• „Der Wintersoldat“ | Daniel Mason

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „The Winter Soldier“
    Autor:  Daniel Mason
    Aus dem Englischen übersetzt von Sky Nonhoff und Judith Schwaab
    Verlag:  C. H. Beck Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  428
    ISBN:  978-3-406-73961-3

    Der hochbegabte Wiener Medizinstudent Lucius meldet sich beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig und landet im eisigen Winter 1914 in einem Behelfslazarett in den Karpaten, wo ihm die junge Nonne Margarete erst alles beibringen muss. Als ein schwer traumatisierter, aber äußerlich unverletzter Soldat eingeliefert wird, begeht Lucius einen gravierenden Fehler.

    Meine Meinung

    Entgegen dem Willen seiner Eltern schreibt sich der junge Lucius an der Universität in Wien ein. Sein Herz gehört schon lange der Medizin, doch obwohl er das Studium interessant findet, möchte er auch so schnell wie möglich mit richtigen Patienten arbeiten. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht wittert er seine Chance und meldet sich als Sanitätsoffizier. In seiner Vorstellung kommt er in ein gut ausgestattetes Lazarett, wo er unter ärztlicher Anleitung Verwundete betreut. Doch die Realität sieht gravierend anders aus …
    Nach einer langen und beschwerlichen Reise kommt er in den bitterkalten Karpaten an und soll in einer umfunktionierten Kirche seinen Dienst tun. Margarete, eine Nonne und Krankenschwester, die seit der Flucht des letzten Arztes die Patienten allein betreut hat, merkt schnell, dass Lucius bisher noch nie ein Skalpell in der Hand gehalten hat …

    Auch wenn die Geschichte anfänglich an die Reise des jungen Mediziners Robert Cole aus „Der Medicus“ erinnert, unterscheiden sich die Geschichten doch grundlegend voneinander.
    „Der Wintersoldat“ ist mir erst vor kurzen über den Weg gelaufen und konnte sofort mein Interesse wecken. Und das mit Recht: Daniel Mason hat einen wunderbar bildlichen und klaren Schreibstil, der nicht nur ganze Kriegslager in meinem Kopf entstehen ließ, sondern auch durch seine sachlichen und ausdrucksstarken Beschreibungen und Dialoge das Grauen des Ersten Weltkrieges transportieren konnte.

    Natürlich ist ein Kriegslazarett kein angenehmer Ort, der Autor vermittelt uns die Geschehnisse aber so realistisch und zermürbend, das ich sehr oft das Buch aus der Hand legen und tief durchatmen musste. Anstatt zu heilen geht es in der österreichischen Armee hauptsächlich darum, die Soldaten so gut wie möglich „zusammen zu flicken“ um ihre Leistung für den nächsten Fronteinsatz wieder herzustellen. Noch verstörender waren für mich aber die Patienten, die keine erkennbaren Wunden hatten, sondern an Kriegsneurosen litten: Männer, die im Kampf um ihr Leben unvorstellbare Grauen miterlebten und auf einmal nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen oder zu keiner klaren Regungen mehr im Stande waren. Bei einem dieser Patienten geschieht Lucius auch ein folgenschwerer Fehler, der ihn noch jahrelang verfolgen soll …

    Daniel Masons Charaktere sind detailreich und abgerundet. Besonders Margarete hat es mir neben unserem Hauptprotagonisten angetan. Die beiden ergänzen sich perfekt und erst ihr menschliches Engagement lässt Lucius zu dem Mann werden, der er am Ende ist.

    „Der Wintersoldat“ hat mich absolut sprachlos zurückgelassen. Ein hervorragender, medizinisch und geschichtlich sehr gut recherchierter Roman, der mich Rundum überzeugen konnte! Detailreich und erschreckend! Und eine Liebesgeschichte gibt es gratis noch dazu …

  • „Kaffee und Zigaretten“ | Ferdinand von Schirach

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Ferdinand von Schirach
    Verlag:  Luchterhand Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  187
    ISBN:  978-3-630-87610-8

    „Damals gab es keine Zeit, so wie es in der Erinnerung keine Zeit gibt. Es war nur der Sommer, in dem wir unten am Fluss waren, Forellen fingen, und ich dachte, dass sich nie etwas ändern würde.“

