• „Der Wintersoldat“ | Daniel Mason

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „The Winter Soldier“
    Autor:  Daniel Mason
    Aus dem Englischen übersetzt von Sky Nonhoff und Judith Schwaab
    Verlag:  C. H. Beck Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  428
    ISBN:  978-3-406-73961-3

    Der hochbegabte Wiener Medizinstudent Lucius meldet sich beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig und landet im eisigen Winter 1914 in einem Behelfslazarett in den Karpaten, wo ihm die junge Nonne Margarete erst alles beibringen muss. Als ein schwer traumatisierter, aber äußerlich unverletzter Soldat eingeliefert wird, begeht Lucius einen gravierenden Fehler.

    Meine Meinung

    Entgegen dem Willen seiner Eltern schreibt sich der junge Lucius an der Universität in Wien ein. Sein Herz gehört schon lange der Medizin, doch obwohl er das Studium interessant findet, möchte er auch so schnell wie möglich mit richtigen Patienten arbeiten. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht wittert er seine Chance und meldet sich als Sanitätsoffizier. In seiner Vorstellung kommt er in ein gut ausgestattetes Lazarett, wo er unter ärztlicher Anleitung Verwundete betreut. Doch die Realität sieht gravierend anders aus …
    Nach einer langen und beschwerlichen Reise kommt er in den bitterkalten Karpaten an und soll in einer umfunktionierten Kirche seinen Dienst tun. Margarete, eine Nonne und Krankenschwester, die seit der Flucht des letzten Arztes die Patienten allein betreut hat, merkt schnell, dass Lucius bisher noch nie ein Skalpell in der Hand gehalten hat …

    Auch wenn die Geschichte anfänglich an die Reise des jungen Mediziners Robert Cole aus „Der Medicus“ erinnert, unterscheiden sich die Geschichten doch grundlegend voneinander.
    „Der Wintersoldat“ ist mir erst vor kurzen über den Weg gelaufen und konnte sofort mein Interesse wecken. Und das mit Recht: Daniel Mason hat einen wunderbar bildlichen und klaren Schreibstil, der nicht nur ganze Kriegslager in meinem Kopf entstehen ließ, sondern auch durch seine sachlichen und ausdrucksstarken Beschreibungen und Dialoge das Grauen des Ersten Weltkrieges transportieren konnte.

    Natürlich ist ein Kriegslazarett kein angenehmer Ort, der Autor vermittelt uns die Geschehnisse aber so realistisch und zermürbend, das ich sehr oft das Buch aus der Hand legen und tief durchatmen musste. Anstatt zu heilen geht es in der österreichischen Armee hauptsächlich darum, die Soldaten so gut wie möglich „zusammen zu flicken“ um ihre Leistung für den nächsten Fronteinsatz wieder herzustellen. Noch verstörender waren für mich aber die Patienten, die keine erkennbaren Wunden hatten, sondern an Kriegsneurosen litten: Männer, die im Kampf um ihr Leben unvorstellbare Grauen miterlebten und auf einmal nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen oder zu keiner klaren Regungen mehr im Stande waren. Bei einem dieser Patienten geschieht Lucius auch ein folgenschwerer Fehler, der ihn noch jahrelang verfolgen soll …

    Daniel Masons Charaktere sind detailreich und abgerundet. Besonders Margarete hat es mir neben unserem Hauptprotagonisten angetan. Die beiden ergänzen sich perfekt und erst ihr menschliches Engagement lässt Lucius zu dem Mann werden, der er am Ende ist.

    „Der Wintersoldat“ hat mich absolut sprachlos zurückgelassen. Ein hervorragender, medizinisch und geschichtlich sehr gut recherchierter Roman, der mich Rundum überzeugen konnte! Detailreich und erschreckend! Und eine Liebesgeschichte gibt es gratis noch dazu …

  • „Das Vermächtnis des Vaters“ | Jeffrey Archer

    Titel im Original:  „The Sins of the Father“
    Autor:  Jeffrey Archer
    Aus dem Englischen übersetzt von Martin Ruf
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Clifton-Saga, Band 2
    Seitenzahl:  469
    ISBN:  978-3-453-47135-1

