• „Die Geschichte eines neuen Namens“ | Elena Ferrante

    Titel im Original:  „Storia del nuovo cognome“
    Autor:  Elena Ferrante
    Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger
    Verlag:  Suhrkamp Verlag
    Genre:  Roman
    Neapolitanische Saga, Band 2
    Seitenzahl:  624
    ISBN:  978-3-518-42574-9

    Es ist das Neapel der 60er Jahre, und alles scheint im Umbruch. Lila und Elena wollen den beengten Verhältnissen ihres Viertels entfliehen, sie beharren darauf, ihr Leben selbst zu bestimmen – auch wenn der Preis, den sie dafür zahlen müssen, bisweilen brutal ist. Woran sie sich festhalten, ist ihre Freundschaft. Aber können sie einander wirklich vertrauen?

    Meine Meinung

    Nachdem ich schon das Hörbuch zum ersten Teil der Neapolitanischen Saga in Rekordzeit beendet hatte, konnte ich den Folgeband nicht allzu lange im Regal liegen lassen. Auch mit „Die Geschichte eines neuen Namens“ konnte mich Elena Ferrante wieder überzeugen. Es war spannend zu verfolgen, wie sich der „Rione“ und die bereits so vertrauten Menschen aus der italienischen Kleinstadt weiter entwickelt haben, allen voran natürlich die beiden Freundinnen Lila und Elena.

    Das Buch knüpft, ohne großen Übergang, an die bisherige Geschichte an. Lila findet heraus, dass ihr Ehemann mit den ihr so verhassten Solaras-Brüdern gemeinsame Sache macht, als diese auf ihrer Hochzeit erscheinen. Von diesem Zeitpunkt an, steht es um die Ehe zwischen ihr und Stefano nicht mehr allzu gut. Lila begehrt gegen ihren Ehemann auf und muss nicht nur einmal Schläge dafür einstecken. Doch Lila wäre nicht Lila, wenn sie sich dadurch unterkriegen lassen würde.
    Elena hingegen lernt fleißig und besucht die Universität in Pisa. Obwohl sie ihre Sache wirklich gut macht und mit den besten Noten aus den Prüfungen kommt, wird sie, wegen ihrer minderen Herkunft, von den anderen Studenten nicht angenommen. Auch wenn sich die Freundinnen in dieser Zeit immer wieder aus den Augen verlieren, scheint ihre Verbindung unzerstörbar zu sein!
    Verknüpft wird die Geschichte mit den Ereignissen des Neapels der 60er und 70er Jahre. Eine Generation menschlich wie politisch im Umschwung …

    Elena Ferrantes Schreibstil ist auch in diesem Buch wieder hervorragend! Ihre Wortwahl ist klar und beschönigt nichts, was mir aber unheimlich gut gefällt. Sowohl Freundschaft, Ehe und auch die Liebe werden von ihr sehr kritisch beleuchtet. Natürlich versteht sie es die Spannung zu halten, sodass man in der Geschichte gefangen bleibt, obwohl diese detailreich und ausschweifend erzählt wird. Für mich war aber kein Satz zu viel!

    Elena, als Erzählerin ihrer eigenen Geschichte, versteht es sehr gut, ihre Gefühle und natürlich auch ihre innere Unruhe darzustellen. Ihre Unsicherheit! Ihr Charakter wirkt über allem erhaben. Sie ist ehrlich, überaus anpassungsfähig und versteht es, das Vertrauen der Menschen in ihrer Umgebung zu erlangen. Ihre Freundschaft zu Lila wird in den sechs Jahren dieses Buches oft auf die Probe gestellt. Die beiden Teenager scheinen auf den ersten Blick vollkommen unterschiedlich zu sein, und dennoch sind sie in gewisser Weise voneinander abhängig. Dabei trägt gerade ihr Verhältnis zu Lila einen nicht unwesentlichen Anteil an ihrer eigenen Zerrissenheit. Der innerliche und unbewusste Wettkampf zwischen den beiden nährt und hemmt Elena zugleich.

    Eine Geschichte dieser Art, in der es um eine Freundschaft geht, die nicht nur Liebe und Bewunderung beinhaltet, sondern auch viel Neid, Konkurrenz und Missgunst zum Thema hat, ist mir so in literarischer Form noch nicht begegnet. Das macht für mich den Reiz der Neapolitanischen Saga aus, denn wenn wir ehrlich sind, haben auch wir bestimmt ab und zu solche Gedanken …

  • „Die Engelsmühle“ | Andreas Gruber

    Autor:  Andreas Gruber
    Verlag:  Goldmann Verlag
    Genre:  Thriller
    2. Fall für Privatermittler Peter Hogart
    Seitenzahl:  356
    ISBN:  978-3-442-480123-1

    In einer Villa am Stadtrand von Wien wird der pensionierte Arzt Abel Ostrovsky brutal gefoltert und ermordet. Vor seinem Tod konnte er noch ein Video verstecken. Auf der Suche danach zieht der Mörder eine blutige Spur durch die Stadt. Doch Privatdetektiv Peter Hogart findet den Film vor ihm. Allerdings gibt die neunminütige Schwarzweißsequenz Hogart nur noch mehr Rätsel auf. Der entscheidende Hinweis zu deren Lösung scheint in der Vergangenheit einer verlassenen Mühle vor den Toren der Stadt zu liegen …

    Meine Meinung

    Ein Schwarz-Weiß-Film. Ein Versicherungsdetektiv. Zwei Schwestern und ein dreifacher Mord!
    Peter Hogart ermittelt auch in seinem zweiten Fall wieder für die Versicherungsagentur „Medeen & Lloyd“ und soll für diese, nach dem Brand in einem Krankenhaus, die Frage nach der aktiven Brandstiftung klären. Auf diese Recherchen kann er sich aber absolut nicht konzentrieren, bittet ihn doch sein Bruder noch am selben Tag um einen Gefallen. Auf dessen Anrufbeantworter befindet sich die Nachricht seines ehemaligen Dozenten, der ihn bittet, in seinem Haus nach einer Videokassette zu suchen, die er für Kurt versteckt hat. Als Peter mit seinem Bruder bei der Villa des Arztes eintreffen, müssen sie feststellen, dass Dr. Abel Ostrovsky bereits in der Nacht brutal gefoltert und ermordet wurde …
    Im Laufe der Ermittlungsarbeit trifft Peter Hogart auf die Zwillinge Linda und Madeleine Bohmann. Die Eine ist Dozentin an der Universität und sitzt im Rollstuhl. Die Andere ist Künstlerin und malt düstere, hintergründige Bilder. Zwei Frauen, die zum Schicksal für Peter Hogart werden könnten …

    Peter setzt in seinem zweiten Fall alles aufs Spiel, um seinem Bruder Kurt zu helfen und am Ende stellt sich ihm die Frage, was der Brand in einem Krankenhaus und eine exzentrische Künstlerin mit den Morden an drei Ärzten gemeinsam haben? Die Lösung liegt in der Engelsmühle!

    Auch wenn man beim Lesen des Buches schon zu Beginn der Ermittlungen recht schnell ahnt, wer hinter den Morden steckt, hat dies für mich dem Spannungsbogen und der mitreißenden Geschichte absolut keinen Abbruch getan. Eher im Gegenteil. Bei jeder neuen Szene wollte ich mehr über den Hintergrund der Person und ihrer Geschichte wissen. Der tolle lebendige Schreibstil hat dies natürlich unterstützt und auch die gut eingesetzten Wendungen haben mich das Buch in kürzester Zeit beenden lassen. Wie immer bei Andreas Gruber!

    Peter Hogart war mir ja schon im ersten Teil sehr sympathisch. In „Die Engelsmühle“ bekommen wir nun mehr Einblicke zu seiner 17-jährigen Nichte Tatjana. Beide haben ein großartiges, fast freundschaftliches Verhältnis und bilden ein gutes Team. Die Harmonie stimmt und für mich sind sie absolut authentisch und ungekünstelt.

    Andreas Gruber führt uns in diesem Buch auf einen sehr lehrreichen Spaziergang durch die Psyche eines Menschen mit pathologisch eifersüchtigem Verhalten. Gleichzeitig bekommen wir aber auch tolle Einblicke in das alte Wien, mit seinem Narrenturm und der medizinischen Entwicklung. Er verknüpft geschickt wahre Begebenheiten mit einer fiktiven Geschichte und spinnt daraus einen spannenden und actionreichen Thriller.

    Wie immer versteht es Andreas Gruber uns bestens abzuholen!

  • „Die schwarze Dame“ | Andreas Gruber

    Autor:  Andreas Gruber
    Verlag:  Goldmann Verlag
    Genre:  Thriller
    1. Fall für Privatermittler Peter Hogart
    Seitenzahl:  362
    ISBN:  978-3-442-48026-5

    Auf der Suche nach einer spurlos verschwundenen Kollegin wird der Wiener Privatermittler Peter Hogart nach Prag geschickt. Doch die Goldene Stadt zeigt sich Hogart von ihrer düstersten Seite: Mit seinen Ermittlungen sticht er in ein Wespennest und hat binnen Stunden nicht nur eine Reihe äußerst zwielichtiger Gestalten, sondern auch die gesamte Prager Kripo gegen sich aufgebracht. Nur die junge Privatdetektivin Ivona Markovic, die gerade eine Reihe bizarrer Verstümmelungsmorde untersucht, scheint auf Hogarts Seite zu stehen. Als die beiden bei einem Anschlag nur knapp dem Tod entrinnen, wird klar, dass es eine Verbindung zwischen ihren Fällen geben muss.

    Meine Meinung

    Prag, die wunderschöne Stadt an der Moldau, mit ihren bunten Barockgebäuden, der Karlsbrücke mit den kunstvollen Heiligenfiguren und den verwinkelten Gassen mit alteingesessenen Wirtshäusern und Handwerksbetrieben. Und auf den Straßen dominiert das alte grobe Kopfsteinpflaster!
    Andreas Gruber hat in „Die schwarze Dame“ den Flair der Stadt wirklich wunderbar einfangen. Mit viel Wortwitz und einer spannenden Handlung ist es ihn gelungen, einen Thriller zu schreiben, der es in sich hat.

    Der Wiener Detektiv Peter Hogart bekommt den Auftrag nach Prag zu fliegen, wo er nicht nur den Brand in der Nationalgalerie untersuchen soll, sondern auch nach 12 überaus wertvollen Gemälden des Künstlers Oktavian recherchieren soll, die angeblich mit verbrannt sind. Eine Mitarbeiterin der Versicherungsgesellschafft soll bereits herausgefunden haben, dass es sich bei den zerstörten Bildern um Fälschungen gehandelt hat. Aber wo sind die Originale? Und warum kam die Mitarbeiterin nicht mehr nach Österreich zurück? Wer steckt hinter ihrem Verschwinden?
    Bei seinen Recherchen stößt Peter Hogart auf Ivona. Ihres Zeichens ebenfalls Detektivin, die den Mord an einer jungen Frau aufklären soll, deren Körper ohne Kopf und Hände gefunden wurde. Und es gibt noch sieben weitere solcher Leichen! Die Beiden stoßen bei ihren Fällen auf interessante Parallele …

    Wer schon die Todesreihe von Andreas Gruber mochte, wird auch von Peter Hogart nicht enttäuscht sein. Bei „Die schwarze Dame“ handelt es sich um den ersten Band einer neuen Reihe, rund um den Versicherungsdetektiv. Er ist zwar kein so auffälliger Charakter wie Maarten S. Sneijder, aber durchaus ein Ermittler mit Ecken und Kanten, der mich von sich und seinen Fähigkeiten absolut überzeugen konnten.

    Der Thriller ist fesselnd geschrieben, in einem mitreißenden Erzählton und auch in dieser Reihe erkennt man wieder sofort den so vertrauten Schreibstil des Autoren wieder. Die Szenen werden sehr ausführlich und bildlich geschildert und oft hatte ich mit Peter Hogart richtig Mitleid. Der Arme muss wirklich so einiges einstecken!

    Dieser Fall ist äußerst spannend und komplex, aber ohne zu überfordern. Während wir das perfide Spiel verfolgen, wird dem Leser die Prager Geschichte ebenso nahe gebracht, wie das Thema der psychischen Störungen. Von Seite zu Seite wird man immer mehr in den Sog des Buches gezogen!
    Der Fall um die gefälschten Gemälde gerät sehr schnell in den Hintergrund und das Hauptaugenmerk fällt auf die grausam verstümmelten Leichen, die in ganz Prag auf schwarzen und weißen Laken aufgefunden werden.

    Andreas Gruber inszeniert ein Katz-und-Maus-Spiel mit vielen tollen und überraschenden Wendungen und wie immer habe ich mit recherchiert und Fakten kombiniert … und lag natürlich wieder total falsch!

  • „Carl Tohrberg“ | Ferdinand von Schirach

    Autor:  Ferdinand von Schirach
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Kurzgeschichten
    Seitenzahl:  63
    ISBN:  978-3-442-71574-9

    Drei Kurzgeschichten über drei Menschen – über Mord, Liebe und darüber, dass die Dinge immer komplizierter sind, als es uns scheint.

    Meine Meinung

    Was haben die Wörter „Glump“ und „Anamorphose“ miteinander zu tun?
    Wenn dich das interessiert, solltest du unbedingt „Carl Tohrbergs Weihnachten“ in dieser kleinen, aber doch sehr feinen Kurzgeschichtensammlung von Ferdinand von Schirach lesen!

    Auch wenn das Büchlein mit seinen 63 Seiten das bisher schmalste in meiner Sammlung ist, lohnt es sich auf jeden Fall. Wie immer waren die Geschichten ein Lesegenuss! Wie gewohnt sind die Geschichten nicht nur auf eine meist überrachende Pointe hin konstruiert, sie sind auch spannend und mitreißend, in einer klaren, aber schlichten Sprache erzählt.
    Ferdinand von Schirach bringt seine Leser sehr souverän zum Kern seiner Aussage!

    Der Autor zeichnet in unheimlich dichten, prägnanten Sätzen zerrissene, traurige und oft verlorene Charaktere, die mich sofort fasziniert haben. In der zweiten Geschichte, zum Beispiel, beschreibt er den Amtsrichter Seybold: „Seybold will keine Karriere machen. Er bleibt sein Leben lang Amtsrichter, zuständig für die kleineren Delikte. Einbruchsdiebstahl, Betrug, ab und zu etwas Außergewöhnliches wie unerlaubte Abfallbeseitigung oder sexuelle Nötigung.“ In dieser Knappheit für mich ein geniales Einfangen einer ganzen Persönlichkeit. Diese zweite Geschichte ist für mich auch die stärkste, denn man ahnt, dass es eine gravierende Wendung geben wird.

    Sehr liebenswert ist auch die erste Geschichte über den unglücklichen Bäcker, der von Ferdinand von Schirach noch nicht mal einen Namen bekommt. Er heißt einfach nur „Bäcker“, auch das sagt für mich viel aus. Es sind ganz andere, leisere Töne, die mich in dieser Geschichte überrascht haben.

    In der letzten Erzählung wird es dann noch einmal verbrecherisch spannend, aber auch hier ist der Protagonist Carl mit wenigen Sätzen so komplex beschrieben, dass ich mit ihm mitleiden und mitfühlen konnte.

    Wie immer, ein Stückchen großartige Literatur!

  • „Der zweite Schlaf“ | Robert Harris

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „The Second Sleep“
    Autor:  Robert Harris
    Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Müller
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Dystopie
    Seitenzahl:  415
    ISBN:  978-3-453-27208-8

    Der Untergang der Welt, wie wir sie kannten!

    England ist nach einer lange zurückliegenden Katastrophe in einem erbärmlichen Zustand. Der junge Priester Fairfax wird in ein Dorf entsandt, um dort den mysteriös verstorbenen Pfarrer beizusetzen. In der Umgebung finden sich Überreste viele verbotener Dinge aus vergangener Zeit – Münzen, technisches Gerät, Plastik -, die der Pfarrer akribisch gesammelt hat. Hat diese ketzerische Leidenschaft zu seinem Tod geführt?

    Meine Meinung

    Großbritannien in der Zukunft, nach der Apokalypse.
    Eine Zeit, in der die Kirche allmächtig ist, bestimmt und unterdrückt. Eine Gesellschaft, die auf ein Level zurück katapultiert wurde, dass dunkler ist, als das Mittelalter selbst. Keine Industrie, Keine wirtschaftlichen Fortschritte, alle Errungenschaften der Moderne sind verloren! Es sind die Vertreter der Kirche, die sämtliche Fäden in der Hand halten. Autoritäre und wissenschaftsfeindliche Kirchenmänner festigen ihre Macht durch das Knechten der Menschen und die Unterbindung jeglichen Fortschritts. Das Leben der Menschen ist hart, ein brutaler Kampf ums Überleben!

    Robert Harris` Dystopie „Der zweite Schlaf“ ist zwischen dem, was wir über die mittelalterliche Historie wissen und einer fiktionale Zukunft angesiedelt. Der Autor spielt mit den Erwartungen des Lesers, verunsichert und stellt klare Tatsachen immer wieder in Frage. Ein zweifelnder Priester, ein neugieriger Forscher, ein zupackender Kapitalist, ein übermächtiger Bischof. Sie alle halten unserer Gesellschaft den Spiegel vor.

    Man kann in der Gegenwart nur dann etwas zum Positiven verändern, wenn man auch die Vergangenheit kennt, so viel zu der Kernaussage des Buches. Robert Harris verpackt ganz geschickt die Themen unserer Zeit und zeigt auf, was passieren könnte. Klimawandel, Naturkatastrophen, Atom- und Cyberkriege, Pandemien. Themen, die heute aktueller sind denn je. Und natürlich auch der unbändige Willen der Herrschenden nach Macht und Kontrolle!

    Sehr interessant fand ich auch die Erklärung, was sich hinter dem Phänomen des „zweiten Schlafs“ versteckt. Der Faktor Zeit ist in diesem Buch ein sehr zentrales Thema!

    Auch hier war der Schreibstil wieder wunderbar mitreißend und spannend und auch der Humor, die durch unseren Hauptcharakter versprüht wird, hat dem eher schweren Inhalt sehr gut getan. Die Geschichte ist aber allgemein in einem etwas ruhigeren Ton gehalten, dessen sollte man sich doch bewusst sein. Auch die Kapitel sind eher kurz gehalten.

    „Der zweite Schlaf“ ist ein faszinierender Roman, der nachdenklich macht und lange nachhallt!
    Eine höchst ungewöhnliche Dystopie, die aktueller nicht sein könnte!

  • „Niemals ohne sie“ | Jocelyne Saucier

    Titel im Original:  „Les héritiers de la mine“
    Autor:  Jocelyne Saucier
    Aus dem Französischen übersetzt von Sonja Finck und Frank Weigand
    Verlag:  Insel Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  254
    ISBN:  978-3-458-17800-2

    An den Cardinals ist nichts gewöhnlich. Die 21 Kinder der Familie haben den Schneid und die Wildheit von Helden und Angst vor nichts und niemanden. Als der Vater in einem kanadischen Dorf Zink entdeckt und um den Gewinn geprellt wird, schmieden die Kinder einen Plan, der zu einer Zerreißprobe für die ganze Familie wird.

    RezensionsexemplarVielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    Ein Kongress, der dem Vater die Auszeichnung „Erzsucher des Jahres“ verleihen möchte, führt die Familienmitglieder der Cardinals nach Jahren wieder alle zusammen. In den 60ern lebten sie in einem kanadischen Dorf und versuchten – mehr recht als schlecht – mit 21 Kindern über die Runden zu kommen. „Die Könige von Norco“ wurden sie einst genannt, bis das Schicksal sich wendete …

    Wer einmal den Schreibstil und den daraus resultierenden Zauber einer Geschichte von Jocelyne Saucier erleben durfte, wird auch meine Begeisterung über ihren neuen Roman verstehen können. Nur selten kommt man als Leser in den Genuss einer Autorin,  die es versteht auf wenigen Seiten so viel Inhalt und Geschichte zu erzählen. Schlicht und kompakt fasst sie die komplizierten Tatsachen zusammen. Mit ihrem wortgewaltigen und dennoch so feinfühligen Schreibstil, entsteht eine Geschichte, die den Leser im tiefsten Innern bewegt und zum Nachdenken bringt.
    Der kraftvolle Ausdruck liegt hier wirklich in der Ruhe!

    „Niemals ohne sie“ wird uns aus der Sicht von Sechs der Kindern erzählt, die uns die Geschehnisse teilweise verklärend, teilweise wütend, oft aber auch einfach nur sanftmütig näher bringen. Die Autorin besitzt eine überwältigende Sprache. Plastisch und bildhalft lässt sie die Verhältnisse vor unseren eigenen Augen entstehen und von Anfang an spürt man ein Geheimnis um den Tod von Angéle, der Zwillingsschwester von Thommy, die ihr sehr nahe stand.

    Die Kinder der Cardinals wachsen wild, vernachlässigt und sich größtenteils selbst überlassen, mit wenig Erziehung auf. Sie genießen große Freiheit und wenig Regeln außer denen, die sich durch eine solch große Gruppe selbst ergeben, in der es andauernd zu Machtkämpfen und Schlägereien kommt. Schließlich ziehen sie durch das Bergbaustädtchen Norco, das seine Existenz allein eier ergiebigen Erzmine und dem Bergbauunternehmen Northern Consolidated verdankt und tyrannisieren die Nachbarn, deren Haustiere und die anderen Schulkinder.

    Auch wenn es sich hier um eine Familiengeschichte handelt, ist „Niemals ohne sie“ kein Wohlfühlbuch und ich würde es auch nicht als leichte Lektüre bezeichnen. Allein aufgrund der Kinderzahl sind die Cardinals keine gewöhnliche Familie und im Großen und Ganzen für mich auch keine Sympathieträger!
    Nun kommen sie alle nach Jahrzenten wieder zusammen und müssen sich dem Unglück stellen, dass sie vor so langer Zeit auseinander gerissen hat …

  • „Miss Gladys und ihr Astronaut“ | David M. Barnett

    Titel im Original: „Calling Major Tom“
    Autor: David M. Barnett
    Aus dem Englischen übersetzt von Wibke Kuhn
    Verlag: Ullstein Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl: 410
    ISBN: 978-3-548-28954-0

    Die gute Miss Gladys kann sich nicht mehr alles merken, aber dieser Telefonanruf ist unvergesslich: Der Astronaut Thomas Major ist am Apparat, gerade auf dem Weg zum Mars. Er hat sich natürlich verwählt und will am liebsten gleich wieder auflegen. Aber Miss Gladys und ihre Enkel brauchen seine Hilfe. Zögerlich und leise fluchend wird der Mann im All zum Helfer in der Not. Tausende Kilometer entfernt, führt er die drei auf seine ganz eigene Art durch schwere Zeiten, denn die Familie droht ihr Zuhause zu verlieren. Miss Gladys und ihr Astronaut brauchen einen galaktisch guten Plan …

    Meine Meinung

    Durch die Verstrickung einiger seltsamer Ereignisse soll Thomas Major, der eigentlich im Laborkittel Zuhause ist, als erster Mensch den Mars besiedeln. Von der Welt als „Major Tom“ gefeiert, kehrt er der Erde den Rücken und genießt die Einsamkeit in seinem kleinen Raumschiff.
    Allerdings ist es mit der Ruhe schnell vorbei, als die Kommunikation mit der Erdbasis unterbrochen wird und er die Gunst der Stunde nutzt um seine Ex-Frau anzurufen. Aus Versehen erwischt er jedoch Miss Gladys! … und diese lässt sich nicht mehr ganz so einfach abschütteln! So wird Thomas schnell in die Probleme ihrer Familie mit hineingezogen …

    Ich muss ja gestehen, dass ich bei „Miss Gladys und ihr Astronaut“ auf einen eher leichten, aber amüsanten Roman gehofft habe. Die lockeren und saloppen Sprüche von Major Tom haben auch genau das geschafft, aber Alles in Allem bringt dieses Buch eine gehörige Portion Dramatik und Ernst mit sich. Zwar bekommen wir immer wieder humorvolle Szenen mit mitreißenden Dialogen, aber im Grunde geht es um einen vom Leben gebeutelten Mann, der die Menschen auf der Erde rigoros satt hat und eine Familie, der nicht nur die Obdachlosigkeit droht, sondern sich auch noch vor dem Sozialamt fürchten muss.

