• „Ein ungezähmtes Mädchen“ | Simona Ahrnstedt

    Titel im Original:  „Överenskommelser“
    Autor:  Simona Ahrnstedt
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Wibke Kuhn
    Verlag:  LYX Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  440
    ISBN:  978-3-7363-0457-4

    Beatrice Löwenstrom ist jung, intelligent und nicht willens, nur geistlose Zierde für einen Mann zu sein. Als sie den äußerst charismatischen Seth Hammerstaal trifft, knistert es auf Anhieb zwischen ihnen. Bei Seth kann Beatrice ganz sie selbst sein, er ist der erste Mann, der ihre Klugheit und ihren rebellischen Charakter liebt und sie nicht allein wegen ihres Äußeren oder Standes begehrt. Doch ihr Onkel hat sie längst dem skrupellosen Grafen Rosenschöld versprochen – und diesem ist jedes Mittel recht, um den Willen der rothaarigen Schönheit zu brechen …

    Meine Meinung

    Simona Ahrnstedt konnte mich ja bereits mit ihrer „Only One Night“-Reihe überzeugen. Diesen Sommer möchte ich mich ihren historischen Romanen widmen. „Ein ungezähmtes Mädchen“  ist also die erste von drei vielversprechenden Geschichten, die es für mich noch von dieser Autorin zu entdecken gibt …

    Stockholm, 1880. Die 18jährige Beatrice Löwenström ist Waise und von ihrem Onkel abhängig. Für ihn jedoch, ist sie nur ein ungeliebter Klotz am Beim. Als sie zufällig, während einer Opernvorstellung, den attraktiven, charismatischen und geheimnisvollen Seth Hammerstaal kennenlernt, sprühen bei Beiden sofort die Funken. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen, denn Beatrice weiß noch nicht, dass ihr Onkel sie bereits einem widerwärtigen Grafen versprochen hat.

    „Ein ungezähmtes Mädchen“ vereint das klassische, männerdominierende Bild der damaligen Gesellschaft mit einer wunderschönen und tragischen Liebesgeschichte. Man erfährt viel über das historische Leben in Schweden, wobei hier die Oberschicht und der Adel ganz klar im Vordergrund stehen. Die Autorin lässt viele liebevolle Details in die Geschichte einfließen, die die Erzählung für mich unheimlich real erscheinen ließen und mir schnell das Gefühl gaben mitten im Geschehen zu stehen.

    In diesem Roman begegnen sich zwei charakterstarke, intelligente und leidenschaftliche Menschen, die von der ersten Sekunde an, eine geistige und körperliche Anziehungskraft verspüren, der sie auch nicht mehr weiderstehen können. Sie müssen viele Missverständnisse und Schicksalsschläge über sich ergehen lassen und können doch ihre Gefühle füreinander nie ganz ablegen. Eine Geschichte, die immer wieder eine neue Wendung nimmt und von einem spannenden Punkt zum nächsten führt!

    Simona Ahrnstedt zeichnet realistische und lebendige Charaktere, denen man gerne folgt und die man schnell ins Herz schließt! Beatrice ist eine kluge junge Frau, die nach Wissen strebt, von Seiten ihrer Familie aus aber kein Studium aufnehmen darf. Das entsprach einfach nicht den damaligen Verhältnissen. Trotzdem lässt sie sich nicht unterkriegen und nimmt ihr Schicksal mutig an.
    Auch der Schreibstil der Autorin unterstreicht diese emotionale und leidenschaftliche Geschichte. Die Sprache ist klar und ausdrucksstark und ihre Erzählweise nimmt den Leser wunderbar mit!

    Wer Lust auf eine anspruchsvolle Liebesgeschichte vor der historischen Kulisse Schwedens hat, sollte unbedingt zu diesem Roman greifen! Simona Ahrnstedt wird nicht um sonst als „die schwedische Jane Austen“ bezeichnet!

  • „Die Vegetarierin“ | Han Kang

    Titel im Original: „Vegetarierin, Ch`angbi“
    Autor: Han Kang
    Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee
    Verlag: Aufbau Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl: 190
    ISBN: 978-3-351-03653-9

    Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch zu essen.

    Meine Meinung

    Da man viele unterschiedliche Meinungen über „Die Vegetarierin“ hört, war es nun auch für mich an der Zeit, mir selbst ein Bild über dieses Buch zu machen.

