• „Das Café am Rande der Welt“ | John Strelecky

    Titel im Original:  „The why are you here Café“
    Autor:  John Strelecky
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bettina Lemke
    Mit Illustrationen von Root Leeb
    Verlag:  dtv Verlag
    Genre:  Kurzroman
    Seitenzahl:  128
    ISBN:  978-3-423-20969-4

    Ein kleines Café mitten im Nirgendwo wird zum Wendepunkt im Leben von John, einem Werbemanager, der stets in Eile ist. Eigentlich will er nur kurz Rast machen, doch dann entdeckt er auf der Speisekarte neben dem Menü des Tages drei Fragen: »Warum bist du hier? Hast du Angst vor dem Tod? Führst du ein erfülltes Leben?« Wie seltsam – doch einmal neugierig geworden, will John mit Hilfe des Kochs, der Bedienung und eines Gastes dieses Geheimnis ergründen.

    Meine Meinung

    Lässt sich der Sinn des Lebens wirklich auf drei Fragen reduzieren?
    „Warum bist du hier? Hast du Angst vor dem Tod? Führst du ein erfülltes Leben?“
    Oder kurz gesagt: Was ist der Zweck deiner Existenz?

    Diesen Fragen muss sich John stellen, als er schwer genervt aus einem Stau abfährt. Prompt verfährt sich der Werbemanager und scheint binnen Minuten von jeglicher Zivilisation abgeschnitten zu sein. Sein Hunger und der akute Benzinmangel lassen ihn in einem kleinen Café irgendwo im Nirgendwo einkehren. Auch die Speisekarte klingt in jeder Hinsicht vielversprechend, denn dort gibt es neben den leckeren Gerichten auch eine Menge Fragen. Fragen, auf die die Philosophen des Alltags, nämlich die Bedienung Casey, der Koch Mike und Johns Tischnachbarin Anne eine Fülle an Antworten und Erklärungen parat haben.

    „Das Café am Rande der Welt“ war eine meiner ältesten Leseleichen im Regal, die ich mir nun endlich zu Gemüte geführt habe …

    Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mir durch die ganzen begeisterten Stimmen, doch ein bisschen etwas anderes vorgestellt habe …
    Das Buch eignet sich besonders gut zum Einstieg in die Lebenssinnliteratur. Es ist ein toller Wegbereiter, wenn man das Gespür für die eigenen Bedürfnisse verloren hat. Wenn man nicht mehr weiß was man im Leben oder von sich selbst erwartet und auch der Plan für die weitere Zukunft verloren gegangen ist. Wenn man sich selbst sucht und finden möchte!

    „Das Café am Rande der Welt“ lässt sich wunderbar in einem Rutsch lesen und ist nicht sonderlich anspruchsvoll. Entweder berührt es dich oder nicht! In meinem Fall, blieb das Buch leider sehr blass! Weder die Geschichten und Erklärungen zu den einzelnen Fragen konnten mich bewegen oder zum Nachdenken anregen, noch konnte ich die Protagonisten greifen. Wenn ein Leser aber gerade in dieser doch sehr anstrengenden und bewegenden Lebensphase steckt, wird es ihn aber sicher berühren können und ihm einen ordentlichen Motivationsschub verpassen, davon bin ich überzeugt!

    Es wird in unserer Umgebung immer jemanden geben, der durch Bücher dieser Art eine Entwicklung durchmacht, die anders niemals ihre Richtung oder Intensität gefunden hätte!

  • „Tod in Blau“ | Susanne Goga

    Autor:  Susanne Goga
    Verlag:  dtv Verlag
    Genre:  Kriminalroman
    2. Fall von Leo Wechsler
    Seitenzahl:  304
    ISBN:  978-3-423-25380-2

    Berlin, 1922. Der Maler Arnold Wegner erregt mit seinen provokanten Bildern Bewunderung – und Abscheu. Als er tot in seinem Atelier gefunden wird, führt eine erste Spur Kommissar Wechsler zur dubiosen Asgard-Gesellschaft. Gibt es eine Verbindung zu dem geheimnisvollen Toten, den man kurz zuvor aus dem Landwehrkanal gezogen hat?

