• „Das Seelenhaus“ | Hannah Kent

    Titel im Original:  „Burial Rites“
    Autor:  Hannah Kent
    Aus dem Australischen übersetzt von
    Leonie von Reppert-Bismarck & Thomas Rütten
    Verlag:  Drömer Knaur
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  379
    ISBN:  978-3-426-19978-7

    Island 1828. Agnes ist eine selbstbewusste und verschlossene Frau. Sie wird als hart arbeitende Magd respektiert, was sie denkt und fühlt behält sie für sich. Als sie des Mordes an zwei Männern angeklagt wird, ist sie allein. Die Zeit bis zur Hinrichtung soll sie auf dem Hof eines Beamten verbringen. Die Familie ist außer sich, eine Mörderin beherbergen zu müssen – bis Agnes Stück für Stück die Geschichte ihres Lebens preisgibt!

    Meine Meinung

    „Das Seelenhaus“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Agnes Magnúsdóttir war 1829 die letzte Frau in Island, an der die Todesstrafe vollstreckt wurde. Die australische Autorin Hannah Kent stolperte bei einem Islandaufenthalt über diese Geschichte und war davon sofort fasziniert. Sie nutzte die bisher existierenden Dokumente für ihre Recherche, um sich beim Schreiben so weit wie möglich an die Tatsachen halten zu können.

    Zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Island noch von vielen kleinen und einigen größeren bäuerlichen Gutsbetrieben geprägt. Eine entbehrungsreiche Zeit in der harte körperliche Arbeit den Alltag ausfüllte. Wer nicht das Glück hatte in eine Familie geboren zu werden, die im Besitz einer Landwirtschaft war, verdient sich als Magd oder Knecht …
    Agnes Magnúsdóttir arbeitet als Magd, als ihr Dienstherr ermordet aufgefunden wurde. Auch sie wird vom Landrat als Komplizin des Täters zum Tode verurteilt. Da zu jener Zeit die Todesurteile noch vom dänischen König bestätigt werden mussten, wird Agnes bis zur Vollstreckung auf einem der Gutshöfe untergebracht. Wenn sie dem Land schon zur Last fällt, soll sie sich gefälligst auch nützlich machen! So landet sie auf dem Kornsahof. Die fleißige und stille Frau fügt sich nach und nach ins Familienleben ein, bis eines Tages die schlimme Botschaft mit dem definitiven Todestag eintrifft …

    Hannah Kent beschreibt in aller Deutlichkeit die Lebensverhältnisse, das Land und das Klima, dazu passt auch ihre sachliche, klare und offene Schreibweise. Man spürt regelrecht die Kälte des Klimas und die Härte der Menschen. Dennoch schafft sie es die Spannung konstant in der Geschichte zu halten und lässt ihre Leser durch die stätigen Rückblicke eine innige Beziehung zu Agnes aufbauen. Die Menschen sind in all ihren Facetten wunderbar getroffen.

    „Das Seelenhaus“ geht nicht nur unter die Haut, sondern auch tief ins Herz! Agnes wurde als Mörderin verurteilt. Eine Frau, die zu solch einer Tat fähig ist, musste ein Monster sein. So und nicht anders wird sie von den Menschen gesehen und behandelt. Welche Umstände letztendlich zu der Tat geführt haben, hat in ihrem Umfeld niemanden interessiert. So war auch der geistliche Beistand, der ihr zur Seite gestellt wurde, dazu angehalten, mit ihr zu beten, von der Barmherzigkeit Gottes zu predigen und sie im christlichen Sinne auf den Tod vorzubereiten. Dass der junge Vikar sich von Agnes ihre Lebensgeschichte erzählen lässt, ist an keiner Stelle vorgesehen. Im Gegenteil, es wird sogar als völlig falsch erachtet. Niemand darf sich für Agnes Magnúsdóttir interessieren. Sie ist eine eiskalte Mörderin und das sagt ja schließlich schon alles über ihren Charakter aus …
    Doch genau das ist das Thema: Die Frau hinter dem Bild der Mörderin besser kennenzulernen. Ihr Leben, das von Anfang an von Armut geprägt war. Ebenso der Umstand, dass sie niemals eine verlässliche Gemeinschaft in ihrem Leben hatte. Agnes als eine intelligente und verletzliche Frau zu sehen!

