• „Das Spiel des Engels“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „El Juego del Ángel“
    Autor: Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 2
    Seitenzahl: 711
    ISBN: 978-3-10-095400-8

    Der junge David Martin fristet sein Leben indem er unter falschem Namen Schauerromane schreibt. Plötzlich erhält er einen mit dem Zeichen eines Engels versiegelten Brief, in dem im der Mysteriöse Verleger Andreas Corelli einlädt. Angelockt von dem Talent des jungen Autors hat er einen Auftrag für ihn, dem David nicht widerstehen kann.
    Aber David ahnt nicht, in welchen Strudel furchterregender Ereignisse er gerät …

    Meine Meinung

    Mit „Das Spiel des Engels“ geht es in der Geschichte rund um die Familie Sempere weiter. Wobei hier der Friedhof der vergessenen Bücher nur kurz angeschnitten wird, jedoch keine so gewichtige Rolle wie in „Der Schatten des Windes“ einnimmt.

    Da ich die gesamte Reihe bereits gelesen habe, kann ich euch verraten, dass ihr dieses Buch nicht mit dem Ersten vergleichen solltet. Natürlich besteht eine Verbindung in der Geschichte, aber der Inhalt ist viel mystischer und surrealer! Auch der Erzählstil ist schwammiger und „theatralischer“. Dies ist durchaus vom Autor so gewollt und ihr werden die Erklärung hierfür auf jeden Fall im nächsten Band „Der Gefangene des Himmels“ finden, das kann ich euch versprechen. Grade was das Ende betrifft!
    Nehmt das Buch einfach so wie es ist und wartet ab, was danach weiter passiert …

    Wir schreiben das Jahr 1930 in Barcelona, während der turbulenten Jahre des Bürgerkrieges!
    Der junge David Martín, der als ernsthafter Schriftsteller verkannt wird, fristet sein Dasein als Verfasser von gruseligen Groschenromanen. Sein bester Freund schnappt ihm die Liebe seines Lebens weg und er muss zu alledem noch erfahren, dass er unter einer tödlichen Krankheit leidet. Kann das Leben noch trostloser verlaufen?
    Doch ein mysteriöser Anhänger glaubt beständig an sein Talent:  Der Verleger Andreas Corelli, der ihm ein ungewöhnliches Projekt vorschlägt. David kann nicht widerstehen, hat er doch auch nichts zu verlieren. Er ahnt noch nicht, auf was er sich da eingelassen hat …

    Inhaltlich ist „Das Spiel des Engels“ gute 15 Jahre vor dem Auftakt der Reihe angesiedelt. Wir erfahren hier überwiegend über das Leben der Eltern von Daniel Sempere, aber vor allem von seiner früh verstorbenen Mutter Isabella, die als junges Mädchen eine Zeitlang mit David Martín zusammengelebt hat.

    Wie auch bei „Der Schatten des Windes“ besticht dieser Roman durch seine Charaktere, die einen ganz besonderen Charme mit sich bringen und seine ganz eigene harmonische und bildliche Sprache, die für mich einen unheimlichen Sog entwickelt. Am liebsten hätte ich mich gleich direkt nach Barcelona gewünscht!

    Carlos Ruiz Zafón transportiert einen wunderbar zarten Humor, der unglaublichen Spaß beim Lesen macht.

    Auch die Handlung ist toll aufgebaut und schon jetzt tauchen immer mehr Verknüpfungen und Erklärungen zum Vorgängerband auf!

    „Das Spiel des Engels“ ist sehr magisch mit viel gruseliger Atmosphäre und Spannung.

  • „Das Rosie-Effekt“ | Graeme Simsion

    Titel im Original: „The Rosie-Effect“
    Autor: Graeme Simsion
    Aus dem australischen Englisch übersetzt von Annette Hahn
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman  |  Humor
    Don Tillman, Band 2
    Seitenzahl:  557
    ISBN: 978-3-596-52118-0

    Don Tillman, sozial ungelenker Wissenschaftler auf der Suche nach der großen Liebe, hat es geschafft: sein „Ehefrau-Projekt“ ist abgeschlossen, er lebt mit der umwerfenden Rosie glücklich verheiratet in New York. Und dann gibt es Neuigkeiten:  Rosie ist schwanger!

