• „Der Wintersoldat“ | Daniel Mason

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „The Winter Soldier“
    Autor:  Daniel Mason
    Aus dem Englischen übersetzt von Sky Nonhoff und Judith Schwaab
    Verlag:  C. H. Beck Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  428
    ISBN:  978-3-406-73961-3

    Der hochbegabte Wiener Medizinstudent Lucius meldet sich beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig und landet im eisigen Winter 1914 in einem Behelfslazarett in den Karpaten, wo ihm die junge Nonne Margarete erst alles beibringen muss. Als ein schwer traumatisierter, aber äußerlich unverletzter Soldat eingeliefert wird, begeht Lucius einen gravierenden Fehler.

    Meine Meinung

    Entgegen dem Willen seiner Eltern schreibt sich der junge Lucius an der Universität in Wien ein. Sein Herz gehört schon lange der Medizin, doch obwohl er das Studium interessant findet, möchte er auch so schnell wie möglich mit richtigen Patienten arbeiten. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht wittert er seine Chance und meldet sich als Sanitätsoffizier. In seiner Vorstellung kommt er in ein gut ausgestattetes Lazarett, wo er unter ärztlicher Anleitung Verwundete betreut. Doch die Realität sieht gravierend anders aus …
    Nach einer langen und beschwerlichen Reise kommt er in den bitterkalten Karpaten an und soll in einer umfunktionierten Kirche seinen Dienst tun. Margarete, eine Nonne und Krankenschwester, die seit der Flucht des letzten Arztes die Patienten allein betreut hat, merkt schnell, dass Lucius bisher noch nie ein Skalpell in der Hand gehalten hat …

    Auch wenn die Geschichte anfänglich an die Reise des jungen Mediziners Robert Cole aus „Der Medicus“ erinnert, unterscheiden sich die Geschichten doch grundlegend voneinander.
    „Der Wintersoldat“ ist mir erst vor kurzen über den Weg gelaufen und konnte sofort mein Interesse wecken. Und das mit Recht: Daniel Mason hat einen wunderbar bildlichen und klaren Schreibstil, der nicht nur ganze Kriegslager in meinem Kopf entstehen ließ, sondern auch durch seine sachlichen und ausdrucksstarken Beschreibungen und Dialoge das Grauen des Ersten Weltkrieges transportieren konnte.

    Natürlich ist ein Kriegslazarett kein angenehmer Ort, der Autor vermittelt uns die Geschehnisse aber so realistisch und zermürbend, das ich sehr oft das Buch aus der Hand legen und tief durchatmen musste. Anstatt zu heilen geht es in der österreichischen Armee hauptsächlich darum, die Soldaten so gut wie möglich „zusammen zu flicken“ um ihre Leistung für den nächsten Fronteinsatz wieder herzustellen. Noch verstörender waren für mich aber die Patienten, die keine erkennbaren Wunden hatten, sondern an Kriegsneurosen litten: Männer, die im Kampf um ihr Leben unvorstellbare Grauen miterlebten und auf einmal nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen oder zu keiner klaren Regungen mehr im Stande waren. Bei einem dieser Patienten geschieht Lucius auch ein folgenschwerer Fehler, der ihn noch jahrelang verfolgen soll …

    Daniel Masons Charaktere sind detailreich und abgerundet. Besonders Margarete hat es mir neben unserem Hauptprotagonisten angetan. Die beiden ergänzen sich perfekt und erst ihr menschliches Engagement lässt Lucius zu dem Mann werden, der er am Ende ist.

    „Der Wintersoldat“ hat mich absolut sprachlos zurückgelassen. Ein hervorragender, medizinisch und geschichtlich sehr gut recherchierter Roman, der mich Rundum überzeugen konnte! Detailreich und erschreckend! Und eine Liebesgeschichte gibt es gratis noch dazu …

  • „Das Vermächtnis des Vaters“ | Jeffrey Archer

    Titel im Original:  „The Sins of the Father“
    Autor:  Jeffrey Archer
    Aus dem Englischen übersetzt von Martin Ruf
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Clifton-Saga, Band 2
    Seitenzahl:  469
    ISBN:  978-3-453-47135-1