    Ferdinand von Schirachs neues Buch verwebt autobiographische Erzählungen, Apercus, Notizen und Beobachtungen zu einem erzählerischen Ganzen, in dem sich Privates und Allgemeines berühren, verzahnen und wechselseitig spiegeln. Es geht um prägende Erlebnisse und Begegnungen des Erzählers, um flüchtige Momente des Glücks, um Einsamkeit und Melancholie, um Entwurzelung und die Sehnsucht nach Heimat …

    Meine Meinung

    „Kaffee und Zigaretten“ ist das neueste Werk aus der Feder von Ferdinand von Schirach.
    Meine heutige Rezension stellt mich allerdings vor eine wirkliche Herausforderung. Auch wenn das Buch im gewohnt ausdrucksstarken und sachlichen Ton des Autors verfasst wurde, ist es gar nicht leicht zu beschreiben.

    Anders als seine bisherigen Bücher ist dieses in 48 Abschnitte eingeteilt, in denen Ferdinand von Schirach von seinem Leben erzählt. Er beginnt bei seiner Kindheit, welche ja kurz vor Erscheinen des Buches für Schlagzeilen sorgte, und erzählt über Depressionen und die Melancholie im Leben.
    Er bespricht Schlagzeilen aus der Presse und politische Vorgänge der letzten Jahrzehnte. Dies sind oft Geschichten aus der Realität von Grausamkeiten, aber auch von scheinbar bedeutungslosen Dingen, die für ihn aber doch von Wert sind. Viele Ereignisse kommentiert er daher mit einem passenden Gedicht oder Zitat. Zudem berichtet er immer wieder, wie Literatur und Filme ganze Leben beeinflussen und welche Wahrheiten dahinter stecken.  Das alles verbindet er zu einer Autobiografischen Erzählung!

    Ich muss aber auch dazu sagen, dass Ferdinand von Schirach in diesem Buch schon sehr viel Lebenserfahrung bei seinen Lesern voraussetzt. Dann wird man auch einige Hintergründe besser verstehen und zwischen den Zeilen erlesen und assoziieren können. Der Autor möchte ohne langatmige Passagen auskommen. Er fokussiert und sucht nach dem Wesentlichen!

    Alles in Allem ist das Buch wunderbar zu lesen. Trotz der teilweise sehr schweren Themen, schreibt er als neutraler Beobachter und urteilt nicht! Die Sprache fließt dahin, völlig unaufgeregt und man spürt den Abstand des Autors zum Geschehen, auch wenn er über Teile aus seinem eigenen Leben schreibt. Gleichzeitig scheint er dem so nahe und berührt zu sein, obwohl er oft körperlich einfach nur daneben zu stehen scheint.

    Schockierend, dann wieder wunderschön poetisch, aber auch dramatisch und traurig.
    Und immer schwingt im Tiefen die Hoffnung mit …

    „Kaffee und Zigaretten“ ist ein wunderbares Buch, aber jetzt brauch auch ich erstmal einen Kaffee …

  • „Vom Himmel zum Meer“ | Lisa Marcks

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Lisa Marcks
    Verlag:  Goldmann Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  412
    ISBN:  978-3-442-48829-2

    Hamburg 1892:  Als die Cholera ausbricht, müssen die Pfarrerswitwe Tilly Bevenkamp und ihre Gesellschafterin, die junge Agnes, in eine Kate an der Ostseeküste fliehen. Agnes verdient fortan einen bescheidenen Unterhalt, indem sie selbstgebackene Köstlichkeiten an die reichen Strandgäste verkauft. Dann entdeckt sie ein leerstehendes Herrenhaus mit einer große Küche. Hier würde Agnes gerne die süßen Sachen zubereiten. Das was wird der Besitzer, der gutaussehende Benjamin von Reiker, dazu sagen?

    Meine Meinung

    Die junge Agnes Martin verlässt an ihrem 21. Geburtstag das heimelige Waisenhaus im Elsass, in dem sie glücklich und behütet aufwachsen durfte, um ihre Stellung als Gesellschafterin für die Witwe Bevenkamp in Hamburg anzutreten. Doch als sie die Stadt erreicht, ist ihr erstes Zusammentreffen mit „Tilly“ erst einmal wenig erfolgversprechend, denn diese hat sie gar nicht erwartet und geht weiter ihrer Arbeit im örtlichen Waisenhaus nach. Agnes allerdings lässt sich dadurch nicht einschüchtern. Sie zieht im Bevenkamp`schen Haushalt ein und versucht mit ihren begrenzten Mitteln einen normalen Tagesablauf zu organisieren.

