• „Hendrikje, vorübergehend erschossen“ | Ulrike Purschke

    Autor: Ulrike Puschke
    Verlag: dtv Verlag
    Genre: Roman | Humor
    Seitenzahl:  217
    ISBN: 978-3-423-21031-7

    Hendrikje Schmidt ist eine Pechvogelin. Sie sitzt im Gefängnis und erzählt der spröden Psychologin Frau Dr. Palmenberg ihre Geschichte. Denn eigentlich hatte Hendrikje ihr Leben mal ganz gut im Griff. Tagsüber arbeitet sie als Bedienung in einem Café, nachts malt sie Bilder. Die Aussichten auf eine Ausstellung stehen gut, da kommt es – natürlich an Weihnachten – ganz knüppeldick. Von einem Tag auf den Anderen ist Hendrikje bis über beide Ohren verschuldet, allein und totunglücklich. Und weil ihr Selbstmordversuch kläglich misslingt, wollen ihre Freunde beim zweiten Mal helfen!

    Meine Meinung

    Hendrikje! Hendrikje! Da sitzt sie nun bei der schönen Psychologin Frau Dr. Palmenberg und erklärt ihr (und uns), warum sie 1,5 Menschen umgebracht hat. Also eigentlich! … denn es gibt ja für alles ein Wenn und Aber. Und von denen gibt es in Hendrikjes Erzählungen eine Menge …
    Mehr möchte ich zum Inhalt dieses tollen Buches gar nicht erzählen. Der Klappentext verrät schon unheimlich viel und ein bisschen Überraschung möchte ich euch dann doch noch lassen!

    Ulrike Purschke hat einen wunderbar locker leichten Schreibstil, mit klaren und eher kurzen, aber aussagekräftigen Sätzen, die ein tolles Tempo vorlegen. Sehr bissig und mit einem dunkel englischen Humor. Ich muss sagen, das Buch liest sich wie von selbst und man kann einfach nicht mehr aufhören! Ein absoluter Klassiker!

    Hendrikje ist eine so wunderbare Protagonistin, wie ich sie selten in einen Buch gelesen habe. Man muss sie zwangsweise von der ersten Seite an ins Herz schließen … und möchte sie in soooo vielen Situationen einfach nur schütteln! Hendrikje hat wirklich Verständnis für Alles und Jeden: Für Ernst, der sie nach einer längeren Liebelei wegen ihrer eigenen Freundin verlässt. Für Paula, die ihr Atelier beim Lackschnüffeln abfackelt. Für „Göbels“, ihre brüllende zeternde Chefin im Café. Doch jedes Verständnis hat irgendwann sein Ende und Hendrikje möchte sich das Leben nehmen!
    Schon lange bin ich nicht mehr so gern in ein Buch hineingekrochen und habe mich dabei so wohl gefühlt. Hendrikje beschreibt Szenen aus ihrem Leben schonungslos offen und mit einer Naivität, die immer wieder die Grenze ins Komische überschreitet. Einzigartig und grotesk auf eine wunderbare Weise!

    Hast du dir schon mal ernsthaft Gedanken über den Arbeitsalltag einer Kellnerin gemacht?
    Das Mütter-Gruppen volle Windeln liegen lassen? Das Schulgruppen immer gleichzeitig abgefertigt werden müssen? Dass Gäste ihre Fußpilz-Tinktur an Ort und Stelle mit im Lokal anwenden?
    Ich nicht, aber ab heute werde ich wohl immer daran denken müssen und die Augen beim nächsten Kaffeehausbesuch offen haben …

  • „Finderlohn“ | Stephen King

    Titel im Original: „Finders Keepers“
    Autor: Stephen King
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Kleinschmidt
    Verlag: Heyne Verlag
    Genre: Thriller
    Bill Hodges-Trilogie, Band 2
    Seitenzahl: 539
    ISBN: 978-3-453-27009-1

    John Rothstein hat in den 60er Jahren drei berühmte Romane veröffentlicht, seither aber nichts mehr. Morris Bellamy, ein psychopathischer Verehrer, ermordet den Autor aus Wut über dessen „Verrat“. Seine Beute besteht aus einer großen Menge Geld und einer wahren Fundgrube an Notizbüchern. Bellamy vergräbt vorerst alles – und wandert dummerweise für ein völlig anderes Verbrechen in den Knast. Jahre später stößt der junge Peter Saubers auf den „Schatz“ und unterstützt mit dem Geld bis auf den letzten Cent seine Not leidende Familie.

    Nach 35 Jahren Haft wird Bellamy entlassen. Er kommt Peter, der nun die Notizbücher zu Geld machen will, auf die Spur und macht Jagd auf ihn.

