• „Gute Geister“ | Kathryn Stockett

    Titel im Original:  „The Help“
    Autor:  Kathryn Stockett
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von
    Cornelia Holfelder von der Tann
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  605
    ISBN:  978-3-442-75420-5

    Jackson, Mississippi, 1962: Skeeter ist frustriert. Nach dem Studium verbringt sie die Tage auf der elterlichen Baumwollfarm, als einzige ihrer Freundinnen ohne einen Ring am Finger. Sehr zum Missfallen der Mutter. Skeeter wünscht sich nur eins: Sie will weg aus dem engen Jackson und als Journalistin in New York leben. Und um diesem Ziel näher zu kommen, verbündet sie sich mit zwei schwarzen Dienstmädchen, die wie sie unzufrieden sind: Aibileen zieht die Kinder ihrer Arbeitgeber auf und bringt ihnen bei, sich selbst zu lieben – das Tafelsilber darf sie aber nicht anfassen. Minny ist bekannt für ihre Kochkünste, aber sie ist auch gefürchtet: denn sie trägt das Herz auf der Zunge. Gemeinsam beschließen die drei Frauen, mit allen Konventionen zu brechen. Sie haben das Gefühl zu ersticken und wollen etwas verändern – in ihrer Stadt und in ihrem eigenen Leben!

    Meine Meinung

    „Gute Geister“ ist eines der schönsten Bücher, das ich je gelesen habe.
    Amerika in den 60er Jahren. Aibileen und Minny sind Hausmädchen und leben genauso wie die junge und wohlhabende Skeeter in Jackson, Mississippi. Doch während die schwarzen Angestellten für einen Hungerlohn rund um die Uhr Schuften müssen, kann es sich Skeeter, als Mitglied der weißen Oberschicht bei Bridgerunden und Teekränzchen gemütlich machen. Jedoch scheint sie die einzige in Jackson zu sein, die der Ungerechtigkeit ein Ende setzen und etwas bewegen will. So beginnt sie, ein Buch über und mit den Hausmädchen zu schreiben …
    Gerade in den 60er Jahren treffen die schwarze Bevölkerung ein Schicksalsschlag nach dem Anderen. Die Südstaaten sind im Aufruhr, wodurch zahlreiche Frauen den Mut finden, Skeeter ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Positive, wie negative Erfahrungen! Alle Beteiligten haben viel zu verlieren, doch sie gehen das Risiko ein!

    Die Autorin erzählt „Gute Geister“ nicht in Schwarz und Weiß, wie es viele Andere bereits vor ihr getan haben, sondern in eindrucksvollen hellen Grautönen. Die Lebensgeschichten sind nie ausschließlich negativ, einige von Ihnen denken immer noch mit viel Liebe an die Kinder zurück, die sie großzogen und an die guten Menschen, die ihnen geholfen haben.
    Doch auch die Willkür die sie immer wieder erfahren, trifft einen beim Lesen ins Herz:  Auch wenn Miss Skeeter etwas verändern will, wird schnell klar, dass sie als einzelne nicht viele Möglichkeiten hat. Sie verliert ihre Freunde und jeglichen Rückhalt in der Gesellschaft. Auch wenn sie zu Aibileen eine enge Beziehung aufbaut, kann diese Freundschaft nicht funktionieren angesichts der gesellschaftlichen Unterschiede.

    Dennoch:  Das Buch ist gesellschaftskritisch, ohne anklagend zu sein. Was eventuell auch daran liegen mag, dass es von einer weißen Schriftstellerin geschrieben wurde. Einer Frau, die selbst in einem Haushalt mit farbigem Dienstmädchen aufgewachsen ist. Trotz vieler trauriger und zermürbender Handlungsstränge, überwiegen doch die positiven Elemente. Der Stolz der Frauen auf das Erreichte. Der eigene Mut!

    Beachtlich sind auch die Parallelen zur heutigen Gegenwart. Höher gestellte Damen, die Wohltätigkeitsveranstaltung für hungernde Kinder in Afrika planen, während in ihrer eigenen Stadt Kinder nicht genügend zu Essen haben. Daran hat sich bis heute wirklich nichts verändert.

