• „Die Stadt der Träumenden Bücher“ | Walter Moers

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor: Walter Moers
    Mit Illustrationen von Walter Moers & Florian Biege
    Verlag: Knaus Verlag
    Genre: Grafic Novelle
    Seitenzahl:  109
    ISBN: 978-3-8135-0502-3

    Als der Pate des jungen Dichters Hildegunst von Mythenmetz stirbt, hinterlässt er ihm ein geheimnisvolles Manuskript. Dieses ist so makellos, dass Hildegunst nicht anders kann, als dem Geheimnis seiner Herkunft nachzugehen. Die Spur führt nach Buchhaim, der „Stadt der Träumenden Bücher“ wo Bücher nicht nur spannend oder komisch sind, sondern in den Wahnsinn treiben und sogar töten können.

    Teil 2 erzählt, wie Hildegunst in den Katakomben bei den Buchlingen das Ormen kennenlernt, von den bösartigen Bücherjägern fliehen muss, dem geheimnisvollen Schattenkönig begegnet und schließlich nach Buchhaim zurückkehrt.

    Meine Meinung

    Nach dem tollen Start der Geschichte im ersten Band habe ich mich natürlich sehr auf die Fortsetzung gefreut. Und ich wurde wirklich nicht enttäuscht!

    Die Bilder orientieren sich wieder stark an den Originalen von Walter Moers und entwickeln doch einen ganz eigenen Charme: Die detailreichen Zeichnungen quellen über vor phantasievollen Einfällen und lassen die düsteren Katakomben von Buchhain mit seinen liebenswerten und unheimlichen Bewohnern lebendig werden. Hildegunst von Mythenmetz und auch der Schattenkönig bringen sich in diesem Band in immer gefährlichere und aufregende Situationen, dies spiegelt sich auch in den düsteren und gedeckten Farben wieder. Beim Lesen konnte ich so richtig in der Atmosphäre aufgehen und Walter Moers ist es auch in diesem Band wieder sehr gut gelungen, die Handlung geschickt zu verkürzen, ohne dass der rote Faden verloren geht oder der Erzählfluss hektisch wird. Auch die etwas längeren Textpassagen, die in diesem Band doch vermehrt vorkommen, haben sich gut in das Gesamtbild eingefügt!

    Die Graphic Novel ist ein völlig anderes Medium als der Roman, aber sie vermittelt die gleiche Intensität und Detailfreude, die die Bücher des Autors oft ausmachen!

    Im Nachwort finden wir auch eine Beschreibung des Herstellungsprozesses. Während ich im ersten Band noch der Meinung war, dass Moers nur die Texte verfasst hat, erfahren wir hier, dass er sämtliche Vorzeichnungen bis ins Detail ausgearbeitet und diese dann mit Florian Biege farbig umgesetzt hat, wobei dann in den Hintergründen oder bei Ausstattungsdetails auch eigene Ideen des Zeichners einflossen …
    Den Beiden gebührt also zu gleichen Teilen die Ehre, Schöpfer dieses Comics zu sein, in dem erkennbar viel Herzblut und unglaublich viel Arbeit steckt.

    „Die Stadt der träumenden Bücher“ ist ein wahnsinnig schön gezeichneter Comic, der sowohl Erwachsene als auch Kinder in seinen Bann zieht!

  • „Sterne über Rom“ | Karen Swan

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original: „The Rome Affair“
    Autor: Karen Swan
    Aus dem Englischen übersetzt von Gertrud Wittich
    Verlag: Goldmann Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  539
    ISBN: 978-3-442-48778-3

    Die Engländerin Cesca lebt in Rom und betreibt einen erfolgreichen Blog, der eine Hommage an die ewige Stadt und das Dolce Vita ist. Als sie Bekanntschaft mit ihrer Nachbarin macht, der berühmten Viscontessa Elena, sind sich beide sofort sympathisch. Cesca willigt sogar ein, ihre Memoiren zu verfassen. Doc je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr beschleicht Cesca das Gefühl, dass Elena etwas vor ihr verbirgt. Als auf einer Baustelle ein wertvoller Diamantring gefunden wird, der angeblich Elena gehört, stellt Cesca zusammen mit dem attraktiven Archäologen Nico Nachforschungen an – und fördert ein tragisches Geheimnis zu Tage …