    Selbstverständlich will Don der perfekteste werdende Vater sein, den es je gab …

    Meine Meinung

    Herzlich Willkommen in der Welt von Rosie und Don! Es geht weiter …

    „Der Rosie-Effekt“ spielt einige Monate nach seinem Vorgängerband. Der kühle und rational denkende Genetiker Don Tillman und seine ihm frisch angetraute Ehefrau Rosie, sind nach New York gezogen. Dort möchte sie ihre Doktorarbeit zu Ende schreiben und Don hat eine gute Anstellung an ihrer Universität bekommen. Natürlich arbeiten die Beide auch noch immer in einer Cocktailbar und mixen Drinks, eine Leidenschaft, die Rosie in Don geweckt hat und dem beide treu geblieben sind!
    Doch schon nach wenigen Monaten wird Rosie schwanger! Von der Neuigkeit unerwartet getroffen, schlittert Don mit seiner schwangeren und damit nur noch halb so geduldigen Frau in eine handfeste Ehekrise …

    Mit seiner bereits im ersten Buch hervorstechenden logischen Denkweise macht sich Don an die Lösung seiner Probleme. Da ihm empathische Fähigkeiten weitgehend fremd sind, kann er nur durch Beobachtung lernen oder sich das nötige Wissen anlernen. „Der Rosie-Effekt“ ist genau wie sein Vorgänger aus Dons Ich-Perspektive geschrieben, so kann der Leser sehr gut nachvollziehen, welche Gedanken ihn bei seinen Weg beschäftigen. Mit Hilfe von Auflistungen und Tabellen erfasst er alles strukturiert und ohne emotionale Störungen. Ihr könnt euch denken, dass er mit seinem ungewöhnlichen Verhalten oft aneckt und in so manch schwierige Situation kommt …
    Eigentlich sollte man meinen, dass Rosie ihn mittlerweile kennt und seine Reaktionen einschätzen kann, doch Dons allerwichtigstes Anliegen ist es, allen Stress von ihr fern zu halten um seinem Kind nicht zu schaden. So beginnt Don viele Dinge zu verheimlichen und Missverständnisse auf allen Ebenen sind vorprogrammiert!

    Auch in diesem Buch hat der Autor auffallend gut über den Charakter und die Gedankengänge eines Aspergerpatienten recherchiert und geschrieben. Schon im ersten Band konnte Graeme Simsion mich überzeugen und das zieht sich hier grandios weiter. Das Tolle darin ist, dass er den Humor und nicht das Defizitäre einer Asperger-Persönlichkeit hervorhebt. Menschen mit Asperger haben es in unserer Gesellschaft nicht immer leicht und erfahren viel Ablehnung aufgrund ihrer Art zu Denken, zu Fühlen und zu Handeln. Gleichzeitig werden sie aber auch oft wegen ihrer Inselbegabung bewundert.
    Graeme Simsions Humor wirkt weder beleidigend noch zieht er Situationen unangenehm ins Lächerliche.

    Auch Dons Männerrunde Gene, George und Dave sorgen für manch humorvolle Szene!

    Insgesamt gesehen ist „Der Rosie-Effekt“ ein würdiger Nachfolger für „Das Rosie-Projekt“!

  • „Die Vermessung der Welt“ | Daniel Kehlmann

    Autor: Daniel Kehlmann
    Verlag: Rowohlt Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  302
    ISBN: 978-3-498-03528-2

    Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machen sich zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt. Der eine, Alexander von Humboldt, kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, erprobt Gifte im Selbstversuch und zählt die Kopfläuse der Eingeborenen. Der Andere, Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, der sein Leben nicht ohne Frauen verbringen kann und doch sogar in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren – er beweist auch im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt.

    Alt, berühmt und auch ein wenig sonderbar geworden, treffen sich die beiden 1828 in Berlin. Doch kaum steigt Gauß aus seiner Kutsche, sind sie schon tief verstrickt in die politischen Wirren Deutschlands nach dem Sturz Napoleons.

    Meine Meinung

    Bei „Die Vermessung der Welt“ ist immer wieder ein Genuss!
    Daniel Kehlmann liefert uns hier eine fiktive Doppelbiografie, die vielleicht nicht immer historisch korrekt ist, aber mit viel Witz und Satire punktet.

