• „Alle sieben Wellen“ | Daniel Glattauer

    Autor:  Daniel Glattauer
    Verlag:  Deuticke Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  222
    Fortsetzung von „Gut gegen Nordwind“
    ISBN:  978-3-552-06093-7

    Sie kennen Emmi Rothner und Leo Leike? Dann haben Sie also „Gut gegen Nordwind“ gelesen, jene ungewöhnliche Liebesgeschichte, in der sich zwei Menschen, die einander nie gesehen haben, per E-Mail rettungslos verlieben.

    Für sie ist die Geschichte von Emmi und Leo abgeschlossen? Mag sein! Aber nicht für Emmi und Leo!!

    Meine Meinung

    Nach dem fulminanten halboffenen Ende von „Gut gegen Nordwind“ geht mit „Alle sieben Wellen“ die Geschichte um Emmi Rothner und Leo Leike ins große Finale! Daniel Glattauer kann nahtlos an den Zauber des Vorgängers anschließen und nimmt seine Leser gleich direkt wieder mit in die Geschichte …

    Emmi und Leo: Eine Geschichte wie sie schöner nicht sein kann!
    Nachdem sich Emmi nun seit einige Zeit mit dem Systemadministrator von Leos Postfachs unterhalten hat, antwortet dieser plötzlich und unerwartet doch wieder selbst …
    Die Beiden leben mittlerweile ihre eigenen Leben, in denen der Andere nur noch ein Schemen der Vergangenheit ist! Und doch dauert es nicht lange und sie können wieder nicht voneinander lassen. Schon nach kurzer Zeit stellt sich die gewohnte Zweisamkeit ein und die Vertrautheit nimmt neuen Platz im Leben des Anderen ein. Aber ein kleiner Wehmutstropfen bleibt: Leo hält lange Zeit an einer imaginären Mauer fest, die Emmi nicht zu überwinden weiß …

    Daniel Glattauer schafft es, wie kaum ein Anderer, Liebesgefühle in Worte zu fassen und diese zum größten Teil auch nicht kitschig klingen zu lassen. Die Sprache ist frech, gefühlvoll, sarkastisch, zynisch und romantisch, aber auch eloquent und mitreißend. Auch der Sprachwitz und die doppeldeutigen Formulierungen, die wir schon aus dem ersten Band kennen, haben hier wieder ihren angestandenen Platz und sind einfach nur erfrischend.

    Eine Geschichte wie die von Emmi und Leo könnte jedem von uns im realen Leben schon einmal begegnet sein. Gerade im Zeitalter der modernen Kommunikation! Es ist schon fantastisch was trotz der Anonymität im World Wide Web und den virtuellen Begrenzungen, alles entstehen kann!

    An manchen Stellen hätte ich Leo ganz gerne mal in den Hintern getreten, damit er endlich zur Sache kommt und zeigt was er wirklich will. Die arme Emmi hat hier viel mehr Engagement und Herzblut bewiesen, aber vielleicht liegt es doch daran, dass der Roman von einem Mann geschrieben wurde, denen ja nachgesagt wird, dass sie es ja insgeheim mögen, wenn eine Frau hinter ihnen herjagt! Aber auch wir wollen ab und an erobert werden!  Zum Glück war Emmi so hartnäckig und wurde dafür letztendlich mit einem Happy-End belohnt …

    „Alle sieben Wellen“ steht „Gut gegen Nordwind“ in nichts nach. Man fühlt mit den Protagonisten mit! Man lacht! Man weint! … und eigentlich soll es doch bitte niemals enden!

  • „Gut gegen Nordwind“ | Daniel Glattauer

    Autor:  Daniel Glattauer
    Verlag:  Deuticke Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  223
    ISBN:  978-3-552-06041-8

    Gibt es in einer vom Alltag besetzen Wirklichkeit einen besser geschützt Raum für gelebte Sehnsüchte als den virtuellen?