    Harry Clifton, aufgewachsen bei den Hafendocks in Bristol, und Giles Barrington, Nachkömmling einer großen Schiffahrt-Dynastie, verbindet seit ihrer Jugend eine tiefe Freundschaft. Aus der Enge des Arbeitermilieus hat Harry es auf eine Eliteschule geschafft und steht als junger Mann jetzt an der Seite seiner großen Liebe Emma, der Schwester von Giles. Mit dem Eintritt Englands in den Zweiten Weltkrieg 1939 werden die Schicksale beider Familien erschüttert. Giles gerät in Kriegsgefangenschaft und Harry verschlägt es von Bristol nach New York, wo er eines Mordes angeklagt und verhaftet wird. Emma mach stich auf, um den Mann zu retten, den sie liebt …

    Meine Meinung

    Nachdem wir in „Spiel der Zeit“ mit einem grandiosen Finale zurückgelassen wurden, musste ich sofort den zweiten Teil der Saga zur Hand nehmen …

    Zu Beginn gibt es noch einige kleine Rückblenden auf die bisherige Handlung, die aber geschickt in die fortlaufende Erzählung einfließen. Die große Liebe zwischen Emma und Harry scheint unter keinen sehr glücklichen Stern zu stehen. Obwohl die Beiden unter tragischen Umständen auseinander gerissen wurden, glaubt Emma immer noch daran, dass für sie alles wieder gut werden wird. Alleine schon wegen ihres gemeinsamen Sohnes Sebastian. Sie will Harry wiederfinden und sie glaubt einfach nicht daran, dass er tot ist …
    Und zu Recht: Da Harry sich bei seiner Überfahrt nach Amerika als Tom Bradshaw ausgegeben hat, wird dieser wegen Mordes festgenommen …

    Auch in „Das Vermächtnis des Vaters“ blieb Jeffrey Archer seinem komplexen und außergewöhnlichen Erzählstil treu, wobei er in diesem Band nur sehr wenige Episoden aus Harrys Sicht erzählen lässt. Der Löwenanteil der Geschichte stehen Emma und Giles zu. Leider hatte dies zu Beginn des Buches, gerade was unseren Harry betrifft, für mich einen eher entfremdenden Charakter. Am Ende ist die Geschichte aber absolut Rund und Stimmig.

    Harrys Geschichte bleibt spannend und er selbst entwickelt sich zu einem großartigen jungen Mann mit Ecken und Kanten. Er ist entschlossen, klug und auch wenn seine Taten im ersten Moment oft sehr spontan und impulsiv wirken, ist es doch meistens durchdacht und führt zum gewünschten Ziel.
    Auch Emma Barringtons ist nicht einfach das reiche Mädchen, das vom Leben keine Ahnung hat. Was sie nicht weiß, das eignet sie sich an und nimmt dabei sehr viele Unannehmlichkeiten in Kauf. Genauso zielstrebig begibt sie sich auch auf die Reise nach Amerika um Harry wieder zu finden.
    Ihr Bruder Giles hingegen nimmt die Nachricht vom Tod seines besten Freundes mehr mit als Gedacht. Er meldet sich freiwillig zur Wehrdienst und gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft. Um diesen und vielen anderen Schwierigkeiten zu entgehen wählt er oft Wege, die man ihm gar nicht zugetraut hätte …

    Leider wurde auf einige wichtige Themen nur sehr sporadisch eingegangen. So heiratet Harrys Mutter im Laufe der Geschichte und  wir als Leser bekommen zwar mit, dass ihr drei stattliche Mannsbilder den Hof machen, warum ihre Entscheidung aber letztendlich auf ihren zukünftigen Ehemann fällt bleibt für uns unbekannt. Auch Harrys Verletzung, die für ihn seine Zeit an der Front beendet, wird zwar angeschnitten, aber größtmöglich umgangen!
    Ich hoffe, Jeffrey Archer kommt hier in den nächsten Bänden noch mit etwas mehr Details um die Ecke!

    Alles in Allem also ein würdiger Nachfolger und ich freue mich schon auf den nächsten Band der Clifton-Saga!