    „Die Vermessung der Welt“ ist eine lesenswerte Charakterstudie zweier großer Wissenschaftler, die als Menschen unterschiedlicher nicht hätten sein können und dennoch eines gemeinsam hatten: Die feste Überzeugung, dass man der Wahrheit nur durch genaues Messen auf die Spur kommen kann.
    Der Mathematiker Johann Carl Friedlich Gauß und der Naturforscher Alexander von Humboldt stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Beide waren bereits zu Lebzeiten anerkannte Forscher auf ihren Gebieten und im Zuge dieser Geschichte begleiten wir die beiden Männer auf ihren Erlebnissen. So reisen wir mit Humboldt nach Spanien, Süd- und Mittelamerika, aber auch nach Paris und Russland. Dagegen hat der reisefaule Gauß das Königreich Hannover mit seinen Universitäten in Göttingen und Braunschweig zeitlebens kaum verlassen.
    Beide waren Universalbegabungen, die unter der Indifferenz ihrer Mitmenschen zu leiden hatten, und beide waren ihrer Zeit weit voraus.

    Daniel Kehlmann würdigt er seinen Protagonisten manchmal auf sehr respektlose Weise. Der Leser wird Zeuge, wie Gauß und Humboldt mit ihren charakterlichen Besonderheiten und dem lästigen Ballast des täglichen Lebens ringen. Die Genialität und Skurrilität der Beiden blitzt meist nur oberflächlich auf und trotzdem setzen sich die einzelnen Episoden zu einem geschlossenen Gesamtbild zusammen.

    Ich würde den Schreibstil als detailliert und flüssig beschreiben, man sollte aber doch ein Fan von starken und teilweise verschachtelten Sätzen sein. Er schreibt menschlich, aber nicht rührselig und manchmal sogar ehrfurchtsvoll über seine Protagonisten. Dazu kommt ein guter Schuss Witz und Satire.

    Was mir sehr gut an diesem Buch gefallen hat, ist die Balance zwischen Biographie und Roman, da zum einen das Leben beider Person chronologisch wiedergegeben wird, zum anderen jedoch in Form und Ausdruck stark an einen Abenteuerroman erinnert.

  • „Das Rosie-Projekt“ | Graeme Simsion

    Titel im Original: „The Rosie-Project“
    Autor: Graeme Simsion
    Aus dem australischen Englisch übersetzt von Annette Hahn
    Verlag: Fischer Verlag
    Don Tillman, Band 1
    Genre: Roman  |  Humor
    Seitenzahl:  432
    ISBN: 978-3-536-52083-1

    Don Tillman will heiraten. Allerdings findet er menschliche Beziehungen oft höchst verwirrend und irrational. Was tun? Don entwickelt das „Ehefrau-Projekt“: Mit einem 16-seitigen Fragebogen will er auf wissenschaftlich exakte Weise die ideale Frau finden. Also keine, die raucht, trinkt, unpünktlich oder Veganer ist.
    Und dann kommt Rosie! Unpünktlich, Barkeeperin, Raucherin, Offensichtlich ungeeignet. Aber Rosie verfolgt ihr eigenes Projekt:  Sie sucht ihren biologischen Vater. Dafür braucht sie Dons Kenntnisse als Genetiker. Ohne recht zu verstehen, wie ihm geschieht, lernt Don staunend die Welt jenseits beweisbarer Fakten kennen und stellt fest: Gefühle haben ihre eigene Logik!

    Meine Meinung

    „Das Rosie-Projekt“ steht nun schon seit langer Zeit in meinem Regal und wartet darauf gelesen zu werden. Graeme Simson liefert uns hier eine Geschichte, die den Leser zwar zum Schmunzeln, aber in weiterer Folge doch sehr zum Nachdenken bringt.

    Die Welt der Gefühle ist für Don Tillman, einem hochintelligenten Professor für Genetik, wie ein weißer Fleck auf einer Landkarte. Er liebt seinen durchstrukturieren und minutiös verplanten Alltag und hat so überhaupt kein Verständnis für notorische Zuspätkommer, Raucher oder Frauen mit gefärbten Haaren. Jede Form von Chaos ist ihm ein Graus! Dennoch hat er den Gedanken bzw. die gesellschaftliche Konvention einer Eher noch nicht ad acta gelegt. Er startet das Projekt „Ehefrau“!
    Als die Barkeeperin, Raucherin und bekennende Vegetarierin Rosie in sein Leben tritt begibt er sich in das größte Abenteuer seines Lebens, in dem ein Highlight das Nächste jagt … und seine strukturierte Welt sehr schnell zum bröckeln beginnt!

