• „Mind Control“ | Stephen King

    Titel im Original: „End of Watch“
    Autor: Stephen King
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Kleinschmidt
    Verlag: Heyne Verlag
    Genre: Thriller
    Bill Hodges-Trilogie, Band 3
    Seitenzahl: 523
    ISBN: 978-3-453-27086-2

    Brady Hartsfield, verantwortlich für das Mercedes-Killer-Massaker mit vielen Toten, liegt seit fünf Jahren in einer Klinik für Neurotraumatologie im Wachkoma. Seinen Ärzten zufolge wird er sich nie erholen. Doch hinter all dem Sabber und In-die-Gegend-Starren ist Brady bei Bewusstsein – und er besitzt tödliche neue Kräfte, mit denen er unvorstellbares Unheil anrichten kann, ohne sein Krankenzimmer je zu verlassen.

    Ex-Detective Bill Hodges, der pensionierte Ermittler aus Mr. Mercedes und Finderlohn, kann die Selbstmordepidemie in der Stadt mit Brady in Verbindung bringen, aber da ist es schon zu spät!

    Meine Meinung

    Brady Hartsfield ist zurück. Der Attentäter, dessen Amokfahrt acht unschuldige Menschen das Leben gekostet hat und zahlreiche Schwerverletzte hinterließ. Bill Hodges, Holly Gibney und Jerome Robinson waren es, die den Verrückten schlagkräftig aus dem Gefecht gezogen haben. Nachdem Bill mit seinen Freunden die erfolgreiche Privatagentur „Finders Keepers“ gegründet hat, werden er und Holly erneut an einen Tatort gerufen: Bills ehemaliger Partner bei der Polizei setzt die Beiden auf einen doppelten Suizid an. Und die Opfer sind für ihn keine Unbekannten …
    Schnell wird klar, dass es nicht bei diesen zwei Toten bleiben wird. Täglich gehen neue Meldungen von Selbstmorden ein. Warum findet Holly bei jedem Toten eine alte Spielkonsole, die eigentlich schon lange vom Markt genommen wurde?

    Seit fünf Jahren liegt Brady Hartsfield nun mit einem Schädel-Hirn-Trauma in einer neurologischen Klinik im Koma … und das ist auch gut so. Aber allmählich fallen dem Klinikpersonal eigenartige Veränderungen im Verhalten ihres Patienten auf, die Bill Hodges auf den Plan rufen. Er ist überzeugt davon, dass Hartsfield das personifizierte Böse und selbst in seinem komatösen Zustand äußerst gefährlich ist!

    Natürlich ist „Mind Control“ wieder ein Plot, den so nur Stephen King ersinnen und spannend zu Papier bringen kann. Anfangs habe ich mich doch sehr darüber geärgert, dass der Titel und der Klappentext schon so viel von der eigentlichen Geschichte verraten. „Mind Control“! Ein Wachkomapatient, der übersinnliche Fähigkeiten entwickelt. Da ist es nicht schwer zu erraten, wer oder was hintern den vermeintlichen Suiziden steckt. Dennoch muss ich eingestehen, dass die Geschichte viel cleverer und strategischer durchdacht wurde, als man nach den Ereignissen in „Finderlohn“ und den Angaben am Buch schon mitbekommt!

    In diesem Buch kehrt der Autor wieder zu seinen Ursprüngen zurück. Vieles hat mich an seine früheren Geschichten erinnert, die auch für mich noch immer zu den Besten gehören! Stephen King schreibt wie gewohnt bildlich und mitreißend. In einer wunderbar fließenden und intensiven Sprache, die genau die richtige Spannung und Atmosphäre aufkommen lässt. Aber auch die für ihn so typische Leichtigkeit ist in diesem Buch wieder zu finden.

    Der Autor verzichtet in „Mind Control“ nahezu auf Nebencharaktere, er fokussiert sich voll und ganz auf seine vier Protagonisten. Zumindest entstand für mich schon sehr schnell dieser Eindruck, da auch Nebenschauplätze deutlich weniger Raum als gewohnt bekommen. Dadurch ist die Geschichte sehr geballt.

