• „Der Fall Collini“ | Ferdinand von Schirach

    Autor: Ferdinand von Schirach
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  193
    ISBN: 978-3-492-30146-6

    34 Jahre hat der Italiener Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann ermordet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos wie es aussieht. Als der junge Anwalt Caspar Leinen die Pflichtverteidigung für Fabrizio Collini zugewiesen bekommt, erscheint im der Fall die vielversprechende Karrierechance zu sein, auf die er gewartet hat. Doch als er erfährt, um wen es sich bei dem Mordopfer handelt, wird der Prozess zu seinem persönlichen Albtraum!

    Meine Meinung

    Ferdinand von Schirach zeigt uns in seinem Buch „Der Fall Collini“ eine verheerende Geschichte, die im 2. Weltkrieges ihren Anfang nimmt und dessen Spuren sich noch bis in die heutige Zeit ziehen.

    Die Geschichte handelt von einem jungen Anwalt, der seinen ersten Fall als Pflichtverteidiger übernimmt. Als dieser voller Eifer loslegen will muss er jedoch feststellen, dass sein Mandant gar nicht anwaltlich vertreten werden möchte. Rechtsanwalt Caspar Leinen macht sich also selbst auf die Suche nach der Wahrheit.
    Bei einem so kurzen Roman möchte man gar nicht zu viel verraten. Es geht um die große Frage, was einen Menschen dazu treibt, einen Mord zu begehen, wenn er doch selbst bis dahin nie gewalttätig und irgendwie anders auffällig wurde. Jeder Leser wird seinen eigenen Schwerpunkt in der Geschichte setzen …

    Das Buch ist voller Spannung und endet, wie man es definitiv nicht vorhergesehen hat. Das Kernthema behandelt die nachlässige Gesetzgebung, mit der in Deutschland mit NS-Verbrechen bzw. den ausführenden Soldaten in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg umgegangen wurde. Neben dem lehrreichen Aspekt, der mich als Leser total in den Bann gezogen hat, fand ich die Art, wie der Autor die Geschichte erzählt, äußerst unterhaltsam. Auch das Verhalten der Anwälte untereinander trägt zur Intensivierung der Geschichte bei.

    Ferdinand von Schirach arbeitet selbst als Anwalt, daher habe etwas vermehrt mein Augenmerk auf die Szenen im Gericht gelegen. Diese fand ich gut ausgearbeitet, sehr sachlich und klar präsentiert. Jedoch ohne viel Schnickschnack, der uns die Geschichte unnötig verschönert.

    Oberflächlichkeiten sind mitunter die Merkmale unserer heutigen Zeit. In die Tiefe zu gehen bedeutet oft, auf Dinge zu stoßen, die Zweifel, Wut und Schmerzen verursachen könnten. Ist es unserer Gemütlichkeit geschuldet, dass wir heutzutage lieber die Dinge so zur Kenntnis nehmen, wie wir sie auf den ersten Blick sehen?
    Beharrlichkeit und der eiserne Wille, einer Sache auf den Grund zu gehen, ist zwar manchmal unbequem, lohnt sich aber letztendlich doch …

  • „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ | Joel Dicker

    Titel im Original: „La Disparation de Stephanie Mailer“
    Autor: Joel Dicker
    Aus dem Französischen übersetzt
    von Amelie Thoma & Michaela Meßner
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  666
    ISBN: 978-3-492-05939-8

    Vier Menschen, an einem schönen Sommerabend brutal ermordet.
    Zwanzig Jahre später: Die junge Journalistin Stephanie Mailer stellt zu viele Fragen und verschwindet. Was ist ihr zugestoßen? Und was hat sie herausgefunden?

    Meine Meinung

    Für mich hat Joel Dicker mit seinem Debütroman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ eine absolute Steilvorlag im Bereich der Spannungsliteratur hingelegt und auch sein zweiter Roman „Die Geschichte der Baltimores“ ging mir sehr zu Herzen. Mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist nun auch sein neues Buch auf dem Markt: Ein großartiges Werk für Freunde guter Kriminalliteratur!

