• „Tyll“ | Daniel Kehlmann

    Autor:  Daniel Kehlmann
    Verlag: Rowohlt Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl: 474
    ISBN: 978-3-498-03567-9

    Tyll Ulenspiegel – Vagant, Schausteller und Provokateur – wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einen kleinen Dorf geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät schon bald mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen und die Bäckerstochter Nele begleitet ihn.

    Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen: dem jungen Gelehrten und Schriftsteller Martin von Wolkenstein, der für sein Leben gern den Krieg kennenlernen möchte, dem melancholischen Henker Tilman und Pirmin, dem Jongleur, dem sprechenden Esel Origenes, aber auch dem dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, deren Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hat.

    Meine Meinung

    Mit „Tyll“ bekommen wir ein wunderbar skurriles Buch, dass uns tief in die Gedankenwelt des Dreißigjährigem Krieges eintauchen lässt. In meinen Augen, ist Daniel Kehlmann ein Meister der Sprache!

    Tyll Ulenspiegel wächst als Sohn einer Müllersfamilie auf. In seinem Vater brennt ein wissbegieriger Geist, der sich oft mit der Frage beschäftigt, wie die Welt wirklich funktioniert. Leider fehlt es ihm an Vorwissen und er sucht nach Erklärungen für den Lauf der Zeit, für die Ursache von Krankheiten, für die wirkliche Natur der Dinge. Mit jeder Frage, die er stellt, macht er sich zunehmend in den Augen der Kirche verdächtig, die die alleinige Deutungshoheit beanspruchen. Die Gelehrten sorgen dafür, dass Tylls Vater als Hexer hingerichtet wird, worauf sich der Junge auf den Weg ins Ungewisse macht. Aus seinen zaghaften Versuchen, auf einem Seil zu gehen und zu jonglieren, wird ein Beruf, den er auf die harte Tour von einem brutalen Gaukler beigebracht bekommt.

    Der Dreißigjährige Krieg war eine Zeit der inneren und äußeren Auflösung. Europa war im Begriff sich selbst zu zermalmen. Aus Bauernsöhnen wurden Söldner, anders konnten viele nicht überleben. Die Soldaten wechselten manchmal mehrfach am Tag die Fronten. Der Feind, das waren immer die anderen, und jedem Gerücht wurde geglaubt, auch an magische Amulette, die Kugeln fernhielten, und an die Gewissheit der Hölle.
    Und so begleitet Tyll auch den dümmsten der Mächtigen, den glücklosen König von Böhmen, der durch die Annahme seiner Krone den Dreißigjährigem Krieg ausgelöst hat, und auch seine Frau, die ihn wohl dazu überredete, sich gegen den Kaiser zu stellen.

    Für mich gibt es in diesem Buch eine ganz große Kernaussage:  „Zuerst kommen die Gaukler, dann kommt der Krieg!“ Das Volk will nicht regiert werden, es will unterhalten werden. Die Herrschenden umgeben sich mit Hofnarren, weil es ihren guten Status unterstreicht. Also bietet sich Tyll gleich mehr als einmal als Hofnarr an, weil ihm das ein relativ sicheres Leben ermöglicht.

    Das Buch ist gespickt mit, auf den ersten Blick absurden, aber auf den zweiten Blick doch immer schlüssigen Gedankenspielen auf der Basis des damaligen Aberglaubens bzw. der noch in den Kinderschuhen befindlichen Wissenschaft. Die Geschichte wird bildgewaltig erzählt, obwohl es kaum ein sprachliches Bild enthält. Man stapft durch Schnee und Dreck und riecht die Dummheit und das Blut.

    „Tyll“ ist ein trickreicher und extrem gut recherchierter Roman von Daniel Kehlmann, welcher mit klarer Sprache von Schauplatz zu Schauplatz reist und wichtige Figuren in ein spannendes Licht rückt.

  • „Ferne Ufer“ | Diana Gabaldon

    Titel im Original:  „Voyager“
    Autor: Diana Gabaldon
    Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schnell
    Verlag: Drömer Knaur
    Genre: Historischer Roman
    Outlander-Saga, Band 3
    Seitenzahl:   1.228
    ISBN: 978-3-426-51823-6

    20 Jahre lang hielt Claire ihre große Liebe Jamie Fraser für tot. Nun findet sie heraus, dass er die Schlacht von Culloden überlebt hat. Unterstützt von ihrer Tochter Brianna, kehrt sie durch den Steinkreis zu ihm ins 18. Jahrhundert zurück.