    Harry Clifton, aufgewachsen bei den Hafendocks in Bristol, und Giles Barrington, Nachkömmling einer großen Schiffahrt-Dynastie, verbindet seit ihrer Jugend eine tiefe Freundschaft. Aus der Enge des Arbeitermilieus hat Harry es auf eine Eliteschule geschafft und steht als junger Mann jetzt an der Seite seiner großen Liebe Emma, der Schwester von Giles. Mit dem Eintritt Englands in den Zweiten Weltkrieg 1939 werden die Schicksale beider Familien erschüttert. Giles gerät in Kriegsgefangenschaft und Harry verschlägt es von Bristol nach New York, wo er eines Mordes angeklagt und verhaftet wird. Emma mach stich auf, um den Mann zu retten, den sie liebt …

    Meine Meinung

    Nachdem wir in „Spiel der Zeit“ mit einem grandiosen Finale zurückgelassen wurden, musste ich sofort den zweiten Teil der Saga zur Hand nehmen …

    Zu Beginn gibt es noch einige kleine Rückblenden auf die bisherige Handlung, die aber geschickt in die fortlaufende Erzählung einfließen. Die große Liebe zwischen Emma und Harry scheint unter keinen sehr glücklichen Stern zu stehen. Obwohl die Beiden unter tragischen Umständen auseinander gerissen wurden, glaubt Emma immer noch daran, dass für sie alles wieder gut werden wird. Alleine schon wegen ihres gemeinsamen Sohnes Sebastian. Sie will Harry wiederfinden und sie glaubt einfach nicht daran, dass er tot ist …
    Und zu Recht: Da Harry sich bei seiner Überfahrt nach Amerika als Tom Bradshaw ausgegeben hat, wird dieser wegen Mordes festgenommen …

    Auch in „Das Vermächtnis des Vaters“ blieb Jeffrey Archer seinem komplexen und außergewöhnlichen Erzählstil treu, wobei er in diesem Band nur sehr wenige Episoden aus Harrys Sicht erzählen lässt. Der Löwenanteil der Geschichte stehen Emma und Giles zu. Leider hatte dies zu Beginn des Buches, gerade was unseren Harry betrifft, für mich einen eher entfremdenden Charakter. Am Ende ist die Geschichte aber absolut Rund und Stimmig.

    Harrys Geschichte bleibt spannend und er selbst entwickelt sich zu einem großartigen jungen Mann mit Ecken und Kanten. Er ist entschlossen, klug und auch wenn seine Taten im ersten Moment oft sehr spontan und impulsiv wirken, ist es doch meistens durchdacht und führt zum gewünschten Ziel.
    Auch Emma Barringtons ist nicht einfach das reiche Mädchen, das vom Leben keine Ahnung hat. Was sie nicht weiß, das eignet sie sich an und nimmt dabei sehr viele Unannehmlichkeiten in Kauf. Genauso zielstrebig begibt sie sich auch auf die Reise nach Amerika um Harry wieder zu finden.
    Ihr Bruder Giles hingegen nimmt die Nachricht vom Tod seines besten Freundes mehr mit als Gedacht. Er meldet sich freiwillig zur Wehrdienst und gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft. Um diesen und vielen anderen Schwierigkeiten zu entgehen wählt er oft Wege, die man ihm gar nicht zugetraut hätte …

    Leider wurde auf einige wichtige Themen nur sehr sporadisch eingegangen. So heiratet Harrys Mutter im Laufe der Geschichte und  wir als Leser bekommen zwar mit, dass ihr drei stattliche Mannsbilder den Hof machen, warum ihre Entscheidung aber letztendlich auf ihren zukünftigen Ehemann fällt bleibt für uns unbekannt. Auch Harrys Verletzung, die für ihn seine Zeit an der Front beendet, wird zwar angeschnitten, aber größtmöglich umgangen!
    Ich hoffe, Jeffrey Archer kommt hier in den nächsten Bänden noch mit etwas mehr Details um die Ecke!

    Alles in Allem also ein würdiger Nachfolger und ich freue mich schon auf den nächsten Band der Clifton-Saga!