    Wir schrieben das Jahr 2014. In dem beschaulichen Städtchen Orphea, direkt vor den Toren von New York, soll der State Police Detective Jesse Rosenberg in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet werden. Man nennt ihn auch den „Hundertprozentigen“, da er im Laufe seiner Karriere alle Fälle aufklären konnte!
    Während dieser Feier spricht ihn die junge Journalistin Stephanie Mailer an, die angeblich ausschlagende Indizien gefunden hat, die beweisen, dass Jesse und sein damaliger Partner bei einem Vierfachmord zwanzig Jahre zuvor den falschen Täter überführt haben. Während 1994 gefühlt ganz Orphea der Eröffnung des ersten Theaterfestivals der Stadt beiwohnen, werden einige Straßen weiter der Bürgermeister, seine Frau und sein Sohn brutal erschossen. Auch eine zufällt vorbeilaufende Joggerin fiel dem Täter zum Opfer.
    Doch dann ist Stephanie Mailer plötzlich verschwunden …

    Joel Dicker geht gern verschwenderisch und ausladend mit Worten um. Er erzählt nicht kurz und knackig, sondern detailliert und atmosphärisch. Und doch ist hier kein Wort zu viel!

    Das Buch bedient sich ganz klar der Erzähltechnik des Cold Case: Wir springen immer wieder von der Gegenwart 2014 zurück ins Jahr 1994. So reiht sich ein Puzzlestein an den Andere, und die damaligen Geschehnisse und die Verflechtungen, setzen sich allmählich zusammen.
    Bei all den Verwirrungen tappt man als Leser lange im Dunkeln, geht zusammen mit den Ermittlern Irrwege, die zunächst plausibel wirken und doch mit der Wahrheit recht wenig zu tun haben. Man verstrickt sich in einem Netz aus Intrigen und menschlichen Abgründen, die wirklich nicht leicht zu durchschauen sind. Zudem baut der Autor immer wieder kleine Cliffhanger ein, die dringend zum Weiterlesen animieren.

    Die Protagonisten, die uns Joel Dicker hier präsentiert, decken eine enorme Bandbreite der Persönlichkeiten ab. Von wirklich glaubwürdigen bis hin zu völlig überbelichteten und mit Klischees nur so überzogen Figuren bekommen wir hier viele Schattierungen aufgezeigt. Da er über diese Personen aber auch eine gute Portion Humor ins Buch mitbringt, fand ich diesen Faktor wirklich gut!

    Ein spannender und komplexer Kriminal- und Gesellschaftsroman.
    Für meine Verhältnisse hätte das Buch  gerne noch etwas länger sein können …

  • „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ | Joel Dicker

    Titel im Original: „La Vérité sur l`Affaire Harry Quebert“
    Autor: Joel Dicker
    Aus dem Französischen übersetzt von Carina von Enzenberg
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl: 725
    ISBN:  978-3-492-05600-7

    Ein Skandal erschüttert das Städtchen Aurora an der Ostküste der USA:  33 Jahre nachdem die ebenso schöne wie geheimnisumwitterte Nola dort spurlos verschwand, taucht sie wieder auf. Als Skelett im Garten ihres einstigen Geliebten. Der berühmte, zurückgezogen lebende Schriftsteller Harry Quebert steht plötzlich unter dringendem Mordverdacht.

    Meine Meinung

    „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ ist seit Erscheinen des Romans eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Da im April nächsten Jahres das drittes Buch von Joel Dicker erscheint, das ich schon sehnsüchtigst erwarte, möchte ich euch in den nächsten Wochen seine beiden Vorgänger vorstellen!
    Beginnen wir erst mal mit seinem Debüt …

    Harry Quebert ist ein bekannter Schriftsteller und Professor für Literatur an der Universität in Burrow. Dort lernt ihn auch unser Protagonist kennen, der sehr schnell eine freundschaftliche Beziehung zu seinem Professor aufbaut und nicht nur das Boxen, sondern auch das Schreiben von ihm lernt. Und mittlerweile hat auch Marcus seinen ersten Bestseller geschrieben!
    Zu Beginn des Buches lernen wir Marcus Goldmann mitten in einer Schaffenskrise kennen. Er besinnt sich auf seinen alten Professor, der sich in die Kleinstadt Aurora an der Ostküste zurückgezogen hat und dort ein ruhiges Leben führt. Ausgerechnet als Marcus dort ankommt, findet man in Harrys Garten die Leiche eines seit 30 Jahren verschwundenen Mädchens, die das handgeschriebene Manuskript des Erfolgsromans Harry Queberts mit ins Grab genommen hat. Wie sich herausstellt, hatte Harry, der mehr als doppelt so alt war, wie die damals 15-jährige Nola, ein Verhältnis mit ihr gehabt. Schnell wird er als vermeintlicher Mörder verhaftet, doch Marcus versucht herauszufinden wer wirklich hinter der Tat steckt, denn er ist von Harry`s Unschuld überzeugt!