    Bereits seit Sheldon Cooper versuchen uns die Medien, Menschen mit einer schweren sozialen Disharmonie, die auf die Diagnose Autismus bzw. Asperger zurückzuführen ist, auf einfachen Weg näher zu bringen. Auch wenn wir gerne über sie schmunzeln, sollen sie ihre Zuschauer und Leser für die Bedürfnisse, die mit diesem Krankheitsbild einhergehen sensibilisieren!
    Auch Graeme Simsion zeigt uns aus Dons Sicht die Welt und hält unserer eigenen Reaktion den Spiegel vor. Und das auf eine Weise, die mit Dons staubtrockenen, emotionslosen Kommentaren jede Menge Emotionen, aber auch Verständnis hervorruft. Allein schon die Erklärung, warum man nach 15:48 Uhr keinen Kaffee mehr trinken sollte, hat mich schwer überzeugt!

    Don glaubt von sich selbst, er sei nicht fähig Gefühle zu haben. Auch bezeichnet er sich selbst als sozial nicht kompatibel, da er mangels Gesellschaft sich nicht mit dessen Verhaltensregeln auskennt und sie auch gar nicht versteht. Aber genau diese Ausrutscher und seine ungewöhnliche Art die Welt zu organisieren machen Don sehr sympathisch und haben mir wieder in einigen Situationen die Augen geöffnet. Auf der einen Seite schafft sein Verhalten Unverständnis, auf der anderen Seite Bewunderung und je weniger die Menschen seine Eigenarten beachten, umso normaler wird Don!

    Der Schreibstil des Autors gefällt mir sehr gut. Er ist direkt, treffend, flüssig und ausdrucksstark!

    „Das Rosie-Projekt“ ist ein kluges Buch über Beziehungen, wie sie zustande kommen und der Tatsache, dass es schön ist, ein bisschen anders und verrückter zu sein!

  • „Der Distelfink“ | Donna Tartt

    Titel im Original: „The Goldfinch“
    Autor: Donna Tartt
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von R. Schmidt und K. Lutze
    Verlag: Goldmann Verlag
    Genre: Roman
    Gewinner Pulizer-Preis 2014
    Seitenzahl:
     1.022
    ISBN: 978-3-442-31239-9

    Es passiert, als Theo Decker 13 Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreckliches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Umständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück, denn sein Vater hat ihn schon längst im Stich gelassen. Theo versinkt in tiefer Trauer, die ihn lange nicht mehr loslässt. Auch das Gemälde, das seit dem fatalen Ereignis verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise abzurutschen …

    Meine Meinung

    „Der Distelfink“ von Donna Tartt ist eine tolle Charakterstudie über das Leben eines 13-jährigen Jungen, dessen Entwicklung wir in den folgenden 15 Jahren begleiten. Hier wird die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle und sozialer Begierden ausgelotet.

    Theo Decker ist 13 Jahre alt, als er seine Mutter auf tragische Weise verliert. Die Beiden waren gerade im Metropolitan Museum of Arts als eine gewaltige Explosion hunderte Menschen in den Tod reißt. Theo gehört zu den wenigen Überlebenden! Auf der Suche nach einem Ausweg aus dem zerstörten Museum nimmt er geistesabwesend das Gemälde „Der Distelfink“ von Carel Fabritius an sich, von dem seine Mutter, die jetzt irgendwo unter Schutt und Asche liegt, zuletzt so geschwärmt hat. Dieses kleine aber sehr wertvolle Gemälde ist von da an Theos heiligster Besitz und seine einzige Erinnerung an ein schönes Leben. Theo gerät zunehmend auf die schiefe Bahn: Nach dem Umzug nach Las Vegas zu seinem alkohol- und spielsüchtigen Vater findet er Halt in einer fragwürdigen Freundschaft zu einem wilden russischen Jugendlichen, der Theo in die Abgründe von Drogen und Kriminalität zieht.

