• „Klosterkind“ | Anna Castronovo

    Autor:  Anna Castronovo
    Verlag:  Books on Demand
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  305
    ISBN:  978-3-752-82109-3

    Sizilien 1981. Die siebenjährige Filomena ist verzweifelt. Ihre Mutter hat sie in ein Klosterinternat gebracht, in dem strenge Klausur herrscht. Um zu fliehen, macht sie sich auf die Suche nach einem unterirdischen Gang, der aus dem Kloster herausführen soll. Bei ihren heimlichen Streifzügen stößt sie auf die Spuren von Suor Crocifissa della Concezione, die vor 300 Jahren im selbe Kloster lebte und in den düsteren Gängen dem Teufel begegnete. Die Geschichte der Nonne zieht Filomena immer mehr in ihren Bann, bis sie eines Tages beginnt, von Madre Crocifissa zu träumen …
    Warum wurde Filomena ins Kloster gebracht? Wird sie ihre Mutter je wiedersehen? Und was hat es mit der geheimnisvollen Nonne auf sich?

    Meine Meinung

    In „Klosterkind“ begegnen wir der junge Filomena, die in den 1980ern, ohne große Erklärungen, mit gerade mal sieben Jahren von ihrer Mutter im Kloster ihres Heimatortes abgegeben wurde. Wir begleiten sie durch ihre Kindheit, lernen mit ihr lesen und schreiben und gehen mit ihr den Weg zu Suor Maria Crocifissa della Concezione, die dem verschüchterten Mädchen indirekt das Herz zu Gott öffnet.
    Filomena verbringt die 11 Jahre bis zu ihrem 18. Geburtstag hinter Klostermauern, dabei verwebt die Autorin geschickt ihre fiktive Lebensgeschichte mit historischen Überlieferungen über die sagenumwobene Nonne die von 1645 bis 1699 im italienischen Agrigento lebte!

    „Klosterkind“ ist ein berührendes und starkes Buch das zu Herzen geht! Anna Castronovo hat einen sehr flüssigen und bildgewaltigen Schreibstil, der zwar klar im Ausdruck ist, in mir aber dennoch starke Emotionen wach gerufen hat. Ich konnte mit Filomena mitfühlen und habe mich immer wieder gefragt, was in ihre Mutter gefahren ist, dass sie einfach so ein Kind weggibt und vom Erdboden verschwindet!

    Das Buch ist eine gekonnte Mischung aus Schicksals- und Entwicklungsroman, der aber auch große Elemente aus der historischen Mystery mitbringt. Er regt die Gedanken der Leser über Schuld, Moral und Glaube an, dabei wird die Geschichte aber niemals aufdringlich, wertend oder unangenehm!
    Die mystischen Elemente, die mit den Träumen und Wahrnehmungen des Mädchens zusammenhängen sind sehr geschickt in die Handlung eingeflochten und lassen dem Leser immer selbst die Entscheidung, ob er sie als real oder als Hirngespinst abtut. Es steckt so viel zwischen den Zeilen und selbst nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat, ist Filomena immer noch da …

    Die Lebensgeschichte von Suor Maria Crocifissa della Concezione ist mit kleinen Änderungen ausgesprochen spannend in den Roman eingebettet. Die biografischen Daten sind auch im Anhang des Romans zu finden.

    Anna Castronovo hat es geschafft, eine tolle Protagonistin zu erschaffen, die sehr glaubwürdig und authentisch rüber kommt. Auch das strenge Leben der Nonnen in Klausur und deren Umgang mit den Schülerinnen in den 80er Jahren war in meinen Augen glaubhaft dargestellt. Besonders die ältere Nonne, die im Laufe der Jahre den Stand von Filomenas Ziehmutter annimmt, fand ich wunderbar ausgearbeitet. Natürlich muss man, mit dem Konstrukt der Kirche gut zurechtkommen. Der allgegenwärtige Glaube an Gott ist der Grundpfeiler dieses Romans!

    „Klosterkind“ ist ein mitreißendes Buch über zwei interessante sizilianische Frauen, das die Gedanken und Gefühle der Leser anregt!