  • „Spiel der Zeit“ | Jeffrey Archer

    Titel im Original:  „Only time will tell“
    Autor:  Jeffrey Archer
    Aus dem Englischen übersetzt von Martin Ruf
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Clifton-Saga, Band 1
    Seitenzahl:  558
    ISBN:  978-3-453-47134-4

    England, um 1930: Der junge Harry Clifton wächst bei den Hafendocks von Bristol heran, seine Mutter Maisie muss sich mit harter Arbeit durchschlagen. Um den Tod von Harrys Vater, der angeblich im Krieg gefallen ist, rankt sich ein Geheimnis. Harrys Leben nimmt eine Wendung, als er das Stipendium für eine Eliteschule erhält. Er tritt ein in die Welt der Reichen und lernt Giles Barrington sowie dessen Schwester Emma kennen, Erben einer Schifffahrts-Dynastie. Harry verliebt sich in Emma, ohne zu ahnen, dass die Schicksale ihrer Familien auf tragische Weise miteinander verknüpft sind …

    Meine Meinung

    „Spiel der Zeit“ ist der Auftakt eines packenden Familienepos aus der Feder des britischen Bestsellerautoren Jeffrey Archer.

    Harry Clifton ist ein aufgeweckter und intelligenter kleiner Junge aus ärmlichen Verhältnissen, der sich in den Hafendocks von Bristol herumschlägt. Seit sein Vater auf mysteriöse Weise verschwunden ist, versucht seine Mutter als Kellnerin die Familie über Wasser zu halten. Als Harry wegen seiner engelsgleichen Stimme ein Stipendium für ein Eliteinternat bekommt, nimmt sein Leben eine schicksalhafte Wendung. Auf der Schule lernt er Giles Barrington, den Erben einer Schifffahrts-Dynastie, kennen. Die beiden werden unzertrennlich, auch wenn Giles‘ Vater dieser Freundschaft ablehnend gegenüber steht.
    Als Harry sich in Giles‘ Schwester Emma verliebt, scheint sein Glück nun endgültig vollkommen. Zu diesem Zeitpunkt ahnen die Beiden noch nicht, auf welch tragische Weise ihre Familien miteinander verbunden sind …

    Familiengeheimnisse, Freundschaften, Liebe und Schicksal! Auch wenn „Spiel der Zeit“ nicht die literarische Vielschichtigkeit der Boddenbrooks besitzt, ist der Roman doch ein ernstzunehmender Konkurrent der alten Klassiker dieses Genre. Er besticht durch liebevolle Details, einer wunderbaren Sprache und einem mitreißenden und fesselnden Erzählstil. Dies liegt vor allem an den wechselnden Sichtweisen und Erzählsträngen in dieser Geschichte:  Auch wenn Harry Clifton als Hauptcharakter durch die Handlung führt, wechselt Jeffrey Archer immer wieder die Perspektive und erzählt aus Sicht der anderen Figuren weiter. Hinzu kommt, dass die jeweils erste Szene dieser Perspektiven mit einem Ich-Erzähler, die anderen dann mit einem personellen Erzähler in der dritten Person erzählt werden. Das ist für den Anfang etwas ungewöhnlich, entpuppt sich aber mit zunehmender Dauer als echter Glücksgriff für die Geschichte.
    Zwar erlebt man dadurch manche Szenen mehrfach, durch die neuen Blickwinkel ergeben sich aber immer wieder neue Mosaiksteinchen, die das Gesamtbilder der Geschichte vervollständigen …

    Durch diese ausgefallene Art des Schreibens lernen wir nicht nur Harry besser kennen, auch die anderen Charaktere und deren Gefühlslage werden lebendiger und für den Leser natürlich auch verständlicher. Selbst die Motive der nicht so positiven Menschen, die Harry im Laufe der Jahre begleiten, konnte ich am Ende respektieren! Man lebt und leidet mit den Protagonisten!

    Natürlich erfindet auch Jeffrey Archer das Genre nicht neu und auch er bedient sich an so manchem Klischee, dennoch konnte mich „Spiel der Zeit“ total von sich überzeugen und ich musste sofort mit dem zweiten Band der Clifton-Saga weitermachen …

  • „Die Frau im Musée d`Orsay“ | David Foenkinos

    Titel im Original:  „Vers la bauté“
    Autor:  David Foenkinos
    Aus dem Französischen übersetzt von Christian Kolb
    Verlag:  Penguin Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  236
    ISBN:  978-3-328-60086-2

    Völlig unerwartet kündigt Antoine Duris seine Professorenstelle an der Hochschule der Schönen Künste in Lyon und zieht mit nur einem Koffer nach Paris. Im Musée d`Orsay, wo die farbenfrohen Gemälde von Manet, Monet und Modigliani hängen, bewirbt er sich als Wärter. Warum nur flieht er Hals über Kopf aus seinem bisherigen Leben?

