• „Das Spiel des Engels“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „El Juego del Ángel“
    Autor: Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 2
    Seitenzahl: 711
    ISBN: 978-3-10-095400-8

    Der junge David Martin fristet sein Leben indem er unter falschem Namen Schauerromane schreibt. Plötzlich erhält er einen mit dem Zeichen eines Engels versiegelten Brief, in dem im der Mysteriöse Verleger Andreas Corelli einlädt. Angelockt von dem Talent des jungen Autors hat er einen Auftrag für ihn, dem David nicht widerstehen kann.
    Aber David ahnt nicht, in welchen Strudel furchterregender Ereignisse er gerät …

    Meine Meinung

    Mit „Das Spiel des Engels“ geht es in der Geschichte rund um die Familie Sempere weiter. Wobei hier der Friedhof der vergessenen Bücher nur kurz angeschnitten wird, jedoch keine so gewichtige Rolle wie in „Der Schatten des Windes“ einnimmt.

    Da ich die gesamte Reihe bereits gelesen habe, kann ich euch verraten, dass ihr dieses Buch nicht mit dem Ersten vergleichen solltet. Natürlich besteht eine Verbindung in der Geschichte, aber der Inhalt ist viel mystischer und surrealer! Auch der Erzählstil ist schwammiger und „theatralischer“. Dies ist durchaus vom Autor so gewollt und ihr werden die Erklärung hierfür auf jeden Fall im nächsten Band „Der Gefangene des Himmels“ finden, das kann ich euch versprechen. Grade was das Ende betrifft!
    Nehmt das Buch einfach so wie es ist und wartet ab, was danach weiter passiert …

    Wir schreiben das Jahr 1930 in Barcelona, während der turbulenten Jahre des Bürgerkrieges!
    Der junge David Martín, der als ernsthafter Schriftsteller verkannt wird, fristet sein Dasein als Verfasser von gruseligen Groschenromanen. Sein bester Freund schnappt ihm die Liebe seines Lebens weg und er muss zu alledem noch erfahren, dass er unter einer tödlichen Krankheit leidet. Kann das Leben noch trostloser verlaufen?
    Doch ein mysteriöser Anhänger glaubt beständig an sein Talent:  Der Verleger Andreas Corelli, der ihm ein ungewöhnliches Projekt vorschlägt. David kann nicht widerstehen, hat er doch auch nichts zu verlieren. Er ahnt noch nicht, auf was er sich da eingelassen hat …

    Inhaltlich ist „Das Spiel des Engels“ gute 15 Jahre vor dem Auftakt der Reihe angesiedelt. Wir erfahren hier überwiegend über das Leben der Eltern von Daniel Sempere, aber vor allem von seiner früh verstorbenen Mutter Isabella, die als junges Mädchen eine Zeitlang mit David Martín zusammengelebt hat.

    Wie auch bei „Der Schatten des Windes“ besticht dieser Roman durch seine Charaktere, die einen ganz besonderen Charme mit sich bringen und seine ganz eigene harmonische und bildliche Sprache, die für mich einen unheimlichen Sog entwickelt. Am liebsten hätte ich mich gleich direkt nach Barcelona gewünscht!

    Carlos Ruiz Zafón transportiert einen wunderbar zarten Humor, der unglaublichen Spaß beim Lesen macht.

    Auch die Handlung ist toll aufgebaut und schon jetzt tauchen immer mehr Verknüpfungen und Erklärungen zum Vorgängerband auf!

    „Das Spiel des Engels“ ist sehr magisch mit viel gruseliger Atmosphäre und Spannung.

  • „Das Rosie-Effekt“ | Graeme Simsion

    Titel im Original: „The Rosie-Effect“
    Autor: Graeme Simsion
    Aus dem australischen Englisch übersetzt von Annette Hahn
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman  |  Humor
    Don Tillman, Band 2
    Seitenzahl:  557
    ISBN: 978-3-596-52118-0

    Don Tillman, sozial ungelenker Wissenschaftler auf der Suche nach der großen Liebe, hat es geschafft: sein „Ehefrau-Projekt“ ist abgeschlossen, er lebt mit der umwerfenden Rosie glücklich verheiratet in New York. Und dann gibt es Neuigkeiten:  Rosie ist schwanger!