    Der Roman spielt zum größten Teil in der Hauptstadt Seoul. Chongs Frau, Yong-Hye, zieht sich zurück und wird über Nacht zur Vegetarierin. Ihre konservative Familie kann dieses Verhalten nicht verstehen und ihr anhaltender Protest führt bis zur häuslichen Gewalt. Bereits als Kind hatte sie in ihrer Familie grausame Erlebnisse erfahren, die sie seit einiger Zeit in ihren Träumen heimsuchen. Im zweiten Teil des Buches lernen wir den Mann ihrer Schwester kennen, einem Videokünstler. Selbst ein Außenseiter in der Familie, entwickelt er eine Obsession für Yong-Hye, kann sie ihm doch genau das Außergewöhnliche bieten, was er im Leben mit seiner Frau vermisst. Trotz der wenigen Seiten, erzählt Han Kang eine intensive und außergewöhnliche Geschichte.
    Zum Ende hin nimmt das Buch eine erneute Wendung und wir springen 2 Jahre in die Zukunft. Hier erfahren wir was aus Yong-Hye und ihrer Familie geworden ist!

    „Eine Frau verabschiedet sich von der Durchschnittlichkeit!“ Durch ihren Verzicht zieht sie die Aufmerksamkeit ihres doch sehr konservativen und prüden Umfelds auf sich. Das Interessante ist die Wahrnehmung: Während ihr Mann und ihr Vater es als pervers empfinden, wird sie für ihren Schwager zu einer begehrenswerten Person. Ihre Schwester hingegen sieht sie als jemanden, der ihren Schutz braucht.

    Han Kangs Sprache würde ich persönlich als nüchtern und klar beschreiben. Die Geschichte wurde gradlinig und ohne grobe Ausschweifungen geschrieben. Für mich scheint die Erzählweise sehr realistisch zu sein, driftet aber doch oft ins Surrealistische ab. Hier zählen besonders die „floralen Motive“ dazu, die den Roman durchziehen. Am Ende meint Yong-Hye, selbst zur Pflanze geworden zu sein.

    In mir hat das Buch viele Emotionen hervorgerufen. Einerseits war ich an vielen Stellen irritiert und verstört, gerade was die Radikalität, die verbohrten Blickwinkel und die gewaltbereitschaft angeht. Andererseits ist aber auch der Aufruf zur persönlichen, individuellen Befreiung bei mir angekommen. Yong-Hye`s Vorliebe für die Pflanzen und die Schönheit der Blumen wird ganz wunderbar dargestellt, aber auch ihr Aufblühen und der spätere Verfall werden für den Leser greifbar.

    In der westeuropäischen und besonders in der französischen Literaturtradition könnte der zweite Abschnitt des Buches durchaus als erotischer und prickelnder Inhalt einer Obsession oder auch als Verführung mit Raffinesse gehandelt werden.

  • „Flut“ | Daniel Galera

    Titel im Original: „Barba ensopada de sangue“
    Autor: Daniel Galera
    Aus dem Brasil. Portugiesischen von Nicolai v. Schweder-Schreiner
    Verlag: Suhrkamp Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  423
    ISBN: 978-3-518-42409-4

    Sein Vater bittet ihn um einen letzten Gefallen. Und was als Aufbruch in ein neues Leben an der Küste beginnt, treibt ihn schon bald in die sonderbaren Tiefen einer Vergangenheit, die nicht vergangen ist.
    Mit lichter, hypnotisierender Kraft erzählt „Flut“ die epische Geschichte einer Suche über drei Generationen, die an der Grenze des Menschenmöglichen führt.

    Meine Meinung

    Mit Daniel Galera nehme ich nach vielen Jahren wieder meinen ersten portugiesischen Autor zur Hand.

    „Flut“ ist ein sehr intensiver und mitreißender Roman, der im heutigen Brasilien spielt. Wir begleiten unseren männlichen Erzähler auf der Suche nach seiner Familiengeschichte. Ein eher stiller und introvertierter Mann, der nur wenig Wert auf die Außenwelt legt. Nach dem Selbstmord seines Vaters, nimmt er dessen Hündin bei sich auf und zieht mit ihr direkt ans Meer, in den kleinen Ort Garopaba in der Nähe von Santa Catarina. Dort soll sein Großvater in den 60er Jahren ermordet worden sein, doch seine Leiche wurde nie gefunden.
    Nach all den Schicksalsschlägen hat er kaum noch einen Plan für sein Leben. Neben der Leidenschaft zum Schwimmen und dem Meer scheint diese Tragödie der letzte Halt für ihn zu sein. Schon bald soll er merken, wie wichtig ihm die alte Hündin seines Vaters geworden ist … und wie verstrickt das Leben eines einzigen Menschen sein kann!

