• „Hendrikje, vorübergehend erschossen“ | Ulrike Purschke

    Autor: Ulrike Puschke
    Verlag: dtv Verlag
    Genre: Roman | Humor
    Seitenzahl:  217
    ISBN: 978-3-423-21031-7

    Hendrikje Schmidt ist eine Pechvogelin. Sie sitzt im Gefängnis und erzählt der spröden Psychologin Frau Dr. Palmenberg ihre Geschichte. Denn eigentlich hatte Hendrikje ihr Leben mal ganz gut im Griff. Tagsüber arbeitet sie als Bedienung in einem Café, nachts malt sie Bilder. Die Aussichten auf eine Ausstellung stehen gut, da kommt es – natürlich an Weihnachten – ganz knüppeldick. Von einem Tag auf den Anderen ist Hendrikje bis über beide Ohren verschuldet, allein und totunglücklich. Und weil ihr Selbstmordversuch kläglich misslingt, wollen ihre Freunde beim zweiten Mal helfen!

    Meine Meinung

    Hendrikje! Hendrikje! Da sitzt sie nun bei der schönen Psychologin Frau Dr. Palmenberg und erklärt ihr (und uns), warum sie 1,5 Menschen umgebracht hat. Also eigentlich! … denn es gibt ja für alles ein Wenn und Aber. Und von denen gibt es in Hendrikjes Erzählungen eine Menge …
    Mehr möchte ich zum Inhalt dieses tollen Buches gar nicht erzählen. Der Klappentext verrät schon unheimlich viel und ein bisschen Überraschung möchte ich euch dann doch noch lassen!

    Ulrike Purschke hat einen wunderbar locker leichten Schreibstil, mit klaren und eher kurzen, aber aussagekräftigen Sätzen, die ein tolles Tempo vorlegen. Sehr bissig und mit einem dunkel englischen Humor. Ich muss sagen, das Buch liest sich wie von selbst und man kann einfach nicht mehr aufhören! Ein absoluter Klassiker!

    Hendrikje ist eine so wunderbare Protagonistin, wie ich sie selten in einen Buch gelesen habe. Man muss sie zwangsweise von der ersten Seite an ins Herz schließen … und möchte sie in soooo vielen Situationen einfach nur schütteln! Hendrikje hat wirklich Verständnis für Alles und Jeden: Für Ernst, der sie nach einer längeren Liebelei wegen ihrer eigenen Freundin verlässt. Für Paula, die ihr Atelier beim Lackschnüffeln abfackelt. Für „Göbels“, ihre brüllende zeternde Chefin im Café. Doch jedes Verständnis hat irgendwann sein Ende und Hendrikje möchte sich das Leben nehmen!
    Schon lange bin ich nicht mehr so gern in ein Buch hineingekrochen und habe mich dabei so wohl gefühlt. Hendrikje beschreibt Szenen aus ihrem Leben schonungslos offen und mit einer Naivität, die immer wieder die Grenze ins Komische überschreitet. Einzigartig und grotesk auf eine wunderbare Weise!

    Hast du dir schon mal ernsthaft Gedanken über den Arbeitsalltag einer Kellnerin gemacht?
    Das Mütter-Gruppen volle Windeln liegen lassen? Das Schulgruppen immer gleichzeitig abgefertigt werden müssen? Dass Gäste ihre Fußpilz-Tinktur an Ort und Stelle mit im Lokal anwenden?
    Ich nicht, aber ab heute werde ich wohl immer daran denken müssen und die Augen beim nächsten Kaffeehausbesuch offen haben …

  • „Nichts als die Nacht“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Nothing but the Night“
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernard Robben
    Verlag: DTV Verlag
    Genre: Novelle
    Seitenzahl:  148
    ISBN: 978-3-423-28129-4

    Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund immer wieder auftut.

    Meine Meinung

    John Williams war erst 22 Jahre alt war, als er diese kurze Novelle schrieb.
    Als er bei einem Erkundungsflug im 2. Weltkrieg über Burma abgeschossen wurde und diesen Absturz wie durch ein Wunder überlebte, versuchte er durch das Schreiben, gegen seine Ängste anzukommen. So entstand „Nichts als die Nacht“!

    Arthur Maxley ist 24 Jahre alt und gibt vor zu studieren. Allerdings führt er lieber das Leben eines Müßiggängers, der sich von den regelmäßigen Schecks seines Vaters finanzieren lässt. Er jedoch genießt sein Leben nicht, sondern leidet am Hier und Jetzt … und vor allem an seiner Vergangenheit: Seit einem traumatischen Erlebnis, meidet Arthur den Kontakt zu seinem Vater, pflegt kaum Freundschaften und versucht zu vergessen. Oft greift er dafür zum Alkohol!

