• „Lincoln im Bardo“ | George Saunders

    Titel im Original:  „Lincoln in the Bardo“
    Autor:  George Saunders
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Frank Heibert
    Verlag:  Luchterhand Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  445
    Gewinner Man Booker Prize
    ISBN:  978-3-630-87552-1

    Während des amerikanischen Bürgerkriegs stirbt Präsident Lincolns geliebter Sohn Wilie mit elf Jahren. Bei George Saunders wird daraus eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust.

    Meine Meinung

    Der amerikanische Schriftsteller George Saunders gilt als einer der bedeutendsten Kurzgeschichtenautoren der Gegenwart. Im Jahre 2017 veröffentlichte er seinen Debütroman „Lincoln im Bardo“, für den er auch mit dem „Man Booker Prize“ ausgezeichnet wurde.

    Im Zentrum der Geschichte steht der amerikanische Präsident Abraham Lincoln, dessen Sohn Willie im Alter von elf Jahren an Typhus stirbt. Der zu tiefst erschütterte Vater sucht in der Nacht die Grabstätte seines Sohnes auf, um sich von ihm ein letztes Mal zu verabschieden. Was er nicht bemerkt: Auf dem Friedhof streiten und wettern die toten Seelen um den kleinen Willie! Aber auch wenn alles zu Ende geht, lernen wir hier einen vielstimmigen Chor aus dem Jenseits kennen, der das Leben feiert …

    Als Bardo bezeichnet man im tibetischen Buddhismus den Übergang der Seele vom Diesseits ins Totenreich. Aber auch die Bewusstseinszustände im Diesseits wie im Jenseits. Hier hausen die Seelen, die noch nicht bereit sind, mit ihrem Leben abzuschließen.

    George Saunders hat durchaus eine Vorgeschichte zu diesem Roman. Ein Freund erzählte ihm, dass auf dem Friedhof von Oak Hill in Washington D. C. Lincolns jüngster Sohn begraben sei. In der Nacht, in der Willie starb fielen viele Soldaten auf dem Schlachtfeld. Zur selben Zeit feierte Präsident Lincoln mit seiner Frau ein rauschendes Fest, während der todkranke Sohn in seinem Bett im ersten Stock lag. Abraham Lincoln soll nach der Beisetzung mehrfach zum Grab seines Sohnes zurückgekehrt sein, um die Leiche in den Armen zu halten.
    Für die damalige Zeit ein Skandal, mitten im Bürgerkrieg! George Saunders sagt selbst, er habe in seiner Vorstellung Lincoln mit Michelangelos Pietà kombiniert und aus der Heiligen Maria mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß wurde der Präsident der vereinigen Staaten.

    In „Lincoln im Bardo“ reiht George Saunders fiktive Monologe aneinander, zitiert aus zeitgenössischen Quellen wie Tagebüchern und Briefen und referiert über die Sklavenfrage und den Bürgerkrieg. Wir lesen aber auch ganz wunderbare Zwiegespräche zwischen Vater und Sohn, ganz ohne Kitsch, dafür voller Liebe. Im Wesentlichen berichten uns aber 3 Bewohner des Bardo abwechselnd über die Geschehnisse. Sie fühlen sich nicht verstorben und würden gern in ihre Körper zurückkehren, die aber in ihren »Kranken-Kisten« verteilt auf dem Friedhof liegen.

    Der Roman ist literarisch sehr anspruchsvoll und war auch für mich an mancher Stelle nicht immer leicht zugänglich. Meine Geduld hat sich aber auf jeden Fall ausgezahlt, das Buch war sprachlich wirklich wunderbar. Eine gekonnte Mischung aus Emotionalität, Skurrilität, viel Humor und klassischer amerikanischer Zeitgeschichte. Und trotz des schweren Themas, ein durchaus lebensbejahendes Buch! Wirklich toll umgesetzt!