• „Brennendes Grab“ | Linda Castillo

    Titel im Original:  „A Gathering of Secrets“
    Autor:  Linda Castillo
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Helga Augustin
    Verlag:  Fischer Verlag
    Genre:  Thriller
    10. Fall von Kate Burkholder
    Seitenzahl:   350
    ISBN:  978-3-596-70426-2

    Der 18jährige Sohn der Familie Gingerich verbrennt bei lebendigem Leib in der Scheune. Daniel galt als tüchtig, freundlich und zuverlässig. Doch die Ermittlungen bringen auch seine dunkle Seite ans Licht. Eine Seite, von der die amische Gemeinde nichts wissen will, aber hinter vorgehaltener Hand wird getuschelt.

    Als Kate Burkholder den Dingen auf den Grund geht, finden sich plötzlich viele Verdächtige. Jemand muss Daniel Gingerich grenzenlos gehasst haben. So sehr, dass er ihn in die Scheune lockte!

    Meine Meinung

    Der junge Amische Daniel Gingerich ist voller Vorfreude auf die romantischen Stunden in der Sattelkammer der elterlichen Scheune. Stattdessen wird er von einem Fremden dort eingeschlossen und das ganze Gebäude in Brand gesteckt. Unter unvorstellbaren Qualen verbrennt er bei lebendigem Leib!
    Natürlich werden Polizeichef Kate Burkholder und ihr Team sofort zu den Ermittlungen hinzugezogen und findet schnell heraus, dass Daniel alles andere als der harmlose freundliche junge Mann von Nebenan war, für den ihn viele hielten …

    Auch wenn Linda Castillos Schreibstil wie gewohnt spannend und leicht von der Seele geht, wirkt die Stimmung doch etwas gedämpfter als gewohnt. Sie verzichtet auch in diesem Buch wieder auf effektheischende Auftritte oder blutige Details und bringt ihrem Leser doch das ganze Grauen der Tat bildlich nahe!
    Wir wissen ja schon von der ersten Stunde an, das Kate so ihre Päckchen zu tragen hat und diese Wunden reißen in „Brennendes Grab“ leider wieder auf. Der Thriller geht also aufgrund seiner Thematik und den Beweggründen der Protagonisten unter die Haut.

    Die Handlung ist in der Erzählweise sehr geradlinig und man bekommt als Leser schnell einen guten Einblick darauf, auf welches Finale wir wohl zusteuern. Dennoch gelingt es der Autorin immer noch, mich mit dem Ausgang der Geschichte zu überraschen …

    Auch Kates Privatleben mit John Tomasetti kommt nicht zu kurz, dem wird aber merkbar weniger Bedeutung beigemessen. Die Beiden haben zu einem geregelten Alltag gefunden und genau so wirkt auch ihr Umgang miteinander. Sie ergänzen sich wunderbar und es war für mich wieder schön, ihnen zu folgen!

    Der Schluss brachte nochmal eine sehr rasante und emotionale Wendung mit sich und ich musste mir nach dem Lesen der letzten Szenen doch selbst Gedanken darüber machen, wie ich entschieden hätte, wäre ich an Kate Burkholders Stelle. Gesetzlich gesehen, hat sie definitiv völlig korrekt gehandelt, aber menschlich? Würde meine Entscheidung genauso ausfallen? … und könnte ich auf lange Sicht damit leben?
    Die, die das Buch gelesen haben, wissen vielleicht, was ich meine …

  • „Der Zopf“ | Laetitia Colombani

    Titel im Original: „La Tresse“
    Autor: Laetitia Colombani
    Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Marquardt
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  282
    ISBN: 978-3-10-397351-8

    Die Lebenswege von Smita, Giulia und Sarah könnten unterschiedlicher nicht sein. In Indien setzte Smita alles daran, damit ihre Tochter lesen und schreiben lernt. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Unfall ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll die erfolgreiche Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, da erfährt sie von ihrer schweren Erkrankung. Ergreifend und kunstvoll flicht Laetitia Colombani aus den drei außergewöhnlichen Geschichten einen prachtvollen Zopf!

    Meine Meinung

    In „Der Zopf“ bekommen wir einen Einblick in das Leben von drei mutigen, entschlossenen und starken Frauen, die unbeirrt ihren Weg gehen …
    Smita ist eine indische „Unberührbare“, die ihrer Tochter mit aller Macht eine bessere Zukunft bieten möchte. Giulia, eine junge Sizilianerin, arbeitet in der Perückenknüpferei ihres Vaters und muss nach einem schweren Schicksalsschlag ihre Professionalität und Kampfeslust beweisen. Sarah ist eine aufstrebende und erfolgreiche Anwältin aus Montreal, die am Höhepunkt ihrer Karriere ihre Gesundheit verlässt.
    Drei verschiedene Leben! Drei Frauen mit vollkommen unterschiedlichen Hintergründen!