    Meine Meinung

    Wie so oft, musste ich auch bei Leo Wechsler nach beenden des ersten Falls, sofort mit dem Zweiten weitermachen. Und natürlich treffen wir auch in „Tod in Blau“ wieder auf den sympathischen Ermittler …

    Ende 1922. Leo Wechsler und sein Team müssen den Mord an dem bekannten Berliner Maler Arnold Wegner aufklären. Ein interessanter Mann, der sich aber bereits so manchen Feind gemacht hat. Er porträtierte seine Auftraggeber nicht immer von ihrer vorteilhaften Seiten:  Sein Markenzeichen war es, Wesenszüge der Personen sehr eigenwillig hervorzuheben. So ließ er aus dem Bauch einer Gräfin Maden hervorquellen …
    Zur selben Zeit wird ein Verkäufer für Herrenbekleidung tot aus dem Landwehrkanal gefischt. War es Selbstmord? Ein Unfall? Oder gar Mord? Kommissar Wechsler soll auch hier ermitteln. Eine Spur im Nachlass des Mannes führt zur rechtsextremen Asgard-Gesellschaft und zu einem ihrer führenden Köpfe!

    Auch in „Tod in Blau“ erfährt man viele Details über das Leben der reichen Oberschicht, aber vor allem über die schuftende und mit dem Leben kämpfende Berliner Bevölkerung in der Zeit nach dem Ersten Weltkriegs. Die verschiedenen Handlungsstränge führen uns quer durch die gesellschaftlichen Schichten:  Zu den vornehmen Villen der gehobenen Gesellschaft, in die Hinterhöfe und Armenviertel und in die extravagante Künstlerszene der 20er Jahre. Eine faszinierende Momentaufnahme!

    Susanne Goga versteht es, die handelnden Personen für mich sehr anschaulich und sympathisch zu charakterisieren. Besonders gut gefallen hat mir die junge Tänzerin Thea Pabst, die durch ausdrucksstarke tänzerische Interpretationen auf sich aufmerksam machte und zudem die Geliebte des ermordeten Malers war. Auch der völlig verwahrloste 12-jährige Paul, der eine ganz eigene Beziehung zu Arnold Wegner aufgebaut hatte, konnte mich mitten ins Herz treffen.

    Die kriminalistische Ermittlung und das Privatleben des Kommissars stehen auch in diesem Band wieder in einem ausgewogenen Verhältnis. Leo Wechsler vertieft seine Bekanntschaft mit der Buchhändlerin, wobei schon jetzt dunkle Geheimnisse aus ihrer Vergangenheit auftauchen. Auch die Beziehung seiner Schwester mit einem gutsituierten Kaufmann, bringt die Familie durcheinander. Und als wäre das noch nicht, erkrankt seine Tochter Marie schwer.

    Wenn die nächste kriminalistische Zeitreise nach Berlin ansteht bin ich auf jeden Fall wieder mit von der Partie!

  • „Leo Berlin“ | Susanne Goga

    Autor:  Susanne Goga
    Verlag:  dtv Verlag
    Genre:  Kriminalroman
    1. Fall von Leo Wechsler
    Seitenzahl:  276
    ISBN:  978-3-423-21390-5

    Wer hat den Wunderheiler mit dem Jade-Buddha erschlagen?
    Und gibt es einen Zusammenhang mit der ermordeten Prostituierten im Scheunenviertel?
    Kommissar Leo Wechsler ermittelt im Berlin der zwanziger Jahre

    Meine Meinung

    In „Leo Berlin“ begleiten wir Leo Wechsler und die Berliner Mordkommission bei ihrem ersten Fall.
    1922. In Berlin wird ein charismatischer Wunderheiler, dessen Klientel überwiegend aus der betuchten Oberschicht stammt, in seiner Wohnung erschlagen aufgefunden. Kurz darauf gibt es einen weiteren Mord: Eine 50-jährige Prostituierte wird in ihrer ärmlichen Unterkunft erdrosselt. In beiden Fällen ermittelt Wechsler mit seinem Team.
    Obwohl die Mordopfer aus völlig unterschiedlichen Milieus stammen, vermutet der Kommissar schon bald einen Zusammenhang …

    „Leo Berlin“ ist zwar flott und mitreißend geschrieben, bleibt aber ein Kriminalfall, der etwas leiseren Töne, was in meinen Augen aber eventuell auch an der Perspektive liegen könnte. Überwiegend lesen wird diese aus der Sicht des Kommissars, wir springen aber immer wieder direkt in den Kopf des Mörders. Anders als ich es zu Beginn erwartet habe, wird dessen Identität von Susanne Goga bereits nach dem ersten Drittel offen gelegt und wir können so sehr gut in seine Gedankengänge hineinschauen und bekommen sein skurriles Handeln in all seinen Facetten mit. Wirklich spannend gemacht!

