• „Der Totenkünstler“ | Chris Carter

    Titel im Original: „The Death Sculptor“
    Autor: Chris Carter
    Aus dem Englischen übersetzt von Sybille Uplegger
    Verlag: Ullstein Verlag
    Genre: Thriller
    4. Fall von Robert Hunter & Carlos Garcia
    Seitenzahl:  443
    ISBN: 978-3-548-28539-9

    Die Angst geht um beim Los Angeles Police Department. Wer von ihnen wird das nächste Opfer sein?
    Ein brutaler Killer tötet Polizisten und formt aus ihren Körpern abscheuliche Figuren. Er versteht sich als Künstler. Und genau da setzen Robert Hunter und sein Partner Carlos Garcia mit ihren Ermittlungen an. Hunter weiß, wie Mörder denken. Und das könnte sein Todesurteil sein.

    Meine Meinung

    Nach einigen Wochen Pause kommt bei mir endlich wieder ein Chris Carter an die Reihe …

    Robert Hunter und Carlos Garcia werden zu einem schrecklichen Tatort gerufen: Ein ehemaliger, im Sterben liegender Staatsanwalt wurde auf brutale Art und Weise ermordet. Am Tatort befindet sich eine Skulptur, die aus einigen seiner Körperteile gefertigt wurde. Nicht nur das die Tat vollkommen absurd erscheint, da das Opfer wegen seines Lungenkrebses so und so nur noch wenige Wochen zu leben hatte, auch die Ausführung der Tat wurde vom Täter extrem durchdacht und war auf ein langes Leiden des Opfers ausgerichtet.

    Wieder mal brilliert Chris Carter mit seiner tollen Art zu schreiben. Wir werden ohne viel umschweifen direkt ins Geschehen geworfen und die Spannung ist zum Greifen nahe. Die Formulieren sind toll gewählt und auch die Sätze sind klar und bildhaft. Chris Carter arbeitet geschickt mit Cliffhangern, denen man sich einfach nicht entziehen kann und die den Spannungsbogen immer weiter steigern. Seine Hauptfiguren Robert Hunter und Carlos Garcia haben ja schon so Einiges gesehen, aber jedes Mal wird’s ein bisschen blutiger.
    Auch die Wendungen waren wieder großartig und bei mir hat das Verwirrspiel diesmal total zugeschlagen, denn ich musste meine Vermutungen, wer als Täter dahinter steckt mehr als einmal über den Haufen werfen.

    Die Ermittler tappen lange Zeit im Dunkeln und der Täter treibt weiter sein perfides Spiel. Es scheint, dass er immer brutaler wird! Bei den Beschreibungen, wie der Totenkünstler seinen Opfern die Köperteile abnimmt und auch wie die Tatort und das Auffinden der Skulpturen beschrieben wurde, sind meine eigenen Gesichtszüge vermutlich auch des Öfteren entglitten, aber das sind wir ja bei Chris Carter schon alle gewohnt.

    Da das Opfer ein Mann des öffentlichen Rechtsstaats war, bekommen Hunter und Garcia die beste Unterstützung zur Verfügung gestellt, die die Staatsanwaltschaft aufbieten kann. Ihr Name ist Alice und sie ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Recherche und Hackerei. Ich fand großartig, dass sie nach der anfänglichen Skepsis toll ins Team aufgenommen wurde. Es brechen keinerlei Machtspielchen zwischen den Protagonisten aus und auch die Messer werden nicht hinterher geworfen. Ganz im Gegenteil macht sich die gute Zusammenarbeit schnell bemerkbar und führt zu ersten Ergebnissen! Toll umgesetzt!

    Ich war wie immer begeistert und Chris Carter hat sich mal wieder selbst übertroffen …

  • „Hendrikje, vorübergehend erschossen“ | Ulrike Purschke

    Autor: Ulrike Puschke
    Verlag: dtv Verlag
    Genre: Roman | Humor
    Seitenzahl:  217
    ISBN: 978-3-423-21031-7

    Hendrikje Schmidt ist eine Pechvogelin. Sie sitzt im Gefängnis und erzählt der spröden Psychologin Frau Dr. Palmenberg ihre Geschichte. Denn eigentlich hatte Hendrikje ihr Leben mal ganz gut im Griff. Tagsüber arbeitet sie als Bedienung in einem Café, nachts malt sie Bilder. Die Aussichten auf eine Ausstellung stehen gut, da kommt es – natürlich an Weihnachten – ganz knüppeldick. Von einem Tag auf den Anderen ist Hendrikje bis über beide Ohren verschuldet, allein und totunglücklich. Und weil ihr Selbstmordversuch kläglich misslingt, wollen ihre Freunde beim zweiten Mal helfen!