    Meine Meinung

    Francesca, kurz Cesca genannt, hat ihren Beruf als Rechtsanwältin in London an den Nagel gehängt und möchte sich in Rom ein neues Leben aufbauen. Dort schreibt sie einen erfolgreichen Blog über die ewige Stadt und arbeitet nebenbei als Fremdenführerin. Ihr ganzer Stolz ist die kleine Wohnung auf der Piazza Angelica, unmittelbar neben dem prachtvollen Palazzo der Familie Damiani.
    Durch Zufall lernt sie die Bewohnerin, die Viscontessa Elena Damiani kennen. Diese macht ihr das verlockende Angebot, für sie zu arbeiten: Cesca soll ihre Memoiren verfassen.
    Schon bald muss sie jedoch feststellen, dass es die Viscontessa nicht immer ganz so ehrlich mit ihrer Vergangenheit nimmt …
    Als nach einem Erdbeben auch noch eine Sinkhöhle im Garten des Palazzo entsteht, in der der Speläologe Nico einige unglaublich wertvolle Funde macht, sucht Cesca verbissen nach der Wahrheit!

    Karen Swan erzählt uns die Geschichte der beiden Frauen in abwechselnden Kapiteln auf zwei Zeitebenen. Wir begleiten sie in der Gegenwart vom Juli bis zum Oktober 2017, erfahren im zweiten Handlungsstrang aber auch von Elenas bewegter Lebensgeschichte zwischen den 60er und 90er Jahren.
    Die Kapitel sind recht kurz gehalten, was beim Lesen zwar für Abwechslung sorgt, lässt aber leider nur wenig Spannung in den einzelnen Handlungssträngen entstehen. Das macht die Geschichte an manchen Stellen leider doch etwas langatmig! Für mich war Elenas Vergangenheit deutlich fesselnder. Cescas Geschichte konnte mich erst mit Nicos auftauen so richtig mitreißen. Auch wenn sich die beiden anfangs gar nicht ausstehen konnten, sprühen doch schon bald die Funken.
    Zusätzlich überrascht der Roman mit einer intensiven Kriminalgeschichte, rund um Tod, Geld und Macht!

    In diesem Buch wird Rom wunderbar dargestellt! Die Autorin transportiert die vielen schönen Orte und Sehenswürdigkeiten, das Dolce Vita und das Leben der Menschen dort zielsicher an ihre Leser. Ich konnte regelrecht die Geräuschkulisse hören und die Sonne in meinem Gesicht spüren. Karen Swan konnte auch das besondere Flair dieser tollen Stadt in ihrer Erzählweise auffangen.
    Der Palazzo und die Piazza, also die Orte, an denen „Sterne über Rom“ hauptsächlich spielt, sind laut Nachwort der Autorin zwar fiktiv aber die weitere Umgebung hat sie selbst vor Ort recherchiert und dementsprechend schön beschrieben.

    „Sterne über Rom“ ist eine Hommage an das Temperament der Italiener, an die wahre Liebe und an eine tolle Stadt!

  • „Die Stadt der Träumenden Bücher“ | Walter Moers

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Walter Moers
    Mit Illustrationen von Walter Moers & Florian Biege
    Verlag:  Knaus Verlag
    Genre:  Grafic Novelle
    Seitenzahl:  109
    ISBN:  978-3-8135-0501-6

    Als der Pate des jungen Dichters Hildegunst von Mythenmetz stirbt, hinterlässt er ihm ein geheimnisvolles Manuskript. Dieses ist so makellos, dass Hildegunst nicht anders kann, als dem Geheimnis seiner Herkunft nachzugehen. Die Spur führt nach Buchhaim, der „Stadt der Träumenden Bücher“ wo Bücher nicht nur spannend oder komisch sind, sondern in den Wahnsinn treiben und sogar töten können.

