• „Stoner“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Stoner
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Robben
    Verlag: dtv Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  349
    ISBN: 978-3-423-28015-0

    Willam Stoner, Anfang des 20. Jahrhunderts als Sohn armer Farmer geboren, sollte Agrarwissenschaften studieren, doch stattdessen entdeckt er seine Leidenschaft für Literatur und wurde schließlich Professor an der Universität im Mittleren Westen der USA.

    Die Geschichte eines, so scheint es, genügsamen Lebens, in dem sich dennoch alles spiegelt:
    Leidenschaft, Freundschaft, Ehe, Familie, Krieg und Liebe!

    Meine Meinung

    Bei „Stoner“ handelt es sich um eine Wiederentdeckung des Autors. Der Roman erschien erstmals 1965 und ist für mich einer der großen modernen Klassiker!

    Die wohl treffendste Zusammenfassung dieses ergreifenden Romans liefert uns John Williams selbst. Er schreibt …
    „William Stoner begann 1910 im Alter von 19 Jahren an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn …“ Dieser nüchterne und doch sehr beklemmende Berichtstil zieht sich kontinuierlich durch die nächsten 350 Seiten des Buches!

    William Stoners Geschichte strotzt vor knappen und teilweise staubtrockenen Formulierungen, in denen sein Leben mit ungeschminkter Schnörkellosigkeit beschrieben wurde … und doch ist es für mich einer der gefühlvollsten und eindringlichsten Romane!
    Sein Schicksal verläuft grundsätzlich ruhig und leider überwiegend freudlos. Ohne spezielle Höhepunkte, aber mit Serien von Misserfolgen und Tiefschlägen. So scheitert seine Ehe mit der schönen, aber der Liebe nicht fähigen Edith. Seine geliebte Tochter Grace entwickelt sich zur Trinkerin. Die tiefgehende Liebesbeziehung, die ihm dann doch einen Funken Glück beschert, muss er abrupt beenden. Seine Karriere verharrt durch Intrigen auf niedrigem Niveau, sein Schaffen bleibt bescheiden und seine Gesundheit ist am Ende ruiniert.

    John Williams umfangreicher Wortschatz und seine Gefühl für Sprache, ja seine Sprachgewalt faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Er beschreibt die Ereignisse mit Worten, die den Leser fesseln und ihn das Geschehen intensiv mit erleben lassen. Besonders zum Ende des Buches kommt seine ganze Sprachfülle zur Geltung, als er die letzte Lebensphase von Stoner schildert.

    Diese Tragik hat nur noch Einer in der amerikanischen Literatur so eindringlich beschrieben wie John Williams, nämlich sein Zeitgenosse Richard Yates in seinem Roman „Zeiten des Aufruhrs“. Auch dieses Werk wurde bei seinem Erscheinen kaum beachtet. Wollte man damals von soviel Tragik in einer schönen, auf Erfolg getrimmten Welt nichts wissen?

    Schriftstellerisch ist „Stoner“ von John Williams ganz große Erzählkunst!

  • „Anton hat kein Glück“ | Lars Vasa Johansson

    Titel im Original: „Den stora verklighetsflyken“
    Autor: Lars Vasa Johansson
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Ursel Allenstein & Antje Rieck-Blankenburg
    Verlag: Wunderlich Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  414
    ISBN: 978-3-8052-0387-6

    Mit 45 Jahren ist Anton am Tiefpunkt seiner Karriere. Die Kartentricks des professionellen Zauberers reißen nicht einmal mehr das Publikum im Seniorenheim aus den Sesseln. Auch privat läuft es alles andere als rund, aber Anton ist fest davon überzeugt, dass es irgendwann aufwärts geht – bis zu der Mittsommernacht, die alles verändert! Im Wald begegnet Anton einem seltsamen Mädchen, das ihn bittet, sieben Blumen zu pflücken. Doch dazu hat er weder Zeit noch Lust, und die Kleine stapft beleidigt von dannen. Kein gutes Zeichen! Denn in Wahrheit ist das Mädchen eine Waldfee!