    Meine Meinung

    Hendrikje! Hendrikje! Da sitzt sie nun bei der schönen Psychologin Frau Dr. Palmenberg und erklärt ihr (und uns), warum sie 1,5 Menschen umgebracht hat. Also eigentlich! … denn es gibt ja für alles ein Wenn und Aber. Und von denen gibt es in Hendrikjes Erzählungen eine Menge …
    Mehr möchte ich zum Inhalt dieses tollen Buches gar nicht erzählen. Der Klappentext verrät schon unheimlich viel und ein bisschen Überraschung möchte ich euch dann doch noch lassen!

    Ulrike Purschke hat einen wunderbar locker leichten Schreibstil, mit klaren und eher kurzen, aber aussagekräftigen Sätzen, die ein tolles Tempo vorlegen. Sehr bissig und mit einem dunkel englischen Humor. Ich muss sagen, das Buch liest sich wie von selbst und man kann einfach nicht mehr aufhören! Ein absoluter Klassiker!

    Hendrikje ist eine so wunderbare Protagonistin, wie ich sie selten in einen Buch gelesen habe. Man muss sie zwangsweise von der ersten Seite an ins Herz schließen … und möchte sie in soooo vielen Situationen einfach nur schütteln! Hendrikje hat wirklich Verständnis für Alles und Jeden: Für Ernst, der sie nach einer längeren Liebelei wegen ihrer eigenen Freundin verlässt. Für Paula, die ihr Atelier beim Lackschnüffeln abfackelt. Für „Göbels“, ihre brüllende zeternde Chefin im Café. Doch jedes Verständnis hat irgendwann sein Ende und Hendrikje möchte sich das Leben nehmen!
    Schon lange bin ich nicht mehr so gern in ein Buch hineingekrochen und habe mich dabei so wohl gefühlt. Hendrikje beschreibt Szenen aus ihrem Leben schonungslos offen und mit einer Naivität, die immer wieder die Grenze ins Komische überschreitet. Einzigartig und grotesk auf eine wunderbare Weise!

    Hast du dir schon mal ernsthaft Gedanken über den Arbeitsalltag einer Kellnerin gemacht?
    Das Mütter-Gruppen volle Windeln liegen lassen? Das Schulgruppen immer gleichzeitig abgefertigt werden müssen? Dass Gäste ihre Fußpilz-Tinktur an Ort und Stelle mit im Lokal anwenden?
    Ich nicht, aber ab heute werde ich wohl immer daran denken müssen und die Augen beim nächsten Kaffeehausbesuch offen haben …

  • „Der Kuss der Lüge“ | Mary E. Pearson

    Titel im Original: „The Kiss of Deception“
    Autor: Mary E. Pearson
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Barbara Imgrund
    Verlag: Bastei Lübbe | One Verlag
    Genre: Fantasy | Jugendbuch
    Chroniken der Verbliebenen, Band 1
    Seitenzahl: 559
    ISBN: 978-3-8466-0036-8

    Ein Befehl, und das Licht gehorcht.
    Ein Wink von ihr, und Sonne, Mond und Sterne fallen auf die Knie und erheben sich wieder. Sie ist Lia, Königstochter von Morrighan. Am Tag ihrer Hochzeit entflieht sie ihrem goldenen Käfig und lässt ihr bisheriges Leben hinter sich.

    Weit entfernt von Morrighan heuert Lia in einer Taverne an. Dort lernt sie eines Abends zwei Männer kennen, die sofort ihre Aufmerksamkeit erregen. Was sie nicht weiß: Die beiden sind auf der Suche nach ihr. Einer wurde ausgesandt, um die Königstochter zu töten. Und der andere ist ausgerechnet jener Prinz, den sie heiraten sollte. Schnell fühlt Lia sic zu beiden hingezogen. Und ahnt nicht, dass sie längst in größter Gefahr schwebt …

    Meine Meinung

    „Der Kuss der Lüge“ ist der Auftakt einer Fantasy-Reihe, die dank einer Freundin im letzten Jahr bei mir einziehen durfte. Obwohl wir hier bildgewaltig in eine aufregende Welt entführt werden, hatte ich doch ein bisschen an diesem Buch zu knabbern …

