• „Mein Name ist Judith“ | Martin Horvàth

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Martin Horváth
    Verlag:  Penguin Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  362
    ISBN:  978-3-328-60010-7

    Wien in der nahen Zukunft!
    Eines Tages sitzt ein fremdes Mädchen in einem altmodischen Mantel in León Kortners Küche. Wer ist diese Judith Klein? Sie behauptet, dass ihr Vater die Buchhandlung unten im Haus führt – Die Buchhandlung, die die Kleins Ende der 1930er Jahre auf der Flucht vor den Nazis aufgeben mussten …

    Meine Meinung

    Wien, im Jahre 2032. Martin Horváth beschreibt die traumatischen Ereignisse im Leben des Schriftstellers Leòn Kortner. Nachdem dieser bei einem Attentat auf den Wiener Bahnhof seine Frau und Tochter verliert, zieht er sich vollkommen aus seinem bisherigen Alltag zurück. Er beginnt zunehmend zu vereinsamen. Die Wohnung ist still, dennoch befinden sich an allen Ecken die Erinnerungen an seine Familie. Und plötzlich sitzt da ein junges Mädchen in seiner Wohnung: Nicht seine Tochter, aber Judith Klein!
    Leòn braucht nicht lange um zu verstehen, dass Judith nur in seiner Fantasie existiert …

    Martin Hováth ist mit seinem zweiten Roman hochkarätige Literatur gelungen. Der Schreibstil ist flüssig und mitreißend, dennoch lyrisch und poetisch. Auch die Art, wie er die Geschichte an den Leser transportiert ging mir durch Mark und Bein.
    „Mein Name ist Judith“ ist eine Geschichte, die sicher nicht immer leicht zu lesen ist, da sie unweigerlich einen eher bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Auch wenn viele Details aus der Vergangenheit nur bildlich angesprochen werden, bleibt der Schrecken des 2. Weltkrieges auf jeder Seite präsent.

    Leòn Kortner flüchtet sich immer wieder in die Vergangenheit: Zunächst erscheint es, als wäre Judith eine Erscheinung, die aus seinem eigenen Kopf entspringt, da er sich vermehrt mit den Kleins auseinandersetzt. Einer jüdischen Familie mit 3 Kindern, die früher in seiner Wohnung lebten und über Jahrzehnte eine Buchhandlung im Erdgeschoss des Zinshauses geführt haben. Judith ist die jüngste Tochter und bis heute ist ihr Schicksal ungewiss.
    Die Auseinandersetzung mit Gegenwart und Vergangenheit wird vom Autor sehr gelungen erzählt und hat mich definitiv zum Nachdenken gebracht. Drama, Liebesgeschichte und fantastische Elemente ergeben ein rundes Gesamtbild!

    Die schriftstellerische Freiheit ein Bibelzitat, dass uns aus dem Johannesevangelium bekannt ist „Am Anfang war das Wort …“, zu nutzen, um seinen Protagonisten hervorzuheben, finde ich zwar spannend gewählt, in meinen Augen hätte dieses Element aber vom dem Autor noch besser eingesetzt bzw. verflochten werden können. Das Zitat kommt zwar immer wieder durch, den Bezug zu der Geschichte muss man sich aber erst selbst erarbeiten …

    Martin Horvàth lässt seine Leser in diesem Buch neue Wege gehen und animiert uns immer wieder zum Umdenken!

  • „So enden wir“ | Daniel Galera

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „Meia-Noite e Vinte
    Autor:  Daniel Galera
    Aus dem Brasil. Portugiesischen von Nicolai v. Schweder-Schreiner
    Verlag:  Suhrkamp Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  232
    ISBN:  978-3-518-42801-6

    Am Grab ihres alten Mitstreiters kommen Aurora, Antero und Emiliano zusammen, nach einer gefühlten Ewigkeit wie Fremde. Damals waren sie unsterblich – Helden einer neuen digitalen Gegenkultur, wütend und exzessiv – jetzt ist der genialste von ihnen tot. In seinen Büchern scheint er ihnen ein Rätsel hinterlassen zu haben. Oder ist es eine Warnung?