    Ein wirklich beeindruckender Roman, der gekonnt Fiktion mit historischer Realität vermischt!

  • „Sterne über Rom“ | Karen Swan

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original: „The Rome Affair“
    Autor: Karen Swan
    Aus dem Englischen übersetzt von Gertrud Wittich
    Verlag: Goldmann Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  539
    ISBN: 978-3-442-48778-3

    Die Engländerin Cesca lebt in Rom und betreibt einen erfolgreichen Blog, der eine Hommage an die ewige Stadt und das Dolce Vita ist. Als sie Bekanntschaft mit ihrer Nachbarin macht, der berühmten Viscontessa Elena, sind sich beide sofort sympathisch. Cesca willigt sogar ein, ihre Memoiren zu verfassen. Doc je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr beschleicht Cesca das Gefühl, dass Elena etwas vor ihr verbirgt. Als auf einer Baustelle ein wertvoller Diamantring gefunden wird, der angeblich Elena gehört, stellt Cesca zusammen mit dem attraktiven Archäologen Nico Nachforschungen an – und fördert ein tragisches Geheimnis zu Tage …

    Meine Meinung

    Francesca, kurz Cesca genannt, hat ihren Beruf als Rechtsanwältin in London an den Nagel gehängt und möchte sich in Rom ein neues Leben aufbauen. Dort schreibt sie einen erfolgreichen Blog über die ewige Stadt und arbeitet nebenbei als Fremdenführerin. Ihr ganzer Stolz ist die kleine Wohnung auf der Piazza Angelica, unmittelbar neben dem prachtvollen Palazzo der Familie Damiani.
    Durch Zufall lernt sie die Bewohnerin, die Viscontessa Elena Damiani kennen. Diese macht ihr das verlockende Angebot, für sie zu arbeiten: Cesca soll ihre Memoiren verfassen.
    Schon bald muss sie jedoch feststellen, dass es die Viscontessa nicht immer ganz so ehrlich mit ihrer Vergangenheit nimmt …
    Als nach einem Erdbeben auch noch eine Sinkhöhle im Garten des Palazzo entsteht, in der der Speläologe Nico einige unglaublich wertvolle Funde macht, sucht Cesca verbissen nach der Wahrheit!

    Karen Swan erzählt uns die Geschichte der beiden Frauen in abwechselnden Kapiteln auf zwei Zeitebenen. Wir begleiten sie in der Gegenwart vom Juli bis zum Oktober 2017, erfahren im zweiten Handlungsstrang aber auch von Elenas bewegter Lebensgeschichte zwischen den 60er und 90er Jahren.
    Die Kapitel sind recht kurz gehalten, was beim Lesen zwar für Abwechslung sorgt, lässt aber leider nur wenig Spannung in den einzelnen Handlungssträngen entstehen. Das macht die Geschichte an manchen Stellen leider doch etwas langatmig! Für mich war Elenas Vergangenheit deutlich fesselnder. Cescas Geschichte konnte mich erst mit Nicos auftauen so richtig mitreißen. Auch wenn sich die beiden anfangs gar nicht ausstehen konnten, sprühen doch schon bald die Funken.
    Zusätzlich überrascht der Roman mit einer intensiven Kriminalgeschichte, rund um Tod, Geld und Macht!

    In diesem Buch wird Rom wunderbar dargestellt! Die Autorin transportiert die vielen schönen Orte und Sehenswürdigkeiten, das Dolce Vita und das Leben der Menschen dort zielsicher an ihre Leser. Ich konnte regelrecht die Geräuschkulisse hören und die Sonne in meinem Gesicht spüren. Karen Swan konnte auch das besondere Flair dieser tollen Stadt in ihrer Erzählweise auffangen.
    Der Palazzo und die Piazza, also die Orte, an denen „Sterne über Rom“ hauptsächlich spielt, sind laut Nachwort der Autorin zwar fiktiv aber die weitere Umgebung hat sie selbst vor Ort recherchiert und dementsprechend schön beschrieben.