    Selbstverständlich will Don der perfekteste werdende Vater sein, den es je gab …

    Meine Meinung

    Herzlich Willkommen in der Welt von Rosie und Don! Es geht weiter …

    „Der Rosie-Effekt“ spielt einige Monate nach seinem Vorgängerband. Der kühle und rational denkende Genetiker Don Tillman und seine ihm frisch angetraute Ehefrau Rosie, sind nach New York gezogen. Dort möchte sie ihre Doktorarbeit zu Ende schreiben und Don hat eine gute Anstellung an ihrer Universität bekommen. Natürlich arbeiten die Beide auch noch immer in einer Cocktailbar und mixen Drinks, eine Leidenschaft, die Rosie in Don geweckt hat und dem beide treu geblieben sind!
    Doch schon nach wenigen Monaten wird Rosie schwanger! Von der Neuigkeit unerwartet getroffen, schlittert Don mit seiner schwangeren und damit nur noch halb so geduldigen Frau in eine handfeste Ehekrise …

    Mit seiner bereits im ersten Buch hervorstechenden logischen Denkweise macht sich Don an die Lösung seiner Probleme. Da ihm empathische Fähigkeiten weitgehend fremd sind, kann er nur durch Beobachtung lernen oder sich das nötige Wissen anlernen. „Der Rosie-Effekt“ ist genau wie sein Vorgänger aus Dons Ich-Perspektive geschrieben, so kann der Leser sehr gut nachvollziehen, welche Gedanken ihn bei seinen Weg beschäftigen. Mit Hilfe von Auflistungen und Tabellen erfasst er alles strukturiert und ohne emotionale Störungen. Ihr könnt euch denken, dass er mit seinem ungewöhnlichen Verhalten oft aneckt und in so manch schwierige Situation kommt …
    Eigentlich sollte man meinen, dass Rosie ihn mittlerweile kennt und seine Reaktionen einschätzen kann, doch Dons allerwichtigstes Anliegen ist es, allen Stress von ihr fern zu halten um seinem Kind nicht zu schaden. So beginnt Don viele Dinge zu verheimlichen und Missverständnisse auf allen Ebenen sind vorprogrammiert!

    Auch in diesem Buch hat der Autor auffallend gut über den Charakter und die Gedankengänge eines Aspergerpatienten recherchiert und geschrieben. Schon im ersten Band konnte Graeme Simsion mich überzeugen und das zieht sich hier grandios weiter. Das Tolle darin ist, dass er den Humor und nicht das Defizitäre einer Asperger-Persönlichkeit hervorhebt. Menschen mit Asperger haben es in unserer Gesellschaft nicht immer leicht und erfahren viel Ablehnung aufgrund ihrer Art zu Denken, zu Fühlen und zu Handeln. Gleichzeitig werden sie aber auch oft wegen ihrer Inselbegabung bewundert.
    Graeme Simsions Humor wirkt weder beleidigend noch zieht er Situationen unangenehm ins Lächerliche.

    Auch Dons Männerrunde Gene, George und Dave sorgen für manch humorvolle Szene!

    Insgesamt gesehen ist „Der Rosie-Effekt“ ein würdiger Nachfolger für „Das Rosie-Projekt“!

  • „Die Vermessung der Welt“ | Daniel Kehlmann

    Autor: Daniel Kehlmann
    Verlag: Rowohlt Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  302
    ISBN: 978-3-498-03528-2

    Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machen sich zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt. Der eine, Alexander von Humboldt, kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, erprobt Gifte im Selbstversuch und zählt die Kopfläuse der Eingeborenen. Der Andere, Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, der sein Leben nicht ohne Frauen verbringen kann und doch sogar in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren – er beweist auch im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt.