    Meine Meinung

    Es gibt Bücher, die prägen ihre Leser maßgeblich. Man ist vernarrt in die Protagonisten, die Geschichte ist immer wieder von Neuem spannend und obwohl man sie schon etliche Male gelesen hat, findet man immer wieder neue Details. Genau so geht es Pete Saubers, nachdem er im Wald einen Koffer mit Notizbüchern von John Rothstein findet und die darin enthaltenen Manuskripte liest. Auch Morris Bellamy, der 30 Jahre zuvor in das Haus des Autors einbricht und diesen ermordet, war ein ebenso großer Narr. Warum dann diese irre Tat? Nicht des Geldes wegen, sondern aus reiner Rache, da der Autor Morris‘ Lieblingscharakter nicht das von ihm gewünschte Ende gegönnt hat. Er war es, der die Notizbücher im Wald vergrub, die viele Jahre später Peter Saubers Leben so maßgebend verändern sollen …

    Ich verfolge die Hodges-Trilogie wirklich gern. Dass Stephen King klassischen Horror schreiben kann, wissen wir ja schon, aber auch bei Kriminalgeschichten macht er seine Sache wirklich hervorragend. Zudem ist dieses Buch für mich eine Art Liebeserklärung an das geschriebene Wort. Wir alle haben Bücher, aus denen wir Kraft schöpfen und bei denen wir es lieben über weitere Erzählstränge zu sinnieren. Das macht für mich einen großen Teil der Magie von „Finderlohn“ aus.

    Bill Hodges ist nach den vergangenen Geschehnissen wieder ruhiger geworden und hat einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Er arbeitet als privater Ermittler bei seiner Firma „Finders Keepers“ wo auch Holly als seine große Unterstützung mit von der Partie ist. Nachdem sie vor einigen Jahren gemeinsam Brady Hartsfield zur Strecke gebracht haben, hat sich ihre platonische Freundschaft gefestigt und auch Holly blüht in ihrem neuen selbstständigen Leben auf. Sie verliert immer mehr ihre Schüchternheit und ist anderen Menschen gegenüber offener und fröhlicher.

    „Mr. Mercedes“ war ein spannender Kriminalroman mit starken Thriller-Elementen. „Finderlohn“ geht hier einen Schritt zurück und bedient sich nur noch sehr wenigen Krimivorgaben. Es wirkt dadurch beinahe stärker, obwohl die Spannung im ersten Buch deutlich größer war. Dennoch solltet ihr die Geschichte nicht unterschätzen. Es ist ein grandios geschriebenes Buch über Wahnsinn, Abhängigkeit und einer großen Portion jugendlichen Leichtsinns, das fesselt und für ausreichend Tiefgang sorgt.

    Natürlich setzt Stephen King auch in diesem Buch wieder auf einige kingtypischen Elemente, wie beispielsweise auf den Schriftsteller, der eine große Rolle spielt, aber auch das er sich für das Kennenlernen der Protagonisten und der Geschichte sehr viel Zeit nimmt, aber genau das erwarte ich mir mittlerweile von diesem Autor und macht für mich das „Heimkommen“-Gefühl aus!

  • „Nichts als die Nacht“ | John E. Williams

    Titel im Original: „Nothing but the Night“
    Autor: John E. Williams
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernard Robben
    Verlag: DTV Verlag
    Genre: Novelle
    Seitenzahl:  148
    ISBN: 978-3-423-28129-4

    Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund immer wieder auftut.

    Meine Meinung

    John Williams war erst 22 Jahre alt war, als er diese kurze Novelle schrieb.
    Als er bei einem Erkundungsflug im 2. Weltkrieg über Burma abgeschossen wurde und diesen Absturz wie durch ein Wunder überlebte, versuchte er durch das Schreiben, gegen seine Ängste anzukommen. So entstand „Nichts als die Nacht“!

    Arthur Maxley ist 24 Jahre alt und gibt vor zu studieren. Allerdings führt er lieber das Leben eines Müßiggängers, der sich von den regelmäßigen Schecks seines Vaters finanzieren lässt. Er jedoch genießt sein Leben nicht, sondern leidet am Hier und Jetzt … und vor allem an seiner Vergangenheit: Seit einem traumatischen Erlebnis, meidet Arthur den Kontakt zu seinem Vater, pflegt kaum Freundschaften und versucht zu vergessen. Oft greift er dafür zum Alkohol!