    Lia ist die älteste Tochter im Königshaus Morrighan. Gerade mal 17 Jahre alt, soll sie mit einem Prinzen verheiratet werden, den sie noch nie in ihrem Leben gesehen hat. Doch damit ist sie alles andere als einverstanden, sie möchte ihr Leben selbst bestimmen. Am Tag ihrer Abreise, der sie in das Königreich ihres zukünftigen Gatten führen soll, flüchtet sie zusammen mit ihrer Zofe Pauline und heuert weit entfernt in einer Taverne an. Noch nicht mal die besten Suchhunde ihres Vaters schaffen es, sie aufzuspüren. Gestärkt durch die neuen Aufgaben und das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wird, blüht sie richtig auf!
    Kurze Zeit später lernt sie zwei Männer kennen, die sofort ihre Aufmerksamkeit erregen. Was sie nicht weiß: Die beiden sind auf der Suche nach ihr! Einer ist ihr verprellter Prinz, der andere ein Auftragsmörder! Aber wer ist wer?

    Die Geschichte war von Anfang bis Ende gut durchdacht. Mary E. Pearson hat einen sehr flüssigen Schreibstil. Eher ruhig mit einer unterschwelligen Spannung, die der Autorin zu Beginn in meinen Augen ein bisschen im Weg gestanden ist. Das erste Drittel des Buches zieht sich unglaublich in die Länge und nimmt erst viel Später so richtig Fahrt auf. Am Anfang musste ich mich immer ein bisschen zum weiterlesen überwinden, aber es hat sich eindeutig gelohnt.
    Die Kapitel sind aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Allen voran lernen wir so natürlich Lia kennen, doch dann erleben wir auch die Sichtweise des Prinzen, des Attentäters, die von Rafe und die von Kaden. Mary E. Pearson hat das sehr geschickt eingefädelt. Ich muss aber ehrlich gestehen, dass mir die Kapitel aus der männlichen Sicht doch deutlich besser gefallen haben, waren diese von Anfang an rasanter und actionreicher beschrieben.

    Die Autorin zeichnet in diesem Buch ganz wunderbare Charaktere, die mir nahe gegangen sind und die ich auch mit der Zeit sehr lieb gewonnen habe. Ich durfte mit Lia und Pauline mitfiebern, habe mit ihnen geweint und war in manchen Situationen genauso am Boden zerstört wie unsere beiden Protagonistinnen. Auch Kaden und Rafe sind sehr interessante Figuren und ich fand das Rätselraten um ihre Hintergründe, durchaus spannend. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Charaktere toll und überzeugend gestaltet sind und mit ihren Aufgaben in der Geschichte wachen.

    Auch wenn ich einige Schwierigkeiten mit diesem Buch hatte, freue ich mich schon darauf, den zweiten Band der Reihe zur Hand zu nehmen. Ich denke auch die Autorin wird sich im Laufe der Geschichte weiterentwickeln …

  • „Finderlohn“ | Stephen King

    Titel im Original: „Finders Keepers“
    Autor: Stephen King
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Kleinschmidt
    Verlag: Heyne Verlag
    Genre: Thriller
    Bill Hodges-Trilogie, Band 2
    Seitenzahl: 539
    ISBN: 978-3-453-27009-1

    John Rothstein hat in den 60er Jahren drei berühmte Romane veröffentlicht, seither aber nichts mehr. Morris Bellamy, ein psychopathischer Verehrer, ermordet den Autor aus Wut über dessen „Verrat“. Seine Beute besteht aus einer großen Menge Geld und einer wahren Fundgrube an Notizbüchern. Bellamy vergräbt vorerst alles – und wandert dummerweise für ein völlig anderes Verbrechen in den Knast. Jahre später stößt der junge Peter Saubers auf den „Schatz“ und unterstützt mit dem Geld bis auf den letzten Cent seine Not leidende Familie.

    Nach 35 Jahren Haft wird Bellamy entlassen. Er kommt Peter, der nun die Notizbücher zu Geld machen will, auf die Spur und macht Jagd auf ihn.

    Meine Meinung

    Es gibt Bücher, die prägen ihre Leser maßgeblich. Man ist vernarrt in die Protagonisten, die Geschichte ist immer wieder von Neuem spannend und obwohl man sie schon etliche Male gelesen hat, findet man immer wieder neue Details. Genau so geht es Pete Saubers, nachdem er im Wald einen Koffer mit Notizbüchern von John Rothstein findet und die darin enthaltenen Manuskripte liest. Auch Morris Bellamy, der 30 Jahre zuvor in das Haus des Autors einbricht und diesen ermordet, war ein ebenso großer Narr. Warum dann diese irre Tat? Nicht des Geldes wegen, sondern aus reiner Rache, da der Autor Morris‘ Lieblingscharakter nicht das von ihm gewünschte Ende gegönnt hat. Er war es, der die Notizbücher im Wald vergrub, die viele Jahre später Peter Saubers Leben so maßgebend verändern sollen …

    Ich verfolge die Hodges-Trilogie wirklich gern. Dass Stephen King klassischen Horror schreiben kann, wissen wir ja schon, aber auch bei Kriminalgeschichten macht er seine Sache wirklich hervorragend. Zudem ist dieses Buch für mich eine Art Liebeserklärung an das geschriebene Wort. Wir alle haben Bücher, aus denen wir Kraft schöpfen und bei denen wir es lieben über weitere Erzählstränge zu sinnieren. Das macht für mich einen großen Teil der Magie von „Finderlohn“ aus.

    Bill Hodges ist nach den vergangenen Geschehnissen wieder ruhiger geworden und hat einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Er arbeitet als privater Ermittler bei seiner Firma „Finders Keepers“ wo auch Holly als seine große Unterstützung mit von der Partie ist. Nachdem sie vor einigen Jahren gemeinsam Brady Hartsfield zur Strecke gebracht haben, hat sich ihre platonische Freundschaft gefestigt und auch Holly blüht in ihrem neuen selbstständigen Leben auf. Sie verliert immer mehr ihre Schüchternheit und ist anderen Menschen gegenüber offener und fröhlicher.

    „Mr. Mercedes“ war ein spannender Kriminalroman mit starken Thriller-Elementen. „Finderlohn“ geht hier einen Schritt zurück und bedient sich nur noch sehr wenigen Krimivorgaben. Es wirkt dadurch beinahe stärker, obwohl die Spannung im ersten Buch deutlich größer war. Dennoch solltet ihr die Geschichte nicht unterschätzen. Es ist ein grandios geschriebenes Buch über Wahnsinn, Abhängigkeit und einer großen Portion jugendlichen Leichtsinns, das fesselt und für ausreichend Tiefgang sorgt.

    Natürlich setzt Stephen King auch in diesem Buch wieder auf einige kingtypischen Elemente, wie beispielsweise auf den Schriftsteller, der eine große Rolle spielt, aber auch das er sich für das Kennenlernen der Protagonisten und der Geschichte sehr viel Zeit nimmt, aber genau das erwarte ich mir mittlerweile von diesem Autor und macht für mich das „Heimkommen“-Gefühl aus!

  • „Nichts als die Nacht“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Nothing but the Night“
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernard Robben
    Verlag: DTV Verlag
    Genre: Novelle
    Seitenzahl:  148
    ISBN: 978-3-423-28129-4

    Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund immer wieder auftut.

    Meine Meinung

    John Williams war erst 22 Jahre alt war, als er diese kurze Novelle schrieb.
    Als er bei einem Erkundungsflug im 2. Weltkrieg über Burma abgeschossen wurde und diesen Absturz wie durch ein Wunder überlebte, versuchte er durch das Schreiben, gegen seine Ängste anzukommen. So entstand „Nichts als die Nacht“!

    Arthur Maxley ist 24 Jahre alt und gibt vor zu studieren. Allerdings führt er lieber das Leben eines Müßiggängers, der sich von den regelmäßigen Schecks seines Vaters finanzieren lässt. Er jedoch genießt sein Leben nicht, sondern leidet am Hier und Jetzt … und vor allem an seiner Vergangenheit: Seit einem traumatischen Erlebnis, meidet Arthur den Kontakt zu seinem Vater, pflegt kaum Freundschaften und versucht zu vergessen. Oft greift er dafür zum Alkohol!

    In John Williams Debütroman begleiten wir 12 Stunden das Leben unseres Protagonisten. Dabei geschieht äußerlich nicht wirklich viel, die Geschehnisse in Arthurs Psyche sind allerdings verheerend: 12 Stunden voller Unruhe, Angst und Raserei, durchzogen von surrealen Träumen, Visionen und Erinnerungen! Arthur hat das Trauma aus seiner Kindheit nie verwunden. Starke Gedanken und Gefühlen beherrschen ihn. Auch körperlich nimmt sein Zustand bereits bedrohliche Formen an.
    Mit einem unglaublichen Einfühlungsvermögen und starker psychologischen Einsicht zeigt uns der damals noch sehr junge John Williams das Innenleben eines jungen Mannes, der offenbar schon als Kind überaus sensibel war und durch eine familiäre Tragödie schwer traumatisiert wurde. Arthur ist eine Persönlichkeit, die immer nur um sich selbst und sein Leid kreist, gleichzeitig sieht er sich aber auch von außen mit den Augen eines fremden Beobachters.

    Als ich Arthur am Ende des Buches verließ, blieb ich erschüttert und sehr verstört zurück. Im ersten Moment konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, ich hatte nur immer wieder das Gefühl, dem jungen Mann in seiner Situation helfen zu müssen. Der melancholische Ton und die Ereignisse machten mich nicht nur traurig, auch Wut und Ärger über alle Beteiligten haben sich in mir abgewechselt.

    Trotz der tiefen Empfindungen (oder gerade wegen Dieser), ließ sich für mich das spätere Talent John Williams auch in dieser Novelle deutlich erkennen. Die Erzählung strotzt vor Bildern und Metaphern, wenn auch der Text noch nicht so flüssig und klar zu lesen ist wie in seinen späteren Werken. Die Sätze und Formulierungen sind treffend gewählt und zeigen von erzählerischer Kraft.

    Ein beeindruckendes Debüt, das von der sensiblen Wahrnehmung seines Autoren zeugt!

  • „Sophia, der Tod und Ich“ | Thees Uhlmann

    Autor: Thees Uhlmann
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch
    Genre: Roman  |  Humor
    Seitenzahl:  318
    ISBN: 978-3-462-05061-5

    Was passiert, wenn eines Tages der Tot bei einem klingelt und sagt, dass man nur noch ein paar Minuten zu leben hat?

    „Sophia, der Tod und ich“ ist ein rasanter, hochkomischer, berührender Roman über all das, was im Leben wirklich zählt. Ein Roadtrip quer durch die Republik, hin zu den Menschen, die uns wichtig sind. Man liest, lacht, zerfließt vor Melancholie und freut sich, dass man dabei ist, bei dieser großartigen Sache namens Leben.

    Meine Meinung

    Das Thees Uhlmann zu meinen Lieblingssängern gehört, ist in meinem Freundeskreis mittlerweile doch bekannt. Zu meinem Geburtstag wurde ich nun mit seinem ersten Buch überrascht und musste es natürlich sofort lesen!

    Es klingelt an der Tür und im Treppenhaus riecht es nach frisch gebrühtem Kaffee. Als unser namenloser Protagonist öffnet, steht der lebendige Tod vor ihm und verkündet, dass er nur noch drei Minuten zu leben habe. Aber was wünscht man sich in den letzten Minuten seines Lebens?
    Unser Held – ein nachdenklicher, fußballliebender Altenpfleger – weiß nun wirklich nichts mit dieser Situation anzufangen. Seine Beziehung mit Sophia ist vorbei, sein Job ist so lala und er selber weiß nicht, ob sein 8-jähriger Sohn die Postkarten, die er ihm täglich schreibt, überhaupt bekommt.
    Mitten in seinen “letzten” Gedanken klingelt es erneut. Sophia erscheint und erinnert ihn, dass sie gemeinsam seine Mutter besuchen wollten. Der Tod ist völlig perplex, ist er es doch gar nicht gewöhnt, bei seiner Arbeit gestört zu werden. Irgendwas läuft hier gewaltig schief …
    Und so nimmt die superwitzige und toll geschriebene morbide Geschichte ihren Lauf!

    Wie nicht anders von dem Sänger zu erwarten, ist Thees Uhlmanns Schreibstil sehr erfrischend und leicht verständlich. Manchmal lyrisch, manchmal trocken, aber immer auf dem Boden der Tatsachen. Die Grundgeschichte ist skurril und außergewöhnlich, das Tempo eher zurückgenommen, was aber das eigene Gedankenkarussell sehr gut anregt. Der Inhalt war in manchen Szenen so dicht, dass ich einige Absätze mehrmals lesen musste.

    Trotz der Schwere des Themas, ist die Stimmung in diesem Buch näher am Leben als man ahnt!