    Als wenige Monate später in Hamburg die Cholera ausbricht, verlässt Agnes in einer Nacht und Nebelaktion mit einigen Waisenkindern und natürlich auch Tilly im Schlepptau die Stadt Richtung Ostsee. Dort ist sie in ihrem Element:  Sie verköstigt mit Hilfe der Dorfbewohner nicht nur die Kinder, sondern backt auch noch für die Strandurlauber, die ihren Köstlichkeiten nicht wiederstehen können und sie ihr gegen gute Bezahlung aus der Hand reißen …

    Lisa Marcks bringt uns mit „Vom Himmel zum Meer“ einen unterhaltsamen und gefühlvollen Roman vor historischer Kulisse. Der Schreibstil ist flüssig, bildgewaltig, was mir die Geschichte sehr schnell näher brachte. Die Beschreibungen sind farbenfroh und ließen auch mich von einem verwunschenen alten Gutshaus mit wildem Garten und Spaziergängen am Strand träumen.
    Die Autorin hat den historischen Hintergrund gut mit ihrer Handlung verwebt und zeigt die gesellschaftlichen Standesunterschiede sehr gut auf. Natürlich wird hierbei auch die damalige Rolle der Frau thematisiert. Das Baden der nackten Füße in der Ostsee stellte für so manche Dame eine Herausforderung dar …

    Die Charaktere in diesem Buch sind ein buntes Sammelsurium an schrulligen und teils skurrilen Typen. Agnes ist eine eigensinnige Frau mit einem Riesenherz, die die Arme aufkrempelt und sich für nichts zu schade ist. Tilly Bevenkamp ist zwar auf ihrer Seite, stellt im Laufe der Geschichte aber doch Agnes Gegenpart dar. Sie ist eine durchweg traumatisierte Frau, die ihre Unsicherheiten nach außen hin, durch ihre herrische und spröde Art zu vertuschen versucht. Und dann gibt es da noch Fräulein Frieda und die anderen
    Dorfbewohner …

    „Vom Himmel zum Meer“ ist ein Roman, der vielleicht nicht in die Tiefe der angeschnittenen Themen geht, aber auf jeden Fall tief ins Herz des Lesers. Eine kurzweilige Lektüre, die mir ein paar sehr unterhaltsame Stunden bescheren konnte!

  • „Löwenzahnkind“ | Lina Bengtsdotter

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „Annabelle“
    Autor:  Lina Bengtsdotter
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Sabine Thiele
    Verlag:  Penguin Verlag
    Genre:  Thriller
    1. Fall von Charlie Lager
    Seitenzahl:  420
    ISBN:  978-3-328-10381-3

    Gullspang, eine Kleinstadt in Westschweden. Als in einer heißen Sommernacht die 17jährige Annabelle spurlos verschwindet, ist schnell klar, dass Verstärkung angefordert werden muss. Mit Charlie Lager schickt die Stockholmer Polizei ihre fähigste Ermittlerin – doch was die Kollegen nicht wissen dürfen: Die brillante Kommissarin ist selbst in Gullspang aufgewachsen. Und je tiefer Charlie gräbt, desto mehr droht das Netz aus Lügen zu reißen, das sie um ihre eigene dunkle Vergangenheit gesponnen hat. Doch die Zeit drängt – sie muss Annabelle finden, bevor es für sie beide zu später ist …

    Meine Meinung

    In Gullspång, einer verschlafenen Kleinstadt im Schweden, verschwindet die 17-jährige Annabelle.
    Schnell ist für die Gemeinde klar, dass das lebenslustige Mädchen nicht einfach so von zu Hause weggelaufen sein kann, sodass die Stockholmer Polizei ihre beste Ermittlerin an diesen Fall setzen. Doch Charlie Lager stammt selbst aus Gullspång und verbindet nicht die besten Erinnerungen mit ihrer Heimatstadt!