    Natürlich ahnt man schon früh, in welche Richtung die Leben unserer Protagonisten zusammenlaufen, anhand der spannenden Erzählweise von Laetitia Colombani bleibt das aber nebensächlich. Die Autorin hat einen sehr klaren und teilweise sogar sachlichen Schreibstil. Ruhig im Erzählstil, dennoch werden die Emotionen einfach und transparent an den Leser weitertransportiert.

    Besonders berührt hat mich die Erzählung um die Indische Smita. Die Autorin hat die Lebensumstände der „Unberührbaren“ wirklich gut recherchiert. Smita hat wirklich nichts! Weder genug zu essen, noch Bildung, noch Perspektiven für ihre 6-jährige Tochter. Eine grausame Wahrheit, die für mich nicht immer leicht zu ertragen war.
    Auch die beiden anderen Erzählstränge sind lesenswert und interessant. Die junge Giulia muss, nach einem schweren Unfall und dem Tod ihres Vaters, sehr früh ihren eigenen Weg im Leben finden. Ihre Familie steht vor dem nichts, dennoch stellen sie die junge Frau vor eine schwere Prüfung. Und Giulia wird diese mit Bravour Meistern! Sarah will mit Durchhaltevermögen und eisernem Willen der Diagnose Brustkrebs trotzen, obwohl sie ihr chauvinistischer Chef nach Bekanntwerden ihrer Erkrankung schnell aufs Abstellgleis setzt. Sie muss erst auf die harte Tour lernen, was in ihrem Leben wirklich wichtig ist und wofür es sich lohnt, die letzten Kräfte einzusetzen.

    „Der Zopf“ zeigt uns, dass sich viele Dinge gegenseitig beeinflussen, auch wenn man das selbst vielleicht gar nicht so aktiv wahrnimmt. Selbst unscheinbare Dinge oder Taten können für Andere schon eine große Hilfe sein!

  • „Chroniken von Azuhr: Die weiße Königin“ | Bernhard Hennen

    Autor:  Bernhard Hennen
    Verlag:  Fischer Tor Verlag
    Genre:  Fantasy
    Seitenzahl:  623
    Chroniken von Azuhr, Band 2
    ISBN:  978-3-596-70365-4

    Auf der Insel Cilia eskaliert der Konflikt zwischen der Liga der Stadtstaaten und den Herzögen des Schwertwaldes. Die militärische Übermacht der Liga ist erdrückend, und die Hoffnung der Waldbewohner ruht auf einer alten Sage, dass in der Stunde der größten Not die Weiße Königin, die ehemalige Herrscherin des Waldes, zurückkehren wird. Doch wie groß muss die Not werden, bis sich dies erfüllt?
    Milan Tormeno versucht, den Wirren des Krieges zu entgehen, denn in seinen Augen kämpft keine von beiden Seiten für eine gerechte Sache. Doch es droht eine weitere Gefahr: Überall auf der Insel erwachen Märengestalten zu neuem Leben.

    Meine Meinung

    Auch in „Die weiße Königin“ wird die Insel Cilia wieder Schauplatz eines großen Krieges. Gleich mehrere Feldherren versuchen die Rebellen des Schwertwaldes zu vernichten. Allen voran der Erzpriester Nandus, dem von Anfang an klar ist, dass in der entscheidenden Schlacht geweissagt wurde, dass die weiße Königin erscheinen und ihr Volk retten wird. Trotzdem versucht er alles, um den Kampf für sich zu entscheiden …
    Währenddessen versucht sein Sohn Milan, die aus dem Ruder laufenden Märengestalten in den Griff zu bekommen und einen Weg zu finden, um seine geliebte Felicia wieder zum Leben zu erwecken. Dabei bekämpft er nicht nur die Mären, er verändert auch die Geschichten und spinnt neue Gestalten. Er beeinflusst die Realität so aktiv, dass selbst lebende Menschen sich charakterlich verändern ohne es zu merken …

    Bernhard Hennen schreibt wie gewohnt rasant und kampfeslustig, mit tollen Dialogen und actionreichen Wendungen. Die Kapitel sind angenehm kurz und anhand der Überschrift erkennt man sofort wann und wo man sich befindet.
    Wie schon im Vorgängerband erzählen die ersten 100 Seiten eine Rückblende:  Wir erfahren die dramatischen Geschehnisse, die mit der Geburt der Kaiserin Sasmira einhergehen, die in der aktuellen Zeit gerade zum zweiten Mal die Macht an sich gerissen hat. Dies ist besonders wichtig um die Gegenwart besser zu verstehen.