    Rezensionsexemplar  –  Vielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    Auch mit „Die Frau im Musée d`Orsay“  ist dem französischen Autor David Foenkinos ein gleichermaßen spannender wie auch einfühlsamer Roman gelungen.

    Als der Kunstprofessor Antoine Duras der Hochschule in Lyon Adieu sagt, um in einem Pariser Museum als Raumaufsicht zu arbeiten, versteht ihn kein Mensch. Selbst ehemalige Studenten machen sich schnell im Netz über ihn lustig, nachdem einer von ihnen Antoine bei seiner neuen Tätigkeit entdeckt. Doch mit der Zeit versteht man immer mehr, warum der sensible Mann die Abwechslung sucht: Er will nach einer privaten Krise mit sich und der Kunst allein sein! Und das kann er im Musée d’Orsay sehr gut …
    Auch Camille war einst Studentin bei Antoine. Er entdeckte schon sehr früh ihre Begabung und versuchte sie, in ihrem weiteren Bildungsweg zu fördern und ihr künstlerisches Talent zu prägen. Die junge Frau wird von Anderen aufgrund ihrer zurückhaltenden Art auch „die Stille“ genannt. Dass hinter ihrem Schweigen ein grausames Erlebnis steckt, erfährt Duras erst als es zu spät ist. Vor allem diese Erfahrung veranlasst ihn im Rückblick, Lyon zu verlassen!

    Die Schicksale der Hauptfiguren können niemanden unberührt lassen, der nur einen Funken Empathie in seinen Knochen hat. Zudem referiert der Autor über die Schönheit der Kunst, über die Gewalt deren Aussage, aber auch über die Kraft die sie für ihre Betrachter besitzen.

    „Die Frau im Musée d`Orsay“  ist ein sehr faszinierender Roman auf hohem sprachlichem Niveau. Die Handlung wird durch viele Rückblenden berichtet und hat dennoch eine Erzählweise, die den Leser kontinuierlich nach Vorne treibt.
    Das Buch ist sehr ungewöhnlich und auffallend strukturiert. Es ist, als ob wir einem poetischen Psychogramm sämtlicher Charaktere in einem atmosphärischen und emotionalen Sog folgen, der einem sofort gefangen nimmt.

    David Foenkinos schreibt einfühlsam und klar, in eher kurzen Sätzen, die alles Wichtige beinhalten, aber ebenso das Ungesagte an den Leser transportieren. Er drückt in wenigen Worten alles aus, was Menschen fühlen. Neben dem ernsten Thema finden wir aber auch immer wieder humorvolle Szenen mit ironisch-hintergründigen Fußnoten.

    Leider muss ich den deutschen Titel etwas bemängeln. Der ist wirklich wenig treffend gewählt. Die „Frau im Musée d‘Orsay“ spielt für mich im Vergleich zu Camille oder Antoine eher eine Nebenrolle. Natürlich ist diese nicht unwichtige, aber noch lange nicht so einflussreich, dass man ihr den ganzen Titel widmen muss. Der Originaltitel „Vers la beauté“ („Der Schönheit entgegen“) trifft den Bezug zur Geschichte wesentlich besser …

    Leicht und elegant geschrieben gelingt es David Foenkinos auch in diesem Buch wieder, eine Liebesgeschichte voller Schönheit und Tiefe zu erzählen, die den Leser von Beginn an in ihren Bann zieht und ihn mit ihrem Ende seltsam beglückt zurücklässt …

  • „Frühlings Erwachen“ | Frank Wedekind

    Autor:  Frank Wedekind
    Verlag:  Insel Verlag
    Genre:  Klassiker
    Seitenzahl:  115
    ISBN:  978-3-458-34842-9

    Frank Wedekinds grandioses Drama über erwachende Sexualität und ihre Unterdrückung durch eine verlogene Sexualmoral gehört zu den meistgespeilten Stücken auf deuten Bühnen.

    „Gib mir Antwort – Wie geht es zu? – Wie kommt das alles? – Du kannst doch im Ernst nicht verlangen, dass ich bei meinen 14 Jahren noch an den Storch glaube?“

    Meine Meinung

    Bereits seit vielen Jahren gehört Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ in Österreich zur Schullektüre und auch ich kam damals in den Genuss dieses Klassikers.

