• „Der Sixtinische Himmel“ | Leon Morell

    Autor: Leon Morell
    Verlag:  Fischer Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:   561
    ISBN:  978-3-502-10224-3

    Italien, Anfang des 16. Jahrhundert. Der junge Aurelio kommt nach Rom, um dort beim größten Bildhauer seiner Zeit in die Lehre zu gehen: Michelangelo Buonarotti. Gerade hat der Papst diesen gegen seinen Willen mit einem Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle beauftragt. Missmutig macht sich der Künstler ans Werk.

    Nachts jedoch erschafft er aus weißem Mamor das Bildnis der Frau, die keiner jemals sehen darf: Die Kurtisane des Papstes. Aurelio verliebt sich unsterblich in die geheimnisvolle Schöne. Doch seine Liebe wird nicht nur ihm zum Verhängnis.

    Meine Meinung

    Ich muss euch jetzt ehrlich gestehen: Ich war weder auf Urlaub in Rom, noch habe ich mich vor diesem Buch sehr viel mit Michelangelo und seinen Werken befasst. Die Grundzüge, also das er das Fresko der Sixtinischen Kapelle gemalt hat, aber seine Passion eigentlich die Bildhauerei war, waren mir schon bewusst. Mehr allerdings nicht! Nach diesem Buch jedoch, bin ich Feuer und Flamme, mehr von diesem interessanten Mann zu erfahren …

    Leon Morell ist ein deutscher Autor, der selbst eigentlich aus der Musikbranche kommt und im Nachwort erzählt, das er durch viele Biographien und Bildbände auf Michelangelos Leben aufmerksam geworden ist und dadurch letztendlich die Idee zu diesem Buch entstand.
    Er hat einen sehr ruhigen und sachlichen Schreibweise, sehr klar und mit eher wenigen blumigen Ausschmückungen, aber dieser reißt dich als Leser voll mit. Ich bin durch die Seiten nur so geflogen! Der Autor lässt sehr viele geschichtliche Informationen aufleben, nicht nur über Michelangelo selbst, auch über die damalige Zeit in Rom, die von Pest und Hunger geprägt war. Über Papst Julius II. in seiner Rolle als Kirchenoberhaupt und Kriegsführer, aber auch über seine Auseinandersetzungen mit sich selbst. Diese Fakten verwebt er in einen spannenden Roman.

    In „Der Sixtinische Himmel“ führt uns Aurelio, ein resoluter Bauernbursche, als Haupterzähler durch die Geschichte. Das Buch beginnt in den ersten Seiten schon mit einem Paukenschlag: Söldner fallen über Aurelios Zuhause her und zwingen ihn, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er  wandert nach Rom um sich dem größten Künstler der damaligen Zeit als Lehrling anzubieten. Er ist es auch, der uns an der Entstehung des prächtigen Feskos in der Sixtinischen Kapelle teilhaben lässt. Die Beschreibung der Arbeitsabläufe und auch das Leben, das Michelangelo seinen Figuren einhaucht, sieht man beim Lesen sehr bildlich vor sich.
    Michelangelo ist ein zweifelnder und zerrissener Mann, der durch solche Intensität zum Leben erweckt wird, dass man sich ganz deutlich den Menschen vorstellen kann, der stets von seinem eigenen Perfektionismus und Ergeiz getrieben war. Ein hervorragender Visionär und Künstler, jedoch einsam, von Zweifel getrieben und zerbrechlich.

    Auch die Nebengeschichten verleihen dem Roman die notwendige Spannung und sind sehr gelungen.
    Wir begleiten die junge Margarite, die vor ihrem eifersüchtigen Ehemann fliegt und sich nun als Kurtisane in Rom ihren Namen machen und bis in die hohen und reichen Häuser Roms aufsteigen will. Aber zu welchem Preis?

    „Der Sixtinische Himmel“ ist ein spannender historischer Roman, der seinen Leser in eine vergangene Zeit entführt und die Gedanken ankurbelt!

