• „Das Seelenhaus“ | Hannah Kent

    Titel im Original:  „Burial Rites“
    Autor:  Hannah Kent
    Aus dem Australischen übersetzt von
    Leonie von Reppert-Bismarck & Thomas Rütten
    Verlag:  Drömer Knaur
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  379
    ISBN:  978-3-426-19978-7

    Island 1828. Agnes ist eine selbstbewusste und verschlossene Frau. Sie wird als hart arbeitende Magd respektiert, was sie denkt und fühlt behält sie für sich. Als sie des Mordes an zwei Männern angeklagt wird, ist sie allein. Die Zeit bis zur Hinrichtung soll sie auf dem Hof eines Beamten verbringen. Die Familie ist außer sich, eine Mörderin beherbergen zu müssen – bis Agnes Stück für Stück die Geschichte ihres Lebens preisgibt!

    Meine Meinung

    „Das Seelenhaus“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Agnes Magnúsdóttir war 1829 die letzte Frau in Island, an der die Todesstrafe vollstreckt wurde. Die australische Autorin Hannah Kent stolperte bei einem Islandaufenthalt über diese Geschichte und war davon sofort fasziniert. Sie nutzte die bisher existierenden Dokumente für ihre Recherche, um sich beim Schreiben so weit wie möglich an die Tatsachen halten zu können.

    Zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Island noch von vielen kleinen und einigen größeren bäuerlichen Gutsbetrieben geprägt. Eine entbehrungsreiche Zeit in der harte körperliche Arbeit den Alltag ausfüllte. Wer nicht das Glück hatte in eine Familie geboren zu werden, die im Besitz einer Landwirtschaft war, verdient sich als Magd oder Knecht …
    Agnes Magnúsdóttir arbeitet als Magd, als ihr Dienstherr ermordet aufgefunden wurde. Auch sie wird vom Landrat als Komplizin des Täters zum Tode verurteilt. Da zu jener Zeit die Todesurteile noch vom dänischen König bestätigt werden mussten, wird Agnes bis zur Vollstreckung auf einem der Gutshöfe untergebracht. Wenn sie dem Land schon zur Last fällt, soll sie sich gefälligst auch nützlich machen! So landet sie auf dem Kornsahof. Die fleißige und stille Frau fügt sich nach und nach ins Familienleben ein, bis eines Tages die schlimme Botschaft mit dem definitiven Todestag eintrifft …

    Hannah Kent beschreibt in aller Deutlichkeit die Lebensverhältnisse, das Land und das Klima, dazu passt auch ihre sachliche, klare und offene Schreibweise. Man spürt regelrecht die Kälte des Klimas und die Härte der Menschen. Dennoch schafft sie es die Spannung konstant in der Geschichte zu halten und lässt ihre Leser durch die stätigen Rückblicke eine innige Beziehung zu Agnes aufbauen. Die Menschen sind in all ihren Facetten wunderbar getroffen.

    „Das Seelenhaus“ geht nicht nur unter die Haut, sondern auch tief ins Herz! Agnes wurde als Mörderin verurteilt. Eine Frau, die zu solch einer Tat fähig ist, musste ein Monster sein. So und nicht anders wird sie von den Menschen gesehen und behandelt. Welche Umstände letztendlich zu der Tat geführt haben, hat in ihrem Umfeld niemanden interessiert. So war auch der geistliche Beistand, der ihr zur Seite gestellt wurde, dazu angehalten, mit ihr zu beten, von der Barmherzigkeit Gottes zu predigen und sie im christlichen Sinne auf den Tod vorzubereiten. Dass der junge Vikar sich von Agnes ihre Lebensgeschichte erzählen lässt, ist an keiner Stelle vorgesehen. Im Gegenteil, es wird sogar als völlig falsch erachtet. Niemand darf sich für Agnes Magnúsdóttir interessieren. Sie ist eine eiskalte Mörderin und das sagt ja schließlich schon alles über ihren Charakter aus …
    Doch genau das ist das Thema: Die Frau hinter dem Bild der Mörderin besser kennenzulernen. Ihr Leben, das von Anfang an von Armut geprägt war. Ebenso der Umstand, dass sie niemals eine verlässliche Gemeinschaft in ihrem Leben hatte. Agnes als eine intelligente und verletzliche Frau zu sehen!