    Der Autor zeigt uns den Schwimmer zwischen seinem Alltag und der Suche nach dem Leben des Großvaters. Der größte Pluspunkt ist die Erzählperspektive des Romans: Der Autor schreibt in der dritten Person Singular und diese Person bleibt namenlos. Dies liest sich zunächst vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, doch das ist meiner Meinung nach genau der Kniff, der den Roman vor jeglichem Kitsch bewahrt. Der Leser ist dem Schwimmer gleichzeitig nah und fern. Auch in Kombination mit der „Gesichtsamnesie“ unseres Erzählers (Prosopagnosie) funktioniert die Erzählperspektive hervorragend!

    Unser Protagonist ist in einem tiefen Strudel gefangen. Er kämpft und schwimmt ohne voran zu kommen. Obwohl er nicht unbedingt sympathisch ist, schafft es Daniel Galera, dass er einem ans Herz wächst. Er sucht mit seinem Großvater auch nach seiner eigenen Identität.

    „Flut“ ist kein Buch, dass man mal so nebenbei liest, man muss sich darauf einlassen, aber dann wird es einen nicht mehr loslassen …

  • „Boy in the Park“ | A. J. Grayson

    Titel im Original: „Boy in the Park“
    Autor: A. J. Grayson
    Aus dem Englischen übersetzt von Karl-Heinz Ebnet
    Verlag: Drömer Knaur
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  363
    ISBN: 978-3-426-30571

    Ein kleiner Junge verschwindet. Am helllichten Tag wird er aus dem Botanischen Garten in San Francisco entführt. Der einzige Zeuge des Verbrechens ist Dylan, der dort eigentlich in Ruhe seine Mittagspause verbringen wollte.
    Je weiter er bei seiner Suche ins kalifornische Hinterland dringt, je näher er dem mutmaßlichen Versteck kommt, desto verstörender und blutiger werden seine Alpträume.

    Meine Meinung

    Es tut mir leid, aber ich habe absolut keine Ahnung ob dieser Roman das grenzgenialste Buch des Universums ist … oder die allergrößte Pflaume meines bisherigen Leselebens! Ihr seht mich hier ratlos auf meinem Sessel sitzen. Selbst Tage nach dem Beenden bin ich noch immer überfordert. Aber mit dem gesamten Buch. Von Vorne bis Hinten!

    In „Boy in the Park“ begleiten wir Dylan während seiner Mittagspause, die er tagtäglich an einem ruhigen Plätzchen im Botanischen Garten von San Franzisco verbringt. Eine einsame Bank an einem idyllischen Teich. Jeden Tag zur selben Zeit taucht ein kleiner Junge auf, der für Dylan ein fester Bestandteil geworden ist. Doch eines Tages ist der Junge verletzt und am Tag drauf sogar verschwunden. Da die Polizei seine Vermisstenanzeige nicht ernst nimmt, beschließt er die Sache selbst in die Hand zu nehmen und sucht auf eigene Faust nach dem Jungen.

    Gleich zu Beginn baut der Roman eine Frage nach der Anderen auf und über lange Zeit blieben Diese für den Leser auch unbeantwortet. Die Geschichte springt in eine reißerische und wüste Erzählung, die mich total reizüberflutet zurückgelassen hat, was jedoch recht schnell von Verwirrung zu Verärgerung umgeschlagen ist. Wann denkt der Autor denn die ersten Unklarheiten aufzulösen? Mal ein bisschen Licht ins Dunkle zu werfen, anstatt immer neue Rätsel aufzugeben? Darf ich euch die Frage beantworten? … erst im letzten Viertel des Buches!!