    Meine Meinung

    Natürlich kann man keinen Roman mit 456 Seiten Satz für Satz in einen Comic pressen, das wäre utopisch! … doch was Walter Moers und Florian Biege hier in dieser Graphic Novel geleistet haben, ist wirklich enorm! Hervorragend umgesetzt, ohne allzu starke Kürzungen!

    Der junge Hildegunst von Mythenmetz ist wie alle Großechsen auf der Lindwurmfeste aufgewachsen. Einem Ort, an dem jeder davon träumt, einmal ein großer Schriftsteller zu werden. Nach dem Tot seines Dichterpate Danzelot von Silbendrechsler vermacht ihm dieser ein Manuskript, das im Ausdruck und Stil so einzigartig und vollkommen ist, das es in ihm die stärksten Emotionen hervorruft. Um den Verfasser ausfindig zu machen, beschließt Hildegunst nach Buchhaim, in die Stadt der träumenden Bücher zu reisen, wo an jeder Straßenecke finstere Antiquariate auf Kunden lauern, wo magisch begabte Buchimisten ihr Unwesen treiben und auch sonst zahllose Gefahren auf  ihn warten! Das Abenteuer kann beginnen …

    In diesem ersten Band von „Die Stadt der Träumenden Bücher“ kann der Leser auf jeder einzelnen Seite qualitativ hochwertige und künstlerisch anspruchsvolle Grafiken bewundern. Selbst die Schrift wurde eigens für diesen Comic entworfen. Die Umsetzung ist opulent, detailverliebt und auch von der Farbgestaltung her sehr passend zum Inhalt der Geschichte. Es war spannend mit zu verfolgen, wie die beiden Autoren die doch blumige und spaßige Vielfalt in Walter Moers Sprache in Bildform umgesetzt haben!
    Ich hatte beim Lesen des Romans zwar nie Probleme mir Hildegunst von Mythenmetz als am Schreibtisch sitzenden Schriftsteller vorzustellen, doch wie er sich bewegt, wie er läuft und rennt, das wurde mir erst in dieser Graphic Novel so richtig bewusst!

    Natürlich wäre es ratsam, die zamonischen Werke bereits zu kennen, sonst muss man einfach kleine Abstriche hinnehmen. So bekommen zum Beispiel die Auftritte von Hachmed Ben Kibitzer oder Inazea Anazazi nicht die gewünschte Erklärung bzw. die Wichtigkeit, die sie noch im Roman haben. Maßnahmen, die der Kürzung des Romans geschuldet sind. Auch bildnerische Anspielungen auf nicht weiter erwähnte Charaktere werden so im Verborgenen bleiben …

    Vielleicht wäre es taktisch klüger gewesen, das doch sehr ausführliche Glossar, das am Ende des Buches auf den Leser wartet, an den Anfang zu setzen? Dadurch würde der Leser schon mit etwas mehr Detailwissen in die Geschichte einsteigen. Aber würde das nicht auch das Bild und den Aufbau der Graphic Novel zerstören?

  • „Mein Name ist Judith“ | Martin Horvàth

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Martin Horváth
    Verlag:  Penguin Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  362
    ISBN:  978-3-328-60010-7

    Wien in der nahen Zukunft!
    Eines Tages sitzt ein fremdes Mädchen in einem altmodischen Mantel in León Kortners Küche. Wer ist diese Judith Klein? Sie behauptet, dass ihr Vater die Buchhandlung unten im Haus führt – Die Buchhandlung, die die Kleins Ende der 1930er Jahre auf der Flucht vor den Nazis aufgeben mussten …

    Meine Meinung

    Wien, im Jahre 2032. Martin Horváth beschreibt die traumatischen Ereignisse im Leben des Schriftstellers Leòn Kortner. Nachdem dieser bei einem Attentat auf den Wiener Bahnhof seine Frau und Tochter verliert, zieht er sich vollkommen aus seinem bisherigen Alltag zurück. Er beginnt zunehmend zu vereinsamen. Die Wohnung ist still, dennoch befinden sich an allen Ecken die Erinnerungen an seine Familie. Und plötzlich sitzt da ein junges Mädchen in seiner Wohnung: Nicht seine Tochter, aber Judith Klein!
    Leòn braucht nicht lange um zu verstehen, dass Judith nur in seiner Fantasie existiert …

