• „Marlene“ | Hanni Münzer

    Autor:  Hanni Münzer
    Verlag:  Piper Verlag
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman
    Honigtot-Saga, Band 2
    Seitenzahl:  537
    ISBN:  978-3-492-30947-9

    Lange zögerte Marlene, ihre Geschichte aufzuschreiben. Wollte sie alles aus dem Dunkel hervorzerren, die Geister du Dämonen ihrer Vergangenheit, und sich ihnen erneut aussetzen?
    Doch da gab es auch die schönen Erfahrungen. Wunderbare Menschen hatten ihren Weg gekreuzt, Menschen, die sich das Menschsein bewahrt hatten, die selbst unter den furchtbarsten Bedingungen noch füreinander da gewesen waren. Und im Krieg hatte sie nochmals die Liebe erlebt, eine Liebe, so groß und weit, dass sie sie bis heute erfüllte.

    Meine Meinung

    „Die Bösen hetzen die Dummen auf die Klugen, weil sie die Einzigen sind,
    die ihre Absichten entlarven könnten!“

    Nach „Honigtot“ eine Fortsetzung zu schrieben, finde ich mutig! Der Roman hatte zwar seine kleineren Schnitzer, war aber Rundherum eine stimmige und mitreißende Geschichte. Ein zeitgeschichtlicher Roman, der sowohl aktive Genreleser, als auch Neueinsteiger in dieses Thema fesselt und sehr authentisch in die 20er Jahre zurückversetzt. Doch auch diesmal hat mich der Roman nicht mehr losgelassen …

    Das Buch beginnt 1944 und schließt direkt an die Geschichte des Vorgängers an.
    Am Ende ihres bewegenden Lebens lädt Marlene ihre Weggefährten nach Krakau ein, um mit ihnen ihren Weg Revue passieren zu lassen. „Ich bin 94 Jahre alt, und noch immer bin ich streitbar.“ Und das ist Marlene wirklich! Sie ist eine unermüdliche Kämpferin und erhebt ihre Stimme gegen Ungerechtigkeiten, Unwahrheiten und politischen Opportunismus. Sie lässt sich von niemanden den Mund verbieten! Schon in jungen Jahren, war sie eine entschlossene Frau und begnügt sich nicht mit stillem Widerstand. Sie begibt sich in lebensgefährliche Situationen und kommt dabei mehr als einmal nur knapp mit dem Leben davon. Sie wird erniedrigt und misshandelt, gerät in den Strudel der Naziherrschaft und gibt dennoch nicht auf …

    Von den Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges, dem Machtmissbrauch und den Konzentrationslagern zu lesen, ist sicher nicht für Jedermann die geeignetste Wochenendlektüre, dennoch schildert Hanni Münzer sehr eindrücklich und bewegend ein Stück deutscher und österreichischer Geschichte und schafft es, dieses doch sehr schwere Thema für einen großen Gruppe unterschiedlicher Lesertypen interessant zu machen. Die Spannung vom ersten Buch wird in gekonnter Weise weitergeführt und auch historische Wahrheit und die Lebensgeschichten der handelnden Personen werden brillant miteinander verbunden.
    Natürlich ist auch der Schreibstil der Autorin wieder hervorragend. Der betont weibliche und ausschmückende Erzählstil bringt eine gute Atmosphäre in die Geschichte und die Handlung selbst ist wie gewohnt spannend und wendungsreich!

    Besonders die weiblichen Charaktere in diesem Roman haben mich begeistert. Marlenes Charakter wurde großartig gezeichnet und bleibt sehr lange im Kopf des Lesers. Was sie als Frau und Widerstandskämpferin während des Krieges erlebt, ist erschütternd und sie überlebt eigentlich nur, weil sie bereit dazu ist, selbst zu töten. Trotz ihrer verrückten Art war mir Trudi sehr sympathisch. Wie junge Menschen nun mal sind, hält auch sie sich für unverwundbar und ich musst bei ihrem Handeln oft genervt die Augen verdrehen. Und auch die rote Olga ist eine unheimlich starke Frau, deren Würde unantastbar bleibt.

