• „Von der Erde zum Mond“ | Jules Verne

    Titel im Original:  „De la terre á la lune“
    Autor:  Jule Verne
    Aus dem Französischen übersetzt von William Matheson
    Mit Illustrationen von H. de Montaut
    Verlag:  Diogenes Verlag
    Genre:  Science-Fiction
    Seitenzahl:  302
    ISBN:  978-3-257-20242-7

    Drei kühne Astronauten starten in Florida, unweit vom heutigen Cape Canaveral, werden von einem Teleskop auf Mount Palomar beobachtet und landen programmgemäß im Pazifischen Ozean:  Jules Verne hatte 1865 fast alles vorausgesehen. Dem Dichter der Mondfahrt zu Ehren heißt heute ein Mondkrater ›Jules Verne‹

    Meine Meinung

    Jules Verne ist für mich einer der zeitlosesten Autoren und ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Selbst nach mehr als 100 Jahren lohnt es sich noch, seine Zukunftsromane zu lesen.

    „Von der Erde zum Mond“ beginnt kurz nach dem Ende des Bürgerkriegs in den USA. Die großen Köpfe der Rüstungsindustrie haben sich zu dem sagenumwobenen „Gun Club“ zusammengeschlossen. Deren treffen dienen nicht nur zum Wissensaustausch, nachdem die Mitglieder mit ihrer neugewonnen Zeit nicht wirklich viel anzufangen wissen, spinnt deren Vorsitzender Barbicane einen neuen Plan:  Die USA sollte versuchen denn Mond zu erobern!
    Schnell werden erste Pläne ausgearbeitet und dank dem Zusammenspiel zwischen Ballistik und Astronomie kann in Florida bereits nach wenigen Wochen mit dem Bau einer riesigen Kanone – der „Columbiade“ – begonnen werden. Doch die Pläne ändern sich, als der Franzose Micheal Ardant nach Amerika reist um die Kanonenkugel zu besteigen. Er möchte freiwillig als erster Mensch die Reise zum Mond anzutreten!

    Jules Verne starb 1905, er konnte also noch nichts von den technischen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts und der heute realen Raumfahrt erahnen. Und doch bietet dieser Roman einen unterhaltsamen Einblick in das Denken und Fühlen technisch interessierter Menschen, deren Vorstellungskraft weit über das Wissen des 19. Jahrhunderts hinaus geht.

    Die Geschichte des „Gun Clubs“ verpackt  den Spott auf den damaligen Militarismus und würzt ihn mit übertriebenem Nationalbewusstsein. Wobei sich dieser Roman hauptsächlich mit den Vorbereitungen der Mondreise befasst. Er bietet also viel Platz für technische Hintergründe, waghalsige Mutmaßungen und mathematische Spielereien! Alles in Allem genau die richtigen Zutaten, die die heutige Science-Fiction ausmachen. Noch heute nimmt diese Geschichte weitreichenden Einfluss auf das Genre und inspiriert Menschen ihren Vorstellungen freien Lauf zu lassen.

    „Von der Erde zum Mond“ liest sich wunderbar leicht. Nicht zuletzt dank des ironischen Humors in der Geschichte. Anders als gewohnt wirken Jules Vernes Beschreibungen in diesem Buch aber etwas flach. Es mag vermutlich dem technischen Thema geschuldet sein, dass seine Erzählungen ein wenig ihre Bildhaftigkeit einbüßen. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte mitreißend und ich habe immer wieder auf den nächsten skurrilen Einfall gewartet.

    Wer gerne fantastische Reisen erleben möchte ohne dabei den Bezug zur Realität zu verlieren, der ist mit diesem Buch wirklich gut bedient!

  • „Frühlings Erwachen“ | Frank Wedekind

    Autor:  Frank Wedekind
    Verlag:  Insel Verlag
    Genre:  Klassiker
    Seitenzahl:  115
    ISBN:  978-3-458-34842-9

    Frank Wedekinds grandioses Drama über erwachende Sexualität und ihre Unterdrückung durch eine verlogene Sexualmoral gehört zu den meistgespeilten Stücken auf deuten Bühnen.

    „Gib mir Antwort – Wie geht es zu? – Wie kommt das alles? – Du kannst doch im Ernst nicht verlangen, dass ich bei meinen 14 Jahren noch an den Storch glaube?“

    Meine Meinung

    Bereits seit vielen Jahren gehört Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ in Österreich zur Schullektüre und auch ich kam damals in den Genuss dieses Klassikers.

