• „Erste Hilfe“ | Mariana Leky

    Autor: Mariana Leky
    Verlag: Dumont Verlag
    Genre: Roman | Humor
    Seitenzahl:  189
    ISBN: 978-3-8321-6458-4

    Die Erzählerin arbeitet aushilfsweise in einem Kleintierladen. Sie wohnt bei Sylvester, einem Frauenschwarm, der viel damit zu tun hat, sich vor seinen Verehrerinnen verleugnen zu lassen. Bei den beiden klopft eines Abends Matilda an, um zusammen mit dem größten und der Welt Unterschlupf zu suchen. Matilda hat ein Problem: Sie glaubt, den Verstand zu verlieren. Das durch Not und Zuneigung zusammengeschweißte Trio macht sich auf, ein unsichtbares Ungeheuer zu besiegen.

    Meine Meinung

    Nachdem mir ja „Die Herrenausstatterin“ von Mariana Leky schon sehr gut gefallen hat, wollte ich im März gleich mit „Erste Hilfe“ weitermachen. Dieser kurze Roman erschien 2004 und dürfte eine der ersten Geschichten der Autorin gewesen sein.

    Wir begleiten hier unsere namenlose Protagonistin, die zusammen mit ihrem besten Freund, in einer sehr ungewöhnlichen Wohngemeinschaft lebt. Sie ist ein eher stiller, ruhiger und bodenständiger Charakter, der in einer Kleintierhandlung arbeitet, nur sehr ungern ans Telefon geht und große Angst vor allerlei Prüfungen hat. Sylvester hingegen ist ein Sunnyboy wie er im Buche steht, hat ein grünes und ein blaues Auge, weiß alles besser und die Frauen liegen ihm reihenweise zu Füßen. Ein harmonisches Zweiergespann, das sich gut ergänzt und doch für jeden Blödsinn zu haben ist …
    Als eines Tages ihre Freundin Matilda total gehetzt und verstört vor der Tür steht, soll sich das Leben der Beiden jedoch schnell ändern. Noch will Matilda nicht über Nacht bleiben, aber schon bald wird sie gemeinsam mit ihrem überdimensionalen Wolfshund in Sylvesters Zimmer einziehen. Sie hat Angst verrückt zu werden!  Jetzt ist erstmal Hilfe angesagt!

    Mariana Leky besticht auch in diesem Buch wieder mit einem witzigen, aber doch gefühlvollen Schreibstil. Die langen verschachtelten Sätzen und auch die auffallend vielen Wiederholungen sind durchaus etwas gewöhnungsbedürftig, haben für mich aber auch einen Teil des Lesegenusses ausgemacht.

    „Glauben sie, ich werde verrückt?“ Als Mathilda diese Frage stellt, windet sich die angesprochene Therapeutin geschickt aus der Affäre und versucht Matilda mit der Antwort, sie hätte es nur mit verrückten Ängsten zu tun, abzufertigen. Das beruhigt nur anfänglich, denn die Freundin zeigt klare Symptome einer heftigen Angststörung: Sie kann einfach nicht mehr über die Straße gehen!
    Was für Außenstehende sicher einen gewissen Grad von Komik besitzen mag, erweist sich für Betroffene als blanker Horror. Sie kommen nicht gegen ihre Gefühle an, obwohl sie genau wissen, dass es keinen begreifbaren Grund dafür gibt. Dies erscheint ihnen tatsächlich wie der beginnende Wahnsinn!

    Anfänglich fand ich die Kombination dieser doch sehr schweren Thematik und der Komik, die die Autorin immer wieder in die Geschichte einfließen lässt doch etwas schwierig. Im Laufe des Lesens, wird aber klar, dass sehr viele Unsicherheiten unserer „Ersthelfer“ mit Hilfe von Witz und Peinlichkeit überspielt werden sollen. Die Probleme werden sehr direkt angesprochen. Mit mehr oder weniger klaren Ergebnissen, was die therapeutischen Maßnahmen betrifft. Das Geschriebene wirkt nie weinerlich oder oberlehrerhaft.