  • „Archipel“ | Inger-Maria Mahlke

    Autor:  Inger-Maria Mahlke
    Verlag:  Rowohlt Verlag
    Genre:  Roman
    Gewinner „Deutscher Buchpreis“ 2018
    Seitenzahl:  423
    ISBN:  978-3-498-04224-0

    Julio, el portero, war nicht immer der Pförtner. Doch heute, mit über neunzig Jahren, hütet er die Türen im Asilo, dem Altenheim von La Laguna. Von ihm und von denen, die seinen Weg kreuzten, von dem, was sie liebten, flohen oder gesucht haben, auf der Insel und im Leben, erzählt dieser Roman.
    Er führt in die Tiefen des vergangenen Jahrhunderts, ein Jahrhundert mit vielen Gesichtern. Und es zeigt sich noch heute viel Gestern darin.

    Meine Meinung

    In Inger-Maria Mahlkes jüngstem Roman „Archipel“ weist uns die soziale Gruppendynamik den Weg. Im Gegensatz zu den meisten Romanen, die dem Leser eine soziale Entwicklung näherbringen möchten, geht es hier nicht um das „Wohin“, sondern um das „Woher“!
    Woher kommen die handelnden Personen? Wie wurden sie zu den Menschen, die sie jetzt sind?

    Die Autorin erzählt die Geschichte rückwärts vom Jahr 2015 ausgehend ins Jahr 1919!
    Dabei verfolgen wir fünf Charaktere, die uns 100 Jahre spanische Geschichte näherbringen möchten: Die 1994 geborene Rosa Bernadotte Baute, ihr Vater Felipe Bernadotte González, ihre Mutter Ana Baute Marrero und deren 94-jähriger Vater Julio Baute Ramos. Die fünfte Person ist Eulalia Morales Ruiz, die Hausangestellte der Bernadottes. Während die Bernadottes zur privilegierten Bevölkerungsgruppe der Aristokraten zählen und die Bautes Angehörige des Mittelstandes sind, sind die Morales‘ Teil der Unterschicht, deren Vertreter entweder in prekären Arbeitsverhältnissen oder in der Kriminalität enden.
    Es ist aber auch eine Geschichte der spanischen Gesellschaft zwischen der kurzen Blüte der Republik, einem furchtbaren Bürgerkrieg, der auch auf den Kanaren tiefe Wunden hinterließ und einer bis zur Mitte der 70er Jahre währenden Diktatur!

    Im November 1975 verlor Spanien die Kolonie Spanisch-Sahara an Marokko, was die Aristokratie unweigerlich in den Niedergang führt. Felipe, der Geschichte studiert und sich mit dem Machtmissbrauch seiner Vorfahren auseinandergesetzt hat, versucht sich abzugrenzen. Beim Putsch des Militärs am 23. Februar 1981, äußert er seinem besorgten Vater gegenüber klar seinen Wiederwillen. Auch seine Frau Ana, die der Mittelschicht entstammt und stark dem Sozialismus zugeneigt ist, macht Karriere als Politikerin.
    Die größte Zuneigung empfand ich allerdings gegenüber des 94-jährigen Julio Baute Ramos, der als Pförtner in einem Altenheim in Santa Cruz darauf achten muss, dass ihm kein dementer Bewohner ausbüxt.  Auch die Heiminsassen begegnen uns immer wieder in den Rückblenden …

    Inger-Maria Mahlke, die selbst einen Teil ihrer Kindheit auf Teneriffa verbracht hat, lässt in diesem Buch die spanische Geschichte und Inselgeschichte lebendig werden. Dass sie sich für eine Insel als Handlungsort entschieden hat, macht das Ganze besonders spannend, da sich alles auf einen Mikrokosmos konzentriert. Rechts und links prallen aufeinander. Verschiedene Lebensentwürfe, aber auch soziale Schichten. Vor allem das Schicksal der Morales-Frauen hat mich sehr berührt. Für sie gibt es kein Entkommen aus ihrem Herkunftsmilieu, sie sind in vielerlei Hinsicht abhäng.
    Zudem entwirft die Autorin ein tolles Panorama, das aufzeigt, wo Krisen und politische Entwicklungen ihren Ursprung nehmen.

    Zwar Nebensächlich, aber doch auffallend sind auch die Naturbeschreibungen in diesem Buch: Mahlke beobachtet nicht nur ihre Protagonisten aufmerksam, sondern auch die Flora und Fauna der Kanaren, die sie uns mit einem klaren Blick näher bringt.

    „Archipel“ ist sicher keine leichte Lektüre, aber wenn man sich darauf einlässt, auf jeden Fall eine, die sich lohnt!