    Ursprünglich hatte Donna Tartt gar nicht beabsichtigt, ihren Roman in der Kunstwelt anzusiedeln, erst die Zerstörung der Buddhastatuen in Bamiyan im Jahre 2001 gaben ihr den Anstoß dazu. Wenn auch außergewöhnlich, finde ich das Umfeld dennoch perfekt gewählt um den Spannungsbogen aufzuzeigen, in dem Theo sich bewegt. Der Umgang mit den Kunstwerken und auch das Restaurieren und Handeln von alten Möbeln machen eine sehr spezielle und schöne Stimmung. Zudem hat die Autorin einen sehr ausschweifenden und blumigen Schreibstil, der vor Details nur so trotzt. Dadurch kommt es zwar an manchen Stellen zu Längen, die für den Leser aber sehr gut zu überstehen sind.

    In dieser Geschichte gibt es sehr viele sympathische Protagonisten, die mir lange Zeit im Kopf geblieben sind, aber ehrlich gesagt gehört unsere Hauptfigur Theo Decker nicht dazu. Vermutlich mag das zum Einen an dem sehr verharmlosten Umgang mit dem Thema Drogen liegen, den ich so gar nicht nachvollziehen konnte. Zum Anderen aber auch am dargestelltem Charakter des jungen Mannes. Würde dieser persönlich vor mir stehen, ich würde ihn eher als aufgesetzt bzw. unecht und fahrig empfinden. Für mich war das jedoch kein Grund, das Buch deswegen schlechter zu beurteilen.
    Wer mir sehr zu Herzen gegangen ist, ist die Figur des James Hobart, der den 18-jährigen Theo nach seiner Rückkehr von Las Vegas nach New York bei sich aufnimmt und zu seinem Lehrherren und Ziehvater wird. Ein Gentleman wie er im Buche steht mit vielen liebevollen Zügen und Eigenheiten. So stell ich mir einen Großvater vor! Ein wahnsinnig toller Mann!

    Auch mit diesem Buch konnte mich Donna Tartt wieder von ihrem Können überzeugen. „Der Distelfink“ ist ein würdiger Vertreter der modernen Literatur und wurde nicht umsonst 2014 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

  • „Der Schatten des Windes“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „La sombra del viento“
    Autor: Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 1
    Seitenzahl:  527
    ISBN: 978-3-458-17170-3

    Daniel Semperes Leben im grauen Barcelona der Nachkriegszeit erfährt eine drastische Wende, als er die Schicksalsbahn eines geheimnisvollen Buches kreuzt. Er gerät in ein Labyrinth abenteuerlich verknüpfter Lebensläufe, und es ist, als wiederholen sich vergangene Geschichten in seinem eigenen Leben. Die Menschen, denen er bei seiner Suche nach dem verschollenen Autor begegnet, die Frauen, in die er sich verliebt – sie alle scheinen Figuren in einem großen Spiel, dessen Fäden erst ganz am Schluss sichtbar werden.

    Meine Meinung

    Über „Der Schatten des Windes“, haben schon tausende von Lesern geschrieben und gesprochen. Die meisten begeistert, verzaubert und hoffnungslos gefangen im Barcelona der damaligen Zeit. Und auch für mich ist dieses Buch etwas ganz Besonderes!

    Wir verfolgen den junge Daniel Sempere, der aus einer alteingesessenen und gutangesehenen Buchhändlerfamilie stammt. Er wird von seinem Vater zu einer verborgenen Bibliothek, dem „Friedhof der vergessenen Bücher“ geführt, wo er sich ein Buch heraussuchen darf. Eines, das ihm bester Freund und treuer Begleiter sein soll. Daniel wählt den Roman „Der Schatten des Windes“ des unbekannten Autors Julián Carax. Total gebannt und fasziniert von der Geschichte, möchte er mehr über den Schriftsteller in Erfahrung bringen und gerät in einen Strudel aus Geheimnissen und Gewalt des Barcelonas der frühen 1920er Jahre.

    Wie man sich vielleicht denken kann, ist die Liebe zur Literatur ein wichtiges Grundthema dieses Buches, das mich als Leserin natürlich sofort angesprochen hat. Hat man die ersten Seiten hinter sich gelassen, kann man sich der grandiosen Geschichte nur noch schwer entziehen. Carlos Ruiz Zafón hat einen wunderbaren Sinn für Sprache und Ausdruck, den man aus tausenden anderen Büchern wiedererkennen würde. Der Schreibstil ist klar, lebendig und bildgewaltig. Wir bekommen hier viele unerwarteten Wendungen und unterschwellige Bedrohungen, die die Emotionen aufkochen lassen.