    Leo Wechsler als Hauptprotagonist wirkt authentisch und sympathisch. Man bekommt einen guten Einblick in seine kriminalistische Arbeit, ohne dass diese jedoch zu viel Raum einnimmt. Auch sein Privatleben wurde von der Autorin toll ausgearbeitet:  Er ist trotz seiner erst 34 Jahre bereits Witwer und lebt mit seinen beiden Kindern Marie und Georg allein. Unterstützt wird er von seiner älteren Schwester. Da der Kommissar in seinem Beruf keine regelmäßigen Arbeitszeiten hat und seine Familie dadurch zwangsweise vernachlässigt, ist das Verhältnis der Beiden nicht immer das Beste!

    Susanne Goga schreibt aber auch über das entbehrungsreiche Leben in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, wenn auch politischen Themen weitestgehend nur angedeutet werden. Mehr Raum bekommt das Leben der Bevölkerung in der Großstadt Berlin. Diese sind anschaulich und authentisch beschrieben.

    Ein toller Startschuss in die Reihe und ich freue mich schon auf die weiteren Fälle …

  • „Teo“ | Lorenza Gentile

    Titel im Original:  „Teo“
    Autor:  Lorenza Gentile
    Aus dem Italienischen übersetzt von Annette Kopetzki
    Verlag:  dtv Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  195
    ISBN:  978-3-423-28051-8

    Ich heiße Teo, ich bin acht Jahre alt, und will mit Napoleon reden.
    Ich muss eine wichtige Schlacht gewinnen und er ist der Einzige, der mir dabei helfen kann. Aber wenn ich mit ihm reden will, muss ich sterben, denn Napoleon ist schon tot.

    Meine Meinung

    Teo ist 8 Jahre alt, als er langsam merkt, wie seine Familie auseinander bricht. Seine Eltern streiten nur noch, in der Familie herrscht täglich Unruhe und seine Schwester scheint immerzu wütend auf ihn zu sein. Doch Teo ist nicht bereit aufzugeben! Allerding sieht er auch ein, dass er für dieses Unterfangen dringend Hilfe von Jemanden benötigt, der jede Schlacht für sich gewinnen konnte. Teos Wahl fällt daher auf Napoleon Bonaparte, dem scheinbar unbezwungenen Feldherrn! Doch wie fragt man einen Toten nach Rat? Von Waterloo hat Teo noch keine Ahnung und St. Helena hält er für Napoleons Rückzugsort nach seinen Schlachten …

    Lorenza Gentile bringt uns mit „Teo“ nicht nur einen einfühlsamen und in meinen Augen auch entwaffnend ehrlichen Roman, sie bespricht auch ein sehr schwierigen Thema aus einem für mich noch neuen Blickwinkel. Sie erzählt ihre Geschichte aus der Sicht eines 8-jährigen Kindes und transportiert diese kindliche Gedankenwelt absolut glaubhaft an ihre Leser.
    Dies unterstützt der einfache und klare Schreibstil. Die Geschichte entwickelt sich ruhig und gemächlich, was für eine unheimlich schöne Atmosphäre sorgt. Wer aber denkt, das Buch lese sich dadurch mal eben so weg, der irrt sich gewaltig. Mich haben Teos Gedanken sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht. Vielleicht sollten wir alle mal etwas mehr an unsere Kinder denken, bevor wir Entscheidungen über deren Köpfe hinweg fällen!

    Teo wächst in einem Umfeld auf, das ihm nicht den Zauber seiner Kindheit vermittelt, sondern manch harte Realität der Erwachsenenwelt vor Augen führt. Um seine Eltern glücklich zu machen, versucht er so viel Verantwortung wie möglich auf seine Schultern zu laden und so seinen eigenen Weg zu finden. Nicht jeder Erwachsene fühlt sich der Verantwortung gewachsen, als Elternteil seine Bedürfnisse und Probleme zum Wohle des Kindes zurückzustellen. Teo verkörpert diese Welt sehr gut  und zeigt uns die Probleme durch seine kindlichen Augen. Klar und durchaus schonungslos!
    Nicht jede Kindheit verläuft glücklich und behütet und unser Protagonist vermag noch nicht zu verstehen, wieso seine Familie so unglücklich ist. Wie sollte er auch?