    In John Williams Debütroman begleiten wir 12 Stunden das Leben unseres Protagonisten. Dabei geschieht äußerlich nicht wirklich viel, die Geschehnisse in Arthurs Psyche sind allerdings verheerend: 12 Stunden voller Unruhe, Angst und Raserei, durchzogen von surrealen Träumen, Visionen und Erinnerungen! Arthur hat das Trauma aus seiner Kindheit nie verwunden. Starke Gedanken und Gefühlen beherrschen ihn. Auch körperlich nimmt sein Zustand bereits bedrohliche Formen an.
    Mit einem unglaublichen Einfühlungsvermögen und starker psychologischen Einsicht zeigt uns der damals noch sehr junge John Williams das Innenleben eines jungen Mannes, der offenbar schon als Kind überaus sensibel war und durch eine familiäre Tragödie schwer traumatisiert wurde. Arthur ist eine Persönlichkeit, die immer nur um sich selbst und sein Leid kreist, gleichzeitig sieht er sich aber auch von außen mit den Augen eines fremden Beobachters.

    Als ich Arthur am Ende des Buches verließ, blieb ich erschüttert und sehr verstört zurück. Im ersten Moment konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, ich hatte nur immer wieder das Gefühl, dem jungen Mann in seiner Situation helfen zu müssen. Der melancholische Ton und die Ereignisse machten mich nicht nur traurig, auch Wut und Ärger über alle Beteiligten haben sich in mir abgewechselt.

    Trotz der tiefen Empfindungen (oder gerade wegen Dieser), ließ sich für mich das spätere Talent John Williams auch in dieser Novelle deutlich erkennen. Die Erzählung strotzt vor Bildern und Metaphern, wenn auch der Text noch nicht so flüssig und klar zu lesen ist wie in seinen späteren Werken. Die Sätze und Formulierungen sind treffend gewählt und zeigen von erzählerischer Kraft.

    Ein beeindruckendes Debüt, das von der sensiblen Wahrnehmung seines Autoren zeugt!

  • „Sophia, der Tod und Ich“ | Thees Uhlmann

    Autor: Thees Uhlmann
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch
    Genre: Roman  |  Humor
    Seitenzahl:  318
    ISBN: 978-3-462-05061-5

    Was passiert, wenn eines Tages der Tot bei einem klingelt und sagt, dass man nur noch ein paar Minuten zu leben hat?

    „Sophia, der Tod und ich“ ist ein rasanter, hochkomischer, berührender Roman über all das, was im Leben wirklich zählt. Ein Roadtrip quer durch die Republik, hin zu den Menschen, die uns wichtig sind. Man liest, lacht, zerfließt vor Melancholie und freut sich, dass man dabei ist, bei dieser großartigen Sache namens Leben.

    Meine Meinung

    Das Thees Uhlmann zu meinen Lieblingssängern gehört, ist in meinem Freundeskreis mittlerweile doch bekannt. Zu meinem Geburtstag wurde ich nun mit seinem ersten Buch überrascht und musste es natürlich sofort lesen!

    Es klingelt an der Tür und im Treppenhaus riecht es nach frisch gebrühtem Kaffee. Als unser namenloser Protagonist öffnet, steht der lebendige Tod vor ihm und verkündet, dass er nur noch drei Minuten zu leben habe. Aber was wünscht man sich in den letzten Minuten seines Lebens?
    Unser Held – ein nachdenklicher, fußballliebender Altenpfleger – weiß nun wirklich nichts mit dieser Situation anzufangen. Seine Beziehung mit Sophia ist vorbei, sein Job ist so lala und er selber weiß nicht, ob sein 8-jähriger Sohn die Postkarten, die er ihm täglich schreibt, überhaupt bekommt.
    Mitten in seinen “letzten” Gedanken klingelt es erneut. Sophia erscheint und erinnert ihn, dass sie gemeinsam seine Mutter besuchen wollten. Der Tod ist völlig perplex, ist er es doch gar nicht gewöhnt, bei seiner Arbeit gestört zu werden. Irgendwas läuft hier gewaltig schief …
    Und so nimmt die superwitzige und toll geschriebene morbide Geschichte ihren Lauf!

    Wie nicht anders von dem Sänger zu erwarten, ist Thees Uhlmanns Schreibstil sehr erfrischend und leicht verständlich. Manchmal lyrisch, manchmal trocken, aber immer auf dem Boden der Tatsachen. Die Grundgeschichte ist skurril und außergewöhnlich, das Tempo eher zurückgenommen, was aber das eigene Gedankenkarussell sehr gut anregt. Der Inhalt war in manchen Szenen so dicht, dass ich einige Absätze mehrmals lesen musste.

    Trotz der Schwere des Themas, ist die Stimmung in diesem Buch näher am Leben als man ahnt!