    „Löwenzahnkind“ ist der erste Roman  aus der neuen Reihe von Lina Bingtsdotter rund um die Ermittlerin, jedoch würde ich die Geschichte eher als Kriminal- oder Spannungsroman einstufen. Für einen Thriller ist sie mir doch etwas zu ruhig …
    Lina Bingtsdotter zieht hier einige Klischees aus dem klassischen „Schwedenkrimi“ heran. Das beginnt schon bei ihrer Ermittlerin Charlie Lager: Auch wenn diese Gullspång bereits mit  14 Jahren verlassen hat, haben sie die Erinnerungen an ihre Kindheit geprägt. Sie wirkt nicht nur hart und verhärmt, auch der Alkohol und ihre Medikamentenabhängigkeit haben ihre Spuren hinterlassen und sie für mich zu einer eher unsympathischen Protagonistin gemacht. Und ich denke, das war auch ein sehr gekonnter Schachzug der Autorin. Was anfangs noch ziemlich stereotyp klingen mag wandelt sich im Laufe der Geschichte aber bald zu einem sehr clever durchdachten Spiel mit dem Leser. Wir werden nicht direkt über die Hintergründe aufgeklärt, die zu Charlies momentaner Lage geführt haben, wir erfahren dies Schritt für Schritt in fortwährenden Rückblenden.

    Das gesamte Gullspång und seine Bewohner waren ein einziges Rätsel. Seltsam, verschlossen und oftmals einfach nur sonderbar. Alle schienen etwas zu wissen, aber Niemand wollte mit der Sprache rausrücken. Was ist denn nun an dem Abend wirklich geschehen?
    Ich hatte da einige Dinge im Kopf, war mir aber nicht sicher. Leider wurde ich auch von der Auflösung stellenweise etwas enttäuscht. Da wäre wirklich noch Luft nach Oben gewesen.

    Selbst die Schreibweise spiegelt diesen Stil der Autorin wieder. Die Handlung wird zwar unaufgeregt, jedoch klar und direkt erzählt. Detailreich, aber nicht zu ausschweifend oder langwierig. Dennoch kommen die Bilder toll beim Leser an und ich war immer wieder neugierig, wie es denn weitergeht.

    Mir gefiel es sehr gut, wie sich im Laufe der Zeit die Spannung immer weiter mit der Handlung verdichtet und alle Stränge an Stimmung hinzu gewonnen haben.

    Auch wenn mich „Löwenzahnkind“ noch nicht vollkommen von sich überzeugen konnte, bin ich doch schon gespannt wie es mit Charlie Lager und ihren Kollegen weitergeht. Ein Erstlingswerk, das auf Mehr hoffen
    lässt …

  • „Das große farbige Wilhelm Busch Album“ | Wilhelm Busch

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Wilhelm Busch
    Mit Illustrationen von Wilhelm Busch
    Verlag:  Bassermann Verlag
    Genre:  Kinderbuch | Textsammlung
    Seitenzahl:  400
    ISBN:  978-3-8094-3631-7

    „Auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören …“

    Unter diesem Motto könnte das umfangreiche Werk Wilhelm Buschs stehen, mit dem er zu einem der beliebtesten Humoristen Deutschlands wurde. Wer kennt sie nicht: die gar nicht so fromme Helene, die bösen Buben Max und Moritz, den likörliebenden Raben Hans Huckebein und all die anderen unsterblichen Figuren aus der spitzen Feder des begnadeten Zeichners und Verseschmiedes.

    Meine Meinung

    „Max und Moritz“, „Pater Filucius“, „Dideldum“, „Hans Huckebein“, „Die fromme Helene“, „Fipps der Affe“ … und noch viele weitere Geschichten, erwarten euch und eure Kinder in diesem Buch!