  • „Spiel der Zeit“ | Jeffrey Archer

    Titel im Original:  „Only time will tell“
    Autor:  Jeffrey Archer
    Aus dem Englischen übersetzt von Martin Ruf
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Clifton-Saga, Band 1
    Seitenzahl:  558
    ISBN:  978-3-453-47134-4

    England, um 1930: Der junge Harry Clifton wächst bei den Hafendocks von Bristol heran, seine Mutter Maisie muss sich mit harter Arbeit durchschlagen. Um den Tod von Harrys Vater, der angeblich im Krieg gefallen ist, rankt sich ein Geheimnis. Harrys Leben nimmt eine Wendung, als er das Stipendium für eine Eliteschule erhält. Er tritt ein in die Welt der Reichen und lernt Giles Barrington sowie dessen Schwester Emma kennen, Erben einer Schifffahrts-Dynastie. Harry verliebt sich in Emma, ohne zu ahnen, dass die Schicksale ihrer Familien auf tragische Weise miteinander verknüpft sind …

    Meine Meinung

    „Spiel der Zeit“ ist der Auftakt eines packenden Familienepos aus der Feder des britischen Bestsellerautoren Jeffrey Archer.

    Harry Clifton ist ein aufgeweckter und intelligenter kleiner Junge aus ärmlichen Verhältnissen, der sich in den Hafendocks von Bristol herumschlägt. Seit sein Vater auf mysteriöse Weise verschwunden ist, versucht seine Mutter als Kellnerin die Familie über Wasser zu halten. Als Harry wegen seiner engelsgleichen Stimme ein Stipendium für ein Eliteinternat bekommt, nimmt sein Leben eine schicksalhafte Wendung. Auf der Schule lernt er Giles Barrington, den Erben einer Schifffahrts-Dynastie, kennen. Die beiden werden unzertrennlich, auch wenn Giles‘ Vater dieser Freundschaft ablehnend gegenüber steht.
    Als Harry sich in Giles‘ Schwester Emma verliebt, scheint sein Glück nun endgültig vollkommen. Zu diesem Zeitpunkt ahnen die Beiden noch nicht, auf welch tragische Weise ihre Familien miteinander verbunden sind …

    Familiengeheimnisse, Freundschaften, Liebe und Schicksal! Auch wenn „Spiel der Zeit“ nicht die literarische Vielschichtigkeit der Boddenbrooks besitzt, ist der Roman doch ein ernstzunehmender Konkurrent der alten Klassiker dieses Genre. Er besticht durch liebevolle Details, einer wunderbaren Sprache und einem mitreißenden und fesselnden Erzählstil. Dies liegt vor allem an den wechselnden Sichtweisen und Erzählsträngen in dieser Geschichte:  Auch wenn Harry Clifton als Hauptcharakter durch die Handlung führt, wechselt Jeffrey Archer immer wieder die Perspektive und erzählt aus Sicht der anderen Figuren weiter. Hinzu kommt, dass die jeweils erste Szene dieser Perspektiven mit einem Ich-Erzähler, die anderen dann mit einem personellen Erzähler in der dritten Person erzählt werden. Das ist für den Anfang etwas ungewöhnlich, entpuppt sich aber mit zunehmender Dauer als echter Glücksgriff für die Geschichte.
    Zwar erlebt man dadurch manche Szenen mehrfach, durch die neuen Blickwinkel ergeben sich aber immer wieder neue Mosaiksteinchen, die das Gesamtbilder der Geschichte vervollständigen …

    Durch diese ausgefallene Art des Schreibens lernen wir nicht nur Harry besser kennen, auch die anderen Charaktere und deren Gefühlslage werden lebendiger und für den Leser natürlich auch verständlicher. Selbst die Motive der nicht so positiven Menschen, die Harry im Laufe der Jahre begleiten, konnte ich am Ende respektieren! Man lebt und leidet mit den Protagonisten!

    Natürlich erfindet auch Jeffrey Archer das Genre nicht neu und auch er bedient sich an so manchem Klischee, dennoch konnte mich „Spiel der Zeit“ total von sich überzeugen und ich musste sofort mit dem zweiten Band der Clifton-Saga weitermachen …

  • „Frühlings Erwachen“ | Frank Wedekind

    Autor:  Frank Wedekind
    Verlag:  Insel Verlag
    Genre:  Klassiker
    Seitenzahl:  115
    ISBN:  978-3-458-34842-9

    Frank Wedekinds grandioses Drama über erwachende Sexualität und ihre Unterdrückung durch eine verlogene Sexualmoral gehört zu den meistgespeilten Stücken auf deuten Bühnen.

    „Gib mir Antwort – Wie geht es zu? – Wie kommt das alles? – Du kannst doch im Ernst nicht verlangen, dass ich bei meinen 14 Jahren noch an den Storch glaube?“

    Meine Meinung

    Bereits seit vielen Jahren gehört Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ in Österreich zur Schullektüre und auch ich kam damals in den Genuss dieses Klassikers.

