• „Der verborgene Feind“ | Alex Beer

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Alex Beer
    Verlag:  Limes Verlag
    Genre:  Kriminalroman
    Informationen zum Buch
    2. Fall für Adolf Weissmann
    Seitenzahl:  346
    ISBN:  978-3-8090-2736-2

    Nürnburg, April 1942: Der jüdische Antiquar Isaak Rubenstein, der sich noch immer als Sonderermittler Adolf Weissmannn ausgibt, lässt sich auf eine Liaison mit der Nazigröße Ursula von Rahn ein. Durch sie erhält er Zugang zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen und bekommt Einsicht in die Pläne der Gegenseite. Doch dann wird Nürnberg plötzlich von brutalen Morden erschüttert. Zwei junge Frauen werden erdrosselt aufgefunden. Ausgerechnet Isaak bekommt von Berlin die Order, den «Würger» aufzuspüren. Darüber hinaus hat er noch ganz andere Probleme: Seine Popularität hat Neider auf den Plan gerufen und besonders ein Mann könnte ihm gefährlich werden …

    Meine Meinung

    In diesem zweiten Fall für den jüdischen Antiquar Isaak Rubinstein, ist die Hoffnung, endlich Nazi-Deutschland verlassen zu können, groß. Während er, in seiner Rolle als SS-Sturmbandführer und Kriminalkommissar Adolf Weissmann, auf seine Kontaktperson des Widerstandes wartet, wird Gisela Hofmann, die Tochter eines hochrangigen Nationalsozialisten ermordet. Ihr Vater gibt sich nicht mit dem in Berlin zuständigen Kriminalbeamten Paul Köhler zufrieden. Er will „den Besten der Besten“, nämlich Adolf Weissmann! Wie zu erwarten, gefällt das Köhler nur wenig. So lauert er auf jeden noch so kleinen Fehler seines Konkurrenten. Und damit ist er nicht der einzige, denn auch der Journalist Felix Bachmeyer erkennt mit der untrüglichen Nase des Enthüllungsjournalisten, dass mit Weissmann etwas nicht stimmt …

    Felix Bachmeyer hat ein Auge auf Ursula von Rahn geworfen, selbst eine Nazi-Größe und Tochter eines Industriellen, der maßgebliche Informationen zur „Operation Georg“ haben soll, die der Widerstand so dringend braucht. Um an diese Dokumente zu kommen, geht Isaak mehrmals mit der jungen und hübschen Ursula aus, die ihrerseits sich in Rubinstein verliebt hat.
    Mehrmals steht er deshalb knapp vor der Enttarnung. Nur mit großer Chuzpe gelingt es ihm, seine falsche Identität zu wahren. Dazu kommt, dass weitere Frauenmorde nach demselben Morbus Operandi geschehen und er mit Köhler als Partner weiterermitteln muss. Die Zusammenarbeit gestaltet sich schwieriger als gedacht, denn auch dieser hat seine Geheimnisse.

    Bereits im ersten Band der Reihe, war der Wandel des ruhigen introvertierten jüdischen Antiquars in den aufgeblasenen, cholerischen SS-Sturmbannführers ein großes Manko für mich. Damals ging mir das Ganze einfach zu glatt und reibungslos von Statten. In „Der verborgene Feind“ bügelt Alex Beer diesen Fehler aber meiner Meinung nach wieder aus. So wirkt Isaak Rubinstein auf mich menschlicher und ich konnte seine Zweifel und Gedankengänge viel besser nachvollziehen. Auch die Geschichte ist klarer erzählt und lässt für den Leser die Vermutung offen, dass es im NS-Staat einige Ungereimtheiten und Doppelbödigkeiten gab, sodass ein solches Wechselspiel durchaus möglich gewesen wäre.