    „Sophia, der Tod und ich“ lebt durch seine Charaktere! In jeden einzelnen hätte ich mich vom Fleck weg verlieben können, dennoch sind sie alle von Grund auf verschieden und ich musste mich beim Lesen mehr als einmal fragen, warum die Harmonie trotzdem so gut klappt!
    Ihr werdet euch selbst in mindestens einer dieser Personen wiederfinden!

    Thees Uhlmann ist ein großartiger Erzähler. Jemand der unterhalten kann, ohne den Ernst außen vor zu lassen. Oder besser gesagt, ihn geschickt zu verpacken weiß! Sein Humor ist von trockener, lässiger Art, obwohl sein Protagonist eher einen Stock im Hintern hat und der Tod in seiner überschwänglichen Lebensfreude zu platzen droht.

    Das Sterben ist schon eine ernste Sache. Vor allem für Diejenigen, die zurückbleiben! Und doch ist er allgegenwärtig! Aber vorher bietet uns das Leben so viele Möglichkeiten es in vollen Zügen zu genießen. Und genau das ist es, was Thees Uhlmann in seinem Buch vermittelt. Einem Roman, der vor Leben nur so strotzt!

  • „Grindelwalds Verbrechen“ | Joanne K. Rowling

    Titel im Original: „Fantastic Beasts:  The Crimes of Grindelwald“
    Autor: Joanne K. Rowling
    Aus dem Englischen übersetzt von Anja Hansen-Schmidt
    Mit Illustrationen von MinaLima
    Verlag: Carlsen Verlag
    Genre: Fantasy | Jugendbuch
    Phantastische Tierwesen, Band 2
    Seitenzahl: 286
    ISBN: 978-3-551-55709-4

    In „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ wurde der mächtige schwarze Magier Gellert Grindelwald mit Unterstützung des Magizoologen Newt Scamander gefasst. Doch jetzt gelingt ihm die Flucht und er beginnt, Anhänger um sich zu scharen. Sein wahres Ziel – Die Herrschaft von reinblütigen Hexen und Zauberern über alle nichtmagische Wesen – kennen nur die wenigsten von ihnen. Um diesen Plan zu durchkreuze, wird Newt von Grindelwalds größten Wiedersacher um Hilfe gebeten: Albus Dumbledore. Als Newt einwilligt, ahnt er noch nicht, welche Gefahren vor ihm liegen. Die Kluft, die sich durch die magische Welt zieht, wird immer tiefer, und selbst Familien und Freunde werden entzweit!

    Meine Meinung

    Die Geschichte um Newt Scamander, dem liebenswerten und etwas verschrobenen Magizoologen, geht in die nächste Runde! Zum Ende des ersten Bandes, wurde Gellert Grindelwalds mit Newts Hilfe gefasst. Diesem gelingt auf spektakuläre Weise die Flucht nach Europa, wo er möglichst viele Anhänger um sich schart. Er verfolgt ein hohes Ziel: Er möchte die Herrschaft von reinblütigen Hexen und Zauberern gegenüber den Nichtmagiern sichern. Doch auch der Obscurus Credens erweckt sein Interesse …
    Albus Dumbledore, Grindelwalds größter Widersacher, bittet Newt um Hilfe. Die Kluft, die sich durch die magische Welt zieht, wird immer bedrückender … und auch Familie und Freunde bleiben nicht verschont!

    Bei diesem Buch handelt es sich wieder um ein Originaldrehbuch. Ihr seid an dieser Stelle also vorgewarnt, was die Schreibweise und Aufmachung betrifft. Ich persönlich bin von dem Cover und der ganzen Geschichte begeistert! Zudem ist die Gestaltung innen wie außen ein absoluter Blickfang!

    Aufgrund der Dialoge und der knappen Regieanweisungen lässt sich das Buch zügig durchlesen. Dennoch war ich auch hier wieder erstaunt, wie gut sich ein gewisser Spannungsbogen aufbauen lies und wie normal die Charaktere rüberkamen. Natürlich ist das Buch nicht so emotional wie ein normaler Roman, doch trotzdem kann man die Empfindung der Figuren sehr gut nachvollziehen.