    In John Williams Debütroman begleiten wir 12 Stunden das Leben unseres Protagonisten. Dabei geschieht äußerlich nicht wirklich viel, die Geschehnisse in Arthurs Psyche sind allerdings verheerend: 12 Stunden voller Unruhe, Angst und Raserei, durchzogen von surrealen Träumen, Visionen und Erinnerungen! Arthur hat das Trauma aus seiner Kindheit nie verwunden. Starke Gedanken und Gefühlen beherrschen ihn. Auch körperlich nimmt sein Zustand bereits bedrohliche Formen an.
    Mit einem unglaublichen Einfühlungsvermögen und starker psychologischen Einsicht zeigt uns der damals noch sehr junge John Williams das Innenleben eines jungen Mannes, der offenbar schon als Kind überaus sensibel war und durch eine familiäre Tragödie schwer traumatisiert wurde. Arthur ist eine Persönlichkeit, die immer nur um sich selbst und sein Leid kreist, gleichzeitig sieht er sich aber auch von außen mit den Augen eines fremden Beobachters.

    Als ich Arthur am Ende des Buches verließ, blieb ich erschüttert und sehr verstört zurück. Im ersten Moment konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, ich hatte nur immer wieder das Gefühl, dem jungen Mann in seiner Situation helfen zu müssen. Der melancholische Ton und die Ereignisse machten mich nicht nur traurig, auch Wut und Ärger über alle Beteiligten haben sich in mir abgewechselt.

    Trotz der tiefen Empfindungen (oder gerade wegen Dieser), ließ sich für mich das spätere Talent John Williams auch in dieser Novelle deutlich erkennen. Die Erzählung strotzt vor Bildern und Metaphern, wenn auch der Text noch nicht so flüssig und klar zu lesen ist wie in seinen späteren Werken. Die Sätze und Formulierungen sind treffend gewählt und zeigen von erzählerischer Kraft.

    Ein beeindruckendes Debüt, das von der sensiblen Wahrnehmung seines Autoren zeugt!

  • „Stoner“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Stoner
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Robben
    Verlag: dtv Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  349
    ISBN: 978-3-423-28015-0

    Willam Stoner, Anfang des 20. Jahrhunderts als Sohn armer Farmer geboren, sollte Agrarwissenschaften studieren, doch stattdessen entdeckt er seine Leidenschaft für Literatur und wurde schließlich Professor an der Universität im Mittleren Westen der USA.

    Die Geschichte eines, so scheint es, genügsamen Lebens, in dem sich dennoch alles spiegelt:
    Leidenschaft, Freundschaft, Ehe, Familie, Krieg und Liebe!

    Meine Meinung

    Bei „Stoner“ handelt es sich um eine Wiederentdeckung des Autors. Der Roman erschien erstmals 1965 und ist für mich einer der großen modernen Klassiker!

    Die wohl treffendste Zusammenfassung dieses ergreifenden Romans liefert uns John Williams selbst. Er schreibt …
    „William Stoner begann 1910 im Alter von 19 Jahren an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn …“ Dieser nüchterne und doch sehr beklemmende Berichtstil zieht sich kontinuierlich durch die nächsten 350 Seiten des Buches!

    William Stoners Geschichte strotzt vor knappen und teilweise staubtrockenen Formulierungen, in denen sein Leben mit ungeschminkter Schnörkellosigkeit beschrieben wurde … und doch ist es für mich einer der gefühlvollsten und eindringlichsten Romane!
    Sein Schicksal verläuft grundsätzlich ruhig und leider überwiegend freudlos. Ohne spezielle Höhepunkte, aber mit Serien von Misserfolgen und Tiefschlägen. So scheitert seine Ehe mit der schönen, aber der Liebe nicht fähigen Edith. Seine geliebte Tochter Grace entwickelt sich zur Trinkerin. Die tiefgehende Liebesbeziehung, die ihm dann doch einen Funken Glück beschert, muss er abrupt beenden. Seine Karriere verharrt durch Intrigen auf niedrigem Niveau, sein Schaffen bleibt bescheiden und seine Gesundheit ist am Ende ruiniert.