    Alex Beer arbeitet die allgegenwärtige Angst vor der Entdeckung Isaak Rubinsteins wahren Identität sehr gut aus. Die Person selbst ist klar charakterisiert und wirkt auf mich mittlerweile unheimlich sympathisch. Mit der polizeilichen Ermittlungsarbeit hat er ja eigentlich nichts am Hut, außer, dass er ein Fan Sherlock Holmes ist. Immer wieder zitiert er aus den Büchern von Arthur Conan Doyle, was naturgemäß gegenüber Paul Köhler vergeblich Liebesmüh ist. Als er dann aber erkennt, dass der Frauenmörder einem bestimmten Muster nachgeht, hat er die zündende Idee …

    Die Geschichte wird natürlich auch diesmal wieder vom klaren, lebendigen und mitreißenden Schreibstil der Autorin begleitet und schafft für mich so ein perfektes Lesevergnügen. Ihre Erzählstimme ist bildhaft und betont sehr schön die Feinheiten der Geschichte. Die Spannung wird durch zahlreiche überraschende Wendung hochgehalten und auch an den nötigen Details und dem historischen Hintergrund wird nicht gespart. Die Begeisterung, die die Nürnberger bei den Feiern zu Hitlers Geburtstag an den Tag legen, wird beängstigend echt geschildert.

    Auch nachdem die Serie der Frauenmorde aufgeklärt ist, kann Isaak Rubinstein seine Rolle als Adolf Weissmann noch nicht an den Nagel hängen. Ein dritter Band dürfte nicht mehr lange auf
    sich warten lassen …

  • „Vergeltung“ | Robert Harris

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „V2“
    Autor:  Robert Harris
    Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Müller
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  359
    ISBN:  978-3-453-27209-5

    Ein deutscher Raketenforscher, eine junge englische Offizierin, ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit!
    Europa, 1944: In einem letzten Aufbäumen setzt das Deutsche Reich seine modernste und tödlichste Waffe ein. Zehntausend V2-Raketen mit tonnenschwerem Sprengkopf sollen auf England niedergehen. Schon jetzt gibt es Tausende Opfer unter der Bevölkerung.

    Der Deutsche Rudi und die Engländerin Kay sind Feinde. Ein Ziel jedoch eint sie. Sie wollen den Wahnsinn beenden.

    Meine Meinung

    Für Viele war mit der Landung der Alliierten in der Normandie und der Befreiung Westeuropas das Kriegsgeschehen abgeschlossen. Robert Harris‘ neuester Roman „Vergeltung“ zeigt uns, dass davon keine Rede sein konnte …

    Im November 1944 nähert sich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch die Niederlage des Deutschen Reichs. Hitlers letzte Hoffnung ruhte auf seiner Wunderwaffe, der „V2“ …
    Diese ballistische Rakete waren schon zu damaliger Zeit nicht am Radar zu orten und stieß zu Tausenden mit Überschallgeschwindigkeit auf England herab und hinterließen Tod und Zerstörung.
    Kay Caton-Walsh, eine junge Offizierin im Frauenhilfsdienst der britischen Luftwaffe, entging nur knapp einem dieser Einschläge. Ad hoc schließt sie sich einer Mission im belgischen Hinterland an, bei der die Startplätze der tödlichen Geschosse durch Berechnungen ermittelt werden sollen.
    Zur selben Zeit wird auch der deutsche Ingenieur Rudi Graf – seines Zeichens ein langjähriger Freund des Raketenentwicklers Wernher von Braun – dorthin versetzt, um vor Ort den Bau und auch den Start der Raketen zu betreuen. Nur von Brauns schützende Hand konnte ihn bisher vor Ermittlungen wegen des Verdachts der Sabotage bewahren, die bereits im Deutschen Peenemünde aufkamen …

    Robert Harris schafft mit „Vergeltung“ einen packenden Roman mit dokumentarischem Hintergrund. Er bezieht sich hier auf zahlreiche Veröffentlichungen rund um die nationalsozialistische Raketenforschung unter Leitung des politisch ambivalenten Wernhers von Braun (1912-1977).

    Die beiden Protagonisten schildern in abwechselnden Kapiteln die Vorgänge in diesem November. Dabei bedient sich Robert Harris wie schon gewohnt seines famosen Erzählstils und seiner bildhaften Erzählstimme. Er geht sehr sensibel und deshalb umso eindringlicher mit dem Thema um.
    Auch wenn ich zugeben muss, dass „Vergeltung“, trotz meines Lesevergnügens rein von der Geschichte her, mein bisher schwächster Roman von ihm war. Wer schon andere Bücher des Autoren gelesen hat, der kennt Harris glorreiche Wendungen und gut durchdachten Kniffe. Die bleiben hier leider ein bisschen auf der Strecke! Und auch aus dem Ende hätte er meiner Meinung nach ein bisschen mehr herausholen können.