    Treten die beiden Vorgänger noch eher als Kriminalromane bzw. Thriller mit Schwerpunkt auf der Ermittlerfigur an den Plan, überwiegen im letzten Teil die übernatürlichen Elemente, die ganz klar in Richtung Horror weisen. Er arbeitet mit leisem Grauen, das sich allmählich in die Geschichte einschleicht und von ihr Besitz ergreift …

  • „Finderlohn“ | Stephen King

    Titel im Original: „Finders Keepers“
    Autor: Stephen King
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Kleinschmidt
    Verlag: Heyne Verlag
    Genre: Thriller
    Bill Hodges-Trilogie, Band 2
    Seitenzahl: 539
    ISBN: 978-3-453-27009-1

    John Rothstein hat in den 60er Jahren drei berühmte Romane veröffentlicht, seither aber nichts mehr. Morris Bellamy, ein psychopathischer Verehrer, ermordet den Autor aus Wut über dessen „Verrat“. Seine Beute besteht aus einer großen Menge Geld und einer wahren Fundgrube an Notizbüchern. Bellamy vergräbt vorerst alles – und wandert dummerweise für ein völlig anderes Verbrechen in den Knast. Jahre später stößt der junge Peter Saubers auf den „Schatz“ und unterstützt mit dem Geld bis auf den letzten Cent seine Not leidende Familie.

    Nach 35 Jahren Haft wird Bellamy entlassen. Er kommt Peter, der nun die Notizbücher zu Geld machen will, auf die Spur und macht Jagd auf ihn.

    Meine Meinung

    Es gibt Bücher, die prägen ihre Leser maßgeblich. Man ist vernarrt in die Protagonisten, die Geschichte ist immer wieder von Neuem spannend und obwohl man sie schon etliche Male gelesen hat, findet man immer wieder neue Details. Genau so geht es Pete Saubers, nachdem er im Wald einen Koffer mit Notizbüchern von John Rothstein findet und die darin enthaltenen Manuskripte liest. Auch Morris Bellamy, der 30 Jahre zuvor in das Haus des Autors einbricht und diesen ermordet, war ein ebenso großer Narr. Warum dann diese irre Tat? Nicht des Geldes wegen, sondern aus reiner Rache, da der Autor Morris‘ Lieblingscharakter nicht das von ihm gewünschte Ende gegönnt hat. Er war es, der die Notizbücher im Wald vergrub, die viele Jahre später Peter Saubers Leben so maßgebend verändern sollen …

    Ich verfolge die Hodges-Trilogie wirklich gern. Dass Stephen King klassischen Horror schreiben kann, wissen wir ja schon, aber auch bei Kriminalgeschichten macht er seine Sache wirklich hervorragend. Zudem ist dieses Buch für mich eine Art Liebeserklärung an das geschriebene Wort. Wir alle haben Bücher, aus denen wir Kraft schöpfen und bei denen wir es lieben über weitere Erzählstränge zu sinnieren. Das macht für mich einen großen Teil der Magie von „Finderlohn“ aus.

    Bill Hodges ist nach den vergangenen Geschehnissen wieder ruhiger geworden und hat einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Er arbeitet als privater Ermittler bei seiner Firma „Finders Keepers“ wo auch Holly als seine große Unterstützung mit von der Partie ist. Nachdem sie vor einigen Jahren gemeinsam Brady Hartsfield zur Strecke gebracht haben, hat sich ihre platonische Freundschaft gefestigt und auch Holly blüht in ihrem neuen selbstständigen Leben auf. Sie verliert immer mehr ihre Schüchternheit und ist anderen Menschen gegenüber offener und fröhlicher.

    „Mr. Mercedes“ war ein spannender Kriminalroman mit starken Thriller-Elementen. „Finderlohn“ geht hier einen Schritt zurück und bedient sich nur noch sehr wenigen Krimivorgaben. Es wirkt dadurch beinahe stärker, obwohl die Spannung im ersten Buch deutlich größer war. Dennoch solltet ihr die Geschichte nicht unterschätzen. Es ist ein grandios geschriebenes Buch über Wahnsinn, Abhängigkeit und einer großen Portion jugendlichen Leichtsinns, das fesselt und für ausreichend Tiefgang sorgt.

    Natürlich setzt Stephen King auch in diesem Buch wieder auf einige kingtypischen Elemente, wie beispielsweise auf den Schriftsteller, der eine große Rolle spielt, aber auch das er sich für das Kennenlernen der Protagonisten und der Geschichte sehr viel Zeit nimmt, aber genau das erwarte ich mir mittlerweile von diesem Autor und macht für mich das „Heimkommen“-Gefühl aus!

  • „Das Buch der Spiegel“ | Eugene O. Chirovici

    Titel im Original: „The Book of Mirrors“
    Autor: Eugene O. Chirovici
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von S. Morawetz & W. Schmitz
    Verlag: Goldmann Verlag
    Genre: Kriminalroman
    Seitenzahl:  375
    ISBN: 978-3-442-31449-2

    Die Wahrheit ist die Lüge des Anderen!