    Aber Jamie hat in all der Zeit sein eigenes Leben geführt, außerdem kämpft er weiterhin für Schottlands Unabhängigkeit. Und so müssen die beiden früher, als ihnen lieb ist, aus dem Hochland fliehen und sich aufmachen zu neuen, fernen Ufern. Doch sie wissen, dass ihre Liebe und ihre Leidenschaft füreinander sie jedes Hindernis überwinden lassen wird.

    Meine Meinung

    Mit „Ferne Ufer“ sind wir nun beim 3. Band der Outlander-Saga angekommen.
    Für mich macht die Geschichte Hier einen Cut. Die Erzählung springt in beiden Zeitebenen um 20 Jahre in die Zukunft – nicht rasant, aber doch merkbar – und wir verlassen Schottland zusammen mit Jamie und Claire, ohne genau zu erfahren, ob wir jemals wieder zurückkehren werden.
    Wir bekommen sehr reife Charaktere, die vieles aus ihrer Vergangenheit mit sich schleppen. Der jugendliche Enthusiasmus, den man in den Bänden davor oft zu spüren bekommen hat, ist hier fast zu Gänze verschwunden.

    Culloden 1746: Über die Hälfte der Highlander hat auf dem Schlachtfeld ihr Leben gelassen. Jamie Fraser lebt, wurde aber schwer verwundet. Als er sich, zusammen mit einer Handvoll Männer zur Genesung in eine Bauernkate zurückgezogen hat, werden sie von Major Lord Melton gefunden und des Hochverrats angeklagt. Als dieser Jamies richtigen Namen erfährt, wendet sich jedoch das Blatt.

    Inverness 1968: Claire, Brianna und der Historiker Roger Wakefield finden immer mehr Beweise, dass Jamie die Schlacht überlebt hat.  Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihrer Tochter und Jamie fällt Claire eine Entscheidung:  Sie wird zurück in die Vergangenheit reisen. Brianna ist inzwischen alt genug um auch ohne Claire ihre Leben meistern zu können und auch Roger ist an ihrer Seite.

    Zwei Tage nach ihrem Zeitsprung erreicht Claire Edinburgh, wo Jamie als Buchdrucker seinen Lebensunterhalt bestreitet. Die Liebe zu seiner Frau war nie fort. Nicht zu wissen, ob die schwangere Claire die Reise durch die Steine überlebt hat, hat ihn seitdem gequält. Dennoch müssen die Beiden nach der langen Trennung erst wieder zueinander finden. Beide haben ihre Leben gelebt und müssen sich neu kennenlernen.
    Als Jennys Sohn Ians von Piraten entführt wird, begeben sich sie sich an Bord der Artemis, auf Kurs nach Westindien um diesen zu retten. Auch der mittlerweile erwachsen gewordene Fergus begleitet sie wieder auf ihrer Reise und wir lernen viele neue, aber wichtige Personen kennen.
    Nachdem Jamie und Claire in der Karibik auf Lord John Grey, dem ehemaligen Kommandanten von Ardsmur, treffen, können sie mit einem kleinen Schiff fliehen, landen in Georgia und erreichen endlich die Neue Welt.

    Das Leben im 18. Jahrhundert wird von Diana Gabaldon wie immer sehr eindrucksvoll geschildert. Durch ihren schönen Schreibstil, kann man sich die Zeit bildlich deutlich vorstellen. Auch die neuen Protagonisten werden dem Leser wie gewohnt sehr eindrucksvoll nahe gebracht und man hat sofort eine Verbindung zu ihnen. Einige liebt man vom ersten Moment an, bei anderen wird das Misstrauen des Lesers geschürt.

    Auch „Ferne Ufer“ besticht wieder durch Detailgenauigkeit und historischer Authentizität.

    Leider haben mich die letzten Szenen, sprich wie sie den Weg in die neue Welt gefunden haben, etwas gestört. Ich finde, da hätte es eine bessere bzw. glaubwürdigere Lösung geben müssen. Ich möchte niemanden spoilern, aber vielleicht wisst ihr ja schon was ich meine!