    Ein wirklich beeindruckender Roman, der gekonnt Fiktion mit historischer Realität vermischt!

  • „Das Labyrinth der Lichter“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original:  „El Laberinto de los Espíritos“
    Autor:  Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag:  Fischer Verlag
    Genre:  Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 4
    Seitenzahl:  939
    ISBN:  978-3-10-002283-7

    Barcelona in den kalten Wintertagen des Jahres 1959.
    Die junge Alicia Gris kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um das überraschende Verschwinden des einflussreichen Ministers Mauricio Valls aufzuklären. In dessen Besitz befand sich ein geheimnisvolles Buch, das Alicia in die Buchhandlung „Sempere & Söhne“ führt, tief ins Herz Barcelonas. Der Zauber dieses Ortes nimmt sie gefangen, und wie durch dichten Nebel steigen Bilder ihrer Kindheit in ihr auf. Doch die Antworten, die Alicia findet öffnen die Tür zu einer finsteren Intrige und bringen all jene in Gefahr, die Alicia am meisten liebt.

    Meine Meinung

    Der aktuellste Roman des spanischen Autoren Carlos Ruiz Zafón stellt den Abschluss seiner Tetralogie um den „Friedhofes der vergessenen Bücher“ dar.

    Wie schon in den Vorgängerbänden spielt auch diese Geschichte wieder vor der Kulisse von Barcelona. Wir befinden uns Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre und die Schrecken der Franco Diktatur sind immer noch spürbar. Lange Rückblicke in diese Zeit des Bürgerkrieges bilden die Metapher über die Zufluchtsorte in der katalanischen Stadt, wie etwa die Buchhandlung der Familie Sempere. Sehr präsent ist auch das soziale Geschehen, das Elend, die Aussichtslosigkeit, aber auch der Zauber der Stadt!

    In „Das Labyrinth der Lichter“ folgen wir der schönen Alicia Gris. Eine unnahbare Amazone, die in Zusammenarbeit mit der Polizei Ermittlungen um das Verschwinden des Politikers Valls führt. Der Minister war zuvor Direktor des berüchtigten „Castille den Montjuich“ und entführte und verkaufte die Kinder der politischen Gefangenen. Unter anderem auch ein Grund, warum die Mafia ihr Interesse an Alicia bekundet.
    Sie erforscht den Verbleib des verbotenen Buches Labyrinth der Lichter“ in Barcelona und wird dabei immer wieder an furchtbare Szenen ihrer eigenen Kindheit erinnert. Schon bald soll ihr klar werden, dass auch Fermín Romero de Torre ein Teil ihrer Vergangenheit ist …

    Der Autor führt hier tatsächlich alle noch offenen Handlungsstränge aus den Vorgängerbänden zusammen. Sehr gekonnt und mit spannenden Wendungen!
    So erfahren wir mehr über David Martin und seine Verbindung zu der Familie Sempere, aber auch Julian Carax bekommt hier wieder seinen Auftritt und wird für den Leser menschlicher und vertrauter.

    Die Handlungen sind wie gewohnt verschachtelt, unerwartet und absolut nicht linear, aber wie immer gut zu verfolgen. Die Dialoge sind auffallend intensiv und spannend gestaltet und Carlos Ruiz Zafón verwendet auch in diesem Buch wieder viel Poesie um seine Geschichte aufzubauen. Man könnte meinen, die Protagonisten sitzen beim Lesen des Buches neben einen …

  • „Nichts als die Nacht“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Nothing but the Night“
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernard Robben
    Verlag: DTV Verlag
    Genre: Novelle
    Seitenzahl:  148
    ISBN: 978-3-423-28129-4

    Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund immer wieder auftut.

    Meine Meinung

    John Williams war erst 22 Jahre alt war, als er diese kurze Novelle schrieb.
    Als er bei einem Erkundungsflug im 2. Weltkrieg über Burma abgeschossen wurde und diesen Absturz wie durch ein Wunder überlebte, versuchte er durch das Schreiben, gegen seine Ängste anzukommen. So entstand „Nichts als die Nacht“!