    Die Geschichte spielt zum Ende des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen die Gymnasiasten Melchior und Moritz, sowie die 14-jährige Wendla. Die Jugendlichen suchen verzweifelt und teilweise leider auch vergeblich nach Antworten auf die drängenden Probleme der Pubertät.

    Alles beginnt scheinbar harmlos: Wendlas Mutter möchte, dass sich ihre Tochter etwas erwachsener kleidet. Allein schon, weil sie um ihre erotische Wirkung auf Männer fürchtet. Auch wenn die 14-jährige noch ihre Kinderkleider bevorzugt, versucht sie dennoch das Mysterium des Kinderkriegens zu lüften. Derweilen interessieren sich Moritz und Melchior brennend für ihre eigenen Körper, anstatt sich lieber auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren. In vertraulichen Gesprächen gesteht sie sich gegenseitig ihre Unsicherheiten. Der noch unaufgeklärte Moritz möchte gerne mehr wissen und Melchior verspricht ihm seine Unterstützung. Aber auch in der Schule wird es immer enger für Moritz, seine Versetzung in die nächste Schulstufe ist stark gefährdet!
    Das Leben spielt leider nicht immer gerecht. Am Ende sind zwei der Schüler tot und der Dritte im Bunde wird von seinen Eltern in eine Erziehungsanstalt geschickt …

    Frank Wedekind ist ein großartiger Schriftsteller, der seiner Zeit definitiv voraus war. Mutig prangert er die bornierten Moralvorstellungen im ausgehenden 19. Jahrhundert und das daraus entstehende Leid an. Auch wenn das Theaterstück mittlerweile zu den Klassikern zählt, hat „Frühlings Erwachen“ auch heute nicht an Aktualität verloren. Schulische oder sexuelle Probleme unserer Jugendlichen, denen Eltern und Lehrer mit fehlendem Einfühlungsvermögen oder Gleichgültigkeit entgegen treten, sowie mangelnde Aufklärung, führen auch im Jahre 2019 noch oft zu menschlichen Tragödien.

    Das Buch besteht aus drei Akten, die wiederum in mehrere Szenen aufgeteilt werden. Dadurch und durch die wechselnden Erzählstränge kam für mich absolut keine Langeweile auf. Die Sprache ist epochenbedingt natürlich etwas schwieriger, aber wenn man sich erstmal auf den Sprachstil eingelassen hat, findet man sehr schnell in einen guten Lesefluss.
    Das Ende bleibt ziemlich offen und lässt noch sehr viele Fragen im Raum stehen. Ich finde aber dennoch, dass es für diese Geschichte keinen besseren Ausgang hätte geben können …

  • „Klosterkind“ | Anna Castronovo

    Autor:  Anna Castronovo
    Verlag:  Books on Demand
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  305
    ISBN:  978-3-752-82109-3

    Sizilien 1981. Die siebenjährige Filomena ist verzweifelt. Ihre Mutter hat sie in ein Klosterinternat gebracht, in dem strenge Klausur herrscht. Um zu fliehen, macht sie sich auf die Suche nach einem unterirdischen Gang, der aus dem Kloster herausführen soll. Bei ihren heimlichen Streifzügen stößt sie auf die Spuren von Suor Crocifissa della Concezione, die vor 300 Jahren im selbe Kloster lebte und in den düsteren Gängen dem Teufel begegnete. Die Geschichte der Nonne zieht Filomena immer mehr in ihren Bann, bis sie eines Tages beginnt, von Madre Crocifissa zu träumen …
    Warum wurde Filomena ins Kloster gebracht? Wird sie ihre Mutter je wiedersehen? Und was hat es mit der geheimnisvollen Nonne auf sich?

    Meine Meinung

    In „Klosterkind“ begegnen wir der junge Filomena, die in den 1980ern, ohne große Erklärungen, mit gerade mal sieben Jahren von ihrer Mutter im Kloster ihres Heimatortes abgegeben wurde. Wir begleiten sie durch ihre Kindheit, lernen mit ihr lesen und schreiben und gehen mit ihr den Weg zu Suor Maria Crocifissa della Concezione, die dem verschüchterten Mädchen indirekt das Herz zu Gott öffnet.
    Filomena verbringt die 11 Jahre bis zu ihrem 18. Geburtstag hinter Klostermauern, dabei verwebt die Autorin geschickt ihre fiktive Lebensgeschichte mit historischen Überlieferungen über die sagenumwobene Nonne die von 1645 bis 1699 im italienischen Agrigento lebte!