  • „Konklave“ | Robert Harris

    Titel im Original: „Conclave“
    Autor: Robert Harris
    Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Müller
    Verlag: Heyne
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  349
    ISBN: 978-3-453-27072-5

    Der Papst ist tot. Er war alt, aber die Todesumstände sind mysteriös. Die um den Heiligen Stuhl buhlenden Gegner formieren sich: Traditionalisten, Modernisten, Schwarzafrikaner, Südamerikaner …
    Kardinal Lomeli, den eine Glaubenskrise plagt, leitet das schwierige Konklave. Als sich die Pforten des Sixtinischen Kapelle hinter den 117 Kardinälen schließen, trifft ein allen unbekannter Nachzügler ein. Der verstobene Papst hatte den Bischof von Bagdad im Geheimen zum Kardinal ernannt. Ist der aufrechte Kirchenmann der neue Hoffnungsträger in Zeiten von Krieg und Terror? Oder ein unerbittlicher Rivale mit ganz eigenen Plänen?

    Meine Meinung

    Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue, dass es heutzutage noch Orte wie den Vatikan gibt, die über Jahrhunderte ihre Geheimnisse bewahren und deren Mythen allen Krisen und Anfechtungen zum Trotz überlebt haben. Selbst die „unbegrenzten“ Möglichkeiten des World Wide Web schaffen es nicht, hinter die geheimen Abläufe der christlichen Kirche zu schauen. Sie kratzen allerhöchstens an der Oberfläche!

    Als Konklave bezeichnet man die Wahl eines neuen Papstes. Dafür kommen die Bischöfe aus aller Welt zu einem streng durchstrukturierten Wahlregiem zusammen, das seit jeher auf die Außenwelt ebenso geheimnisvoll wie faszinierend wirkt. Daher ist es ein ganz besonders Wagnis von Robert Harris, unsere voyeuristischen Sehnsüchte anzufachen und uns Glauben zu lassen, wir könnten Dank ihm hinter die Geheimnisse dieses strengbehüteten Geheimnisses schauen.

    Auch wenn der Klappentext zwischen den Zeilen etwas anderes suggeriert, in „Konklave“ gibt es keinen Mord im Vatikan. Und auch die Intrigen halten sich in Grenzen. Es wird unheimlich viel gebetet, was das Thema des Buches ja schon klarmacht, dennoch musste ich mich öfters fragen, ob Kardinäle im realen Leben wirklich so bigott und fromm sind, wie man sie uns hier verkaufen möchte. Irgendwann habe ich über die Predigten und Gebete einfach drüber gelesen.
    Dennoch schafft es der Autor, den Leser von Beginn an in den Bann seiner Geschichte zu ziehen. Auch wenn das Buch sehr ruhig erzählt und von den Abläufen der Handlung nur sehr einfach gestrickt ist. In meinen Augen ein schwieriges Unterfangen, da die Abläufe einer Papstwahl alles andere als spektakulär sind. Nichts desto trotz schwanken wir mehr als einmal zwischen göttlichen Höhen und teuflischen Abgründen!

    Robert Harris ist keiner, der den Vorschlaghammer auspackt, wenn er auf Probleme und Missstände in der christlichen Gemeinschaft und ihrer Würdenträger hinweist. Vielmehr gelingt es ihm, den Protagonisten so viel Tiefe und Schärfe, aber auch Stärken und Schwächen einzuverleiben, dass man als Leser Position beziehen kann: Einerseits zustimmend, andererseits ablehnend, aber immer frei von Verachtung oder Häme!

    Auch das Ende der Geschichte konnte mich voll und ganz von sich überzeugen. In großen Teilen war es durchaus vorhersehbar und dennoch konnten die Wendungen auf den letzten Seiten doch überraschen.

    „Konklave“ ist auf jeden Fall eine tolle Unterhaltung, zumal das Buch in keiner Phase seines Bestehens mehr sein möchte, als es wirklich ist!

  • „Ein Gentleman ein Moskau“ | Amor Towles

    Titel im Original: „A Gentleman in Moscow“
    Autor: Amor Towles
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Susanne Höbel
    Verlag: List Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  559
    ISBN: 978-3-471-35146-8

    1922. Ein Moskauer Volkskommissariat verurteilt Graf Alexander Rostov zu lebenslangem Hausarrest. Er sei moralisch so korrupt wie die ganze begüterte Klasse. Rostov, ein junger Mann und doch Gentleman alter Schule, wohnt im Hotel Metropol. Das geschichtsträchtige Haus wird die nächsten Jahrzehnte seine Welt. Nichts kann seine Höflichkeit und seine Optimismus erschüttern. Bis er für das Glück eines anderen handeln muss.

    Meine Meinung

    Der Klappentext des Buches beschreibt die Handlung schon ganz gut, wobei ich ehrlich gestehen muss, dass es nicht so einfach ist, bei diesem Roman in aller Kürze zu sagen, worum es eigentlich geht: Graf Alexander Rostov ist ein Gentleman wie er im Buche steht! Elegant, mit gutem Benehmen, einer klaren aber feinen Ausdrucksweise und dem gewissen Charme, der Jung und Alt auf eine offene freundliche Art einnimmt. Im Jahre 1922 wird er von der neuen Regierung in Russland, in seinem geliebten Hotel Metropol zu lebenslangem Hausarrest verurteilt. Nur sein zarenregimekritisches Gedicht, das er Jahre zuvor veröffentlicht hat, soll ihn noch vor der Erschießung gerettet haben.
    Alexander Rostov macht also das Beste aus seiner Lage und führt auch weiterhin ein gutes Leben:  Er speist in den feinen Restaurants des Hotels, liest in den klassischen Werken, die er aus seinem Anwesen mitgebracht hat und versucht so gut wie möglich der Langeweile zu entkommen!

    Amor Towles hat einen sehr detailreichen und poetischen Schreibstil, der zwar anspruchsvoll zu lesen, aber sehr leicht für den Leser zugängig ist. Die Sätze sind angenehm verschachtelt und haben bei mir die schönsten Bilder hervorgerufen. In weiten Strecken ist „Ein Gentleman in Moscow“ ein absolutes Wohlfühlbuch für mich geworden.

    Dank seiner großartigen Darstellung wurde auch Alexander Rostov für mich zu einer Figur, die ich in meiner Gedankenwelt nicht mehr missen möchte. Seine feine Art und sein Geschick, mit Problemen größerer und kleinerer Art umzugehen, ist in meinen Augen die Verkörperung der Lebensweisheiten, die wir als Kind immer wieder von den Großeltern mitbekommen haben.
    Zusätzlich lernen wir noch einige andere faszinierende Mitarbeiter des Hotels kennen, die mit ihren Lebensgeschichten die Handlung bereichern und für Rostov zu der Familie werden, die er vor vielen Jahren verloren hat. Ihr Miteinander ist von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung geprägt.

    Natürlich wird auch ein sehr wichtiges Stück der russischen Geschichte in diesem Roman erzählt. Dabei wird ganz bewusst der Zweite Weltkrieg außen vor gelassen, den der Graf wegen seinem Arrest gar nicht bewusst wahrnimmt. Wir hangeln uns durch die Geschehnisse zwischen den 20er und 50er Jahren: Stalin, Malenkow, Chruschow, …! Und ihren Kampf um die Führungspositionen an der Parteispitze.

    Ein Gentleman in Moskau ist wahrlich ein Meisterwerk an Erzählkunst und Wortgewandtheit, in der ich mich keine Minute gelangweilt habe!

  • „Ruhm“ | Daniel Kehlmann

    Autor:  Daniel Kehlmann
    Verlag:  Rowohlt Verlag
    Genre:  Kurzgeschichten
    Seitenzahl:  203
    ISBN:  978-3-498-03543-3

    Ein Schriftsteller mit einer unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen. Ein verwirrter Internetblogger. Ein Abteilungsleiter mit Doppelleben. Ein berühmter Schauspieler, der lieber unbekannt wäre. Eine Dame auf der Reise in den Tod!
    Ihre Wege kreuzen sich in einem Geflecht von Episoden zwischen Wirklichkeit und Schein. Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen – komisch, tiefgründig und elegant erzählt!

    Meine Meinung

    „Wir sind immer in Geschichten. Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und die andere beginnt. In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.“ – Aber nicht in Diesem! In „Ruhm“ spielt Daniel Kehlmann mit den Ebenen der „abgeschlossen“ Kurzgeschichten und konnte mich damit wirklich überraschen und überzeugen!

