• „Vaterland“ | Robert Harris

    Titel im Original:  „Fatherland“
    Autor:  Robert Harris
    Aus dem Englischen übersetzt von Hanswilhelm Haefs
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Thriller | Dystopie
    Seitenzahl:  423
    ISBN:  978-3-453-42171-4

    Was, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte?

    Berlin, 1964.In der Havel treibt die Leiche eines Parteibonzen. Die Kripo wird zurückgepfiffen. Die große Geburtstagsfeier des Führers mit hohen ausländischen Gästen steht in einer Woche an. Ein Skandal ist da nicht gefragt. Kripoermittler März forscht aber auf eigene Faust weiter und stößt auf eine Verschwörung ungeahnten Ausmaßes.

    Meine Meinung

    „Vaterland“ gehört für mich zu Robert Harris Meisterleistungen!
    2002 war dieses Buch mein Erstes des Autoren und ist bis heute noch eine Geschichte, die ich immer wieder gern zur Hand nehme!

    „Vaterland“ ist ein durch und durch düsterer Thriller, der einen totalitären großdeutschen Staat skizziert, welcher alle Merkmale der bedeutenden Dystopien des 20. Jahrhunderts aufweist.
    Adolf Hitler hat den Krieg gewonnen und möchte im Jahre 1964 den „Kalten Krieg“ mit den USA beenden! Klingt für mich nach einem absoluten Horrorszenario!
    Die Geschichte spielt in Großberlin, welches architektonisch dem Größenwahn des Führers angepasst wurde. Hitler beherrscht ganz Europa und hat nur einen ernstzunehmenden Gegner: die Vereinigten Staaten! Nach Jahren des „Kalten Krieges“ stehen die Zeichen auf Entspannung, der Besuch des amerikanischen Präsidenten Joseph Kennedy steht bevor und Adolf Hitler ist kurz vor seinem 75. Geburtstag auf dem Zenit seiner Macht. Basierend auf dieser Ausgangslage ermittelt der SS-Sturmbannführer der Kriminalpolizei Xaver März in einer dubiosen Mordserie und wird immer tiefer in den Sumpf einer Verschwörung gezogen. Mithilfe einer deutsch-amerikanischen Journalistin kommt er einem einzigartigen Verbrechen auf die Spur, welches das Großdeutsche Reich zu Fall bringen könnte …

    Die besondere Bedeutung dieser Erzählung liegt dort, wo in den meisten Fällen nur oberflächliches Wissen über einen sehr unrühmlichen Teil der deutschen Geschichte vorliegt: Die Wannseekonferenz!
    Viele Deutsche, aber auch Österreicher wissen bis heute nicht, um was es bei diesem Zusammentreffen der NS-Spitze ging. Zum einen Vermittelt das Buch ganz unaufdringlich, was seinerzeit Ungeheuerliches ausgeheckt und umgesetzt wurde. Zum Anderen führt uns der Autor ganz eindringlich vor Augen, wie es heute in unserem Lande aussehen könnte, wenn die Alliierten das Regime in den 40er Jahren nicht in die Knie gezwungen hätten. Und da kommt doch ein bisschen Scham darüber auf, wie wenig wir in der Lage gewesen wären, dem Dritten Reich und dem damit einher gehenden Terror selbst ein Ende zu setzen.

    Robert Harris verzichtet in diesem Thriller weitestgehend auf platte Stereotypen und lässt ein realistisches Nachkriegsdeutschland entstehen. Dabei bedient er sich einer sehr rasanten und ausdrucksstarken Erzählweise, die durch starke und eigenwillige Charaktere unterstützt wird.
    Die Geschichte verläuft sehr düster und der Ausgang bleibt bis zur letzten Seite offen, hinterlässt für den Leser aber einen kleinen Hoffnungsschimmer!

  • „Der zweite Schlaf“ | Robert Harris

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „The Second Sleep“
    Autor:  Robert Harris
    Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Müller
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Dystopie
    Seitenzahl:  415
    ISBN:  978-3-453-27208-8

    Der Untergang der Welt, wie wir sie kannten!

    England ist nach einer lange zurückliegenden Katastrophe in einem erbärmlichen Zustand. Der junge Priester Fairfax wird in ein Dorf entsandt, um dort den mysteriös verstorbenen Pfarrer beizusetzen. In der Umgebung finden sich Überreste viele verbotener Dinge aus vergangener Zeit – Münzen, technisches Gerät, Plastik -, die der Pfarrer akribisch gesammelt hat. Hat diese ketzerische Leidenschaft zu seinem Tod geführt?

    Meine Meinung

    Großbritannien in der Zukunft, nach der Apokalypse.
    Eine Zeit, in der die Kirche allmächtig ist, bestimmt und unterdrückt. Eine Gesellschaft, die auf ein Level zurück katapultiert wurde, dass dunkler ist, als das Mittelalter selbst. Keine Industrie, Keine wirtschaftlichen Fortschritte, alle Errungenschaften der Moderne sind verloren! Es sind die Vertreter der Kirche, die sämtliche Fäden in der Hand halten. Autoritäre und wissenschaftsfeindliche Kirchenmänner festigen ihre Macht durch das Knechten der Menschen und die Unterbindung jeglichen Fortschritts. Das Leben der Menschen ist hart, ein brutaler Kampf ums Überleben!

    Robert Harris` Dystopie „Der zweite Schlaf“ ist zwischen dem, was wir über die mittelalterliche Historie wissen und einer fiktionale Zukunft angesiedelt. Der Autor spielt mit den Erwartungen des Lesers, verunsichert und stellt klare Tatsachen immer wieder in Frage. Ein zweifelnder Priester, ein neugieriger Forscher, ein zupackender Kapitalist, ein übermächtiger Bischof. Sie alle halten unserer Gesellschaft den Spiegel vor.

    Man kann in der Gegenwart nur dann etwas zum Positiven verändern, wenn man auch die Vergangenheit kennt, so viel zu der Kernaussage des Buches. Robert Harris verpackt ganz geschickt die Themen unserer Zeit und zeigt auf, was passieren könnte. Klimawandel, Naturkatastrophen, Atom- und Cyberkriege, Pandemien. Themen, die heute aktueller sind denn je. Und natürlich auch der unbändige Willen der Herrschenden nach Macht und Kontrolle!

    Sehr interessant fand ich auch die Erklärung, was sich hinter dem Phänomen des „zweiten Schlafs“ versteckt. Der Faktor Zeit ist in diesem Buch ein sehr zentrales Thema!

    Auch hier war der Schreibstil wieder wunderbar mitreißend und spannend und auch der Humor, die durch unseren Hauptcharakter versprüht wird, hat dem eher schweren Inhalt sehr gut getan. Die Geschichte ist aber allgemein in einem etwas ruhigeren Ton gehalten, dessen sollte man sich doch bewusst sein. Auch die Kapitel sind eher kurz gehalten.

    „Der zweite Schlaf“ ist ein faszinierender Roman, der nachdenklich macht und lange nachhallt!
    Eine höchst ungewöhnliche Dystopie, die aktueller nicht sein könnte!