    Arthur Maxley ist 24 Jahre alt und gibt vor zu studieren. Allerdings führt er lieber das Leben eines Müßiggängers, der sich von den regelmäßigen Schecks seines Vaters finanzieren lässt. Er jedoch genießt sein Leben nicht, sondern leidet am Hier und Jetzt … und vor allem an seiner Vergangenheit: Seit einem traumatischen Erlebnis, meidet Arthur den Kontakt zu seinem Vater, pflegt kaum Freundschaften und versucht zu vergessen. Oft greift er dafür zum Alkohol!

    In John Williams Debütroman begleiten wir 12 Stunden das Leben unseres Protagonisten. Dabei geschieht äußerlich nicht wirklich viel, die Geschehnisse in Arthurs Psyche sind allerdings verheerend: 12 Stunden voller Unruhe, Angst und Raserei, durchzogen von surrealen Träumen, Visionen und Erinnerungen! Arthur hat das Trauma aus seiner Kindheit nie verwunden. Starke Gedanken und Gefühlen beherrschen ihn. Auch körperlich nimmt sein Zustand bereits bedrohliche Formen an.
    Mit einem unglaublichen Einfühlungsvermögen und starker psychologischen Einsicht zeigt uns der damals noch sehr junge John Williams das Innenleben eines jungen Mannes, der offenbar schon als Kind überaus sensibel war und durch eine familiäre Tragödie schwer traumatisiert wurde. Arthur ist eine Persönlichkeit, die immer nur um sich selbst und sein Leid kreist, gleichzeitig sieht er sich aber auch von außen mit den Augen eines fremden Beobachters.

    Als ich Arthur am Ende des Buches verließ, blieb ich erschüttert und sehr verstört zurück. Im ersten Moment konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, ich hatte nur immer wieder das Gefühl, dem jungen Mann in seiner Situation helfen zu müssen. Der melancholische Ton und die Ereignisse machten mich nicht nur traurig, auch Wut und Ärger über alle Beteiligten haben sich in mir abgewechselt.

    Trotz der tiefen Empfindungen (oder gerade wegen Dieser), ließ sich für mich das spätere Talent John Williams auch in dieser Novelle deutlich erkennen. Die Erzählung strotzt vor Bildern und Metaphern, wenn auch der Text noch nicht so flüssig und klar zu lesen ist wie in seinen späteren Werken. Die Sätze und Formulierungen sind treffend gewählt und zeigen von erzählerischer Kraft.

    Ein beeindruckendes Debüt, das von der sensiblen Wahrnehmung seines Autoren zeugt!

  • „Unter der Haut“ | Gunnar Kaiser

    Autor: Gunnar Kaiser
    Verlag: Berlin Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  517
    ISBN: 978-3-8270-1375-0

    Die atemberaubende Geschichte eines bibliophilen Mörders!

    Mit einer so bedrohlichen wie verführerischen Atmosphäre beschwört dieser Roman vieles zugleich: die helle und die dunkle Welt der Bücher, den Sommer 1969 im pulsierenden New York sowie eine unheilvolle Freundschaft deren Hintergründe von Berlin der 30er Jahre bis in die Zeit des Mauerfalls führen.

    Meine Meinung

    Mit „Unter der Haut“ bekommen wir ein Erstlingswerk der Extraklasse und ein großartiges Plädoyer an die Literatur und die Bücher!

    New York im Sommer 1969: Der Literaturstudent Jonathan Rosen macht die Bekanntschaft des bibliophilen, aber doch in die Jahre gekommenen, Dandys Josef Eisenstein. Durch den geheimnisvollen älteren Mann lernt der unerfahrene Junge nicht nur die Welt der Kunst und des Geistes, sondern auch die Macht der Verführung kennen und erlebt in den gemeinsamen Monaten sein Coming of Age. Zu ersten sexuellen Erlebnissen kommt es in Eisensteins Atelier, wo Jonathan mit einer jungen Frau schläft, die von den beiden Männern in einem Diner angesprochen wurde. In den folgenden Wochen machen sie sich in der brütenden Hitze New Yorks auf die Suche nach neuen „Opfern“. Eisenstein, der selber niemals eine Frau berührt, lehrt seinem Schützling die Kunst der Verführung! Mit der Zeit wächst in Jonathan jedoch der Verdacht, dass über seinem Mentor ein dunkles Geheimnis schwebt. Diese Ahnung wird erst Jahrzehnte später zur Gewissheit, als er in Israel von der ehemaligen FBI-Agentin Sally Goldman aufgesucht wird, die schon seit langem hinter dem „Skinner“, einem legendären Serienmörder, her ist!