    Die Geschichte besticht deutlich durch seine starken Kontraste. Die mittelalterlich angehauchten Handlungsorte schwanken zwischen Asien, Italien und Spanien und kreuzen immer wieder die Wege der Märchen und Mythen. Wir lernen Meerhexen, Gryme, Basilisken, Riesen, und Waldtrolle kennen, die ihr Unwesen in Cilia treiben.

    In der Gegenwart entwickeln sich Milan und Nandus deutlich weiter. Was mich sehr überrascht hat, war die Tatsache, dass sie sich ähnlicher sind als zunächst gedacht. Alle Charaktere, bis hin zu den kleinsten Nebendarsteller, sind stark und tiefgründig gestaltet. Brüche in den Persönlichkeiten, Reifungsprozesse, psychologische Abgründe. Der Leser wird dabei auf eine Achterbahn der Gefühle geschickt.

    Bernhard Hennen schreibt wunderbar spannende und vielfältige Geschichten, die voll Dramatik und Leben sind. Auch die „Chroniken von Azuhr“ stehen seinen Elfen und Drachenelfen in nichts nach  …

  • „Chroniken von Azuhr: Der Verfluchte“ | Bernhard Hennen

    Autor: Bernhard Hennen
    Verlag: Fischer Tor Verlag
    Genre: Fantasy
    Seitenzahl:  570
    Chroniken von Azuhr, Band 1
    ISBN: 978-3-596-70243-5

    Der junge Milan Tormeno ist dazu ausersehen, seinem Vater Nandus in das Amt des Erzpriesters zu folgen: Er soll einer jener mächtigen Auserwählten werden, die die Geschicke der Welt Azuhr lenken.
    Doch Milan kann nicht akzeptieren, dass sein Schicksal vorherbestimmt ist. Er rebelliert – und verstrickt sich mit der Meisterdiebin Felicia und der geheimnisvollen Konkubine Nok in ein gefährliches Netz von Intrigen.
    Gemeinsam geraten sie in den Bann einer alten Prophezeiung – einer Prophezeiung, nach der die Ankunft des »Schwarzen Mondes« in Azuhr ein neues Zeitalter der Magie einläuten wird …

    Meine Meinung

    Bernhard Hennen ist in meinen Augen einer der ganz großen deutschen Fantasy-Autoren unserer Zeit. Seine Protagonisten, seine Welten und auch die Geschichten an sich sind immer wieder ein Spektakel! So auch der erste Band der „Chroniken von Azuhr“ …

    Milan Tormeno kann sich mit seinem vorherbestimmten Schicksal nicht anfreunden. Er soll in die Fußstapfen seines Vaters treten: Ein Tyrann und Schlächter, der die Welt von Azuhr mit strenger Hand und offen für Lügen und Intrigen lenkt. Doch schon früh weiß Milan, dass ein Leben als angesehener Erzpriester nicht seine wahre Bestimmung ist. Er rebelliert gegen sein Schicksal und schon bald führt ihn sein Weg in den Bann einer alten Prophezeiung …

    Nach einem etwas holprigen Start nimmt die Handlung rasant Fahrt auf und im weiteren Verlauf wird schnell klar, warum der Beginn der Geschichte so gewählt wurde. Die Entwicklung der Charaktere ist sehr gut herausgearbeitet und auch die italienisch-angehauchten Handlungsorte werden schön beschrieben. Milans Geschichte ist eng mit der seines Vaters verbunden. Die Beiden versuchen stets, sich gegenseitig zu behindern. Beide sind sehr starke Protagonisten, ebenso wie die vielen tollen Nebencharaktere.
    Der Autor hat einen schwungvollen, spritzigen und flüssigen Schreibstil. Wie gewohnt schafft er es eine lebhafte und authentische Handlung zu gestalten!