    Alt, berühmt und auch ein wenig sonderbar geworden, treffen sich die beiden 1828 in Berlin. Doch kaum steigt Gauß aus seiner Kutsche, sind sie schon tief verstrickt in die politischen Wirren Deutschlands nach dem Sturz Napoleons.

    Meine Meinung

    Bei „Die Vermessung der Welt“ ist immer wieder ein Genuss!
    Daniel Kehlmann liefert uns hier eine fiktive Doppelbiografie, die vielleicht nicht immer historisch korrekt ist, aber mit viel Witz und Satire punktet.

    „Die Vermessung der Welt“ ist eine lesenswerte Charakterstudie zweier großer Wissenschaftler, die als Menschen unterschiedlicher nicht hätten sein können und dennoch eines gemeinsam hatten: Die feste Überzeugung, dass man der Wahrheit nur durch genaues Messen auf die Spur kommen kann.
    Der Mathematiker Johann Carl Friedlich Gauß und der Naturforscher Alexander von Humboldt stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Beide waren bereits zu Lebzeiten anerkannte Forscher auf ihren Gebieten und im Zuge dieser Geschichte begleiten wir die beiden Männer auf ihren Erlebnissen. So reisen wir mit Humboldt nach Spanien, Süd- und Mittelamerika, aber auch nach Paris und Russland. Dagegen hat der reisefaule Gauß das Königreich Hannover mit seinen Universitäten in Göttingen und Braunschweig zeitlebens kaum verlassen.
    Beide waren Universalbegabungen, die unter der Indifferenz ihrer Mitmenschen zu leiden hatten, und beide waren ihrer Zeit weit voraus.

    Daniel Kehlmann würdigt er seinen Protagonisten manchmal auf sehr respektlose Weise. Der Leser wird Zeuge, wie Gauß und Humboldt mit ihren charakterlichen Besonderheiten und dem lästigen Ballast des täglichen Lebens ringen. Die Genialität und Skurrilität der Beiden blitzt meist nur oberflächlich auf und trotzdem setzen sich die einzelnen Episoden zu einem geschlossenen Gesamtbild zusammen.

    Ich würde den Schreibstil als detailliert und flüssig beschreiben, man sollte aber doch ein Fan von starken und teilweise verschachtelten Sätzen sein. Er schreibt menschlich, aber nicht rührselig und manchmal sogar ehrfurchtsvoll über seine Protagonisten. Dazu kommt ein guter Schuss Witz und Satire.

    Was mir sehr gut an diesem Buch gefallen hat, ist die Balance zwischen Biographie und Roman, da zum einen das Leben beider Person chronologisch wiedergegeben wird, zum anderen jedoch in Form und Ausdruck stark an einen Abenteuerroman erinnert.

  • „Das Rosie-Projekt“ | Graeme Simsion

    Titel im Original: „The Rosie-Project“
    Autor: Graeme Simsion
    Aus dem australischen Englisch übersetzt von Annette Hahn
    Verlag: Fischer Verlag
    Don Tillman, Band 1
    Genre: Roman  |  Humor
    Seitenzahl:  432
    ISBN: 978-3-536-52083-1

    Don Tillman will heiraten. Allerdings findet er menschliche Beziehungen oft höchst verwirrend und irrational. Was tun? Don entwickelt das „Ehefrau-Projekt“: Mit einem 16-seitigen Fragebogen will er auf wissenschaftlich exakte Weise die ideale Frau finden. Also keine, die raucht, trinkt, unpünktlich oder Veganer ist.
    Und dann kommt Rosie! Unpünktlich, Barkeeperin, Raucherin, Offensichtlich ungeeignet. Aber Rosie verfolgt ihr eigenes Projekt:  Sie sucht ihren biologischen Vater. Dafür braucht sie Dons Kenntnisse als Genetiker. Ohne recht zu verstehen, wie ihm geschieht, lernt Don staunend die Welt jenseits beweisbarer Fakten kennen und stellt fest: Gefühle haben ihre eigene Logik!

    Meine Meinung

    „Das Rosie-Projekt“ steht nun schon seit langer Zeit in meinem Regal und wartet darauf gelesen zu werden. Graeme Simson liefert uns hier eine Geschichte, die den Leser zwar zum Schmunzeln, aber in weiterer Folge doch sehr zum Nachdenken bringt.

    Die Welt der Gefühle ist für Don Tillman, einem hochintelligenten Professor für Genetik, wie ein weißer Fleck auf einer Landkarte. Er liebt seinen durchstrukturieren und minutiös verplanten Alltag und hat so überhaupt kein Verständnis für notorische Zuspätkommer, Raucher oder Frauen mit gefärbten Haaren. Jede Form von Chaos ist ihm ein Graus! Dennoch hat er den Gedanken bzw. die gesellschaftliche Konvention einer Eher noch nicht ad acta gelegt. Er startet das Projekt „Ehefrau“!
    Als die Barkeeperin, Raucherin und bekennende Vegetarierin Rosie in sein Leben tritt begibt er sich in das größte Abenteuer seines Lebens, in dem ein Highlight das Nächste jagt … und seine strukturierte Welt sehr schnell zum bröckeln beginnt!

    Bereits seit Sheldon Cooper versuchen uns die Medien, Menschen mit einer schweren sozialen Disharmonie, die auf die Diagnose Autismus bzw. Asperger zurückzuführen ist, auf einfachen Weg näher zu bringen. Auch wenn wir gerne über sie schmunzeln, sollen sie ihre Zuschauer und Leser für die Bedürfnisse, die mit diesem Krankheitsbild einhergehen sensibilisieren!
    Auch Graeme Simsion zeigt uns aus Dons Sicht die Welt und hält unserer eigenen Reaktion den Spiegel vor. Und das auf eine Weise, die mit Dons staubtrockenen, emotionslosen Kommentaren jede Menge Emotionen, aber auch Verständnis hervorruft. Allein schon die Erklärung, warum man nach 15:48 Uhr keinen Kaffee mehr trinken sollte, hat mich schwer überzeugt!

    Don glaubt von sich selbst, er sei nicht fähig Gefühle zu haben. Auch bezeichnet er sich selbst als sozial nicht kompatibel, da er mangels Gesellschaft sich nicht mit dessen Verhaltensregeln auskennt und sie auch gar nicht versteht. Aber genau diese Ausrutscher und seine ungewöhnliche Art die Welt zu organisieren machen Don sehr sympathisch und haben mir wieder in einigen Situationen die Augen geöffnet. Auf der einen Seite schafft sein Verhalten Unverständnis, auf der anderen Seite Bewunderung und je weniger die Menschen seine Eigenarten beachten, umso normaler wird Don!

    Der Schreibstil des Autors gefällt mir sehr gut. Er ist direkt, treffend, flüssig und ausdrucksstark!

    „Das Rosie-Projekt“ ist ein kluges Buch über Beziehungen, wie sie zustande kommen und der Tatsache, dass es schön ist, ein bisschen anders und verrückter zu sein!

  • „Der Distelfink“ | Donna Tartt

    Titel im Original: „The Goldfinch“
    Autor: Donna Tartt
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von R. Schmidt und K. Lutze
    Verlag: Goldmann Verlag
    Genre: Roman
    Gewinner Pulizer-Preis 2014
    Seitenzahl:
     1.022
    ISBN: 978-3-442-31239-9

    Es passiert, als Theo Decker 13 Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreckliches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Umständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück, denn sein Vater hat ihn schon längst im Stich gelassen. Theo versinkt in tiefer Trauer, die ihn lange nicht mehr loslässt. Auch das Gemälde, das seit dem fatalen Ereignis verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise abzurutschen …

    Meine Meinung

    „Der Distelfink“ von Donna Tartt ist eine tolle Charakterstudie über das Leben eines 13-jährigen Jungen, dessen Entwicklung wir in den folgenden 15 Jahren begleiten. Hier wird die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle und sozialer Begierden ausgelotet.