    Die „Honigtot-Saga“ ist den mutigen Widerstandskämpferinnen des Zweiten Weltkrieges gewidmet und ihnen zolle ich auch meinen allergrößten Respekt. Ebenso wie jedem mutigen Menschen 70 Jahre später, der sich für die Demokratie und die richtigen, lebensbejahenden Werte einsetzt!

  • „Honigtot“ | Hanni Münzer

    Autor:  Hanni Münzer
    Verlag:  Piper Verlag
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman
    Honigtot-Saga, Band 1
    Seitenzahl:  470
    ISBN:  978-3-492-30725-3

    Wie weit geht eine Mutter, um ihre Kinder zu retten?
    Wie weit geht eine Tochter, um ihren Vater zu rächen?
    Wie kann eine tiefe, alles verzehrende Liebe die Generationen überdauern und alte Wunden heilen?

    Meine Meinung

    Hanni Münzers Historischer Roman „Honigtot“ führt uns ins Jahre 1920. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zunächst die gefeierte Sängerin Elisabeth Malpran und ihr Mann Gustav, ein jüdischer Arzt, der seine weitaus jüngere Ehefrau vergöttert. Ihr Glück ist perfekt, als ihre Tochter Deborah und der kleine Wolfgang geboren werden. Im Zuge ihrer Engagements begegnet Elisabeth dem jungen, aufstrebenden Adolf Hitler, der von der Münchner Gesellschaft gefördert wird, zwar immer wieder, doch vermögen weder sie noch ihr Mann seinen Idealen etwas abzugewinnen. Als sie erkennen, dass sich Deutschland im Würgegriff der Nationalsozialisten befindet, planen die Eheleute sich ins Ausland abzusetzen. Doch als ihr Aufbruch nach England unmittelbar bevorsteht, verschwindet Gustav spurlos …

    Elisabeth versucht verzweifelt, näheres über das Verschwinden ihres Mannes herauszufinden. In Berlin begegnet sie dabei Obersturmbandführer Albrecht Brunnmann, in den sie sich schließlich auch verliebt. Er bietet ihr Stärke in einer Zeit, in der alles um sie herum ins Wanken gerät. Nach Elisabeths frühem Tod übernimmt Deborah die tragende Rolle in der Familie und somit auch im Leben ihres Stiefvaters. Schnell lässt sich die junge Frau vom Luxus und ausschweifenden Leben blenden. Deborah, die als sanftes Mädchen galt, erweist sich schon bald als eine Frau mit intensiven Gefühlen, die auch bereit ist, mit allen Mitteln zu kämpfen!

    „Honigtot“ war mein erstes Buch von Hanni Münzer. Ein Buch mit viel Potential, in dem die Autorin eindrücklich beschreibt, wie sich die gehobene Gesellschaft zielgerade auf einen Alltag voller Angst und Misstrauen zubewegt. Sie zeigt, wie Menschen ihre Freunde nur ihrer Religion wegen plötzlich nicht mehr kennen und auch mit welcher unwürdigen Art Menschenverachtung in der Gesellschaft legitimiert wird.
    Leider kommt die Gestaltung der Figuren dabei viel zu kurz. In vielen Szenen wirken sie zu übertrieben auf mich. Gerade die weiblichen Charaktere, die für die Geschichte am wichtigsten sind, verlieren da oft an Glaubwürdigkeit. So entwickelt Elisabeth plötzlich unerwartete Stärke und zeigt große Durchsetzungskraft, um nur 100 Seiten später wieder in alte Muster zurückzufallen und vertraut sich einem Mann an, der alle Werte, an die sie und auch ihr Ehemann geglaubt haben, mit Füssen tritt. Auch Deborahs Entwicklung nimmt unglaubliche Züge an.