    Martin Hováth ist mit seinem zweiten Roman hochkarätige Literatur gelungen. Der Schreibstil ist flüssig und mitreißend, dennoch lyrisch und poetisch. Auch die Art, wie er die Geschichte an den Leser transportiert ging mir durch Mark und Bein.
    „Mein Name ist Judith“ ist eine Geschichte, die sicher nicht immer leicht zu lesen ist, da sie unweigerlich einen eher bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Auch wenn viele Details aus der Vergangenheit nur bildlich angesprochen werden, bleibt der Schrecken des 2. Weltkrieges auf jeder Seite präsent.

    Leòn Kortner flüchtet sich immer wieder in die Vergangenheit: Zunächst erscheint es, als wäre Judith eine Erscheinung, die aus seinem eigenen Kopf entspringt, da er sich vermehrt mit den Kleins auseinandersetzt. Einer jüdischen Familie mit 3 Kindern, die früher in seiner Wohnung lebten und über Jahrzehnte eine Buchhandlung im Erdgeschoss des Zinshauses geführt haben. Judith ist die jüngste Tochter und bis heute ist ihr Schicksal ungewiss.
    Die Auseinandersetzung mit Gegenwart und Vergangenheit wird vom Autor sehr gelungen erzählt und hat mich definitiv zum Nachdenken gebracht. Drama, Liebesgeschichte und fantastische Elemente ergeben ein rundes Gesamtbild!

    Die schriftstellerische Freiheit ein Bibelzitat, dass uns aus dem Johannesevangelium bekannt ist „Am Anfang war das Wort …“, zu nutzen, um seinen Protagonisten hervorzuheben, finde ich zwar spannend gewählt, in meinen Augen hätte dieses Element aber vom dem Autor noch besser eingesetzt bzw. verflochten werden können. Das Zitat kommt zwar immer wieder durch, den Bezug zu der Geschichte muss man sich aber erst selbst erarbeiten …

    Martin Horvàth lässt seine Leser in diesem Buch neue Wege gehen und animiert uns immer wieder zum Umdenken!

  • „So enden wir“ | Daniel Galera

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „Meia-Noite e Vinte
    Autor:  Daniel Galera
    Aus dem Brasil. Portugiesischen von Nicolai v. Schweder-Schreiner
    Verlag:  Suhrkamp Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  232
    ISBN:  978-3-518-42801-6

    Am Grab ihres alten Mitstreiters kommen Aurora, Antero und Emiliano zusammen, nach einer gefühlten Ewigkeit wie Fremde. Damals waren sie unsterblich – Helden einer neuen digitalen Gegenkultur, wütend und exzessiv – jetzt ist der genialste von ihnen tot. In seinen Büchern scheint er ihnen ein Rätsel hinterlassen zu haben. Oder ist es eine Warnung?

    Meine Meinung

    Unruhen auf den Straßen. Korruption. Gewalt. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014!
    Inmitten dieser Krisengesellschaft begegnet uns eine Gruppe junger Menschen, die ein etwas anderes Leben suchen, fernab von der Moderne. Sie wünschen sich in das Jahr vor der Jahrtausendwende zurück …

    Ende der 90er Jahre erobert das kontroverse Online-Magazin „Orangotango“ die digitale Welt Brasiliens. Die vier Freunde Aurora, Emiliano, Antero und „Duke“ erleben eine wilde zügellose Studentenzeit. Unbewusst setzten sie eine Bewegung frei, die von vielen Menschen verfolgt wurde. Immer bereit, die bekannten Strukturen aufzubrechen, um kulturelles Neuland zu betreten.
    Als sich ihre Wege trennen, ist Emiliano weiterhin als Journalist tätig, während Antero eine sehr erfolgreiche Werbefirma aufbaut. Aurora hat sich für ein Biologiestudium entschieden und arbeitet an ihrer Dissertation über den Biorhythmus von Zuckerrohr. „Duke“ wird ein erfolgreicher Schriftsteller mit einer großen Fangemeinde – doch 2014 wird er bei einem Raubüberfall ermordet! Bei seinem Begräbnis beginnen sich die drei Freunde zu fragen, was aus ihnen und ihren Träumen geworden ist und vor allem:  Wer war Duke wirklich und was bedeutet sein Vermächtnis?