    Die Geschichte hat mich von der ersten Seite an gefesselt und bis zur Letzten nicht mehr losgelassen. Der Roman ließ sich schnell und durchgehend spannungsgeladen lesen, wobei gerade die unterschwellige Spannung toll in die Geschichte verflochten ist. Gunnar Kaiser hat einen ganz besonderen Schreibstil mit Wiedererkennungswert, der die ohnehin tolle Geschichte noch zusätzlich unterstützt. Perfekt konstruierte Charaktere, Rückblenden und Perspektivwechsel, alles in allem ein Roman, der durch sein hohes literarisches Niveau aus der Masse an Büchern deutlich herausragt.

    Auch am handwerklichen Prozess gibt es an diesem Roman wirklich nichts zu meckern. Der Plot ist in drei Handlungsstränge aufgeteilt: Zum einen bekommen wir einen Rückblick aus Jonathans Sicht 1969. Zwischendurch wechseln wir immer wieder in die Autobiografie des vermeintlichen Serienmörders und zum guten Schluss erfahren wir den Ausgang der Geschichte aus Jonathans heutiger Gegenwart in Israel. In allen Handlungssträngen wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, nur der Killer schreibt von sich in der dritten Person. Ein tolles Stilmittel, das uns den Charakter Josef Eisenstein in seiner andersartigen Düsternis deutlich näher bringt, aber auch die Atmosphäre des Buches stark beeinflusst.

    Der Inhalt mag an Patrick Süskinds „Das Parfum“ erinnern, jedoch liegt hier die Obsession des Mörders nicht so stark im Mittelpunkt. Sie blitzt zwar immer wieder im Hintergrund auf, aber die Lebensgeschichte und „Freundschaft“ der beiden Männer steht dem deutlich vor.

    Gunnar Kaiser weiß mit handwerklichen „Abweichungen“ zu überraschen. Bei einer Szene wechselt er einfach mal locker-flockig die Zeit, um diese hervorzuheben. Etwas später ändert er mitten im Absatz nicht nur die Zeit, sondern auch die Perspektive von der dritten Person zur Ich-Erzählung und genau diesen Wechsel finden wir auch mitten innerhalb eines Dialogs wieder! Grandiose zu lesen! Überraschend und hat mich im Lesefluss deutlich aufgeweckt!

    „Unter der Haut“ ist ein besonders intensives und mitreißendes Buch, das ihr euch auf jeden Fall ansehen solltet!

  • „Der Fürst des Parnass“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „El Príncipe de Parnaso“
    Autor:
      Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag:
      Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 3.5
    Seitenzahl: 83
    ISBN: 978-3-596-19882-5

    Carlos Ruiz Zafón schrieb sich mit seinen großen Romanen in die Herzen der Leser rund um den Globus. Überall tauchten die Menschen ein in die betörende Atmosphäre Barcelonas – Mittelpunkt seiner Welt.

    In „Der Fürst des Parnass“ erzählt er davon, wie diese unnachahmliche Welt ihren Anfang nimmt. Eine unwiderstehliche Welt ihren Anfang nimmt. Eine unwiderstehliche Geschichte von Ehrgeiz und Scheitern, von Wahnsinn und unsterblicher Liebe, eine Hommage an eine verwunschene Stadt am Meer und an die universelle Magie der Bücher.

    Meine Meinung

    „Der Fürst von Parnass“ ist ein kleiner Zusatzband zu der Reihe um Daniel Sempere und dem Friedhof der vergessenen Bücher. Wie im Vorwort beschrieben, möchte sich der Autor mit dieser Kurzgeschichte bei seinen Lesern für ihre Treue bedanken.