    Meine Meinung

    „Anton hat kein Glück“ ist der Debütroman des schwedischen Drehbuchautors und Musikers Lars Vasa Johansson. Eine märchenhafte Erzählung, die mir von der ersten Seite an gute Laune bereitet hat.

    Anton feiert seinen 45. Geburtstag alleine auf einer Raststätte, unterwegs zu einem Auftritt als Zauberer. Nicht nur, dass sich seine Karriere am absoluten Tiefpunkt befindet, er hat keine Freunde, keine Familie und natürlich auch kein Geld. Kein Wunder, Anton ist der größte Egoist aller Zeiten und ein noch größere Jammerlappe. Er nörgelt über alles und jeden und niemand kann es ihn Recht machen. Schon seit vielen Jahren meidet er die Menschen in seiner Umgebung und bevorzugt nur seine eigene Gesellschaft. So pendelt er von einem Seniorenheim zum Nächsten um dort seine Zaubertricks zu zeigen. Das alles ändert sich nach einen Verkehrsunfall, bei dem Anton mitten auf der Straße mit eine rote Sofa zusammengeprallt …

    Anton ist ein absolut mitreißender Charakter. Trotz seiner Überheblichkeit war er mir von der ersten Minute an sympathisch. Durch die Rückblenden in seine Vergangenheit lernen wir ihn sehr gut kennen und auch wenn ich seinen Höhenflug nicht toll fand, konnte ich seine Beweggründe doch irgendwie verstehen.

    Anton glaubt natürlich ans Glück, aber vor allem an sein eigenes Glück! Und er hat ganz genaue Vorstellungen, wie Dieses auszusehen hat: Ein schickes Auto, ein tolles Haus, schöne Frau und haufenweise Geld! Realistisch, ganz klar! Nach den Erlebnissen der letzten Tage schwindet seine Überzeugung jedoch recht schnell und die Realität trifft ihn wie ein Schlag. Nicht nur, dass es verdammt weh tut, sich seine eigenen Fehler einzugestehen. Anton muss sein eigenes Glück neu definieren und geht dabei weit in seine Vergangenheit zurück.
    Lars Vasa Johansson springt mit viel Fantasie zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft seines Protagonisten hin und her und verknüpft die einzelnen Erzählstränge mit viel Witz und Sarkasmus. Die Geschichte wurde in keinem Kapitel schwerfällig oder gar langweilig. Ganz im Gegenteil musste ich mir sehr oft das Lachen verkneifen. Ich konnte in den peinlichen Situationen so gut mitleiden … und die Odyssee nimmt wirklich ungeahnte Ausmaße an!

    Auch die äußeren Details der Geschichte fand ich gut konstruiert. Jeder magische Charakter hat seine eigene Geschichte, die sich wiederum toll mit den Menschen und den anderen Fabelwesen verknüpft. Diese undursichtigen Gefahren halten die Spannung hoch.
    Auch Antons neue Bekanntschaft Jorma, der sich auf einer Liebesquest befindet, überzeugt mit Genie und Wahnsinn.

    Der Schreibstil ist flüssig, einfach und leicht zu lesen. Die zu Beginn noch etwas bedrückende Stimmung hellt sich schnell auf und bleibt bis zum Ende magisch. Die Sprache ist bittersüß. Sarkasmus ja, aber in gut abgewogenen Portion!

    Ein wunderbares Buch für alle, die ihre Abendstunden gern fernab der sicheren Normalität verbringen.

  • „Der Gefangene des Himmels“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „El Prisionero del Cielo“
    Autor: Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 3
    Seitenzahl: 403
    ISBN: 978-3-10-095402-2

    Barcelona, 1957.
    Ein Fremder betritt die Buchhandlung „Sempere & Söhne“. Er ersteht das teuerste Buch im Laden eine Ausgabe des „Grafen von Monte Christo“, und widmet sie Fermín, über den er mehr zu wissen scheint, als gut ist.

    Für Fermín und Daniel Sempere ist es der Auftakt einer dramatischen Geschichte von Verfolgung und Heimsuchung, die sie an schmerzliche Punkte der Vergangenheit führen und ihr ganzes Glück bedrohen wird. Fermín muss sich seiner dunkelsten Zeit stellen und ein anderer werden, um schließlich ganz er selbst zu sein.