    Mariana Leky ist Realistin mit einer großen Lieben zum Trugbild …
    Sie blickt auf die kleinen Dinge ihrer Geschichte. So lange, bis sie einem fremd werden! Unwirklich erscheint gerade das, was am klarsten ist! Schleierhaft, geradezu gespenstisch!
    Und am Schluss spricht sogar der Hund …

  • „Hendrikje, vorübergehend erschossen“ | Ulrike Purschke

    Autor: Ulrike Puschke
    Verlag: dtv Verlag
    Genre: Roman | Humor
    Seitenzahl:  217
    ISBN: 978-3-423-21031-7

    Hendrikje Schmidt ist eine Pechvogelin. Sie sitzt im Gefängnis und erzählt der spröden Psychologin Frau Dr. Palmenberg ihre Geschichte. Denn eigentlich hatte Hendrikje ihr Leben mal ganz gut im Griff. Tagsüber arbeitet sie als Bedienung in einem Café, nachts malt sie Bilder. Die Aussichten auf eine Ausstellung stehen gut, da kommt es – natürlich an Weihnachten – ganz knüppeldick. Von einem Tag auf den Anderen ist Hendrikje bis über beide Ohren verschuldet, allein und totunglücklich. Und weil ihr Selbstmordversuch kläglich misslingt, wollen ihre Freunde beim zweiten Mal helfen!

    Meine Meinung

    Hendrikje! Hendrikje! Da sitzt sie nun bei der schönen Psychologin Frau Dr. Palmenberg und erklärt ihr (und uns), warum sie 1,5 Menschen umgebracht hat. Also eigentlich! … denn es gibt ja für alles ein Wenn und Aber. Und von denen gibt es in Hendrikjes Erzählungen eine Menge …
    Mehr möchte ich zum Inhalt dieses tollen Buches gar nicht erzählen. Der Klappentext verrät schon unheimlich viel und ein bisschen Überraschung möchte ich euch dann doch noch lassen!

    Ulrike Purschke hat einen wunderbar locker leichten Schreibstil, mit klaren und eher kurzen, aber aussagekräftigen Sätzen, die ein tolles Tempo vorlegen. Sehr bissig und mit einem dunkel englischen Humor. Ich muss sagen, das Buch liest sich wie von selbst und man kann einfach nicht mehr aufhören! Ein absoluter Klassiker!

    Hendrikje ist eine so wunderbare Protagonistin, wie ich sie selten in einen Buch gelesen habe. Man muss sie zwangsweise von der ersten Seite an ins Herz schließen … und möchte sie in soooo vielen Situationen einfach nur schütteln! Hendrikje hat wirklich Verständnis für Alles und Jeden: Für Ernst, der sie nach einer längeren Liebelei wegen ihrer eigenen Freundin verlässt. Für Paula, die ihr Atelier beim Lackschnüffeln abfackelt. Für „Göbels“, ihre brüllende zeternde Chefin im Café. Doch jedes Verständnis hat irgendwann sein Ende und Hendrikje möchte sich das Leben nehmen!
    Schon lange bin ich nicht mehr so gern in ein Buch hineingekrochen und habe mich dabei so wohl gefühlt. Hendrikje beschreibt Szenen aus ihrem Leben schonungslos offen und mit einer Naivität, die immer wieder die Grenze ins Komische überschreitet. Einzigartig und grotesk auf eine wunderbare Weise!

    Hast du dir schon mal ernsthaft Gedanken über den Arbeitsalltag einer Kellnerin gemacht?
    Das Mütter-Gruppen volle Windeln liegen lassen? Das Schulgruppen immer gleichzeitig abgefertigt werden müssen? Dass Gäste ihre Fußpilz-Tinktur an Ort und Stelle mit im Lokal anwenden?
    Ich nicht, aber ab heute werde ich wohl immer daran denken müssen und die Augen beim nächsten Kaffeehausbesuch offen haben …

  • „Sophia, der Tod und Ich“ | Thees Uhlmann

    Autor: Thees Uhlmann
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch
    Genre: Roman  |  Humor
    Seitenzahl:  318
    ISBN: 978-3-462-05061-5

    Was passiert, wenn eines Tages der Tot bei einem klingelt und sagt, dass man nur noch ein paar Minuten zu leben hat?

    „Sophia, der Tod und ich“ ist ein rasanter, hochkomischer, berührender Roman über all das, was im Leben wirklich zählt. Ein Roadtrip quer durch die Republik, hin zu den Menschen, die uns wichtig sind. Man liest, lacht, zerfließt vor Melancholie und freut sich, dass man dabei ist, bei dieser großartigen Sache namens Leben.

    Meine Meinung

    Das Thees Uhlmann zu meinen Lieblingssängern gehört, ist in meinem Freundeskreis mittlerweile doch bekannt. Zu meinem Geburtstag wurde ich nun mit seinem ersten Buch überrascht und musste es natürlich sofort lesen!

    Es klingelt an der Tür und im Treppenhaus riecht es nach frisch gebrühtem Kaffee. Als unser namenloser Protagonist öffnet, steht der lebendige Tod vor ihm und verkündet, dass er nur noch drei Minuten zu leben habe. Aber was wünscht man sich in den letzten Minuten seines Lebens?
    Unser Held – ein nachdenklicher, fußballliebender Altenpfleger – weiß nun wirklich nichts mit dieser Situation anzufangen. Seine Beziehung mit Sophia ist vorbei, sein Job ist so lala und er selber weiß nicht, ob sein 8-jähriger Sohn die Postkarten, die er ihm täglich schreibt, überhaupt bekommt.
    Mitten in seinen “letzten” Gedanken klingelt es erneut. Sophia erscheint und erinnert ihn, dass sie gemeinsam seine Mutter besuchen wollten. Der Tod ist völlig perplex, ist er es doch gar nicht gewöhnt, bei seiner Arbeit gestört zu werden. Irgendwas läuft hier gewaltig schief …
    Und so nimmt die superwitzige und toll geschriebene morbide Geschichte ihren Lauf!

    Wie nicht anders von dem Sänger zu erwarten, ist Thees Uhlmanns Schreibstil sehr erfrischend und leicht verständlich. Manchmal lyrisch, manchmal trocken, aber immer auf dem Boden der Tatsachen. Die Grundgeschichte ist skurril und außergewöhnlich, das Tempo eher zurückgenommen, was aber das eigene Gedankenkarussell sehr gut anregt. Der Inhalt war in manchen Szenen so dicht, dass ich einige Absätze mehrmals lesen musste.

    Trotz der Schwere des Themas, ist die Stimmung in diesem Buch näher am Leben als man ahnt!

    „Sophia, der Tod und ich“ lebt durch seine Charaktere! In jeden einzelnen hätte ich mich vom Fleck weg verlieben können, dennoch sind sie alle von Grund auf verschieden und ich musste mich beim Lesen mehr als einmal fragen, warum die Harmonie trotzdem so gut klappt!
    Ihr werdet euch selbst in mindestens einer dieser Personen wiederfinden!

    Thees Uhlmann ist ein großartiger Erzähler. Jemand der unterhalten kann, ohne den Ernst außen vor zu lassen. Oder besser gesagt, ihn geschickt zu verpacken weiß! Sein Humor ist von trockener, lässiger Art, obwohl sein Protagonist eher einen Stock im Hintern hat und der Tod in seiner überschwänglichen Lebensfreude zu platzen droht.

    Das Sterben ist schon eine ernste Sache. Vor allem für Diejenigen, die zurückbleiben! Und doch ist er allgegenwärtig! Aber vorher bietet uns das Leben so viele Möglichkeiten es in vollen Zügen zu genießen. Und genau das ist es, was Thees Uhlmann in seinem Buch vermittelt. Einem Roman, der vor Leben nur so strotzt!

  • „Der wunderbare Massenselbstmord“ | Arto Paasilinna

    Titel im Original: „Hurmaava joukkoitsemura“
    Autor: Arto Paasilinna
    Aus dem Finnischen übersetzt von Regine Pirschel
    Verlag: Bastei Lübbe
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  281
    ISBN: 978-3-404-17070-8

    „Denkst du an Selbstmord? Du bist nicht allein!“

    So lautet ein ungewöhnlicher Anzeigentext, der auf überraschend heftiges Interesse stößt. Niemals hätte der gescheiterte Unternehmer Onni Rellonen mit der Existenz so vieler Gleichgesinnter gerechnet, als er beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Aus einem zunächst vagen Vorhaben entwickelt sich ein konkreter Plan: Ein Bus wird gechartert, um an einsamer Stelle gemeinschaftlich das Leben zu beenden. Am verabredeten Tag besteigen die unternehmungslustigen Selbstmordkandidaten schließlich guten Mutes das gemietete Gefährt – und starten ihre einzigartige Reise ohne Wiederkehr …

    Meine Meinung

    Wenn sich eine Gruppe vom Leben tief enttäuschter Menschen trifft, um zumindest im Tod nicht einsam zu sein und sich deshalb zum gemeinschaftlichen Selbstmord verabredet, klingt das im ersten Augenblick nicht sonderlich witzig. Doch auf Arto Paasilinna ist Verlass!