    Kathryn Stockett ist es wunderbar gelungen, eine schwierige Epoche der Geschichte Mississippis in eine realitätsnahe und berührende Geschichte zu fassen und den Leser dabei auch noch zu unterhalten. „Gute Geister“ ist ein faszinierendes und bewegendes Buch.

  • „Carl Tohrberg“ | Ferdinand von Schirach

    Autor:  Ferdinand von Schirach
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Kurzgeschichten
    Seitenzahl:  63
    ISBN:  978-3-442-71574-9

    Drei Kurzgeschichten über drei Menschen – über Mord, Liebe und darüber, dass die Dinge immer komplizierter sind, als es uns scheint.

    Meine Meinung

    Was haben die Wörter „Glump“ und „Anamorphose“ miteinander zu tun?
    Wenn dich das interessiert, solltest du unbedingt „Carl Tohrbergs Weihnachten“ in dieser kleinen, aber doch sehr feinen Kurzgeschichtensammlung von Ferdinand von Schirach lesen!

    Auch wenn das Büchlein mit seinen 63 Seiten das bisher schmalste in meiner Sammlung ist, lohnt es sich auf jeden Fall. Wie immer waren die Geschichten ein Lesegenuss! Wie gewohnt sind die Geschichten nicht nur auf eine meist überrachende Pointe hin konstruiert, sie sind auch spannend und mitreißend, in einer klaren, aber schlichten Sprache erzählt.
    Ferdinand von Schirach bringt seine Leser sehr souverän zum Kern seiner Aussage!

    Der Autor zeichnet in unheimlich dichten, prägnanten Sätzen zerrissene, traurige und oft verlorene Charaktere, die mich sofort fasziniert haben. In der zweiten Geschichte, zum Beispiel, beschreibt er den Amtsrichter Seybold: „Seybold will keine Karriere machen. Er bleibt sein Leben lang Amtsrichter, zuständig für die kleineren Delikte. Einbruchsdiebstahl, Betrug, ab und zu etwas Außergewöhnliches wie unerlaubte Abfallbeseitigung oder sexuelle Nötigung.“ In dieser Knappheit für mich ein geniales Einfangen einer ganzen Persönlichkeit. Diese zweite Geschichte ist für mich auch die stärkste, denn man ahnt, dass es eine gravierende Wendung geben wird.

    Sehr liebenswert ist auch die erste Geschichte über den unglücklichen Bäcker, der von Ferdinand von Schirach noch nicht mal einen Namen bekommt. Er heißt einfach nur „Bäcker“, auch das sagt für mich viel aus. Es sind ganz andere, leisere Töne, die mich in dieser Geschichte überrascht haben.

    In der letzten Erzählung wird es dann noch einmal verbrecherisch spannend, aber auch hier ist der Protagonist Carl mit wenigen Sätzen so komplex beschrieben, dass ich mit ihm mitleiden und mitfühlen konnte.

    Wie immer, ein Stückchen großartige Literatur!

  • „Die Würde ist antastbar“ | Ferdinand von Schirach

    Autor:  Ferdinand von Schirach
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Essay | Kurzroman
    Seitenzahl:  135
    ISBN:  978-3-442-71500-8

    „Die Würde des Menschen ist unantastbar, sagt das Grundgesetz. Aber das ist falsch. Denn sie wird jeden Tag angetastet“

    Ferdinand von Schirach beschäftigt sich mit den brisanten Themen unserer Zeit und gibt dabei Einblick in seine ganz persönlichen Gedanken, wie das Schreiben oder das Rauchen.

    Rezensionsexemplar – Vielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“   Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

    In „Die Würde ist antastbar“ hinterfragt Ferdinand von Schirach den ersten Satz des Grundgesetzes. Nein, er seziert ihn geradezu und macht den Hintergrund dieses offiziellen Gedankengutes für uns greifbar. Er gibt anschauliche Situationen aus unserem Alltag wieder um die Gesetzeslage und auch deren Hintertürchen verständlicher und logischer aufzubereiten.

