• „Der Schlüssel“ | Junichiro Tanizaki

    Titel im Original: „Kagi“
    Autor: Junichiro Tanizaki
    Aus dem Japanischen von Sachiko Yatsushiro und Gerhard Knauss
    Verlag: Kein & Aber Verlag
    Genre: Roman | Klassiker
    Seitenzahl:  187
    ISBN: 978-3-0369-5748-7

    Unfähig, über ihre geheimsten Sehnsüchte und Fantasien zu sprechen, beginnen ein Professor und seine Frau jeweils, ein Tagebuch zu führen – ahnend, dass der andere das Geschriebene lesen wird. Auf die Weise können sie ich Inneres ungehemmt offenbaren: Sie legen Geständnisse ab, provozieren, täuschen bewusst. Und tatsächlich kommen sich die beiden dadurch körperlich wieder näher – nur ganz anders, als sie es sich vorgestellt haben.

    Meine Meinung

    „Der Schlüssel“ von Junichiro Tanizaki ist eines der Bücher, die ich im Februar zum Geburtstag bekommen hatte und ich schätze genau so lange lag dieses Buch jetzt schon auf meinem Lesetischchen, damit ich möglichst bald dazu greife.

    Wir lernen hier einen 65-jährigen Professor kennen, der vor 20 Jahren mit seiner attraktiven Frau zwangsverheiratet wurde. Seine Gattin ist zwar um vieles jünger, wurde aber sehr streng im alten japanischen Glauben erzogen und wirkt für ihren Mann in sexuellen Angelegenheiten immer sehr prüde und zurückhaltend, womit er nie wirklich umzugehen wusste. Zu Beginn des neuen Jahres fangen beide an, ein Tagebuch zu führen, ganz bewusst um den Anderen zu animieren und die intimsten Geheimnisse preiszugeben.

    Ich habe noch nicht viele japanische Autoren gelesen, aber bei so manchen war ich von ihren verschachtelten und anstrengenden Schreibstilen überfordert. Vielleicht hat mich das so lange vor der Geschichte zurückschrecken lassen, zumal der Autor auch noch 1886 geboren wurde und der Roman 1956 erstmals erschienen ist. Aber ganz im Gegenteil glänzt dieses Buch durch seine sehr flüssige Schreibweise. Es ist nicht sehr bildgewaltig und eher klar im Ausdruck, aber das hat mich auf keiner einzigen Seite stocken lassen. Zudem ist der gesamte Roman in Form eines Tagebuches verfasst und daher wirklich angenehm zu lesen.

    Da wir die Einträge der beiden Ehepartner abwechselnd zu lesen bekommen, nimmt die Geschichte eine tolle Dynamik an und bringt einem dadurch auch die Charaktere näher. Die Beiden schildern ihre Sicht der Dinge und man bekommt immer mehr ein Gefühl dafür, in was für einer verfahrenen Situation sie stecken. Es war erschreckend, wie die Ansichten der Eheleute trotz so vieler gemeinsamer Jahre auseinander gehen, aber auch spannend dabei zu sein, wie sich ihre Beziehung durch die Führung der Tagebücher verändert.

    Ich kann verstehen, dass dieser Roman 1956 als absolut „skandalöses Werk“ gehandelt wurde und gerade in Japan zu einigen Sittenstreitigkeiten geführt hat. Selbst wenn viele sexuelle Szenen nur angedeutet und dem Leser durch schöne Umschreibungen vermittelt wurden, bleibt genug Raum für eigene Gedanken.

    „Der Schlüssel“ zeigt sehr deutlich, wie wichtig es ist, in einer Partnerschaft offen und ehrlich mit seinem Gegenüber zu reden. Schon allein deshalb ist der Roman zeitlos!

  • „A Single Man“ | Christopher Isherwood

    Titel im Original:  „A Single Man“
    Autor:  Christoper Isherwood
    Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Melle
    Mit einem Vorwort von Tom Ford
    Verlag:  Hoffmann und Campe
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  159
    ISBN:  978-3-455-40501-9

    Ein einziger Tag wie ein ganzes Leben!

    Jim ist tot, und ohne Jim ist alles nichts. George, 58, Literaturprofessor in einer kalifornischen Kleinstadt kann den Verlust seines Partners nicht verwinden. Sein Leben ist bloß noch Routine, und vor ihm liegt ein Tag wie jeder andere. Doch eine nächtliche Begegnung mit einem Studenten bringt seine Welt durcheinander …

    Meine Meinung

    George ist ein eleganter Mann mittleren Alters, gebildet, mit scharfer Zunge und sehr gutem Geschmack. Man könnte sagen, er repräsentiert nach außen hin den guten spießbürgerlichen Briten!
    Er ist ein 58-jähriger Literaturprofessor, der bis vor kurzem noch in einer glücklichen homosexuellen Beziehung gelebt hat, der nun aber ein auffällig konservatives und strukturiertes Leben führt, doch was in seinem Inneren vorgeht, bleibt für seine Umgebung verborgen!
    Wir tauchen in Georges Kopf ein und erleben mit ihm gemeinsam einen einzigen Tag. Wir stehen morgens mit ihm auf, sehen wie sein Blick durch sein kleines Häuschen streift und ihn fast jeder Gegenstand an seine große Liebe Jim erinnert. Sein Tod interlässt in George nur eine dumpfe Taubhaut, die jedoch jedes andere Gefühl für ihn nichtig macht.

    „A Single Man“ ist eine Geschichte voll Einsamkeit und Sehnsucht.
    Christopher Isherwood schafft es, diesen Roman schlicht und manchmal fast sachlich zu erzählen. Er vermeidet dabei jede Form von triefender Rührung. Dem Autor gelingt es in ganz besonderer Art und Weise das äußere Geschehen durch Georges Gedankengänge zu kommentieren und ihnen eine neue Ebene zu geben. Wir zerpflücken dabei kommunikative Prozesse und zeigen die täglichen Machtspiele auf, die sich in jedem Gespräch und in jeder Geste für ihn stellen.
    Auch die Müdigkeit, die George empfindet wird sichtbar. Es war der lebhafte Jim, der ihn aus seinem täglichen Trott und aus seiner Gedankenwelt herausholen konnte.

    Die Neuübersetzung dieser zeitlosen und eleganten Geschichte war dringend notwendig, denn dieses Buch sollte auf keinen Fall in Vergessenheit geraten!

    Der Roman wurde 1964 erstmals von Christopher Isherwood veröffentlicht und ist für mich ganz zu Recht zu einem Klassiker geworden. Zu diesem Status hat ihm sicher auch der gelungene gleichnamige Film von Tom Ford aus dem Jahre 2009 verholfen, mit Colin Firth in der Hauptrolle!