    Mal ehrlich! Ich bin Thriller-Leserin, daher liebe ich es, von einem Buch in die Irre geführt zu werden, aber was A. J. Grayson hier fabriziert, nagt schwer an den Gedankengängen eines Frettchens auf Koks! Dazu kommen ein recht literarischer Erzählstil, dem man oft nur schwer folgen kann und Gedankensprünge, die teilweise schon weh tun.
    Jedoch positiv zu erwähnen sind auf jeden Fall die recht kurzen Kapitel, die mich zum weiterlesen animiert und für das nötige Tempo gesorgt haben. Ich möchte auch gar nicht behaupten, dass mir der Schreibstil an sich nicht gefallen hat, er geht nur in der Fülle der Emotionen total unter.

    Die Charaktere waren eher flach gezeichnet, aber sie waren ok. Ich fühlte mich mit keinem so richtig verbunden, was aber vermutlich eher dem Verlauf der Geschichte geschuldet war. Ich konnte mich auf keinen so richtig einlassen und fand sie teilweise sehr skurril. Die Umgebungsbeschreibungen dagegen waren sehr gut.

    Obwohl ich das Ende durchaus befriedigend und originell fand, wenn auch in Teilen vorhersehbar, konnte es mich nicht vollständig mit der Geschichte versöhnen!

  • „I Saw a Man“ | Owen Sheers

    Titel im Original: „I Saw a Man“
    Autor: Owen Sheers
    Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Mohr
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  297
    ISBN: 978-3-421-04669-7

    Es war an einem Samstag im Juni, als sich ihrer aller Leben komplett veränderte: Schlagartig, nur wenige Minuten, nachdem Michael Turner das Haus der Nelsons durch die Hintertür betreten hatte. In der Stille wirkte es, als wäre niemand daheim.

    Meine Meinung

    Da sich die Meinungen der Leser zu diesem Buch in alle Richtungen spalten, hat mich die Geschichte ganz besonders interessiert. Und Wirklich: Der Klappentext lässt an eine ganz andere Geschichte denken, als man letztendlich von dem Autor bekommt.
    „I Saw a Man“ ist ein großartiger Roman über die Auswirkungen schicksalhafter Momente und zeigt den Umgang der betroffenen Personen mit ihren dramatisch veränderten Leben auf authentische Art und Weise.

    Nach dem tragischen Tod seiner Frau Caroline gerät Michaels Leben komplett aus den Fugen. Das frisch verheiratete Paar hatte gerade erst begonnen, sich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, als die Journalistin bei einem Auslandsdreh in Afghanistan durch tragische Ereignisse ums Leben kommt.
    Um sich selbst wieder zu finden, zieht Michael zurück nach London. Schnell schließt er dort Freundschaft mit Josh und Samantha Nelson, die mit den beiden Töchtern direkt nebenan leben und schon bald geht Michael bei den Nelsons wie selbstverständlich ein und aus.
    Doch an einem Samstagnachmittag im Juni soll sich ihr aller Leben schlagartig verändern. An diesem Nachmittag betritt Michael das Haus der Nelsons durch die offene Hintertür mit einem äußerst unguten Gefühl. Es scheint niemand im Haus zu sein, doch warum stand dann die Hintertür auf? Das sieht den Nelsons gar nicht ähnlich!

    Das Buch besticht durch seinen rückblickenden Erzählstil, der den Leser sehr gut in der Geschichte fesseln kann. Er ist mit vielen bildhaften Vergleichen gespickt, bleibt dabei aber flüssig und leicht.
    Die Rückblenden sind geschickt eingebaut, so dass man erst allmählich den Menschen hinter Michael Turner kennen lernt. Er erlebt seine Gegenwart und springt dabei gleichzeitig immer wieder zurück in seine Vergangenheit. Durch diese wechselnden Zeiten erfährt der Leser erst nach und nach worum es in dem Buch überhaupt geht. Je mehr man über die gemeinsame Zeit mit seiner Ehefrau erfährt, desto klarer wird wie es zu der aktuellen Situation kommen konnte.

    Ich war nicht immer mit Michaels Reaktionen einverstanden, aber er ist ein interessanter und authentischer Charakter mit einer traurigen Vorgeschichte, die ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt ist. Auch Josh und Samantha Nelson haben ihre kleinen Schwächen, wodurch sie ebenfalls authentisch wirken.

    Owen Sheers behandelt und kritisiert in diesem Buch auch ein sehr aktuelles Thema, dass den Leser direkt dazu verleitet, sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen.