• „Carl Tohrberg“ | Ferdinand von Schirach

    Autor:  Ferdinand von Schirach
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Kurzgeschichten
    Seitenzahl:  63
    ISBN:  978-3-442-71574-9

    Drei Kurzgeschichten über drei Menschen – über Mord, Liebe und darüber, dass die Dinge immer komplizierter sind, als es uns scheint.

    Meine Meinung

    Was haben die Wörter „Glump“ und „Anamorphose“ miteinander zu tun?
    Wenn dich das interessiert, solltest du unbedingt „Carl Tohrbergs Weihnachten“ in dieser kleinen, aber doch sehr feinen Kurzgeschichtensammlung von Ferdinand von Schirach lesen!

    Auch wenn das Büchlein mit seinen 63 Seiten das bisher schmalste in meiner Sammlung ist, lohnt es sich auf jeden Fall. Wie immer waren die Geschichten ein Lesegenuss! Wie gewohnt sind die Geschichten nicht nur auf eine meist überrachende Pointe hin konstruiert, sie sind auch spannend und mitreißend, in einer klaren, aber schlichten Sprache erzählt.
    Ferdinand von Schirach bringt seine Leser sehr souverän zum Kern seiner Aussage!

    Der Autor zeichnet in unheimlich dichten, prägnanten Sätzen zerrissene, traurige und oft verlorene Charaktere, die mich sofort fasziniert haben. In der zweiten Geschichte, zum Beispiel, beschreibt er den Amtsrichter Seybold: „Seybold will keine Karriere machen. Er bleibt sein Leben lang Amtsrichter, zuständig für die kleineren Delikte. Einbruchsdiebstahl, Betrug, ab und zu etwas Außergewöhnliches wie unerlaubte Abfallbeseitigung oder sexuelle Nötigung.“ In dieser Knappheit für mich ein geniales Einfangen einer ganzen Persönlichkeit. Diese zweite Geschichte ist für mich auch die stärkste, denn man ahnt, dass es eine gravierende Wendung geben wird.

    Sehr liebenswert ist auch die erste Geschichte über den unglücklichen Bäcker, der von Ferdinand von Schirach noch nicht mal einen Namen bekommt. Er heißt einfach nur „Bäcker“, auch das sagt für mich viel aus. Es sind ganz andere, leisere Töne, die mich in dieser Geschichte überrascht haben.

    In der letzten Erzählung wird es dann noch einmal verbrecherisch spannend, aber auch hier ist der Protagonist Carl mit wenigen Sätzen so komplex beschrieben, dass ich mit ihm mitleiden und mitfühlen konnte.

    Wie immer, ein Stückchen großartige Literatur!

  • „Der zweite Schlaf“ | Robert Harris

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „The Second Sleep“
    Autor:  Robert Harris
    Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Müller
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Dystopie
    Seitenzahl:  415
    ISBN:  978-3-453-27208-8

    Der Untergang der Welt, wie wir sie kannten!

    England ist nach einer lange zurückliegenden Katastrophe in einem erbärmlichen Zustand. Der junge Priester Fairfax wird in ein Dorf entsandt, um dort den mysteriös verstorbenen Pfarrer beizusetzen. In der Umgebung finden sich Überreste viele verbotener Dinge aus vergangener Zeit – Münzen, technisches Gerät, Plastik -, die der Pfarrer akribisch gesammelt hat. Hat diese ketzerische Leidenschaft zu seinem Tod geführt?

    Meine Meinung

    Großbritannien in der Zukunft, nach der Apokalypse.
    Eine Zeit, in der die Kirche allmächtig ist, bestimmt und unterdrückt. Eine Gesellschaft, die auf ein Level zurück katapultiert wurde, dass dunkler ist, als das Mittelalter selbst. Keine Industrie, Keine wirtschaftlichen Fortschritte, alle Errungenschaften der Moderne sind verloren! Es sind die Vertreter der Kirche, die sämtliche Fäden in der Hand halten. Autoritäre und wissenschaftsfeindliche Kirchenmänner festigen ihre Macht durch das Knechten der Menschen und die Unterbindung jeglichen Fortschritts. Das Leben der Menschen ist hart, ein brutaler Kampf ums Überleben!