    Das Buch besteht aus neun unabhängigen Geschichten, die miteinander durch Personen aus den anderen Geschichten, verbunden sind. Im Grunde haben sie nichts miteinander zu tun, aber irgendwie dann doch. Mit der Zeit ergibt sich aus den unterschiedlichen Blickwinkel ein surreales Gesamtbild …
    Ein Mann mit der Telefonnummer eines anderen. Ein Bestsellerautor, der in exotischen Ländern vor deutschen Diplomaten Vorträge hält und von seiner Geliebten begleitet wird. Die alte Dame, die wegen einer Krebserkrankung zum Sterben in die Schweiz fliegt. Der Filmstar, dessen Doppelgänger auf einmal zum Original wird. Der Abteilungsleiter einer Telekommunikationsfirma, dessen Leben zwischen zwei Geliebten mehr und mehr ins Chaos rutscht … Und mittendrin wird eine Figur, die eigentlich nur in einem Roman existiert, plötzlich real! Unterschiedliche Realitätsstufen vermischen und trennen sich wieder. Teilweise ein bisschen zugespitzt, entsprechen die Geschichten dennoch dem aktuellen Zeitgeist!

    Auch wenn es für Daniel Kehlmann eher untypisch ist, sind die Protagonisten in diesen Kurzgeschichten sehr witzig und in ihren Charakteren und Handlungen gezielt übertrieben und ausschweifend dargestellt. Zudem merkt man zwischen den einzelnen Erzählungen auch einen sehr deutlichen Unterschied in der Schreibweise, was sie für mich aber interessant und süffig zu lesen gemacht hat! Dennoch haben die Kurzgeschichten einen eher düsteren Hintergrund und haben doch sehr stark in mir nachgeklungen. Mir gefiel die innere Dynamik und Motivation sehr gut.

    Alles in allem sind die Geschichten pfiffig und trickreich erzählt. Manchmal greift der Erzähler ein. Manchmal gibt es gewitzte Überlappungen und Wendungen. Manchmal lesen wir philosophische Passagen und schöne Beschreibungen und besonders gut hat mir die feine, unaufdringliche Ironie gefallen, mit der Daniel Kehlmann seine Figuren begleitet! Die Sprache ist sehr eingängig und abwechslungsreich, wenn auch nicht wie von ihm gewohnt poetisch.

    Wollt ihr einen Tipp von Mir?
    Ihr solltet „Ruhm“ auf jeden Fall öfters lesen. Man entdeckt immer wieder neue Bezüge …

  • „Das Seelenhaus“ | Hannah Kent

    Titel im Original:  „Burial Rites“
    Autor:  Hannah Kent
    Aus dem Australischen übersetzt von
    Leonie von Reppert-Bismarck & Thomas Rütten
    Verlag:  Drömer Knaur
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  379
    ISBN:  978-3-426-19978-7

    Island 1828. Agnes ist eine selbstbewusste und verschlossene Frau. Sie wird als hart arbeitende Magd respektiert, was sie denkt und fühlt behält sie für sich. Als sie des Mordes an zwei Männern angeklagt wird, ist sie allein. Die Zeit bis zur Hinrichtung soll sie auf dem Hof eines Beamten verbringen. Die Familie ist außer sich, eine Mörderin beherbergen zu müssen – bis Agnes Stück für Stück die Geschichte ihres Lebens preisgibt!

    Meine Meinung

    „Das Seelenhaus“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Agnes Magnúsdóttir war 1829 die letzte Frau in Island, an der die Todesstrafe vollstreckt wurde. Die australische Autorin Hannah Kent stolperte bei einem Islandaufenthalt über diese Geschichte und war davon sofort fasziniert. Sie nutzte die bisher existierenden Dokumente für ihre Recherche, um sich beim Schreiben so weit wie möglich an die Tatsachen halten zu können.

    Zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Island noch von vielen kleinen und einigen größeren bäuerlichen Gutsbetrieben geprägt. Eine entbehrungsreiche Zeit in der harte körperliche Arbeit den Alltag ausfüllte. Wer nicht das Glück hatte in eine Familie geboren zu werden, die im Besitz einer Landwirtschaft war, verdient sich als Magd oder Knecht …
    Agnes Magnúsdóttir arbeitet als Magd, als ihr Dienstherr ermordet aufgefunden wurde. Auch sie wird vom Landrat als Komplizin des Täters zum Tode verurteilt. Da zu jener Zeit die Todesurteile noch vom dänischen König bestätigt werden mussten, wird Agnes bis zur Vollstreckung auf einem der Gutshöfe untergebracht. Wenn sie dem Land schon zur Last fällt, soll sie sich gefälligst auch nützlich machen! So landet sie auf dem Kornsahof. Die fleißige und stille Frau fügt sich nach und nach ins Familienleben ein, bis eines Tages die schlimme Botschaft mit dem definitiven Todestag eintrifft …