    Die Charaktere sind sehr gut gezeichnet und jeder hat seine Ecken und Kanten. So neigt der junge Daniel dazu, sich in aussichtslose Liebelein zu stürzen, sein Vater hängt immer wieder seiner Vergangenheit und seinen Ängsten nach, aber mein absoluter Lieblingscharakter ist Fermín Romero de Torres. Ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter, der auf der Straße lebt und überraschend gebildet und eloquent ist. Sein Potential wird von Daniel entdeckt, wodurch er von dessen Vater in der Buchhandlung beschäftigt wird, um seltene Bücher aufzuspüren. Er wird Daniels bester Freund und hilft ihm bei seinen Nachforschungen zu Julián Carax. Ich habe selten einen so nervig-verworrenen, aber doch sympathischen und liebenswürdigen Charakter gelesen!

    Wer in die Welt der Schriftstellerei abtauchen und sich von einer spannenden Geschichte durch das Barcelona um 1920 entführen lassen will, ist hier goldrichtig.

  • „Das letzte Geständnis des Raphael Ignatius Phoenix“ | Paul Sussmann

    Titel im Original: „The Final Testimony of Raphael Ignatius Phoenix“
    Autor: Paul Sussmann
    Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger
    Verlag: Drömer Knaur
    Genre: Roman  |  Humor
    Seitenzahl:  430
    ISBN: 978-3-426-30439-6

    Raphael Ignatius Phoenix hat Stil. Manchmal lebt er seinen leichten Hang zur Exzentrik aus, aber letztlich geht ihm nichts über Eleganz und geordnete Verhältnisse. Daher ist es selbstverständlich, dass er zu seinem bevorstehenden 100. Geburtstag ein Geständnis ablegt. Denn sein Ehrentag wird der Tag seines Todes sein. Und da es sich nicht schickt, einfach so aus der Welt zu scheiden, schreibt er zuvor den längsten Abschiedsbrief aller Zeiten – und beichtet ganz nebenbei zehn Morde, die ihm unter anderem mit Hilfe eines Halloween-Kürbisses, der Reißleine eines Heißluftballons und eines Erdbeer-Sahnehörnchens unterlaufen sind.

    Meine Meinung

    Als der britische Journalist und Autor Paul Sussmann im Jahre 2012 plötzlich verstarb, fand man in seinem Nachlass ein unveröffentlichtes Manuskript, das zu seinen Lebzeiten keinen Verleger gefunden hat. Da seine bisherigen Veröffentlichungen hauptsächlich Bereiche der Archäologie zum Thema hatten, war „Das letzte Geständnis des Raphael Ignatius Phönix“ mit seinem schwarzen Humor eine Kuriosität aus der Hand des Autors.

    Stell dir vor, du besuchst eine alte Burg in England. Du läufst durch die rustikalen Räume, hörst die hallenden Schritte und entdeckst eine alte verglaste Aussichtskuppel aus der man die Sterne beobachten kann. Aber am faszinierendsten ist die spezielle Wandgestaltung im inneren der Burg: Hier findest du das letzte Geständnis des 99-jährigen Raphael Ignatius Phönix! Nach 100 Jahren auf Erden und 10 begangenen Morden möchte nun auch er seinen Frieden finden und aus der Welt scheiden. Eineinhalb Gran Strychnin, eineinhalb Gran Arsen, ein halbes Gran Zyankali und ein halbes Gran zerstoßene Brechwurzel, geformt in einer Tablette, soll ihm dabei behilflich sein.

    Er schreibt seine Memoiren mit Filzstift auf die Wände seiner Burg und verrät dem Leser, wen er wann umgebracht hat. Natürlich nicht ohne den gewissen Spott und mit der Selbstverliebtheit eines Mörders, der ungewöhnliche Methoden angewendet hat, um Personen ins Jenseits zu befördern. Er rühmt sich mit seinen Taten, berichtet rational und emotionslos, wie er sich gewisser Leute entledigt hat und lässt dabei keine Illusionen aufkommen, warum er die Taten begangen hat.

    Wir erfahren die Geschichte nicht chronologisch. Nein, das wäre viel zu einfach für Raphael Ignatius Phönix! Er beginnt beim letzten seiner Morde, die er übrigens so gut wie alle nicht vorsätzlich begangen hat. Fast klingt es an einigen Stellen so, als sei Phönix ein unbescholtener Bürger, dem einzig und allein das böse Schicksal seine weiße Weste befleckt hat.