    Robert Harris` Dystopie „Der zweite Schlaf“ ist zwischen dem, was wir über die mittelalterliche Historie wissen und einer fiktionale Zukunft angesiedelt. Der Autor spielt mit den Erwartungen des Lesers, verunsichert und stellt klare Tatsachen immer wieder in Frage. Ein zweifelnder Priester, ein neugieriger Forscher, ein zupackender Kapitalist, ein übermächtiger Bischof. Sie alle halten unserer Gesellschaft den Spiegel vor.

    Man kann in der Gegenwart nur dann etwas zum Positiven verändern, wenn man auch die Vergangenheit kennt, so viel zu der Kernaussage des Buches. Robert Harris verpackt ganz geschickt die Themen unserer Zeit und zeigt auf, was passieren könnte. Klimawandel, Naturkatastrophen, Atom- und Cyberkriege, Pandemien. Themen, die heute aktueller sind denn je. Und natürlich auch der unbändige Willen der Herrschenden nach Macht und Kontrolle!

    Sehr interessant fand ich auch die Erklärung, was sich hinter dem Phänomen des „zweiten Schlafs“ versteckt. Der Faktor Zeit ist in diesem Buch ein sehr zentrales Thema!

    Auch hier war der Schreibstil wieder wunderbar mitreißend und spannend und auch der Humor, die durch unseren Hauptcharakter versprüht wird, hat dem eher schweren Inhalt sehr gut getan. Die Geschichte ist aber allgemein in einem etwas ruhigeren Ton gehalten, dessen sollte man sich doch bewusst sein. Auch die Kapitel sind eher kurz gehalten.

    „Der zweite Schlaf“ ist ein faszinierender Roman, der nachdenklich macht und lange nachhallt!
    Eine höchst ungewöhnliche Dystopie, die aktueller nicht sein könnte!

  • „Niemals ohne sie“ | Jocelyne Saucier

    Titel im Original:  „Les héritiers de la mine“
    Autor:  Jocelyne Saucier
    Aus dem Französischen übersetzt von Sonja Finck und Frank Weigand
    Verlag:  Insel Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  254
    ISBN:  978-3-458-17800-2

    An den Cardinals ist nichts gewöhnlich. Die 21 Kinder der Familie haben den Schneid und die Wildheit von Helden und Angst vor nichts und niemanden. Als der Vater in einem kanadischen Dorf Zink entdeckt und um den Gewinn geprellt wird, schmieden die Kinder einen Plan, der zu einer Zerreißprobe für die ganze Familie wird.

    RezensionsexemplarVielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    Ein Kongress, der dem Vater die Auszeichnung „Erzsucher des Jahres“ verleihen möchte, führt die Familienmitglieder der Cardinals nach Jahren wieder alle zusammen. In den 60ern lebten sie in einem kanadischen Dorf und versuchten – mehr recht als schlecht – mit 21 Kindern über die Runden zu kommen. „Die Könige von Norco“ wurden sie einst genannt, bis das Schicksal sich wendete …

    Wer einmal den Schreibstil und den daraus resultierenden Zauber einer Geschichte von Jocelyne Saucier erleben durfte, wird auch meine Begeisterung über ihren neuen Roman verstehen können. Nur selten kommt man als Leser in den Genuss einer Autorin,  die es versteht auf wenigen Seiten so viel Inhalt und Geschichte zu erzählen. Schlicht und kompakt fasst sie die komplizierten Tatsachen zusammen. Mit ihrem wortgewaltigen und dennoch so feinfühligen Schreibstil, entsteht eine Geschichte, die den Leser im tiefsten Innern bewegt und zum Nachdenken bringt.
    Der kraftvolle Ausdruck liegt hier wirklich in der Ruhe!