    Bernhard Hennen beschreibt „Azuhr“ sehr malerisch. Man findet sich in den einzelnen Ländern schnell zurecht und auch die Atmosphäre, die vor Ort herrscht, wird von ihm sehr gut zum Leser transportiert. Dabei verzichtet er anfangs komplett auf übernatürliche Elemente, welche sich erst im Verlauf der Handlung auf interessante Weise in die Geschichte einschleichen.
    Ebenso verzichtet er auf jegliche Klischees, was Elfen, Orks und Zwerge betreffen …

    Eine beeindruckende Fähigkeit des Autors ist es, Kritik an der realen Welt, sowie politische, historische und soziale Ereignisse in seine Geschichten einzubauen. Auch in „Die Chroniken von Azuhr“ wirken einige Handlungsorte und Ereignisse wie ein Spiegel unserer Zeit.

    Ein weiterer Bonus dieses Buches ist das offensichtliche Verständnis für mittelalterliche Waffen und Rüstungen! Was sich von der ersten Seite an, nicht nur in der Verwendung der korrekten Bezeichnungen zeigt, sondern auch darin, dass der Autor einschätzen kann, wozu Rüstungen und Waffen tatsächlich in der Lage sind!

    „Der Verfluchte“ ist eine Geschichte über das Suchen und das Finden der eigenen Prinzipien.
    Mal düster, mal heldenhaft … aber durchgehend mitreißend und großartig!

  • „Das Labyrinth der Lichter“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original:  „El Laberinto de los Espíritos“
    Autor:  Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag:  Fischer Verlag
    Genre:  Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 4
    Seitenzahl:  939
    ISBN:  978-3-10-002283-7

    Barcelona in den kalten Wintertagen des Jahres 1959.
    Die junge Alicia Gris kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um das überraschende Verschwinden des einflussreichen Ministers Mauricio Valls aufzuklären. In dessen Besitz befand sich ein geheimnisvolles Buch, das Alicia in die Buchhandlung „Sempere & Söhne“ führt, tief ins Herz Barcelonas. Der Zauber dieses Ortes nimmt sie gefangen, und wie durch dichten Nebel steigen Bilder ihrer Kindheit in ihr auf. Doch die Antworten, die Alicia findet öffnen die Tür zu einer finsteren Intrige und bringen all jene in Gefahr, die Alicia am meisten liebt.

    Meine Meinung

    Der aktuellste Roman des spanischen Autoren Carlos Ruiz Zafón stellt den Abschluss seiner Tetralogie um den „Friedhofes der vergessenen Bücher“ dar.

    Wie schon in den Vorgängerbänden spielt auch diese Geschichte wieder vor der Kulisse von Barcelona. Wir befinden uns Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre und die Schrecken der Franco Diktatur sind immer noch spürbar. Lange Rückblicke in diese Zeit des Bürgerkrieges bilden die Metapher über die Zufluchtsorte in der katalanischen Stadt, wie etwa die Buchhandlung der Familie Sempere. Sehr präsent ist auch das soziale Geschehen, das Elend, die Aussichtslosigkeit, aber auch der Zauber der Stadt!

    In „Das Labyrinth der Lichter“ folgen wir der schönen Alicia Gris. Eine unnahbare Amazone, die in Zusammenarbeit mit der Polizei Ermittlungen um das Verschwinden des Politikers Valls führt. Der Minister war zuvor Direktor des berüchtigten „Castille den Montjuich“ und entführte und verkaufte die Kinder der politischen Gefangenen. Unter anderem auch ein Grund, warum die Mafia ihr Interesse an Alicia bekundet.
    Sie erforscht den Verbleib des verbotenen Buches Labyrinth der Lichter“ in Barcelona und wird dabei immer wieder an furchtbare Szenen ihrer eigenen Kindheit erinnert. Schon bald soll ihr klar werden, dass auch Fermín Romero de Torre ein Teil ihrer Vergangenheit ist …

    Der Autor führt hier tatsächlich alle noch offenen Handlungsstränge aus den Vorgängerbänden zusammen. Sehr gekonnt und mit spannenden Wendungen!
    So erfahren wir mehr über David Martin und seine Verbindung zu der Familie Sempere, aber auch Julian Carax bekommt hier wieder seinen Auftritt und wird für den Leser menschlicher und vertrauter.

    Die Handlungen sind wie gewohnt verschachtelt, unerwartet und absolut nicht linear, aber wie immer gut zu verfolgen. Die Dialoge sind auffallend intensiv und spannend gestaltet und Carlos Ruiz Zafón verwendet auch in diesem Buch wieder viel Poesie um seine Geschichte aufzubauen. Man könnte meinen, die Protagonisten sitzen beim Lesen des Buches neben einen …