    Bei Leo Leike landen irrtümlich E-Mails einer ihm unbekannten Emmi Rothner. Aus Höflichkeit antwortet er ihr. Und weil sich Emmi von ihm angezogen fühlt, schreibt sie zurück. Schon bald gesteht Leo: „Ich interessiere mich wahnsinnig für Sie, liebe Emmi! Ich weiß aber auch, wie absurd dieses Interesse ist.“

    Meine Meinung

    Auch wenn ich auf meinem Blog noch nicht viele Rezensionen zu Daniel Glattauers Büchern hochgeladen habe, so habe ich doch jedes Einzelne von ihnen gelesen … und in den meisten Fällen auch absolut gefeiert! Da nun bald der Kinofilm zu „Gut gegen Nordwind“ startet, möchte ich euch nicht meine Rezension zu diesem Buch vorenthalten …

    Alles beginnt mit einem Tippfehler! Eigentlich wollte Emmi nur das Zeitschriften-Abo ihrer Mutter kündigen, doch stattdessen landet ihre Email bei Leo Leike. Es folgt ein lustiger und schlagfertiger Emailwechsel, aus dem sich langsam und stetig mehr entwickelt. Mehr Zuneigung! Mehr Vertrautheit! Mehr Nähe! Mehr Gefühle!
    Beide entschließen sich, dem Gegenüber keine Details über ihre Person zu offenbaren sondern für den Anderen eine Phantasiegestalt zu bleiben. Doch schon bald tauschen Emmi und Leo immer intimere Gedanken aus, verbringen Stunden vor dem Bildschirm und überlegen irgendwann, sich doch einmal persönlich zu treffen. Nur eine Frage stellt sich: kann die Realität der Phantasie gegenüber überhaupt standhalten?

    „Gut gegen Nordwind“ gehört auf jeden Fall zu den Büchern, die ich immer wieder zur Hand nehme und die mir bei jedem Lesen ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Jedes Mal nehmen mich Emmi und Leo von Beginn an für sich ein. Nicht etwa weil sie makellos sind. Ganz im Gegenteil, sind sie vielschichtig, zögerlich, zweifeln oft an sich selbst und ihrer Umgebung und sind in gewissen Maßen auch oft unaufrichtig. Alles in Allem wirken die Beiden gerade deswegen so glaubwürdig!

    Emmi und Leo sind zu Gefühlen fähig, um die ich sie in manchen Lebensphasen oft beneidet habe. Obwohl sie zunächst nur ein lapidares Missverständnis verbindet, fühlen sie sich zueinander hingezogen. Eine Anziehung die aber nicht nur in Worten funktioniert, sondern Eine deren Funke weit über sein Ziel hinausschießt!

    Tatsächlich durchzieht das Buch auch eine feine Erotik, die nie aufgesetzt wirkt, aber auch nicht rein vergeistigt bleibt. Vor allem Emmi steckt durch ihre Lebenssituation in einem Zwiespalt, dem sie auch in „Alle sieben Wellen“ nicht entkommen kann!

    Ich bin ein Freund wirklich guter Sprache! In der Geschichte stecken Sprachwitz und doppeldeutige Formulierungen … und es macht einfach Spaß! Auch die unerwarteten Wendungen machen das Buch spannend. Zudem gibt es an vielen Kapitelenden mitreißende Cliffhanger.

    „Liebe auf die erste E-Mail“
    Wem so etwas noch nie passiert ist, der kann sich vielleicht nicht hineindenken, aber ich kann es auf jeden Fall …

  • „Der Wintersoldat“ | Daniel Mason

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „The Winter Soldier“
    Autor:  Daniel Mason
    Aus dem Englischen übersetzt von Sky Nonhoff und Judith Schwaab
    Verlag:  C. H. Beck Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  428
    ISBN:  978-3-406-73961-3

    Der hochbegabte Wiener Medizinstudent Lucius meldet sich beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig und landet im eisigen Winter 1914 in einem Behelfslazarett in den Karpaten, wo ihm die junge Nonne Margarete erst alles beibringen muss. Als ein schwer traumatisierter, aber äußerlich unverletzter Soldat eingeliefert wird, begeht Lucius einen gravierenden Fehler.

    Meine Meinung

    Entgegen dem Willen seiner Eltern schreibt sich der junge Lucius an der Universität in Wien ein. Sein Herz gehört schon lange der Medizin, doch obwohl er das Studium interessant findet, möchte er auch so schnell wie möglich mit richtigen Patienten arbeiten. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht wittert er seine Chance und meldet sich als Sanitätsoffizier. In seiner Vorstellung kommt er in ein gut ausgestattetes Lazarett, wo er unter ärztlicher Anleitung Verwundete betreut. Doch die Realität sieht gravierend anders aus …
    Nach einer langen und beschwerlichen Reise kommt er in den bitterkalten Karpaten an und soll in einer umfunktionierten Kirche seinen Dienst tun. Margarete, eine Nonne und Krankenschwester, die seit der Flucht des letzten Arztes die Patienten allein betreut hat, merkt schnell, dass Lucius bisher noch nie ein Skalpell in der Hand gehalten hat …

    Auch wenn die Geschichte anfänglich an die Reise des jungen Mediziners Robert Cole aus „Der Medicus“ erinnert, unterscheiden sich die Geschichten doch grundlegend voneinander.
    „Der Wintersoldat“ ist mir erst vor kurzen über den Weg gelaufen und konnte sofort mein Interesse wecken. Und das mit Recht: Daniel Mason hat einen wunderbar bildlichen und klaren Schreibstil, der nicht nur ganze Kriegslager in meinem Kopf entstehen ließ, sondern auch durch seine sachlichen und ausdrucksstarken Beschreibungen und Dialoge das Grauen des Ersten Weltkrieges transportieren konnte.

    Natürlich ist ein Kriegslazarett kein angenehmer Ort, der Autor vermittelt uns die Geschehnisse aber so realistisch und zermürbend, das ich sehr oft das Buch aus der Hand legen und tief durchatmen musste. Anstatt zu heilen geht es in der österreichischen Armee hauptsächlich darum, die Soldaten so gut wie möglich „zusammen zu flicken“ um ihre Leistung für den nächsten Fronteinsatz wieder herzustellen. Noch verstörender waren für mich aber die Patienten, die keine erkennbaren Wunden hatten, sondern an Kriegsneurosen litten: Männer, die im Kampf um ihr Leben unvorstellbare Grauen miterlebten und auf einmal nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen oder zu keiner klaren Regungen mehr im Stande waren. Bei einem dieser Patienten geschieht Lucius auch ein folgenschwerer Fehler, der ihn noch jahrelang verfolgen soll …

    Daniel Masons Charaktere sind detailreich und abgerundet. Besonders Margarete hat es mir neben unserem Hauptprotagonisten angetan. Die beiden ergänzen sich perfekt und erst ihr menschliches Engagement lässt Lucius zu dem Mann werden, der er am Ende ist.

    „Der Wintersoldat“ hat mich absolut sprachlos zurückgelassen. Ein hervorragender, medizinisch und geschichtlich sehr gut recherchierter Roman, der mich Rundum überzeugen konnte! Detailreich und erschreckend! Und eine Liebesgeschichte gibt es gratis noch dazu …

  • „Kaffee und Zigaretten“ | Ferdinand von Schirach

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Ferdinand von Schirach
    Verlag:  Luchterhand Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  187
    ISBN:  978-3-630-87610-8

    „Damals gab es keine Zeit, so wie es in der Erinnerung keine Zeit gibt. Es war nur der Sommer, in dem wir unten am Fluss waren, Forellen fingen, und ich dachte, dass sich nie etwas ändern würde.“

    Ferdinand von Schirachs neues Buch verwebt autobiographische Erzählungen, Apercus, Notizen und Beobachtungen zu einem erzählerischen Ganzen, in dem sich Privates und Allgemeines berühren, verzahnen und wechselseitig spiegeln. Es geht um prägende Erlebnisse und Begegnungen des Erzählers, um flüchtige Momente des Glücks, um Einsamkeit und Melancholie, um Entwurzelung und die Sehnsucht nach Heimat …

    Meine Meinung

    „Kaffee und Zigaretten“ ist das neueste Werk aus der Feder von Ferdinand von Schirach.
    Meine heutige Rezension stellt mich allerdings vor eine wirkliche Herausforderung. Auch wenn das Buch im gewohnt ausdrucksstarken und sachlichen Ton des Autors verfasst wurde, ist es gar nicht leicht zu beschreiben.

    Anders als seine bisherigen Bücher ist dieses in 48 Abschnitte eingeteilt, in denen Ferdinand von Schirach von seinem Leben erzählt. Er beginnt bei seiner Kindheit, welche ja kurz vor Erscheinen des Buches für Schlagzeilen sorgte, und erzählt über Depressionen und die Melancholie im Leben.
    Er bespricht Schlagzeilen aus der Presse und politische Vorgänge der letzten Jahrzehnte. Dies sind oft Geschichten aus der Realität von Grausamkeiten, aber auch von scheinbar bedeutungslosen Dingen, die für ihn aber doch von Wert sind. Viele Ereignisse kommentiert er daher mit einem passenden Gedicht oder Zitat. Zudem berichtet er immer wieder, wie Literatur und Filme ganze Leben beeinflussen und welche Wahrheiten dahinter stecken.  Das alles verbindet er zu einer Autobiografischen Erzählung!

    Ich muss aber auch dazu sagen, dass Ferdinand von Schirach in diesem Buch schon sehr viel Lebenserfahrung bei seinen Lesern voraussetzt. Dann wird man auch einige Hintergründe besser verstehen und zwischen den Zeilen erlesen und assoziieren können. Der Autor möchte ohne langatmige Passagen auskommen. Er fokussiert und sucht nach dem Wesentlichen!

    Alles in Allem ist das Buch wunderbar zu lesen. Trotz der teilweise sehr schweren Themen, schreibt er als neutraler Beobachter und urteilt nicht! Die Sprache fließt dahin, völlig unaufgeregt und man spürt den Abstand des Autors zum Geschehen, auch wenn er über Teile aus seinem eigenen Leben schreibt. Gleichzeitig scheint er dem so nahe und berührt zu sein, obwohl er oft körperlich einfach nur daneben zu stehen scheint.

    Schockierend, dann wieder wunderschön poetisch, aber auch dramatisch und traurig.
    Und immer schwingt im Tiefen die Hoffnung mit …

    „Kaffee und Zigaretten“ ist ein wunderbares Buch, aber jetzt brauch auch ich erstmal einen Kaffee …

  • „Vom Himmel zum Meer“ | Lisa Marcks

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Lisa Marcks
    Verlag:  Goldmann Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  412
    ISBN:  978-3-442-48829-2

    Hamburg 1892:  Als die Cholera ausbricht, müssen die Pfarrerswitwe Tilly Bevenkamp und ihre Gesellschafterin, die junge Agnes, in eine Kate an der Ostseeküste fliehen. Agnes verdient fortan einen bescheidenen Unterhalt, indem sie selbstgebackene Köstlichkeiten an die reichen Strandgäste verkauft. Dann entdeckt sie ein leerstehendes Herrenhaus mit einer große Küche. Hier würde Agnes gerne die süßen Sachen zubereiten. Das was wird der Besitzer, der gutaussehende Benjamin von Reiker, dazu sagen?

    Meine Meinung

    Die junge Agnes Martin verlässt an ihrem 21. Geburtstag das heimelige Waisenhaus im Elsass, in dem sie glücklich und behütet aufwachsen durfte, um ihre Stellung als Gesellschafterin für die Witwe Bevenkamp in Hamburg anzutreten. Doch als sie die Stadt erreicht, ist ihr erstes Zusammentreffen mit „Tilly“ erst einmal wenig erfolgversprechend, denn diese hat sie gar nicht erwartet und geht weiter ihrer Arbeit im örtlichen Waisenhaus nach. Agnes allerdings lässt sich dadurch nicht einschüchtern. Sie zieht im Bevenkamp`schen Haushalt ein und versucht mit ihren begrenzten Mitteln einen normalen Tagesablauf zu organisieren.