    „Niemals ohne sie“ wird uns aus der Sicht von Sechs der Kindern erzählt, die uns die Geschehnisse teilweise verklärend, teilweise wütend, oft aber auch einfach nur sanftmütig näher bringen. Die Autorin besitzt eine überwältigende Sprache. Plastisch und bildhalft lässt sie die Verhältnisse vor unseren eigenen Augen entstehen und von Anfang an spürt man ein Geheimnis um den Tod von Angéle, der Zwillingsschwester von Thommy, die ihr sehr nahe stand.

    Die Kinder der Cardinals wachsen wild, vernachlässigt und sich größtenteils selbst überlassen, mit wenig Erziehung auf. Sie genießen große Freiheit und wenig Regeln außer denen, die sich durch eine solch große Gruppe selbst ergeben, in der es andauernd zu Machtkämpfen und Schlägereien kommt. Schließlich ziehen sie durch das Bergbaustädtchen Norco, das seine Existenz allein eier ergiebigen Erzmine und dem Bergbauunternehmen Northern Consolidated verdankt und tyrannisieren die Nachbarn, deren Haustiere und die anderen Schulkinder.

    Auch wenn es sich hier um eine Familiengeschichte handelt, ist „Niemals ohne sie“ kein Wohlfühlbuch und ich würde es auch nicht als leichte Lektüre bezeichnen. Allein aufgrund der Kinderzahl sind die Cardinals keine gewöhnliche Familie und im Großen und Ganzen für mich auch keine Sympathieträger!
    Nun kommen sie alle nach Jahrzenten wieder zusammen und müssen sich dem Unglück stellen, dass sie vor so langer Zeit auseinander gerissen hat …

  • „Miss Gladys und ihr Astronaut“ | David M. Barnett

    Titel im Original: „Calling Major Tom“
    Autor: David M. Barnett
    Aus dem Englischen übersetzt von Wibke Kuhn
    Verlag: Ullstein Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl: 410
    ISBN: 978-3-548-28954-0

    Die gute Miss Gladys kann sich nicht mehr alles merken, aber dieser Telefonanruf ist unvergesslich: Der Astronaut Thomas Major ist am Apparat, gerade auf dem Weg zum Mars. Er hat sich natürlich verwählt und will am liebsten gleich wieder auflegen. Aber Miss Gladys und ihre Enkel brauchen seine Hilfe. Zögerlich und leise fluchend wird der Mann im All zum Helfer in der Not. Tausende Kilometer entfernt, führt er die drei auf seine ganz eigene Art durch schwere Zeiten, denn die Familie droht ihr Zuhause zu verlieren. Miss Gladys und ihr Astronaut brauchen einen galaktisch guten Plan …

    Meine Meinung

    Durch die Verstrickung einiger seltsamer Ereignisse soll Thomas Major, der eigentlich im Laborkittel Zuhause ist, als erster Mensch den Mars besiedeln. Von der Welt als „Major Tom“ gefeiert, kehrt er der Erde den Rücken und genießt die Einsamkeit in seinem kleinen Raumschiff.
    Allerdings ist es mit der Ruhe schnell vorbei, als die Kommunikation mit der Erdbasis unterbrochen wird und er die Gunst der Stunde nutzt um seine Ex-Frau anzurufen. Aus Versehen erwischt er jedoch Miss Gladys! … und diese lässt sich nicht mehr ganz so einfach abschütteln! So wird Thomas schnell in die Probleme ihrer Familie mit hineingezogen …

    Ich muss ja gestehen, dass ich bei „Miss Gladys und ihr Astronaut“ auf einen eher leichten, aber amüsanten Roman gehofft habe. Die lockeren und saloppen Sprüche von Major Tom haben auch genau das geschafft, aber Alles in Allem bringt dieses Buch eine gehörige Portion Dramatik und Ernst mit sich. Zwar bekommen wir immer wieder humorvolle Szenen mit mitreißenden Dialogen, aber im Grunde geht es um einen vom Leben gebeutelten Mann, der die Menschen auf der Erde rigoros satt hat und eine Familie, der nicht nur die Obdachlosigkeit droht, sondern sich auch noch vor dem Sozialamt fürchten muss.

    David M. Barnett zeichnet Charaktere, die einem im Gedächtnis bleiben. Miss Gladys, Thomas Major und auch die Kinder sind – jede für sich – zwar schrullig und schräg, aber nie abgedreht oder weltfremd. Gerade die 15-jährige Ally konnte mich sehr von sich überzeugen. Ein starker Charakter, der ungewollt schnell erwachsen werden und die Verantwortung für ihre Familie übernehmen musste. Auch Miss Gladys konnte mich mit ihrer aufkeimenden Vergesslichkeit und ihrer übertrieben britischen, aber lustigen Art fesseln. Einzig Major Tom wurde mir nach einer gewissen Zeit etwas zu viel. Mir ist schon bewusst, dass schlechte Erfahrungen einen Menschen sarkastisch und bösartig werden lassen, und der Autor hat dies auch versucht gut in Major Toms Handeln und seinen Dialogen umzusetzen, aber hier ist er doch ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen.

    Der Schreibstil nimmt einen von der ersten Zeile an gefangen und auch die Reminiszenzen sind gerade für die Leser gut gewählt, die sich in Thomas Alter befinden und sich noch selbst an die Zeit von Star Wars und David Bowie erinnern können. Musik und Filme, die Meilensteine bedeuten und ihrem Genre einen Stempel aufsetzen, der noch bis in die heutige Zeit sichtbar ist.

    Ich wurde von dem Buch großartig unterhalten. Ich habe Tränen gelacht und Ohrwürmer singen hören. Und ich habe mir definitiv eine Version zu viel von „Space Oddity“ angehört …
    „Miss Gladys und ihr Astronaut“ ist ein Buch, das uns Herzschmerz und unkontrolliertes Kichern gleichermaßen erleben lässt …!

    Warum der deutsche Titel aus einer gestandenen Großmutter ein Fräulein macht, weiß ich nicht, aber der Schuldige sollte sich vor Gladys und ihrem Nudelholz in Acht nehmen!

  • „Strafe“ | Ferdinand von Schirach

    Autor: Ferdinand von Schirach
    Verlag: Luchterhand Verlag
    Genre: Kurzroman
    Seitenzahl: 189
    ISBN: 978-3-630-87538-5

    Ferdinand von Schirach beschreibt in seinem Buch „Strafe“ zwölf Schicksale. Wie schon in den beiden Bänden „Verbrechen“ und „Schuld“ zeigt er, wie schwer es ist, einem Menschen gerecht zu werden, und wie voreilig unsere Begriffe von „gut“ und „böse“ oft sind.

    Rezensionsexemplar – Vielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    „Krimis“ der etwas anderen Art!

    Auch in „Strafe“ präsentiert uns Ferdinand von Schirach wieder 12 fesselnde Kurzgeschichten, die schlicht erzählt und doch so packend sind, dass man das Buch direkt in einem Schwung durchlesen muss. An Pausen ist hier wirklich nicht zu denken!
    Wunderliche, wunderbare, aber auch oft tragische und manchmal leicht humorvolle Geschichten aus seinem Fundus ausgefallener Rechtsfälle!

    Ohne den Inhalt vorwegzunehmen, möchte ich doch so viel verraten, dass dieses Buch sehr stark von der Einsamkeit der Menschen geprägt ist. Obwohl mich bisher alle seiner gelesenen Bücher stark zum nachdenken angeregt haben, steigert der Autor mit „Strafe“ diese Stimmung nochmal deutlich.

    Ferdinand von Schirach schreibt in einem lakonischen und doch immer wieder ergreifenden Stil, der in seiner Schlichtheit oft mehr sagt als blumige Ausschmückungen. Ewig lange Schachtelsätze sucht man hier vergebens, hier besticht tatsächlich der prägnante Ausdruck. Das heißt für den Leser klare, ausdrucksstarke Worte, die Situationen beschreiben. Der Autor fügt keinerlei moralische Erläuterungen bei, sondern lässt die Handlungen und Charaktere für sich alleine sprechen.

    Auch wenn ich mit dem Ausgang einige Geschichten nicht ganz einverstanden bin, so ist mir doch bewusst, dass das deutsche und österreichische Rechtssystem genauso skurril funktioniert.

    Über juristische Feinheiten kann ich persönlich natürlich kein Urteil abgeben, aber auch für einen Nichtjuristen lesen sich die Geschichten spannend und der tiefere Content kommt klar und deutlich zum Tragen.

    Kurzweilig, abwechslungsreich und absolut nicht vorhersehbar! Gerade deswegen ist „Strafe“ ein spannendes und tolles Buch für alle Bücherwürmer!

  • „Der Kastanienmann“ | Søren Sveistrup

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „Kastanjemanden“
    Autor:  Søren Sveistrup
    Aus dem Dänischen übersetzt von Susanne Dahmann
    Verlag:  Goldmann Verlag
    Genre:  Thriller
    Seitenzahl:  603
    ISBN:  978-3-442-31522-2

    Es ist ein stürmischer Tag in Kopenhagen, als die Polizei an einen grauenvollen Tatort gerufen wird. Auf einem Spielplatz liegt die entstellte Leiche einer jungen Frau. Und der Täter hat eine unheimliche Botschaft hinterlassen:  Über dem leblosen Körper schwingt eine kleine Puppe aus Kastanien im Wind. Kommissarin Naia Thulin und ihr Partner Mark Hess stehen vor einem Rätsel. Denn die Figur trät den Fingerabdruck eines Mädchen, das ein Jahr zuvor ermordet wurde – die Tochter der Politikerin Rosa Hartung. Und dann taucht ein zweites Kastanienmännchen auf …

    Meine Meinung

    Kommissarin Naia Thulin und ihr unfreiwilliger Kollege Mark Hess bekommen es mit einem äußerst grausamen Verbrechen zu tun. In Kopenhagen wird die entstellte Leiche einer jungen Frau gefunden. Die Spuren beschränken sich zunächst auf ein gebasteltes Kastanienmännchen, welches am Tatort gefunden und die Fingerabdrücke eines Mädchens trägt, dass vor einem Jahr einem grausamen Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Und schon bald wird eine zweite Frauenleiche gefunden!

    Wir lernen hier zwei wirklich interessante Ermittler kennen, die doch einige Zeit brauchen, um sich aneinander zu gewöhnen. Die Herangehensweisen von Thulin und Hess sind grundverschieden und jeder kocht sein eigenes Süppchen, nicht immer zur Zufriedenheit ihres Vorgesetzten. Sehr eigenwillig und in ihre Muster festgefahren! In den entscheidenden Situationen ziehen sie dann aber doch an einem Strang!

    Mit „Der Kastanienmann“ ist Søren Sveistrup ein überragender Thriller gelungen. Anders als man es bei skandinavischer Spannungsliteratur gewöhnt ist, geht die Geschichte von der ersten Seite weg in die Vollen. Ich habe wieder mit einem etwas ruhigeren, detaillierten Schreibstil gerechnet, aber der Autor schreibt lebend, flüssig und mitreißend, erzählt eine spannende Story und wartet mit einigen unvorhergesehenen Wendungen auf. Detailliert ist das Buch aber trotzdem, wobei ich es auf keiner Seite schwerfällig fand.
    Zu Beginn wird der Spannungsbogen gekonnt durch einen länger zurückliegenden Fall aufgebaut und mit der oft sehr dramatischen Ermittlungsarbeit auf einem äußerst hohen Niveau gehalten.

    Die gewaltsamen Szenen sind sicher nichts für zartbesaitete und gehen stellenweise schon sehr ins Detail, blieben für mich aber doch in einem passenden Umfang, so dass das Ganze nicht reißerisch auf mich wirkte.

    Natürlich bekommen wir als Leser im Verlauf der Geschichte auch immer wieder die Gelegenheit, eigene Überlegungen bezüglich des Täters und den rätselhaften Hintergründen anzustellen.

    Auch das Finale konnte mich absolut von sich überzeugen. Selten habe ich eine so detailreiche Auflösung in einem Thriller gelesen, die trotzallem Spannend blieb und mich fesselte!