    Daniel Galera legt uns hier einen gesellschafts- und medienkritischen Roman vor. Wir lesen hier über das Dilemma einer mit allen Möglichkeiten der neuen digitalen Welt aufgewachsenen, intellektuellen Jugend, die sich selbst jedoch mit den Jahren irgendwann verloren hat. In der Realität verunsichert und vereinsamt!
    Er siedelt seine Geschichte mitten in den chaotischen Zuständen der Proteste und Streiks im Jahre 2014 in den Städten Porto Alegre und Sao Paulo an. Thema dieses Romans ist natürlich auch die wirtschaftliche Situation in Brasilien und die Demonstrationen der unzufriedenen Bevölkerung. Das Kernthema ist jedoch deutlich die vernetzte Konsumwelt und die immer schillernder werdende Welt der sozialen Medien, der sich niemand entziehen kann. Selbst die sexuellen schnellen Bedürfnisse lassen sich dort ganz einfach ausleben …

    Wir erfahren die Geschichte aus wechselnden Perspektiven der drei übrig gebliebenen Freunde, die ihr Leben reflektieren und die Beziehung zu „Duke“ thematisieren. Die Sprache ist frech und vulgär, was wir insbesondere bei der einzigen weiblichen Figur Aurora zu spüren bekommen, die noch am Stärksten die Auswirkungen der neuen Gesellschaft zu spüren bekommt.
    Die Erzählung ist eher ruhig gestaltet und bleibt oftmals in den Gedanken des Autoren stecken.

    Wer sich auf Daniel Galera und seine Sprache einlässt, muss sich Zeit nehmen. Man sollte auch für eine oft harte, beinahe brutale Ausdruckweise und entsprechende Gedankenbilder bereit sein. Dennoch ist der Autor nie wirklich destruktiv und er entlässt seine Protagonisten und Leser mit einem Ausblick in eine positive Zukunft …

  • „Marschmusik“ | Martin Becker

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Martin Becker
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  283
    ISBN:  978-3-442-71755-2

    Tief unter der Erde hält der junge Mann aufgeregt und fiebrig ein warmes Stück Kohle in der Hand. Zum ersten Mal. Hier im Streb, wo Generationen von Bergleuten malocht haben. Bald endet die Kohlebeförderung in Deutschland. Und damit das Leben unter Tage. Dann ist im Ruhrpott Schickt im Schacht. Und es bleiben nur noch Erinnerungen:  an den wortkargen Vater und die Abende mit Bier, Schnaps und Marschmusik aus dem Küchenradio.

    Martin Becker erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von der magischen Welt des Kohlebergbaus und der verführerischen Kraft der Finsternis unter Tage – allem Verschwinden zum Trotz immer wieder mit Leichtigkeit und Witz!

    Meine Meinung

    Martin Becker ist mir das erste Mal 2019 als Autor von „Warten auf Kafka“ ins Auge gefallen. In seinem Roman „Marschmusik“, der 2017 erschien, schreibt er über seine Liebe zum Ruhrpott. Eine gefühlvolle Hommage an die Menschen, die im Bergbau unter Tage gearbeitet haben. Schnörkellos, aber dennoch liebevoll, erzählt er von den Sorgen und Nöten einer typischen Arbeiterfamilie, deren Leben aus wenig Abwechslung und dafür umso mehr harter Maloche besteht!