    Die Geschichte spielt zum Ende des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen die Gymnasiasten Melchior und Moritz, sowie die 14-jährige Wendla. Die Jugendlichen suchen verzweifelt und teilweise leider auch vergeblich nach Antworten auf die drängenden Probleme der Pubertät.

    Alles beginnt scheinbar harmlos: Wendlas Mutter möchte, dass sich ihre Tochter etwas erwachsener kleidet. Allein schon, weil sie um ihre erotische Wirkung auf Männer fürchtet. Auch wenn die 14-jährige noch ihre Kinderkleider bevorzugt, versucht sie dennoch das Mysterium des Kinderkriegens zu lüften. Derweilen interessieren sich Moritz und Melchior brennend für ihre eigenen Körper, anstatt sich lieber auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren. In vertraulichen Gesprächen gesteht sie sich gegenseitig ihre Unsicherheiten. Der noch unaufgeklärte Moritz möchte gerne mehr wissen und Melchior verspricht ihm seine Unterstützung. Aber auch in der Schule wird es immer enger für Moritz, seine Versetzung in die nächste Schulstufe ist stark gefährdet!
    Das Leben spielt leider nicht immer gerecht. Am Ende sind zwei der Schüler tot und der Dritte im Bunde wird von seinen Eltern in eine Erziehungsanstalt geschickt …

    Frank Wedekind ist ein großartiger Schriftsteller, der seiner Zeit definitiv voraus war. Mutig prangert er die bornierten Moralvorstellungen im ausgehenden 19. Jahrhundert und das daraus entstehende Leid an. Auch wenn das Theaterstück mittlerweile zu den Klassikern zählt, hat „Frühlings Erwachen“ auch heute nicht an Aktualität verloren. Schulische oder sexuelle Probleme unserer Jugendlichen, denen Eltern und Lehrer mit fehlendem Einfühlungsvermögen oder Gleichgültigkeit entgegen treten, sowie mangelnde Aufklärung, führen auch im Jahre 2019 noch oft zu menschlichen Tragödien.

    Das Buch besteht aus drei Akten, die wiederum in mehrere Szenen aufgeteilt werden. Dadurch und durch die wechselnden Erzählstränge kam für mich absolut keine Langeweile auf. Die Sprache ist epochenbedingt natürlich etwas schwieriger, aber wenn man sich erstmal auf den Sprachstil eingelassen hat, findet man sehr schnell in einen guten Lesefluss.
    Das Ende bleibt ziemlich offen und lässt noch sehr viele Fragen im Raum stehen. Ich finde aber dennoch, dass es für diese Geschichte keinen besseren Ausgang hätte geben können …

  • „Klosterkind“ | Anna Castronovo

    Autor:  Anna Castronovo
    Verlag:  Books on Demand
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  305
    ISBN:  978-3-752-82109-3

    Sizilien 1981. Die siebenjährige Filomena ist verzweifelt. Ihre Mutter hat sie in ein Klosterinternat gebracht, in dem strenge Klausur herrscht. Um zu fliehen, macht sie sich auf die Suche nach einem unterirdischen Gang, der aus dem Kloster herausführen soll. Bei ihren heimlichen Streifzügen stößt sie auf die Spuren von Suor Crocifissa della Concezione, die vor 300 Jahren im selbe Kloster lebte und in den düsteren Gängen dem Teufel begegnete. Die Geschichte der Nonne zieht Filomena immer mehr in ihren Bann, bis sie eines Tages beginnt, von Madre Crocifissa zu träumen …
    Warum wurde Filomena ins Kloster gebracht? Wird sie ihre Mutter je wiedersehen? Und was hat es mit der geheimnisvollen Nonne auf sich?

    Meine Meinung

    In „Klosterkind“ begegnen wir der junge Filomena, die in den 1980ern, ohne große Erklärungen, mit gerade mal sieben Jahren von ihrer Mutter im Kloster ihres Heimatortes abgegeben wurde. Wir begleiten sie durch ihre Kindheit, lernen mit ihr lesen und schreiben und gehen mit ihr den Weg zu Suor Maria Crocifissa della Concezione, die dem verschüchterten Mädchen indirekt das Herz zu Gott öffnet.
    Filomena verbringt die 11 Jahre bis zu ihrem 18. Geburtstag hinter Klostermauern, dabei verwebt die Autorin geschickt ihre fiktive Lebensgeschichte mit historischen Überlieferungen über die sagenumwobene Nonne die von 1645 bis 1699 im italienischen Agrigento lebte!