    „Denkst du an Selbstmord? Hab keine Angst, du bist nicht allein. Wir sind noch mehr, die wir die gleichen Gedanken und sogar erste Erfahrungen haben. Vielleicht können wir helfen.“
    Mit dieser ungewöhnlichen Anzeige machen Onni Rellonen und Hermanni Kemppainen auf einen etwas ungewöhnlichen Verein aufmerksam, deren Vorsitzende sie sind. Getroffen haben sich die beiden Männer an Mittsommernacht in einer Scheune, wo sie – unabhängig von einander – ihrem Leben ein Ende setzen wollten. Sie kommen ins Gespräch und überlegen, wie sie sich selbst und auch Gleichgesinnten helfen können. So entstand die Idee eines Massenselbstmordes!
    Auf ihre Anzeige hin erhalten sie über 600 Antworten, was nicht nur Oberst Kemppainens Organisationstalent überfordert, einige Teilnehmer drängt der Tod doch sehr, daher wird flugs ein Bus gechartert und eine Tour zum Nordkap geplant, denn wo könnte man schöner sterben …?

    Ich habe bis jetzt ja nur wenige finnische Autoren gelesen und auch „Der wunderbare Massenselbstmord“ war mein erstes Buch, das ich von Arto Paasilinna las, aber selbst bei mir kam das finnische Lebensgefühl an. Der Autor beschreibt seine Landsleute wirklich auf den Punkt und hat eine ganz große Gabe die Schärfe aus einer tragischen Situation herauszunehmen.

    Arto Paasilinna stellt uns in diesem Buch seine traurigen Helfen vor. Eine Truppe schräger Vögel, die einem mit jeder Seite ans Herz wachsen. Gemeinsam treten sie zur letzten Reise an, jedoch bevor man aus der Welt scheidet, sollte man diese wenigstens mal gesehen haben. So beginnt ein spannender Roadtrip quer durch Finnland, Norwegen und Deutschland, wo ein schräges Abenteuer das nächste ablöst und man als Leser einfach laut mitlachen muss.

    Nein, dies ist kein Roman, der ernsthaft auf die Problematik suizidgefährdeter Menschen eingeht.
    Und ja, auch bei Themen wie Tod und Sterben ist Humor erlaubt.

    Auffällig in diesem Buch, sind die kräftigen Seitenhiebe auf die Gesellschaft und insbesondere die staatlichen Einrichtungen, in denen es auch beachtlich menschelt. Da spielt es keine Rolle, dass der Roman überwiegend in Finnland spielt, die menschlichen Strickmuster sind bis auf unbedeutende Abweichungen flächendeckend die gleichen.
    Der Autor versteht es, ein ernstes Thema in einer sehr unterhaltenden, dabei aber nie oberflächlichen oder schulmeisterlich belehrenden Art und Weise zu beleuchten und dabei noch großartig zu unterhalten.

    Der Schreibstil ist sehr fließend, obwohl ich anfänglich doch sehr mit den kurzen und knappen Sätzen kämpfen musste. Die Protagonisten kommen klar und deutlich rüber und wirken dabei nie künstlich. Ich finde den Humor in diesem Buch einfach erfrischend, nicht gewollt witzig sondern gut gepaart mit traurigen, witzigen und makaberen Nuancen.

    Sterben kann durchaus eine unterhaltsame Angelegenheit sein, wenn man in der passenden Gesellschaft ist und man die Sache dabei nicht so ernst nimmt! Das war sicher nicht mein letzter Roman von Arto Paasilinna!

  • „Die Herrenausstatterin“ | Mariana Leky

    Autor: Mariana Leky
    Verlag: Dumont Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  207
    ISBN: 978-3-8321-6165-1

    Katja Wiesberg verschwimmt die Welt vor Augen. Ihr Mann ist fort, sie ist ihren Job los und allein. Da sitzt auf einmal ein Herr auf dem Rand ihrer Badewanne. Und noch ein Fremder taucht auf: ein Feuerwehrmann, der behauptet, zu einem Brand gerufen worden zu sein. Mit entwaffnender Zutraulichkeit nisten die beiden sich in Katjas Leben ein, und eine abenteuerliche Dreiecksgeschichte nimmt ihren Lauf …

    Meine Meinung

    Die allgemein etwas unschlüssige Übersetzerin Katja Wiesberg trifft während ihrer Zahnbehandlung auf Jakob. Ein selbstsicherer und doch sensibler Zahnarzt, der sie von der ersten Sekunde an fasziniert. Schon bald werden die Beiden ein glückliches Paar und heiraten, aber das Zusammenwohnen ist so gar nicht Jakobs Sache, er zeltet lieber in Katjas Garten. Wie sich bald herausstellt, hält Jakob auch von Treue nicht sehr viel. Aber bevor die Beiden noch über Scheidung nachdenken können, beendet ein Verkehrsunfall Jakobs Leben und Katjas Ehe. Und eigentlich auch alles Andere!
    Nach Jakobs tot verliert Katja jeglichen Sinn für die Realität. Daher ist sie auch gar nicht groß überrascht, als eines Abends Herr Blank auf dem Rand ihrer Badewanne sitzt und versucht, sie aus ihrem seelischen Tief herauszuholen. Leider ist der gute Mann selbst bereits verstorben! Als dann auch noch der Feuerwehr Armin mit seiner Obsession für Karatefilme in ihr Leben tritt, scheint das Chaos perfekt. Die beiden Männer werden für die nächsten Wochen ihre ständigen Begleiter auf dem Weg zurück ins Leben.

