• „Ruhm“ | Daniel Kehlmann

    Autor:  Daniel Kehlmann
    Verlag:  Rowohlt Verlag
    Genre:  Kurzgeschichten
    Seitenzahl:  203
    ISBN:  978-3-498-03543-3

    Ein Schriftsteller mit einer unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen. Ein verwirrter Internetblogger. Ein Abteilungsleiter mit Doppelleben. Ein berühmter Schauspieler, der lieber unbekannt wäre. Eine Dame auf der Reise in den Tod!
    Ihre Wege kreuzen sich in einem Geflecht von Episoden zwischen Wirklichkeit und Schein. Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen – komisch, tiefgründig und elegant erzählt!

    Meine Meinung

    „Wir sind immer in Geschichten. Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und die andere beginnt. In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.“ – Aber nicht in Diesem! In „Ruhm“ spielt Daniel Kehlmann mit den Ebenen der „abgeschlossen“ Kurzgeschichten und konnte mich damit wirklich überraschen und überzeugen!

    Das Buch besteht aus neun unabhängigen Geschichten, die miteinander durch Personen aus den anderen Geschichten, verbunden sind. Im Grunde haben sie nichts miteinander zu tun, aber irgendwie dann doch. Mit der Zeit ergibt sich aus den unterschiedlichen Blickwinkel ein surreales Gesamtbild …
    Ein Mann mit der Telefonnummer eines anderen. Ein Bestsellerautor, der in exotischen Ländern vor deutschen Diplomaten Vorträge hält und von seiner Geliebten begleitet wird. Die alte Dame, die wegen einer Krebserkrankung zum Sterben in die Schweiz fliegt. Der Filmstar, dessen Doppelgänger auf einmal zum Original wird. Der Abteilungsleiter einer Telekommunikationsfirma, dessen Leben zwischen zwei Geliebten mehr und mehr ins Chaos rutscht … Und mittendrin wird eine Figur, die eigentlich nur in einem Roman existiert, plötzlich real! Unterschiedliche Realitätsstufen vermischen und trennen sich wieder. Teilweise ein bisschen zugespitzt, entsprechen die Geschichten dennoch dem aktuellen Zeitgeist!

    Auch wenn es für Daniel Kehlmann eher untypisch ist, sind die Protagonisten in diesen Kurzgeschichten sehr witzig und in ihren Charakteren und Handlungen gezielt übertrieben und ausschweifend dargestellt. Zudem merkt man zwischen den einzelnen Erzählungen auch einen sehr deutlichen Unterschied in der Schreibweise, was sie für mich aber interessant und süffig zu lesen gemacht hat! Dennoch haben die Kurzgeschichten einen eher düsteren Hintergrund und haben doch sehr stark in mir nachgeklungen. Mir gefiel die innere Dynamik und Motivation sehr gut.

    Alles in allem sind die Geschichten pfiffig und trickreich erzählt. Manchmal greift der Erzähler ein. Manchmal gibt es gewitzte Überlappungen und Wendungen. Manchmal lesen wir philosophische Passagen und schöne Beschreibungen und besonders gut hat mir die feine, unaufdringliche Ironie gefallen, mit der Daniel Kehlmann seine Figuren begleitet! Die Sprache ist sehr eingängig und abwechslungsreich, wenn auch nicht wie von ihm gewohnt poetisch.

    Wollt ihr einen Tipp von Mir?
    Ihr solltet „Ruhm“ auf jeden Fall öfters lesen. Man entdeckt immer wieder neue Bezüge …

  • „Der Fürst des Parnass“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „El Príncipe de Parnaso“
    Autor:
      Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag:
      Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 3.5
    Seitenzahl: 83
    ISBN: 978-3-596-19882-5

    Carlos Ruiz Zafón schrieb sich mit seinen großen Romanen in die Herzen der Leser rund um den Globus. Überall tauchten die Menschen ein in die betörende Atmosphäre Barcelonas – Mittelpunkt seiner Welt.

    In „Der Fürst des Parnass“ erzählt er davon, wie diese unnachahmliche Welt ihren Anfang nimmt. Eine unwiderstehliche Welt ihren Anfang nimmt. Eine unwiderstehliche Geschichte von Ehrgeiz und Scheitern, von Wahnsinn und unsterblicher Liebe, eine Hommage an eine verwunschene Stadt am Meer und an die universelle Magie der Bücher.

    Meine Meinung

    „Der Fürst von Parnass“ ist ein kleiner Zusatzband zu der Reihe um Daniel Sempere und dem Friedhof der vergessenen Bücher. Wie im Vorwort beschrieben, möchte sich der Autor mit dieser Kurzgeschichte bei seinen Lesern für ihre Treue bedanken.

    Es handelt sich hier um eine Erzählung über den großen spanischen Schriftsteller Miguel de Cervantes Saavedra, gleichzeitig ist das Buch aber auch ein wichtiger Schlüssel zum „Friedhof der vergessenen Bücher“ und zu guter Letzt eine Lektion hinsichtlich der Versuchung Eitelkeit.