    „Sophia, der Tod und ich“ lebt durch seine Charaktere! In jeden einzelnen hätte ich mich vom Fleck weg verlieben können, dennoch sind sie alle von Grund auf verschieden und ich musste mich beim Lesen mehr als einmal fragen, warum die Harmonie trotzdem so gut klappt!
    Ihr werdet euch selbst in mindestens einer dieser Personen wiederfinden!

    Thees Uhlmann ist ein großartiger Erzähler. Jemand der unterhalten kann, ohne den Ernst außen vor zu lassen. Oder besser gesagt, ihn geschickt zu verpacken weiß! Sein Humor ist von trockener, lässiger Art, obwohl sein Protagonist eher einen Stock im Hintern hat und der Tod in seiner überschwänglichen Lebensfreude zu platzen droht.

    Das Sterben ist schon eine ernste Sache. Vor allem für Diejenigen, die zurückbleiben! Und doch ist er allgegenwärtig! Aber vorher bietet uns das Leben so viele Möglichkeiten es in vollen Zügen zu genießen. Und genau das ist es, was Thees Uhlmann in seinem Buch vermittelt. Einem Roman, der vor Leben nur so strotzt!

  • „Unter der Haut“ | Gunnar Kaiser

    Autor: Gunnar Kaiser
    Verlag: Berlin Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  517
    ISBN: 978-3-8270-1375-0

    Die atemberaubende Geschichte eines bibliophilen Mörders!

    Mit einer so bedrohlichen wie verführerischen Atmosphäre beschwört dieser Roman vieles zugleich: die helle und die dunkle Welt der Bücher, den Sommer 1969 im pulsierenden New York sowie eine unheilvolle Freundschaft deren Hintergründe von Berlin der 30er Jahre bis in die Zeit des Mauerfalls führen.

    Meine Meinung

    Mit „Unter der Haut“ bekommen wir ein Erstlingswerk der Extraklasse und ein großartiges Plädoyer an die Literatur und die Bücher!

    New York im Sommer 1969: Der Literaturstudent Jonathan Rosen macht die Bekanntschaft des bibliophilen, aber doch in die Jahre gekommenen, Dandys Josef Eisenstein. Durch den geheimnisvollen älteren Mann lernt der unerfahrene Junge nicht nur die Welt der Kunst und des Geistes, sondern auch die Macht der Verführung kennen und erlebt in den gemeinsamen Monaten sein Coming of Age. Zu ersten sexuellen Erlebnissen kommt es in Eisensteins Atelier, wo Jonathan mit einer jungen Frau schläft, die von den beiden Männern in einem Diner angesprochen wurde. In den folgenden Wochen machen sie sich in der brütenden Hitze New Yorks auf die Suche nach neuen „Opfern“. Eisenstein, der selber niemals eine Frau berührt, lehrt seinem Schützling die Kunst der Verführung! Mit der Zeit wächst in Jonathan jedoch der Verdacht, dass über seinem Mentor ein dunkles Geheimnis schwebt. Diese Ahnung wird erst Jahrzehnte später zur Gewissheit, als er in Israel von der ehemaligen FBI-Agentin Sally Goldman aufgesucht wird, die schon seit langem hinter dem „Skinner“, einem legendären Serienmörder, her ist!

    Die Geschichte hat mich von der ersten Seite an gefesselt und bis zur Letzten nicht mehr losgelassen. Der Roman ließ sich schnell und durchgehend spannungsgeladen lesen, wobei gerade die unterschwellige Spannung toll in die Geschichte verflochten ist. Gunnar Kaiser hat einen ganz besonderen Schreibstil mit Wiedererkennungswert, der die ohnehin tolle Geschichte noch zusätzlich unterstützt. Perfekt konstruierte Charaktere, Rückblenden und Perspektivwechsel, alles in allem ein Roman, der durch sein hohes literarisches Niveau aus der Masse an Büchern deutlich herausragt.

    Auch am handwerklichen Prozess gibt es an diesem Roman wirklich nichts zu meckern. Der Plot ist in drei Handlungsstränge aufgeteilt: Zum einen bekommen wir einen Rückblick aus Jonathans Sicht 1969. Zwischendurch wechseln wir immer wieder in die Autobiografie des vermeintlichen Serienmörders und zum guten Schluss erfahren wir den Ausgang der Geschichte aus Jonathans heutiger Gegenwart in Israel. In allen Handlungssträngen wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, nur der Killer schreibt von sich in der dritten Person. Ein tolles Stilmittel, das uns den Charakter Josef Eisenstein in seiner andersartigen Düsternis deutlich näher bringt, aber auch die Atmosphäre des Buches stark beeinflusst.