    Wie nicht anders von Ferdinand von Schirach zu erwarten, hat mich auch dieses Buch wieder schwer zum Nachdenken gebracht. Auch wenn es nur 135 Seiten hat, ist es definitiv kein seichtes Betthupferl, das man schnell weglesen kann. Der Autor hebt zwar selbst nie den moralischen Zeigefinger, er findet aber sehr klare und einschlagende Worte um uns seine Überlegungen näher zu bringen. Und ich möchte ihm meine tiefste Anerkennung dafür aussprechen, dass man die Realität, die er hier zeichnet, völlig problemlos nachvollziehen konnte.

    Auch wenn das Buch erst 2017 erschienen ist, bezieht sich der Inhalt auf das Jahr 2010. Dadurch sind manche Geschichten aus heutiger Sicht etwas überholt. So beschreibt von Schirach beispielsweise, wie er sich das allererste iPad gekauft hat und dass diese Technologie auf jeden Fall die Zukunft des Lesens sei. Wenn auch zeitlich veraltet, sind diese Vorhersagen dennoch präzise und wahrheitsgetreu, genau wie die Anekdoten über vergangene Zeiten.

    Auch die persönlichen Schilderungen über seinen Großvater haben mich sehr bewegt. Baldur von Schirach war ein Nationalsozialist, der ab 1931 Reichsjugendführer der NSDAP und ab 1941 Reichsstatthalter in Wien war, wo er für die Deportation der Wiener Juden verantwortlich war.
    Diese Erzählung vermittelt dem Leser ein sehr breites Bild des Autoren.

    Es ist auch immer wieder bewundernswert, dass Ferdinand von Schirach in Zeiten allgegenwärtiger Auftragspublikationen, diesen Weg nicht beschreitet!

    „Die Würde ist antastbar“ ist ein Buch für Leute, die, wenn auch sehr pathetisch ausgedrückt, sich noch Gedanken über den tieferen Sinn des Lebens machen wollen und wo sicher einige noch ihre eigene Meinung finden werden.

  • „Terror“ | Ferdinand von Schirach

    Autor: Ferdinand von Schirach
    Verlag: btb Verlag
    Genre: Roman als Theaterstück
    Seitenzahl:  164
    ISBN: 978-3-442-71496-4

    Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt den Piloten, Kurs auf die vollbesetzte Allianz-Arena zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen.

    Rezensionsexemplar  –  Vielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    Auch wenn mich „Terror“ von Ferdinand von Schirach in diesem Monat absolut von sich überzeugt hat, kann ich euch bei 164 Seiten und einem so detaillierten Klappentext gar nicht mehr ausführlicher von der Geschichte berichten.
    Ich würde „Terror“ für Jeden empfehlen, der sich intensiver mit ethischen Fragen auseinandersetzen möchte. In diesem Buch entscheidet ihr als Leser über das Urteil des Kampfpiloten Lars Koch. Wir verfolgen die gesamte Gerichtsverhandlung, bei der die unterschiedlichsten Standpunkte vertreten und sehr detailliert aufgezeigt werden, wobei uns der Autor am Ende selbst die Entscheidung über schuldig oder unschuldig überlässt!

    Wie hätte man selbst gehandelt?
    Welche Moralvorstellungen würden bei einem selbst die Oberhand übernehmen?
    Würde man selbst den Kampfpiloten freisprechen? … oder eher verurteilen?

    Die Geschichte ist in Form eines Drehbuchs oder Theaterstücks verfasst, jedoch ist die Geschichte sehr gut und flüssig lesbar. Ferdinand von Schirach hat eine wunderbar klare und eindringliche Sprache und, obwohl es sich hier um einen fiktiven Fall handelt, spricht er auch unangenehme Themen bzw. Überzeugungen klar und ohne Verschönungen an.