    Meine Meinung

    Schon in „Der Schatten des Windes“ und dem Folgeband „Das Spiel des Engels“ bekommen wir immer wieder kleine Einblicke über Fermín Romero de Torres. Nachdem ihn der junge Daniel Sempere von der Straße geholt und ihm eine Anstellung in der Buchhandlung seiner Familie gegeben hat, wird er zu seinem engsten Freund und Vertrauten. Im dritten Band erfahren wir nun Genaueres über Fermíns Vergangenheit. Über die Jahre der Gefangenschaft in dem berüchtigtem Castille den Montjuich, aber auch wie seine Taten ihn schon als jungen Mann unumgänglich mit der Familie Sempere verbunden haben.

    Wie schon seine Vorgänger baut auch „Der Gefangene des Himmels“ in sehr geringem Maße auf einem magischen Grundbaustein auf. Natürlich muss man das mögen. Ich bin normalerweise auch eher skeptisch, wenn fantastische Elemente in einen belletristischen Roman eingearbeitet werden, aber hier fand ich es wieder hervorragend umgesetzt.
    Carlos Ruiz Zafón besticht mit seiner wunderbaren poetischen und bildlichen Sprache und der dichten Atmosphäre in diesem Buch. Er schildert mitreißend von den mächtigen politischen Ungeheuern, die damals in Francos unbarmherziger Regierung herrschten und zieht geschickt die Fäden zwischen der Buchhandlung der Familie Sempere und dem Friedhof der vergessenen Bücher.

    Auch Fermins philosophische Kommentare sind immer wieder eine Freude zu lesen!

    Natürlich haben auch Liebe, Drama und Leid in diesem Buch seinen Platz, werden aber so harmonisch in der Geschichte eingearbeitet, dass sie nie zu viel oder übertrieben wirken. Wir erfahren viele erschütternde Details über den Tod von Isabella Sempere, Daniels Mutter. Doch alle Antworten werfen neue Fragen auf und ihr Sohn steht letztendlich vor einer schweren Entscheidung.

    Carlos Ruiz Zafón stellt mit diesem Buch ganz gekonnt eine Verbindung zu den beiden Vorgängern her und schafft sowohl in den Szenen als auch bei den Charakteren eine sehr besondere Vertrautheit. Spätestens jetzt versinkt man als Leser in die damalige Zeit und lernt Barcelona mit seinem düsteren, morbiden und tiefgründigen Charme zu lieben. Die Charaktere wirken reifer und ausdrucksstärker.
    Auch die gesellschaftskritischen Dimensionen stechen hier viel stärker heraus!

  • „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ | Joel Dicker

    Titel im Original: „La Vérité sur l`Affaire Harry Quebert“
    Autor: Joel Dicker
    Aus dem Französischen übersetzt von Carina von Enzenberg
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl: 725
    ISBN:  978-3-492-05600-7

    Ein Skandal erschüttert das Städtchen Aurora an der Ostküste der USA:  33 Jahre nachdem die ebenso schöne wie geheimnisumwitterte Nola dort spurlos verschwand, taucht sie wieder auf. Als Skelett im Garten ihres einstigen Geliebten. Der berühmte, zurückgezogen lebende Schriftsteller Harry Quebert steht plötzlich unter dringendem Mordverdacht.

    Meine Meinung

    „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ ist seit Erscheinen des Romans eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Da im April nächsten Jahres das drittes Buch von Joel Dicker erscheint, das ich schon sehnsüchtigst erwarte, möchte ich euch in den nächsten Wochen seine beiden Vorgänger vorstellen!
    Beginnen wir erst mal mit seinem Debüt …