    Carlos Ruiz Zafón nutzt seine Fantasie, um Lücken im Lebenslauf von Miguel de Cervantes Saavedra, dem späteren Autor des Don Quijote, zu schließen. Er integriert diese Figur in sein Barcelona und verarbeitet literarisch die Tatsache, dass Cervantes Saavedra erst in späteren Jahren seines Lebens Erfolg hatte. Und natürlich bekommt auch ein geheimnisvoller Verleger mit Engelsbrosche auf dem Revers wieder seinen Auftritt.
    Manche Geheimnisse werden gelüftet, andere Rätsel bleiben aber weiterhin im Nebel verborgen. Die Erzählungen bewegen sich auf verschiedenen Ebenen und lassen viel Spielraum für eigene Interpretationen.

    Zafòn versteht es meisterlich, Atmosphäre und Spannung zu erzeugen. Phantasievoll und doch im Bereich des Möglichen, mit bildreichen Beschreibungen und einer für den Autor unverkennbaren Wortvielfalt und Harmonie. Auch der dürftige Umfang ändert nichts an der Qualität des Inhalts!

    Selbst in der Kürze dieser Geschichte beweist Carlos Ruiz Zafón, dass er schreiben kann und nicht viele Seiten braucht um seine Leser zum Nachdenken anzuregen!

  • „Der kleine Trommler“ | Dai Sijie

    Titel im Original:  „Trois vies chinoises“
    Autor: Dai Sijie
    Aus dem Französischen übersetzt von Eike Findeisen
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Kurzgeschichten
    Seitenzahl:  151
    ISBN: 978-3-492-30400-9

    Der Kantinendirektor kauft den dreizehnjährigen Neffen der Stummen für seinen monströsen Plan. Die kleine Eistänzerin ist überzeugt davon, dass ihr Vater, der Wächter des Stausees, ihre Mutter ermordet hat. Die alte Schmiedin schürt noch einmal das Feuer, um eine Kette herzustellen, mit der sie ihren Sohn an einen Baum fesseln kann.

    Auf der Insel der Edlen gibt es eigentlich nur Müll und die Ärmsten der Armen, die versuchen, durch »Wertstoffgewinnung« ihr Leben zu bestreiten. Vor dieser sehr realen Kulisse, die dennoch jedem Science-Fiction-Film zur Ehre gereichen würde, spielen drei gespenstisch gute Geschichten, in denen Dai Sijie dem modernen China ein unvergessliches Gesicht gibt.

    Meine Meinung

    Als ich vor einigen Tagen von einer meiner Reitschülerinnen auf Dai Sijie angesprochen wurde, war mir der Autor noch völlig unbekannt. Klar, der Name war mir im hintersten Teil meiner Gehirnwindungen schon ein Begriff, aber ich war mir doch sehr sicher, dass ich noch nie etwas von ihm gelesen habe. Als sie mir dann ein kleines Büchlein mit 3 Kurzgeschichten mitgebracht hat, wurden diese natürlich sofort auf meiner gemütlichen Couch verschlungen.

    Als erste Amtshandlung muss ich aber lobende Worte für die Covergestaltung aussprechen.
    Ist das nicht ein tolles Bild? … Also mich würde das Buch im Laden sofort ansprechen!

    „Der kleine Trommler“ besteht aus 3 Geschichten. Sie alle spielen auf der Insel der Edlen und handeln vom Leben der Inselbewohner, die dort vom Zerlegen des Elektroschrotts leben oder in einem der Inselgefängnisse arbeiten.

    „Ho Chi Minh“
    Der kranke Neffe einer stummen alten Frau wird von einem Gefängnisdirektor gekauft und sein Leben ändert sich schlagartig. Er bekommt einen Aufpasser, der ihn zum Mimen ausbilden soll:  Fortan soll er die Rolle eines zum Tode verurteilten  Insassen spielen. Aber warum proben die Beiden auch die Urteilsverkündung?

    „Der Bogart vom Wasserreservoir“
    Hier erfahren wir die Geschichte eines liebenden Vaters, der sich – nach dem plötzlichen verschwinden seiner Frau – aufopfernd um seine Tochter kümmert. Bis diese im See vor ihrem Haus die Turnschuhe der Mutter findet.

    „Der Gepanzerte, der Berge durchquert“
    Nachdem der älteste Sohn wegen einer schweren Vergiftung durch Elektrosubstanzen den Verstand verloren hat, verlässt der jüngere Bruder sein Elternhaus um an der Universität Kunst zu studieren. Als er nach 18 Monaten zurückkehrt, ist alles Anders!

    Mich haben die drei Erzählungen über Würde, fatalen Irrtum und Familienbanden tief berührt, endet doch keine der Geschichten im Guten. Sie analysieren messerscharf alle menschlichen Schwächen und zeigen schonungslos das Leben in Armut. Dennoch sind die Geschichten so skurril und bunt, dass es eine absolute Freude war, sie zu lesen.

    „Der kleine Trommler“ hat zwar nur eine Länge von 151 Seiten, ich würde dieses Buch aber wirklich niemanden für Zwischendurch empfehlen. Jeder der Erzählungen nimmt dir als Leser durch seine Tragik ein wenig den Atem!