    Joel Dicker hat einen sehr bildlichen und detaillierten Schreibstil, mit klaren und starken Formulierungen, aber dennoch mitreißend und spannend. Auch hat er für meinen Geschmack das richtige Gespür für Situationskomik.
    Anders als es der Klappentext vermuten lässt, ist dieses Buch kein Kriminalroman, sondern mehr eine Charakterstudie bzw. die Geschichte über die Leben zweier Menschen.

    Ich fand die Darstellung der Bewohner des kleinen Küstenortes Aurora wirklich sehr gelungen. Das teilweise etwas prüde Kleinstadtidyll, in dem jeder ein kleines Stück des Ruhms, den Harry sich als Schriftsteller erarbeitet hat, abbekommen möchte. Sei es, dass man den Tisch kennzeichnet an dem er seinen Erfolgsroman geschrieben hat oder auch den Versuch seine Tochter mit ihm zu verheiraten. Als die Fassade blättert, wenden sich auch die Bewohner Auroras gegen ihn, denn mit einem Kriminellen will sich in dem „hochanständigen“ Ort keiner abgeben.

    Die Aufklärung des Falls was für mich eine recht nervenaufreibende Sache. Immer wenn ich gedachte habe, die Lösung zu kennen, wurde ich sehr schnell wieder auf den Boden der Realität zurück geholt. Ich hatte bis zum Schluss nicht den Hauch einer Ahnung, wie das Ganze zusammenhängt, was natürlich die Spannung bei mir hoch hielt.

  • „Der Helicopter Coup“ | Jonas Bonnier

    Titel im Original: „Helikopterranet“
    Autor: Jonas Bonnier
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Susanne Dahmann
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Kriminalroman
    Seitenzahl:  402
    ISBN: 978-3-492-05847-6

    Ein Helicopter. Vier Räuber. Ein Bankdepot.

    Am frühen Morgen des 23. September 2009 schrillt im Stockholmer Banknotendepot der Alarm. Auf dem Dach des Gebäudes ist ein Helicopter gelandet. Der ehrgeizige Plan: Die 40 Millionen Kronen aus dem Depot holen und fliehen, bevor die Polizei erscheint. Doch der Plan der vier Räuber ist nicht perfekt – und deshalb nimmt der spektakuläre Überfall eine unglaubliche Wendung.

    Meine Meinung

    „Der Helicopter Coup“ ist der neueste Roman von Jonas Bonnier und beruht auf einer wahren Begebenheit. Ein unterhaltsamer Kriminalroman mit dem Flair von „Ocean`s Eleven“!

    Im September 2009 detoniert auf dem Dach des Stockholmer Banknotendepots ein Sprengstoffpaket. Es eröffnet vier Räubern den Weg zu 40 Millionen Kronen. Der Plan sieht vor, mit einem Helicopter zu fliehen und die Beute an einem sicheren Ort zu verstecken. Mehr als acht Monate haben Niklas Nordgren, Michel Malouf, Sami Farhan und Zoran Petrovic in die minutiöse Vorbereitung des Millionencoups gesteckt, der als spektakulärster Raubüberfall in der Geschichte Schwedens eingehen soll. Doch damit ist die Beute noch nicht in Sicherheit …

    Jonas Bonnier erzählt die Geschichte chronologisch von der Planung bis zur Ausführung, mit vielen spannenden und mitreißenden Wendungen, die beweisen, dass die Realität oft spannendere Geschichten schreibt, als es mancher Autor kann. Bei der Recherche für diesen Thriller fuhr er sogar direkt zu den verurteilten Täter um diese nach dem Ende ihrer Gefängnisstrafen ausführlich zu befragen. Allerdings sollte man sich vorab bewusst sein, dass das Buch nicht das gesamte Geschehen wahrheitsgetreu wiedergibt: Es ist vielmehr eine Kombination aus Realität, angereichert mit Fiktion, um ungeklärte Fragen zu beantworten, wie etwa der nach der verschollenen Beute.

    Der Autor hat eine sehr angenehme Art seine Geschichte, aber auch die Spannung darin aufzubauen. Das Tempo steigert sich langsam aber stetig und passt sich so den Geschehnissen wunderbar an. Auch die Protagonisten blieben nicht unscheinbar: Jeder hat seine eigene Geschichte und man erfährt viele Details aus deren Privatleben, aber auch die Gründe für deren Mitwirken bei dem Coup.