    „Das große farbige Wilhelm Busch Album“ enthält einige der bekanntesten Erzählungen des titelgebenden Autoren. Die Herausgeber des Bassermann Verlags versammeln hier ganz gezielt seiner längeren Geschichten. Die eher kürzeren Bildgeschichten, wie etwa „die beiden Enten und der Frosch“, in denen Wilhelm Busch oftmals pointierter und schlagfertiger erzählt, sucht man leider vergebens. Dennoch war das Buch mit seinen 400 Seiten für mich sehr eindrücklich …

    Zum Inhalt möchte ich hier gar nicht viel sagen. Heinrich Christian Wilhelm Busch war einer der einflussreichsten humoristischen Dichter und Zeichner im Deutschland der 1850er Jahre. Seine Geschichten werden seit 1864 in die Welt getragen, natürlich war das Bild der Erziehung und der Umgang der Gesellschaft damals bedeutend anders. Heutzutage polarisieren seine Geschichten. Die Einen werden ihn für völlig politisch inkorrekt halten. Andere wiederrum werden die Zeitreise in eine vergangene Epoche sicher genießen.
    Ich persönlich konnte in vielerlei Hinsicht durch die völlig unterschiedlichen Zugänge zu den Themen durchaus etwas lernen. Warum auch nicht? Meiner Meinung nach sollte man nicht immer nach den heutigen Maßstäben gehen, sondern die wirklich lustigen Erzählungen im Licht ihres historischen Umfelds sehen!

    Natürlich finden wir hier auch die hervorragenden Illustrationen des Autoren wieder. Diese wurden für das Album noch einmal aufgearbeitet und nachträglich koloriert. Die Zeichnungen bestechen nun durch sehr kräftige und bunte Farben, die eine gewisse Moderne in den doch altbekannten Zeichenstil bringen.

    Die Kombination aus den melodischen Texten und den tollen Zeichnungen, stellt für mich auf jeden Fall eine Bereicherung in jeder kleinen Bibliothek da!

  • „Die göttliche Komödie“ | Dante Alighieri

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original: „La Divina Commedia“
    Autor: Dante Alighieri
    Aus dem Italienichen übersetzt von Ida und Walther von Wartburg
    Mit Illustrationen nach Holzschnitten von Gustave Doré
    Verlag: Manesse Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  1.193
    ISBN: 978-3-7175-2460-1

    Dante Alighieris Jenseitsreise mit dem berühmten drei Stationen „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ ist eine grandiose Gesamtschau der Weltgeschichte, die zwischen den Epochen steht und die Renaissance in ihrem kommenden Glanz bereits erahnen lässt.

    Meine Meinung

    Um “Die göttliche Komödie” von Dante bin ich ja schon eine Ewigkeit herumgeschlichen, habe mich aber nie an einen so alten Klassiker heran getraut. Als ich dann aber sah, dass der Manesse Verlag eine Neuauflage herausgebracht hat, musste ich einfach zuschlagen …

    Die „Divina Commedia“ erzählt in 100 Vers-Gesängen Dantes eigene Reise ins Jenseits. Diese führt ihn in die neunfach unterteilte Hölle, dann durch den ebenfalls neunfach unterteilten Läuterungsberg und schließlich bis ins Paradies. Bei seinen Erlebnissen begegnen ihm Hunderte von verstorbenen Personen. Zum Teil unbekannt, aber auch Verwandte und Bekannte aus Dantes Leben. Auch Berühmtheiten aus Mythologie und Geschichte, wie Odysseus, Paris und Achilles, sowie Kleopatra, Cicero und viele viele mehr bekommen hier ihren Platz!
    „Die göttliche Komödie“ ist ein einmaliges Werk, das an einigen Stellen berauschende Schönheit, an anderen aber auch eine wahnsinnige Klugheit besitzt …

    Die Ausgabe des Manesse Verlags ist absolut gelungen! Ida und Walther von Wartburgs Übersetzung aus den frühen 60er Jahren gilt durchaus als eine der besten und auch klassischsten. Auf den ersten Seiten, gibt es eine kleine Einleitung über die Dichtung der damaligen Zeit und über Dante Alighieris Leben. Ebenso bekommen wir zu den teilweise doch sehr schwerfälligen Gesängen immer wieder kleine Textpassagen, die Hintergründe erklären und das Lesen des Buches deutlich erleichtern. Natürlich muss man sich erst in die schwerfällige Sprache und den Rhythmus der Gesänge hinein fuchsen, aber nach 20-30 Seiten bin ich wirklich gut und flüssig voran gekommen.