    Es handelt sich hier um eine Erzählung über den großen spanischen Schriftsteller Miguel de Cervantes Saavedra, gleichzeitig ist das Buch aber auch ein wichtiger Schlüssel zum „Friedhof der vergessenen Bücher“ und zu guter Letzt eine Lektion hinsichtlich der Versuchung Eitelkeit.

    Carlos Ruiz Zafón nutzt seine Fantasie, um Lücken im Lebenslauf von Miguel de Cervantes Saavedra, dem späteren Autor des Don Quijote, zu schließen. Er integriert diese Figur in sein Barcelona und verarbeitet literarisch die Tatsache, dass Cervantes Saavedra erst in späteren Jahren seines Lebens Erfolg hatte. Und natürlich bekommt auch ein geheimnisvoller Verleger mit Engelsbrosche auf dem Revers wieder seinen Auftritt.
    Manche Geheimnisse werden gelüftet, andere Rätsel bleiben aber weiterhin im Nebel verborgen. Die Erzählungen bewegen sich auf verschiedenen Ebenen und lassen viel Spielraum für eigene Interpretationen.

    Zafòn versteht es meisterlich, Atmosphäre und Spannung zu erzeugen. Phantasievoll und doch im Bereich des Möglichen, mit bildreichen Beschreibungen und einer für den Autor unverkennbaren Wortvielfalt und Harmonie. Auch der dürftige Umfang ändert nichts an der Qualität des Inhalts!

    Selbst in der Kürze dieser Geschichte beweist Carlos Ruiz Zafón, dass er schreiben kann und nicht viele Seiten braucht um seine Leser zum Nachdenken anzuregen!

  • „Stoner“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Stoner
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Robben
    Verlag: dtv Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  349
    ISBN: 978-3-423-28015-0

    Willam Stoner, Anfang des 20. Jahrhunderts als Sohn armer Farmer geboren, sollte Agrarwissenschaften studieren, doch stattdessen entdeckt er seine Leidenschaft für Literatur und wurde schließlich Professor an der Universität im Mittleren Westen der USA.

    Die Geschichte eines, so scheint es, genügsamen Lebens, in dem sich dennoch alles spiegelt:
    Leidenschaft, Freundschaft, Ehe, Familie, Krieg und Liebe!

    Meine Meinung

    Bei „Stoner“ handelt es sich um eine Wiederentdeckung des Autors. Der Roman erschien erstmals 1965 und ist für mich einer der großen modernen Klassiker!

    Die wohl treffendste Zusammenfassung dieses ergreifenden Romans liefert uns John Williams selbst. Er schreibt …
    „William Stoner begann 1910 im Alter von 19 Jahren an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn …“ Dieser nüchterne und doch sehr beklemmende Berichtstil zieht sich kontinuierlich durch die nächsten 350 Seiten des Buches!

    William Stoners Geschichte strotzt vor knappen und teilweise staubtrockenen Formulierungen, in denen sein Leben mit ungeschminkter Schnörkellosigkeit beschrieben wurde … und doch ist es für mich einer der gefühlvollsten und eindringlichsten Romane!
    Sein Schicksal verläuft grundsätzlich ruhig und leider überwiegend freudlos. Ohne spezielle Höhepunkte, aber mit Serien von Misserfolgen und Tiefschlägen. So scheitert seine Ehe mit der schönen, aber der Liebe nicht fähigen Edith. Seine geliebte Tochter Grace entwickelt sich zur Trinkerin. Die tiefgehende Liebesbeziehung, die ihm dann doch einen Funken Glück beschert, muss er abrupt beenden. Seine Karriere verharrt durch Intrigen auf niedrigem Niveau, sein Schaffen bleibt bescheiden und seine Gesundheit ist am Ende ruiniert.

    John Williams umfangreicher Wortschatz und seine Gefühl für Sprache, ja seine Sprachgewalt faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Er beschreibt die Ereignisse mit Worten, die den Leser fesseln und ihn das Geschehen intensiv mit erleben lassen. Besonders zum Ende des Buches kommt seine ganze Sprachfülle zur Geltung, als er die letzte Lebensphase von Stoner schildert.