    Hannah Kent beschreibt in aller Deutlichkeit die Lebensverhältnisse, das Land und das Klima, dazu passt auch ihre sachliche, klare und offene Schreibweise. Man spürt regelrecht die Kälte des Klimas und die Härte der Menschen. Dennoch schafft sie es die Spannung konstant in der Geschichte zu halten und lässt ihre Leser durch die stätigen Rückblicke eine innige Beziehung zu Agnes aufbauen. Die Menschen sind in all ihren Facetten wunderbar getroffen.

    „Das Seelenhaus“ geht nicht nur unter die Haut, sondern auch tief ins Herz! Agnes wurde als Mörderin verurteilt. Eine Frau, die zu solch einer Tat fähig ist, musste ein Monster sein. So und nicht anders wird sie von den Menschen gesehen und behandelt. Welche Umstände letztendlich zu der Tat geführt haben, hat in ihrem Umfeld niemanden interessiert. So war auch der geistliche Beistand, der ihr zur Seite gestellt wurde, dazu angehalten, mit ihr zu beten, von der Barmherzigkeit Gottes zu predigen und sie im christlichen Sinne auf den Tod vorzubereiten. Dass der junge Vikar sich von Agnes ihre Lebensgeschichte erzählen lässt, ist an keiner Stelle vorgesehen. Im Gegenteil, es wird sogar als völlig falsch erachtet. Niemand darf sich für Agnes Magnúsdóttir interessieren. Sie ist eine eiskalte Mörderin und das sagt ja schließlich schon alles über ihren Charakter aus …
    Doch genau das ist das Thema: Die Frau hinter dem Bild der Mörderin besser kennenzulernen. Ihr Leben, das von Anfang an von Armut geprägt war. Ebenso der Umstand, dass sie niemals eine verlässliche Gemeinschaft in ihrem Leben hatte. Agnes als eine intelligente und verletzliche Frau zu sehen!

    Ein wirklich beeindruckender Roman, der gekonnt Fiktion mit historischer Realität vermischt!

  • „Sterne über Rom“ | Karen Swan

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original: „The Rome Affair“
    Autor: Karen Swan
    Aus dem Englischen übersetzt von Gertrud Wittich
    Verlag: Goldmann Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  539
    ISBN: 978-3-442-48778-3

    Die Engländerin Cesca lebt in Rom und betreibt einen erfolgreichen Blog, der eine Hommage an die ewige Stadt und das Dolce Vita ist. Als sie Bekanntschaft mit ihrer Nachbarin macht, der berühmten Viscontessa Elena, sind sich beide sofort sympathisch. Cesca willigt sogar ein, ihre Memoiren zu verfassen. Doc je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr beschleicht Cesca das Gefühl, dass Elena etwas vor ihr verbirgt. Als auf einer Baustelle ein wertvoller Diamantring gefunden wird, der angeblich Elena gehört, stellt Cesca zusammen mit dem attraktiven Archäologen Nico Nachforschungen an – und fördert ein tragisches Geheimnis zu Tage …

    Meine Meinung

    Francesca, kurz Cesca genannt, hat ihren Beruf als Rechtsanwältin in London an den Nagel gehängt und möchte sich in Rom ein neues Leben aufbauen. Dort schreibt sie einen erfolgreichen Blog über die ewige Stadt und arbeitet nebenbei als Fremdenführerin. Ihr ganzer Stolz ist die kleine Wohnung auf der Piazza Angelica, unmittelbar neben dem prachtvollen Palazzo der Familie Damiani.
    Durch Zufall lernt sie die Bewohnerin, die Viscontessa Elena Damiani kennen. Diese macht ihr das verlockende Angebot, für sie zu arbeiten: Cesca soll ihre Memoiren verfassen.
    Schon bald muss sie jedoch feststellen, dass es die Viscontessa nicht immer ganz so ehrlich mit ihrer Vergangenheit nimmt …
    Als nach einem Erdbeben auch noch eine Sinkhöhle im Garten des Palazzo entsteht, in der der Speläologe Nico einige unglaublich wertvolle Funde macht, sucht Cesca verbissen nach der Wahrheit!