    Die Geschichte spielt zum Ende des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen die Gymnasiasten Melchior und Moritz, sowie die 14-jährige Wendla. Die Jugendlichen suchen verzweifelt und teilweise leider auch vergeblich nach Antworten auf die drängenden Probleme der Pubertät.

    Alles beginnt scheinbar harmlos: Wendlas Mutter möchte, dass sich ihre Tochter etwas erwachsener kleidet. Allein schon, weil sie um ihre erotische Wirkung auf Männer fürchtet. Auch wenn die 14-jährige noch ihre Kinderkleider bevorzugt, versucht sie dennoch das Mysterium des Kinderkriegens zu lüften. Derweilen interessieren sich Moritz und Melchior brennend für ihre eigenen Körper, anstatt sich lieber auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren. In vertraulichen Gesprächen gesteht sie sich gegenseitig ihre Unsicherheiten. Der noch unaufgeklärte Moritz möchte gerne mehr wissen und Melchior verspricht ihm seine Unterstützung. Aber auch in der Schule wird es immer enger für Moritz, seine Versetzung in die nächste Schulstufe ist stark gefährdet!
    Das Leben spielt leider nicht immer gerecht. Am Ende sind zwei der Schüler tot und der Dritte im Bunde wird von seinen Eltern in eine Erziehungsanstalt geschickt …

    Frank Wedekind ist ein großartiger Schriftsteller, der seiner Zeit definitiv voraus war. Mutig prangert er die bornierten Moralvorstellungen im ausgehenden 19. Jahrhundert und das daraus entstehende Leid an. Auch wenn das Theaterstück mittlerweile zu den Klassikern zählt, hat „Frühlings Erwachen“ auch heute nicht an Aktualität verloren. Schulische oder sexuelle Probleme unserer Jugendlichen, denen Eltern und Lehrer mit fehlendem Einfühlungsvermögen oder Gleichgültigkeit entgegen treten, sowie mangelnde Aufklärung, führen auch im Jahre 2019 noch oft zu menschlichen Tragödien.

    Das Buch besteht aus drei Akten, die wiederum in mehrere Szenen aufgeteilt werden. Dadurch und durch die wechselnden Erzählstränge kam für mich absolut keine Langeweile auf. Die Sprache ist epochenbedingt natürlich etwas schwieriger, aber wenn man sich erstmal auf den Sprachstil eingelassen hat, findet man sehr schnell in einen guten Lesefluss.
    Das Ende bleibt ziemlich offen und lässt noch sehr viele Fragen im Raum stehen. Ich finde aber dennoch, dass es für diese Geschichte keinen besseren Ausgang hätte geben können …

  • „Die göttliche Komödie“ | Dante Alighieri

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original: „La Divina Commedia“
    Autor: Dante Alighieri
    Aus dem Italienichen übersetzt von Ida und Walther von Wartburg
    Mit Illustrationen nach Holzschnitten von Gustave Doré
    Verlag: Manesse Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  1.193
    ISBN: 978-3-7175-2460-1

    Dante Alighieris Jenseitsreise mit dem berühmten drei Stationen „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ ist eine grandiose Gesamtschau der Weltgeschichte, die zwischen den Epochen steht und die Renaissance in ihrem kommenden Glanz bereits erahnen lässt.

    Meine Meinung

    Um “Die göttliche Komödie” von Dante bin ich ja schon eine Ewigkeit herumgeschlichen, habe mich aber nie an einen so alten Klassiker heran getraut. Als ich dann aber sah, dass der Manesse Verlag eine Neuauflage herausgebracht hat, musste ich einfach zuschlagen …

    Die „Divina Commedia“ erzählt in 100 Vers-Gesängen Dantes eigene Reise ins Jenseits. Diese führt ihn in die neunfach unterteilte Hölle, dann durch den ebenfalls neunfach unterteilten Läuterungsberg und schließlich bis ins Paradies. Bei seinen Erlebnissen begegnen ihm Hunderte von verstorbenen Personen. Zum Teil unbekannt, aber auch Verwandte und Bekannte aus Dantes Leben. Auch Berühmtheiten aus Mythologie und Geschichte, wie Odysseus, Paris und Achilles, sowie Kleopatra, Cicero und viele viele mehr bekommen hier ihren Platz!
    „Die göttliche Komödie“ ist ein einmaliges Werk, das an einigen Stellen berauschende Schönheit, an anderen aber auch eine wahnsinnige Klugheit besitzt …