    Der Erzähler ist der jüngste Sohn der Familie. In Rückblenden erfahren wir nicht nur die Geschichte der Eltern, sondern auch die Kindheit des Protagonisten, der als Jugendlicher anfängt sich für das Posaunenspiel zu begeistern und von einer großen Weltkarriere träumt. Ein deutlicher Gegensatz zum Leben seiner Eltern, die Tag für Tag schwer arbeiten mussten um über die Runden zu kommen und um ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen.
    Der Roman erzählt einen Alltag, der uns heute so fremd erscheint, dass man sich kaum vorstellen kann, dass ganze Generationen so gelebt haben …

    Martin Beckers Schreibstil ist hier eher einfach gehalten, der Inhalt dafür umso Ehrlicher und Realistischer. Gerade in der gegenwärtigen Zeitebene, umweht den Roman eine starke Melancholie. Nachdem sich die Mutter nach mehreren Hirnblutungen wieder ins Leben zurückgekämpft hat, verstirbt kurze Zeit später der Vater. Die mittlerweile an Demenz erkrankte Mutter lebt nach wie vor in ihrem Haus in Mündendorf. Ein Ort, der für unseren Protagonisten mit viel Schmerz und Wehmut verbunden ist. Ein Ort, den er nur mit großer Überwindung besucht und jedes Mal wieder froh ist, ihn verlassen zu können …

    Der Roman ist in einem durchlaufenden Fließtext verfasst, in dem die wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen gesetzt wurde. An das muss man sich zu Beginn des Lesens ein bisschen gewöhnen. Genauso sind die Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, nur durch Absätze getrennt. Ungewöhnlich, aber gut!

    „Marschmusik“ ist ein Roman der leisen und doch tiefen Töne. Eine Geschichte, die in vielen Bereichen doch fast jeden von uns beschäftigt. Heimat. Familie. Vergangenheit. Und das was bleibt …
    Mich hat das Buch sehr zum Nachdenken gebracht!

  • „Willkommen im Fairvale Ladies Buchclub“ | Sophie Green

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:
    „The Inaugural Meeting of the Fairvale Ladies Bookclub“
    Autor: Sophie Green
    Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Franz
    Verlag: Goldmann Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  506
    ISBN: 978-3-442-48784-4

    Australiens Northern Territory verlangt seinen Bewohnern viel ab. Doch fünf Frauen finden einen Weg, dem harten Alltag und der Einsamkeit zu trotzen: Sibyl, die mit ihrem Mann die Farm „Fairvale Station“ leitet, ruft einen Buchclub ins Leben, dem sich vier Frauen anschließen. Sibyls Schwiegertochter Kate, ihre Freundin Rita, die abenteuerlustige Della und die dreifache Mutter Sallyanne. Jede der Frauen bringt ihre Träume und Sorgen zu den Treffen mit, und im Laufe der Jahr werden sie zu besten Freundinnen, die Schicksalsschläge, Liebeswirren und Neuanfänge zusammen meistern.

    Meine Meinung

    „Willkommen im Fairvale Ladies Buchclub“ ist der erste Roman von Sophie Green, der ins Deutsche übersetzt wurde. Er handelt von fünf ganz unterschiedlichen Frauen, die sich aufgrund ihres einsamen Lebens, das sie überwiegend den weiten Distanzen des australischen Outbacks, aber auch ihren eigenen Lebensbegebenheiten schulden, durch einen Buchclub kennenlernen.

    Sybil Baxter ist die Hausherrin der Fairvale Station, eine Farm für Rinder und Pferde, die von ihrem Ehemann Joe und dem jüngsten Sohn Ben bewirtschaftet wird. Bens Ehefrau Kate ist erst kürzlich von England auf die Farm gezogen und muss sich noch mit den rauen Begebenheiten und vor allem dem isolierten Leben im Northern Territory zurecht finden. Um ihr die Eingewöhnung etwas zu erleichtern, gründet Sybil einen Buchclub, mit den Hintergedanken neue Freundinnen zu finden …
    Natürlich ist auch Rita, Sybils beste Freundin, mit von der Partie. Sie sehen sich zwar nur selten, pflegen ihre Freundschaft aber seit vielen Jahren. Sallyanne wohnt Zeit ihres Lebens in Katherine, ist mit dem alkoholkranken Mick verheiratet und Mutter von drei Kinder. Obwohl sie in der Stadt lebt, ist auch sie allein und gefühlt nur für ihre Kinder da. Della soll die fünfte im Bunde werden. Sie arbeitet als Viehtreiberin auf der benachbarten Ranch und fühlt sich als einzige Frau unter vielen Männern oft überfordert.
    Die Frauen treffen sich in regelmäßigen Abständen und tauschen sich bei einer guten Tasse Tee nicht nur über Bücher aus. Sie entwickeln ein enges freundschaftliches Band und schließen sich zu einer starken Gemeinschaft zusammen. Das Besprechen der Bücher wird schnell zur Nebensache, vielmehr findet ein Austausch über die Sorgen und Nöte jeder einzelnen und vor allem eine ganz selbstverständliche gegenseitige Unterstützung statt.

