• „Der kleine Trommler“ | Dai Sijie

    Titel im Original:  „Trois vies chinoises“
    Autor: Dai Sijie
    Aus dem Französischen übersetzt von Eike Findeisen
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Kurzgeschichten
    Seitenzahl:  151
    ISBN: 978-3-492-30400-9

    Der Kantinendirektor kauft den dreizehnjährigen Neffen der Stummen für seinen monströsen Plan. Die kleine Eistänzerin ist überzeugt davon, dass ihr Vater, der Wächter des Stausees, ihre Mutter ermordet hat. Die alte Schmiedin schürt noch einmal das Feuer, um eine Kette herzustellen, mit der sie ihren Sohn an einen Baum fesseln kann.

    Auf der Insel der Edlen gibt es eigentlich nur Müll und die Ärmsten der Armen, die versuchen, durch »Wertstoffgewinnung« ihr Leben zu bestreiten. Vor dieser sehr realen Kulisse, die dennoch jedem Science-Fiction-Film zur Ehre gereichen würde, spielen drei gespenstisch gute Geschichten, in denen Dai Sijie dem modernen China ein unvergessliches Gesicht gibt.

    Meine Meinung

    Als ich vor einigen Tagen von einer meiner Reitschülerinnen auf Dai Sijie angesprochen wurde, war mir der Autor noch völlig unbekannt. Klar, der Name war mir im hintersten Teil meiner Gehirnwindungen schon ein Begriff, aber ich war mir doch sehr sicher, dass ich noch nie etwas von ihm gelesen habe. Als sie mir dann ein kleines Büchlein mit 3 Kurzgeschichten mitgebracht hat, wurden diese natürlich sofort auf meiner gemütlichen Couch verschlungen.

    Als erste Amtshandlung muss ich aber lobende Worte für die Covergestaltung aussprechen.
    Ist das nicht ein tolles Bild? … Also mich würde das Buch im Laden sofort ansprechen!

    „Der kleine Trommler“ besteht aus 3 Geschichten. Sie alle spielen auf der Insel der Edlen und handeln vom Leben der Inselbewohner, die dort vom Zerlegen des Elektroschrotts leben oder in einem der Inselgefängnisse arbeiten.

    „Ho Chi Minh“
    Der kranke Neffe einer stummen alten Frau wird von einem Gefängnisdirektor gekauft und sein Leben ändert sich schlagartig. Er bekommt einen Aufpasser, der ihn zum Mimen ausbilden soll:  Fortan soll er die Rolle eines zum Tode verurteilten  Insassen spielen. Aber warum proben die Beiden auch die Urteilsverkündung?

    „Der Bogart vom Wasserreservoir“
    Hier erfahren wir die Geschichte eines liebenden Vaters, der sich – nach dem plötzlichen verschwinden seiner Frau – aufopfernd um seine Tochter kümmert. Bis diese im See vor ihrem Haus die Turnschuhe der Mutter findet.

    „Der Gepanzerte, der Berge durchquert“
    Nachdem der älteste Sohn wegen einer schweren Vergiftung durch Elektrosubstanzen den Verstand verloren hat, verlässt der jüngere Bruder sein Elternhaus um an der Universität Kunst zu studieren. Als er nach 18 Monaten zurückkehrt, ist alles Anders!

    Mich haben die drei Erzählungen über Würde, fatalen Irrtum und Familienbanden tief berührt, endet doch keine der Geschichten im Guten. Sie analysieren messerscharf alle menschlichen Schwächen und zeigen schonungslos das Leben in Armut. Dennoch sind die Geschichten so skurril und bunt, dass es eine absolute Freude war, sie zu lesen.

    „Der kleine Trommler“ hat zwar nur eine Länge von 151 Seiten, ich würde dieses Buch aber wirklich niemanden für Zwischendurch empfehlen. Jeder der Erzählungen nimmt dir als Leser durch seine Tragik ein wenig den Atem!

  • „Aquarium“ | David Vann

    Titel im Original:  „Aquarium“
    Autor:  David Vann
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Miriam Mandelkow
    Mit Illustrationen von Chris Russel
    Verlag:  Suhrkamp Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  283
    ISBN:  978-3-518-42536-7

    Die zwölfjährige Caitlin geht jeden Tag nach der Schule ins öffentliche Großaquarium und wartet dort, bis ihre Mutter sie abends nach der Arbeit abholt. Sie ist fasziniert von den stummen, bunten Wesen hinter dem Glas und geht ganz in der rätselhaften Unterwasserwelt auf. Eines Tages trifft sie im Aquarium einen älteren Mann, der die Fische ebenso zu lieben scheint wie sie selbst. Sie freundet sich mit ihm an – und öffnet damit nichtsahnend die Tür zur Vergangenheit ihrer Mutter …

    Meine Meinung

    „Aquarium“ war mein erster Roman von David Vann und ich habe mir definitiv etwas vollkommen Anderes darunter vorgestellt! Der Leser wird Zeuge davon, wie die heile Welt der Sheri Thompson zu zerbröckeln beginnt und ihre unverarbeitete Vergangenheit hervorbricht. Mit allen Tiefen, die sie schon lange begraben geglaubt hat.