    „Klosterkind“ ist ein berührendes und starkes Buch das zu Herzen geht! Anna Castronovo hat einen sehr flüssigen und bildgewaltigen Schreibstil, der zwar klar im Ausdruck ist, in mir aber dennoch starke Emotionen wach gerufen hat. Ich konnte mit Filomena mitfühlen und habe mich immer wieder gefragt, was in ihre Mutter gefahren ist, dass sie einfach so ein Kind weggibt und vom Erdboden verschwindet!

    Das Buch ist eine gekonnte Mischung aus Schicksals- und Entwicklungsroman, der aber auch große Elemente aus der historischen Mystery mitbringt. Er regt die Gedanken der Leser über Schuld, Moral und Glaube an, dabei wird die Geschichte aber niemals aufdringlich, wertend oder unangenehm!
    Die mystischen Elemente, die mit den Träumen und Wahrnehmungen des Mädchens zusammenhängen sind sehr geschickt in die Handlung eingeflochten und lassen dem Leser immer selbst die Entscheidung, ob er sie als real oder als Hirngespinst abtut. Es steckt so viel zwischen den Zeilen und selbst nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat, ist Filomena immer noch da …

    Die Lebensgeschichte von Suor Maria Crocifissa della Concezione ist mit kleinen Änderungen ausgesprochen spannend in den Roman eingebettet. Die biografischen Daten sind auch im Anhang des Romans zu finden.

    Anna Castronovo hat es geschafft, eine tolle Protagonistin zu erschaffen, die sehr glaubwürdig und authentisch rüber kommt. Auch das strenge Leben der Nonnen in Klausur und deren Umgang mit den Schülerinnen in den 80er Jahren war in meinen Augen glaubhaft dargestellt. Besonders die ältere Nonne, die im Laufe der Jahre den Stand von Filomenas Ziehmutter annimmt, fand ich wunderbar ausgearbeitet. Natürlich muss man, mit dem Konstrukt der Kirche gut zurechtkommen. Der allgegenwärtige Glaube an Gott ist der Grundpfeiler dieses Romans!

    „Klosterkind“ ist ein mitreißendes Buch über zwei interessante sizilianische Frauen, das die Gedanken und Gefühle der Leser anregt!

  • „Mein Name ist Judith“ | Martin Horvàth

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Martin Horváth
    Verlag:  Penguin Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  362
    ISBN:  978-3-328-60010-7

    Wien in der nahen Zukunft!
    Eines Tages sitzt ein fremdes Mädchen in einem altmodischen Mantel in León Kortners Küche. Wer ist diese Judith Klein? Sie behauptet, dass ihr Vater die Buchhandlung unten im Haus führt – Die Buchhandlung, die die Kleins Ende der 1930er Jahre auf der Flucht vor den Nazis aufgeben mussten …

    Meine Meinung

    Wien, im Jahre 2032. Martin Horváth beschreibt die traumatischen Ereignisse im Leben des Schriftstellers Leòn Kortner. Nachdem dieser bei einem Attentat auf den Wiener Bahnhof seine Frau und Tochter verliert, zieht er sich vollkommen aus seinem bisherigen Alltag zurück. Er beginnt zunehmend zu vereinsamen. Die Wohnung ist still, dennoch befinden sich an allen Ecken die Erinnerungen an seine Familie. Und plötzlich sitzt da ein junges Mädchen in seiner Wohnung: Nicht seine Tochter, aber Judith Klein!
    Leòn braucht nicht lange um zu verstehen, dass Judith nur in seiner Fantasie existiert …

    Martin Hováth ist mit seinem zweiten Roman hochkarätige Literatur gelungen. Der Schreibstil ist flüssig und mitreißend, dennoch lyrisch und poetisch. Auch die Art, wie er die Geschichte an den Leser transportiert ging mir durch Mark und Bein.
    „Mein Name ist Judith“ ist eine Geschichte, die sicher nicht immer leicht zu lesen ist, da sie unweigerlich einen eher bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Auch wenn viele Details aus der Vergangenheit nur bildlich angesprochen werden, bleibt der Schrecken des 2. Weltkrieges auf jeder Seite präsent.