    In „Grindelwalds Verbrechen“ tauchen erstmals bewusst alte Bekannte aus dem Harry Potter-Universum auf. So erfahren wir einige interessante Zusammenhänge aus der Familie Lestrange und auch Albus Dumbledore hat seine Hände wieder mit im Spiel.
    Auch die Charaktere aus dem ersten Band waren mir wieder auf Anhieb sympathisch. Newt mit seiner liebevollen, aber doch auffällig verschrobenen Art, Queenie die mich doch etwas verwundert hat und Jacob den ich die meiste Zeit einfach nur gern in den Arm nehmen wollte. Selbst Tina, von der ich im ersten Band ja gar nicht so begeistert war, hat mein Herz ein bisschen Höher schlagen lassen! Gellert Grindelwald fand ich persönlich spannend, seine Faszination auf Andere kann ich allerdings nicht teilen … ob da nicht ein kleiner Zauber nachhilft?

    „Grindelwalds Verbrechen“ ist eine Geschichte um Liebe, Treue und den Mut richtige Entscheidungen zu treffen. Und welchen Weg wählen wir, um unser Ziel zu erreichen?

  • „Elias & Laia: Eine Fackel im Dunkel der Nacht“ | Sabaa Tahir

    Titel im Original: „A Torch Against the Night“
    Autor: Sabaa Tahir
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Barbara Imgrund
    Verlag: Bastei Lübbe | One Verlag
    Genre: Fantasy | Jugendbuch
    Elias & Laia, Band 2
    Seitenzahl: 511
    ISBN: 978-3-8466-0038-2

    Das Schicksal hat Elias und Laia zusammengeführt und sie im Widerstand gegen das Imperium vereint. Gemeinsam fliehen sie aus Schwarzkliff, um im Gefängnis von Kauf Laias inhaftierten Bruder aus seiner Zelle zu befreien. Mit seinem Wissen könnte er von großem Wert sein für die Rebellen. Doch werden Elias und Laia es schaffen, sich unbemerkt bis ans andere Ende des Landes durchzuschlagen? Immerhin ist ihnen Helena dicht auf den Fersen. Und als rechte Hand des Imperiums hat sie einen klaren Auftrag: Die beiden Verräter zu finden und zu töten!

    Meine Meinung

    Was für eine tolle Fortsetzung! Nachdem „Die Herrschaft der Masken“ so actionreich geendet hat, habe ich mich eigentlich auf einen etwas ruhigeren Zwischenband eingestellt, aber weit gefehlt …

    Nach den schrecklichen Ereignissen des ersten Buches befinden sich Elias und Laia noch immer auf der Flucht vor dem Imperium. Sie müssen unter allen Umständen so schnell wie möglich und am besten auch noch unentdeckt Serra verlassen und sich irgendwie nach Kauf, dem gefürchteten Gefängnis der Martialen, durchzuschlagen. Laias Bruder Darrin ist dort nach wie vor den schrecklichen Folterungen ausgesetzt. Sein Wissen über das Geheimnis des berüchtigten Serrastahls könnte das Machtverhältnis zwischen Kundigen und Martialen ein für alle Mal verschieben.
    Verrat, Intrigen und Tod pflastern ihren Weg und auch Helena, als rechte Hand des Imperators, ist ihnen schon dicht auf den Fersen. Sie hat nur einen Auftrag:  „Töte den Verräter!“

    Der Schreibstil von Sabaa Tahir ist auch in „Eine Fackel im Dunkel der Nacht“ unverändert bildgewaltig, atmosphärisch und wortgewandt. In diesem Buch verlassen wir die römisch-anmutende Umgebung und ziehen durch sandiges Wüstengebiet. Wie schon beim Vorgänger, wird die Geschichte abwechselnd aus Elias und Laias Perspektive geschrieben. Zusätzlich kommt als dritter Erzählstrang noch Helenas Sicht hinzu, was mich persönlich sehr freute, da ich sie schon im ersten Band sehr interessant fand.
    Auch hier bleibt die Geschichte gewaltbereit und brutal, jedoch meiner Meinung nach weitaus weniger stark als noch im ersten Teil, dafür nehmen die Fantasy-Elemente zu und machen die Geschichte abwechslungsreicher und interessanter.

    In „Eine Fackel im Dunkel der Nacht“ konnte ich mich nun auch endlich mit Laia anfreunden. Sie wird im Laufe der Geschichte mutiger und wirkte auf mich offener. Ihre selbstmitleidigen Monologe verlieren sich mit der Zeit ganz! Wir könnten wirklich noch Freunde werden …

    Aber schauen wir erst mal, was der dritte Band für Überraschungen mit sich bringt!