    Sophie Green zeigt uns, wie wichtig eine verlässliche Gemeinschaft ist. Nicht nur in den Weiten des australischen Outbacks! Es gibt immer wieder Probleme im Leben, aber nicht immer muss man diese allein bewältigen. Unsere Protagonistinnen erleben viele Schicksalsschläge, lassen sich davon aber nicht unterkriegen. Sie stürzen sich in die Arbeit oder gehen andere Wege und finden immer wieder Halt in ihrer Freundschaft.

    Die Handlung ist abwechslungsreich, aber nicht sehr aufregend, dennoch wurde die Geschichte für mich nie langweilig. Ich bin den Geschehnissen gerne gefolgt und konnte mein Herz sehr schnell an die Frauen verschenken. Die Schicksale wurden uns glaubwürdig und gefühlvoll, aber vor allem auch schlüssig von der Autorin näher gebracht. Und natürlich konnte ich auch ihre Liebe zu den Büchern sehr gut nachvollziehen!

    Nebenbei bekommen wir auch einen guten Einblick in das Leben der Australier zum Ende der 1970er Jahre. Man erlebt die Isolation der einzelnen Farmen, die Abhängigkeit vom Wetter und den Jahreszeiten und die Widrigkeiten aufgrund der großen Distanzen. Wie man damals Notsituationen im Alltag bewältigen musste, aber auch wie lange Regenperioden vorzuplanen sind!

    „Willkommen im Fairvale Ladies Buchclub“ war für mich wie ein kleiner Urlaub in Down Under!

  • „Scharnow“ | Bela B. Felsenheimer

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor: Bela B. Felsenheimer
    Mit Illustrationen von Bela B. Felsenheimer
    Verlag: Heyne Hardcore
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  414
    ISBN: 978-3-453-27136-4

    In Scharnow, einem Dorf nördlich von Berlin, in der Hund begraben. Scheinbar! Tatsächlich wird hier gerade die Welt gewendet:  Schützen liegen auf der Lauer um die Agenten einer Universalmacht zu vernichten, mordlustige Bücher richtigen blutige Verheerungen an und mittendrin hat ein Pakt der Glücklichen plötzlich kein Bier mehr.

    Wenn sich dann ein syrischer Praktikant für ein Mangamädchen stark macht, ist auch die Liebe nicht weit. Und was ist eigentlich mit den beiden homosexuellen Eichhörnchen?

    Meine Meinung

    Bela B. Felsenheimer dürfte den Jugendlichen meiner Generation überwiegend als Mitglied der Band „Die Ärzte“ bekannt sein. Durch viele Interviews und Reportagen wusste ich schon im Vorfeld, dass der Schlagzeuger ein sehr fantasievoller und vielschichtiger Mensch ist, mit einem skurrilen Sinn für Humor. Daher war ich sehr begeistert, als ich vor einigen Monaten das Veröffentlichungsdatum von „Scharnow“ entdeckt habe!

    Das Buch schildert das Leben in einer deutschen Kleinstadt, vor den Toren von Berlin, voller schräger Vögel und noch viel unglaublicherer Ereignisse. Es erzählt keine klassisch-flüssige Geschichte, sondern setzt sich aus vielen individuellen Handlungen zusammen, die sich aber konsequent miteinander verflechten. Die Protagonisten sind sowohl positiv wie negativ denkwürdige und durchgeknallte Charaktere, deren oft haarsträubende Gedanken und Taten ein absolut einzigartiges Gesamtpaket ergeben.