    Dennoch ist die Handlung interessant und lesenswert: Robert Harris erzählt von geplatzten Kindheitsträumen, von moralischer Verantwortung und der Desillusionierung der Menschen. Von den Schrecken des Krieges, den ausgemergelten Zwangsarbeitern, die unter menschenunwürdigen Zuständen in Außenlagern arbeiten mussten und nicht zuletzt von Wernher von Braun, dem Opportunisten und elitären Günstling der Nationalsozialisten, dessen Mitmenschlichkeit durch seinen wissenschaftlichen Ehrgeiz weit auf der Strecke geblieben ist. Kay und Rudi sind nicht historisch belegt, werden vom Autor aber ausdrucksstark und glaubwürdig in diese Geschichte hineingeschrieben. Beide werden sehr gut in ihrer Gefühlslage, aber auch in ihrer Kriegsmüdigkeit beschrieben.

  • „Gullivers Reisen“ | Jonathan Swift

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „Travels into several remote nations of the world in four parts by Lemuel Gulliver, first a surgeon, and then a captain of several ship“
    Autor:  Jonathan Swift
    Aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke
    Verlag:  Manesse Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  644
    ISBN:  978-3-7175-2078-8

    Gullivers Reisen nach Lilliput und zu den Riesen kennt jedes Kind. Und doch ist dieser Kardinalklassiker viel mehr als eine fantastische Abenteuergeschichte. Die Erlebnisse des Helden, realistisch ausfabuliert, sind gespickt mit Seitenhieben auf Kirche, Politik und Gesellschaft.
    Jonathan Swift gelingt das einzigartige Kunststück mit einem „Roman der Menschenfeindschaft“ bestens zu unterhalten.

    Meine Meinung

    Bei „Gullivers Reisen“ aus dem Manesse Verlag handelt es sich um die Originalausgabe aus dem Jahre 1726, die wenig mit der Kindergeschichte zu tun hat, die wir vermutlich alle aus unserer Jugendzeit kennen. Jonathan Swift hat hier ein sehr sozialkritisches Buch geschrieben, dass die Missstände der herrschenden Oberklasse und der Menschen im Allgemeinen auf den Punkt bringt. Eine Satire der Extraklasse!

    Der Wundarzt Lemuel Gulliver begibt sich auf vier Schiffsreisen und bei jeder gerät er in Seenot.
    Als erstes strandet er in Lilliput. Dort gilt er als Riese, da die Lilliputaner selbst nicht größer sind als sein Finger. Ich fand es beeindruckend, mit welchen subtilen Stilmittel Swift hier die damalige Regierung unter König Georg I. anprangert.
    Seine zweite Reise führt ihn nach Brobdingnag, ins Land der Riesen. Hier ist Gulliver nicht größer als eine Maus. Diese Geschichte ist großartig geschrieben, aber man benötigt viel Denkvermögen, um sich immer wieder die herrschenden Maße vorzustellen zu können. Das Gefühl, auf etwas hinunter zu schauen ist uns vertraut, aber nach oben zu schauen und selbst der Kleine zu sein, ist etwas ganz anderes.
    In Laputa, einer fliegenden Insel, lernt Gulliver Bewohner kennen, die sich fast ausschließlich mit naturwissenschaftlichen Problemen befassen und so gut wie keine zwischenmenschlichen Beziehungen mehr pflegen.
    Und könnt ihr euch noch an die „Yahoos“ erinnern? Das ist nicht nur eine der ersten Suchmaschinen des Internet. So werden die Menschen im Land der Hoyhnhnmms genannt, in dem die Menschen den Pferden (Hoyhnhnmms) untergeordnet sind. Für mich persönlich war dies die lehrreichste Reise. Die Lebensweise und das Verhalten der Hoyhnhnmms machen deutlich, wie der Mensch im Inneren tickt. Nicht unbedingt die schönste Erkenntnis!