    Mit seinem Erstlingswerk „Der Kastanienmann“ ist Søren Sveistrup, der bisher schon einige Drehbücher zu bekannten Fernsehserien geschrieben hat, also ein wirklich großer Wurf gelungen.

  • „Geschenkt“ | Daniel Glattauer

    Autor:  Daniel Glattauer
    Verlag:  Deutike Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  335
    ISBN:  978-3-552-06257-3

    Gerold Plassek ist Journalist bei einer Gratiszeitung, und auch sonst war sein Leben bislang frei von Höhepunkten. Manuel, 14, dessen Mutter Alice für ein halbes Jahr im Ausland arbeitet sitzt bei ihm im Büro, beobachtet ihn beim Nichtstun und ahnt nicht, dass Gerold sein Vater ist. Gerold selbst weiß es erst seit kurzem – und hat sich von diesem Schock kaum erholt, als noch mehr Bewegung in sein Leben kommt: Nach einer von ihm verfassten Zeitungsnotiz über eine überfüllte Obdachlosenschlafstätte trifft dort eine hohe anonyme Geldspende ein. Es ist der Beginn einer Serie von Wohltaten.

    Meine Meinung

    Gerold Plassek, seines Zeichens Journalist bei einer Gratiszeitung, geschieden und Vater einer Tochter, zeigt wenig Interesse an seinem Beruf, der sich darauf beschränkt, kleine Artikel aus dem sozialen Bereich zu verfassen. Da dies keine tagefüllende Beschäftigung ist, verbringt er träge und unmotiviert seinen Arbeitstag, trinkt sich am Abend in seinem Stammbeis`l das Leben erträglich und lebt gemütlichen in den Tag hinein. Ziele? Braucht man nicht!
    Doch sein Leben soll sich bald ändern, als 3 Dinge zur ungefähr gleichen Zeit geschehen: Er erfährt von einer früheren Liebschaft, dass er Vater eines mittlerweile 14-jährigen Sohnes ist, den er noch dazu für das nächste halbe Jahr betreuen soll. Durch seinen Sohn lernt er aber auch die attraktive Zahnärztin Rebecca kennen, die seine Hormone in Wallung bringen. Und last, but not least, hat ein Artikel, den er über ein Obdachlosenheim schreibt, die verblüffende Wirkung, das die Einrichtung  eine anonyme Spende von 10.000 Euro erhält.
    Als sich diese Spenden wiederholen und jedes Mal der von Gerold verfasste Artikel beigelegt wird, fragt sich bald ganz Wien, wer der ominöse Spender wohl ist?!

    Wie nicht anders von Daniel Glattauer zu erwarten, lässt sich auch „Geschenkt“ in kein bestimmtes Genre einteilen. Auch hier zeigt der Autor wieder vielschichtig sein Können und besticht mit seinem locker flockigen Schreibstil und seinem tollen Wortwitz. Dennoch wirkt das Buch nicht oberflächlich. Ganz im Gegenteil, die Grundaussage der Geschichte ist ernst und in meinen Augen auch wichtig. Da Daniel Glattauer aber nie den moralischen Zeigefinger erhebt, sondern alles mit einer guten Portion Wiener Schmäh zu seinen Lesern transportiert, geht die Bedeutung tiefer.

    Auch wenn wir uns Gerolds Verhältnis zu seinem Sohn ansehen, überzeugt der Roman durch Realismus. Die Nachricht ein zweites Kind zu haben, hat Geri schwer getroffen, daher wächst er auch nur sehr langsam in seine Vaterrolle. Manuel hat er sich ganz klar anders vorgestellt. Und vor allem: Warum Manuel? Was ist denn das bitte für ein Name?
    Manuel ist ein vollpubertärer 14-jähriger, der ihn einfach nur nervt. Auch der Sohnemann kann seinen Vater zu Beginn nicht ausstehen. Und doch entwickelt sich mit der Zeit eine sehr intensive und schöne Beziehung.