    Die Ausgabe des Manesse Verlags ist absolut gelungen! Ida und Walther von Wartburgs Übersetzung aus den frühen 60er Jahren gilt durchaus als eine der besten und auch klassischsten. Auf den ersten Seiten, gibt es eine kleine Einleitung über die Dichtung der damaligen Zeit und über Dante Alighieris Leben. Ebenso bekommen wir zu den teilweise doch sehr schwerfälligen Gesängen immer wieder kleine Textpassagen, die Hintergründe erklären und das Lesen des Buches deutlich erleichtern. Natürlich muss man sich erst in die schwerfällige Sprache und den Rhythmus der Gesänge hinein fuchsen, aber nach 20-30 Seiten bin ich wirklich gut und flüssig voran gekommen.

    „Die göttliche Komödie“ zählt definitiv zu den Büchern, die man im Laufe seines Lebens gelesen haben muss. Ein Buch zum genießen, das aber auch erstmal auf seinen Leser wirken und sich entfalten muss. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Gesänge in jedem Menschen ganz unterschiedliche Emotionen und Betrachtungsebenen auslösen. Ich habe beim Lesen immer wieder Pausen gebraucht, in denen ich die letzten Seiten auf mich wirken ließ. Dadurch konnte ich auch mit einem ganz neuen Blickwinkel weitergelesen …

    Zusätzlich beinhaltet die Ausgabe aus auch noch 48 wunderschöne Illustrationen, die Holzschnitte von Gustave Doré zeigen. Dies unterstützt die Qualität des Buches und sorgt nochmal dafür, dass Dantes Geschichte korrekt von seinem Leser erfasst wird!

    Ein Klassiker der Weltliteratur, der in meinen Augen einfach gelesen werden muss!

  • „Stoner“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Stoner
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Robben
    Verlag: dtv Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  349
    ISBN: 978-3-423-28015-0

    Willam Stoner, Anfang des 20. Jahrhunderts als Sohn armer Farmer geboren, sollte Agrarwissenschaften studieren, doch stattdessen entdeckt er seine Leidenschaft für Literatur und wurde schließlich Professor an der Universität im Mittleren Westen der USA.

    Die Geschichte eines, so scheint es, genügsamen Lebens, in dem sich dennoch alles spiegelt:
    Leidenschaft, Freundschaft, Ehe, Familie, Krieg und Liebe!

    Meine Meinung

    Bei „Stoner“ handelt es sich um eine Wiederentdeckung des Autors. Der Roman erschien erstmals 1965 und ist für mich einer der großen modernen Klassiker!

    Die wohl treffendste Zusammenfassung dieses ergreifenden Romans liefert uns John Williams selbst. Er schreibt …
    „William Stoner begann 1910 im Alter von 19 Jahren an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn …“ Dieser nüchterne und doch sehr beklemmende Berichtstil zieht sich kontinuierlich durch die nächsten 350 Seiten des Buches!

    William Stoners Geschichte strotzt vor knappen und teilweise staubtrockenen Formulierungen, in denen sein Leben mit ungeschminkter Schnörkellosigkeit beschrieben wurde … und doch ist es für mich einer der gefühlvollsten und eindringlichsten Romane!
    Sein Schicksal verläuft grundsätzlich ruhig und leider überwiegend freudlos. Ohne spezielle Höhepunkte, aber mit Serien von Misserfolgen und Tiefschlägen. So scheitert seine Ehe mit der schönen, aber der Liebe nicht fähigen Edith. Seine geliebte Tochter Grace entwickelt sich zur Trinkerin. Die tiefgehende Liebesbeziehung, die ihm dann doch einen Funken Glück beschert, muss er abrupt beenden. Seine Karriere verharrt durch Intrigen auf niedrigem Niveau, sein Schaffen bleibt bescheiden und seine Gesundheit ist am Ende ruiniert.

    John Williams umfangreicher Wortschatz und seine Gefühl für Sprache, ja seine Sprachgewalt faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Er beschreibt die Ereignisse mit Worten, die den Leser fesseln und ihn das Geschehen intensiv mit erleben lassen. Besonders zum Ende des Buches kommt seine ganze Sprachfülle zur Geltung, als er die letzte Lebensphase von Stoner schildert.