    Als der Literaturagent Peter Katz ein Manuskript des Autors Richard Flynn erhält, ist er sofort fasziniert. Flynn schreibt über die Ermordung des berühmten Professors Joseph Wieder und Princeton vor einem Vierteljahrhundert. Der Fall wurde nie aufgeklärt und Katz vermutet, dass der mittlerweile unheilbar kranke Flynn den Mord gestehen oder den Täter enthüllen wird. Doch Flynns Text endet abrupt …

    Meine Meinung

    Stell dir vor, du liest ein Manuskript, das einen Mord beschreibt. Doch es ist kein gewöhnlicher Krimi, denn das Opfer hat es wirklich gegeben und der Mord ist tatsächlich in den 80er Jahren passiert. Die Polizei konnte den Täter nie überführen!

    Dem Literaturagenten Peter Katz wurde ein Manuskript zugesandt. Darin schreibt Richard Flynn über die Ermordung Professor Joseph Wieders, einer herausragenden Gestalt in der Geschichte der amerikanischen Psychologie. Die Erzählung spielt 1987 an der Universität Princeton und bricht leider unmittelbar nach der Ermordung ab. Von einem zweitem Teil fehlt jede Spur …
    Dennoch:  Peter Katz ist Feuer und Flamme. Da der Autor vor einigen Wochen an einem Krebsleben verstorben ist, bittet er kurzerhand  seinen Freund John Keller, seine journalistischen Netzwerke nach Kontakten von damals Beteiligten, Informanten oder Ermittlungsergebnissen zu durchforsten. Doch was John zutage fördert, hat mit der Geschichte Richards zwar oberflächlich zu tun, gleicht aber eher einem Zerrspiegel dessen, was Richard geschrieben hatte. Doch aller guten Dinge sind bekanntlich Drei und so kommt der pensionierte Polizist Roy Freeman ins Spiel, der damals mit der Ermittlung betreut wurde. Roy soll das Rätsel im Spiegelkabinett schließlich entwirren, denn nichts ist so, wie es zu Beginn erscheint.

    In „Das Buch der Spiegel“ bekommen wir es mit einem sehr kniffligen Kriminalfall zu tun, der auf den ersten Blick und in seinen Motiven sehr eindeutig wirkt. Bei genauerem Hinsehen ist der Roman jedoch psychologisch sehr hintergründig und facettenreich. Alles und Nichts kann wahr sein, da nach der langen Zeit vieles nicht mehr bewiesen werden kann.

    Die eigentliche Ermittlungsarbeit war für mich gar nicht so spannend. Was „Das Buch der Spiegel“ so besonders macht, ist der Umgang mit der Wahrheit und wie unterschiedlich Tatsachen wahrgenommen werden! Wie diese durch Zeit und Erinnerungen manipuliert werden können, bis es so viele Versionen von ihr gibt, dass es fast unmöglich wird, zum Ursprung zurückzukehren. Diese Manipulation geschieht oftmals unbewusst und ist ein Mechanismus des menschlichen Verstandes um sich zu schützen. Beim Lesen fragt man sich dennoch, welche Wahrheit nun wirklich die Richtige ist … und welcher der Erzähler unbewusst durch eine rosarote Brille beeinflusst wird?!

    Eugene O. Chirovici schreibt sehr ruhig und klar, mit vielen Hintergedanken und großem Sprachschatz. Er bringt mit Tempo die Geschichte voran und fügt immer wieder ein neues verwirrendes Mysterium hinzu und fördert so das Unglück, das wohl alle befällt, der manipulativen Kraft Joseph Wieders zu tun hatten. Selbst die Ermittler in der Gegenwart sind noch von seinem Einfluss betroffen.
    Zusätzlich hat mich das Wechseln der Erzählperspektiven besonders mitgerissen. Der Autor gestaltet seine Erzähler sehr unterschiedlich und interessant.

    Ein unterhaltsamer und spannender Roman, der das interessante Thema „Wie funktioniert unser Gedächtnis“ mit Krimi-Elementen verbindet und dem Leser klar macht, dass nicht alles, was als Lüge daher kommt, auch wirklich eine Lüge sein muss.