    Der Roman ist spannend und einfühlsam geschrieben, verzichtet auf billige Effekte und widmet sich lieber dem Innenleben seines skurrilen Protagonisten. Der Schreibstil lässt die Seiten nur so fliegen, wobei es auch einige Längen gibt, diese haben sich für mich aber doch recht einfach umschiffen lassen. Paul Sussmann schreibt sich die Geschichte mit großer Leidenschaft aus der Seele. Er skizziert, charakterisiert und zerlegt das Böse in Raphael und versucht am Rande doch immer auch Verständnis für seinen Protagonisten zu finden.

    Die Geschichte ist amüsant, bitterböse, sarkastisch und zynisch.
    Auf jeden Fall ist sie Anders!

  • „Die Geisha“ | Arthur Golden

    Titel im Original:  „Memoirs of a Geisha“
    Autor:  Arthur Golden
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gisela Stege
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman  |  Roman
    Seitenzahl:  573
    ISBN:  978-3-442-73522-8

    Zu Beginn der 30er Jahre: Die 9jährige Chiyo lebt mit ihrer bettelarmen Familie in einem kleinen Fischerdörfchen. Als ihre Mutter im Sterben liegt, verkauft der Vater sie und ihre Schwester in das Vergnügungsviertel Gion der alten Kaiserstadt Kyoto.
    Bei ihrer Ankunft in Kyoto werden die beiden Mädchen getrennt. Chiyo kommt in eine Okiya, ein Geisha-Haus, die Spur ihrer Schwester verliert sich. Star der Okiya ist Hatsumomo, eine faszinierend schöne, aber unglaublich launische Geisha, die bei den Herren in Gion sehr beliebt ist und daher für die Okiya viel Geld einbringt.

    Anderthalb Jahre wird Chiyo von Hatsumomo gedemütigt. Doch als sie erkennt, dass ihr altes Leben unwiderruflich vorbei ist, fügt sie sich in ihre Schicksal. Von da an ist ihr Aufstieg zur begeisterten Geisha ganz Kyotos nicht mehr aufzuhalten. Doch dann lernt sie einen Mann kennen, in den sie sich unsterbliche verliebt.

    Meine Meinung

    Arthur Golden hat sich mit „Die Geisha“ von der ersten Zeile an in mein Herz geschrieben.
    Dieser Roman ist eines der meistgelesenen Bücher in meinem Regal und wird vermutlich auch in Zukunft noch öfters  zur Hand genommen werden.

    Wir begleiten die Japanerin Chiyo durch ihr bewegendes Leben. Zu Beginn noch als 9jähriges Mädchen, mit einfachen Wünschen und Hoffnungen, aber einem starken Blick auf die Welt. Wir bekommen einen ersten Einblick auf die japanische Kultur, über das Japan der und 30er Jahre und natürlich auch über den Kriegseinbruch in Japan. Chiyo wächst vom unbescholtenen Kind zum gedemütigten Dienstmädchen heran, das mit ihren Wiederständen regelmäßig gegen Wände läuft. Dank einer schicksalshaften Begegnung weiß sie sehr bald, was sie von ihrem Leben möchte: Eine Geisha sein!
    Von diesem Zeitpunkt an, verfolgen wir ihre Ausbildung. Sie nimmt den Namen „Sayuri“ an und wird im Laufe der Jahre in ganz Kyoto und über dessen Grenzen hinaus bekannt. Diese Zeit ist gespickt von Disziplin und Leidenschaft, aber auch Intrigen und Hass schlagen „Sayuri“ entgegen.

    Arthur Golden hat einen sehr bildlichen und ausschweifenden Schreibstil, mit auffallend guten Dialogen. Die Geschichte wird eher ruhig erzählt und vermittelt einen unglaublich realistischen Einblick in eine Kultur, die sich doch rigoros zur Westlichen unterscheidet. Auch die Belagerung Japans durch die Amerikaner wurde sehr ergreifend thematisiert, sowie der Wiederaufbau nach Kriegsende.
    Arthur Golden verliert nicht eine Sekunde den Bezug zu seinen Protagonisten. Sie liefern niemals ein völlig schillerndes oder gänzlich dunkles Bild, sondern die gesamte Vielfalt der menschlichen Natur.