    Theo Decker ist 13 Jahre alt, als er seine Mutter auf tragische Weise verliert. Die Beiden waren gerade im Metropolitan Museum of Arts als eine gewaltige Explosion hunderte Menschen in den Tod reißt. Theo gehört zu den wenigen Überlebenden! Auf der Suche nach einem Ausweg aus dem zerstörten Museum nimmt er geistesabwesend das Gemälde „Der Distelfink“ von Carel Fabritius an sich, von dem seine Mutter, die jetzt irgendwo unter Schutt und Asche liegt, zuletzt so geschwärmt hat. Dieses kleine aber sehr wertvolle Gemälde ist von da an Theos heiligster Besitz und seine einzige Erinnerung an ein schönes Leben. Theo gerät zunehmend auf die schiefe Bahn: Nach dem Umzug nach Las Vegas zu seinem alkohol- und spielsüchtigen Vater findet er Halt in einer fragwürdigen Freundschaft zu einem wilden russischen Jugendlichen, der Theo in die Abgründe von Drogen und Kriminalität zieht.

    Ursprünglich hatte Donna Tartt gar nicht beabsichtigt, ihren Roman in der Kunstwelt anzusiedeln, erst die Zerstörung der Buddhastatuen in Bamiyan im Jahre 2001 gaben ihr den Anstoß dazu. Wenn auch außergewöhnlich, finde ich das Umfeld dennoch perfekt gewählt um den Spannungsbogen aufzuzeigen, in dem Theo sich bewegt. Der Umgang mit den Kunstwerken und auch das Restaurieren und Handeln von alten Möbeln machen eine sehr spezielle und schöne Stimmung. Zudem hat die Autorin einen sehr ausschweifenden und blumigen Schreibstil, der vor Details nur so trotzt. Dadurch kommt es zwar an manchen Stellen zu Längen, die für den Leser aber sehr gut zu überstehen sind.

    In dieser Geschichte gibt es sehr viele sympathische Protagonisten, die mir lange Zeit im Kopf geblieben sind, aber ehrlich gesagt gehört unsere Hauptfigur Theo Decker nicht dazu. Vermutlich mag das zum Einen an dem sehr verharmlosten Umgang mit dem Thema Drogen liegen, den ich so gar nicht nachvollziehen konnte. Zum Anderen aber auch am dargestelltem Charakter des jungen Mannes. Würde dieser persönlich vor mir stehen, ich würde ihn eher als aufgesetzt bzw. unecht und fahrig empfinden. Für mich war das jedoch kein Grund, das Buch deswegen schlechter zu beurteilen.
    Wer mir sehr zu Herzen gegangen ist, ist die Figur des James Hobart, der den 18-jährigen Theo nach seiner Rückkehr von Las Vegas nach New York bei sich aufnimmt und zu seinem Lehrherren und Ziehvater wird. Ein Gentleman wie er im Buche steht mit vielen liebevollen Zügen und Eigenheiten. So stell ich mir einen Großvater vor! Ein wahnsinnig toller Mann!

    Auch mit diesem Buch konnte mich Donna Tartt wieder von ihrem Können überzeugen. „Der Distelfink“ ist ein würdiger Vertreter der modernen Literatur und wurde nicht umsonst 2014 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

  • „Menschenwerk“ | Han Kang

    Titel im Original: „Sonyeoni onda“
    Autor: Han Kang
    Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee
    Verlag: Aufbau Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  214
    ISBN: 978-3-351-03683-6

    „Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein. Ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin. Und Sie, ebenso ein Mensch wie ich, welche Antworten können Sie mir geben?“

    Ein Junge ist gestorben, und die Hinterbliebenen müssen weiterleben. Doch was ist ihnen ihr Leben noch wert?

    Meine Meinung

    Nachdem ich „Die Vegetarierin“ so grandios fand, musste ich sofort mit „Menschenwerk“ weitermachen. Mich auf dieses Buch einzulassen war alles andere als leicht, da es sich hier um einen Tatsachenbericht handelt. Genau so ist es wirklich passiert!