    Mariana Lekys Schreibstil ist wirklich einzigartig! Einfachen, aber doch aussagekräftig und präzise. Sie schmückt ihre Sätze nur sehr selten aus, daher wirken diese etwas hart und bockig, die fulminante Aussagekraft ihres Schreibens kommt dadurch aber definitiv beim Leser an. Die Sprache ist oft spartanisch, auch das macht einen besonderen Reiz aus. „Die Herrenausstatterin“ war mein erstes Buch der Autorin und ich fand es großartig.

    Die Autorin kombiniert starke Szenen, die mich durchaus zum nachdenken gebracht haben und einen absolut grandiosen Humor. Beides sehr fein nuanciert und gezielt auf dem Punkt gebracht. Die subtile Ironie macht das Buch zu einem abgründigen Vergnügen!

    Ich habe mich beim Lesen schon einige Male gefragt, ob es den toten Blank nun wirklich gibt oder ob er nur ein Hirngespinst Katjas ist, mit dessen Hilfe sie mit Jakobs Tod fertig wird. Ein Wackelkontakt mit der Realität, wie Armin es sehr treffend im Buch genannt hat. Im Endeffekt spielt das aber überhaupt keine Rolle, denn wenn man sich auf die Geschichte einlässt, dann ist sie einfach so.

    Besonders gut hat mir die Idee gefallen, Ralph McQuincey, einen fiktiven Karatefilmdarsteller aus den Achtzigern und Armins großes Idol, einen kleinen Gastauftritt zu verschaffen. Die Szenen sind sehr sehr lustig und machen deutlich, dass definitiv nicht nur Katja einen kleinen Schlag in der Realität hat.

    Ich wurde durch ihrem Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“ auf Mariana Leky aufmerksam, der sie auch sicher zu einer der bekanntesten deutschen Autorinnen der letzten Jahre gemacht hat. Daher ist es für mich erstaunlich, dass ihre davor erschienen Romane eher vor sich dümpeln und vom breiten Publikum noch nicht entdeckt wurden. Leute, lest Mariana Leky!

  • „Anton hat kein Glück“ | Lars Vasa Johansson

    Titel im Original: „Den stora verklighetsflyken“
    Autor: Lars Vasa Johansson
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Ursel Allenstein & Antje Rieck-Blankenburg
    Verlag: Wunderlich Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  414
    ISBN: 978-3-8052-0387-6

    Mit 45 Jahren ist Anton am Tiefpunkt seiner Karriere. Die Kartentricks des professionellen Zauberers reißen nicht einmal mehr das Publikum im Seniorenheim aus den Sesseln. Auch privat läuft es alles andere als rund, aber Anton ist fest davon überzeugt, dass es irgendwann aufwärts geht – bis zu der Mittsommernacht, die alles verändert! Im Wald begegnet Anton einem seltsamen Mädchen, das ihn bittet, sieben Blumen zu pflücken. Doch dazu hat er weder Zeit noch Lust, und die Kleine stapft beleidigt von dannen. Kein gutes Zeichen! Denn in Wahrheit ist das Mädchen eine Waldfee!

    Meine Meinung

    „Anton hat kein Glück“ ist der Debütroman des schwedischen Drehbuchautors und Musikers Lars Vasa Johansson. Eine märchenhafte Erzählung, die mir von der ersten Seite an gute Laune bereitet hat.

    Anton feiert seinen 45. Geburtstag alleine auf einer Raststätte, unterwegs zu einem Auftritt als Zauberer. Nicht nur, dass sich seine Karriere am absoluten Tiefpunkt befindet, er hat keine Freunde, keine Familie und natürlich auch kein Geld. Kein Wunder, Anton ist der größte Egoist aller Zeiten und ein noch größere Jammerlappe. Er nörgelt über alles und jeden und niemand kann es ihn Recht machen. Schon seit vielen Jahren meidet er die Menschen in seiner Umgebung und bevorzugt nur seine eigene Gesellschaft. So pendelt er von einem Seniorenheim zum Nächsten um dort seine Zaubertricks zu zeigen. Das alles ändert sich nach einen Verkehrsunfall, bei dem Anton mitten auf der Straße mit eine rote Sofa zusammengeprallt …

    Anton ist ein absolut mitreißender Charakter. Trotz seiner Überheblichkeit war er mir von der ersten Minute an sympathisch. Durch die Rückblenden in seine Vergangenheit lernen wir ihn sehr gut kennen und auch wenn ich seinen Höhenflug nicht toll fand, konnte ich seine Beweggründe doch irgendwie verstehen.