    Meine Meinung

    Unruhen auf den Straßen. Korruption. Gewalt. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014!
    Inmitten dieser Krisengesellschaft begegnet uns eine Gruppe junger Menschen, die ein etwas anderes Leben suchen, fernab von der Moderne. Sie wünschen sich in das Jahr vor der Jahrtausendwende zurück …

    Ende der 90er Jahre erobert das kontroverse Online-Magazin „Orangotango“ die digitale Welt Brasiliens. Die vier Freunde Aurora, Emiliano, Antero und „Duke“ erleben eine wilde zügellose Studentenzeit. Unbewusst setzten sie eine Bewegung frei, die von vielen Menschen verfolgt wurde. Immer bereit, die bekannten Strukturen aufzubrechen, um kulturelles Neuland zu betreten.
    Als sich ihre Wege trennen, ist Emiliano weiterhin als Journalist tätig, während Antero eine sehr erfolgreiche Werbefirma aufbaut. Aurora hat sich für ein Biologiestudium entschieden und arbeitet an ihrer Dissertation über den Biorhythmus von Zuckerrohr. „Duke“ wird ein erfolgreicher Schriftsteller mit einer großen Fangemeinde – doch 2014 wird er bei einem Raubüberfall ermordet! Bei seinem Begräbnis beginnen sich die drei Freunde zu fragen, was aus ihnen und ihren Träumen geworden ist und vor allem:  Wer war Duke wirklich und was bedeutet sein Vermächtnis?

    Daniel Galera legt uns hier einen gesellschafts- und medienkritischen Roman vor. Wir lesen hier über das Dilemma einer mit allen Möglichkeiten der neuen digitalen Welt aufgewachsenen, intellektuellen Jugend, die sich selbst jedoch mit den Jahren irgendwann verloren hat. In der Realität verunsichert und vereinsamt!
    Er siedelt seine Geschichte mitten in den chaotischen Zuständen der Proteste und Streiks im Jahre 2014 in den Städten Porto Alegre und Sao Paulo an. Thema dieses Romans ist natürlich auch die wirtschaftliche Situation in Brasilien und die Demonstrationen der unzufriedenen Bevölkerung. Das Kernthema ist jedoch deutlich die vernetzte Konsumwelt und die immer schillernder werdende Welt der sozialen Medien, der sich niemand entziehen kann. Selbst die sexuellen schnellen Bedürfnisse lassen sich dort ganz einfach ausleben …

    Wir erfahren die Geschichte aus wechselnden Perspektiven der drei übrig gebliebenen Freunde, die ihr Leben reflektieren und die Beziehung zu „Duke“ thematisieren. Die Sprache ist frech und vulgär, was wir insbesondere bei der einzigen weiblichen Figur Aurora zu spüren bekommen, die noch am Stärksten die Auswirkungen der neuen Gesellschaft zu spüren bekommt.
    Die Erzählung ist eher ruhig gestaltet und bleibt oftmals in den Gedanken des Autoren stecken.

    Wer sich auf Daniel Galera und seine Sprache einlässt, muss sich Zeit nehmen. Man sollte auch für eine oft harte, beinahe brutale Ausdruckweise und entsprechende Gedankenbilder bereit sein. Dennoch ist der Autor nie wirklich destruktiv und er entlässt seine Protagonisten und Leser mit einem Ausblick in eine positive Zukunft …

  • „Marschmusik“ | Martin Becker

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Martin Becker
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  283
    ISBN:  978-3-442-71755-2

    Tief unter der Erde hält der junge Mann aufgeregt und fiebrig ein warmes Stück Kohle in der Hand. Zum ersten Mal. Hier im Streb, wo Generationen von Bergleuten malocht haben. Bald endet die Kohlebeförderung in Deutschland. Und damit das Leben unter Tage. Dann ist im Ruhrpott Schickt im Schacht. Und es bleiben nur noch Erinnerungen:  an den wortkargen Vater und die Abende mit Bier, Schnaps und Marschmusik aus dem Küchenradio.

    Martin Becker erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von der magischen Welt des Kohlebergbaus und der verführerischen Kraft der Finsternis unter Tage – allem Verschwinden zum Trotz immer wieder mit Leichtigkeit und Witz!