    Im Mai 1980 fanden in Gwangju anfangs friedliche Demonstrationen von Studenten gegen die damals herrschende Militärdiktatur statt. Das Militär reagierte mit äußerst brutaler Gewalt, worauf es zu weiteren Aufständen der Bevölkerung kam. Auch diese wurden ohne Rücksicht auf Menschenleben niedergeschlagen. Die Soldaten benutzten Bajonette und feuerten wahllos in Menschenmengen, woraufhin sich die Aufständischen ebenfalls bewaffneten.
    Das Militär sprach damals offiziell von 170 Todesopfern und 730 Verhaftungen, während eine 1988 herausgegebene Broschüre des Hilfswerk Terre des Hommes von über 2.000 Todesopfern ausgeht, was auch andere Quellen bestätigen.

    Han Kang wurde in Gwangju geboren, ihre Eltern zogen jedoch im Jahr der Aufstände nach Seoul. Dennoch verspürte sie stets eine innere Verbundenheit mit dem Geschehenen und besuchte mit 19 Jahren das Grab eines Jungen, der als 15-Jähriger während der Massaker getötet wurde und vorher mit seinen Eltern in dem Haus lebte, in dem sie selber bis zu ihrem achten Lebensjahr gewohnt hatte. Dieser Junge ist auch ein zentraler Charakter in „Menschenwerk“!

    Trotz der Schwere des Themas hat dieses Buch eine gewisse Leichtigkeit. Die Autorin spielt nicht mit Worten, sie nutzt sie ganz unkompliziert um den Leser in die Geschichte zu ziehen. Die einzelnen Kapitel sind kurz und mit dem Namen des Erzählers und der Jahreszahl markiert, so weist es einem den Weg durch die Zeit. Beeindruckend schonungslos und schonungslos beeindruckend.

    Han Kang schildert die Geschehnisse aus verschiedenen Blickwinkeln, die auch stilistisch ihre kleinen Eigenheiten aufweisen. Teilweise folgen wir den Erzählern in der „Du-Form“, teilweise in der klassischeren „Sie-Form“. Auch bei den seelische und körperliche Foltermethoden nimmt die Autorin kein Blatt vor den Mund.

    Die Geschehnisse sind von Beginn an fesselnd, wenn auch schrecklich bedrückend und traurig.
    Als Leser sollte man sich darauf einstellen, dass die Autorin das Thema schonungslos aufarbeitet!

  • „Alles oder Nichts“ | Simona Ahrnstedt

    Titel im Original:  „En enda risk“
    Autor: Simona Ahrnstedt
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Antje Rieck-Blankenburg
    Verlag: LYX Verlag
    Genre: Liebesgeschichte
    Only One Night, Band 3
    Seitenzahl: 697
    ISBN: 978-3-8025-9947-7

    Ambra ist eine erfolgreiche Journalistin auf der Suche nach einer heißen Story. Tom ein ehemaliger Elitesoldat, dem Schreckliches zugestoßen ist. Ambra muss beruflich an den Ort zurückkehren, an dem sie niemals wieder sein wollte. Tom versucht in der gleichen Stadt, sich ins Leben zurück zu kämpfen.

    In Kiruna, im Norden Schwedens, wo klirrende Kälte und ewige Dunkelheit herrschen, begegnen sich zwei Menschen, die auf der Flucht vor ihrer eigenen Vergangenheit sind. Zwei Menschen, die tiefe Wunden tragen. Und Niemanden vertrauen!

    Meine Meinung

    Mit „Alles oder Nichts“ verabschiedet sich Simona Ahrnstedt vom bisher gut funktionierenden Geschichtenaufbau. Die Liebe und Erotik wird auf ein Minimum zurückgeschraubt, dafür thematisiert sie einige gesellschaftlichen Zustände auf sehr offene und kritische Art: Von Behörden ignorierte Kindesmisshandlungen, patriarchale Strukturen unter einer scheinbar intakten demokratischen Oberfläche, Sektenverhalten im religiösen Schutzmantel, Frauenverachtung, …
    Aber auch die Kehrseite des Social Media werden hier angesprochen und die Auswirkungen von Hass-Kommentaren!