    Anton glaubt natürlich ans Glück, aber vor allem an sein eigenes Glück! Und er hat ganz genaue Vorstellungen, wie Dieses auszusehen hat: Ein schickes Auto, ein tolles Haus, schöne Frau und haufenweise Geld! Realistisch, ganz klar! Nach den Erlebnissen der letzten Tage schwindet seine Überzeugung jedoch recht schnell und die Realität trifft ihn wie ein Schlag. Nicht nur, dass es verdammt weh tut, sich seine eigenen Fehler einzugestehen. Anton muss sein eigenes Glück neu definieren und geht dabei weit in seine Vergangenheit zurück.
    Lars Vasa Johansson springt mit viel Fantasie zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft seines Protagonisten hin und her und verknüpft die einzelnen Erzählstränge mit viel Witz und Sarkasmus. Die Geschichte wurde in keinem Kapitel schwerfällig oder gar langweilig. Ganz im Gegenteil musste ich mir sehr oft das Lachen verkneifen. Ich konnte in den peinlichen Situationen so gut mitleiden … und die Odyssee nimmt wirklich ungeahnte Ausmaße an!

    Auch die äußeren Details der Geschichte fand ich gut konstruiert. Jeder magische Charakter hat seine eigene Geschichte, die sich wiederum toll mit den Menschen und den anderen Fabelwesen verknüpft. Diese undursichtigen Gefahren halten die Spannung hoch.
    Auch Antons neue Bekanntschaft Jorma, der sich auf einer Liebesquest befindet, überzeugt mit Genie und Wahnsinn.

    Der Schreibstil ist flüssig, einfach und leicht zu lesen. Die zu Beginn noch etwas bedrückende Stimmung hellt sich schnell auf und bleibt bis zum Ende magisch. Die Sprache ist bittersüß. Sarkasmus ja, aber in gut abgewogenen Portion!

    Ein wunderbares Buch für alle, die ihre Abendstunden gern fernab der sicheren Normalität verbringen.

  • „Das Rosie-Effekt“ | Graeme Simsion

    Titel im Original: „The Rosie-Effect“
    Autor: Graeme Simsion
    Aus dem australischen Englisch übersetzt von Annette Hahn
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman  |  Humor
    Don Tillman, Band 2
    Seitenzahl:  557
    ISBN: 978-3-596-52118-0

    Don Tillman, sozial ungelenker Wissenschaftler auf der Suche nach der großen Liebe, hat es geschafft: sein „Ehefrau-Projekt“ ist abgeschlossen, er lebt mit der umwerfenden Rosie glücklich verheiratet in New York. Und dann gibt es Neuigkeiten:  Rosie ist schwanger!

    Selbstverständlich will Don der perfekteste werdende Vater sein, den es je gab …

    Meine Meinung

    Herzlich Willkommen in der Welt von Rosie und Don! Es geht weiter …

    „Der Rosie-Effekt“ spielt einige Monate nach seinem Vorgängerband. Der kühle und rational denkende Genetiker Don Tillman und seine ihm frisch angetraute Ehefrau Rosie, sind nach New York gezogen. Dort möchte sie ihre Doktorarbeit zu Ende schreiben und Don hat eine gute Anstellung an ihrer Universität bekommen. Natürlich arbeiten die Beide auch noch immer in einer Cocktailbar und mixen Drinks, eine Leidenschaft, die Rosie in Don geweckt hat und dem beide treu geblieben sind!
    Doch schon nach wenigen Monaten wird Rosie schwanger! Von der Neuigkeit unerwartet getroffen, schlittert Don mit seiner schwangeren und damit nur noch halb so geduldigen Frau in eine handfeste Ehekrise …

