• „Der Schimmelreiter“ | Theodor Storm

    Autor:  Theodor Storm
    Verlag:  Insel Verlag
    Genre:  Novelle
    Seitenzahl:  144
    ISBN:  978-3-458-36216-6

    Hauke Haien ist ein Mann des Fortschritts und baut einen modernen Deich. Das ehrgeizige Projekt weckt jedoch den Aberglauben der Dorfbewohner, die hinter dem neuartigen Damm Unglück wittern. Schon bald sehen sie in Hauke und seinem weißen Pferd einen gespenstischen Schimmelreiter, die Verkörperung des Dämonischen, der Unglück über das Dorf bringen wird …

    Meine Meinung

    Nach mehr als 15 Jahren und mit meinem heutigen Erfahrungsschatz habe ich im April endlich wieder zu Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ gegriffen.

    Hauke, Sohn eines nordfriesischen Bauern und Landvermessers, ist bereits als Kind sehr wissbegierig. Er befasst sich mit Mathematik und Geometrie und wird nicht müde, die Flutwellen zu beobachten, die auf den Deich aufschlagen. Mit achtzehn Jahren ergreift er seine Chance und tritt als Knecht in den Dienst des gutmütigen, aber trägen Deichgrafen Tede Volkerts ein, wo er schon bald seinen scharfen Blick für die Angelegenheiten des Deichs beweisen kann. Er weist den ihn auf Missstände hin und arbeitet sich in die Verwaltungsaufgaben ein. Bei manchen der Anrainer macht sich Hauke damit unbeliebt, was natürlich auch sein Konkurrent Ole Peters noch zu schüren weiß …
    Als Tede Volkert stirbt nimmt Hauke dessen Tochter zur Frau und tritt seine Nachfolge an. Beide arbeiten hart in den kommenden Jahren und Hauke entwirft einen ehrgeizigen Plan zum Bau eines neuen Deiches mit einem flacheren Profil. Gegen den Widerstand der Bauern wird mit den zeitintensiven und anstrengenden Arbeiten begonnen. Als er dann auch noch einem mysteriösen Unbekannten einen elenden Schimmel abkauft, in dem die Dorfbewohner ein auferstandenes Pferdegerippe zu erkennen glauben, das zuvor im Watt gelegen hatte, ist der Unmut gegen ihm nicht mehr zu verhehlen …

    Die Beschreibung des Lebens im Norddeutschland des 19. Jahrhunderts lässt den Leser in eine Welt eintauchen, die es so nicht mehr gibt. Damals wie heute ist es nicht immer einfach, das “Neue“ durchzusetzen und ehrliche Mitstreiter für diese Ideen zu gewinnen. Aberglaube und Gehässigkeit sind hier an der Tagesordnung und auch die Unterdrückung durch Angst wird deutlich thematisiert. Hauke Haien ist ein tapfererund mutiger, aber wohl auch ein einsamer Charakter, der für seine Mitmenschen schwer zu verstehen ist.

    „Der Schimmelreiter“ ist eine Novelle, die weniger durch ihre atemberaubende Handlung als durch die genaue Zeichnung ihrer Charaktere fesselt und zum Weiterlesen anregt. Insbesondere die der Hauptfigur, die der Handlung ständig neue Facetten verleiht und für den Leser immer unheimlicher wird. Das dramatische Ende der Geschichte wird dadurch zwar immer wahrscheinlicher, der Leser weiß aber bis zur letzten Szene nicht, wie dieses aussehen wird.

    Theodor Storm schreibt in einem schönen altertümlichen Deutsch, das trotz längerer Beschreibungen nie langweilig wird. Was wohl auch der tollen Wortwahl geschuldet ist. Sie zaubert eine dichte und mystische Atmosphäre. Für mich hat die Geschichte mehr als nur einmal vor Spannung geknistert.

    „Der Schimmelreiter“ ist genau das richtige Buch, wenn es darum geht die menschlichen Schwächen, den Neids und auch den Hochmut zu verstehen!

  • „Nichts als die Nacht“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Nothing but the Night“
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernard Robben
    Verlag: DTV Verlag
    Genre: Novelle
    Seitenzahl:  148
    ISBN: 978-3-423-28129-4

    Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund immer wieder auftut.

    Meine Meinung

    John Williams war erst 22 Jahre alt war, als er diese kurze Novelle schrieb.
    Als er bei einem Erkundungsflug im 2. Weltkrieg über Burma abgeschossen wurde und diesen Absturz wie durch ein Wunder überlebte, versuchte er durch das Schreiben, gegen seine Ängste anzukommen. So entstand „Nichts als die Nacht“!

    Arthur Maxley ist 24 Jahre alt und gibt vor zu studieren. Allerdings führt er lieber das Leben eines Müßiggängers, der sich von den regelmäßigen Schecks seines Vaters finanzieren lässt. Er jedoch genießt sein Leben nicht, sondern leidet am Hier und Jetzt … und vor allem an seiner Vergangenheit: Seit einem traumatischen Erlebnis, meidet Arthur den Kontakt zu seinem Vater, pflegt kaum Freundschaften und versucht zu vergessen. Oft greift er dafür zum Alkohol!

    In John Williams Debütroman begleiten wir 12 Stunden das Leben unseres Protagonisten. Dabei geschieht äußerlich nicht wirklich viel, die Geschehnisse in Arthurs Psyche sind allerdings verheerend: 12 Stunden voller Unruhe, Angst und Raserei, durchzogen von surrealen Träumen, Visionen und Erinnerungen! Arthur hat das Trauma aus seiner Kindheit nie verwunden. Starke Gedanken und Gefühlen beherrschen ihn. Auch körperlich nimmt sein Zustand bereits bedrohliche Formen an.
    Mit einem unglaublichen Einfühlungsvermögen und starker psychologischen Einsicht zeigt uns der damals noch sehr junge John Williams das Innenleben eines jungen Mannes, der offenbar schon als Kind überaus sensibel war und durch eine familiäre Tragödie schwer traumatisiert wurde. Arthur ist eine Persönlichkeit, die immer nur um sich selbst und sein Leid kreist, gleichzeitig sieht er sich aber auch von außen mit den Augen eines fremden Beobachters.

    Als ich Arthur am Ende des Buches verließ, blieb ich erschüttert und sehr verstört zurück. Im ersten Moment konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, ich hatte nur immer wieder das Gefühl, dem jungen Mann in seiner Situation helfen zu müssen. Der melancholische Ton und die Ereignisse machten mich nicht nur traurig, auch Wut und Ärger über alle Beteiligten haben sich in mir abgewechselt.

    Trotz der tiefen Empfindungen (oder gerade wegen Dieser), ließ sich für mich das spätere Talent John Williams auch in dieser Novelle deutlich erkennen. Die Erzählung strotzt vor Bildern und Metaphern, wenn auch der Text noch nicht so flüssig und klar zu lesen ist wie in seinen späteren Werken. Die Sätze und Formulierungen sind treffend gewählt und zeigen von erzählerischer Kraft.

    Ein beeindruckendes Debüt, das von der sensiblen Wahrnehmung seines Autoren zeugt!