    Meine Meinung

    Martin Becker ist mir das erste Mal 2019 als Autor von „Warten auf Kafka“ ins Auge gefallen. In seinem Roman „Marschmusik“, der 2017 erschien, schreibt er über seine Liebe zum Ruhrpott. Eine gefühlvolle Hommage an die Menschen, die im Bergbau unter Tage gearbeitet haben. Schnörkellos, aber dennoch liebevoll, erzählt er von den Sorgen und Nöten einer typischen Arbeiterfamilie, deren Leben aus wenig Abwechslung und dafür umso mehr harter Maloche besteht!

    Der Erzähler ist der jüngste Sohn der Familie. In Rückblenden erfahren wir nicht nur die Geschichte der Eltern, sondern auch die Kindheit des Protagonisten, der als Jugendlicher anfängt sich für das Posaunenspiel zu begeistern und von einer großen Weltkarriere träumt. Ein deutlicher Gegensatz zum Leben seiner Eltern, die Tag für Tag schwer arbeiten mussten um über die Runden zu kommen und um ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen.
    Der Roman erzählt einen Alltag, der uns heute so fremd erscheint, dass man sich kaum vorstellen kann, dass ganze Generationen so gelebt haben …

    Martin Beckers Schreibstil ist hier eher einfach gehalten, der Inhalt dafür umso Ehrlicher und Realistischer. Gerade in der gegenwärtigen Zeitebene, umweht den Roman eine starke Melancholie. Nachdem sich die Mutter nach mehreren Hirnblutungen wieder ins Leben zurückgekämpft hat, verstirbt kurze Zeit später der Vater. Die mittlerweile an Demenz erkrankte Mutter lebt nach wie vor in ihrem Haus in Mündendorf. Ein Ort, der für unseren Protagonisten mit viel Schmerz und Wehmut verbunden ist. Ein Ort, den er nur mit großer Überwindung besucht und jedes Mal wieder froh ist, ihn verlassen zu können …

    Der Roman ist in einem durchlaufenden Fließtext verfasst, in dem die wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen gesetzt wurde. An das muss man sich zu Beginn des Lesens ein bisschen gewöhnen. Genauso sind die Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, nur durch Absätze getrennt. Ungewöhnlich, aber gut!

    „Marschmusik“ ist ein Roman der leisen und doch tiefen Töne. Eine Geschichte, die in vielen Bereichen doch fast jeden von uns beschäftigt. Heimat. Familie. Vergangenheit. Und das was bleibt …
    Mich hat das Buch sehr zum Nachdenken gebracht!

  • „Der Berg“ | Dan Simmons

    Titel im Original:  „The Abominable“
    Autor:  Dan Simmons
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Friedrich Mader
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  759
    ISBN:  978-3-453-26896-8

    Wir schreiben das Jahr 1924. Auf der Nordostseite des Mount Everest machen sich die beiden britischen Bergsteiger George Mallory und Andrew Irvine auf den Weg zum Gipfel – und verschwinden spurlos!

    Bis heute weiß man nicht, was damals geschehen ist. Führten die schlechten Wetterbedingungen zum Scheitern der Expedition? Lag es an der mangelhaften Ausrüstung der beiden Bergsteiger? Oder war vielleicht etwas dort oben bei ihnen auf dem Berg?
    Diese Fragen lassen den Bergsteiger Richard Deacon nicht los, und so organisiert er ein Jahr später eine weitere Expedition, um das Schicksal der beiden Verschollenen aufzuklären – und um den höchsten Berg der Welt endlich zu bezwingen.

    Meine Meinung

    Dan Simmons ist ein begnadeter Erzähler und gilt in meinen Augen völlig zurecht als einer der ganz Großen seiner Zunft. Ich lese seine Romane wahnsinnig gern! Er besitzt die Fähigkeit seine Leser mit fließenden und mitreißenden Bildern gefangen zu nehmen.