    Der Inhalt mag an Patrick Süskinds „Das Parfum“ erinnern, jedoch liegt hier die Obsession des Mörders nicht so stark im Mittelpunkt. Sie blitzt zwar immer wieder im Hintergrund auf, aber die Lebensgeschichte und „Freundschaft“ der beiden Männer steht dem deutlich vor.

    Gunnar Kaiser weiß mit handwerklichen „Abweichungen“ zu überraschen. Bei einer Szene wechselt er einfach mal locker-flockig die Zeit, um diese hervorzuheben. Etwas später ändert er mitten im Absatz nicht nur die Zeit, sondern auch die Perspektive von der dritten Person zur Ich-Erzählung und genau diesen Wechsel finden wir auch mitten innerhalb eines Dialogs wieder! Grandiose zu lesen! Überraschend und hat mich im Lesefluss deutlich aufgeweckt!

    „Unter der Haut“ ist ein besonders intensives und mitreißendes Buch, das ihr euch auf jeden Fall ansehen solltet!

  • „Der wunderbare Massenselbstmord“ | Arto Paasilinna

    Titel im Original: „Hurmaava joukkoitsemura“
    Autor: Arto Paasilinna
    Aus dem Finnischen übersetzt von Regine Pirschel
    Verlag: Bastei Lübbe
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  281
    ISBN: 978-3-404-17070-8

    „Denkst du an Selbstmord? Du bist nicht allein!“

    So lautet ein ungewöhnlicher Anzeigentext, der auf überraschend heftiges Interesse stößt. Niemals hätte der gescheiterte Unternehmer Onni Rellonen mit der Existenz so vieler Gleichgesinnter gerechnet, als er beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Aus einem zunächst vagen Vorhaben entwickelt sich ein konkreter Plan: Ein Bus wird gechartert, um an einsamer Stelle gemeinschaftlich das Leben zu beenden. Am verabredeten Tag besteigen die unternehmungslustigen Selbstmordkandidaten schließlich guten Mutes das gemietete Gefährt – und starten ihre einzigartige Reise ohne Wiederkehr …

    Meine Meinung

    Wenn sich eine Gruppe vom Leben tief enttäuschter Menschen trifft, um zumindest im Tod nicht einsam zu sein und sich deshalb zum gemeinschaftlichen Selbstmord verabredet, klingt das im ersten Augenblick nicht sonderlich witzig. Doch auf Arto Paasilinna ist Verlass!

    „Denkst du an Selbstmord? Hab keine Angst, du bist nicht allein. Wir sind noch mehr, die wir die gleichen Gedanken und sogar erste Erfahrungen haben. Vielleicht können wir helfen.“
    Mit dieser ungewöhnlichen Anzeige machen Onni Rellonen und Hermanni Kemppainen auf einen etwas ungewöhnlichen Verein aufmerksam, deren Vorsitzende sie sind. Getroffen haben sich die beiden Männer an Mittsommernacht in einer Scheune, wo sie – unabhängig von einander – ihrem Leben ein Ende setzen wollten. Sie kommen ins Gespräch und überlegen, wie sie sich selbst und auch Gleichgesinnten helfen können. So entstand die Idee eines Massenselbstmordes!
    Auf ihre Anzeige hin erhalten sie über 600 Antworten, was nicht nur Oberst Kemppainens Organisationstalent überfordert, einige Teilnehmer drängt der Tod doch sehr, daher wird flugs ein Bus gechartert und eine Tour zum Nordkap geplant, denn wo könnte man schöner sterben …?

    Ich habe bis jetzt ja nur wenige finnische Autoren gelesen und auch „Der wunderbare Massenselbstmord“ war mein erstes Buch, das ich von Arto Paasilinna las, aber selbst bei mir kam das finnische Lebensgefühl an. Der Autor beschreibt seine Landsleute wirklich auf den Punkt und hat eine ganz große Gabe die Schärfe aus einer tragischen Situation herauszunehmen.

    Arto Paasilinna stellt uns in diesem Buch seine traurigen Helfen vor. Eine Truppe schräger Vögel, die einem mit jeder Seite ans Herz wachsen. Gemeinsam treten sie zur letzten Reise an, jedoch bevor man aus der Welt scheidet, sollte man diese wenigstens mal gesehen haben. So beginnt ein spannender Roadtrip quer durch Finnland, Norwegen und Deutschland, wo ein schräges Abenteuer das nächste ablöst und man als Leser einfach laut mitlachen muss.

    Nein, dies ist kein Roman, der ernsthaft auf die Problematik suizidgefährdeter Menschen eingeht.
    Und ja, auch bei Themen wie Tod und Sterben ist Humor erlaubt.