    Zu Beginn der Geschichte erfassen die Kapitel ganze Monate und sind dementsprechend ausführlicher. Vermutlich werden einige Leser hier auch kleine Längen finden.
    Zum Ende hin umfassen sie nur noch Stunden bzw. Minuten und wir sind direkt im Geschehen mit dabei!
    Leider gab es auch einige Handlungsstränge, deren Bedeutung ich bis heute nicht herausgefunden habe. Sie wurden irgendwann in die Handlung eingewoben und verliefen dann im Sande. Das wirkte ein bisschen chaotisch!

    Bis heute haben die vier Räuber nie über ihre Tat gesprochen, in deren atemberaubendem Verlauf es der Polizei nicht gelang, sie aufzuhalten. So sind der 23. September 2009 zu einem schwedischen Mythos und die Täter zu nationalen Helden geworden!

  • „Der kleine Trommler“ | Dai Sijie

    Titel im Original:  „Trois vies chinoises“
    Autor: Dai Sijie
    Aus dem Französischen übersetzt von Eike Findeisen
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Kurzgeschichten
    Seitenzahl:  151
    ISBN: 978-3-492-30400-9

    Der Kantinendirektor kauft den dreizehnjährigen Neffen der Stummen für seinen monströsen Plan. Die kleine Eistänzerin ist überzeugt davon, dass ihr Vater, der Wächter des Stausees, ihre Mutter ermordet hat. Die alte Schmiedin schürt noch einmal das Feuer, um eine Kette herzustellen, mit der sie ihren Sohn an einen Baum fesseln kann.

    Auf der Insel der Edlen gibt es eigentlich nur Müll und die Ärmsten der Armen, die versuchen, durch »Wertstoffgewinnung« ihr Leben zu bestreiten. Vor dieser sehr realen Kulisse, die dennoch jedem Science-Fiction-Film zur Ehre gereichen würde, spielen drei gespenstisch gute Geschichten, in denen Dai Sijie dem modernen China ein unvergessliches Gesicht gibt.

    Meine Meinung

    Als ich vor einigen Tagen von einer meiner Reitschülerinnen auf Dai Sijie angesprochen wurde, war mir der Autor noch völlig unbekannt. Klar, der Name war mir im hintersten Teil meiner Gehirnwindungen schon ein Begriff, aber ich war mir doch sehr sicher, dass ich noch nie etwas von ihm gelesen habe. Als sie mir dann ein kleines Büchlein mit 3 Kurzgeschichten mitgebracht hat, wurden diese natürlich sofort auf meiner gemütlichen Couch verschlungen.

    Als erste Amtshandlung muss ich aber lobende Worte für die Covergestaltung aussprechen.
    Ist das nicht ein tolles Bild? … Also mich würde das Buch im Laden sofort ansprechen!

    „Der kleine Trommler“ besteht aus 3 Geschichten. Sie alle spielen auf der Insel der Edlen und handeln vom Leben der Inselbewohner, die dort vom Zerlegen des Elektroschrotts leben oder in einem der Inselgefängnisse arbeiten.

    „Ho Chi Minh“
    Der kranke Neffe einer stummen alten Frau wird von einem Gefängnisdirektor gekauft und sein Leben ändert sich schlagartig. Er bekommt einen Aufpasser, der ihn zum Mimen ausbilden soll:  Fortan soll er die Rolle eines zum Tode verurteilten  Insassen spielen. Aber warum proben die Beiden auch die Urteilsverkündung?

    „Der Bogart vom Wasserreservoir“
    Hier erfahren wir die Geschichte eines liebenden Vaters, der sich – nach dem plötzlichen verschwinden seiner Frau – aufopfernd um seine Tochter kümmert. Bis diese im See vor ihrem Haus die Turnschuhe der Mutter findet.

    „Der Gepanzerte, der Berge durchquert“
    Nachdem der älteste Sohn wegen einer schweren Vergiftung durch Elektrosubstanzen den Verstand verloren hat, verlässt der jüngere Bruder sein Elternhaus um an der Universität Kunst zu studieren. Als er nach 18 Monaten zurückkehrt, ist alles Anders!

    Mich haben die drei Erzählungen über Würde, fatalen Irrtum und Familienbanden tief berührt, endet doch keine der Geschichten im Guten. Sie analysieren messerscharf alle menschlichen Schwächen und zeigen schonungslos das Leben in Armut. Dennoch sind die Geschichten so skurril und bunt, dass es eine absolute Freude war, sie zu lesen.

    „Der kleine Trommler“ hat zwar nur eine Länge von 151 Seiten, ich würde dieses Buch aber wirklich niemanden für Zwischendurch empfehlen. Jeder der Erzählungen nimmt dir als Leser durch seine Tragik ein wenig den Atem!