    David M. Barnett zeichnet Charaktere, die einem im Gedächtnis bleiben. Miss Gladys, Thomas Major und auch die Kinder sind – jede für sich – zwar schrullig und schräg, aber nie abgedreht oder weltfremd. Gerade die 15-jährige Ally konnte mich sehr von sich überzeugen. Ein starker Charakter, der ungewollt schnell erwachsen werden und die Verantwortung für ihre Familie übernehmen musste. Auch Miss Gladys konnte mich mit ihrer aufkeimenden Vergesslichkeit und ihrer übertrieben britischen, aber lustigen Art fesseln. Einzig Major Tom wurde mir nach einer gewissen Zeit etwas zu viel. Mir ist schon bewusst, dass schlechte Erfahrungen einen Menschen sarkastisch und bösartig werden lassen, und der Autor hat dies auch versucht gut in Major Toms Handeln und seinen Dialogen umzusetzen, aber hier ist er doch ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen.

    Der Schreibstil nimmt einen von der ersten Zeile an gefangen und auch die Reminiszenzen sind gerade für die Leser gut gewählt, die sich in Thomas Alter befinden und sich noch selbst an die Zeit von Star Wars und David Bowie erinnern können. Musik und Filme, die Meilensteine bedeuten und ihrem Genre einen Stempel aufsetzen, der noch bis in die heutige Zeit sichtbar ist.

    Ich wurde von dem Buch großartig unterhalten. Ich habe Tränen gelacht und Ohrwürmer singen hören. Und ich habe mir definitiv eine Version zu viel von „Space Oddity“ angehört …
    „Miss Gladys und ihr Astronaut“ ist ein Buch, das uns Herzschmerz und unkontrolliertes Kichern gleichermaßen erleben lässt …!

    Warum der deutsche Titel aus einer gestandenen Großmutter ein Fräulein macht, weiß ich nicht, aber der Schuldige sollte sich vor Gladys und ihrem Nudelholz in Acht nehmen!

  • „Strafe“ | Ferdinand von Schirach

    Autor: Ferdinand von Schirach
    Verlag: Luchterhand Verlag
    Genre: Kurzroman
    Seitenzahl: 189
    ISBN: 978-3-630-87538-5

    Ferdinand von Schirach beschreibt in seinem Buch „Strafe“ zwölf Schicksale. Wie schon in den beiden Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“ zeigt er, wie schwer es ist, einem Menschen gerecht zu werden, und wie voreilig unsere Begriffe von „gut“ und „böse“ oft sind.

    Rezensionsexemplar – Vielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    „Krimis“ der etwas anderen Art!

    Auch in „Strafe“ präsentiert uns Ferdinand von Schirach wieder 12 fesselnde Kurzgeschichten, die schlicht erzählt und doch so packend sind, dass man das Buch direkt in einem Schwung durchlesen muss. An Pausen ist hier wirklich nicht zu denken!
    Wunderliche, wunderbare, aber auch oft tragische und manchmal leicht humorvolle Geschichten aus seinem Fundus ausgefallener Rechtsfälle!

    Ohne den Inhalt vorwegzunehmen, möchte ich doch so viel verraten, dass dieses Buch sehr stark von der Einsamkeit der Menschen geprägt ist. Obwohl mich bisher alle seiner gelesenen Bücher stark zum nachdenken angeregt haben, steigert der Autor mit „Strafe“ diese Stimmung nochmal deutlich.

    Ferdinand von Schirach schreibt in einem lakonischen und doch immer wieder ergreifenden Stil, der in seiner Schlichtheit oft mehr sagt als blumige Ausschmückungen. Ewig lange Schachtelsätze sucht man hier vergebens, hier besticht tatsächlich der prägnante Ausdruck. Das heißt für den Leser klare, ausdrucksstarke Worte, die Situationen beschreiben. Der Autor fügt keinerlei moralische Erläuterungen bei, sondern lässt die Handlungen und Charaktere für sich alleine sprechen.

    Auch wenn ich mit dem Ausgang einige Geschichten nicht ganz einverstanden bin, so ist mir doch bewusst, dass das deutsche und österreichische Rechtssystem genauso skurril funktioniert.