    Teos Gedanken hatten aber auch die Kraft mich voller staunen den Satz immer und immer wieder lesen zu lassen, weil die gewählten Worte so schön waren. Poetisch, ehrlich und unglaublich klug! Und dann kam auch das Schmunzeln wieder, weil all das dennoch auf eine kindliche und teilweise sehr naive Weise niedergeschrieben wurde …

    „Teo“ ist eines dieser Bücher das ich am liebsten jeden Menschen in die Hand drücken möchte, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass es nicht gefallen könnte!

  • „Hendrikje, vorübergehend erschossen“ | Ulrike Purschke

    Autor: Ulrike Puschke
    Verlag: dtv Verlag
    Genre: Roman | Humor
    Seitenzahl:  217
    ISBN: 978-3-423-21031-7

    Hendrikje Schmidt ist eine Pechvogelin. Sie sitzt im Gefängnis und erzählt der spröden Psychologin Frau Dr. Palmenberg ihre Geschichte. Denn eigentlich hatte Hendrikje ihr Leben mal ganz gut im Griff. Tagsüber arbeitet sie als Bedienung in einem Café, nachts malt sie Bilder. Die Aussichten auf eine Ausstellung stehen gut, da kommt es – natürlich an Weihnachten – ganz knüppeldick. Von einem Tag auf den Anderen ist Hendrikje bis über beide Ohren verschuldet, allein und totunglücklich. Und weil ihr Selbstmordversuch kläglich misslingt, wollen ihre Freunde beim zweiten Mal helfen!

    Meine Meinung

    Hendrikje! Hendrikje! Da sitzt sie nun bei der schönen Psychologin Frau Dr. Palmenberg und erklärt ihr (und uns), warum sie 1,5 Menschen umgebracht hat. Also eigentlich! … denn es gibt ja für alles ein Wenn und Aber. Und von denen gibt es in Hendrikjes Erzählungen eine Menge …
    Mehr möchte ich zum Inhalt dieses tollen Buches gar nicht erzählen. Der Klappentext verrät schon unheimlich viel und ein bisschen Überraschung möchte ich euch dann doch noch lassen!

    Ulrike Purschke hat einen wunderbar locker leichten Schreibstil, mit klaren und eher kurzen, aber aussagekräftigen Sätzen, die ein tolles Tempo vorlegen. Sehr bissig und mit einem dunkel englischen Humor. Ich muss sagen, das Buch liest sich wie von selbst und man kann einfach nicht mehr aufhören! Ein absoluter Klassiker!

    Hendrikje ist eine so wunderbare Protagonistin, wie ich sie selten in einen Buch gelesen habe. Man muss sie zwangsweise von der ersten Seite an ins Herz schließen … und möchte sie in soooo vielen Situationen einfach nur schütteln! Hendrikje hat wirklich Verständnis für Alles und Jeden: Für Ernst, der sie nach einer längeren Liebelei wegen ihrer eigenen Freundin verlässt. Für Paula, die ihr Atelier beim Lackschnüffeln abfackelt. Für „Göbels“, ihre brüllende zeternde Chefin im Café. Doch jedes Verständnis hat irgendwann sein Ende und Hendrikje möchte sich das Leben nehmen!
    Schon lange bin ich nicht mehr so gern in ein Buch hineingekrochen und habe mich dabei so wohl gefühlt. Hendrikje beschreibt Szenen aus ihrem Leben schonungslos offen und mit einer Naivität, die immer wieder die Grenze ins Komische überschreitet. Einzigartig und grotesk auf eine wunderbare Weise!

    Hast du dir schon mal ernsthaft Gedanken über den Arbeitsalltag einer Kellnerin gemacht?
    Das Mütter-Gruppen volle Windeln liegen lassen? Das Schulgruppen immer gleichzeitig abgefertigt werden müssen? Dass Gäste ihre Fußpilz-Tinktur an Ort und Stelle mit im Lokal anwenden?
    Ich nicht, aber ab heute werde ich wohl immer daran denken müssen und die Augen beim nächsten Kaffeehausbesuch offen haben …