  • „Unter der Haut“ | Gunnar Kaiser

    Autor: Gunnar Kaiser
    Verlag: Berlin Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  517
    ISBN: 978-3-8270-1375-0

    Die atemberaubende Geschichte eines bibliophilen Mörders!

    Mit einer so bedrohlichen wie verführerischen Atmosphäre beschwört dieser Roman vieles zugleich: die helle und die dunkle Welt der Bücher, den Sommer 1969 im pulsierenden New York sowie eine unheilvolle Freundschaft deren Hintergründe von Berlin der 30er Jahre bis in die Zeit des Mauerfalls führen.

    Meine Meinung

    Mit „Unter der Haut“ bekommen wir ein Erstlingswerk der Extraklasse und ein großartiges Plädoyer an die Literatur und die Bücher!

    New York im Sommer 1969: Der Literaturstudent Jonathan Rosen macht die Bekanntschaft des bibliophilen, aber doch in die Jahre gekommenen, Dandys Josef Eisenstein. Durch den geheimnisvollen älteren Mann lernt der unerfahrene Junge nicht nur die Welt der Kunst und des Geistes, sondern auch die Macht der Verführung kennen und erlebt in den gemeinsamen Monaten sein Coming of Age. Zu ersten sexuellen Erlebnissen kommt es in Eisensteins Atelier, wo Jonathan mit einer jungen Frau schläft, die von den beiden Männern in einem Diner angesprochen wurde. In den folgenden Wochen machen sie sich in der brütenden Hitze New Yorks auf die Suche nach neuen „Opfern“. Eisenstein, der selber niemals eine Frau berührt, lehrt seinem Schützling die Kunst der Verführung! Mit der Zeit wächst in Jonathan jedoch der Verdacht, dass über seinem Mentor ein dunkles Geheimnis schwebt. Diese Ahnung wird erst Jahrzehnte später zur Gewissheit, als er in Israel von der ehemaligen FBI-Agentin Sally Goldman aufgesucht wird, die schon seit langem hinter dem „Skinner“, einem legendären Serienmörder, her ist!

    Die Geschichte hat mich von der ersten Seite an gefesselt und bis zur Letzten nicht mehr losgelassen. Der Roman ließ sich schnell und durchgehend spannungsgeladen lesen, wobei gerade die unterschwellige Spannung toll in die Geschichte verflochten ist. Gunnar Kaiser hat einen ganz besonderen Schreibstil mit Wiedererkennungswert, der die ohnehin tolle Geschichte noch zusätzlich unterstützt. Perfekt konstruierte Charaktere, Rückblenden und Perspektivwechsel, alles in allem ein Roman, der durch sein hohes literarisches Niveau aus der Masse an Büchern deutlich herausragt.

    Auch am handwerklichen Prozess gibt es an diesem Roman wirklich nichts zu meckern. Der Plot ist in drei Handlungsstränge aufgeteilt: Zum einen bekommen wir einen Rückblick aus Jonathans Sicht 1969. Zwischendurch wechseln wir immer wieder in die Autobiografie des vermeintlichen Serienmörders und zum guten Schluss erfahren wir den Ausgang der Geschichte aus Jonathans heutiger Gegenwart in Israel. In allen Handlungssträngen wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, nur der Killer schreibt von sich in der dritten Person. Ein tolles Stilmittel, das uns den Charakter Josef Eisenstein in seiner andersartigen Düsternis deutlich näher bringt, aber auch die Atmosphäre des Buches stark beeinflusst.

    Der Inhalt mag an Patrick Süskinds „Das Parfum“ erinnern, jedoch liegt hier die Obsession des Mörders nicht so stark im Mittelpunkt. Sie blitzt zwar immer wieder im Hintergrund auf, aber die Lebensgeschichte und „Freundschaft“ der beiden Männer steht dem deutlich vor.

    Gunnar Kaiser weiß mit handwerklichen „Abweichungen“ zu überraschen. Bei einer Szene wechselt er einfach mal locker-flockig die Zeit, um diese hervorzuheben. Etwas später ändert er mitten im Absatz nicht nur die Zeit, sondern auch die Perspektive von der dritten Person zur Ich-Erzählung und genau diesen Wechsel finden wir auch mitten innerhalb eines Dialogs wieder! Grandiose zu lesen! Überraschend und hat mich im Lesefluss deutlich aufgeweckt!

    „Unter der Haut“ ist ein besonders intensives und mitreißendes Buch, das ihr euch auf jeden Fall ansehen solltet!