  • „Die Gestirne“ | Eleanor Catton

    Titel im Original: „The Luminaries“
    Autor: Eleanor Catton
    Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz
    Verlag: btb Verlag
    Genre: Kriminalroman
    Seitenzahl:  1.036
    ISBN: 978-3-442-75479-3

    Neuseeland zur Zeit des Goldrausches! Als der Schotte Walter Moody im Januar 1866 nach schwerer Überfahrt nachts in der Hafenstadt Hokitika landet, trifft er im Rauchzimmer des örtlichen Hotels auf 12 Männer, die eine Serie ungelöster Verbrechen verhandeln:
    Ein reicher Mann ist verschwunden, eine opiumsüchtige Prostituierte hat versucht sich das Leben zu nehmen und eine ungeheure Summe Geld wurde im Haus eines stadtbekannten Säufers gefunden. Und Moody wird bald in dieses Geheimnis hineingezogen

    Meine Meinung

    „Die Gestirne“ von Eleanor Catton ist ein großartiger Roman mit einem besonders breiten und auffälligen Panorama. Goldgräbermythos, Western, Abenteuerroman, Seemannsgarn und nicht zuletzt Kriminalroman. In diesem Buch ist wirklich für jeden Leser etwas dabei.

    Wir schreiben den 27. Januar 1866 und stolpern sogleich ins Raucherzimmer des Crown Hotel in Hokitika, Neuseeland, wo wir einem Zusammentreffen von zwölf absolut ungleichen Männern beiwohnen. Diese möchten die Zusammenhänge und Geschehnisse rund um die tragische Nacht des 14. Januar auf den neuesten Stand bringen. Als unerwartet Walter Moody, ein junger, gutaussehender Schotte mit Ambitionen zum Goldgräber dazu stößt nimmt das Treffen einen unerwarteten Verlauf. Ohne es zu ahnen wird er in den Reigen aus Betrügereien, Mord und Todschlag hinein gezogen. Aber was ist wirklich an besagtem Tag passiert?

    Zwei Wochen vor dem Zusammentreffen stirbt der Einsiedler und Säufer Crosbie Wells an scheinbar natürlichen Umständen, daher wird sein Besitz auch möglichst schnell weiter veräußert. Da findet sich plötzlich Gold im Wert von mehr als 4.000 Pfund in seinem Haus und die Witwe des Verstorbenen taucht gefühlt aus dem Nichts auf. Als diese gegen den Verkauf des Besitzes vorgeht, fragen sich nun endgültig alle Beteiligten, wem das Gold wirklich gehört? Und was haben die betroffenen Personen mit dem Verschwinden des reichsten Mannes in Hokitika zu tun? Ist auch er tot?

    Der Sprachstil ist klar und verständlich. Die langen, verschachtelten Sätze passen perfekt zu der historischen Zeit und die bildlichen Beschreibungen runden das ganze Erzählbild sehr harmonisch ab. Dennoch muss man sich konzentrieren, um keine Einzelheiten zu verpassen. Zu Beginn erfahren wir breit gefächert den Grundstock aus den unterschiedlichen Sichtweisen der 13 Männer, die sich dann immer feiner zu drehen und verweben beginnen, bis sie am Kern der Geschichte angelangt sind. Wir springen von einem interessanten Gespräch zum Nächsten. Geheimnisse werden enthüllt und doch werden wir wegen der komplexen Verstrickungen nicht klüger!
    Leider geht der endgültigen Auflösung dann doch ein bisschen die Luft aus, aber sie ist durchaus verständlich und schlüssig.

    Da wir es hier mit 13 Haupterzählern und noch einigen wichtigen Protagonisten mehr zu tun haben, sollte man den Roman nicht nebenbei lesen. Er fordert definitiv seine Aufmerksamkeit!

    Neben meinem Lob, muss ich aber doch gestehen, dass ich den astrologischen Aspekt des Buches nicht ganz verstanden habe. Zu Beginn eines jeden der zwölf Teilstücke gab es ein Diagramm mit Figuren und Sternzeichen. Außerdem wurde zu Beginn jedes Kapitels jeweils eine Planetenkonstellation genannt. Ich kenne mich mit sowas leider überhaupt nicht aus, daher konnte ich daraus nichts ablesen.

  • „München“ | Robert Harris

    Titel im Original: „Munich“
    Autor: Robert Harris
    Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Müller
    Verlag: Heyne
    Genre: Thriller
    Seitenzahl:  426
    ISBN: 978-3-453-27143-2

    September 1938. Die Welt auf Kollisionskurs.
    Wie weit muss man gehen, wenn man den drohenden Krieg verhindern will?

    In München treffen sich Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier zu einer kurzfristig einberufenen Konferenz. De Weltfrieden hängt am seidenen Faden. Im Gefolge des britischen Premierministers Chamberlain befindet sich Hugh Legat aus dem Außenministerium, der ihm als Privatsekretär zugeordnet ist. Auf der deutschen Seite gehört Paul von Hartmann aus dem Auswärtigen Amt in Berlin zum Kreis der Anwesenden. Insgeheim ist er Mitglied einer Widerstandszelle gegen Hitler!