    In „Alles oder Nichts“ kehren wir zu Tom Lexington zurück, der bereits in den beiden vorherigen Bänden immer wieder als Fachmann für die Security der Familie de la Grip auftritt und so auch ein guter Freund von David Hammar ist. Nach den schlimmen Ereignissen zum Ende des zweiten Bandes finden wir Tom nun in Kiruna wieder, der nördlichsten Stadt Schwedens. Aus dem starken, muskulösen und imposanten Elitesoldaten ist ein gebrochener Mann geworden, der mit Angstzuständen und Panikattacken zu kämpfen hat und sich nichts sehnlicher wünscht, als die Uhr nochmal zurück zu drehen und einen großen Teil seiner Vergangenheit ändern zu können.
    Zur selben Zeit hält sich auch die Journalistin Ambra Vinter in Kiruna auf. Sie soll hier ein Interview für ihre Zeitung führen, muss sich aber sehr schnell ihrer persönlichen Geschichte stellen, die unweigerlich mit diesem Ort verbinden ist!

    Die Liebesgeschichte an sich beginnt gemächlich, entwickelt sich bedeutend langsamer als gewohnt und ist in meinen Augen nachvollziehbar und glaubhaft. Es ist ein langsames Vorantasten, nichts wird überstürzt!

    Natürlich muss ich auch in diesem Buch wieder den Schreibstil von Simona Ahrnstedt loben. Sie versteht es die Emotionen ihrer Protagonisten zum Leser zu transportieren, dennoch liest sich dieses Buch schwermütiger als die Vorgänger. Dennoch konnte mich die Geschichte und auch die Weiterentwicklung der Autorin von der ersten Seite an überzeugen.

  • „Die Vegetarierin“ | Han Kang

    Titel im Original: „Vegetarierin, Ch`angbi“
    Autor: Han Kang
    Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee
    Verlag: Aufbau Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl: 190
    ISBN: 978-3-351-03653-9

    Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch zu essen.

    Meine Meinung

    Da man viele unterschiedliche Meinungen über „Die Vegetarierin“ hört, war es nun auch für mich an der Zeit, mir selbst ein Bild über dieses Buch zu machen.

    Der Roman spielt zum größten Teil in der Hauptstadt Seoul. Chongs Frau, Yong-Hye, zieht sich zurück und wird über Nacht zur Vegetarierin. Ihre konservative Familie kann dieses Verhalten nicht verstehen und ihr anhaltender Protest führt bis zur häuslichen Gewalt. Bereits als Kind hatte sie in ihrer Familie grausame Erlebnisse erfahren, die sie seit einiger Zeit in ihren Träumen heimsuchen. Im zweiten Teil des Buches lernen wir den Mann ihrer Schwester kennen, einem Videokünstler. Selbst ein Außenseiter in der Familie, entwickelt er eine Obsession für Yong-Hye, kann sie ihm doch genau das Außergewöhnliche bieten, was er im Leben mit seiner Frau vermisst. Trotz der wenigen Seiten, erzählt Han Kang eine intensive und außergewöhnliche Geschichte.
    Zum Ende hin nimmt das Buch eine erneute Wendung und wir springen 2 Jahre in die Zukunft. Hier erfahren wir was aus Yong-Hye und ihrer Familie geworden ist!

    „Eine Frau verabschiedet sich von der Durchschnittlichkeit!“ Durch ihren Verzicht zieht sie die Aufmerksamkeit ihres doch sehr konservativen und prüden Umfelds auf sich. Das Interessante ist die Wahrnehmung: Während ihr Mann und ihr Vater es als pervers empfinden, wird sie für ihren Schwager zu einer begehrenswerten Person. Ihre Schwester hingegen sieht sie als jemanden, der ihren Schutz braucht.

    Han Kangs Sprache würde ich persönlich als nüchtern und klar beschreiben. Die Geschichte wurde gradlinig und ohne grobe Ausschweifungen geschrieben. Für mich scheint die Erzählweise sehr realistisch zu sein, driftet aber doch oft ins Surrealistische ab. Hier zählen besonders die „floralen Motive“ dazu, die den Roman durchziehen. Am Ende meint Yong-Hye, selbst zur Pflanze geworden zu sein.