    „Klosterkind“ ist ein berührendes und starkes Buch das zu Herzen geht! Anna Castronovo hat einen sehr flüssigen und bildgewaltigen Schreibstil, der zwar klar im Ausdruck ist, in mir aber dennoch starke Emotionen wach gerufen hat. Ich konnte mit Filomena mitfühlen und habe mich immer wieder gefragt, was in ihre Mutter gefahren ist, dass sie einfach so ein Kind weggibt und vom Erdboden verschwindet!

    Das Buch ist eine gekonnte Mischung aus Schicksals- und Entwicklungsroman, der aber auch große Elemente aus der historischen Mystery mitbringt. Er regt die Gedanken der Leser über Schuld, Moral und Glaube an, dabei wird die Geschichte aber niemals aufdringlich, wertend oder unangenehm!
    Die mystischen Elemente, die mit den Träumen und Wahrnehmungen des Mädchens zusammenhängen sind sehr geschickt in die Handlung eingeflochten und lassen dem Leser immer selbst die Entscheidung, ob er sie als real oder als Hirngespinst abtut. Es steckt so viel zwischen den Zeilen und selbst nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat, ist Filomena immer noch da …

    Die Lebensgeschichte von Suor Maria Crocifissa della Concezione ist mit kleinen Änderungen ausgesprochen spannend in den Roman eingebettet. Die biografischen Daten sind auch im Anhang des Romans zu finden.

    Anna Castronovo hat es geschafft, eine tolle Protagonistin zu erschaffen, die sehr glaubwürdig und authentisch rüber kommt. Auch das strenge Leben der Nonnen in Klausur und deren Umgang mit den Schülerinnen in den 80er Jahren war in meinen Augen glaubhaft dargestellt. Besonders die ältere Nonne, die im Laufe der Jahre den Stand von Filomenas Ziehmutter annimmt, fand ich wunderbar ausgearbeitet. Natürlich muss man, mit dem Konstrukt der Kirche gut zurechtkommen. Der allgegenwärtige Glaube an Gott ist der Grundpfeiler dieses Romans!

    „Klosterkind“ ist ein mitreißendes Buch über zwei interessante sizilianische Frauen, das die Gedanken und Gefühle der Leser anregt!

  • „Das Seelenhaus“ | Hannah Kent

    Titel im Original:  „Burial Rites“
    Autor:  Hannah Kent
    Aus dem Australischen übersetzt von
    Leonie von Reppert-Bismarck & Thomas Rütten
    Verlag:  Drömer Knaur
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  379
    ISBN:  978-3-426-19978-7

    Island 1828. Agnes ist eine selbstbewusste und verschlossene Frau. Sie wird als hart arbeitende Magd respektiert, was sie denkt und fühlt behält sie für sich. Als sie des Mordes an zwei Männern angeklagt wird, ist sie allein. Die Zeit bis zur Hinrichtung soll sie auf dem Hof eines Beamten verbringen. Die Familie ist außer sich, eine Mörderin beherbergen zu müssen – bis Agnes Stück für Stück die Geschichte ihres Lebens preisgibt!

    Meine Meinung

    „Das Seelenhaus“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Agnes Magnúsdóttir war 1829 die letzte Frau in Island, an der die Todesstrafe vollstreckt wurde. Die australische Autorin Hannah Kent stolperte bei einem Islandaufenthalt über diese Geschichte und war davon sofort fasziniert. Sie nutzte die bisher existierenden Dokumente für ihre Recherche, um sich beim Schreiben so weit wie möglich an die Tatsachen halten zu können.

    Zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Island noch von vielen kleinen und einigen größeren bäuerlichen Gutsbetrieben geprägt. Eine entbehrungsreiche Zeit in der harte körperliche Arbeit den Alltag ausfüllte. Wer nicht das Glück hatte in eine Familie geboren zu werden, die im Besitz einer Landwirtschaft war, verdient sich als Magd oder Knecht …
    Agnes Magnúsdóttir arbeitet als Magd, als ihr Dienstherr ermordet aufgefunden wurde. Auch sie wird vom Landrat als Komplizin des Täters zum Tode verurteilt. Da zu jener Zeit die Todesurteile noch vom dänischen König bestätigt werden mussten, wird Agnes bis zur Vollstreckung auf einem der Gutshöfe untergebracht. Wenn sie dem Land schon zur Last fällt, soll sie sich gefälligst auch nützlich machen! So landet sie auf dem Kornsahof. Die fleißige und stille Frau fügt sich nach und nach ins Familienleben ein, bis eines Tages die schlimme Botschaft mit dem definitiven Todestag eintrifft …