    Meine Meinung

    Dass Robert Harris ein Meister seines Fachs ist, müsste bei den Lesern von Kriminalromanen und Thrillern ja bereits weitgehend bekannt sein. In „München“ verarbeitet er die vergeblichen Bemühungen, Adolf Hitler von dem drohenden Krieg abzuhalten.

    Die Handlung erstreckt sich über die vier ereignisreichen Tage der Münchner Konferenz im September 1923. Wir begleiten unsere beiden Protagonisten Hugh Legat auf der britischen und Paul von Hartmann auf der deutschen Seite, welche sich von ihrem gemeinsamen Studium in Oxford kennen. Legat arbeitet als einer der Privatsekretäre des englischen Premierministers Neville Chamberlain, der die schwierige und angespannte Lage mit seiner Appeasement-Politik retten möchte. Aber auch im deutschen Lager bekommt der Führer Gegenwind: Von Hartmann hat sich einer Gruppe Aufständiger angeschlossen, die scharf gegen die machthungrige und unmenschliche Führung der Nationalsozialisten vorgehen möchten.

    Robert Harris liefert seinen Lesern auch in diesem Buch wieder gut recherchierte und sehr klar ausformulierte Schilderungen der politischen Lage der damaligen Zeit. Ich würde dieses Buch nicht als Thriller, sondern eher als Kriminalroman bzw. als Politkrimi einstufen, ist das Buch doch sehr ruhig und sachlich gehalten. Wer aber Interesse an den Vorgängen des 2. Weltkrieges zeigt, wird hier voll auf seine Kosten kommen.

    Der Roman ist klug konstruiert, spannend erzählt und besticht durch seine klare und schöne Sprache. Die Recherchen sind glaubwürdig, detailreich und zeugen von der Kenntnis des Autors. Auch Atmosphärisch ist er sehr dicht. Die Spannung wurde vielschichtig aufgebaut und hielt mich trotz der sachlichen Ruhe sehr gut in der Geschichte!

    Robert Harris gelingt es wie keinem Anderen, historische Ereignisse und Personen zum Leben zu erwecken!

    Der spätere Premierminister Churchill zieht mit seinem Kommentar ein sehr klares Resümee aus der Münchner Konferenz: „Sie (Neville Chamberlain) hatten die Wahl zwischen Krieg oder Schande. Sie haben die Schande gewählt und werden den Krieg bekommen!“

  • „Der Helicopter Coup“ | Jonas Bonnier

    Titel im Original: „Helikopterranet“
    Autor: Jonas Bonnier
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Susanne Dahmann
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Kriminalroman
    Seitenzahl:  402
    ISBN: 978-3-492-05847-6

    Ein Helicopter. Vier Räuber. Ein Bankdepot.

    Am frühen Morgen des 23. September 2009 schrillt im Stockholmer Banknotendepot der Alarm. Auf dem Dach des Gebäudes ist ein Helicopter gelandet. Der ehrgeizige Plan: Die 40 Millionen Kronen aus dem Depot holen und fliehen, bevor die Polizei erscheint. Doch der Plan der vier Räuber ist nicht perfekt – und deshalb nimmt der spektakuläre Überfall eine unglaubliche Wendung.

    Meine Meinung

    „Der Helicopter Coup“ ist der neueste Roman von Jonas Bonnier und beruht auf einer wahren Begebenheit. Ein unterhaltsamer Kriminalroman mit dem Flair von „Ocean`s Eleven“!

    Im September 2009 detoniert auf dem Dach des Stockholmer Banknotendepots ein Sprengstoffpaket. Es eröffnet vier Räubern den Weg zu 40 Millionen Kronen. Der Plan sieht vor, mit einem Helicopter zu fliehen und die Beute an einem sicheren Ort zu verstecken. Mehr als acht Monate haben Niklas Nordgren, Michel Malouf, Sami Farhan und Zoran Petrovic in die minutiöse Vorbereitung des Millionencoups gesteckt, der als spektakulärster Raubüberfall in der Geschichte Schwedens eingehen soll. Doch damit ist die Beute noch nicht in Sicherheit …

    Jonas Bonnier erzählt die Geschichte chronologisch von der Planung bis zur Ausführung, mit vielen spannenden und mitreißenden Wendungen, die beweisen, dass die Realität oft spannendere Geschichten schreibt, als es mancher Autor kann. Bei der Recherche für diesen Thriller fuhr er sogar direkt zu den verurteilten Täter um diese nach dem Ende ihrer Gefängnisstrafen ausführlich zu befragen. Allerdings sollte man sich vorab bewusst sein, dass das Buch nicht das gesamte Geschehen wahrheitsgetreu wiedergibt: Es ist vielmehr eine Kombination aus Realität, angereichert mit Fiktion, um ungeklärte Fragen zu beantworten, wie etwa der nach der verschollenen Beute.