    Harry Quebert ist ein bekannter Schriftsteller und Professor für Literatur an der Universität in Burrow. Dort lernt ihn auch unser Protagonist kennen, der sehr schnell eine freundschaftliche Beziehung zu seinem Professor aufbaut und nicht nur das Boxen, sondern auch das Schreiben von ihm lernt. Und mittlerweile hat auch Marcus seinen ersten Bestseller geschrieben!
    Zu Beginn des Buches lernen wir Marcus Goldmann mitten in einer Schaffenskrise kennen. Er besinnt sich auf seinen alten Professor, der sich in die Kleinstadt Aurora an der Ostküste zurückgezogen hat und dort ein ruhiges Leben führt. Ausgerechnet als Marcus dort ankommt, findet man in Harrys Garten die Leiche eines seit 30 Jahren verschwundenen Mädchens, die das handgeschriebene Manuskript des Erfolgsromans Harry Queberts mit ins Grab genommen hat. Wie sich herausstellt, hatte Harry, der mehr als doppelt so alt war, wie die damals 15-jährige Nola, ein Verhältnis mit ihr gehabt. Schnell wird er als vermeintlicher Mörder verhaftet, doch Marcus versucht herauszufinden wer wirklich hinter der Tat steckt, denn er ist von Harry`s Unschuld überzeugt!

    Joel Dicker hat einen sehr bildlichen und detaillierten Schreibstil, mit klaren und starken Formulierungen, aber dennoch mitreißend und spannend. Auch hat er für meinen Geschmack das richtige Gespür für Situationskomik.
    Anders als es der Klappentext vermuten lässt, ist dieses Buch kein Kriminalroman, sondern mehr eine Charakterstudie bzw. die Geschichte über die Leben zweier Menschen.

    Ich fand die Darstellung der Bewohner des kleinen Küstenortes Aurora wirklich sehr gelungen. Das teilweise etwas prüde Kleinstadtidyll, in dem jeder ein kleines Stück des Ruhms, den Harry sich als Schriftsteller erarbeitet hat, abbekommen möchte. Sei es, dass man den Tisch kennzeichnet an dem er seinen Erfolgsroman geschrieben hat oder auch den Versuch seine Tochter mit ihm zu verheiraten. Als die Fassade blättert, wenden sich auch die Bewohner Auroras gegen ihn, denn mit einem Kriminellen will sich in dem „hochanständigen“ Ort keiner abgeben.

    Die Aufklärung des Falls was für mich eine recht nervenaufreibende Sache. Immer wenn ich gedachte habe, die Lösung zu kennen, wurde ich sehr schnell wieder auf den Boden der Realität zurück geholt. Ich hatte bis zum Schluss nicht den Hauch einer Ahnung, wie das Ganze zusammenhängt, was natürlich die Spannung bei mir hoch hielt.

  • „Das Spiel des Engels“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „El Juego del Ángel“
    Autor: Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 2
    Seitenzahl: 711
    ISBN: 978-3-10-095400-8

    Der junge David Martin fristet sein Leben indem er unter falschem Namen Schauerromane schreibt. Plötzlich erhält er einen mit dem Zeichen eines Engels versiegelten Brief, in dem im der Mysteriöse Verleger Andreas Corelli einlädt. Angelockt von dem Talent des jungen Autors hat er einen Auftrag für ihn, dem David nicht widerstehen kann.
    Aber David ahnt nicht, in welchen Strudel furchterregender Ereignisse er gerät …

    Meine Meinung

    Mit „Das Spiel des Engels“ geht es in der Geschichte rund um die Familie Sempere weiter. Wobei hier der Friedhof der vergessenen Bücher nur kurz angeschnitten wird, jedoch keine so gewichtige Rolle wie in „Der Schatten des Windes“ einnimmt.

    Da ich die gesamte Reihe bereits gelesen habe, kann ich euch verraten, dass ihr dieses Buch nicht mit dem Ersten vergleichen solltet. Natürlich besteht eine Verbindung in der Geschichte, aber der Inhalt ist viel mystischer und surrealer! Auch der Erzählstil ist schwammiger und „theatralischer“. Dies ist durchaus vom Autor so gewollt und ihr werden die Erklärung hierfür auf jeden Fall im nächsten Band „Der Gefangene des Himmels“ finden, das kann ich euch versprechen. Grade was das Ende betrifft!
    Nehmt das Buch einfach so wie es ist und wartet ab, was danach weiter passiert …