    „Sterne über Rom“ ist eine Hommage an das Temperament der Italiener, an die wahre Liebe und an eine tolle Stadt!

  • „In einer kleinen Stadt“ | „Needful Thinks“ | Stephen King

    Titel im Original:  „Needful Things“
    Autor:  Stephen King
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christel Wiemken
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Horror
    Seitenzahl:  860
    ISBN:  978-3-453-43399-1

    Leland Gaunt, ein mysteriöser Fremder, eröffnet in Castle Rock einen Laden mit dem Namen „Needful Things“, in dem jeder das bekommen kann, wovon er schon lange träumt. Doc alles hat seinen Preis – und Gaunt bestimmt ihn, denn er kennt die verborgenen Sehnsüchte und Schwächen jedes Einzelnen.
    Der Albtraum beginnt …

    Meine Meinung

    „Needful Thinks“ gehört bereits seit vielen Jahren zu meinen Lieblingsbüchern von Stephen King!

    Leland Gaunt eröffnet in dem Städtchen Castle Rock einen kleinen Laden namens »Needful Things«, in dem man allerlei Krimskrams und Antiquitäten kaufen kann. Bereits vor der Eröffnung entdecken schon die ersten Bewohner Dinge, die sie unbedingt haben wollen. Kurioserweise kosten diese stets mehr als der Interessent zur Verfügung hat, daher überlässt er ihnen den heißersehnten Gegenstand nur unter der Bedingung, dass er einem seiner Mitbürger einen harmlosen Streich spielt.
    Was anfänglich noch harmlos klingt, entpuppt sich schnell als perfides Spiel eines bösen Wesens in Gestalt eines gut gekleideten Mannes!

    Bereits von der ersten Seite an, beginnt die Geschichte interessant zu werden!
    Stephen King hat die einzelnen Charaktere sehr gut gezeichnet und miteinander in Verbindung gebracht. Beinah jeder in Castle Rock hat eine dunkle Vergangenheit: Angefangen bei der Frau, die ihren brutalen Ehemann erstochen hat, bis hin zum Polizeibeamten, der schon lange mit dem Stadtrat im Clinch liegt.
    Wir bekommen hier ein verworrenes Spiel aus Kleinstadtintrigen, Neid und Ablehnung bis hin zum abgrundtiefen Hass. Die Lage spitzt sich mehr und mehr zu, doch der Leser erfährt tatsächlich erst ganz zum Schluss, was Leland Gaunts Beweggründe für seine Geschäfte sind. Bis dahin ist es ein langer und teils brutaler Weg, der die Bevölkerung von Castle Rock spaltet und in ihren Grundfesten erschüttert.

    Neben den detaillierten Beschreibungen und dem gezielten Aufbau der Spannung fand ich auch den psychologischen Aspekt sehr gut umgesetzt. Wir folgen den Personen in ihren Gedankengängen, sowohl bei der Ausübung des Streichs, aber auch wenn sie hinter der Bosheit sofort zu wissen glauben, wer ihnen etwas angetan hat. Man lernt schnell, dass man nicht immer sofort vom Offensichtlichen ausgehen sollte. Es hilft auch miteinander zu sprechen!

    „Needful Things“ ist definitiv eines der gemeinsten Bücher, die Stephen King je geschrieben hat …
    Wer möchte seinem ungeliebten Nachbarn, nicht auch mal einen harmlosen Streich spielen, ohne dass dieser weiß, wer es wirklich war? Wenn euch genau solche Gedanken plagen, könntet ihr euch mit diesem Buch unter Umständen sogar eine teure oder zeitaufwendige Therapie ersparen …

  • „I am Death. Der Totmacher.“ | Chris Carter

    Titel im Original: „I am Death“
    Autor: Chris Carter
    Aus dem Englischen übersetzt von Sybille Uplegger
    Verlag: Ullstein Verlag
    Genre: Thriller
    7. Fall von Robert Hunter & Carlos Garcia
    Seitenzahl:  381
    ISBN: 978-3-548-28173-3