    Karen Swan erzählt uns die Geschichte der beiden Frauen in abwechselnden Kapiteln auf zwei Zeitebenen. Wir begleiten sie in der Gegenwart vom Juli bis zum Oktober 2017, erfahren im zweiten Handlungsstrang aber auch von Elenas bewegter Lebensgeschichte zwischen den 60er und 90er Jahren.
    Die Kapitel sind recht kurz gehalten, was beim Lesen zwar für Abwechslung sorgt, lässt aber leider nur wenig Spannung in den einzelnen Handlungssträngen entstehen. Das macht die Geschichte an manchen Stellen leider doch etwas langatmig! Für mich war Elenas Vergangenheit deutlich fesselnder. Cescas Geschichte konnte mich erst mit Nicos auftauen so richtig mitreißen. Auch wenn sich die beiden anfangs gar nicht ausstehen konnten, sprühen doch schon bald die Funken.
    Zusätzlich überrascht der Roman mit einer intensiven Kriminalgeschichte, rund um Tod, Geld und Macht!

    In diesem Buch wird Rom wunderbar dargestellt! Die Autorin transportiert die vielen schönen Orte und Sehenswürdigkeiten, das Dolce Vita und das Leben der Menschen dort zielsicher an ihre Leser. Ich konnte regelrecht die Geräuschkulisse hören und die Sonne in meinem Gesicht spüren. Karen Swan konnte auch das besondere Flair dieser tollen Stadt in ihrer Erzählweise auffangen.
    Der Palazzo und die Piazza, also die Orte, an denen „Sterne über Rom“ hauptsächlich spielt, sind laut Nachwort der Autorin zwar fiktiv aber die weitere Umgebung hat sie selbst vor Ort recherchiert und dementsprechend schön beschrieben.

    „Sterne über Rom“ ist eine Hommage an das Temperament der Italiener, an die wahre Liebe und an eine tolle Stadt!

  • „Der Fall Collini“ | Ferdinand von Schirach

    Autor: Ferdinand von Schirach
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  193
    ISBN: 978-3-492-30146-6

    34 Jahre hat der Italiener Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann ermordet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos wie es aussieht. Als der junge Anwalt Caspar Leinen die Pflichtverteidigung für Fabrizio Collini zugewiesen bekommt, erscheint im der Fall die vielversprechende Karrierechance zu sein, auf die er gewartet hat. Doch als er erfährt, um wen es sich bei dem Mordopfer handelt, wird der Prozess zu seinem persönlichen Albtraum!

    Meine Meinung

    Ferdinand von Schirach zeigt uns in seinem Buch „Der Fall Collini“ eine verheerende Geschichte, die im 2. Weltkrieges ihren Anfang nimmt und dessen Spuren sich noch bis in die heutige Zeit ziehen.

    Die Geschichte handelt von einem jungen Anwalt, der seinen ersten Fall als Pflichtverteidiger übernimmt. Als dieser voller Eifer loslegen will muss er jedoch feststellen, dass sein Mandant gar nicht anwaltlich vertreten werden möchte. Rechtsanwalt Caspar Leinen macht sich also selbst auf die Suche nach der Wahrheit.
    Bei einem so kurzen Roman möchte man gar nicht zu viel verraten. Es geht um die große Frage, was einen Menschen dazu treibt, einen Mord zu begehen, wenn er doch selbst bis dahin nie gewalttätig und irgendwie anders auffällig wurde. Jeder Leser wird seinen eigenen Schwerpunkt in der Geschichte setzen …

    Das Buch ist voller Spannung und endet, wie man es definitiv nicht vorhergesehen hat. Das Kernthema behandelt die nachlässige Gesetzgebung, mit der in Deutschland mit NS-Verbrechen bzw. den ausführenden Soldaten in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg umgegangen wurde. Neben dem lehrreichen Aspekt, der mich als Leser total in den Bann gezogen hat, fand ich die Art, wie der Autor die Geschichte erzählt, äußerst unterhaltsam. Auch das Verhalten der Anwälte untereinander trägt zur Intensivierung der Geschichte bei.