    Als wenige Monate später in Hamburg die Cholera ausbricht, verlässt Agnes in einer Nacht und Nebelaktion mit einigen Waisenkindern und natürlich auch Tilly im Schlepptau die Stadt Richtung Ostsee. Dort ist sie in ihrem Element:  Sie verköstigt mit Hilfe der Dorfbewohner nicht nur die Kinder, sondern backt auch noch für die Strandurlauber, die ihren Köstlichkeiten nicht wiederstehen können und sie ihr gegen gute Bezahlung aus der Hand reißen …

    Lisa Marcks bringt uns mit „Vom Himmel zum Meer“ einen unterhaltsamen und gefühlvollen Roman vor historischer Kulisse. Der Schreibstil ist flüssig, bildgewaltig, was mir die Geschichte sehr schnell näher brachte. Die Beschreibungen sind farbenfroh und ließen auch mich von einem verwunschenen alten Gutshaus mit wildem Garten und Spaziergängen am Strand träumen.
    Die Autorin hat den historischen Hintergrund gut mit ihrer Handlung verwebt und zeigt die gesellschaftlichen Standesunterschiede sehr gut auf. Natürlich wird hierbei auch die damalige Rolle der Frau thematisiert. Das Baden der nackten Füße in der Ostsee stellte für so manche Dame eine Herausforderung dar …

    Die Charaktere in diesem Buch sind ein buntes Sammelsurium an schrulligen und teils skurrilen Typen. Agnes ist eine eigensinnige Frau mit einem Riesenherz, die die Arme aufkrempelt und sich für nichts zu schade ist. Tilly Bevenkamp ist zwar auf ihrer Seite, stellt im Laufe der Geschichte aber doch Agnes Gegenpart dar. Sie ist eine durchweg traumatisierte Frau, die ihre Unsicherheiten nach außen hin, durch ihre herrische und spröde Art zu vertuschen versucht. Und dann gibt es da noch Fräulein Frieda und die anderen
    Dorfbewohner …

    „Vom Himmel zum Meer“ ist ein Roman, der vielleicht nicht in die Tiefe der angeschnittenen Themen geht, aber auf jeden Fall tief ins Herz des Lesers. Eine kurzweilige Lektüre, die mir ein paar sehr unterhaltsame Stunden bescheren konnte!

  • „Die Frau im Musée d`Orsay“ | David Foenkinos

    Titel im Original:  „Vers la bauté“
    Autor:  David Foenkinos
    Aus dem Französischen übersetzt von Christian Kolb
    Verlag:  Penguin Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  236
    ISBN:  978-3-328-60086-2

    Völlig unerwartet kündigt Antoine Duris seine Professorenstelle an der Hochschule der Schönen Künste in Lyon und zieht mit nur einem Koffer nach Paris. Im Musée d`Orsay, wo die farbenfrohen Gemälde von Manet, Monet und Modigliani hängen, bewirbt er sich als Wärter. Warum nur flieht er Hals über Kopf aus seinem bisherigen Leben?

    Rezensionsexemplar  –  Vielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    Auch mit „Die Frau im Musée d`Orsay“  ist dem französischen Autor David Foenkinos ein gleichermaßen spannender wie auch einfühlsamer Roman gelungen.

    Als der Kunstprofessor Antoine Duras der Hochschule in Lyon Adieu sagt, um in einem Pariser Museum als Raumaufsicht zu arbeiten, versteht ihn kein Mensch. Selbst ehemalige Studenten machen sich schnell im Netz über ihn lustig, nachdem einer von ihnen Antoine bei seiner neuen Tätigkeit entdeckt. Doch mit der Zeit versteht man immer mehr, warum der sensible Mann die Abwechslung sucht: Er will nach einer privaten Krise mit sich und der Kunst allein sein! Und das kann er im Musée d’Orsay sehr gut …
    Auch Camille war einst Studentin bei Antoine. Er entdeckte schon sehr früh ihre Begabung und versuchte sie, in ihrem weiteren Bildungsweg zu fördern und ihr künstlerisches Talent zu prägen. Die junge Frau wird von Anderen aufgrund ihrer zurückhaltenden Art auch „die Stille“ genannt. Dass hinter ihrem Schweigen ein grausames Erlebnis steckt, erfährt Duras erst als es zu spät ist. Vor allem diese Erfahrung veranlasst ihn im Rückblick, Lyon zu verlassen!

    Die Schicksale der Hauptfiguren können niemanden unberührt lassen, der nur einen Funken Empathie in seinen Knochen hat. Zudem referiert der Autor über die Schönheit der Kunst, über die Gewalt deren Aussage, aber auch über die Kraft die sie für ihre Betrachter besitzen.