    Denn ich bin der Tod …
    Vor dem Los Angeles International Airport wird eine brutal zugerichtete Leiche gefunden. In ihrem Hals steckt ein Zettel mit einer Botschaft:  Ich bin der Tod. Profiler Robert Hunter ist der Einzige, der den Täter finden kann. Bald hat er einen Verdacht. Doch da taucht eine weitere Leiche auf. Ein grausames Spiel beginnt …

    Meine Meinung

    Eine bestialisch misshandelte Frauenleiche wird in der Nähe des Los Angeles International Airport aufgefunden. In ihr hat der Mörder eine Botschaft hinterlassen: „Ich bin der Tod“!
    Kaum ist Robert Hunter von seinem „Urlaub“ zurück, erwartet ihn und seinen Partner Carlos Garcia bereits ein neuer grausamer Fall. Sie müssen einen an Brutalität kaum zu übertreffenden Mörder fassen. Dieser scheint keine Spuren zu hinterlassen, während er immer wieder den Kontakt zu den Ermittlungsbehörden sucht. Der Totmacher wütet in Los Angeles und stellt die Ermittler vor ein großes Rätsel.

    Der Schreibstil ist wie immer flüssig und leicht, jedoch haben mich die Spannungsbögen in diesem Band etwas im Stich gelassen. Die kurzen Kapitel laden zum Weiterlesen ein und es folgt ein Cliffhanger nach dem Anderen. Auch die brutalen Szenen fand ich wie gewohnt markerschütternd, die Geschichte wird aber deutlich ruhiger und sachlicher erzählt. Meiner Wahrnehmung nach, gehen wir dafür aber etwas tiefer in die Details der Ermittlungsarbeit.
    Man fragt sich ständig „wer ist „der Tod“?“ und wie kommt er auf seine perfiden Ideen. Zeitgleich bangt man mit den Opfern und hofft doch, dass die Frauen der Entführung und den Qualen noch entkommen können …

    Anders als erwartet und auch von den bisherigen Bänden gewohnt, kam das Ende für mich sehr plötzlich und eher lauwarm. Normalerweise werden gerade die Schlussszenen von Chris Carter besonders zelebriert. In „I am Death“ kamen sie Schlag auf Schlag und der große Showdown bleibt eher unaufgeregt. Dennoch ist das Ende logisch nachvollziehbar und wie immer total unerwartet. Der Hintergrund der Taten ist dramatisch und ging mir sehr ans Herz!

    Robert Hunter und Carlos Garcia sind wie immer professionell bei der Arbeit. Ihr Verhältnis ist merkbar innig, jedoch werden weder Schnulz noch übertriebenes Freundschaftsgeplänkel an den Leser weitertransportiert. Sie sind einfach zwei tolle und sympathische Ermittler, die „nur“ ihren Job machen.

  • „Der Fall Collini“ | Ferdinand von Schirach

    Autor: Ferdinand von Schirach
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  193
    ISBN: 978-3-492-30146-6

    34 Jahre hat der Italiener Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann ermordet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos wie es aussieht. Als der junge Anwalt Caspar Leinen die Pflichtverteidigung für Fabrizio Collini zugewiesen bekommt, erscheint im der Fall die vielversprechende Karrierechance zu sein, auf die er gewartet hat. Doch als er erfährt, um wen es sich bei dem Mordopfer handelt, wird der Prozess zu seinem persönlichen Albtraum!

    Meine Meinung

    Ferdinand von Schirach zeigt uns in seinem Buch „Der Fall Collini“ eine verheerende Geschichte, die im 2. Weltkrieges ihren Anfang nimmt und dessen Spuren sich noch bis in die heutige Zeit ziehen.