    Hannah Kent beschreibt in aller Deutlichkeit die Lebensverhältnisse, das Land und das Klima, dazu passt auch ihre sachliche, klare und offene Schreibweise. Man spürt regelrecht die Kälte des Klimas und die Härte der Menschen. Dennoch schafft sie es die Spannung konstant in der Geschichte zu halten und lässt ihre Leser durch die stätigen Rückblicke eine innige Beziehung zu Agnes aufbauen. Die Menschen sind in all ihren Facetten wunderbar getroffen.

    „Das Seelenhaus“ geht nicht nur unter die Haut, sondern auch tief ins Herz! Agnes wurde als Mörderin verurteilt. Eine Frau, die zu solch einer Tat fähig ist, musste ein Monster sein. So und nicht anders wird sie von den Menschen gesehen und behandelt. Welche Umstände letztendlich zu der Tat geführt haben, hat in ihrem Umfeld niemanden interessiert. So war auch der geistliche Beistand, der ihr zur Seite gestellt wurde, dazu angehalten, mit ihr zu beten, von der Barmherzigkeit Gottes zu predigen und sie im christlichen Sinne auf den Tod vorzubereiten. Dass der junge Vikar sich von Agnes ihre Lebensgeschichte erzählen lässt, ist an keiner Stelle vorgesehen. Im Gegenteil, es wird sogar als völlig falsch erachtet. Niemand darf sich für Agnes Magnúsdóttir interessieren. Sie ist eine eiskalte Mörderin und das sagt ja schließlich schon alles über ihren Charakter aus …
    Doch genau das ist das Thema: Die Frau hinter dem Bild der Mörderin besser kennenzulernen. Ihr Leben, das von Anfang an von Armut geprägt war. Ebenso der Umstand, dass sie niemals eine verlässliche Gemeinschaft in ihrem Leben hatte. Agnes als eine intelligente und verletzliche Frau zu sehen!

    Ein wirklich beeindruckender Roman, der gekonnt Fiktion mit historischer Realität vermischt!

  • „Das Labyrinth der Lichter“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original:  „El Laberinto de los Espíritos“
    Autor:  Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag:  Fischer Verlag
    Genre:  Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 4
    Seitenzahl:  939
    ISBN:  978-3-10-002283-7

    Barcelona in den kalten Wintertagen des Jahres 1959.
    Die junge Alicia Gris kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um das überraschende Verschwinden des einflussreichen Ministers Mauricio Valls aufzuklären. In dessen Besitz befand sich ein geheimnisvolles Buch, das Alicia in die Buchhandlung „Sempere & Söhne“ führt, tief ins Herz Barcelonas. Der Zauber dieses Ortes nimmt sie gefangen, und wie durch dichten Nebel steigen Bilder ihrer Kindheit in ihr auf. Doch die Antworten, die Alicia findet öffnen die Tür zu einer finsteren Intrige und bringen all jene in Gefahr, die Alicia am meisten liebt.

    Meine Meinung

    Der aktuellste Roman des spanischen Autoren Carlos Ruiz Zafón stellt den Abschluss seiner Tetralogie um den „Friedhofes der vergessenen Bücher“ dar.

    Wie schon in den Vorgängerbänden spielt auch diese Geschichte wieder vor der Kulisse von Barcelona. Wir befinden uns Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre und die Schrecken der Franco Diktatur sind immer noch spürbar. Lange Rückblicke in diese Zeit des Bürgerkrieges bilden die Metapher über die Zufluchtsorte in der katalanischen Stadt, wie etwa die Buchhandlung der Familie Sempere. Sehr präsent ist auch das soziale Geschehen, das Elend, die Aussichtslosigkeit, aber auch der Zauber der Stadt!