  • „Die geliehene Zeit“ | Diana Gabaldon

    Titel im Original: „Dragenfly in Amber“
    Autor: Diana Gabaldon
    Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schnell
    Verlag: Drömer Knaur
    Genre: Historischer Roman
    Outlander-Saga, Band 2
    Seitenzahl: 1.224
    ISBN: 978-3-426-51810-6

    Schottland 1968: Zwanzig Jahre, nachdem Claire Randall aus der Vergangenheit zurückgekehrt ist, bringt sie ihre Tochter Briana in die Highlands. Briana soll endlich das Land ihres Vaters kennenlernen. Außerdem sucht Claire die Antwort auf eine Frage, die sie seit über zwanzig Jahren quält: Hat ihre große Liebe Jamie Fraser die schreckliche Schlacht bei Culloden überlebt?

    Meine Meinung

    Also eines kann ich euch garantieren: Wer „Feuer und Stein“ gelesen hat, wird auch dieses Buch verschlingen! Wie bereits in der ersten Rezension angedeutet, hat der erste Band zwar kein offenes Ende, hört aber sehr abrupt und unbefriedigend auf.

    „Die geliehene Zeit“ beginnt 1968, also 20 Jahre nach Claires Rückkehr!
    Auf Einladung von Roger Wakefield, dem Sohn eines verstorbenen Reverend, der viele Jahre ein Freund der Familie war, reisen Claire und ihre 19-jährige Tochter Brianna nach Schottland. Gemeinsam forschen sie in der Vergangenheit und erwecken für Claire altgeliebte Menschen und tragische Zeiten wieder zum Leben. Sie wird mit dem Verlust ihrer großen Liebe James Fraser konfrontiert und bricht an ihrem Kummer zusammen. Sie erzählt Brianna von ihrem wirklichen Vater und ihren Erlebnissen.

    Wir begleiten sie und Jamie zurück ins alte Frankreich. Nach seiner Genesung fungiert er als Verbindungsoffizier zwischen dem Hof König Ludwig XV von Frankreich, den schottischen Rebellen und Prinz Karl Eduard Stuart, dem Enkel des 1689 aus Schottland vertriebenen König Jakob II. Jamie soll dem Prinzen die finanziellen Mittel für die Rückkehr in die Heimat und die Rückeroberung des Throns von den Engländern beschaffen. Dadurch setzt er sich allerdings der Gefahr aus, für einen Verräter gehalten zu werden.
    Jamie und Claire fallen vielen Intrigen zum Opfer, die ihre Bemühungen die Schlacht von Culloden zu verhindern scheitern lassen. Um Claires Leben und das ihres ungeborenen Kindes zu retten, ringt Jamie sich zu einem schmerzhaften Entschluss durch.

    Auch in „Die geliehene Zeit“ konnte Diana Gabaldon mich wieder direkt ab der ersten Seite einfangen und hat mich zum Ende nicht mehr losgelassen. Es ist Spannend den Menschen und der gehobenen Gesellschaft zu dieser Zeit über die Schulter zu schauen. Man merkt, dass die Umgebung ein ganz anderes Temperament hat. Zudem kommen viele neue Charaktere hinzu, die es erst zu durchschauen gilt.

    Claire und Jamie entwickeln sich weiter. Ihre Beziehung durchlebt Höhen und Tiefen und an manchen Stellen muss man einfach mitfiebern. Die Beiden werden sehr authentisch dargestellt, sie leben eine ganz gewöhnliche Beziehung, in der sich gestritten und geliebt wird. Das macht Beide auch sehr sympathisch.

    Die geschichtlichen und politischen Entwicklungen nehmen rasant zu und man sollte immer aufmerksam bei der Sache sein, um die Handlung nicht zu verlieren!