    Die Geschichte handelt von einem jungen Anwalt, der seinen ersten Fall als Pflichtverteidiger übernimmt. Als dieser voller Eifer loslegen will muss er jedoch feststellen, dass sein Mandant gar nicht anwaltlich vertreten werden möchte. Rechtsanwalt Caspar Leinen macht sich also selbst auf die Suche nach der Wahrheit.
    Bei einem so kurzen Roman möchte man gar nicht zu viel verraten. Es geht um die große Frage, was einen Menschen dazu treibt, einen Mord zu begehen, wenn er doch selbst bis dahin nie gewalttätig und irgendwie anders auffällig wurde. Jeder Leser wird seinen eigenen Schwerpunkt in der Geschichte setzen …

    Das Buch ist voller Spannung und endet, wie man es definitiv nicht vorhergesehen hat. Das Kernthema behandelt die nachlässige Gesetzgebung, mit der in Deutschland mit NS-Verbrechen bzw. den ausführenden Soldaten in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg umgegangen wurde. Neben dem lehrreichen Aspekt, der mich als Leser total in den Bann gezogen hat, fand ich die Art, wie der Autor die Geschichte erzählt, äußerst unterhaltsam. Auch das Verhalten der Anwälte untereinander trägt zur Intensivierung der Geschichte bei.

    Ferdinand von Schirach arbeitet selbst als Anwalt, daher habe etwas vermehrt mein Augenmerk auf die Szenen im Gericht gelegen. Diese fand ich gut ausgearbeitet, sehr sachlich und klar präsentiert. Jedoch ohne viel Schnickschnack, der uns die Geschichte unnötig verschönert.

    Oberflächlichkeiten sind mitunter die Merkmale unserer heutigen Zeit. In die Tiefe zu gehen bedeutet oft, auf Dinge zu stoßen, die Zweifel, Wut und Schmerzen verursachen könnten. Ist es unserer Gemütlichkeit geschuldet, dass wir heutzutage lieber die Dinge so zur Kenntnis nehmen, wie wir sie auf den ersten Blick sehen?
    Beharrlichkeit und der eiserne Wille, einer Sache auf den Grund zu gehen, ist zwar manchmal unbequem, lohnt sich aber letztendlich doch …

  • „Der Zopf“ | Laetitia Colombani

    Titel im Original: „La Tresse“
    Autor: Laetitia Colombani
    Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Marquardt
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  282
    ISBN: 978-3-10-397351-8

    Die Lebenswege von Smita, Giulia und Sarah könnten unterschiedlicher nicht sein. In Indien setzte Smita alles daran, damit ihre Tochter lesen und schreiben lernt. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Unfall ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll die erfolgreiche Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, da erfährt sie von ihrer schweren Erkrankung. Ergreifend und kunstvoll flicht Laetitia Colombani aus den drei außergewöhnlichen Geschichten einen prachtvollen Zopf!

    Meine Meinung

    In „Der Zopf“ bekommen wir einen Einblick in das Leben von drei mutigen, entschlossenen und starken Frauen, die unbeirrt ihren Weg gehen …
    Smita ist eine indische „Unberührbare“, die ihrer Tochter mit aller Macht eine bessere Zukunft bieten möchte. Giulia, eine junge Sizilianerin, arbeitet in der Perückenknüpferei ihres Vaters und muss nach einem schweren Schicksalsschlag ihre Professionalität und Kampfeslust beweisen. Sarah ist eine aufstrebende und erfolgreiche Anwältin aus Montreal, die am Höhepunkt ihrer Karriere ihre Gesundheit verlässt.
    Drei verschiedene Leben! Drei Frauen mit vollkommen unterschiedlichen Hintergründen!

    Natürlich ahnt man schon früh, in welche Richtung die Leben unserer Protagonisten zusammenlaufen, anhand der spannenden Erzählweise von Laetitia Colombani bleibt das aber nebensächlich. Die Autorin hat einen sehr klaren und teilweise sogar sachlichen Schreibstil. Ruhig im Erzählstil, dennoch werden die Emotionen einfach und transparent an den Leser weitertransportiert.