  • „Runa“ | Vera Buck

    Autor:  Vera Buck
    Verlag:  Limes Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  608
    ISBN:  978-3-8090-2652-5

    „Man kam nicht her, um zu genesen, sondern um zu sterben“
    Paris 1884. In der neurologischen Abteilung der Salpetrière-Klinik führt Dr. Charcot Experimente mit hysterischen Patientinnen durch. Seine Hypnosevorführungen locken Besucher aus ganz Europa an. Wie ein Magier lässt der Nervenarzt die Frauen vor seinem Publikum tanzen …

    Jori Hell, ein Schweizer Medizinstudent, wittert seine Chance, an den ersehnten Doktortitel zu gelangen und schlägt das bis dahin Undenkbare vor. Als erster Mediziner will er den Wahnsinn aus dem Gehirn einer Patientin fortschneiden. Was er nicht ahnt: Runa hat mysteriöse Botschaften in der ganzen Stadt hinterlassen, auf die auch andere längst aufmerksam geworden sind. Und sie kennt Joris dunkelstes Geheimnis

    Meine Meinung

    „Runa“ ist eine dieser Geschichten, die mich in meinen Grundmauern erschüttern haben.
    Ich liebe es ja, Bücher zu lesen, die auf wahre Begebenheiten beruhen. Natürlich wurde auch in diesem Buch  wieder eine fiktive Komponente hinzugefügt, aber ich finde das tut der Geschichte an sich keinen Abbruch. Ich hab das Buch beim Stöbern entdeckt und gleich beim durchblättern, sind mir sofort bekannte Namen wie Dr. Jean-Martin Charcot, Gilles de la Tourette und Joseph Babinski aufgefallen. Alles Ärzte die zum Ende des 19. Jahrhunderts in der Klinik Salpetrière unterrichtet und/oder geforscht haben.
    Wir werden hier in eine Zeit entführt, die noch gar nicht so lange vorbei, aber dennoch so weltfremd ist, dass ich es wirklich nur schwer akzeptieren konnte!

    Das Buch an sich war wirklich toll zu lesen. Vera Buck hat einen super Job gemacht. Allein schon, was diese Frau an Recherchearbeit hier hineingesteckt haben muss: meinen allergrößten Respekt! Der Schreibstil ist bildlich und flüssig, aber auch spannend und man fliegt nur so durch die Seiten.

    Warum hat mich dieses Buch jetzt so aus der Bahn geworfen:
    Dr. Jean-Martin Charcot ist bis dato einer der berühmtesten Leiter der französischen Nervenheilanstalt Salpetrière. Er leitete die Klinik bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, die sich bis heute noch mit seinen innovativen Behandlungsmethoden an hysterischen Frauen rühmt. Jeden Dienstag konnte die pariser „High Society“ an einer öffentlichen Vorstellung teilnehmen und die „Künste“ des werten Herrn Docteur bewundern, bei der man am lebenden Versuchsobjekt beobachten konnte, wie hysterische Anfälle auslöst wurden, wie diese ablaufen und wie man sie letztendlich zu der damaligen Zeit „behandeln“ konnte. Unter hysterischen Frauen golten damals junge Frauen (um die 13-14 Jahren) die ihren, in der Regel bedeutend älteren Männer den Geschlechtsakt verweigerten, Frauen, die ihre Männer betrogen haben, Frauen die Onanierten, aber auch Frauen, die ihren Männern schlicht und einfach zu alt, zu lästig oder zu teuer wurden. Diese Frauen wurden einfach an die Klinik verkauft und man(n) war man sein Problem los!
    Vera Buck bietet ihren Leser in „Runa“ einen Einblick in genau diese Abgründe. Man verfolgt sehr anschaulich und ohne große Verschönerungen, welche mittelalterlichen Heilmethoden an diesen Frauen erprobt wurden. Mal davon abgesehen, dass diese Methoden barbarisch und grausam waren, wurden sie so plastisch und detailliert von der Autorin beschrieben, das ich beim Lesen oft pausieren und verarbeiten musste.
    Mal ehrlich? Wir befinden uns hier im Jahre 1884! Knapp 30 Jahre später, kam mein Großvater auf die Welt. Wir sind noch gar nicht so lang von dieser Zeit entfernt! Und allein diese Gewissheit hat noch sehr lange Zeit in mir rumort und gearbeitet.

    In einem zweiten Handlungsstrang verfolgen wir auch noch den ehemaligen Polizeiinspektior Lecoq der in mehreren Mordfällen ermittelt, die mit merkwürdigen Schriftzeichen zusammenhängen. Monsieur Lecoq quittiert seinen Dienst, nach dem er feststellen musste, dass er nach der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis zur Physiognomie ein Verbrechergesicht hat. Leider tut er sich sehr schwer mit seiner Karriere als Verbrecher …

    Die Geschichte Rund um das Mädchen Runa brennt sich einen wirklich in deinen Kopf ein!
    Lesenswert von der ersten bis zur letzten Seite!!