    „Die Frau im Musée d`Orsay“  ist ein sehr faszinierender Roman auf hohem sprachlichem Niveau. Die Handlung wird durch viele Rückblenden berichtet und hat dennoch eine Erzählweise, die den Leser kontinuierlich nach Vorne treibt.
    Das Buch ist sehr ungewöhnlich und auffallend strukturiert. Es ist, als ob wir einem poetischen Psychogramm sämtlicher Charaktere in einem atmosphärischen und emotionalen Sog folgen, der einem sofort gefangen nimmt.

    David Foenkinos schreibt einfühlsam und klar, in eher kurzen Sätzen, die alles Wichtige beinhalten, aber ebenso das Ungesagte an den Leser transportieren. Er drückt in wenigen Worten alles aus, was Menschen fühlen. Neben dem ernsten Thema finden wir aber auch immer wieder humorvolle Szenen mit ironisch-hintergründigen Fußnoten.

    Leider muss ich den deutschen Titel etwas bemängeln. Der ist wirklich wenig treffend gewählt. Die „Frau im Musée d‘Orsay“ spielt für mich im Vergleich zu Camille oder Antoine eher eine Nebenrolle. Natürlich ist diese nicht unwichtige, aber noch lange nicht so einflussreich, dass man ihr den ganzen Titel widmen muss. Der Originaltitel „Vers la beauté“ („Der Schönheit entgegen“) trifft den Bezug zur Geschichte wesentlich besser …

    Leicht und elegant geschrieben gelingt es David Foenkinos auch in diesem Buch wieder, eine Liebesgeschichte voller Schönheit und Tiefe zu erzählen, die den Leser von Beginn an in ihren Bann zieht und ihn mit ihrem Ende seltsam beglückt zurücklässt …

  • „Lincoln im Bardo“ | George Saunders

    Titel im Original:  „Lincoln in the Bardo“
    Autor:  George Saunders
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Frank Heibert
    Verlag:  Luchterhand Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  445
    Gewinner Man Booker Prize
    ISBN:  978-3-630-87552-1

    Während des amerikanischen Bürgerkriegs stirbt Präsident Lincolns geliebter Sohn Wilie mit elf Jahren. Bei George Saunders wird daraus eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust.

    Meine Meinung

    Der amerikanische Schriftsteller George Saunders gilt als einer der bedeutendsten Kurzgeschichtenautoren der Gegenwart. Im Jahre 2017 veröffentlichte er seinen Debütroman „Lincoln im Bardo“, für den er auch mit dem „Man Booker Prize“ ausgezeichnet wurde.

    Im Zentrum der Geschichte steht der amerikanische Präsident Abraham Lincoln, dessen Sohn Willie im Alter von elf Jahren an Typhus stirbt. Der zu tiefst erschütterte Vater sucht in der Nacht die Grabstätte seines Sohnes auf, um sich von ihm ein letztes Mal zu verabschieden. Was er nicht bemerkt: Auf dem Friedhof streiten und wettern die toten Seelen um den kleinen Willie! Aber auch wenn alles zu Ende geht, lernen wir hier einen vielstimmigen Chor aus dem Jenseits kennen, der das Leben feiert …

    Als Bardo bezeichnet man im tibetischen Buddhismus den Übergang der Seele vom Diesseits ins Totenreich. Aber auch die Bewusstseinszustände im Diesseits wie im Jenseits. Hier hausen die Seelen, die noch nicht bereit sind, mit ihrem Leben abzuschließen.

    George Saunders hat durchaus eine Vorgeschichte zu diesem Roman. Ein Freund erzählte ihm, dass auf dem Friedhof von Oak Hill in Washington D. C. Lincolns jüngster Sohn begraben sei. In der Nacht, in der Willie starb fielen viele Soldaten auf dem Schlachtfeld. Zur selben Zeit feierte Präsident Lincoln mit seiner Frau ein rauschendes Fest, während der todkranke Sohn in seinem Bett im ersten Stock lag. Abraham Lincoln soll nach der Beisetzung mehrfach zum Grab seines Sohnes zurückgekehrt sein, um die Leiche in den Armen zu halten.
    Für die damalige Zeit ein Skandal, mitten im Bürgerkrieg! George Saunders sagt selbst, er habe in seiner Vorstellung Lincoln mit Michelangelos Pietà kombiniert und aus der Heiligen Maria mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß wurde der Präsident der vereinigen Staaten.