    In mir hat das Buch viele Emotionen hervorgerufen. Einerseits war ich an vielen Stellen irritiert und verstört, gerade was die Radikalität, die verbohrten Blickwinkel und die gewaltbereitschaft angeht. Andererseits ist aber auch der Aufruf zur persönlichen, individuellen Befreiung bei mir angekommen. Yong-Hye`s Vorliebe für die Pflanzen und die Schönheit der Blumen wird ganz wunderbar dargestellt, aber auch ihr Aufblühen und der spätere Verfall werden für den Leser greifbar.

    In der westeuropäischen und besonders in der französischen Literaturtradition könnte der zweite Abschnitt des Buches durchaus als erotischer und prickelnder Inhalt einer Obsession oder auch als Verführung mit Raffinesse gehandelt werden.

  • „Flut“ | Daniel Galera

    Titel im Original: „Barba ensopada de sangue“
    Autor: Daniel Galera
    Aus dem Brasil. Portugiesischen von Nicolai v. Schweder-Schreiner
    Verlag: Suhrkamp
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  423
    ISBN: 978-3-518-42409-4

    Sein Vater bittet ihn um einen letzten Gefallen. Und was als Aufbruch in ein neues Leben an der Küste beginnt, treibt ihn schon bald in die sonderbaren Tiefen einer Vergangenheit, die nicht vergangen ist.
    Mit lichter, hypnotisierender Kraft erzählt „Flut“ die epische Geschichte einer Suche über drei Generationen, die an der Grenze des Menschenmöglichen führt.

    Meine Meinung

    Mit Daniel Galera nehme ich nach vielen Jahren wieder meinen ersten portugiesischen Autor zur Hand.

    „Flut“ ist ein sehr intensiver und mitreißender Roman, der im heutigen Brasilien spielt. Wir begleiten unseren männlichen Erzähler auf der Suche nach seiner Familiengeschichte. Ein eher stiller und introvertierter Mann, der nur wenig Wert auf die Außenwelt legt. Nach dem Selbstmord seines Vaters, nimmt er dessen Hündin bei sich auf und zieht mit ihr direkt ans Meer, in den kleinen Ort Garopaba in der Nähe von Santa Catarina. Dort soll sein Großvater in den 60er Jahren ermordet worden sein, doch seine Leiche wurde nie gefunden.
    Nach all den Schicksalsschlägen hat er kaum noch einen Plan für sein Leben. Neben der Leidenschaft zum Schwimmen und dem Meer scheint diese Tragödie der letzte Halt für ihn zu sein. Schon bald soll er merken, wie wichtig ihm die alte Hündin seines Vaters geworden ist … und wie verstrickt das Leben eines einzigen Menschen sein kann!

    Der Autor zeigt uns den Schwimmer zwischen seinem Alltag und der Suche nach dem Leben des Großvaters. Der größte Pluspunkt ist die Erzählperspektive des Romans: Der Autor schreibt in der dritten Person Singular und diese Person bleibt namenlos. Dies liest sich zunächst vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, doch das ist meiner Meinung nach genau der Kniff, der den Roman vor jeglichem Kitsch bewahrt. Der Leser ist dem Schwimmer gleichzeitig nah und fern. Auch in Kombination mit der „Gesichtsamnesie“ unseres Erzählers (Prosopagnosie) funktioniert die Erzählperspektive hervorragend!

    Unser Protagonist ist in einem tiefen Strudel gefangen. Er kämpft und schwimmt ohne voran zu kommen. Obwohl er nicht unbedingt sympathisch ist, schafft es Daniel Galera, dass er einem ans Herz wächst. Er sucht mit seinem Großvater auch nach seiner eigenen Identität.

    „Flut“ ist kein Buch, dass man mal so nebenbei liest, man muss sich darauf einlassen, aber dann wird es einen nicht mehr loslassen …