    „Die göttliche Komödie“ zählt definitiv zu den Büchern, die man im Laufe seines Lebens gelesen haben muss. Ein Buch zum genießen, das aber auch erstmal auf seinen Leser wirken und sich entfalten muss. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Gesänge in jedem Menschen ganz unterschiedliche Emotionen und Betrachtungsebenen auslösen. Ich habe beim Lesen immer wieder Pausen gebraucht, in denen ich die letzten Seiten auf mich wirken ließ. Dadurch konnte ich auch mit einem ganz neuen Blickwinkel weitergelesen …

    Zusätzlich beinhaltet die Ausgabe aus auch noch 48 wunderschöne Illustrationen, die Holzschnitte von Gustave Doré zeigen. Dies unterstützt die Qualität des Buches und sorgt nochmal dafür, dass Dantes Geschichte korrekt von seinem Leser erfasst wird!

    Ein Klassiker der Weltliteratur, der in meinen Augen einfach gelesen werden muss!

  • „Nächstes Jahr in Havanna“ | Chanel Cleeton

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original: „Next Year in Havanna“
    Autor: Chanel Cleeton
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Stefanie Fahrner
    Verlag: Heyne Verlag
    Genre: Roman
    Kuba-Saga, Band 1
    Seitenzahl:  460
    ISBN: 978-3-453-42278-0

    Havanna 1958: Elisa, Tochter eines Plantagenbesitzers, verkehrt in den besten Kreisen Havannas und weiß kaum etwas über die Lage des Landes. Bis sie einem Mann begegnet, der tief verstrickt ist in die politischen Umwälzungen, die ihre Zukunft für immer verändern werden.

    Miami 2017: Marisol macht sich auf den Weg nach Kuba. Sie wird zum ersten Mal das Land kennenlernen, in das ihre Großmutter zeit ihres Lebens zurückkehren wollte und in dem sie nun beigesetzt werden soll.

    Meine Meinung

    „Nächstes Jahr in Havanna“ ist ein sehr gefühlvoller, unterhaltsamer und farbenfroher Roman, der den Leser auf die südamerikanische Insel Kuba entführt.

    Es ist Marisols erster Besuch auf Kuba. Zeitlebens war Havanna ein Teil von ihr und hat sie begleitet. Auch wenn sie in Miami lebt, spürt sie ihre Wurzeln auf Schritt und Tritt!
    Während ihres Aufenthalts kommt sie bei der besten Freundin ihrer Großmutter unter, die im Gegensatz zu ihren eigenen Familie in den 50er Jahren in Havanna geblieben ist. Marisol erhofft sich von Ana mehr Informationen über ihre Großmutter zu bekommen. Diese war bis zu ihrem Tode recht verschwiegen, was ihre Jugend in Kuba anging …

    Chanel Cleetons Schreibstil ist flüssig und eindringlich, aber auch atmosphärisch dicht gehalten. Mit den wechselnden Zeitperspektiven gibt die Autorin einen sehr guten Einblick in die politische und gesellschaftliche Lage im Havanna der jeweiligen Zeit. Sowohl im vergangenen Jahrhundert, als auch in der heutigen Zeit wird Kuba vom Umbruch bestimmt. 1958 steht die Insel vor der Revolution durch Fidel Castro. Im Jahr 2017 vor in einer tiefen Rezession, nachdem sich Kuba mehr und mehr von der zentralistischen Staatswirtschaft verabschiedet. Unverändert leidet die Bevölkerung unter Versorgungsengpässen, Gewalt, Folter und Unterdrückung …

    Die Charaktere sind liebevoll und sehr lebendig gezeichnet, sie bestechen durch ihre individuellen Eigenschaften und wirken authentisch und glaubwürdig. Marisol besitzt eine gesunde Neugier, die ihr zwar ab und zu zum Verhängnis wird, ist auf der anderen Seite aber ebenso hartnäckig und einfühlsam. Ihr Gegenpart ist Luiz: Ein Mann der Tat, gebildet und vor allem politisch engagiert.
    Natürlich besteht von Anfang an eine Anziehung zwischen den beiden, dieser Part der Geschichte ist in meinen Augen aber leider etwas in die Hose gegangen. Marisol wirkt hier sehr naiv und überspitzt, hegt sie doch schon nach 36 Stunden die stärksten und emotionalsten Gefühle gegenüber Luiz und spricht schon nach wenigen Tagen von Liebe. Für einem Erwachsenenroman hätte ich mir einen realistischeren Verlauf der Liebesgeschichte gewünscht.