    Wir schreiben das Jahr 1930 in Barcelona, während der turbulenten Jahre des Bürgerkrieges!
    Der junge David Martín, der als ernsthafter Schriftsteller verkannt wird, fristet sein Dasein als Verfasser von gruseligen Groschenromanen. Sein bester Freund schnappt ihm die Liebe seines Lebens weg und er muss zu alledem noch erfahren, dass er unter einer tödlichen Krankheit leidet. Kann das Leben noch trostloser verlaufen?
    Doch ein mysteriöser Anhänger glaubt beständig an sein Talent:  Der Verleger Andreas Corelli, der ihm ein ungewöhnliches Projekt vorschlägt. David kann nicht widerstehen, hat er doch auch nichts zu verlieren. Er ahnt noch nicht, auf was er sich da eingelassen hat …

    Inhaltlich ist „Das Spiel des Engels“ gute 15 Jahre vor dem Auftakt der Reihe angesiedelt. Wir erfahren hier überwiegend über das Leben der Eltern von Daniel Sempere, aber vor allem von seiner früh verstorbenen Mutter Isabella, die als junges Mädchen eine Zeitlang mit David Martín zusammengelebt hat.

    Wie auch bei „Der Schatten des Windes“ besticht dieser Roman durch seine Charaktere, die einen ganz besonderen Charme mit sich bringen und seine ganz eigene harmonische und bildliche Sprache, die für mich einen unheimlichen Sog entwickelt. Am liebsten hätte ich mich gleich direkt nach Barcelona gewünscht!

    Carlos Ruiz Zafón transportiert einen wunderbar zarten Humor, der unglaublichen Spaß beim Lesen macht.

    Auch die Handlung ist toll aufgebaut und schon jetzt tauchen immer mehr Verknüpfungen und Erklärungen zum Vorgängerband auf!

    „Das Spiel des Engels“ ist sehr magisch mit viel gruseliger Atmosphäre und Spannung.

  • „Der Distelfink“ | Donna Tartt

    Titel im Original: „The Goldfinch“
    Autor: Donna Tartt
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von R. Schmidt und K. Lutze
    Verlag: Goldmann Verlag
    Genre: Roman
    Gewinner Pulizer-Preis 2014
    Seitenzahl:
     1.022
    ISBN: 978-3-442-31239-9

    Es passiert, als Theo Decker 13 Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreckliches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Umständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück, denn sein Vater hat ihn schon längst im Stich gelassen. Theo versinkt in tiefer Trauer, die ihn lange nicht mehr loslässt. Auch das Gemälde, das seit dem fatalen Ereignis verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise abzurutschen …

    Meine Meinung

    „Der Distelfink“ von Donna Tartt ist eine tolle Charakterstudie über das Leben eines 13-jährigen Jungen, dessen Entwicklung wir in den folgenden 15 Jahren begleiten. Hier wird die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle und sozialer Begierden ausgelotet.

    Theo Decker ist 13 Jahre alt, als er seine Mutter auf tragische Weise verliert. Die Beiden waren gerade im Metropolitan Museum of Arts als eine gewaltige Explosion hunderte Menschen in den Tod reißt. Theo gehört zu den wenigen Überlebenden! Auf der Suche nach einem Ausweg aus dem zerstörten Museum nimmt er geistesabwesend das Gemälde „Der Distelfink“ von Carel Fabritius an sich, von dem seine Mutter, die jetzt irgendwo unter Schutt und Asche liegt, zuletzt so geschwärmt hat. Dieses kleine aber sehr wertvolle Gemälde ist von da an Theos heiligster Besitz und seine einzige Erinnerung an ein schönes Leben. Theo gerät zunehmend auf die schiefe Bahn: Nach dem Umzug nach Las Vegas zu seinem alkohol- und spielsüchtigen Vater findet er Halt in einer fragwürdigen Freundschaft zu einem wilden russischen Jugendlichen, der Theo in die Abgründe von Drogen und Kriminalität zieht.