    Die vielen eingestreuten Informationen wirken außergewöhnlich real, man sollte aber immer im Auge behalten, das es sich bei „Die Geisha“ um einen Roman und keine Biographie handelt.
    Viele Begebenheiten entstammen sicher der Realität, aber „Sayuri“ ist eine erfundene Person.

  • „Die Königin der Orchard Street“ | Susan Jane Gilmann

    Titel im Original:  „The Ice Cream Queen of Orchard Street“
    Autor: Susan Jane Gilman
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eike Schönfeld
    Verlag: Insel Verlag
    Genre: Zeitgeschichtlicher Roman
    Seitenzahl: 550
    ISBN: 978-3-458-17625-1

    New York, 1913. In den dicht gedrängten Straßen von Lower East Side, wo Armut herrscht und der Hunger erfinderisch macht, gelingt es der kleinen Malka, dem Schicksal dank ihrer Raffinesse und einer gehörigen Portion Chuzpe immer wieder ein Schnippchen zu schlagen. Bis sie es schließlich ganz nach oben schafft – zur „Eiskönigin von Amerika“!

    Meine Meinung

    In „Die Königin der Orchard Street“ begleiten wir die 5-jährige Malka Bialystoker durch ihr Leben.
    Susan Jane Gilman hat einen großartigen biographischen Roman geschrieben, der nicht nur die Flüchtlingspräsenz der 1910er Jahre offen darlegt, sondern auch die Not und den Einfallsreichtum der Menschen in der damaligen Zeit.

    Als Tochter einer russischen Flüchtlingsfamilie mit jüdischen Wurzeln begleiten wir Malka während der Überfahrt nach Amerika. Eigentlich wollte die Familie über Hamburg nach Südafrika einschiffen, wo Verwandte sie erwartet und unterstützt hätten, doch wie es so oft im Leben passiert, kommt alles anders. Sie stranden im Land der Träume, wo man vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann. Oder auch nicht!
    In den Straßen von New York lernt Malka schnell sich durchzuschlagen, bis ein tragischer Unfall ihr ganzes Leben zu zerreißen droht. Sie wird von italienischen Einwanderern aufgenommen und großgezogen. Von nun an ist sie als Behinderte gebrandmarkt und auf die unwirsch erteilte Mildtätigkeit von fremden Leuten angewiesen. Ständig ausgegrenzt und ausgenutzt, aber auch emotional im festen Griff gehalten. Rein aus pragmatischen Gründen konvertiert sie zum katholischen Glauben und nimmt den Namen Lillian Maria Dinello an.

    Als Lillian mit viel Hinterlist, Einfallsreichtum und hervorragenden Ideen ein Geschäftsimperium aufbaut, hat sie sich alle ihre Träume erfüllt. Jetzt bekommt sie die lang ersehnte Anerkennung! Aber ist das genug um glücklich zu sein?

    Selten habe ich in einem Buch eine so vielschichtige und echte Figur, wie unsere Protagonistin bekommen. Mit allen Ecken und Kanten. Sie wurde bewundert, bemitleidet, geliebt, aber auch genauso gehasst.

    Susan Jane Gilman hat einen sehr geraden und leichten Schreibstil, der den Leser gut in die Geschichte rutschen lässt. Jedoch die ausdrucksstarken Worte, mit denen die Geschichte erzählt wird, finde ich großartig. Die Autorin nimmt definitiv kein Blatt vor den Mund. Eine Spannende Szene folgt der Nächsten und als Leser kann man oft nicht glauben, was Lillian und ihr Mann Bert im Laufe ihres bewegenden Lebens alles erlebt haben.
    Die Autorin bietet viele historische Details, auch wenn Lillian eine fiktive Person ist. Sie integriert die Geschichte der Eisherstellung in den biographischen Werdegang unserer Protagonisten und spannt einen tollen Bogen von den 1913er Jahren bis in die 1980er.

    Lillian ist eine Meisterin der jüdischen Sprache. So finden wir hier viele „mesuggeneh“ Menschen und auch die kleine Malka macht ja immer nur „Tsuris“. Dieses Stilmittel zieht sich durchs ganze Buch und lockert die Texte wunderbar auf. Eine super Idee!

    Eine Bewegende Geschichte! Ein bewegendes Leben! Ein tolles Buch!