• „Strafe“ | Ferdinand von Schirach

    Autor: Ferdinand von Schirach
    Verlag: Luchterhand Verlag
    Genre: Kurzroman
    Seitenzahl: 189
    ISBN: 978-3-630-87538-5

    Ferdinand von Schirach beschreibt in seinem Buch „Strafe“ zwölf Schicksale. Wie schon in den beiden Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“ zeigt er, wie schwer es ist, einem Menschen gerecht zu werden, und wie voreilig unsere Begriffe von „gut“ und „böse“ oft sind.

    Rezensionsexemplar – Vielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    „Krimis“ der etwas anderen Art!

    Auch in „Strafe“ präsentiert uns Ferdinand von Schirach wieder 12 fesselnde Kurzgeschichten, die schlicht erzählt und doch so packend sind, dass man das Buch direkt in einem Schwung durchlesen muss. An Pausen ist hier wirklich nicht zu denken!
    Wunderliche, wunderbare, aber auch oft tragische und manchmal leicht humorvolle Geschichten aus seinem Fundus ausgefallener Rechtsfälle!

    Ohne den Inhalt vorwegzunehmen, möchte ich doch so viel verraten, dass dieses Buch sehr stark von der Einsamkeit der Menschen geprägt ist. Obwohl mich bisher alle seiner gelesenen Bücher stark zum nachdenken angeregt haben, steigert der Autor mit „Strafe“ diese Stimmung nochmal deutlich.

    Ferdinand von Schirach schreibt in einem lakonischen und doch immer wieder ergreifenden Stil, der in seiner Schlichtheit oft mehr sagt als blumige Ausschmückungen. Ewig lange Schachtelsätze sucht man hier vergebens, hier besticht tatsächlich der prägnante Ausdruck. Das heißt für den Leser klare, ausdrucksstarke Worte, die Situationen beschreiben. Der Autor fügt keinerlei moralische Erläuterungen bei, sondern lässt die Handlungen und Charaktere für sich alleine sprechen.

    Auch wenn ich mit dem Ausgang einige Geschichten nicht ganz einverstanden bin, so ist mir doch bewusst, dass das deutsche und österreichische Rechtssystem genauso skurril funktioniert.

    Über juristische Feinheiten kann ich persönlich natürlich kein Urteil abgeben, aber auch für einen Nichtjuristen lesen sich die Geschichten spannend und der tiefere Content kommt klar und deutlich zum Tragen.

    Kurzweilig, abwechslungsreich und absolut nicht vorhersehbar! Gerade deswegen ist „Strafe“ ein spannendes und tolles Buch für alle Bücherwürmer!

  • „Kaffee und Zigaretten“ | Ferdinand von Schirach

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Ferdinand von Schirach
    Verlag:  Luchterhand Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  187
    ISBN:  978-3-630-87610-8

    „Damals gab es keine Zeit, so wie es in der Erinnerung keine Zeit gibt. Es war nur der Sommer, in dem wir unten am Fluss waren, Forellen fingen, und ich dachte, dass sich nie etwas ändern würde.“

    Ferdinand von Schirachs neues Buch verwebt autobiographische Erzählungen, Apercus, Notizen und Beobachtungen zu einem erzählerischen Ganzen, in dem sich Privates und Allgemeines berühren, verzahnen und wechselseitig spiegeln. Es geht um prägende Erlebnisse und Begegnungen des Erzählers, um flüchtige Momente des Glücks, um Einsamkeit und Melancholie, um Entwurzelung und die Sehnsucht nach Heimat …

    Meine Meinung

    „Kaffee und Zigaretten“ ist das neueste Werk aus der Feder von Ferdinand von Schirach.
    Meine heutige Rezension stellt mich allerdings vor eine wirkliche Herausforderung. Auch wenn das Buch im gewohnt ausdrucksstarken und sachlichen Ton des Autors verfasst wurde, ist es gar nicht leicht zu beschreiben.

    Anders als seine bisherigen Bücher ist dieses in 48 Abschnitte eingeteilt, in denen Ferdinand von Schirach von seinem Leben erzählt. Er beginnt bei seiner Kindheit, welche ja kurz vor Erscheinen des Buches für Schlagzeilen sorgte, und erzählt über Depressionen und die Melancholie im Leben.
    Er bespricht Schlagzeilen aus der Presse und politische Vorgänge der letzten Jahrzehnte. Dies sind oft Geschichten aus der Realität von Grausamkeiten, aber auch von scheinbar bedeutungslosen Dingen, die für ihn aber doch von Wert sind. Viele Ereignisse kommentiert er daher mit einem passenden Gedicht oder Zitat. Zudem berichtet er immer wieder, wie Literatur und Filme ganze Leben beeinflussen und welche Wahrheiten dahinter stecken.  Das alles verbindet er zu einer Autobiografischen Erzählung!

