Freundschaft, Ehe, Familie, Krieg und Liebe!

    Meine Meinung

    Bei „Stoner“ handelt es sich um eine Wiederentdeckung des Autors. Der Roman erschien erstmals 1965 und ist für mich einer der großen modernen Klassiker!

    Die wohl treffendste Zusammenfassung dieses ergreifenden Romans liefert uns John Williams selbst. Er schreibt …
    „William Stoner begann 1910 im Alter von 19 Jahren an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn …“ Dieser nüchterne und doch sehr beklemmende Berichtstil zieht sich kontinuierlich durch die nächsten 350 Seiten des Buches!

    William Stoners Geschichte strotzt vor knappen und teilweise staubtrockenen Formulierungen, in denen sein Leben mit ungeschminkter Schnörkellosigkeit beschrieben wurde … und doch ist es für mich einer der gefühlvollsten und eindringlichsten Romane!
    Sein Schicksal verläuft grundsätzlich ruhig und leider überwiegend freudlos. Ohne spezielle Höhepunkte, aber mit Serien von Misserfolgen und Tiefschlägen. So scheitert seine Ehe mit der schönen, aber der Liebe nicht fähigen Edith. Seine geliebte Tochter Grace entwickelt sich zur Trinkerin. Die tiefgehende Liebesbeziehung, die ihm dann doch einen Funken Glück beschert, muss er abrupt beenden. Seine Karriere verharrt durch Intrigen auf niedrigem Niveau, sein Schaffen bleibt bescheiden und seine Gesundheit ist am Ende ruiniert.

    John Williams umfangreicher Wortschatz und seine Gefühl für Sprache, ja seine Sprachgewalt faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Er beschreibt die Ereignisse mit Worten, die den Leser fesseln und ihn das Geschehen intensiv mit erleben lassen. Besonders zum Ende des Buches kommt seine ganze Sprachfülle zur Geltung, als er die letzte Lebensphase von Stoner schildert.

    Diese Tragik hat nur noch Einer in der amerikanischen Literatur so eindringlich beschrieben wie John Williams, nämlich sein Zeitgenosse Richard Yates in seinem Roman „Zeiten des Aufruhrs“. Auch dieses Werk wurde bei seinem Erscheinen kaum beachtet. Wollte man damals von soviel Tragik in einer schönen, auf Erfolg getrimmten Welt nichts wissen?

    Schriftstellerisch ist „Stoner“ von John Williams ganz große Erzählkunst!

  • „Die Vermessung der Welt“ | Daniel Kehlmann

    Autor: Daniel Kehlmann
    Verlag: Rowohlt Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  302
    ISBN: 978-3-498-03528-2

    Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machen sich zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt. Der eine, Alexander von Humboldt, kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, erprobt Gifte im Selbstversuch und zählt die Kopfläuse der Eingeborenen. Der Andere, Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, der sein Leben nicht ohne Frauen verbringen kann und doch sogar in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren – er beweist auch im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt.

    Alt, berühmt und auch ein wenig sonderbar geworden, treffen sich die beiden 1828 in Berlin. Doch kaum steigt Gauß aus seiner Kutsche, sind sie schon tief verstrickt in die politischen Wirren Deutschlands nach dem Sturz Napoleons.

    Meine Meinung

    Bei „Die Vermessung der Welt“ ist immer wieder ein Genuss!
    Daniel Kehlmann liefert uns hier eine fiktive Doppelbiografie, die vielleicht nicht immer historisch korrekt ist, aber mit viel Witz und Satire punktet.

    „Die Vermessung der Welt“ ist eine lesenswerte Charakterstudie zweier großer Wissenschaftler, die als Menschen unterschiedlicher nicht hätten sein können und dennoch eines gemeinsam hatten: Die feste Überzeugung, dass man der Wahrheit nur durch genaues Messen auf die Spur kommen kann.
    Der Mathematiker Johann Carl Friedlich Gauß und der Naturforscher Alexander von Humboldt stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Beide waren bereits zu Lebzeiten anerkannte Forscher auf ihren Gebieten und im Zuge dieser Geschichte begleiten wir die beiden Männer auf ihren Erlebnissen. So reisen wir mit Humboldt nach Spanien, Süd- und Mittelamerika, aber auch nach Paris und Russland. Dagegen hat der reisefaule Gauß das Königreich Hannover mit seinen Universitäten in Göttingen und Braunschweig zeitlebens kaum verlassen.
    Beide waren Universalbegabungen, die unter der Indifferenz ihrer Mitmenschen zu leiden hatten, und beide waren ihrer Zeit weit voraus.