    Nichtsdestotrotz hat mir die Geschichte unheimlich gut gefallen. Hanni Münzer schafft es, viele bekannte historische Figuren in ihren Roman einzubauen und ein schwieriges geschichtliches Konstrukt aufrecht zu halten. Da verzeiht man ihr auch schonmal „kleinere“ Schnitzer, wie die unerwartete Heilung einer Querschnittslähmung oder dem sehr saloppen Umgang mit den vertraulichen Protokollen der Wannseekonferenz.

    Hanni Münzer legt uns einen Roman vor, mit dem man sich einfach auseinandersetzen muss. Dass sie dabei einige moderne Aspekte beimischt, nimmt der Geschichte aber nicht ihren Flair!

  • „Im Licht der Zeit“ | Edgar Rai

    Autor:  Edgar Rai
    Verlag:  Piper Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  512
    ISBN:  978-3-492-05886-5

    Frühjahr 1929: Alle Welt redet nur noch vom Tonfilm, der in Amerika längst die Kino-Paläste erobert hat. Deutschland aber droht den Anschluss zu verlieren. Nun soll die mächtige Ufa das Land zurück an die Spitze führen, koste es, was es wolle. Ein halbes Jahr später hat der geniale Karl Vollmöller fast alles beisammen: das modernste Tonfilmstudio, einen grandiosen Stoff, den gefeierten Oscar-Preisträger Emil Jannings, der soeben glorreich aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist, und den perfekten Regisseur.

    »Der blaue Engel« wird nicht einfach nur ein Tonfilm sein, er wird ein neues Zeitalter einläuten, davon ist Vollmöller überzeugt. Nur die Hauptdarstellerin fehlt noch. Wer soll die abgründige Figur der Rosa Fröhlich verkörpern, die den biederen Professor ins Unglück stürzt? Etwa Marlene Dietrich? Als Revuegirl ist sie eine Klasse für sich, sie bietet Leichtigkeit, Unterhaltung, zeigt nackte Haut. Aber sie besitzt keinerlei schauspielerisches Talent!

    Meine Meinung

    1929! Ein Jahr, das sich für die Deutschen in vielerlei Hinsicht hervorhebt!
    Während die Schönen und Reichen Berlins ihre Nächte vor allem ausgiebig zum Feiern nutzen, nimmt die Popularität der Nationalsozialisten langsam aber sicher gezielte Formen an. Außenminister Gustav Stresemann stirbt und auch mit dem Stummfilm geht es dem Ende entgegen!
    Emil Jannings, der größte männliche Filmstar seiner Epoche, hat zwar als bislang einziger Deutscher einen Oscar bekommen, aber sein erster in Amerika produzierter Tonfilm wurden ein riesengroßer Reinfall.
    Die Filmindustrie ist im Umschwung! Die Produktionsgesellschaft UFA, damals im Besitz des Medienmoguls Alfred Hugenberg, der nicht nur die wichtigsten Zeitungen kontrollierte, sondern auch als ein Befürworter von Adolf Hitler galt, baut in Babelsberg hochmoderne und bislang weltweit einzigartige Tonfilmstudios. Genau dort soll – mit Jannings in der Hauptrolle – der erste deutsche Tonfilm entstehen! Ein Film, der alles Dagewesene in den Schatten stellen soll!

    Mit diesem Wissen starten wir ins Edgar Rais Roman „Im Licht der Zeit“. Der Autor nimmt abwechselnd die Perspektiven der Hauptprotagonisten ein, vor allem die von Marlene Dietrich, die zur damaligen Zeit zwar als gefeiertes Revue- und Partygirl bekannt war, aber als Gift für jeden Film. Abwechselnd kommen natürlich auch die Männer zu Wort. „Der blaue Engel“ gilt bis heute als das Sprungbrett so mancher Kultikone der 20er und 30er Jahre!