    Ursprünglich hatte Donna Tartt gar nicht beabsichtigt, ihren Roman in der Kunstwelt anzusiedeln, erst die Zerstörung der Buddhastatuen in Bamiyan im Jahre 2001 gaben ihr den Anstoß dazu. Wenn auch außergewöhnlich, finde ich das Umfeld dennoch perfekt gewählt um den Spannungsbogen aufzuzeigen, in dem Theo sich bewegt. Der Umgang mit den Kunstwerken und auch das Restaurieren und Handeln von alten Möbeln machen eine sehr spezielle und schöne Stimmung. Zudem hat die Autorin einen sehr ausschweifenden und blumigen Schreibstil, der vor Details nur so trotzt. Dadurch kommt es zwar an manchen Stellen zu Längen, die für den Leser aber sehr gut zu überstehen sind.

    In dieser Geschichte gibt es sehr viele sympathische Protagonisten, die mir lange Zeit im Kopf geblieben sind, aber ehrlich gesagt gehört unsere Hauptfigur Theo Decker nicht dazu. Vermutlich mag das zum Einen an dem sehr verharmlosten Umgang mit dem Thema Drogen liegen, den ich so gar nicht nachvollziehen konnte. Zum Anderen aber auch am dargestelltem Charakter des jungen Mannes. Würde dieser persönlich vor mir stehen, ich würde ihn eher als aufgesetzt bzw. unecht und fahrig empfinden. Für mich war das jedoch kein Grund, das Buch deswegen schlechter zu beurteilen.
    Wer mir sehr zu Herzen gegangen ist, ist die Figur des James Hobart, der den 18-jährigen Theo nach seiner Rückkehr von Las Vegas nach New York bei sich aufnimmt und zu seinem Lehrherren und Ziehvater wird. Ein Gentleman wie er im Buche steht mit vielen liebevollen Zügen und Eigenheiten. So stell ich mir einen Großvater vor! Ein wahnsinnig toller Mann!

    Auch mit diesem Buch konnte mich Donna Tartt wieder von ihrem Können überzeugen. „Der Distelfink“ ist ein würdiger Vertreter der modernen Literatur und wurde nicht umsonst 2014 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

  • „Flut“ | Daniel Galera

    Titel im Original: „Barba ensopada de sangue“
    Autor: Daniel Galera
    Aus dem Brasil. Portugiesischen von Nicolai v. Schweder-Schreiner
    Verlag: Suhrkamp
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  423
    ISBN: 978-3-518-42409-4

    Sein Vater bittet ihn um einen letzten Gefallen. Und was als Aufbruch in ein neues Leben an der Küste beginnt, treibt ihn schon bald in die sonderbaren Tiefen einer Vergangenheit, die nicht vergangen ist.
    Mit lichter, hypnotisierender Kraft erzählt „Flut“ die epische Geschichte einer Suche über drei Generationen, die an der Grenze des Menschenmöglichen führt.

    Meine Meinung

    Mit Daniel Galera nehme ich nach vielen Jahren wieder meinen ersten portugiesischen Autor zur Hand.

    „Flut“ ist ein sehr intensiver und mitreißender Roman, der im heutigen Brasilien spielt. Wir begleiten unseren männlichen Erzähler auf der Suche nach seiner Familiengeschichte. Ein eher stiller und introvertierter Mann, der nur wenig Wert auf die Außenwelt legt. Nach dem Selbstmord seines Vaters, nimmt er dessen Hündin bei sich auf und zieht mit ihr direkt ans Meer, in den kleinen Ort Garopaba in der Nähe von Santa Catarina. Dort soll sein Großvater in den 60er Jahren ermordet worden sein, doch seine Leiche wurde nie gefunden.
    Nach all den Schicksalsschlägen hat er kaum noch einen Plan für sein Leben. Neben der Leidenschaft zum Schwimmen und dem Meer scheint diese Tragödie der letzte Halt für ihn zu sein. Schon bald soll er merken, wie wichtig ihm die alte Hündin seines Vaters geworden ist … und wie verstrickt das Leben eines einzigen Menschen sein kann!