  • „Feuer und Stein“ | Diana Gabaldon

    Titel im Original: „Outlander“
    Autor: Diana Gabaldon
    Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schnell
    Verlag: Drömer Knaur
    Genre: Historischer Roman
    Outlander-Saga, Band 1
    Seitenzahl: 1.129
    ISBN: 978-3-426-51802-1

    Schottland 1946:
    Die englische Krankenschwester Claire Randall verbringt mit ihrem Ehemann eine Urlaub in den Highlands. Eines Tages betritt sie neugierig einen alten Steinkreis und wird darin ohnmächtig. Als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich im Jahr 1743 – und ist von jetzt auf gleich eine Fremde, ein „Outlander“

    Meine Meinung

    Als ich „Feuer und Stein“ vor sehr langer Zeit zum ersten Mal zur Hand genommen habe, war ich in eher skeptischer Stimmung. Egal mit wem man über die Bücher gesprochen hat, jeder war total begeistert und man wurde von Lobeshymnen nur so überschwemmt. Heute muss ich ehrlich zugeben: Nicht ohne Grund!
    Da ich in den letzten Jahren immer nur sehr sporadisch zu den Büchern gegriffen habe, wollte ich mir 2018 das Ziel setzen, die jetzt neu erschienen Übersetzungen ohne große Unterbrechungen weg zu lesen!

    Die Geschichte beginnt in Schottland, im Jahre 1945. Hier verbringt die junge Claire Randall zusammen mit ihrem Mann Frank nach den Schrecken des zweiten Weltkrieges, ihre Flitterwochen. Auf einem ihrer Spaziergänge stößt sie auf einen alten Steinkreis, den „Craigh na Dun“. Als sie näher kommt, vernimmt sie ein tiefes, summendes Geräusch, als würden die Steine für sie singen. Claire weicht instinktiv zurück, doch ihr wird schwindelig und sie rutscht stolpernd den Hügel hinunter. Benommen hört sie das Wiehern von Pferde und den Lärm einer Schlacht. Von der Situation überfordert versteckt sie sich im Wald, wird dort aber plötzlich von einem Fremden im scharlachroten Dragonerrock entdeckt. Panisch ergreift Claire die Flucht und wird von unbekannten Reitern gerettet.
    Der junge James Alexander Fraser, wird des Mordes verdächtigt. Er ist charmant, gutaussehend und fällt Claire wegen seines besonnen Auftretens sofort ins Auge. Um den Engländern zu entkommen, zieht sie mit Jamie und seinen Gefährten weiter. Auf der Burg Leoch angekommen, bestätigt sich das bereits vermutete: Sie befindet sich nicht mehr in ihrer Zeit, sondern im Jahre 1743.

    Diana Gabaldon hat einen sehr klaren und flüssigen Schreibstil, der durch bildgewaltige Umschreibungen der Landschaft, der Menschen und Pflanzen, aber auch der Kriege zwischen den Schotten und den Engländern besticht.
    Gerade ihre Charakterzeichnungen stechen für mich sehr hervor. Die Protagonisten sind mit viel Liebe gestaltet und der Leser bekommt von der Autorin auf jeden Fall das richtige Bild in den Kopf gesetzt. Ich liebe den Stolz und die Kraft der Highlander, aber auch die Unterschiede zwischen den Clans sind toll ausgearbeitet.

    „Feuer und Stein“ erzählt uns aber auch die Geschichte des „Bonnie Prince Charlie“. Charles Edward Louis Philip Casimir Stuart – was für ein Name! – war der Sohn des im Exil lebenden englischen Thronprätendenten James Francis Edward. Seine zweifelhafte Berühmtheit erlangte er nach dem Versuch einer Invasion um den schottischen und englischen Thron für die Stuarts zurückzugewinnen.
    Die Recherchearbeit ist hervorragend und Diana Gabaldon bereitet die geschichtlichen Fakten sehr spannend für ihre Leser auf.

    Für mich endet das Buch leider etwas unglücklich, mit einem abgeschlossenen und doch offenen Ende. Ich würde euch daher raten, auf jeden Fall den zweiten Band schon zu Hause haben!

  • „Der Sixtinische Himmel“ | Leon Morell

    Autor: Leon Morell
    Verlag:  Fischer Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:   561
    ISBN:  978-3-502-10224-3

    Italien, Anfang des 16. Jahrhundert. Der junge Aurelio kommt nach Rom, um dort beim größten Bildhauer seiner Zeit in die Lehre zu gehen: Michelangelo Buonarotti. Gerade hat der Papst diesen gegen seinen Willen mit einem Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle beauftragt. Missmutig macht sich der Künstler ans Werk.