    Bela B. rockt schreibender Weise einfach mal drauf los! Ohne sich großartig um die Konventionen eines Genres oder einer sinnvollen Geschichte zu kümmern. Dennoch merkt man dem Roman an, dass das Ganze durchaus eine klare und gute Struktur hat. Es besticht mit einer skurrilen Geschichte und überraschenden Wendungen. Erst bei näherem Hinsehen eröffnet sich dem Leser ein Kosmos aus Büchern, Filmen und der flimmernden Welt von Comics und Pulp Fiction, der sich erstaunlich greifbar in unseren Köpfen festsetzt!

    Der Schreibstil ist durchaus anspruchsvoll, mit vielen tollen Phrasen und Umschreibungen, passt aber dennoch perfekt zu den unglaublichen Handlungen der Geschichte. Die Szenen sind bildlich und lebendig. Zudem hat der Autor ein enormes Talent, die Szenen unterhaltsam und ironisch zu gestalten. Vermutlich kein Humor für Jedermann, aber bei mir hat er total ins Schwarze getroffen.

    Obwohl ich mir den Debütroman von Bela B. Felsenheimer schon so in etwa so vorgestellt habe, wurde ich doch positiv überrascht. Ein bisschen hat sich „Scharnow“ auch in meine Seele gebrannt … und wenn mir in Zukunft irgendwo das Lied „Fiesta Mexicana“ unterkommt, werde ich wohl unweigerlich an dieses Buch denken müssen!

  • „Augenblicke“ | Stefan Schär

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Autor!

    Autor:  Stefan Schär
    Verlag:  Books on Demand
    Genre:  Textsammlung
    Seitenzahl:  108
    ISBN:  978-3-7481-7871-2

    Geschichten, die das Leben schreibt. Die man im Alltag erlebt, über die man schmunzelt, sich merkt, weitererzählt und sich darüber freut. Geschichten in wenigen Sätzen. Lustig, virtuos, überraschend und manchmal auch nachdenklich. Augenblicke aus dem Leben, bunt wie ein Haufen von Luftballons. Unterhaltend, inspirierend und überraschend.

    Meine Meinung

    Mit „Augenblicke“ bringt uns Stefan Schär eine interessante Sammlung an unterschiedlichen Texten, die zum Schmunzeln, zum Nachdenken, aber auch zum Träumen anregt!

    Eigentlich wollte ich – da die Texte teilweise nur sehr kurz gehalten sind – das Buch in einem Satz durchatmen. Ich musste aber schnell feststellen, dass „Augenblicke“ wirklich ein Buch zum Genießen ist. Die wunderbaren, humorvollen und tiefsinnigen kleinen Geschichten sind nicht nur äußerst unterhaltsam, sie haben auch mehr als einmal meine Gedanken angeregt.
    Bei einigen musste ich unweigerlich an meine eigenen Erfahrungen im Leben denken …

    Der Autor schreibt hier in einer sehr ausgewogenen Mischung aus anspruchsvollen und bildlichen Texten, mit einem lebendigen und schönen Erzählstil. Viele bringen auch unterschwellig eine gute Portion Humor und Ironie mit ins Spiel, die mich oft zum Schmunzeln gebracht hat.
    Die Geschichten ließen sich alle samt sehr einfach und flüssig weg lesen, für mich hat die Mischung also perfekt zusammen gepasst.

    Ihre Kürze und Einfachheit machten die Texte für mich unvergesslich. Man behält sie ganz leicht im Kopf und kann sie in passenden Momenten hervorholen, um sie weiterzuerzählen. Sie sind bestens geeignet zur Selbstreflexion, aber auch zum Selbstverständnis!

    Das Buch ist auch ideal als Abendlektüre, nach einem stressigen Tag, wenn man schon ein bisschen müde ist, da jede Geschichte in sich abgeschlossen ist und nicht zu lange Lesezeit beansprucht.

    Eine lebendige Textsammlung, die ich auf jeden Fall weiterempfehlen kann!