    „Nächstes Jahr in Havanna“ war mein erster Roman von Chanel Cleeton. Die ursprünglich aus Florida stammende Autorin wuchs mit den Geschichten über den Auszug ihrer Familie nach der kubanischen Revolution auf. Ihre Leidenschaft für Politik und Geschichte setzte sich während ihres Studiums fort. Dieser Einfluss macht sich auch in diesem Roman stark bemerkbar. Man spürt beim Lesen wie viel Herzblut sie in die Geschichte gesteckt.

    Der Roman erzählt nicht nur zwei emotionale Liebesgeschichten in verschiedenen Jahrhunderten, sondern wartet auch mit vielen interessanten Informationen über die südamerikanische Insel auf. Eine wunderbare Lektüre, die einen von Havanna träumen lässt.

  • „Der dunkle Bote“ | Alex Beer

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Alex Beer
    Verlag:  Limes Verlag
    Genre:  Kriminalroman
    3. Fall von August Emmerich
    Seitenzahl:  396
    ISBN:  978-3-8090-2703-4

    Wien im November 1920. Ein unerwarteter Kälteeinbruch hat die Ernten vernichtet, jeder dritte Mann ist arbeitslos, und das organisierte Verbrechen hat Hochkonjunktur. Doch der Mordfall, der jetzt die Stadt erschüttert, übertrifft alles bislang Dagewesene: Ein Toter wird bizarr zugerichtet und von einer Eisschicht bedeckt aufgefunden. Kurz darauf taucht ein Bekennerschreiben auf. Kriminalinspektor August Emmerich ermittelt – und das ist nicht das einzige Rätsel, das er zu lösen hat. Dennoch hat er Xaver Koch nicht aufgespürt, den Mann, der seine Lebensgefährtin entführt hat und der sich als gefährlicher Gegner entpuppt …

    Meine Meinung

    November 1920. Wien kämpft mit den Folgen des 1. Weltkrieges, der Versailler Vertrag kennt kein Pardon und die illegalen Geschäfte mit Schmuggelwaren und Valuten haben Hochkonjunktur. Kriegsheimkehrer bevölkern die Straßen und die Rattenfänger aus dem antisemitischen Lager strecken ihre Fühler nach gutgläubigen Mitbürgern aus …
    Kriminalinspektor August Emmerich und seinem Kollegen Ferdinand Winter von der Abteilung „Leib und Leben“ geht die Beschäftigung nicht aus: In Wien geschehen grausame und skurrile Morde, bei denen den männlichen Opfern die Zunge herausgeschnitten wird. Wenige Stunden später trifft ein Paket mit verhängnisvollem Inhalt in der Redaktion der „Wiener Illustrierten“ ein. Die beiden Ermittler versuchen dem Täter auf die Spur zu kommen!

    Auch in „Der dunkle Bote“ schickt uns Alex Beer wieder auf eine spannende Zeitreise. Durch die bildgewaltigen Beschreibungen der Orte und Menschen fühlt man sich als Leser sofort im Wien der damaligen Zeit angekommen. Die einst so schillernde Stadt mit all ihren klaffenden Wunden und Entbehrungen, in meinen Augen eine wirklich realistische Darstellung der 20er Jahre!

    Der Kriminalroman kommt ganz ohne grobe Gewaltdarstellungen aus, Alex Beer setzt rein auf die Ermittlungsarbeit. Ihr Schreibstil ist gewohnt leicht und mitreißend, dennoch schafft sie es die Düsternis auf den Straßen Wiens gekonnt einzufangen. Auch die historischen Details werden wieder korrekt und nachvollziehbar wiedergegeben und fügen sich nahtlos in die Geschichte ein. Dadurch hält sich der Spannungsbogen wunderbar über das ganze Buch hinweg, das letztendlich in einem unerwarteten und erschütternden Finale endet. Bis zum Schluss fiebert man mit August Emmerich und Ferdinand Winter mit und hofft das sie der „Teufel“ nicht einholt …

    Natürlich nimmt auch Emmerichs Privatleben wieder viel Platz ein. Nachdem Luise und die Kinder von Xaver Koch verschleppt wurden, fehlt von ihnen jede Spur. Emmerich setzt alle Hebel in Bewegung um seine Familie zurück zu bekommen, doch nicht nur sein Informant kommt Koch gefährlich nahe …

    Alex Beer setzt im Genre des historischen Kriminalromans mit dieser Reihe Maßstäbe, und ich bin fest davon überzeugt, dass sie dieses Niveau auch in den Nachfolgerbänden nicht nur halten kann sondern noch verbessern wird.