    Auffällig in diesem Buch, sind die kräftigen Seitenhiebe auf die Gesellschaft und insbesondere die staatlichen Einrichtungen, in denen es auch beachtlich menschelt. Da spielt es keine Rolle, dass der Roman überwiegend in Finnland spielt, die menschlichen Strickmuster sind bis auf unbedeutende Abweichungen flächendeckend die gleichen.
    Der Autor versteht es, ein ernstes Thema in einer sehr unterhaltenden, dabei aber nie oberflächlichen oder schulmeisterlich belehrenden Art und Weise zu beleuchten und dabei noch großartig zu unterhalten.

    Der Schreibstil ist sehr fließend, obwohl ich anfänglich doch sehr mit den kurzen und knappen Sätzen kämpfen musste. Die Protagonisten kommen klar und deutlich rüber und wirken dabei nie künstlich. Ich finde den Humor in diesem Buch einfach erfrischend, nicht gewollt witzig sondern gut gepaart mit traurigen, witzigen und makaberen Nuancen.

    Sterben kann durchaus eine unterhaltsame Angelegenheit sein, wenn man in der passenden Gesellschaft ist und man die Sache dabei nicht so ernst nimmt! Das war sicher nicht mein letzter Roman von Arto Paasilinna!

  • „Die Queen von Manhattan“ | Jane Christo

    Autor: Jane Christo
    Verlag: Heartbeat Edition
    Genre: Liebesgeschichte | Roman
    Prinzessin von New York, Band 2
    Seitenzahl: 347
    ISBN: 978-1-5425-6131-0

    Der Mafia den Rücken zu kehren ist nichts für schwache Nerven. Als Julin der Boden zu heiß wird, bringt er Skyler nach St. Petersburg, doch dort fangen die Probleme erst an. Skylers Vater hat einen Profikiller auf sie angesetzt. Cesare, Oberboss aus Chicago, möchht sie dagegen lebend. Allen wollen ihr Geld zurück und nur Skyler kann es ihnen beschaffen. Doch sie denkt nicht daran, der italienischen Mafia zu altem Glanz zu verhelfen. Sie will kämpfen!

    Meine Meinung

    Nachdem mir „Die Prinzessin von New York“ ja wirklich gut gefallen hat, wollte ich in der Geschichte möglichst schnell weiterlesen. Vermutlich waren meine Erwartungen aber doch etwas zu hoch gesteckt!

    Die Verwüstung, die Skylar mit ihrem Virus im Netz der Mafia hinterlassen hat, zieht weite Kreise! Skyler und Julin sind nun schon seit zwei Jahren ein Paar. Eine Zeit, in der sie es geschafft haben, unter dem Radar der Italiener zu bleiben, die es nach wie vor auf sie abgesehen haben! Allem voran ihr verhasster Vater Silvio Rossi, der sogar Killer auf seine Tochter angesetzt hat.
    Auch Matteo hat in ihrem Leben wieder eine größere Rolle eingenommen. Skylers Stiefbruder hat sich bei den Outlow MC`s einen guten Namen gemacht und führt unter der Hand die Geschäfte.
    Nachdem Julin unerwartet vom Erdboden verschwindet und sich auch Skylars Situation drastisch zuspitzt, sind es Matteo und seine Männer, die sie und Claire mit Hilfe der Hacker aus deren explosiven Situationen retten.

    Skyler und Julin sind in diesem Band allgemein etwas weiter in den Hintergrund gerückt. Jane Christo legt ihr Augenmerk viel mehr auf die Entwicklung zwischen Matteo und Claire.

    Die Computerspezialisten der Mafia können den Virus mittlerweile zu Skyler zurückverfolgen und alle möglichen Seiten schmieden Pläne um den bestmöglichen Nutzen daraus zu ziehen! Wir sind hier bei der Maffia, was können wir uns schon anderes von den werten Herrschaften erwarten?!
    Aber dann geraten wir in ein Katz-und-Maus-Spiel der Extraklasse:  Wer nicht für die Sache ist, ist dagegen und muss natürlich beseitigt werde! Oft war mir überhaupt nicht klar, wohin das eigentlich führen soll. Zudem kommt es dann auch noch zu einer Rettungsaktion, die in meinem Augen mit „Rettung“ nicht viel zu tun hatte. Hauptsache man haut ordentlich drauf und zerstört was geht. Wenn noch was in die Luft fliegt, um so besser!

    Hat die Handlung für mich etwas zu viel Biss, sucht man den bei unseren Charakteren leider vergebens! Ich hab keine Ahnung was Jane Christo vor hatte, aber ich glaub, das ist in die Hose gegangen! Julin ist die meiste Zeit des Buches verschollen und Skyler zweifelt an jedem und allem. Vor allem aber an ihrer eigenen Existenz! Matteo soll als knallharter Biker dargestellt werden, aber der gute Junge kann mit einem einzigen Blick schon ganze Walnüsse knacken! Und dann trägt er seine langen Haare auch noch in einem Männerdutt! Jawohl!! Klischee, Olé!