    Ferdinand von Schirach arbeitet selbst als Anwalt, daher habe etwas vermehrt mein Augenmerk auf die Szenen im Gericht gelegen. Diese fand ich gut ausgearbeitet, sehr sachlich und klar präsentiert. Jedoch ohne viel Schnickschnack, der uns die Geschichte unnötig verschönert.

    Oberflächlichkeiten sind mitunter die Merkmale unserer heutigen Zeit. In die Tiefe zu gehen bedeutet oft, auf Dinge zu stoßen, die Zweifel, Wut und Schmerzen verursachen könnten. Ist es unserer Gemütlichkeit geschuldet, dass wir heutzutage lieber die Dinge so zur Kenntnis nehmen, wie wir sie auf den ersten Blick sehen?
    Beharrlichkeit und der eiserne Wille, einer Sache auf den Grund zu gehen, ist zwar manchmal unbequem, lohnt sich aber letztendlich doch …

  • „Der Zopf“ | Laetitia Colombani

    Titel im Original: „La Tresse“
    Autor: Laetitia Colombani
    Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Marquardt
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  282
    ISBN: 978-3-10-397351-8

    Die Lebenswege von Smita, Giulia und Sarah könnten unterschiedlicher nicht sein. In Indien setzte Smita alles daran, damit ihre Tochter lesen und schreiben lernt. In Sizilien entdeckt Giulia nach dem Unfall ihres Vaters, dass das Familienunternehmen, die letzte Perückenfabrik Palermos, ruiniert ist. Und in Montreal soll die erfolgreiche Anwältin Sarah Partnerin der Kanzlei werden, da erfährt sie von ihrer schweren Erkrankung. Ergreifend und kunstvoll flicht Laetitia Colombani aus den drei außergewöhnlichen Geschichten einen prachtvollen Zopf!

    Meine Meinung

    In „Der Zopf“ bekommen wir einen Einblick in das Leben von drei mutigen, entschlossenen und starken Frauen, die unbeirrt ihren Weg gehen …
    Smita ist eine indische „Unberührbare“, die ihrer Tochter mit aller Macht eine bessere Zukunft bieten möchte. Giulia, eine junge Sizilianerin, arbeitet in der Perückenknüpferei ihres Vaters und muss nach einem schweren Schicksalsschlag ihre Professionalität und Kampfeslust beweisen. Sarah ist eine aufstrebende und erfolgreiche Anwältin aus Montreal, die am Höhepunkt ihrer Karriere ihre Gesundheit verlässt.
    Drei verschiedene Leben! Drei Frauen mit vollkommen unterschiedlichen Hintergründen!

    Natürlich ahnt man schon früh, in welche Richtung die Leben unserer Protagonisten zusammenlaufen, anhand der spannenden Erzählweise von Laetitia Colombani bleibt das aber nebensächlich. Die Autorin hat einen sehr klaren und teilweise sogar sachlichen Schreibstil. Ruhig im Erzählstil, dennoch werden die Emotionen einfach und transparent an den Leser weitertransportiert.

    Besonders berührt hat mich die Erzählung um die Indische Smita. Die Autorin hat die Lebensumstände der „Unberührbaren“ wirklich gut recherchiert. Smita hat wirklich nichts! Weder genug zu essen, noch Bildung, noch Perspektiven für ihre 6-jährige Tochter. Eine grausame Wahrheit, die für mich nicht immer leicht zu ertragen war.
    Auch die beiden anderen Erzählstränge sind lesenswert und interessant. Die junge Giulia muss, nach einem schweren Unfall und dem Tod ihres Vaters, sehr früh ihren eigenen Weg im Leben finden. Ihre Familie steht vor dem nichts, dennoch stellen sie die junge Frau vor eine schwere Prüfung. Und Giulia wird diese mit Bravour Meistern! Sarah will mit Durchhaltevermögen und eisernem Willen der Diagnose Brustkrebs trotzen, obwohl sie ihr chauvinistischer Chef nach Bekanntwerden ihrer Erkrankung schnell aufs Abstellgleis setzt. Sie muss erst auf die harte Tour lernen, was in ihrem Leben wirklich wichtig ist und wofür es sich lohnt, die letzten Kräfte einzusetzen.

    „Der Zopf“ zeigt uns, dass sich viele Dinge gegenseitig beeinflussen, auch wenn man das selbst vielleicht gar nicht so aktiv wahrnimmt. Selbst unscheinbare Dinge oder Taten können für Andere schon eine große Hilfe sein!