    Besonders berührt hat mich die Erzählung um die Indische Smita. Die Autorin hat die Lebensumstände der „Unberührbaren“ wirklich gut recherchiert. Smita hat wirklich nichts! Weder genug zu essen, noch Bildung, noch Perspektiven für ihre 6-jährige Tochter. Eine grausame Wahrheit, die für mich nicht immer leicht zu ertragen war.
    Auch die beiden anderen Erzählstränge sind lesenswert und interessant. Die junge Giulia muss, nach einem schweren Unfall und dem Tod ihres Vaters, sehr früh ihren eigenen Weg im Leben finden. Ihre Familie steht vor dem nichts, dennoch stellen sie die junge Frau vor eine schwere Prüfung. Und Giulia wird diese mit Bravour Meistern! Sarah will mit Durchhaltevermögen und eisernem Willen der Diagnose Brustkrebs trotzen, obwohl sie ihr chauvinistischer Chef nach Bekanntwerden ihrer Erkrankung schnell aufs Abstellgleis setzt. Sie muss erst auf die harte Tour lernen, was in ihrem Leben wirklich wichtig ist und wofür es sich lohnt, die letzten Kräfte einzusetzen.

    „Der Zopf“ zeigt uns, dass sich viele Dinge gegenseitig beeinflussen, auch wenn man das selbst vielleicht gar nicht so aktiv wahrnimmt. Selbst unscheinbare Dinge oder Taten können für Andere schon eine große Hilfe sein!

  • „Die Stadt der Träumenden Bücher“ | Walter Moers

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Walter Moers
    Mit Illustrationen von Walter Moers & Florian Biege
    Verlag:  Knaus Verlag
    Genre:  Grafic Novelle
    Seitenzahl:  109
    ISBN:  978-3-8135-0501-6

    Als der Pate des jungen Dichters Hildegunst von Mythenmetz stirbt, hinterlässt er ihm ein geheimnisvolles Manuskript. Dieses ist so makellos, dass Hildegunst nicht anders kann, als dem Geheimnis seiner Herkunft nachzugehen. Die Spur führt nach Buchhaim, der „Stadt der Träumenden Bücher“ wo Bücher nicht nur spannend oder komisch sind, sondern in den Wahnsinn treiben und sogar töten können.

    Meine Meinung

    Natürlich kann man keinen Roman mit 456 Seiten Satz für Satz in einen Comic pressen, das wäre utopisch! … doch was Walter Moers und Florian Biege hier in dieser Graphic Novel geleistet haben, ist wirklich enorm! Hervorragend umgesetzt, ohne allzu starke Kürzungen!

    Der junge Hildegunst von Mythenmetz ist wie alle Großechsen auf der Lindwurmfeste aufgewachsen. Einem Ort, an dem jeder davon träumt, einmal ein großer Schriftsteller zu werden. Nach dem Tot seines Dichterpate Danzelot von Silbendrechsler vermacht ihm dieser ein Manuskript, das im Ausdruck und Stil so einzigartig und vollkommen ist, das es in ihm die stärksten Emotionen hervorruft. Um den Verfasser ausfindig zu machen, beschließt Hildegunst nach Buchhaim, in die Stadt der träumenden Bücher zu reisen, wo an jeder Straßenecke finstere Antiquariate auf Kunden lauern, wo magisch begabte Buchimisten ihr Unwesen treiben und auch sonst zahllose Gefahren auf  ihn warten! Das Abenteuer kann beginnen …

    In diesem ersten Band von „Die Stadt der Träumenden Bücher“ kann der Leser auf jeder einzelnen Seite qualitativ hochwertige und künstlerisch anspruchsvolle Grafiken bewundern. Selbst die Schrift wurde eigens für diesen Comic entworfen. Die Umsetzung ist opulent, detailverliebt und auch von der Farbgestaltung her sehr passend zum Inhalt der Geschichte. Es war spannend mit zu verfolgen, wie die beiden Autoren die doch blumige und spaßige Vielfalt in Walter Moers Sprache in Bildform umgesetzt haben!
    Ich hatte beim Lesen des Romans zwar nie Probleme mir Hildegunst von Mythenmetz als am Schreibtisch sitzenden Schriftsteller vorzustellen, doch wie er sich bewegt, wie er läuft und rennt, das wurde mir erst in dieser Graphic Novel so richtig bewusst!