    Dennoch kann ich dem Schreibstil der Autorin immer noch sehr viel abgewinnen. Die Szenen sind, wenn auch übertrieben in der Handlung, sehr gut beschrieben. Bildgewaltig und detailliert, wie auch schon im ersten Band. Sie schreibt spannend mit gut gewählten Formulierungen. Da steckt auf jeden Fall sehr viel Können dahinter!

    Leider war dieses Buch wirklich ein bisschen „Too much“ für mich!

  • „Das Buch der Spiegel“ | Eugene O. Chirovici

    Titel im Original: „The Book of Mirrors“
    Autor: Eugene O. Chirovici
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von S. Morawetz & W. Schmitz
    Verlag: Goldmann
    Genre: Kriminalroman
    Seitenzahl:  375
    ISBN: 978-3-442-31449-2

    Die Wahrheit ist die Lüge des Anderen!

    Als der Literaturagent Peter Katz ein Manuskript des Autors Richard Flynn erhält, ist er sofort fasziniert. Flynn schreibt über die Ermordung des berühmten Professors Joseph Wieder und Princeton vor einem Vierteljahrhundert. Der Fall wurde nie aufgeklärt und Katz vermutet, dass der mittlerweile unheilbar kranke Flynn den Mord gestehen oder den Täter enthüllen wird. Doch Flynns Text endet abrupt …

    Meine Meinung

    Stell dir vor, du liest ein Manuskript, das einen Mord beschreibt. Doch es ist kein gewöhnlicher Krimi, denn das Opfer hat es wirklich gegeben und der Mord ist tatsächlich in den 80er Jahren passiert. Die Polizei konnte den Täter nie überführen!

    Dem Literaturagenten Peter Katz wurde ein Manuskript zugesandt. Darin schreibt Richard Flynn über die Ermordung Professor Joseph Wieders, einer herausragenden Gestalt in der Geschichte der amerikanischen Psychologie. Die Erzählung spielt 1987 an der Universität Princeton und bricht leider unmittelbar nach der Ermordung ab. Von einem zweitem Teil fehlt jede Spur …
    Dennoch:  Peter Katz ist Feuer und Flamme. Da der Autor vor einigen Wochen an einem Krebsleben verstorben ist, bittet er kurzerhand  seinen Freund John Keller, seine journalistischen Netzwerke nach Kontakten von damals Beteiligten, Informanten oder Ermittlungsergebnissen zu durchforsten. Doch was John zutage fördert, hat mit der Geschichte Richards zwar oberflächlich zu tun, gleicht aber eher einem Zerrspiegel dessen, was Richard geschrieben hatte. Doch aller guten Dinge sind bekanntlich Drei und so kommt der pensionierte Polizist Roy Freeman ins Spiel, der damals mit der Ermittlung betreut wurde. Roy soll das Rätsel im Spiegelkabinett schließlich entwirren, denn nichts ist so, wie es zu Beginn erscheint.

    In „Das Buch der Spiegel“ bekommen wir es mit einem sehr kniffligen Kriminalfall zu tun, der auf den ersten Blick und in seinen Motiven sehr eindeutig wirkt. Bei genauerem Hinsehen ist der Roman jedoch psychologisch sehr hintergründig und facettenreich. Alles und Nichts kann wahr sein, da nach der langen Zeit vieles nicht mehr bewiesen werden kann.

    Die eigentliche Ermittlungsarbeit war für mich gar nicht so spannend. Was „Das Buch der Spiegel“ so besonders macht, ist der Umgang mit der Wahrheit und wie unterschiedlich Tatsachen wahrgenommen werden! Wie diese durch Zeit und Erinnerungen manipuliert werden können, bis es so viele Versionen von ihr gibt, dass es fast unmöglich wird, zum Ursprung zurückzukehren. Diese Manipulation geschieht oftmals unbewusst und ist ein Mechanismus des menschlichen Verstandes um sich zu schützen. Beim Lesen fragt man sich dennoch, welche Wahrheit nun wirklich die Richtige ist … und welcher der Erzähler unbewusst durch eine rosarote Brille beeinflusst wird?!

    Eugene O. Chirovici schreibt sehr ruhig und klar, mit vielen Hintergedanken und großem Sprachschatz. Er bringt mit Tempo die Geschichte voran und fügt immer wieder ein neues verwirrendes Mysterium hinzu und fördert so das Unglück, das wohl alle befällt, der manipulativen Kraft Joseph Wieders zu tun hatten. Selbst die Ermittler in der Gegenwart sind noch von seinem Einfluss betroffen.
    Zusätzlich hat mich das Wechseln der Erzählperspektiven besonders mitgerissen. Der Autor gestaltet seine Erzähler sehr unterschiedlich und interessant.