  • „Gott der Barbaren“ | Stephan Thome

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor: Stephan Thome
    Verlag: Suhrkamp Verlag
    Genre: Historischer Roman
    Shortliste „Deutscher Buchpreis“ 2018
    Seitenzahl:  708
    ISBN: 978-3-518-42825-2

    Mitte des 19. Jahrhunderts überzieht eine christliche Rebellion das chinesische Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der voller Idealismus bei der Modernisierung des Landes helfen will, gerät zwischen die Fronten eines Krieges und droht alles zu verlieren, was ihm wichtig ist.

    Meine Meinung

    Heutzutage scheint China allgegenwärtig zu sein. Ein Land, das jeder kennt …
    Doch was weiß man von seiner Geschichte?

    „Gott der Barbaren“ thematisiert die Taiping-Rebellion und den Opiumkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts, die in 15 Jahren der Kampfandlungen 30 Milliarden Menschen das Leben gekostet haben.
    In den Jahren 1851 bis 1864 versuchten die Rebellen die Qing-Dynastie zu stürzen, die von den Mandschu, die allgemein als grausam und korrupt galten, begründet worden war. Die Ideologie dieser neuen Bewegung gründete sich neben Anderen zu großen Teilen auf christlichen Idealen, die der Gründer Hong Xiuquan vermutlich durch einen Missionar vermittelt bekam.

    Wir verfolgen hier vier Hauptpersonen als Ich-Erzähler. Zwei mächtige Befehlshaber, die sich auf den jeweiligen Seiten gegenüberstehen und zwei Zivilisten. Zum Einen lernen wir da den deutsche Missionar Philipp Neukamp kennen, der schon bei der deutschen Revolution 1848 aktiv war. Seine Wege kreuzen sich mit denen der Chinesin Huang Shua, die uns als einzige weibliche Erzählerin ihre Sicht näher bringt und einfach nur überleben will. Zu den Mächtigen gehört der General und Gelehrte Zeng Guofan, der Anführer einer privaten Söldnertruppe und der englische Gesandte Lord Elgin, der das englisch-französische Expeditionskorps anführt. Ein erfahrener Diplomat der britischen Krone mit starkem Überlegenheitsgefühl, der noch heute die oberen Zehntausend in England prägt.

    Obwohl das Buch geschichtlich total auf meiner Wellenlänge war, habe ich für die knapp 700 Seiten wirklich lange gebraucht. Stephan Thome hat die Geschichte nicht als Tatsachenbericht geschrieben, sondern als Roman, was nur bedingt tiefere Einblicke zulässt und das Gelesene an manchen Stellen doch etwas zu sachlich wirken lässt. Seitenlange Monologe über die chinesische Philosophie sind zwar interessant, aber gerade abends doch eher ermüdend. Dennoch habe ich das Buch sehr gern gelesen. Der Autor hat eine unheimliche Recherchearbeit geleistet und verfügt über beeindruckende Kenntnisse der chinesischen Geschichte.

    Bei seiner Veröffentlichung wurde „Gott der Barbaren“ stark im literarischen Quartett diskutiert und zudem in vielen deutschen Zeitungen besprochen. Hier schwanken die Beurteilungen doch erheblich, was ich persönlich gar nicht verstehen kann.
    Es hat mir großen Spaß gemacht, dieser tiefgründigen und feinen Geschichte zu folgen. Man versinkt in den Geschehnissen und folgt den Überlegungen. Nach und nach entsteht ein üppiges und farbenprächtiges Gemälde der damaligen Zeit mit all den historischen Ereignissen, Besonderheiten und Tücken. Ob es um die gebunden Füße der chinesischen Frauen und ihrer Stellung in der Gesellschaft geht. Oder um die Rebellen und ihr Streben nach Macht. Bei all dem ist man hautnah dabei! Opium wird reichlich konsumiert und natürlich rollen auch Köpfe …