    Natürlich wäre es ratsam, die zamonischen Werke bereits zu kennen, sonst muss man einfach kleine Abstriche hinnehmen. So bekommen zum Beispiel die Auftritte von Hachmed Ben Kibitzer oder Inazea Anazazi nicht die gewünschte Erklärung bzw. die Wichtigkeit, die sie noch im Roman haben. Maßnahmen, die der Kürzung des Romans geschuldet sind. Auch bildnerische Anspielungen auf nicht weiter erwähnte Charaktere werden so im Verborgenen bleiben …

    Vielleicht wäre es taktisch klüger gewesen, das doch sehr ausführliche Glossar, das am Ende des Buches auf den Leser wartet, an den Anfang zu setzen? Dadurch würde der Leser schon mit etwas mehr Detailwissen in die Geschichte einsteigen. Aber würde das nicht auch das Bild und den Aufbau der Graphic Novel zerstören?

  • „Mein Name ist Judith“ | Martin Horvàth

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Martin Horváth
    Verlag:  Penguin Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  362
    ISBN:  978-3-328-60010-7

    Wien in der nahen Zukunft!
    Eines Tages sitzt ein fremdes Mädchen in einem altmodischen Mantel in León Kortners Küche. Wer ist diese Judith Klein? Sie behauptet, dass ihr Vater die Buchhandlung unten im Haus führt – Die Buchhandlung, die die Kleins Ende der 1930er Jahre auf der Flucht vor den Nazis aufgeben mussten …

    Meine Meinung

    Wien, im Jahre 2032. Martin Horváth beschreibt die traumatischen Ereignisse im Leben des Schriftstellers Leòn Kortner. Nachdem dieser bei einem Attentat auf den Wiener Bahnhof seine Frau und Tochter verliert, zieht er sich vollkommen aus seinem bisherigen Alltag zurück. Er beginnt zunehmend zu vereinsamen. Die Wohnung ist still, dennoch befinden sich an allen Ecken die Erinnerungen an seine Familie. Und plötzlich sitzt da ein junges Mädchen in seiner Wohnung: Nicht seine Tochter, aber Judith Klein!
    Leòn braucht nicht lange um zu verstehen, dass Judith nur in seiner Fantasie existiert …

    Martin Hováth ist mit seinem zweiten Roman hochkarätige Literatur gelungen. Der Schreibstil ist flüssig und mitreißend, dennoch lyrisch und poetisch. Auch die Art, wie er die Geschichte an den Leser transportiert ging mir durch Mark und Bein.
    „Mein Name ist Judith“ ist eine Geschichte, die sicher nicht immer leicht zu lesen ist, da sie unweigerlich einen eher bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Auch wenn viele Details aus der Vergangenheit nur bildlich angesprochen werden, bleibt der Schrecken des 2. Weltkrieges auf jeder Seite präsent.

    Leòn Kortner flüchtet sich immer wieder in die Vergangenheit: Zunächst erscheint es, als wäre Judith eine Erscheinung, die aus seinem eigenen Kopf entspringt, da er sich vermehrt mit den Kleins auseinandersetzt. Einer jüdischen Familie mit 3 Kindern, die früher in seiner Wohnung lebten und über Jahrzehnte eine Buchhandlung im Erdgeschoss des Zinshauses geführt haben. Judith ist die jüngste Tochter und bis heute ist ihr Schicksal ungewiss.
    Die Auseinandersetzung mit Gegenwart und Vergangenheit wird vom Autor sehr gelungen erzählt und hat mich definitiv zum Nachdenken gebracht. Drama, Liebesgeschichte und fantastische Elemente ergeben ein rundes Gesamtbild!

    Die schriftstellerische Freiheit ein Bibelzitat, dass uns aus dem Johannesevangelium bekannt ist „Am Anfang war das Wort …“, zu nutzen, um seinen Protagonisten hervorzuheben, finde ich zwar spannend gewählt, in meinen Augen hätte dieses Element aber vom dem Autor noch besser eingesetzt bzw. verflochten werden können. Das Zitat kommt zwar immer wieder durch, den Bezug zu der Geschichte muss man sich aber erst selbst erarbeiten …

    Martin Horvàth lässt seine Leser in diesem Buch neue Wege gehen und animiert uns immer wieder zum Umdenken!