    In „Lincoln im Bardo“ reiht George Saunders fiktive Monologe aneinander, zitiert aus zeitgenössischen Quellen wie Tagebüchern und Briefen und referiert über die Sklavenfrage und den Bürgerkrieg. Wir lesen aber auch ganz wunderbare Zwiegespräche zwischen Vater und Sohn, ganz ohne Kitsch, dafür voller Liebe. Im Wesentlichen berichten uns aber 3 Bewohner des Bardo abwechselnd über die Geschehnisse. Sie fühlen sich nicht verstorben und würden gern in ihre Körper zurückkehren, die aber in ihren »Kranken-Kisten« verteilt auf dem Friedhof liegen.

    Der Roman ist literarisch sehr anspruchsvoll und war auch für mich an mancher Stelle nicht immer leicht zugänglich. Meine Geduld hat sich aber auf jeden Fall ausgezahlt, das Buch war sprachlich wirklich wunderbar. Eine gekonnte Mischung aus Emotionalität, Skurrilität, viel Humor und klassischer amerikanischer Zeitgeschichte. Und trotz des schweren Themas, ein durchaus lebensbejahendes Buch! Wirklich toll umgesetzt!

  • „Terror“ | Ferdinand von Schirach

    Autor: Ferdinand von Schirach
    Verlag: btb Verlag
    Genre: Roman als Theaterstück
    Seitenzahl:  164
    ISBN: 978-3-442-71496-4

    Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt den Piloten, Kurs auf die vollbesetzte Allianz-Arena zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen.

    Rezensionsexemplar  –  Vielen Dank an den Verlag!

    Meine Meinung

    Auch wenn mich „Terror“ von Ferdinand von Schirach in diesem Monat absolut von sich überzeugt hat, kann ich euch bei 164 Seiten und einem so detaillierten Klappentext gar nicht mehr ausführlicher von der Geschichte berichten.
    Ich würde „Terror“ für Jeden empfehlen, der sich intensiver mit ethischen Fragen auseinandersetzen möchte. In diesem Buch entscheidet ihr als Leser über das Urteil des Kampfpiloten Lars Koch. Wir verfolgen die gesamte Gerichtsverhandlung, bei der die unterschiedlichsten Standpunkte vertreten und sehr detailliert aufgezeigt werden, wobei uns der Autor am Ende selbst die Entscheidung über schuldig oder unschuldig überlässt!

    Wie hätte man selbst gehandelt?
    Welche Moralvorstellungen würden bei einem selbst die Oberhand übernehmen?
    Würde man selbst den Kampfpiloten freisprechen? … oder eher verurteilen?

    Die Geschichte ist in Form eines Drehbuchs oder Theaterstücks verfasst, jedoch ist die Geschichte sehr gut und flüssig lesbar. Ferdinand von Schirach hat eine wunderbar klare und eindringliche Sprache und, obwohl es sich hier um einen fiktiven Fall handelt, spricht er auch unangenehme Themen bzw. Überzeugungen klar und ohne Verschönungen an.

    Die Geschichte wirkt unheimlich real und trifft in meinen Augen den heutigen Zeitgeist auf den Punkt! Es entstehen einige gute Gesprächsthemen für Diskussionen, jedoch sollte sich im Nachhinein jeder Einzelne im Stillen mit seiner Meinung selbst beschäftigen und sich über seine Überzeugung im Klaren werden …

    Im gleichen Buch ist auch die Preisrede des Autoren zur Verleihung des M100-Sanssouci Medien Preises an „Charlie Hebdo“ abgedruckt. Hier zeigt sich seine rechtstaatliche Verwurzelung und sein starkes Engagement für Besonnenheit. Er warnt mit Benjamin Franklin Worten „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren!“

    Wieder ein sehr interessantes und gelungenes Buch von Ferdinand von Schirach und sicher nicht mein Letztes!