    Leòn Kortner flüchtet sich immer wieder in die Vergangenheit: Zunächst erscheint es, als wäre Judith eine Erscheinung, die aus seinem eigenen Kopf entspringt, da er sich vermehrt mit den Kleins auseinandersetzt. Einer jüdischen Familie mit 3 Kindern, die früher in seiner Wohnung lebten und über Jahrzehnte eine Buchhandlung im Erdgeschoss des Zinshauses geführt haben. Judith ist die jüngste Tochter und bis heute ist ihr Schicksal ungewiss.
    Die Auseinandersetzung mit Gegenwart und Vergangenheit wird vom Autor sehr gelungen erzählt und hat mich definitiv zum Nachdenken gebracht. Drama, Liebesgeschichte und fantastische Elemente ergeben ein rundes Gesamtbild!

    Die schriftstellerische Freiheit ein Bibelzitat, dass uns aus dem Johannesevangelium bekannt ist „Am Anfang war das Wort …“, zu nutzen, um seinen Protagonisten hervorzuheben, finde ich zwar spannend gewählt, in meinen Augen hätte dieses Element aber vom dem Autor noch besser eingesetzt bzw. verflochten werden können. Das Zitat kommt zwar immer wieder durch, den Bezug zu der Geschichte muss man sich aber erst selbst erarbeiten …

    Martin Horvàth lässt seine Leser in diesem Buch neue Wege gehen und animiert uns immer wieder zum Umdenken!

  • „Das Labyrinth der Lichter“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original:  „El Laberinto de los Espíritos“
    Autor:  Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag:  Fischer Verlag
    Genre:  Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 4
    Seitenzahl:  939
    ISBN:  978-3-10-002283-7

    Barcelona in den kalten Wintertagen des Jahres 1959.
    Die junge Alicia Gris kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um das überraschende Verschwinden des einflussreichen Ministers Mauricio Valls aufzuklären. In dessen Besitz befand sich ein geheimnisvolles Buch, das Alicia in die Buchhandlung „Sempere & Söhne“ führt, tief ins Herz Barcelonas. Der Zauber dieses Ortes nimmt sie gefangen, und wie durch dichten Nebel steigen Bilder ihrer Kindheit in ihr auf. Doch die Antworten, die Alicia findet öffnen die Tür zu einer finsteren Intrige und bringen all jene in Gefahr, die Alicia am meisten liebt.

    Meine Meinung

    Der aktuellste Roman des spanischen Autoren Carlos Ruiz Zafón stellt den Abschluss seiner Tetralogie um den „Friedhofes der vergessenen Bücher“ dar.

    Wie schon in den Vorgängerbänden spielt auch diese Geschichte wieder vor der Kulisse von Barcelona. Wir befinden uns Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre und die Schrecken der Franco Diktatur sind immer noch spürbar. Lange Rückblicke in diese Zeit des Bürgerkrieges bilden die Metapher über die Zufluchtsorte in der katalanischen Stadt, wie etwa die Buchhandlung der Familie Sempere. Sehr präsent ist auch das soziale Geschehen, das Elend, die Aussichtslosigkeit, aber auch der Zauber der Stadt!

    In „Das Labyrinth der Lichter“ folgen wir der schönen Alicia Gris. Eine unnahbare Amazone, die in Zusammenarbeit mit der Polizei Ermittlungen um das Verschwinden des Politikers Valls führt. Der Minister war zuvor Direktor des berüchtigten „Castille den Montjuich“ und entführte und verkaufte die Kinder der politischen Gefangenen. Unter anderem auch ein Grund, warum die Mafia ihr Interesse an Alicia bekundet.
    Sie erforscht den Verbleib des verbotenen Buches Labyrinth der Lichter“ in Barcelona und wird dabei immer wieder an furchtbare Szenen ihrer eigenen Kindheit erinnert. Schon bald soll ihr klar werden, dass auch Fermín Romero de Torre ein Teil ihrer Vergangenheit ist …

    Der Autor führt hier tatsächlich alle noch offenen Handlungsstränge aus den Vorgängerbänden zusammen. Sehr gekonnt und mit spannenden Wendungen!
    So erfahren wir mehr über David Martin und seine Verbindung zu der Familie Sempere, aber auch Julian Carax bekommt hier wieder seinen Auftritt und wird für den Leser menschlicher und vertrauter.