    Diese Tragik hat nur noch Einer in der amerikanischen Literatur so eindringlich beschrieben wie John Williams, nämlich sein Zeitgenosse Richard Yates in seinem Roman „Zeiten des Aufruhrs“. Auch dieses Werk wurde bei seinem Erscheinen kaum beachtet. Wollte man damals von soviel Tragik in einer schönen, auf Erfolg getrimmten Welt nichts wissen?

    Schriftstellerisch ist „Stoner“ von John Williams ganz große Erzählkunst!

  • „Anton hat kein Glück“ | Lars Vasa Johansson

    Titel im Original: „Den stora verklighetsflyken“
    Autor: Lars Vasa Johansson
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Ursel Allenstein & Antje Rieck-Blankenburg
    Verlag: Wunderlich Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  414
    ISBN: 978-3-8052-0387-6

    Mit 45 Jahren ist Anton am Tiefpunkt seiner Karriere. Die Kartentricks des professionellen Zauberers reißen nicht einmal mehr das Publikum im Seniorenheim aus den Sesseln. Auch privat läuft es alles andere als rund, aber Anton ist fest davon überzeugt, dass es irgendwann aufwärts geht – bis zu der Mittsommernacht, die alles verändert! Im Wald begegnet Anton einem seltsamen Mädchen, das ihn bittet, sieben Blumen zu pflücken. Doch dazu hat er weder Zeit noch Lust, und die Kleine stapft beleidigt von dannen. Kein gutes Zeichen! Denn in Wahrheit ist das Mädchen eine Waldfee!

    Meine Meinung

    „Anton hat kein Glück“ ist der Debütroman des schwedischen Drehbuchautors und Musikers Lars Vasa Johansson. Eine märchenhafte Erzählung, die mir von der ersten Seite an gute Laune bereitet hat.

    Anton feiert seinen 45. Geburtstag alleine auf einer Raststätte, unterwegs zu einem Auftritt als Zauberer. Nicht nur, dass sich seine Karriere am absoluten Tiefpunkt befindet, er hat keine Freunde, keine Familie und natürlich auch kein Geld. Kein Wunder, Anton ist der größte Egoist aller Zeiten und ein noch größere Jammerlappe. Er nörgelt über alles und jeden und niemand kann es ihn Recht machen. Schon seit vielen Jahren meidet er die Menschen in seiner Umgebung und bevorzugt nur seine eigene Gesellschaft. So pendelt er von einem Seniorenheim zum Nächsten um dort seine Zaubertricks zu zeigen. Das alles ändert sich nach einen Verkehrsunfall, bei dem Anton mitten auf der Straße mit eine rote Sofa zusammengeprallt …

    Anton ist ein absolut mitreißender Charakter. Trotz seiner Überheblichkeit war er mir von der ersten Minute an sympathisch. Durch die Rückblenden in seine Vergangenheit lernen wir ihn sehr gut kennen und auch wenn ich seinen Höhenflug nicht toll fand, konnte ich seine Beweggründe doch irgendwie verstehen.

    Anton glaubt natürlich ans Glück, aber vor allem an sein eigenes Glück! Und er hat ganz genaue Vorstellungen, wie Dieses auszusehen hat: Ein schickes Auto, ein tolles Haus, schöne Frau und haufenweise Geld! Realistisch, ganz klar! Nach den Erlebnissen der letzten Tage schwindet seine Überzeugung jedoch recht schnell und die Realität trifft ihn wie ein Schlag. Nicht nur, dass es verdammt weh tut, sich seine eigenen Fehler einzugestehen. Anton muss sein eigenes Glück neu definieren und geht dabei weit in seine Vergangenheit zurück.
    Lars Vasa Johansson springt mit viel Fantasie zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft seines Protagonisten hin und her und verknüpft die einzelnen Erzählstränge mit viel Witz und Sarkasmus. Die Geschichte wurde in keinem Kapitel schwerfällig oder gar langweilig. Ganz im Gegenteil musste ich mir sehr oft das Lachen verkneifen. Ich konnte in den peinlichen Situationen so gut mitleiden … und die Odyssee nimmt wirklich ungeahnte Ausmaße an!