    „Gullivers Reisen“ hat eine wunderbare Erzählstimme, ist aber durch seine langen und verschachtelten Sätze nicht leicht zu lesen. Wenn man sich aber an das Konstruierte erstmal gewöhnt hat, kann man die Geschichte in vollen Zügen genießen und kommt sehr schnell voran. Außerdem ziehen sich diverse Fußnoten durch das ganze Buch, hinter denen Erklärungen und Anspielungen die auf die soziale und politische Lage im damaligen England, aber auch auf den Autoren selbst hinweisen. Diese Anmerkungen sind Gold wert! Es ist ein ganz anderes, aber reizvolleres Lesen, als wir es heute üblicherweise gewohnt sind.

    Auch wenn Jonathan Swift in seinem Buch selbst mit erhobenen Zeigefinger durch die Welt läuft, merkt man im Laufe der Geschichte doch, dass auch er nur ein Kind seiner Zeit ist und bei Frauen, Dienern und anderen Ethnien, dieselben Denkmuster inne hat, wie sie zu seiner Zeit gang und gebe waren.

    Diese wunderschöne Ausgabe aus dem Manesse Verlag ist ein Muss für jeden Leser und natürlich auch für jeden Nostalgiker!

  • „Gott“ | Ferdinand von Schirach

    Autor:  Ferdinand von Schirach
    Verlag:  Luchterhand Verlag
    Genre:  Theaterstück
    Seitenzahl: 119
    ISBN:  978-3-630-87629-0

    Wem gehört unser Leben? Darf ein Mensch entscheiden, wie er sterben will? Ist das unsere letzte Freiheit? Sind wir das Maß aller Dinge?

    Richard Gärtner, 78, ein körperlich und geistig gesunder Mann, will seit dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben. Er verlangt nach einem Medikament, das ihn tötet. Mediziner, Juristen, Pfarrer, Ethiker, Politiker und Teile der Gesellschaft zweifeln, ob Ärzte ihm bei seinem Suizid helfen dürfen. Die Ethikkommission diskutiert den Fall.

    Rezensionsexemplar – Vielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    „Gott“, das neue Buch von Ferdinand von Schirach, ist ein Theaterstück, in dem der deutsche Ethikrat darüber diskutiert, wie mit Menschen umgegangen werden soll, die einfach sterben möchten. Dabei handelt es sich nicht um Kranke oder Dahinvegetierende, denen ein qualvoller Tod erspart bleiben soll. Dreh- und Angelpunkt ist vielmehr ein 78-jähriger Mann, der vom Leben genug hat und in Würde gehen möchte. Nun stellt sich die Frage, wie weit ein Arzt hier eingreifen oder ihn vielleicht sogar unterstützen darf?
    Wem gehört das Leben eines Menschen und wann darf man gehen? Wie selbstbestimmt ist unser Leben und vor allem unser Sterben …

    Bei diesem kontroversen Thema hat vermutlich jeder seine Meinung. Ferdinand von Schirach gelingt es aber, verkrustete Denkmuster aufzubrechen und etablierte Meinungen zu hinterfragen. Jede Sicht und jede Erklärung hat etwas Logisches und in meinen Augen auch Richtiges. Das Thema wird klar und in einer sehr schönen offenen Sprache von allen Seiten beleuchtet. Nicht zuletzt auch mit fein nuanciertem Humor, in genau dem richten Maß, für dieses Thema!

    Wie bei den meisten Büchern des Autoren, ist auch Dieses zu keiner Zeit langatmig, ausufernder oder gar geschwätzig. Er schreibt kompetent, knapp und kompakt. Obwohl die Argumente für, aber auch gegen die Sterbehilfe sehr sachlich angegangen werden, entlockt er uns viele Emotionen!
    Besonders spannend fand ich die Rückführung auf den titelgebenden christlichen Gott und welche Rolle dieser auch in einer aufgeklärten und pragmatischen Kultur noch immer einnimmt. Gott als höchste Instanz, Gott als lebensschenkender Richter, demgegenüber man „zum Leben verpflichtet ist“. Ihm gegenüber steht das weltliche Gesetz, welches niemanden dazu verpflichtet, sein Leben weiterzuführen.