    Der Autor hat uns mit „Im Licht der Zeit“ eine wirklich stimmungsvolle Geschichte näher gebracht. Er erzählt eindringlich, detailreich, spannend, atmosphärisch und überaus geschickt, sodass man mit Freude in jeder Szene mitfiebert. Er spart nicht an Protagonisten und lässt viele bekannte Namen jener Zeit wieder aufleben, darunter auch Claire Waldoff, Erich Kästner und Billy Wilder, aber es sind vor allem Marlene Dietrich und der Produzent und Drehbuchautor Karl Vollmöller, die er dabei beobachtet, wie sie mit dem Projekt des „Blauen Engels“ wachsen.
    Parallel erzählt er aber auch die Geschichte von Henny Porten, der Schauspielerin, die bis zum Aufkommen des Tonfilms die deutsche Filmszene dominierte und der – unter der Hand gesprochen – eine kurze aber sehr intensive Affäre mit der noch jungen Marlene Dietrich nachgesagt wird.

    In „Im Licht der Zeit“ treffen zwei starke Aspekte aufeinander:  Eine spannende und historisch bedeutsame Geschichte und ein Erzähler, der diese in wirklich gute Worte fassen kann. Der Roman erzählt die Geschichte Berlins in den endenden20er Jahre, mit seinen Feiertempeln und unfassbar vielen Kinos. Jedem Kapitel ist auch ein Ausschnitt aus der Berliner Volkszeitung vorangestellt, die mir beim Lesen oft das Blut in den Adern gefrieren ließen, weil die propagandistischen Texte der NSDAP ebenso gut ins Jahr 2020 passen würden.

    Für Fans der 20er Jahre ist dieses Buch ein absolutes Muss!

  • „Der Fall Collini“ | Ferdinand von Schirach

    Autor: Ferdinand von Schirach
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  193
    ISBN: 978-3-492-30146-6

    34 Jahre hat der Italiener Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann ermordet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos wie es aussieht. Als der junge Anwalt Caspar Leinen die Pflichtverteidigung für Fabrizio Collini zugewiesen bekommt, erscheint im der Fall die vielversprechende Karrierechance zu sein, auf die er gewartet hat. Doch als er erfährt, um wen es sich bei dem Mordopfer handelt, wird der Prozess zu seinem persönlichen Albtraum!

    Meine Meinung

    Ferdinand von Schirach zeigt uns in seinem Buch „Der Fall Collini“ eine verheerende Geschichte, die im 2. Weltkrieges ihren Anfang nimmt und dessen Spuren sich noch bis in die heutige Zeit ziehen.

    Die Geschichte handelt von einem jungen Anwalt, der seinen ersten Fall als Pflichtverteidiger übernimmt. Als dieser voller Eifer loslegen will muss er jedoch feststellen, dass sein Mandant gar nicht anwaltlich vertreten werden möchte. Rechtsanwalt Caspar Leinen macht sich also selbst auf die Suche nach der Wahrheit.
    Bei einem so kurzen Roman möchte man gar nicht zu viel verraten. Es geht um die große Frage, was einen Menschen dazu treibt, einen Mord zu begehen, wenn er doch selbst bis dahin nie gewalttätig und irgendwie anders auffällig wurde. Jeder Leser wird seinen eigenen Schwerpunkt in der Geschichte setzen …

    Das Buch ist voller Spannung und endet, wie man es definitiv nicht vorhergesehen hat. Das Kernthema behandelt die nachlässige Gesetzgebung, mit der in Deutschland mit NS-Verbrechen bzw. den ausführenden Soldaten in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg umgegangen wurde. Neben dem lehrreichen Aspekt, der mich als Leser total in den Bann gezogen hat, fand ich die Art, wie der Autor die Geschichte erzählt, äußerst unterhaltsam. Auch das Verhalten der Anwälte untereinander trägt zur Intensivierung der Geschichte bei.

    Ferdinand von Schirach arbeitet selbst als Anwalt, daher habe etwas vermehrt mein Augenmerk auf die Szenen im Gericht gelegen. Diese fand ich gut ausgearbeitet, sehr sachlich und klar präsentiert. Jedoch ohne viel Schnickschnack, der uns die Geschichte unnötig verschönert.