    In „Das Labyrinth der Lichter“ folgen wir der schönen Alicia Gris. Eine unnahbare Amazone, die in Zusammenarbeit mit der Polizei Ermittlungen um das Verschwinden des Politikers Valls führt. Der Minister war zuvor Direktor des berüchtigten „Castille den Montjuich“ und entführte und verkaufte die Kinder der politischen Gefangenen. Unter anderem auch ein Grund, warum die Mafia ihr Interesse an Alicia bekundet.
    Sie erforscht den Verbleib des verbotenen Buches Labyrinth der Lichter“ in Barcelona und wird dabei immer wieder an furchtbare Szenen ihrer eigenen Kindheit erinnert. Schon bald soll ihr klar werden, dass auch Fermín Romero de Torre ein Teil ihrer Vergangenheit ist …

    Der Autor führt hier tatsächlich alle noch offenen Handlungsstränge aus den Vorgängerbänden zusammen. Sehr gekonnt und mit spannenden Wendungen!
    So erfahren wir mehr über David Martin und seine Verbindung zu der Familie Sempere, aber auch Julian Carax bekommt hier wieder seinen Auftritt und wird für den Leser menschlicher und vertrauter.

    Die Handlungen sind wie gewohnt verschachtelt, unerwartet und absolut nicht linear, aber wie immer gut zu verfolgen. Die Dialoge sind auffallend intensiv und spannend gestaltet und Carlos Ruiz Zafón verwendet auch in diesem Buch wieder viel Poesie um seine Geschichte aufzubauen. Man könnte meinen, die Protagonisten sitzen beim Lesen des Buches neben einen …

  • „Nichts als die Nacht“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Nothing but the Night“
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernard Robben
    Verlag: DTV Verlag
    Genre: Novelle
    Seitenzahl:  148
    ISBN: 978-3-423-28129-4

    Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund immer wieder auftut.

    Meine Meinung

    John Williams war erst 22 Jahre alt war, als er diese kurze Novelle schrieb.
    Als er bei einem Erkundungsflug im 2. Weltkrieg über Burma abgeschossen wurde und diesen Absturz wie durch ein Wunder überlebte, versuchte er durch das Schreiben, gegen seine Ängste anzukommen. So entstand „Nichts als die Nacht“!

    Arthur Maxley ist 24 Jahre alt und gibt vor zu studieren. Allerdings führt er lieber das Leben eines Müßiggängers, der sich von den regelmäßigen Schecks seines Vaters finanzieren lässt. Er jedoch genießt sein Leben nicht, sondern leidet am Hier und Jetzt … und vor allem an seiner Vergangenheit: Seit einem traumatischen Erlebnis, meidet Arthur den Kontakt zu seinem Vater, pflegt kaum Freundschaften und versucht zu vergessen. Oft greift er dafür zum Alkohol!

    In John Williams Debütroman begleiten wir 12 Stunden das Leben unseres Protagonisten. Dabei geschieht äußerlich nicht wirklich viel, die Geschehnisse in Arthurs Psyche sind allerdings verheerend: 12 Stunden voller Unruhe, Angst und Raserei, durchzogen von surrealen Träumen, Visionen und Erinnerungen! Arthur hat das Trauma aus seiner Kindheit nie verwunden. Starke Gedanken und Gefühlen beherrschen ihn. Auch körperlich nimmt sein Zustand bereits bedrohliche Formen an.
    Mit einem unglaublichen Einfühlungsvermögen und starker psychologischen Einsicht zeigt uns der damals noch sehr junge John Williams das Innenleben eines jungen Mannes, der offenbar schon als Kind überaus sensibel war und durch eine familiäre Tragödie schwer traumatisiert wurde. Arthur ist eine Persönlichkeit, die immer nur um sich selbst und sein Leid kreist, gleichzeitig sieht er sich aber auch von außen mit den Augen eines fremden Beobachters.

    Als ich Arthur am Ende des Buches verließ, blieb ich erschüttert und sehr verstört zurück. Im ersten Moment konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, ich hatte nur immer wieder das Gefühl, dem jungen Mann in seiner Situation helfen zu müssen. Der melancholische Ton und die Ereignisse machten mich nicht nur traurig, auch Wut und Ärger über alle Beteiligten haben sich in mir abgewechselt.

    Trotz der tiefen Empfindungen (oder gerade wegen Dieser), ließ sich für mich das spätere Talent John Williams auch in dieser Novelle deutlich erkennen. Die Erzählung strotzt vor Bildern und Metaphern, wenn auch der Text noch nicht so flüssig und klar zu lesen ist wie in seinen späteren Werken. Die Sätze und Formulierungen sind treffend gewählt und zeigen von erzählerischer Kraft.

    Ein beeindruckendes Debüt, das von der sensiblen Wahrnehmung seines Autoren zeugt!