    Auch die äußeren Details der Geschichte fand ich gut konstruiert. Jeder magische Charakter hat seine eigene Geschichte, die sich wiederum toll mit den Menschen und den anderen Fabelwesen verknüpft. Diese undursichtigen Gefahren halten die Spannung hoch.
    Auch Antons neue Bekanntschaft Jorma, der sich auf einer Liebesquest befindet, überzeugt mit Genie und Wahnsinn.

    Der Schreibstil ist flüssig, einfach und leicht zu lesen. Die zu Beginn noch etwas bedrückende Stimmung hellt sich schnell auf und bleibt bis zum Ende magisch. Die Sprache ist bittersüß. Sarkasmus ja, aber in gut abgewogenen Portion!

    Ein wunderbares Buch für alle, die ihre Abendstunden gern fernab der sicheren Normalität verbringen.

  • „Der Gefangene des Himmels“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „El Prisionero del Cielo“
    Autor: Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 3
    Seitenzahl: 403
    ISBN: 978-3-10-095402-2

    Barcelona, 1957.
    Ein Fremder betritt die Buchhandlung „Sempere & Söhne“. Er ersteht das teuerste Buch im Laden eine Ausgabe des „Grafen von Monte Christo“, und widmet sie Fermín, über den er mehr zu wissen scheint, als gut ist.

    Für Fermín und Daniel Sempere ist es der Auftakt einer dramatischen Geschichte von Verfolgung und Heimsuchung, die sie an schmerzliche Punkte der Vergangenheit führen und ihr ganzes Glück bedrohen wird. Fermín muss sich seiner dunkelsten Zeit stellen und ein anderer werden, um schließlich ganz er selbst zu sein.

    Meine Meinung

    Schon in „Der Schatten des Windes“ und dem Folgeband „Das Spiel des Engels“ bekommen wir immer wieder kleine Einblicke über Fermín Romero de Torres. Nachdem ihn der junge Daniel Sempere von der Straße geholt und ihm eine Anstellung in der Buchhandlung seiner Familie gegeben hat, wird er zu seinem engsten Freund und Vertrauten. Im dritten Band erfahren wir nun Genaueres über Fermíns Vergangenheit. Über die Jahre der Gefangenschaft in dem berüchtigtem Castille den Montjuich, aber auch wie seine Taten ihn schon als jungen Mann unumgänglich mit der Familie Sempere verbunden haben.

    Wie schon seine Vorgänger baut auch „Der Gefangene des Himmels“ in sehr geringem Maße auf einem magischen Grundbaustein auf. Natürlich muss man das mögen. Ich bin normalerweise auch eher skeptisch, wenn fantastische Elemente in einen belletristischen Roman eingearbeitet werden, aber hier fand ich es wieder hervorragend umgesetzt.
    Carlos Ruiz Zafón besticht mit seiner wunderbaren poetischen und bildlichen Sprache und der dichten Atmosphäre in diesem Buch. Er schildert mitreißend von den mächtigen politischen Ungeheuern, die damals in Francos unbarmherziger Regierung herrschten und zieht geschickt die Fäden zwischen der Buchhandlung der Familie Sempere und dem Friedhof der vergessenen Bücher.

    Auch Fermins philosophische Kommentare sind immer wieder eine Freude zu lesen!

    Natürlich haben auch Liebe, Drama und Leid in diesem Buch seinen Platz, werden aber so harmonisch in der Geschichte eingearbeitet, dass sie nie zu viel oder übertrieben wirken. Wir erfahren viele erschütternde Details über den Tod von Isabella Sempere, Daniels Mutter. Doch alle Antworten werfen neue Fragen auf und ihr Sohn steht letztendlich vor einer schweren Entscheidung.

    Carlos Ruiz Zafón stellt mit diesem Buch ganz gekonnt eine Verbindung zu den beiden Vorgängern her und schafft sowohl in den Szenen als auch bei den Charakteren eine sehr besondere Vertrautheit. Spätestens jetzt versinkt man als Leser in die damalige Zeit und lernt Barcelona mit seinem düsteren, morbiden und tiefgründigen Charme zu lieben. Die Charaktere wirken reifer und ausdrucksstärker.
    Auch die gesellschaftskritischen Dimensionen stechen hier viel stärker heraus!