    Mit seiner bereits im ersten Buch hervorstechenden logischen Denkweise macht sich Don an die Lösung seiner Probleme. Da ihm empathische Fähigkeiten weitgehend fremd sind, kann er nur durch Beobachtung lernen oder sich das nötige Wissen anlernen. „Der Rosie-Effekt“ ist genau wie sein Vorgänger aus Dons Ich-Perspektive geschrieben, so kann der Leser sehr gut nachvollziehen, welche Gedanken ihn bei seinen Weg beschäftigen. Mit Hilfe von Auflistungen und Tabellen erfasst er alles strukturiert und ohne emotionale Störungen. Ihr könnt euch denken, dass er mit seinem ungewöhnlichen Verhalten oft aneckt und in so manch schwierige Situation kommt …
    Eigentlich sollte man meinen, dass Rosie ihn mittlerweile kennt und seine Reaktionen einschätzen kann, doch Dons allerwichtigstes Anliegen ist es, allen Stress von ihr fern zu halten um seinem Kind nicht zu schaden. So beginnt Don viele Dinge zu verheimlichen und Missverständnisse auf allen Ebenen sind vorprogrammiert!

    Auch in diesem Buch hat der Autor auffallend gut über den Charakter und die Gedankengänge eines Aspergerpatienten recherchiert und geschrieben. Schon im ersten Band konnte Graeme Simsion mich überzeugen und das zieht sich hier grandios weiter. Das Tolle darin ist, dass er den Humor und nicht das Defizitäre einer Asperger-Persönlichkeit hervorhebt. Menschen mit Asperger haben es in unserer Gesellschaft nicht immer leicht und erfahren viel Ablehnung aufgrund ihrer Art zu Denken, zu Fühlen und zu Handeln. Gleichzeitig werden sie aber auch oft wegen ihrer Inselbegabung bewundert.
    Graeme Simsions Humor wirkt weder beleidigend noch zieht er Situationen unangenehm ins Lächerliche.

    Auch Dons Männerrunde Gene, George und Dave sorgen für manch humorvolle Szene!

    Insgesamt gesehen ist „Der Rosie-Effekt“ ein würdiger Nachfolger für „Das Rosie-Projekt“!

  • „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“ | Walter Moers

    Autor: Walter Moers
    Mit Illustrationen von Walter Moers und Lydia Rode
    Verlag: Penguin Verlag
    Genre: Weihnachten  |  Humor
    Seitenzahl:  104
    ISBN: 978-3-328-60071-8

    Hildegunst von Mythenmetz, der berühmteste Schriftsteller Zamoniens, erzählt von einem kuriosen Ritual namens „Hamoulimepp“, das in seiner Heimat, der legendäre Lindwurmfeste, alljährlich abgehalten wird. Die Ähnlichkeiten dieses Ereignisses zu unserem Weihnachtsfest sind verblüffend. Mythenmetz berichtet von Rostigen Gnomen und Hamoulimeppwurmzwergen, von schwer verdaulichem Essen, Feuerlosem Feuerwerk und vielem mehr.

    Meine Meinung

    Was kann es schöneres geben, als Weihnachten mit Hildegunst von Mythenmetz auf der Lindwurmfeste zu verbringen …

    In diesem Buch finden wir einen Briefwechsel zwischen dem zamonischen Literaturgiganten Hildegunst von Mythenmetz mit dem Privatgelehrten und Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer, in dem der Lindwurm seinem Freund den Brauchtum und die Traditionen des „Hamoulimepp“ näher erklärt. Er spricht über die zweifelhafte Herkunft des Hamouli und des Mepp, über verschiedenste Rituale und Gewohnheiten bis hin zu den wenigen positiven Aspekten, die Hildegunst dieser dreitägigen Feierlichkeit abgewinnen kann.

    Darüber hinaus erfährt man auch viele spannende Informationen über das Leben auf der Lindwurmfeste, welche Vegetation vorherrscht und inwiefern die rostigen Gnome Ähnlichkeiten mit den Hamoulimeppwurmzwergen aufweisen.

    Wenn man näher auf die Schreibweise in diesem Buch eingeht, lesen wir hier eine besser strukturierte Mythenmetz’sche Abschweifung, deren plaudernder Tonfall wieder die unverwechselbare Handschrift und literarischen Eigenheiten der Lindwürmer trägt.
    Mythenmetz‘ Hass und Verachtung gleiten sehr schnell ins Komische ab und das von ihm erzeugte Drama ist ein perfektes Stilmittel, um seine Abneigung gegen (fast) alles, was Hamoulimepp ausmacht zu verdeutlichen.

    Wie immer brilliert Walter Moers nicht nur durch seine gekonnte Übersetzung aus dem Zamonischen, auch die Gestaltung ist wieder mal ein Traum: Der Brief ist in der Optik eines Pergamentbriefes auf schwarzem Grund abgebildet, mit einigen wenigen Fußnoten (die Anmerkungen des Übersetzers enthalten), sowie Bildtafeln, die das von Hildegunst Beschriebene illustrieren und ein Bild zu den Beschreibungen liefern.