    Daniel Kehlmann würdigt er seinen Protagonisten manchmal auf sehr respektlose Weise. Der Leser wird Zeuge, wie Gauß und Humboldt mit ihren charakterlichen Besonderheiten und dem lästigen Ballast des täglichen Lebens ringen. Die Genialität und Skurrilität der Beiden blitzt meist nur oberflächlich auf und trotzdem setzen sich die einzelnen Episoden zu einem geschlossenen Gesamtbild zusammen.

    Ich würde den Schreibstil als detailliert und flüssig beschreiben, man sollte aber doch ein Fan von starken und teilweise verschachtelten Sätzen sein. Er schreibt menschlich, aber nicht rührselig und manchmal sogar ehrfurchtsvoll über seine Protagonisten. Dazu kommt ein guter Schuss Witz und Satire.

    Was mir sehr gut an diesem Buch gefallen hat, ist die Balance zwischen Biographie und Roman, da zum einen das Leben beider Person chronologisch wiedergegeben wird, zum anderen jedoch in Form und Ausdruck stark an einen Abenteuerroman erinnert.

  • „Augustus“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Augustus“
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernard Robben
    Verlag: DTV Verlag
    Genre: Historischer Roman
    Seitenzahl: 445
    ISBN: 978-3-423-28089-1

    Octavius ist 19, sensibel und wissbegierig. Er will Schriftsteller und Gelehrter werden. Doch als Großneffe und Adoptivsohn Julius Cäsars fällt ihm nach dessen Ermordung ein gewaltiges politisches Erbe zu. Seine Mutter Atia warnt ihn eindringlich davor, es anzunehmen. Doch ihm, der von schwächlicher Konstitution aber enormer Willenskraft ist, wird es durch Glück, List, Intelligenz und Entschlossenheit gelingen, das riesige Römische Reich in eine Epoche des Wohlstands und Frieden zu führen.

    Meine Meinung

    Es hat wirklich lange gedauert, bis ich meinen ersten John Williams zur Hand genommen habe und die Entscheidung zwischen „Stoner“ und „Augustus“ ist mir gar nicht so leicht gefallen wie gedacht.
    Wer ein gewisses Grundinteresse an Intrigen, Ränkespiele, Verschwörungen und Verleumdungen hat, der wird in der römischen Antike bereits bedient werden.

    Der römische Kaiser Augustus gehört noch heute zu den bedeutendsten Herrschern des Römischen Reichs. In diesem Roman wird er nicht nur als geschichtliche Persönlichkeit, sondern auch als Mensch mit vielen Ecken und Kanten lebendig.
    Das Buch wurde vorwiegend als Briefroman gestaltet und so erhält der Leser viele unterschiedliche Eindrücke von Personen, die große Teile ihres Lebens an der Seite des Kaisers oder in den Schlachten gegen ihn verbracht haben. Wir erfahren über sein Leben als Feldherr, als Politiker, aber auch als Ehemann und Vater. Das Tagebuch seiner Tochter Julia und Augustus eigener Monolog am Schluss runden die Geschichte zu einem gelungen Roman ab.

    John Williams hat einen sehr melancholischen Schreibstil, der auch sprachlich eher anspruchsvoll zu lesen ist, mich konnte er aber von der ersten Seite an mitreißen. Die Schlachten und Intrigen sind nur so an mir vorbeigezogen und auch die Geschichte um Augustus Tochter konnte mich sehr bewegen.
    Durch die Fülle an Namen, die sich sehr oft gleichen, brauchte ich doch meine Ruhe um alle Details genau mitzubekommen. Hier unterstützt uns auch ein Glossar am Ende des Buches.
    Alle Unterlagen in diesem Buch sind fiktiv, entstammen aber einer korrekten geschichtlich belegten Zeittafel, wodurch beim Leser das Gefühl entsteht, einer Zusammenstellung echter Quellen zu folgen.