    Ein unterhaltsamer und spannender Roman, der das interessante Thema „Wie funktioniert unser Gedächtnis“ mit Krimi-Elementen verbindet und dem Leser klar macht, dass nicht alles, was als Lüge daher kommt, auch wirklich eine Lüge sein muss.

  • „Die Herrenausstatterin“ | Mariana Leky

    Autor: Mariana Leky
    Verlag: Dumont Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  207
    ISBN: 978-3-8321-6165-1

    Katja Wiesberg verschwimmt die Welt vor Augen. Ihr Mann ist fort, sie ist ihren Job los und allein. Da sitzt auf einmal ein Herr auf dem Rand ihrer Badewanne. Und noch ein Fremder taucht auf: ein Feuerwehrmann, der behauptet, zu einem Brand gerufen worden zu sein. Mit entwaffnender Zutraulichkeit nisten die beiden sich in Katjas Leben ein, und eine abenteuerliche Dreiecksgeschichte nimmt ihren Lauf …

    Meine Meinung

    Die allgemein etwas unschlüssige Übersetzerin Katja Wiesberg trifft während ihrer Zahnbehandlung auf Jakob. Ein selbstsicherer und doch sensibler Zahnarzt, der sie von der ersten Sekunde an fasziniert. Schon bald werden die Beiden ein glückliches Paar und heiraten, aber das Zusammenwohnen ist so gar nicht Jakobs Sache, er zeltet lieber in Katjas Garten. Wie sich bald herausstellt, hält Jakob auch von Treue nicht sehr viel. Aber bevor die Beiden noch über Scheidung nachdenken können, beendet ein Verkehrsunfall Jakobs Leben und Katjas Ehe. Und eigentlich auch alles Andere!
    Nach Jakobs tot verliert Katja jeglichen Sinn für die Realität. Daher ist sie auch gar nicht groß überrascht, als eines Abends Herr Blank auf dem Rand ihrer Badewanne sitzt und versucht, sie aus ihrem seelischen Tief herauszuholen. Leider ist der gute Mann selbst bereits verstorben! Als dann auch noch der Feuerwehr Armin mit seiner Obsession für Karatefilme in ihr Leben tritt, scheint das Chaos perfekt. Die beiden Männer werden für die nächsten Wochen ihre ständigen Begleiter auf dem Weg zurück ins Leben.

    Mariana Lekys Schreibstil ist wirklich einzigartig! Einfachen, aber doch aussagekräftig und präzise. Sie schmückt ihre Sätze nur sehr selten aus, daher wirken diese etwas hart und bockig, die fulminante Aussagekraft ihres Schreibens kommt dadurch aber definitiv beim Leser an. Die Sprache ist oft spartanisch, auch das macht einen besonderen Reiz aus. „Die Herrenausstatterin“ war mein erstes Buch der Autorin und ich fand es großartig.

    Die Autorin kombiniert starke Szenen, die mich durchaus zum nachdenken gebracht haben und einen absolut grandiosen Humor. Beides sehr fein nuanciert und gezielt auf dem Punkt gebracht. Die subtile Ironie macht das Buch zu einem abgründigen Vergnügen!

    Ich habe mich beim Lesen schon einige Male gefragt, ob es den toten Blank nun wirklich gibt oder ob er nur ein Hirngespinst Katjas ist, mit dessen Hilfe sie mit Jakobs Tod fertig wird. Ein Wackelkontakt mit der Realität, wie Armin es sehr treffend im Buch genannt hat. Im Endeffekt spielt das aber überhaupt keine Rolle, denn wenn man sich auf die Geschichte einlässt, dann ist sie einfach so.

    Besonders gut hat mir die Idee gefallen, Ralph McQuincey, einen fiktiven Karatefilmdarsteller aus den Achtzigern und Armins großes Idol, einen kleinen Gastauftritt zu verschaffen. Die Szenen sind sehr sehr lustig und machen deutlich, dass definitiv nicht nur Katja einen kleinen Schlag in der Realität hat.

    Ich wurde durch ihrem Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“ auf Mariana Leky aufmerksam, der sie auch sicher zu einer der bekanntesten deutschen Autorinnen der letzten Jahre gemacht hat. Daher ist es für mich erstaunlich, dass ihre davor erschienen Romane eher vor sich dümpeln und vom breiten Publikum noch nicht entdeckt wurden. Leute, lest Mariana Leky!