    Der Autor hat eine sehr angenehme Art seine Geschichte, aber auch die Spannung darin aufzubauen. Das Tempo steigert sich langsam aber stetig und passt sich so den Geschehnissen wunderbar an. Auch die Protagonisten blieben nicht unscheinbar: Jeder hat seine eigene Geschichte und man erfährt viele Details aus deren Privatleben, aber auch die Gründe für deren Mitwirken bei dem Coup.

    Zu Beginn der Geschichte erfassen die Kapitel ganze Monate und sind dementsprechend ausführlicher. Vermutlich werden einige Leser hier auch kleine Längen finden.
    Zum Ende hin umfassen sie nur noch Stunden bzw. Minuten und wir sind direkt im Geschehen mit dabei!
    Leider gab es auch einige Handlungsstränge, deren Bedeutung ich bis heute nicht herausgefunden habe. Sie wurden irgendwann in die Handlung eingewoben und verliefen dann im Sande. Das wirkte ein bisschen chaotisch!

    Bis heute haben die vier Räuber nie über ihre Tat gesprochen, in deren atemberaubendem Verlauf es der Polizei nicht gelang, sie aufzuhalten. So sind der 23. September 2009 zu einem schwedischen Mythos und die Täter zu nationalen Helden geworden!

  • „Mr. Mercedes“ | Stephen King

    Titel im Original: „Mr. Mecedes“
    Autor: Stephen King
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Kleinschmidt
    Verlag: Heyne Verlag
    Genre: Thriller
    Bill Hodges-Trilogie, Band 1
    Seitenzahl:  590
    ISBN: 978-3-453-26941-5

    In den frühen Morgenstunden haben sich auf dem Parkplatz vor der Stadthalle Hunderte verzweifelte Arbeitssuchende eingefunden. Jeder will der Erste sein, wenn die Jobbörse ihre Tore öffnet. Im Morgendunst blendet ein Autofahrer auf. Ohne Vorwarnung pflügt er mit einem gestohlenen Mercedes durch die wartende Menge, setzt zurück und nimmt erneut Anlauf. Es gibt viele Tote und Verletzte, der Mörder entkommt!

    Noch Monate später quält den inzwischen pensionierten Detective Bill Hodges, dass er den Fall des Mercedes-Killers nicht aufklären konnte. Auf einmal bekommt er Post von Jemanden, der sich selbst der Tat bezichtigt und ein noch diabolischeres Verbrechen ankündigt!

    Meine Meinung

    Shame on me!  Natürlich war mir die Trilogie bekannt, ich nahm sie aber nie zur Hand, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass Stephen King seine Leser auch mit einem Thriller überzeugen kann! Nun kam dieses Jahr „Der Outsider“ auf den Markt und ich wurde von meinen Buchhändlern gleich vorgewarnt, dass ich unbedingt die Reihe um Bill Hodges und den Mercedes-Killer vorher lesen soll, damit ich mir nicht selbst etwas vorwegnehme. Na dann tun wir das doch mal ….

    Der Klappentext beschreibt die Ausgangssituation schon sehr präzise. In den Morgenstunden fährt ein Unbekannter mit einem gestohlenen Mercedes in eine wartende Menschenmenge. Ohne Vorwarnung reißt er die Menschen in den Tot, setzt zurück und fährt erneut drauf zu.
    Ein Jahr später sitzt der pensionierte Detective Bill Hodges auf dem Sofa und weiß sich mit seiner vielen Zeit nichts anzufangen. Seinen letzten Fall – den des Mercedes-Killers – konnten er und sein Partner nie aufklären und das macht ihn auch Monate später noch schwer zu schaffen. Da erreicht ihn ein Brief, in dem sich eben gerade Dieser zu erkennen gibt und ein Spiel mit ihm spielen möchte!

    Obwohl man von Beginn an weiß, wer der Mercedes-Killer ist, wurde die Geschichte sehr spannend erzählt! Im Wesentlichen verfolgen wir die beiden Kontrahenten Bill Hodges und Brady Hartsfield bei ihrem Schlagabtausch. Bill, der nach seiner Pensionierung in einer Krise steckt und sein Leben am liebsten beenden möchte, bekommt dank der sarkastischen Briefe des Killers neuen Aufschwung und stürzt sich mit Feuereifer in die Ermittlungen. Das diese im stillen und geheimen von Statten gehen müssen, erklärt sich von selbst!