  • „Unter der Haut“ | Gunnar Kaiser

    Autor: Gunnar Kaiser
    Verlag: Berlin Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  517
    ISBN: 978-3-8270-1375-0

    Die atemberaubende Geschichte eines bibliophilen Mörders!

    Mit einer so bedrohlichen wie verführerischen Atmosphäre beschwört dieser Roman vieles zugleich: die helle und die dunkle Welt der Bücher, den Sommer 1969 im pulsierenden New York sowie eine unheilvolle Freundschaft deren Hintergründe von Berlin der 30er Jahre bis in die Zeit des Mauerfalls führen.

    Meine Meinung

    Mit „Unter der Haut“ bekommen wir ein Erstlingswerk der Extraklasse und ein großartiges Plädoyer an die Literatur und die Bücher!

    New York im Sommer 1969: Der Literaturstudent Jonathan Rosen macht die Bekanntschaft des bibliophilen, aber doch in die Jahre gekommenen, Dandys Josef Eisenstein. Durch den geheimnisvollen älteren Mann lernt der unerfahrene Junge nicht nur die Welt der Kunst und des Geistes, sondern auch die Macht der Verführung kennen und erlebt in den gemeinsamen Monaten sein Coming of Age. Zu ersten sexuellen Erlebnissen kommt es in Eisensteins Atelier, wo Jonathan mit einer jungen Frau schläft, die von den beiden Männern in einem Diner angesprochen wurde. In den folgenden Wochen machen sie sich in der brütenden Hitze New Yorks auf die Suche nach neuen „Opfern“. Eisenstein, der selber niemals eine Frau berührt, lehrt seinem Schützling die Kunst der Verführung! Mit der Zeit wächst in Jonathan jedoch der Verdacht, dass über seinem Mentor ein dunkles Geheimnis schwebt. Diese Ahnung wird erst Jahrzehnte später zur Gewissheit, als er in Israel von der ehemaligen FBI-Agentin Sally Goldman aufgesucht wird, die schon seit langem hinter dem „Skinner“, einem legendären Serienmörder, her ist!

    Die Geschichte hat mich von der ersten Seite an gefesselt und bis zur Letzten nicht mehr losgelassen. Der Roman ließ sich schnell und durchgehend spannungsgeladen lesen, wobei gerade die unterschwellige Spannung toll in die Geschichte verflochten ist. Gunnar Kaiser hat einen ganz besonderen Schreibstil mit Wiedererkennungswert, der die ohnehin tolle Geschichte noch zusätzlich unterstützt. Perfekt konstruierte Charaktere, Rückblenden und Perspektivwechsel, alles in allem ein Roman, der durch sein hohes literarisches Niveau aus der Masse an Büchern deutlich herausragt.

    Auch am handwerklichen Prozess gibt es an diesem Roman wirklich nichts zu meckern. Der Plot ist in drei Handlungsstränge aufgeteilt: Zum einen bekommen wir einen Rückblick aus Jonathans Sicht 1969. Zwischendurch wechseln wir immer wieder in die Autobiografie des vermeintlichen Serienmörders und zum guten Schluss erfahren wir den Ausgang der Geschichte aus Jonathans heutiger Gegenwart in Israel. In allen Handlungssträngen wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, nur der Killer schreibt von sich in der dritten Person. Ein tolles Stilmittel, das uns den Charakter Josef Eisenstein in seiner andersartigen Düsternis deutlich näher bringt, aber auch die Atmosphäre des Buches stark beeinflusst.

    Der Inhalt mag an Patrick Süskinds „Das Parfum“ erinnern, jedoch liegt hier die Obsession des Mörders nicht so stark im Mittelpunkt. Sie blitzt zwar immer wieder im Hintergrund auf, aber die Lebensgeschichte und „Freundschaft“ der beiden Männer steht dem deutlich vor.

    Gunnar Kaiser weiß mit handwerklichen „Abweichungen“ zu überraschen. Bei einer Szene wechselt er einfach mal locker-flockig die Zeit, um diese hervorzuheben. Etwas später ändert er mitten im Absatz nicht nur die Zeit, sondern auch die Perspektive von der dritten Person zur Ich-Erzählung und genau diesen Wechsel finden wir auch mitten innerhalb eines Dialogs wieder! Grandiose zu lesen! Überraschend und hat mich im Lesefluss deutlich aufgeweckt!

    „Unter der Haut“ ist ein besonders intensives und mitreißendes Buch, das ihr euch auf jeden Fall ansehen solltet!