    Der Autor zeigt uns den Schwimmer zwischen seinem Alltag und der Suche nach dem Leben des Großvaters. Der größte Pluspunkt ist die Erzählperspektive des Romans: Der Autor schreibt in der dritten Person Singular und diese Person bleibt namenlos. Dies liest sich zunächst vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, doch das ist meiner Meinung nach genau der Kniff, der den Roman vor jeglichem Kitsch bewahrt. Der Leser ist dem Schwimmer gleichzeitig nah und fern. Auch in Kombination mit der „Gesichtsamnesie“ unseres Erzählers (Prosopagnosie) funktioniert die Erzählperspektive hervorragend!

    Unser Protagonist ist in einem tiefen Strudel gefangen. Er kämpft und schwimmt ohne voran zu kommen. Obwohl er nicht unbedingt sympathisch ist, schafft es Daniel Galera, dass er einem ans Herz wächst. Er sucht mit seinem Großvater auch nach seiner eigenen Identität.

    „Flut“ ist kein Buch, dass man mal so nebenbei liest, man muss sich darauf einlassen, aber dann wird es einen nicht mehr loslassen …

  • „Der Schatten des Windes“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „La sombra del viento“
    Autor: Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 1
    Seitenzahl:  527
    ISBN: 978-3-458-17170-3

    Daniel Semperes Leben im grauen Barcelona der Nachkriegszeit erfährt eine drastische Wende, als er die Schicksalsbahn eines geheimnisvollen Buches kreuzt. Er gerät in ein Labyrinth abenteuerlich verknüpfter Lebensläufe, und es ist, als wiederholen sich vergangene Geschichten in seinem eigenen Leben. Die Menschen, denen er bei seiner Suche nach dem verschollenen Autor begegnet, die Frauen, in die er sich verliebt – sie alle scheinen Figuren in einem großen Spiel, dessen Fäden erst ganz am Schluss sichtbar werden.

    Meine Meinung

    Über „Der Schatten des Windes“, haben schon tausende von Lesern geschrieben und gesprochen. Die meisten begeistert, verzaubert und hoffnungslos gefangen im Barcelona der damaligen Zeit. Und auch für mich ist dieses Buch etwas ganz Besonderes!

    Wir verfolgen den junge Daniel Sempere, der aus einer alteingesessenen und gutangesehenen Buchhändlerfamilie stammt. Er wird von seinem Vater zu einer verborgenen Bibliothek, dem „Friedhof der vergessenen Bücher“ geführt, wo er sich ein Buch heraussuchen darf. Eines, das ihm bester Freund und treuer Begleiter sein soll. Daniel wählt den Roman „Der Schatten des Windes“ des unbekannten Autors Julián Carax. Total gebannt und fasziniert von der Geschichte, möchte er mehr über den Schriftsteller in Erfahrung bringen und gerät in einen Strudel aus Geheimnissen und Gewalt des Barcelonas der frühen 1920er Jahre.

    Wie man sich vielleicht denken kann, ist die Liebe zur Literatur ein wichtiges Grundthema dieses Buches, das mich als Leserin natürlich sofort angesprochen hat. Hat man die ersten Seiten hinter sich gelassen, kann man sich der grandiosen Geschichte nur noch schwer entziehen. Carlos Ruiz Zafón hat einen wunderbaren Sinn für Sprache und Ausdruck, den man aus tausenden anderen Büchern wiedererkennen würde. Der Schreibstil ist klar, lebendig und bildgewaltig. Wir bekommen hier viele unerwarteten Wendungen und unterschwellige Bedrohungen, die die Emotionen aufkochen lassen.

    Die Charaktere sind sehr gut gezeichnet und jeder hat seine Ecken und Kanten. So neigt der junge Daniel dazu, sich in aussichtslose Liebelein zu stürzen, sein Vater hängt immer wieder seiner Vergangenheit und seinen Ängsten nach, aber mein absoluter Lieblingscharakter ist Fermín Romero de Torres. Ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter, der auf der Straße lebt und überraschend gebildet und eloquent ist. Sein Potential wird von Daniel entdeckt, wodurch er von dessen Vater in der Buchhandlung beschäftigt wird, um seltene Bücher aufzuspüren. Er wird Daniels bester Freund und hilft ihm bei seinen Nachforschungen zu Julián Carax. Ich habe selten einen so nervig-verworrenen, aber doch sympathischen und liebenswürdigen Charakter gelesen!