    Es hat Spaß gemacht mitzuerleben , wie sich das Leben von Geri verändert, nachdem er ein Ziel vor Augen hat und dies auch versucht konsequent zu verfolgen. Motivation ist eben alles und lässt uns Berge versetzen. Gerade dass hier kein Held das Geschehen bestimmt, macht diese Geschichte so sympathisch.

  • „Angst“ | Robert Harris

    Titel im Original:  „The Fear Index“
    Autor:  Robert Harris
    Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Müller
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Thriller
    Seitenzahl:  382
    ISBN:  978-3-453-26704-6

    Wenn die Angst regiert, droht das Globale Chaos!
    In den Insiderkreisen der Superreichen ist Alex Hoffmann eine lebende Legende – ein Visionär, der an den Börsen der Welt Milliardengewinne erzielt. Nun hat es jemand auf ihn abgesehen, und ein Albtraum aus Angst und Schrecken beginnt. Wird er die Geister, die er rief, wieder los?

    Meine Meinung

    „Angst“ ist die Geschichte eines genialen, aber auch etwas verschrobenen Wissenschaftlers, der von der Forschung in die Industrie gewechselt hat. Das Leben von Dr. Alexander Hoffmann, der auch Mitbegründer eines erfolgreichen Hedgefond-Unternehmens ist, gerät aus den Fugen, als er eines Tages in seiner Villa am Ufer des Genfer Sees überfallen wird. Schnell passieren immer seltsamere Dinge: Hoffmann soll den Überfall selbst arrangiert haben, er kauft wertvolle Bücher und Kunstgegenstände ohne diese wirklich bestellt zu haben. Und nicht nur sein Privatleben ist betroffen, Stück für Stück breitet sich das Chaos auch in seiner Firma aus. Alles mündet in einem fast aussichtslosen Kampf zwischen Mensch und Maschine.
    Im Verlauf des nächsten Tages muss er miterleben, wie alle Grundpfeiler seines so erfolgreichen Lebens zu zerbröseln drohen:  Seine Ehe, seine Arbeit und vor allem, sein von ihm entwickeltes Computersystem VIXAL-4.

    Auch in „Angst“ versteht es Robert Harris wieder, die Augen des Lesers für eine neue, für die meisten Menschen doch sehr fremde Welt zu öffnen. Er macht uns die Funktionsweise moderner computerbasierter Wertpapierprogramme verständlich und spinnt vor diesem Hintergrund eine spannende Geschichte über künstliche Intelligenz.

    Obwohl für mich schon relativ früh zu erahnen war, wohin die Reise geht, war die Geschichte doch sehr spannend und interessant. Zwischendurch erschienen einige Punkte etwas weit hergeholt, runden die Geschichte aber insgesamt dann doch ab und machen sie rasant, mitreißend und stimmig. Wer sich etwas für das Internet, die Börse und „KI“ interessiert, kommt in diesem Buch auf jeden Fall auf seine Kosten!

    Aber warum „Angst“?
    Professor Alex Hoffmann hat sich während seiner Arbeit am Cern verbissen in die Entwicklung selbstlernender Algorithmen gestürzt. Seine Software sucht umfassend das Internet nach Angstparametern ab, die daraufhin den Börsenhandel überprüfen und aufgrund der Berechnungen eigenständig Trades vollziehen.
    Zugleich beginnt im Handelsraum seiner Firma die eigenständige Tätigkeit des Algorithmus, mehr und mehr zu einer Gefahr nicht nur für die Gelder des Fonds zu werden, sondern die gesamte Börsenwelt in Mitleidenschaft zu ziehen.
    Als Hoffmann dann noch feststellt, dass alle Räume der Firma, wie auch seine private Villa umfassend überwacht werden, versteht er ganz langsam, was wirklich hinter der Bedrohungen stehen könnte …

    Robert Harris versteht es sprachlich hervorragend, von Beginn an eine bedrängende Atmosphäre zu schaffen, ohne das bereits allzuviel passiert wäre. Dies wird durch seinen klaren, sachlichen und für dieses Thema doch leicht verständlichen Schreibstil hervorgehoben und macht dieses Buch zu einem Genuss.