    Stephen King macht kein großes Geheimnis um die Identität des Mörders. Wir wissen wie er heißt, wo er arbeitet und im Großen und Ganzen sogar, was seine Probleme sind. Warum es trotzdem irrsinnig spannend bleibt, liegt an der Tatsache, dass es unser Protagonist Bill Hodges nicht weiß!
    King verstand es immer schon meisterlich einen am Innenleben von Psychopathen teilhaben zu lassen. Er zelebriert das „Katz und Maus“-Spiel, lässt den Leser selbst mitfiebern und nicht nur einmal an krassen Situationen verzweifeln.

    Brady Hartsfield war für mich ein hervorragender Bösewicht! Dank seiner Vorgeschichte, bleibt er für den Leser sehr menschlich, auch wenn man seinen Wahnsinn aus jeder Hauptporen dampfen sieht. Je mehr Aufmerksamkeit er von Bill bekommt (wenn auch nicht immer in der Form, die er gerne hätte), desto extremere Züge legt er an den Tag und einige Gedankengänge ließen mir regelrecht die Haare im Nacken aufstehen!

    Allgemein ist die Charakterzeichnung in diesem Buch wieder gewohnt meisterlich. Jede Person hat seine Eigenheiten, geht dem Leser nahe und hat einen guten Grund ein Teil dieser Geschichte zu sein!

    Ich war wirklich erstaunt, wie intensiv Stephen King dieses leider doch sehr aktuelle Thema umgesetzt hat!

  • „Der Distelfink“ | Donna Tartt

    Titel im Original: „The Goldfinch“
    Autor: Donna Tartt
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von R. Schmidt und K. Lutze
    Verlag: Goldmann Verlag
    Genre: Roman
    Gewinner Pulizer-Preis 2014
    Seitenzahl:
     1.022
    ISBN: 978-3-442-31239-9

    Es passiert, als Theo Decker 13 Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreckliches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Umständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück, denn sein Vater hat ihn schon längst im Stich gelassen. Theo versinkt in tiefer Trauer, die ihn lange nicht mehr loslässt. Auch das Gemälde, das seit dem fatalen Ereignis verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise abzurutschen …

    Meine Meinung

    „Der Distelfink“ von Donna Tartt ist eine tolle Charakterstudie über das Leben eines 13-jährigen Jungen, dessen Entwicklung wir in den folgenden 15 Jahren begleiten. Hier wird die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle und sozialer Begierden ausgelotet.

    Theo Decker ist 13 Jahre alt, als er seine Mutter auf tragische Weise verliert. Die Beiden waren gerade im Metropolitan Museum of Arts als eine gewaltige Explosion hunderte Menschen in den Tod reißt. Theo gehört zu den wenigen Überlebenden! Auf der Suche nach einem Ausweg aus dem zerstörten Museum nimmt er geistesabwesend das Gemälde „Der Distelfink“ von Carel Fabritius an sich, von dem seine Mutter, die jetzt irgendwo unter Schutt und Asche liegt, zuletzt so geschwärmt hat. Dieses kleine aber sehr wertvolle Gemälde ist von da an Theos heiligster Besitz und seine einzige Erinnerung an ein schönes Leben. Theo gerät zunehmend auf die schiefe Bahn: Nach dem Umzug nach Las Vegas zu seinem alkohol- und spielsüchtigen Vater findet er Halt in einer fragwürdigen Freundschaft zu einem wilden russischen Jugendlichen, der Theo in die Abgründe von Drogen und Kriminalität zieht.

    Ursprünglich hatte Donna Tartt gar nicht beabsichtigt, ihren Roman in der Kunstwelt anzusiedeln, erst die Zerstörung der Buddhastatuen in Bamiyan im Jahre 2001 gaben ihr den Anstoß dazu. Wenn auch außergewöhnlich, finde ich das Umfeld dennoch perfekt gewählt um den Spannungsbogen aufzuzeigen, in dem Theo sich bewegt. Der Umgang mit den Kunstwerken und auch das Restaurieren und Handeln von alten Möbeln machen eine sehr spezielle und schöne Stimmung. Zudem hat die Autorin einen sehr ausschweifenden und blumigen Schreibstil, der vor Details nur so trotzt. Dadurch kommt es zwar an manchen Stellen zu Längen, die für den Leser aber sehr gut zu überstehen sind.