    Oberflächlichkeiten sind mitunter die Merkmale unserer heutigen Zeit. In die Tiefe zu gehen bedeutet oft, auf Dinge zu stoßen, die Zweifel, Wut und Schmerzen verursachen könnten. Ist es unserer Gemütlichkeit geschuldet, dass wir heutzutage lieber die Dinge so zur Kenntnis nehmen, wie wir sie auf den ersten Blick sehen?
    Beharrlichkeit und der eiserne Wille, einer Sache auf den Grund zu gehen, ist zwar manchmal unbequem, lohnt sich aber letztendlich doch …

  • „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ | Joel Dicker

    Titel im Original: „La Disparation de Stephanie Mailer“
    Autor: Joel Dicker
    Aus dem Französischen übersetzt
    von Amelie Thoma & Michaela Meßner
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  666
    ISBN: 978-3-492-05939-8

    Vier Menschen, an einem schönen Sommerabend brutal ermordet.
    Zwanzig Jahre später: Die junge Journalistin Stephanie Mailer stellt zu viele Fragen und verschwindet. Was ist ihr zugestoßen? Und was hat sie herausgefunden?

    Meine Meinung

    Für mich hat Joel Dicker mit seinem Debütroman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ eine absolute Steilvorlag im Bereich der Spannungsliteratur hingelegt und auch sein zweiter Roman „Die Geschichte der Baltimores“ ging mir sehr zu Herzen. Mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist nun auch sein neues Buch auf dem Markt: Ein großartiges Werk für Freunde guter Kriminalliteratur!

    Wir schrieben das Jahr 2014. In dem beschaulichen Städtchen Orphea, direkt vor den Toren von New York, soll der State Police Detective Jesse Rosenberg in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet werden. Man nennt ihn auch den „Hundertprozentigen“, da er im Laufe seiner Karriere alle Fälle aufklären konnte!
    Während dieser Feier spricht ihn die junge Journalistin Stephanie Mailer an, die angeblich ausschlagende Indizien gefunden hat, die beweisen, dass Jesse und sein damaliger Partner bei einem Vierfachmord zwanzig Jahre zuvor den falschen Täter überführt haben. Während 1994 gefühlt ganz Orphea der Eröffnung des ersten Theaterfestivals der Stadt beiwohnen, werden einige Straßen weiter der Bürgermeister, seine Frau und sein Sohn brutal erschossen. Auch eine zufällt vorbeilaufende Joggerin fiel dem Täter zum Opfer.
    Doch dann ist Stephanie Mailer plötzlich verschwunden …

    Joel Dicker geht gern verschwenderisch und ausladend mit Worten um. Er erzählt nicht kurz und knackig, sondern detailliert und atmosphärisch. Und doch ist hier kein Wort zu viel!

    Das Buch bedient sich ganz klar der Erzähltechnik des Cold Case: Wir springen immer wieder von der Gegenwart 2014 zurück ins Jahr 1994. So reiht sich ein Puzzlestein an den Andere, und die damaligen Geschehnisse und die Verflechtungen, setzen sich allmählich zusammen.
    Bei all den Verwirrungen tappt man als Leser lange im Dunkeln, geht zusammen mit den Ermittlern Irrwege, die zunächst plausibel wirken und doch mit der Wahrheit recht wenig zu tun haben. Man verstrickt sich in einem Netz aus Intrigen und menschlichen Abgründen, die wirklich nicht leicht zu durchschauen sind. Zudem baut der Autor immer wieder kleine Cliffhanger ein, die dringend zum Weiterlesen animieren.

    Die Protagonisten, die uns Joel Dicker hier präsentiert, decken eine enorme Bandbreite der Persönlichkeiten ab. Von wirklich glaubwürdigen bis hin zu völlig überbelichteten und mit Klischees nur so überzogen Figuren bekommen wir hier viele Schattierungen aufgezeigt. Da er über diese Personen aber auch eine gute Portion Humor ins Buch mitbringt, fand ich diesen Faktor wirklich gut!

    Ein spannender und komplexer Kriminal- und Gesellschaftsroman.
    Für meine Verhältnisse hätte das Buch  gerne noch etwas länger sein können …