    Wer in die Welt der Schriftstellerei abtauchen und sich von einer spannenden Geschichte durch das Barcelona um 1920 entführen lassen will, ist hier goldrichtig.

  • „Die Geisha“ | Arthur Golden

    Titel im Original:  „Memoirs of a Geisha“
    Autor:  Arthur Golden
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gisela Stege
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman  |  Roman
    Seitenzahl:  573
    ISBN:  978-3-442-73522-8

    Zu Beginn der 30er Jahre: Die 9jährige Chiyo lebt mit ihrer bettelarmen Familie in einem kleinen Fischerdörfchen. Als ihre Mutter im Sterben liegt, verkauft der Vater sie und ihre Schwester in das Vergnügungsviertel Gion der alten Kaiserstadt Kyoto.
    Bei ihrer Ankunft in Kyoto werden die beiden Mädchen getrennt. Chiyo kommt in eine Okiya, ein Geisha-Haus, die Spur ihrer Schwester verliert sich. Star der Okiya ist Hatsumomo, eine faszinierend schöne, aber unglaublich launische Geisha, die bei den Herren in Gion sehr beliebt ist und daher für die Okiya viel Geld einbringt.

    Anderthalb Jahre wird Chiyo von Hatsumomo gedemütigt. Doch als sie erkennt, dass ihr altes Leben unwiderruflich vorbei ist, fügt sie sich in ihre Schicksal. Von da an ist ihr Aufstieg zur begeisterten Geisha ganz Kyotos nicht mehr aufzuhalten. Doch dann lernt sie einen Mann kennen, in den sie sich unsterbliche verliebt.

    Meine Meinung

    Arthur Golden hat sich mit „Die Geisha“ von der ersten Zeile an in mein Herz geschrieben.
    Dieser Roman ist eines der meistgelesenen Bücher in meinem Regal und wird vermutlich auch in Zukunft noch öfters  zur Hand genommen werden.

    Wir begleiten die Japanerin Chiyo durch ihr bewegendes Leben. Zu Beginn noch als 9jähriges Mädchen, mit einfachen Wünschen und Hoffnungen, aber einem starken Blick auf die Welt. Wir bekommen einen ersten Einblick auf die japanische Kultur, über das Japan der und 30er Jahre und natürlich auch über den Kriegseinbruch in Japan. Chiyo wächst vom unbescholtenen Kind zum gedemütigten Dienstmädchen heran, das mit ihren Wiederständen regelmäßig gegen Wände läuft. Dank einer schicksalshaften Begegnung weiß sie sehr bald, was sie von ihrem Leben möchte: Eine Geisha sein!
    Von diesem Zeitpunkt an, verfolgen wir ihre Ausbildung. Sie nimmt den Namen „Sayuri“ an und wird im Laufe der Jahre in ganz Kyoto und über dessen Grenzen hinaus bekannt. Diese Zeit ist gespickt von Disziplin und Leidenschaft, aber auch Intrigen und Hass schlagen „Sayuri“ entgegen.

    Arthur Golden hat einen sehr bildlichen und ausschweifenden Schreibstil, mit auffallend guten Dialogen. Die Geschichte wird eher ruhig erzählt und vermittelt einen unglaublich realistischen Einblick in eine Kultur, die sich doch rigoros zur Westlichen unterscheidet. Auch die Belagerung Japans durch die Amerikaner wurde sehr ergreifend thematisiert, sowie der Wiederaufbau nach Kriegsende.
    Arthur Golden verliert nicht eine Sekunde den Bezug zu seinen Protagonisten. Sie liefern niemals ein völlig schillerndes oder gänzlich dunkles Bild, sondern die gesamte Vielfalt der menschlichen Natur.

    Die vielen eingestreuten Informationen wirken außergewöhnlich real, man sollte aber immer im Auge behalten, das es sich bei „Die Geisha“ um einen Roman und keine Biographie handelt.
    Viele Begebenheiten entstammen sicher der Realität, aber „Sayuri“ ist eine erfundene Person.