    In dieser Geschichte gibt es sehr viele sympathische Protagonisten, die mir lange Zeit im Kopf geblieben sind, aber ehrlich gesagt gehört unsere Hauptfigur Theo Decker nicht dazu. Vermutlich mag das zum Einen an dem sehr verharmlosten Umgang mit dem Thema Drogen liegen, den ich so gar nicht nachvollziehen konnte. Zum Anderen aber auch am dargestelltem Charakter des jungen Mannes. Würde dieser persönlich vor mir stehen, ich würde ihn eher als aufgesetzt bzw. unecht und fahrig empfinden. Für mich war das jedoch kein Grund, das Buch deswegen schlechter zu beurteilen.
    Wer mir sehr zu Herzen gegangen ist, ist die Figur des James Hobart, der den 18-jährigen Theo nach seiner Rückkehr von Las Vegas nach New York bei sich aufnimmt und zu seinem Lehrherren und Ziehvater wird. Ein Gentleman wie er im Buche steht mit vielen liebevollen Zügen und Eigenheiten. So stell ich mir einen Großvater vor! Ein wahnsinnig toller Mann!

    Auch mit diesem Buch konnte mich Donna Tartt wieder von ihrem Können überzeugen. „Der Distelfink“ ist ein würdiger Vertreter der modernen Literatur und wurde nicht umsonst 2014 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

  • „Der Mann, der nicht mitspielt“ | Christof Weigold

    Autor: Christof Weigold
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch
    Genre: Kriminalroman
    1. Fall von Hardy Engel
    Seitenzahl:  629
    ISBN: 978-3-462-05103-2

    Hollywood in den Roaring Twenties: Ein wahres Sündenbabel zur Zeit der Stummfilme und der Prohibition. Rätselhafte Todesfälle erschüttern die Stadt. Mittendrin:  Ein deutscher Privatdetektiv.

    Die junge Schauspielerin Virginia Rappe stirbt unter mysteriösen Umständen nach einer Party des beliebten Komikers Roscoe „Fatty“ Arbuckle. Der Skandal droht ganz Hollywood in den Abgrund zu ziehen. Hardy Engel ermittelt in rivalisierenden Filmstudios und in der Kolonie der Deutschen rund um Universal-Gründer Carl Laemmle. Als er schließlich die Wahrheit herausfindet, die allzu viele Leute vertuschen wollen, ist nicht nur sein Leben in Gefahr …

    Meine Meinung

    Mit „Der Mann, der nicht mitspielt“ liefert uns Christof Weigold einen interessanten Kriminalroman, der im Strickmuster denen von Volker Kutscher gleicht. Mit einem lebendigen Setting, dass das Hollywood der frühen 20er Jahren in den Köpfen der Leser wieder aufleben lässt. Kernig, kantig und absolut lesenswert!

    Privatdetektiv Hardy Engel, ein gescheiterter deutscher Schauspieler, wird von der bildhübschen Pepper Murphy beauftragt, das verschwundene Starlet Virginia Rappe zu finden. Kurz darauf stirbt Virginia unter mysteriösen Umständen, nachdem sie eine Party des beliebten Komikers »Fatty« Arbuckle besucht hat. Dieser wird beschuldigt, sie brutal vergewaltigt und tödlich verletzt zu haben. Angefacht von den Boulevardzeitungen entwickelt sich der Fall zum größten Skandal der Stummfilmzeit, der ganz Hollywood in den Abgrund zu ziehen droht.

    Natürlich kannte ich schon vor diesem Roman den Begriff der „goldenen 20er Jahre“, daher habe ich mich schon sehr auf diese Geschichte gefreut. Der Fall Virginia Rappe begründet sich auf eine wahre Begebenheit und ging in die Skandalgeschichte von Hollywood ein. Noch heute scheint er nicht eindeutig gelöst. Das Buch zieht seinen Leser in einen Sumpf aus Korruption, Skandalen und Drogenrausch, aber auch Alkohol und sexuelle Ausbeutung waren damals wie heute an der Tagesordnung.

    Die Geschichte um den deutschen Einwanderer und erfolglosen Schauspieler Hardy Engel, der eher widerwillig in das Metier des Privatdetektivs einsteigt ist mit viel Detailwissen und ganz im Stil der hardboiled Krimis erzählt. Christof Weigold hat eine sehr bildliche und ansprechende Art, seine Geschichte zu erzählen. Er hat seine Vorbilder sehr gut studiert und trifft genau den Ton dieser desillusionierten und hartgesottenen Detektive. Seine Sprache ist schnell, die Dialoge direkt und zynisch. Die Handlung ist komplex ausgearbeitet und die vielen Anspielungen auf reale Ereignisse und Personen der Filmgeschichte machen den Detektivroman auch zu einem Buch für Filmfreunde.