    Nachts jedoch erschafft er aus weißem Mamor das Bildnis der Frau, die keiner jemals sehen darf: Die Kurtisane des Papstes. Aurelio verliebt sich unsterblich in die geheimnisvolle Schöne. Doch seine Liebe wird nicht nur ihm zum Verhängnis.

    Meine Meinung

    Ich muss euch jetzt ehrlich gestehen: Ich war weder auf Urlaub in Rom, noch habe ich mich vor diesem Buch sehr viel mit Michelangelo und seinen Werken befasst. Die Grundzüge, also das er das Fresko der Sixtinischen Kapelle gemalt hat, aber seine Passion eigentlich die Bildhauerei war, waren mir schon bewusst. Mehr allerdings nicht! Nach diesem Buch jedoch, bin ich Feuer und Flamme, mehr von diesem interessanten Mann zu erfahren …

    Leon Morell ist ein deutscher Autor, der selbst eigentlich aus der Musikbranche kommt und im Nachwort erzählt, das er durch viele Biographien und Bildbände auf Michelangelos Leben aufmerksam geworden ist und dadurch letztendlich die Idee zu diesem Buch entstand.
    Er hat einen sehr ruhigen und sachlichen Schreibweise, sehr klar und mit eher wenigen blumigen Ausschmückungen, aber dieser reißt dich als Leser voll mit. Ich bin durch die Seiten nur so geflogen! Der Autor lässt sehr viele geschichtliche Informationen aufleben, nicht nur über Michelangelo selbst, auch über die damalige Zeit in Rom, die von Pest und Hunger geprägt war. Über Papst Julius II. in seiner Rolle als Kirchenoberhaupt und Kriegsführer, aber auch über seine Auseinandersetzungen mit sich selbst. Diese Fakten verwebt er in einen spannenden Roman.

    In „Der Sixtinische Himmel“ führt uns Aurelio, ein resoluter Bauernbursche, als Haupterzähler durch die Geschichte. Das Buch beginnt in den ersten Seiten schon mit einem Paukenschlag: Söldner fallen über Aurelios Zuhause her und zwingen ihn, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er  wandert nach Rom um sich dem größten Künstler der damaligen Zeit als Lehrling anzubieten. Er ist es auch, der uns an der Entstehung des prächtigen Feskos in der Sixtinischen Kapelle teilhaben lässt. Die Beschreibung der Arbeitsabläufe und auch das Leben, das Michelangelo seinen Figuren einhaucht, sieht man beim Lesen sehr bildlich vor sich.
    Michelangelo ist ein zweifelnder und zerrissener Mann, der durch solche Intensität zum Leben erweckt wird, dass man sich ganz deutlich den Menschen vorstellen kann, der stets von seinem eigenen Perfektionismus und Ergeiz getrieben war. Ein hervorragender Visionär und Künstler, jedoch einsam, von Zweifel getrieben und zerbrechlich.

    Auch die Nebengeschichten verleihen dem Roman die notwendige Spannung und sind sehr gelungen.
    Wir begleiten die junge Margarite, die vor ihrem eifersüchtigen Ehemann fliegt und sich nun als Kurtisane in Rom ihren Namen machen und bis in die hohen und reichen Häuser Roms aufsteigen will. Aber zu welchem Preis?

    „Der Sixtinische Himmel“ ist ein spannender historischer Roman, der seinen Leser in eine vergangene Zeit entführt und die Gedanken ankurbelt!

  • „Runa“ | Vera Buck

    Autor:  Vera Buck
    Verlag:  Limes Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  608
    ISBN:  978-3-8090-2652-5

    „Man kam nicht her, um zu genesen, sondern um zu sterben“
    Paris 1884. In der neurologischen Abteilung der Salpetrière-Klinik führt Dr. Charcot Experimente mit hysterischen Patientinnen durch. Seine Hypnosevorführungen locken Besucher aus ganz Europa an. Wie ein Magier lässt der Nervenarzt die Frauen vor seinem Publikum tanzen …