  • „So enden wir“ | Daniel Galera

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „Meia-Noite e Vinte
    Autor:  Daniel Galera
    Aus dem Brasil. Portugiesischen von Nicolai v. Schweder-Schreiner
    Verlag:  Suhrkamp Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  232
    ISBN:  978-3-518-42801-6

    Am Grab ihres alten Mitstreiters kommen Aurora, Antero und Emiliano zusammen, nach einer gefühlten Ewigkeit wie Fremde. Damals waren sie unsterblich – Helden einer neuen digitalen Gegenkultur, wütend und exzessiv – jetzt ist der genialste von ihnen tot. In seinen Büchern scheint er ihnen ein Rätsel hinterlassen zu haben. Oder ist es eine Warnung?

    Meine Meinung

    Unruhen auf den Straßen. Korruption. Gewalt. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014!
    Inmitten dieser Krisengesellschaft begegnet uns eine Gruppe junger Menschen, die ein etwas anderes Leben suchen, fernab von der Moderne. Sie wünschen sich in das Jahr vor der Jahrtausendwende zurück …

    Ende der 90er Jahre erobert das kontroverse Online-Magazin „Orangotango“ die digitale Welt Brasiliens. Die vier Freunde Aurora, Emiliano, Antero und „Duke“ erleben eine wilde zügellose Studentenzeit. Unbewusst setzten sie eine Bewegung frei, die von vielen Menschen verfolgt wurde. Immer bereit, die bekannten Strukturen aufzubrechen, um kulturelles Neuland zu betreten.
    Als sich ihre Wege trennen, ist Emiliano weiterhin als Journalist tätig, während Antero eine sehr erfolgreiche Werbefirma aufbaut. Aurora hat sich für ein Biologiestudium entschieden und arbeitet an ihrer Dissertation über den Biorhythmus von Zuckerrohr. „Duke“ wird ein erfolgreicher Schriftsteller mit einer großen Fangemeinde – doch 2014 wird er bei einem Raubüberfall ermordet! Bei seinem Begräbnis beginnen sich die drei Freunde zu fragen, was aus ihnen und ihren Träumen geworden ist und vor allem:  Wer war Duke wirklich und was bedeutet sein Vermächtnis?

    Daniel Galera legt uns hier einen gesellschafts- und medienkritischen Roman vor. Wir lesen hier über das Dilemma einer mit allen Möglichkeiten der neuen digitalen Welt aufgewachsenen, intellektuellen Jugend, die sich selbst jedoch mit den Jahren irgendwann verloren hat. In der Realität verunsichert und vereinsamt!
    Er siedelt seine Geschichte mitten in den chaotischen Zuständen der Proteste und Streiks im Jahre 2014 in den Städten Porto Alegre und Sao Paulo an. Thema dieses Romans ist natürlich auch die wirtschaftliche Situation in Brasilien und die Demonstrationen der unzufriedenen Bevölkerung. Das Kernthema ist jedoch deutlich die vernetzte Konsumwelt und die immer schillernder werdende Welt der sozialen Medien, der sich niemand entziehen kann. Selbst die sexuellen schnellen Bedürfnisse lassen sich dort ganz einfach ausleben …

    Wir erfahren die Geschichte aus wechselnden Perspektiven der drei übrig gebliebenen Freunde, die ihr Leben reflektieren und die Beziehung zu „Duke“ thematisieren. Die Sprache ist frech und vulgär, was wir insbesondere bei der einzigen weiblichen Figur Aurora zu spüren bekommen, die noch am Stärksten die Auswirkungen der neuen Gesellschaft zu spüren bekommt.
    Die Erzählung ist eher ruhig gestaltet und bleibt oftmals in den Gedanken des Autoren stecken.

    Wer sich auf Daniel Galera und seine Sprache einlässt, muss sich Zeit nehmen. Man sollte auch für eine oft harte, beinahe brutale Ausdruckweise und entsprechende Gedankenbilder bereit sein. Dennoch ist der Autor nie wirklich destruktiv und er entlässt seine Protagonisten und Leser mit einem Ausblick in eine positive Zukunft …