    Diese Tragik hat nur noch Einer in der amerikanischen Literatur so eindringlich beschrieben wie John Williams, nämlich sein Zeitgenosse Richard Yates in seinem Roman „Zeiten des Aufruhrs“. Auch dieses Werk wurde bei seinem Erscheinen kaum beachtet. Wollte man damals von soviel Tragik in einer schönen, auf Erfolg getrimmten Welt nichts wissen?

    Schriftstellerisch ist „Stoner“ von John Williams ganz große Erzählkunst!

  • „Der Schlüssel“ | Junichiro Tanizaki

    Titel im Original: „Kagi“
    Autor: Junichiro Tanizaki
    Aus dem Japanischen von Sachiko Yatsushiro und Gerhard Knauss
    Verlag: Kein & Aber Verlag
    Genre: Kurzroman | Klassiker
    Seitenzahl:  187
    ISBN: 978-3-0369-5748-7

    Unfähig, über ihre geheimsten Sehnsüchte und Fantasien zu sprechen, beginnen ein Professor und seine Frau jeweils, ein Tagebuch zu führen – ahnend, dass der andere das Geschriebene lesen wird. Auf die Weise können sie ich Inneres ungehemmt offenbaren: Sie legen Geständnisse ab, provozieren, täuschen bewusst. Und tatsächlich kommen sich die beiden dadurch körperlich wieder näher – nur ganz anders, als sie es sich vorgestellt haben.

    Meine Meinung

    „Der Schlüssel“ von Junichiro Tanizaki ist eines der Bücher, die ich im Februar zum Geburtstag bekommen hatte und ich schätze genau so lange lag dieses Buch jetzt schon auf meinem Lesetischchen, damit ich möglichst bald dazu greife.

    Wir lernen hier einen 65-jährigen Professor kennen, der vor 20 Jahren mit seiner attraktiven Frau zwangsverheiratet wurde. Seine Gattin ist zwar um vieles jünger, wurde aber sehr streng im alten japanischen Glauben erzogen und wirkt für ihren Mann in sexuellen Angelegenheiten immer sehr prüde und zurückhaltend, womit er nie wirklich umzugehen wusste. Zu Beginn des neuen Jahres fangen beide an, ein Tagebuch zu führen, ganz bewusst um den Anderen zu animieren und die intimsten Geheimnisse preiszugeben.

    Ich habe noch nicht viele japanische Autoren gelesen, aber bei so manchen war ich von ihren verschachtelten und anstrengenden Schreibstilen überfordert. Vielleicht hat mich das so lange vor der Geschichte zurückschrecken lassen, zumal der Autor auch noch 1886 geboren wurde und der Roman 1956 erstmals erschienen ist. Aber ganz im Gegenteil glänzt dieses Buch durch seine sehr flüssige Schreibweise. Es ist nicht sehr bildgewaltig und eher klar im Ausdruck, aber das hat mich auf keiner einzigen Seite stocken lassen. Zudem ist der gesamte Roman in Form eines Tagebuches verfasst und daher wirklich angenehm zu lesen.

    Da wir die Einträge der beiden Ehepartner abwechselnd zu lesen bekommen, nimmt die Geschichte eine tolle Dynamik an und bringt einem dadurch auch die Charaktere näher. Die Beiden schildern ihre Sicht der Dinge und man bekommt immer mehr ein Gefühl dafür, in was für einer verfahrenen Situation sie stecken. Es war erschreckend, wie die Ansichten der Eheleute trotz so vieler gemeinsamer Jahre auseinander gehen, aber auch spannend dabei zu sein, wie sich ihre Beziehung durch die Führung der Tagebücher verändert.

    Ich kann verstehen, dass dieser Roman 1956 als absolut „skandalöses Werk“ gehandelt wurde und gerade in Japan zu einigen Sittenstreitigkeiten geführt hat. Selbst wenn viele sexuelle Szenen nur angedeutet und dem Leser durch schöne Umschreibungen vermittelt wurden, bleibt genug Raum für eigene Gedanken.

    „Der Schlüssel“ zeigt sehr deutlich, wie wichtig es ist, in einer Partnerschaft offen und ehrlich mit seinem Gegenüber zu reden. Schon allein deshalb ist der Roman zeitlos!