    Jori Hell, ein Schweizer Medizinstudent, wittert seine Chance, an den ersehnten Doktortitel zu gelangen und schlägt das bis dahin Undenkbare vor. Als erster Mediziner will er den Wahnsinn aus dem Gehirn einer Patientin fortschneiden. Was er nicht ahnt: Runa hat mysteriöse Botschaften in der ganzen Stadt hinterlassen, auf die auch andere längst aufmerksam geworden sind. Und sie kennt Joris dunkelstes Geheimnis

    Meine Meinung

    „Runa“ ist eine dieser Geschichten, die mich in meinen Grundmauern erschüttern haben.
    Ich liebe es ja, Bücher zu lesen, die auf wahre Begebenheiten beruhen. Natürlich wurde auch in diesem Buch  wieder eine fiktive Komponente hinzugefügt, aber ich finde das tut der Geschichte an sich keinen Abbruch. Ich hab das Buch beim Stöbern entdeckt und gleich beim durchblättern, sind mir sofort bekannte Namen wie Dr. Jean-Martin Charcot, Gilles de la Tourette und Joseph Babinski aufgefallen. Alles Ärzte die zum Ende des 19. Jahrhunderts in der Klinik Salpetrière unterrichtet und/oder geforscht haben.
    Wir werden hier in eine Zeit entführt, die noch gar nicht so lange vorbei, aber dennoch so weltfremd ist, dass ich es wirklich nur schwer akzeptieren konnte!

    Das Buch an sich war wirklich toll zu lesen. Vera Buck hat einen super Job gemacht. Allein schon, was diese Frau an Recherchearbeit hier hineingesteckt haben muss: meinen allergrößten Respekt! Der Schreibstil ist bildlich und flüssig, aber auch spannend und man fliegt nur so durch die Seiten.

    Warum hat mich dieses Buch jetzt so aus der Bahn geworfen:
    Dr. Jean-Martin Charcot ist bis dato einer der berühmtesten Leiter der französischen Nervenheilanstalt Salpetrière. Er leitete die Klinik bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, die sich bis heute noch mit seinen innovativen Behandlungsmethoden an hysterischen Frauen rühmt. Jeden Dienstag konnte die pariser „High Society“ an einer öffentlichen Vorstellung teilnehmen und die „Künste“ des werten Herrn Docteur bewundern, bei der man am lebenden Versuchsobjekt beobachten konnte, wie hysterische Anfälle auslöst wurden, wie diese ablaufen und wie man sie letztendlich zu der damaligen Zeit „behandeln“ konnte. Unter hysterischen Frauen golten damals junge Frauen (um die 13-14 Jahren) die ihren, in der Regel bedeutend älteren Männer den Geschlechtsakt verweigerten, Frauen, die ihre Männer betrogen haben, Frauen die Onanierten, aber auch Frauen, die ihren Männern schlicht und einfach zu alt, zu lästig oder zu teuer wurden. Diese Frauen wurden einfach an die Klinik verkauft und man(n) war man sein Problem los!
    Vera Buck bietet ihren Leser in „Runa“ einen Einblick in genau diese Abgründe. Man verfolgt sehr anschaulich und ohne große Verschönerungen, welche mittelalterlichen Heilmethoden an diesen Frauen erprobt wurden. Mal davon abgesehen, dass diese Methoden barbarisch und grausam waren, wurden sie so plastisch und detailliert von der Autorin beschrieben, das ich beim Lesen oft pausieren und verarbeiten musste.
    Mal ehrlich? Wir befinden uns hier im Jahre 1884! Knapp 30 Jahre später, kam mein Großvater auf die Welt. Wir sind noch gar nicht so lang von dieser Zeit entfernt! Und allein diese Gewissheit hat noch sehr lange Zeit in mir rumort und gearbeitet.

    In einem zweiten Handlungsstrang verfolgen wir auch noch den ehemaligen Polizeiinspektior Lecoq der in mehreren Mordfällen ermittelt, die mit merkwürdigen Schriftzeichen zusammenhängen. Monsieur Lecoq quittiert seinen Dienst, nach dem er feststellen musste, dass er nach der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis zur Physiognomie ein Verbrechergesicht hat. Leider tut er sich sehr schwer mit seiner Karriere als Verbrecher …

    Die Geschichte Rund um das Mädchen Runa brennt sich einen wirklich in deinen Kopf ein!
    Lesenswert von der ersten bis zur letzten Seite!!