    Die Handlungen sind wie gewohnt verschachtelt, unerwartet und absolut nicht linear, aber wie immer gut zu verfolgen. Die Dialoge sind auffallend intensiv und spannend gestaltet und Carlos Ruiz Zafón verwendet auch in diesem Buch wieder viel Poesie um seine Geschichte aufzubauen. Man könnte meinen, die Protagonisten sitzen beim Lesen des Buches neben einen …

  • „Vom Ende eines langen Sommers“ | Beate Teresa Hanika

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Beate Teresa Hanika
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  317
    ISBN:  978-3-442-75707-7

    Marielle lebt als Bildhauerin in Amsterdam. An einer der ersten warmen Frühlingstage kehrt die 40jährige mit einem riesigen Strauß roter und blassrosa Tulpen vom Bloemenmarkt zurück und findet vor ihrer Wohnungstür ein Paket. Altmodisch verschnürt und geheimnisvoll. Der Inhalt: Tagebücher ihrer vor kurzem verstorbenen Mutter Franke. Ein Leben lang fühlte Marielle sich von ihr unverstanden. Immer war ihr diese stolze, kühne Frau fremd geblieben. Nun beginnt sie zu lesen. Von jenem langen Sommer 1944, den Franka auf einem Landgut in der Toskana verbracht hatte …

    Meine Meinung

    Als Marielle von einem morgendlichen Spaziergang über den Markt nach Hause kommt, findet sie ein Paket vor ihrer Wohnungstür. Darin befinden sich die Tagebücher ihrer Mutter! Während sie die Notizen liest, reist sie mit der 17-jährigen Franka in die Toskana, zurück in den Sommer 1944 … und erinnert sie sich gleichzeitig an den letzten Sommer mit ihrer Mutter an eben diesem Ort. Sie erinnert sich an die Distanz und die Kälte, die ihr diese Frau entgegen brachte. Und während sie liest, erfährt sie auch die Gründe für dieses Verhalten …

    Mit „Vom Ende eines langen Sommers“ hat Beate Teresa Hanika ein eindrucksvolles und für mich sehr berührendes Buch geschrieben, dass trotz der schweren Thematik und den ernsten Themen mit einer leichten und mitreißenden Erzählstimme besticht! Schon nach den ersten Worten wird klar, dass es sich hier um einen ganz besonderen Roman handeln würde. Es waren die kleinen, leisen Zwischentöne, die mich sofort gefangen nahmen …
    Wir verfolgen die steinige Beziehung zwischen Mutter und Tochter und erfahren, wie Erlebnisse aus der Vergangenheit die Zukunft eines jeden Menschen beeinflussen. Sicherlich kein neues Thema und auch keine neue Art der Darstellung, aber von der Autorin sehr gut umgesetzt. Ich kam unheimlich schnell durch die Seiten und der Spannungsbogen war für mich oft zum Zerreißen gespannt!

    Während des Lesens wechseln wir immer wieder zischen drei Zeitebenen, die in gleichmäßiger Reihenfolge wieder kehren. Die Perspektiven sind ausgewogen, die Kapitel kurz gehalten und der Schreibstil sehr flüssig.
    Beate Teresa Hanika hat ihre Protagonisten wunderbar zum Leben erweckt und glaubwürdig charakterisiert. Man konnte deren Entwicklungen sehr gut und einfach nachvollziehen und oft scheint es, als weisen die Geschehnisse der beiden Frauen Parallelen auf. Obwohl Franka eine sehr kontrollierte und kantige Persönlichkeit ist, berührt einen ihr Schicksal dennoch. Man erfährt, was sie zu dieser unnahbaren und verschlossenen Person werden ließ und warum sie Marielle immer aus ihrem Herzen fernhielt. Dabei spielt der zweite Weltkrieg eine nicht zu unterschätzende Rolle. Und natürlich hatte dieses Verhalten auch starke Folgen für die junge Marielle!

    Auch bildlich ist das Buch gewaltig: Man bekommt hier wunderschöne Landschaften näher gebracht, der Geruch des Oregano steigt einem in die Nase und man hört förmlich die Bandung des Meeres gegen die Felsen schlagen. Ich wollte mehr als einmal beim Lesen durch die Olivengärten spazieren. Die Toskana baut eine ganz eigene Atmosphäre auf!

    Das Buch regt nicht nur zum Nachdenken über die letzten Male an, sondern auch über die Beziehungen die man vielleicht ein bisschen mehr pflegen sollte …
    Ich kann es absolut empfehlen!