    Ich muss aber auch dazu sagen, dass Ferdinand von Schirach in diesem Buch schon sehr viel Lebenserfahrung bei seinen Lesern voraussetzt. Dann wird man auch einige Hintergründe besser verstehen und zwischen den Zeilen erlesen und assoziieren können. Der Autor möchte ohne langatmige Passagen auskommen. Er fokussiert und sucht nach dem Wesentlichen!

    Alles in Allem ist das Buch wunderbar zu lesen. Trotz der teilweise sehr schweren Themen, schreibt er als neutraler Beobachter und urteilt nicht! Die Sprache fließt dahin, völlig unaufgeregt und man spürt den Abstand des Autors zum Geschehen, auch wenn er über Teile aus seinem eigenen Leben schreibt. Gleichzeitig scheint er dem so nahe und berührt zu sein, obwohl er oft körperlich einfach nur daneben zu stehen scheint.

    Schockierend, dann wieder wunderschön poetisch, aber auch dramatisch und traurig.
    Und immer schwingt im Tiefen die Hoffnung mit …

    „Kaffee und Zigaretten“ ist ein wunderbares Buch, aber jetzt brauch auch ich erstmal einen Kaffee …

  • „Lincoln im Bardo“ | George Saunders

    Titel im Original:  „Lincoln in the Bardo“
    Autor:  George Saunders
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Frank Heibert
    Verlag:  Luchterhand Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  445
    Gewinner Man Booker Prize
    ISBN:  978-3-630-87552-1

    Während des amerikanischen Bürgerkriegs stirbt Präsident Lincolns geliebter Sohn Wilie mit elf Jahren. Bei George Saunders wird daraus eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust.

    Meine Meinung

    Der amerikanische Schriftsteller George Saunders gilt als einer der bedeutendsten Kurzgeschichtenautoren der Gegenwart. Im Jahre 2017 veröffentlichte er seinen Debütroman „Lincoln im Bardo“, für den er auch mit dem „Man Booker Prize“ ausgezeichnet wurde.

    Im Zentrum der Geschichte steht der amerikanische Präsident Abraham Lincoln, dessen Sohn Willie im Alter von elf Jahren an Typhus stirbt. Der zu tiefst erschütterte Vater sucht in der Nacht die Grabstätte seines Sohnes auf, um sich von ihm ein letztes Mal zu verabschieden. Was er nicht bemerkt: Auf dem Friedhof streiten und wettern die toten Seelen um den kleinen Willie! Aber auch wenn alles zu Ende geht, lernen wir hier einen vielstimmigen Chor aus dem Jenseits kennen, der das Leben feiert …

    Als Bardo bezeichnet man im tibetischen Buddhismus den Übergang der Seele vom Diesseits ins Totenreich. Aber auch die Bewusstseinszustände im Diesseits wie im Jenseits. Hier hausen die Seelen, die noch nicht bereit sind, mit ihrem Leben abzuschließen.

    George Saunders hat durchaus eine Vorgeschichte zu diesem Roman. Ein Freund erzählte ihm, dass auf dem Friedhof von Oak Hill in Washington D. C. Lincolns jüngster Sohn begraben sei. In der Nacht, in der Willie starb fielen viele Soldaten auf dem Schlachtfeld. Zur selben Zeit feierte Präsident Lincoln mit seiner Frau ein rauschendes Fest, während der todkranke Sohn in seinem Bett im ersten Stock lag. Abraham Lincoln soll nach der Beisetzung mehrfach zum Grab seines Sohnes zurückgekehrt sein, um die Leiche in den Armen zu halten.
    Für die damalige Zeit ein Skandal, mitten im Bürgerkrieg! George Saunders sagt selbst, er habe in seiner Vorstellung Lincoln mit Michelangelos Pietà kombiniert und aus der Heiligen Maria mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß wurde der Präsident der vereinigen Staaten.

    In „Lincoln im Bardo“ reiht George Saunders fiktive Monologe aneinander, zitiert aus zeitgenössischen Quellen wie Tagebüchern und Briefen und referiert über die Sklavenfrage und den Bürgerkrieg. Wir lesen aber auch ganz wunderbare Zwiegespräche zwischen Vater und Sohn, ganz ohne Kitsch, dafür voller Liebe. Im Wesentlichen berichten uns aber 3 Bewohner des Bardo abwechselnd über die Geschehnisse. Sie fühlen sich nicht verstorben und würden gern in ihre Körper zurückkehren, die aber in ihren »Kranken-Kisten« verteilt auf dem Friedhof liegen.

    Der Roman ist literarisch sehr anspruchsvoll und war auch für mich an mancher Stelle nicht immer leicht zugänglich. Meine Geduld hat sich aber auf jeden Fall ausgezahlt, das Buch war sprachlich wirklich wunderbar. Eine gekonnte Mischung aus Emotionalität, Skurrilität, viel Humor und klassischer amerikanischer Zeitgeschichte. Und trotz des schweren Themas, ein durchaus lebensbejahendes Buch! Wirklich toll umgesetzt!