    Einmal mehr zieht Robert Harris alle Register für einen spannenden Roman!

  • „Wie angelt man sich einen Vampir“ | Kerrelyn Sparks

    Abgebrochenes Buch!

    Titel im Original:  „How to marry a Millionaire Vampire“
    Autor:  Kerrelyn Sparks
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Justine Kapeller
    Verlag:  Mira Verlag
    Genre:  Fantasy
    Seitenzahl:  460
    ISBN:  978-3-89941-450-9

    Ausgerechnet beim Biss in eine Gummipuppe bricht dem Vampir Roman Draganesti einer seiner Fangzähne ab. In den schwarzen Seiten findet er keinen Vampirzahnarzt, seine letzte Hoffnung ist ein normalsterblicher Arzt – vielmehr eine Ärztin! Doch ehe die hinreißende Dr. Shanna Whelan sich um seinen Zahn kümmern kann, muss er sie plötzlich vor einem gefährlichen Auftragskiller retten. Als wäre das nicht schon Aufregung genug für einen Ruhe liebenden Untoten wie Roman, verwirren ihn seine Gefühle für Shanna von Tag zu Tag mehr: Hat er sich am Ende etwa verliebt? In eine Sterbliche, die zu allem Überfluss auch noch kein Blut sehen kann?

    Meine Meinung

    Bei „Wie angelt man sich einen Vampir“ handelt es sich um den ersten Band einer Vampir-Reihe, in der die Romantik und der Humor an erster Stelle stehen. Das Blutvergießen findet hier eher sporadisch statt.

    Die Zahnärztin Shanna Wheelan befindet sich nach einer Aussage vor Gericht im Zeugenschutzprogramm. Als sie eines Nachts in der Zahnklinik angegriffen wird und nur noch in letzter Sekunde von dem Vampir Roman gerettet werden kann, wird ihr klar, dass sie auch in ihrem neuen Leben nicht Sicher ist. Daweil wollte sich Roman Draganesti nur einen seiner Fangzähne reparieren lassen. Er stellt Shanna unter seinen Schutz, da ein gefährlicher Vampir auf sie angesetzt wurde, mit dem er selbst noch eine Rechnung offen hat …
    Allerdings ist es gar nicht so einfach einen Menschen zu beschützen, wenn dieser nicht merken soll, dass er von Vampiren umgeben ist! Erst recht nicht , wenn man für diesen Menschen Gefühle entwickelt!

    Die „Love at Stake“-Reihe habe ich bereits mit Anfang 20, also vor guten 10 Jahren begonnen zu lesen und in meinem Hinterkopf war gerade der erste Band um Shana und Roman immer ein absolutes Highlight. Nachdem ich in den letzten Wochen doch sehr stressige Zeiten und keinen Kopf für schwere Literatur hatte, hätte mir „Wie angelt man sich einen Vampir“ ein leichtes und lustiges Vergnügen bereiten sollen. Aber was soll ich sagen? Ich dürfte aus dieser Reihe wirklich herausgewachsen sein …

    Die Geschichte ist angenehm zu lesen und man ist schnell im Geschehen drin. Man lacht und leidet mit den beiden Protagonisten mit, die definitiv noch mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen haben, aber nach einigen Kapiteln merkt man doch, dass dieses Leiden nicht mehr aufhört und Shanna und Roman jede noch so kleine Unstimmigkeit sofort auf sich selbst und ihre Probleme beziehen. Das wird mit der Zeit sehr sehr anstrengend.

    Zudem bin ich einfach kein Fan davon, sich Hals über Kopf in einen Fremden zu verlieben. Anziehung und Lust in Ehren, aber dieses Ewige hin und her ist wirklich nicht mein Fall. Sollte nicht ein 200 Jahre alter Vampir etwas vom Werben und Umgarnen einer Frau verstehen? Noch dazu, wenn er vorher in einem Kloster gelebt hat?

    Die „Love at Stake“-Reihe von Kerrelyn Sparks wird wohl mein Zuhause verlassen …