  • „Klosterkind“ | Anna Castronovo

    Autor:  Anna Castronovo
    Verlag:  Books on Demand
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  305
    ISBN:  978-3-752-82109-3

    Sizilien 1981. Die siebenjährige Filomena ist verzweifelt. Ihre Mutter hat sie in ein Klosterinternat gebracht, in dem strenge Klausur herrscht. Um zu fliehen, macht sie sich auf die Suche nach einem unterirdischen Gang, der aus dem Kloster herausführen soll. Bei ihren heimlichen Streifzügen stößt sie auf die Spuren von Suor Crocifissa della Concezione, die vor 300 Jahren im selbe Kloster lebte und in den düsteren Gängen dem Teufel begegnete. Die Geschichte der Nonne zieht Filomena immer mehr in ihren Bann, bis sie eines Tages beginnt, von Madre Crocifissa zu träumen …
    Warum wurde Filomena ins Kloster gebracht? Wird sie ihre Mutter je wiedersehen? Und was hat es mit der geheimnisvollen Nonne auf sich?

    Meine Meinung

    In „Klosterkind“ begegnen wir der junge Filomena, die in den 1980ern, ohne große Erklärungen, mit gerade mal sieben Jahren von ihrer Mutter im Kloster ihres Heimatortes abgegeben wurde. Wir begleiten sie durch ihre Kindheit, lernen mit ihr lesen und schreiben und gehen mit ihr den Weg zu Suor Maria Crocifissa della Concezione, die dem verschüchterten Mädchen indirekt das Herz zu Gott öffnet.
    Filomena verbringt die 11 Jahre bis zu ihrem 18. Geburtstag hinter Klostermauern, dabei verwebt die Autorin geschickt ihre fiktive Lebensgeschichte mit historischen Überlieferungen über die sagenumwobene Nonne die von 1645 bis 1699 im italienischen Agrigento lebte!

    „Klosterkind“ ist ein berührendes und starkes Buch das zu Herzen geht! Anna Castronovo hat einen sehr flüssigen und bildgewaltigen Schreibstil, der zwar klar im Ausdruck ist, in mir aber dennoch starke Emotionen wach gerufen hat. Ich konnte mit Filomena mitfühlen und habe mich immer wieder gefragt, was in ihre Mutter gefahren ist, dass sie einfach so ein Kind weggibt und vom Erdboden verschwindet!

    Das Buch ist eine gekonnte Mischung aus Schicksals- und Entwicklungsroman, der aber auch große Elemente aus der historischen Mystery mitbringt. Er regt die Gedanken der Leser über Schuld, Moral und Glaube an, dabei wird die Geschichte aber niemals aufdringlich, wertend oder unangenehm!
    Die mystischen Elemente, die mit den Träumen und Wahrnehmungen des Mädchens zusammenhängen sind sehr geschickt in die Handlung eingeflochten und lassen dem Leser immer selbst die Entscheidung, ob er sie als real oder als Hirngespinst abtut. Es steckt so viel zwischen den Zeilen und selbst nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat, ist Filomena immer noch da …

    Die Lebensgeschichte von Suor Maria Crocifissa della Concezione ist mit kleinen Änderungen ausgesprochen spannend in den Roman eingebettet. Die biografischen Daten sind auch im Anhang des Romans zu finden.

    Anna Castronovo hat es geschafft, eine tolle Protagonistin zu erschaffen, die sehr glaubwürdig und authentisch rüber kommt. Auch das strenge Leben der Nonnen in Klausur und deren Umgang mit den Schülerinnen in den 80er Jahren war in meinen Augen glaubhaft dargestellt. Besonders die ältere Nonne, die im Laufe der Jahre den Stand von Filomenas Ziehmutter annimmt, fand ich wunderbar ausgearbeitet. Natürlich muss man, mit dem Konstrukt der Kirche gut zurechtkommen. Der allgegenwärtige Glaube an Gott ist der Grundpfeiler dieses Romans!

    „Klosterkind“ ist ein mitreißendes Buch über zwei interessante sizilianische Frauen, das die Gedanken und Gefühle der Leser anregt!