    Dieser Briefwechsel ist etwas für jeden, der mit einem Augenzwinkern auf Weihnachten schauen möchte und sich genug für fremde Kulturen interessiert, um auch zamonische Bräuche kennenlernen zu wollen!

  • „Das Rosie-Projekt“ | Graeme Simsion

    Titel im Original: „The Rosie-Project“
    Autor: Graeme Simsion
    Aus dem australischen Englisch übersetzt von Annette Hahn
    Verlag: Fischer Verlag
    Don Tillman, Band 1
    Genre: Roman  |  Humor
    Seitenzahl:  432
    ISBN: 978-3-536-52083-1

    Don Tillman will heiraten. Allerdings findet er menschliche Beziehungen oft höchst verwirrend und irrational. Was tun? Don entwickelt das „Ehefrau-Projekt“: Mit einem 16-seitigen Fragebogen will er auf wissenschaftlich exakte Weise die ideale Frau finden. Also keine, die raucht, trinkt, unpünktlich oder Veganer ist.
    Und dann kommt Rosie! Unpünktlich, Barkeeperin, Raucherin, Offensichtlich ungeeignet. Aber Rosie verfolgt ihr eigenes Projekt:  Sie sucht ihren biologischen Vater. Dafür braucht sie Dons Kenntnisse als Genetiker. Ohne recht zu verstehen, wie ihm geschieht, lernt Don staunend die Welt jenseits beweisbarer Fakten kennen und stellt fest: Gefühle haben ihre eigene Logik!

    Meine Meinung

    „Das Rosie-Projekt“ steht nun schon seit langer Zeit in meinem Regal und wartet darauf gelesen zu werden. Graeme Simson liefert uns hier eine Geschichte, die den Leser zwar zum Schmunzeln, aber in weiterer Folge doch sehr zum Nachdenken bringt.

    Die Welt der Gefühle ist für Don Tillman, einem hochintelligenten Professor für Genetik, wie ein weißer Fleck auf einer Landkarte. Er liebt seinen durchstrukturieren und minutiös verplanten Alltag und hat so überhaupt kein Verständnis für notorische Zuspätkommer, Raucher oder Frauen mit gefärbten Haaren. Jede Form von Chaos ist ihm ein Graus! Dennoch hat er den Gedanken bzw. die gesellschaftliche Konvention einer Eher noch nicht ad acta gelegt. Er startet das Projekt „Ehefrau“!
    Als die Barkeeperin, Raucherin und bekennende Vegetarierin Rosie in sein Leben tritt begibt er sich in das größte Abenteuer seines Lebens, in dem ein Highlight das Nächste jagt … und seine strukturierte Welt sehr schnell zum bröckeln beginnt!

    Bereits seit Sheldon Cooper versuchen uns die Medien, Menschen mit einer schweren sozialen Disharmonie, die auf die Diagnose Autismus bzw. Asperger zurückzuführen ist, auf einfachen Weg näher zu bringen. Auch wenn wir gerne über sie schmunzeln, sollen sie ihre Zuschauer und Leser für die Bedürfnisse, die mit diesem Krankheitsbild einhergehen sensibilisieren!
    Auch Graeme Simsion zeigt uns aus Dons Sicht die Welt und hält unserer eigenen Reaktion den Spiegel vor. Und das auf eine Weise, die mit Dons staubtrockenen, emotionslosen Kommentaren jede Menge Emotionen, aber auch Verständnis hervorruft. Allein schon die Erklärung, warum man nach 15:48 Uhr keinen Kaffee mehr trinken sollte, hat mich schwer überzeugt!

    Don glaubt von sich selbst, er sei nicht fähig Gefühle zu haben. Auch bezeichnet er sich selbst als sozial nicht kompatibel, da er mangels Gesellschaft sich nicht mit dessen Verhaltensregeln auskennt und sie auch gar nicht versteht. Aber genau diese Ausrutscher und seine ungewöhnliche Art die Welt zu organisieren machen Don sehr sympathisch und haben mir wieder in einigen Situationen die Augen geöffnet. Auf der einen Seite schafft sein Verhalten Unverständnis, auf der anderen Seite Bewunderung und je weniger die Menschen seine Eigenarten beachten, umso normaler wird Don!

    Der Schreibstil des Autors gefällt mir sehr gut. Er ist direkt, treffend, flüssig und ausdrucksstark!

    „Das Rosie-Projekt“ ist ein kluges Buch über Beziehungen, wie sie zustande kommen und der Tatsache, dass es schön ist, ein bisschen anders und verrückter zu sein!