    Über juristische Feinheiten kann ich persönlich natürlich kein Urteil abgeben, aber auch für einen Nichtjuristen lesen sich die Geschichten spannend und der tiefere Content kommt klar und deutlich zum Tragen.

    Kurzweilig, abwechslungsreich und absolut nicht vorhersehbar! Gerade deswegen ist „Strafe“ ein spannendes und tolles Buch für alle Bücherwürmer!

  • „Der Kastanienmann“ | Søren Sveistrup

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „Kastanjemanden“
    Autor:  Søren Sveistrup
    Aus dem Dänischen übersetzt von Susanne Dahmann
    Verlag:  Goldmann Verlag
    Genre:  Thriller
    Seitenzahl:  603
    ISBN:  978-3-442-31522-2

    Es ist ein stürmischer Tag in Kopenhagen, als die Polizei an einen grauenvollen Tatort gerufen wird. Auf einem Spielplatz liegt die entstellte Leiche einer jungen Frau. Und der Täter hat eine unheimliche Botschaft hinterlassen:  Über dem leblosen Körper schwingt eine kleine Puppe aus Kastanien im Wind. Kommissarin Naia Thulin und ihr Partner Mark Hess stehen vor einem Rätsel. Denn die Figur trät den Fingerabdruck eines Mädchen, das ein Jahr zuvor ermordet wurde – die Tochter der Politikerin Rosa Hartung. Und dann taucht ein zweites Kastanienmännchen auf …

    Meine Meinung

    Kommissarin Naia Thulin und ihr unfreiwilliger Kollege Mark Hess bekommen es mit einem äußerst grausamen Verbrechen zu tun. In Kopenhagen wird die entstellte Leiche einer jungen Frau gefunden. Die Spuren beschränken sich zunächst auf ein gebasteltes Kastanienmännchen, welches am Tatort gefunden und die Fingerabdrücke eines Mädchens trägt, dass vor einem Jahr einem grausamen Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Und schon bald wird eine zweite Frauenleiche gefunden!

    Wir lernen hier zwei wirklich interessante Ermittler kennen, die doch einige Zeit brauchen, um sich aneinander zu gewöhnen. Die Herangehensweisen von Thulin und Hess sind grundverschieden und jeder kocht sein eigenes Süppchen, nicht immer zur Zufriedenheit ihres Vorgesetzten. Sehr eigenwillig und in ihre Muster festgefahren! In den entscheidenden Situationen ziehen sie dann aber doch an einem Strang!

    Mit „Der Kastanienmann“ ist Søren Sveistrup ein überragender Thriller gelungen. Anders als man es bei skandinavischer Spannungsliteratur gewöhnt ist, geht die Geschichte von der ersten Seite weg in die Vollen. Ich habe wieder mit einem etwas ruhigeren, detaillierten Schreibstil gerechnet, aber der Autor schreibt lebend, flüssig und mitreißend, erzählt eine spannende Story und wartet mit einigen unvorhergesehenen Wendungen auf. Detailliert ist das Buch aber trotzdem, wobei ich es auf keiner Seite schwerfällig fand.
    Zu Beginn wird der Spannungsbogen gekonnt durch einen länger zurückliegenden Fall aufgebaut und mit der oft sehr dramatischen Ermittlungsarbeit auf einem äußerst hohen Niveau gehalten.

    Die gewaltsamen Szenen sind sicher nichts für zartbesaitete und gehen stellenweise schon sehr ins Detail, blieben für mich aber doch in einem passenden Umfang, so dass das Ganze nicht reißerisch auf mich wirkte.

    Natürlich bekommen wir als Leser im Verlauf der Geschichte auch immer wieder die Gelegenheit, eigene Überlegungen bezüglich des Täters und den rätselhaften Hintergründen anzustellen.

    Auch das Finale konnte mich absolut von sich überzeugen. Selten habe ich eine so detailreiche Auflösung in einem Thriller gelesen, die trotzallem Spannend blieb und mich fesselte!

    Mit seinem Erstlingswerk „Der Kastanienmann“ ist Søren Sveistrup, der bisher schon einige Drehbücher zu bekannten Fernsehserien geschrieben hat, also ein wirklich großer Wurf gelungen.