    Die Geschichte wirkt unheimlich real und trifft in meinen Augen den heutigen Zeitgeist auf den Punkt! Es entstehen einige gute Gesprächsthemen für Diskussionen, jedoch sollte sich im Nachhinein jeder Einzelne im Stillen mit seiner Meinung selbst beschäftigen und sich über seine Überzeugung im Klaren werden …

    Im gleichen Buch ist auch die Preisrede des Autoren zur Verleihung des M100-Sanssouci Medien Preises an „Charlie Hebdo“ abgedruckt. Hier zeigt sich seine rechtstaatliche Verwurzelung und sein starkes Engagement für Besonnenheit. Er warnt mit Benjamin Franklin Worten „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren!“

    Wieder ein sehr interessantes und gelungenes Buch von Ferdinand von Schirach und sicher nicht mein Letztes!

  • „Marschmusik“ | Martin Becker

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Martin Becker
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  283
    ISBN:  978-3-442-71755-2

    Tief unter der Erde hält der junge Mann aufgeregt und fiebrig ein warmes Stück Kohle in der Hand. Zum ersten Mal. Hier im Streb, wo Generationen von Bergleuten malocht haben. Bald endet die Kohlebeförderung in Deutschland. Und damit das Leben unter Tage. Dann ist im Ruhrpott Schickt im Schacht. Und es bleiben nur noch Erinnerungen:  an den wortkargen Vater und die Abende mit Bier, Schnaps und Marschmusik aus dem Küchenradio.

    Martin Becker erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von der magischen Welt des Kohlebergbaus und der verführerischen Kraft der Finsternis unter Tage – allem Verschwinden zum Trotz immer wieder mit Leichtigkeit und Witz!

    Meine Meinung

    Martin Becker ist mir das erste Mal 2019 als Autor von „Warten auf Kafka“ ins Auge gefallen. In seinem Roman „Marschmusik“, der 2017 erschien, schreibt er über seine Liebe zum Ruhrpott. Eine gefühlvolle Hommage an die Menschen, die im Bergbau unter Tage gearbeitet haben. Schnörkellos, aber dennoch liebevoll, erzählt er von den Sorgen und Nöten einer typischen Arbeiterfamilie, deren Leben aus wenig Abwechslung und dafür umso mehr harter Maloche besteht!

    Der Erzähler ist der jüngste Sohn der Familie. In Rückblenden erfahren wir nicht nur die Geschichte der Eltern, sondern auch die Kindheit des Protagonisten, der als Jugendlicher anfängt sich für das Posaunenspiel zu begeistern und von einer großen Weltkarriere träumt. Ein deutlicher Gegensatz zum Leben seiner Eltern, die Tag für Tag schwer arbeiten mussten um über die Runden zu kommen und um ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen.
    Der Roman erzählt einen Alltag, der uns heute so fremd erscheint, dass man sich kaum vorstellen kann, dass ganze Generationen so gelebt haben …

    Martin Beckers Schreibstil ist hier eher einfach gehalten, der Inhalt dafür umso Ehrlicher und Realistischer. Gerade in der gegenwärtigen Zeitebene, umweht den Roman eine starke Melancholie. Nachdem sich die Mutter nach mehreren Hirnblutungen wieder ins Leben zurückgekämpft hat, verstirbt kurze Zeit später der Vater. Die mittlerweile an Demenz erkrankte Mutter lebt nach wie vor in ihrem Haus in Mündendorf. Ein Ort, der für unseren Protagonisten mit viel Schmerz und Wehmut verbunden ist. Ein Ort, den er nur mit großer Überwindung besucht und jedes Mal wieder froh ist, ihn verlassen zu können …

    Der Roman ist in einem durchlaufenden Fließtext verfasst, in dem die wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen gesetzt wurde. An das muss man sich zu Beginn des Lesens ein bisschen gewöhnen. Genauso sind die Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, nur durch Absätze getrennt. Ungewöhnlich, aber gut!

    „Marschmusik“ ist ein Roman der leisen und doch tiefen Töne. Eine Geschichte, die in vielen Bereichen doch fast jeden von uns beschäftigt. Heimat. Familie. Vergangenheit. Und das was bleibt …
    Mich hat das Buch sehr zum Nachdenken gebracht!