    Jetzt, einige Tage nachdem ich dieses Buch beendet habe, würde ich in meiner eigenen Meinung zwar immer noch die Stellung halten, ich habe tatsächlich aber viel mehr Verständnis für die Argumente Andersdenkender. Schön, wenn Literatur das wirklich erreichen kann!

    Mit „Gott“ bekommen wir ein Buch mit unglaublich starken Momenten, dass genau die Gedanken an- und auch ausspricht, die den Leser bewegen. Und auch oft in genau dem Moment, in dem sie einen in den Sinn kommen!

  • „Die Gesichter des Meeres“ | Leena Lander

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „Kuka vartijoita vartioi“
    Autor:  Leena Lander
    Aus dem Finnischen übersetzt von Stefan Moster
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  581
    ISBN:  978-3-442-71883-2

    Irland, 1895. Die Fregatte Palme lag an Heiligabend 1895 ungefähr fünfhundert Meter von der Stelle entfernt, an der das junge Mädchen stand und winkte. Sie war mit ihrem Vater zum Wellenbrecher gekommen, aber William Donoghue stand nicht mehr neben ihr, sondern befand sich mit 14 Kameraden im Seenotrettungsbot. Gemeinsam versuchten sie, sich durch den Sturm zu den Schiffbrüchigen vorzukämpfen.

    Meine Meinung

    Irland, an Heiligabend 1895. Vor der Küste von Kingstown läuft der Frachter „Palme“ auf Grund. Neben der Besatzung befindet sich auch die Kapitänsgattin mit ihrem Säugling, sowie der 13-jährige Matias Sahlmann, der als blinder Passagier an Bord gekommen ist, auf dem festsitzenden Schiff. Während die Schiffbrüchigen auf Hilfe warten, kommen 15 Seenotretter bei einem ersten Rettungsversuch in den eisigen Fluten ums Leben. Die Bewohner der Hafenstadt und die Angehörigen sind traumatisiert. Warum richtete sich das Rettungsboot nach dem Kentern nicht wieder auf? Eigentlich hätte es dies tun sollen! Lag menschliches Versagen vor oder wurden die Männer mit einem nicht seetauglichen Boot auf das stürmische Meer hinausgeschickt?
    Die Untersuchung des Unglücks entwickeln sich zum wahren Krimi, in dem jede Partei seine eigenen Ziele zu verfolgen scheint …

    „Die Gesichter des Meeres“ von Leena Lander ist ein sehr starker Roman mit interessantem historischen Hintergrund, den man aber nicht mal so nebenbei weglesen kann. Der Aufbau der Handlung, die erzählte Geschichte, aber auch der Schreibstil der Autorin sind anspruchsvoll und fordern die Aufmerksamkeit des Lesers.

    In dem Roman tauchen eine Vielzahl von vielschichtigen Charakteren auf, deren Handlungen ich wirklich gerne verfolgt habe, auch wenn der Klappentext eigentlich auf eine ganz andere Geschichte hindeutet. Besonders gut hat mir der Erzählstrang um das Kentern des Rettungsbootes und die verschiedenen Meinungen dazu gefallen.
    Leider verläuft sich der Roman nach der ersten Hälfte und einige Szenen werden beim Lesen sehr langatmig und wirr. Die Protagonisten verfangen sich immer öfter in seitenlangen Erörterungen von Nebensächlichkeiten, die mit der eigentlichen Handlung überhaupt nichts zu tun haben. Dadurch wird der Spannungsbogen immer wieder unterbrochen.

    Im Jahre 2012 recherchiert eine finnische Schriftstellerin über das Unglück rund um die Havarie der „Palme“. Neben dem spannenden, aber auch bedrückenden Thema muss sie sich auch noch mit der Vergangenheit ihres schweigsamen Ehemannes auseinandersetzen! Dieser zweite Erzählstrang hat mich am Ende doch ziemlich ratlos zurückgelassen. Man versteht zwar den Zusammenhang zu der damaligen Tragödie, die Erzählung beeinflusst aber nicht den Ausgang der Geschichte. Sie läuft einfach locker nebenher.

    Für alle Seefahrtinteressierten und Freunde von eher schwergewichtigeren historischen Geschichten ist „Die Gesichter des Meeres“ auf jeden Fall ein Blick wert!