    David Vann hat einen sehr ehrlichen und direkten Schreibstil, der eher anspruchsvoll zu lesen ist. Dialoge werden bei ihm nicht mit „Hasenfüßchen“ hervorgehoben, sondern direkt in den Text mit eingebaut und auch die Vergleiche aus der Ozeanographie sind nicht immer offen verständlich. Man sollte also mit einem wachen Kopf an die Geschichte herangehen, um die Zusammenhänge nicht zu verlieren.

    Wie weit darf man als Mutter gehen um seine Kinder zu beschützen?
    Sheri ist eine beinharte Frau, die sich nicht nur in einem männerdominierten Job durchsetzen muss, auch ihre Vergangenheit hat sie hart und undurchlässig gemacht. Um ihre Tochter vor vermeintlichem Unheil zu schützen, greift sie zu drastischen Maßnahmen, die einen sehr oft an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifeln und den Leser nicht nur Einmal tief durchatmen lassen. Unerbittlich geht die Mutter gegen Caitlin vor und will sie von ihrem Weg abbringen. Nur sie als Mutter ist im Recht und niemand sonst!
    Der Autor zeigt uns, wie selbstzerstörerisch und fragil ein Mensch bzw. dessen Leben sein kann und das es nicht viel braucht, um aufgebaute Mauern einreißen zu lassen.

    Ich muss ehrlich gestehen: So ein Werk hätte ich einem Mann niemals zugetraut!
    David Vann beschreibt das Seelenheil einer weiblichen Person in so detailliertem Ausmaß, dass es ein Psychologe vermutlich nicht besser hätte machen können.
    „Aquarium“ besticht durch seine abgründige Erzählung und durch starke Metaphern, weswegen der Roman lange beim Leser nachhallt. Nicht nur die dichte bedrückende Atmosphäre reißt den Leser mit, sondern auch die Sprachgewalt. Die Gespräche und die Harmonie zwischen Caitlin und dem alten Mann im Aquarium sind toll zu verfolgen und auch die Beobachtungsgabe der beiden, wie sie die einzelnen Fische mit Menschen oder Schwäre mit Familien vergleichen ist einzigartig!

    Ein tolles, wenn auch bedrückendes Buch!!

  • „A Single Man“ | Christopher Isherwood

    Titel im Original:  „A Single Man“
    Autor:  Christoper Isherwood
    Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Melle
    Mit einem Vorwort von Tom Ford
    Verlag:  Hoffmann und Campe
    Genre:  Kurzroman
    Seitenzahl:  159
    ISBN:  978-3-455-40501-9

    Ein einziger Tag wie ein ganzes Leben!

    Jim ist tot, und ohne Jim ist alles nichts. George, 58, Literaturprofessor in einer kalifornischen Kleinstadt kann den Verlust seines Partners nicht verwinden. Sein Leben ist bloß noch Routine, und vor ihm liegt ein Tag wie jeder andere. Doch eine nächtliche Begegnung mit einem Studenten bringt seine Welt durcheinander …

    Meine Meinung

    George ist ein eleganter Mann mittleren Alters, gebildet, mit scharfer Zunge und sehr gutem Geschmack. Man könnte sagen, er repräsentiert nach außen hin den guten spießbürgerlichen Briten!
    Er ist ein 58-jähriger Literaturprofessor, der bis vor kurzem noch in einer glücklichen homosexuellen Beziehung gelebt hat, der nun aber ein auffällig konservatives und strukturiertes Leben führt, doch was in seinem Inneren vorgeht, bleibt für seine Umgebung verborgen!
    Wir tauchen in Georges Kopf ein und erleben mit ihm gemeinsam einen einzigen Tag. Wir stehen morgens mit ihm auf, sehen wie sein Blick durch sein kleines Häuschen streift und ihn fast jeder Gegenstand an seine große Liebe Jim erinnert. Sein Tod interlässt in George nur eine dumpfe Taubhaut, die jedoch jedes andere Gefühl für ihn nichtig macht.

    „A Single Man“ ist eine Geschichte voll Einsamkeit und Sehnsucht.
    Christopher Isherwood schafft es, diesen Roman schlicht und manchmal fast sachlich zu erzählen. Er vermeidet dabei jede Form von triefender Rührung. Dem Autor gelingt es in ganz besonderer Art und Weise das äußere Geschehen durch Georges Gedankengänge zu kommentieren und ihnen eine neue Ebene zu geben. Wir zerpflücken dabei kommunikative Prozesse und zeigen die täglichen Machtspiele auf, die sich in jedem Gespräch und in jeder Geste für ihn stellen.
    Auch die Müdigkeit, die George empfindet wird sichtbar. Es war der lebhafte Jim, der ihn aus seinem täglichen Trott und aus seiner Gedankenwelt herausholen konnte.

    Die Neuübersetzung dieser zeitlosen und eleganten Geschichte war dringend notwendig, denn dieses Buch sollte auf keinen Fall in Vergessenheit geraten!

    Der Roman wurde 1964 erstmals von Christopher Isherwood veröffentlicht und ist für mich ganz zu Recht zu einem Klassiker geworden. Zu diesem Status hat ihm sicher auch der gelungene gleichnamige Film von Tom Ford aus dem Jahre 2009 verholfen, mit Colin Firth in der Hauptrolle!