    „Augustus“ bietet uns interessante Einblicke über die Heiratspolitik der Römer, die Stellung der Frau und das tägliche Leben der Höhergestellten, so dass man meint, selber in der Zeit um Christi Geburt gelebt zu haben.
    Augustus selbst bezeichnet sich als den einsamsten Menschen im Reich, denn er kann niemandem trauen. Mit Geschick und Diplomatie führte der Kaiser das Römische Reich zu Frieden und Wohlstand, änderte die Staatsverfassung, stellte Recht und Ordnung in Rom wieder her. Er umgibt sich mit namenhaften Dichtern und Denkern, wie Cicero, Ovid, Marcus Agrippa, Horaz, Vergil und Homer, um nur einige Namen zu nennen. Seine Liebe galt in erster Linie Rom.

    Mich hat der Roman sehr zum Denken angeregt, fragt man sich am Ende doch, ob sich Augustus diplomatischen Schachzüge und persönlichen Opfer wirklich gelohnt haben.

  • „Die Muse von Wien“ | Caroline Bernard

    Autor:  Caroline Bernard
    Verlag:  Aufbau Verlag
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman |  Biographie
    Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe, Band 6
    Seitenzahl:  472
    ISBN:  978-3-7466-3392-3

    Klimt war ihre erste Liebe, für Gustav Mahler wird sie zur Muse – Alma Schindler wächst in mitten der Wiener Boheme auf, ist in den Salons der schillernden Metropole zu Hause, verfolgt den Aufstieg der Secession, inspiriert und verführt. Und sie ist Künstlerin, ihre Leidenschaft gehört dem Klavierspiel, vor allem der Komposition. Bis sie Gustav Mahler trifft und sich Hals und Kopf in ihn verliebt. Gustav erwidert ihre Liebe, jedoch zu einem hohen Preis: Für ihn soll sie ihre Kunst aufgeben …

    Meine Meinung

    In „Die Muse von Wien“ lernen wir zu Beginn die junge Alma Schindler kennen. Ihres Zeichens die Tochter des bekannten Wiener Landschaftsmalers Emil Jacob Schindler (1842-1892) und begleiten sie im Laufe ihres turbulenten Lebens. Durch die Kontakte ihres Stiefvaters bewegt sie sich in den besten und illustren Kreisen Wiens, zu denen bekannte Maler, Literaten und Musiker gehören. Nach einer kurzen Liaison mit Gustav Klimt verliebt sie sich auf den ersten Blick in den zwanzig Jahre älteren Hofoperndirektor Gustav Mahler.

    Alma ist eine sehr verwöhnte und eitle Person. Ständig auf der Suche nach Liebe und Selbstverwirklichung, wird sie oft durch ihren eigener Egoismus aus der Bahn geworfen. Sie ist vielleicht nicht gerade die sympathischste Person mit der man gerne auf Urlaub fahren möchte, aber dennoch ein interessanter und leidenschaftlicher Charakter der Wiener Zeitgeschichte.

    Nach dem Tod von Almas Vaters heiratete die Mutter Carl Moll, der 1897 einer der Mitbegründer der Wiener Secession war. Die Autorin hat auch diesen Faktor sehr gut aufgenommen. Der Leser lernt sehr viele namenhafte Künstler und Denker aus dieser Zeit kennen und bekommt ein sehr schönes Bild davon, wie die Gesellschaft damals dachte und funktionierte. Insbesondere über die Rolle der Frau an der Seite ihres Mannes, aber auch über die schwierige Lage der Juden in Europa wird wahrheitsgetreu berichtet.

    „Die Muse von Wien“ war mein erster Roman von Caroline Bernard. Ich finde, mit diesem Buch hat sie eine sehr gefühlvolle und spannende Biographie vorgelegt, die sich durchaus messen kann. Der Schreibstil ist flüssig und emotional und lässt seinen Leser schnell in eine realistische Darstellung der Jahrhundertwende einzutauchen. Man muss aber direkt dazu sagen, dass wir uns während des gesamten Romans in gehobenen Kreisen aufhalten. Man bekommt hier definitiv nichts von der Armut und der damals herrschende „Klassengesellschaft“ gezeigt.
    Dennoch hat die Autorin hat sehr detailliert recherchiert und die Historie wunderbar mit ihrer Handlung verwebt. Die Streifzüge durch Wien und New York sind lebhaft und farbenfroh und bilden die damalige Zeit wunderbar ab.