  • „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ | Joel Dicker

    Titel im Original: „La Vérité sur l`Affaire Harry Quebert“
    Autor: Joel Dicker
    Aus dem Französischen übersetzt von Carina von Enzenberg
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl: 725
    ISBN:  978-3-492-05600-7

    Ein Skandal erschüttert das Städtchen Aurora an der Ostküste der USA:  33 Jahre nachdem die ebenso schöne wie geheimnisumwitterte Nola dort spurlos verschwand, taucht sie wieder auf. Als Skelett im Garten ihres einstigen Geliebten. Der berühmte, zurückgezogen lebende Schriftsteller Harry Quebert steht plötzlich unter dringendem Mordverdacht.

    Meine Meinung

    „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ ist seit Erscheinen des Romans eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Da im April nächsten Jahres das drittes Buch von Joel Dicker erscheint, das ich schon sehnsüchtigst erwarte, möchte ich euch in den nächsten Wochen seine beiden Vorgänger vorstellen!
    Beginnen wir erst mal mit seinem Debüt …

    Harry Quebert ist ein bekannter Schriftsteller und Professor für Literatur an der Universität in Burrow. Dort lernt ihn auch unser Protagonist kennen, der sehr schnell eine freundschaftliche Beziehung zu seinem Professor aufbaut und nicht nur das Boxen, sondern auch das Schreiben von ihm lernt. Und mittlerweile hat auch Marcus seinen ersten Bestseller geschrieben!
    Zu Beginn des Buches lernen wir Marcus Goldmann mitten in einer Schaffenskrise kennen. Er besinnt sich auf seinen alten Professor, der sich in die Kleinstadt Aurora an der Ostküste zurückgezogen hat und dort ein ruhiges Leben führt. Ausgerechnet als Marcus dort ankommt, findet man in Harrys Garten die Leiche eines seit 30 Jahren verschwundenen Mädchens, die das handgeschriebene Manuskript des Erfolgsromans Harry Queberts mit ins Grab genommen hat. Wie sich herausstellt, hatte Harry, der mehr als doppelt so alt war, wie die damals 15-jährige Nola, ein Verhältnis mit ihr gehabt. Schnell wird er als vermeintlicher Mörder verhaftet, doch Marcus versucht herauszufinden wer wirklich hinter der Tat steckt, denn er ist von Harry`s Unschuld überzeugt!

    Joel Dicker hat einen sehr bildlichen und detaillierten Schreibstil, mit klaren und starken Formulierungen, aber dennoch mitreißend und spannend. Auch hat er für meinen Geschmack das richtige Gespür für Situationskomik.
    Anders als es der Klappentext vermuten lässt, ist dieses Buch kein Kriminalroman, sondern mehr eine Charakterstudie bzw. die Geschichte über die Leben zweier Menschen.

    Ich fand die Darstellung der Bewohner des kleinen Küstenortes Aurora wirklich sehr gelungen. Das teilweise etwas prüde Kleinstadtidyll, in dem jeder ein kleines Stück des Ruhms, den Harry sich als Schriftsteller erarbeitet hat, abbekommen möchte. Sei es, dass man den Tisch kennzeichnet an dem er seinen Erfolgsroman geschrieben hat oder auch den Versuch seine Tochter mit ihm zu verheiraten. Als die Fassade blättert, wenden sich auch die Bewohner Auroras gegen ihn, denn mit einem Kriminellen will sich in dem „hochanständigen“ Ort keiner abgeben.

    Die Aufklärung des Falls was für mich eine recht nervenaufreibende Sache. Immer wenn ich gedachte habe, die Lösung zu kennen, wurde ich sehr schnell wieder auf den Boden der Realität zurück geholt. Ich hatte bis zum Schluss nicht den Hauch einer Ahnung, wie das Ganze zusammenhängt, was natürlich die Spannung bei mir hoch hielt.