    John Williams umfangreicher Wortschatz und seine Gefühl für Sprache, ja seine Sprachgewalt faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Er beschreibt die Ereignisse mit Worten, die den Leser fesseln und ihn das Geschehen intensiv mit erleben lassen. Besonders zum Ende des Buches kommt seine ganze Sprachfülle zur Geltung, als er die letzte Lebensphase von Stoner schildert.

    Diese Tragik hat nur noch Einer in der amerikanischen Literatur so eindringlich beschrieben wie John Williams, nämlich sein Zeitgenosse Richard Yates in seinem Roman „Zeiten des Aufruhrs“. Auch dieses Werk wurde bei seinem Erscheinen kaum beachtet. Wollte man damals von soviel Tragik in einer schönen, auf Erfolg getrimmten Welt nichts wissen?

    Schriftstellerisch ist „Stoner“ von John Williams ganz große Erzählkunst!

  • „Augustus“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Augustus“
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernard Robben
    Verlag: DTV Verlag
    Genre: Historischer Roman
    Seitenzahl: 445
    ISBN: 978-3-423-28089-1

    Octavius ist 19, sensibel und wissbegierig. Er will Schriftsteller und Gelehrter werden. Doch als Großneffe und Adoptivsohn Julius Cäsars fällt ihm nach dessen Ermordung ein gewaltiges politisches Erbe zu. Seine Mutter Atia warnt ihn eindringlich davor, es anzunehmen. Doch ihm, der von schwächlicher Konstitution aber enormer Willenskraft ist, wird es durch Glück, List, Intelligenz und Entschlossenheit gelingen, das riesige Römische Reich in eine Epoche des Wohlstands und Frieden zu führen.

    Meine Meinung

    Es hat wirklich lange gedauert, bis ich meinen ersten John Williams zur Hand genommen habe und die Entscheidung zwischen „Stoner“ und „Augustus“ ist mir gar nicht so leicht gefallen wie gedacht.
    Wer ein gewisses Grundinteresse an Intrigen, Ränkespiele, Verschwörungen und Verleumdungen hat, der wird in der römischen Antike bereits bedient werden.

    Der römische Kaiser Augustus gehört noch heute zu den bedeutendsten Herrschern des Römischen Reichs. In diesem Roman wird er nicht nur als geschichtliche Persönlichkeit, sondern auch als Mensch mit vielen Ecken und Kanten lebendig.
    Das Buch wurde vorwiegend als Briefroman gestaltet und so erhält der Leser viele unterschiedliche Eindrücke von Personen, die große Teile ihres Lebens an der Seite des Kaisers oder in den Schlachten gegen ihn verbracht haben. Wir erfahren über sein Leben als Feldherr, als Politiker, aber auch als Ehemann und Vater. Das Tagebuch seiner Tochter Julia und Augustus eigener Monolog am Schluss runden die Geschichte zu einem gelungen Roman ab.

    John Williams hat einen sehr melancholischen Schreibstil, der auch sprachlich eher anspruchsvoll zu lesen ist, mich konnte er aber von der ersten Seite an mitreißen. Die Schlachten und Intrigen sind nur so an mir vorbeigezogen und auch die Geschichte um Augustus Tochter konnte mich sehr bewegen.
    Durch die Fülle an Namen, die sich sehr oft gleichen, brauchte ich doch meine Ruhe um alle Details genau mitzubekommen. Hier unterstützt uns auch ein Glossar am Ende des Buches.
    Alle Unterlagen in diesem Buch sind fiktiv, entstammen aber einer korrekten geschichtlich belegten Zeittafel, wodurch beim Leser das Gefühl entsteht, einer Zusammenstellung echter Quellen zu folgen.

    „Augustus“ bietet uns interessante Einblicke über die Heiratspolitik der Römer, die Stellung der Frau und das tägliche Leben der Höhergestellten, so dass man meint, selber in der Zeit um Christi Geburt gelebt zu haben.
    Augustus selbst bezeichnet sich als den einsamsten Menschen im Reich, denn er kann niemandem trauen. Mit Geschick und Diplomatie führte der Kaiser das Römische Reich zu Frieden und Wohlstand, änderte die Staatsverfassung, stellte Recht und Ordnung in Rom wieder her. Er umgibt sich mit namenhaften Dichtern und Denkern, wie Cicero, Ovid, Marcus Agrippa, Horaz, Vergil und Homer, um nur einige Namen zu nennen. Seine Liebe galt in erster Linie Rom.

    Mich hat der Roman sehr zum Denken angeregt, fragt man sich am Ende doch, ob sich Augustus diplomatischen Schachzüge und persönlichen Opfer wirklich gelohnt haben.