    Vor allem Kletterer und Alpinisten kennen die historischen Geschehnisse rund um die Erstbesteigung des Mount Everest. „Der Berg“ erzählt die schrecklichen Begebenheiten, die zum Verschwinden der britischen Bergsteiger George Mallory und Andrew Irvine geführt haben. Bei ihrem Versuch Mitte der 1920er Jahre, verschwanden die beiden Männer spurlos! George Mallorys Leiche wurde erst 1999 gefunden, die allerdings keine typischen Absturzverletzungen aufwies, lediglich einen gebrochenen Unterschenkel.
    Mit diesem historischen Hintergrund erschuf Dan Simmons einen fiktiven Roman, der den Leser in die damalige Zeit und in einen rauen Teil der Bergsteigergeschichte eintauchen lässt …

    Wer jedoch einen spannenden Abenteuerroman erwartet, wird hier wohl eher enttäuscht sein!
    Dan Simmons schreibt authentische, detailreiche und vor allem bildgewaltig, konzentriert sich aber vor allem auf seine Charaktere und die beeindruckenden und doch atmosphärischen Natur- und Bergbeschreibungen. Wir lernen den „Alspinstil“ kennen und sind bei den Vorbereitungen der Expedition hautnah dabei. So erhält man einen großen Einblick in die damalige Ausrüstung und die Weiterentwicklung der wichtigsten Gegenstände.

    Gegen Ende des Buches wird die Geschichte dann doch nochmal sehr temporeich und der Roman entwickelte sich zu einer spannenden Spionagegeschichte mit waghalsigen und beklemmenden Kletterpartien, die mir mehr als einmal den Atem geraubt haben.

    Ein toller Roman, der mein Kopfkino ordentlich auf Touren gebracht hat!

  • „Willkommen im Fairvale Ladies Buchclub“ | Sophie Green

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:
    „The Inaugural Meeting of the Fairvale Ladies Bookclub“
    Autor: Sophie Green
    Aus dem Englischen übersetzt von Claudia Franz
    Verlag: Goldmann Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  506
    ISBN: 978-3-442-48784-4

    Australiens Northern Territory verlangt seinen Bewohnern viel ab. Doch fünf Frauen finden einen Weg, dem harten Alltag und der Einsamkeit zu trotzen: Sibyl, die mit ihrem Mann die Farm „Fairvale Station“ leitet, ruft einen Buchclub ins Leben, dem sich vier Frauen anschließen. Sibyls Schwiegertochter Kate, ihre Freundin Rita, die abenteuerlustige Della und die dreifache Mutter Sallyanne. Jede der Frauen bringt ihre Träume und Sorgen zu den Treffen mit, und im Laufe der Jahr werden sie zu besten Freundinnen, die Schicksalsschläge, Liebeswirren und Neuanfänge zusammen meistern.

    Meine Meinung

    „Willkommen im Fairvale Ladies Buchclub“ ist der erste Roman von Sophie Green, der ins Deutsche übersetzt wurde. Er handelt von fünf ganz unterschiedlichen Frauen, die sich aufgrund ihres einsamen Lebens, das sie überwiegend den weiten Distanzen des australischen Outbacks, aber auch ihren eigenen Lebensbegebenheiten schulden, durch einen Buchclub kennenlernen.

    Sybil Baxter ist die Hausherrin der Fairvale Station, eine Farm für Rinder und Pferde, die von ihrem Ehemann Joe und dem jüngsten Sohn Ben bewirtschaftet wird. Bens Ehefrau Kate ist erst kürzlich von England auf die Farm gezogen und muss sich noch mit den rauen Begebenheiten und vor allem dem isolierten Leben im Northern Territory zurecht finden. Um ihr die Eingewöhnung etwas zu erleichtern, gründet Sybil einen Buchclub, mit den Hintergedanken neue Freundinnen zu finden …
    Natürlich ist auch Rita, Sybils beste Freundin, mit von der Partie. Sie sehen sich zwar nur selten, pflegen ihre Freundschaft aber seit vielen Jahren. Sallyanne wohnt Zeit ihres Lebens in Katherine, ist mit dem alkoholkranken Mick verheiratet und Mutter von drei Kinder. Obwohl sie in der Stadt lebt, ist auch sie allein und gefühlt nur für ihre Kinder da. Della soll die fünfte im Bunde werden. Sie arbeitet als Viehtreiberin auf der benachbarten Ranch und fühlt sich als einzige Frau unter vielen Männern oft überfordert.
    Die Frauen treffen sich in regelmäßigen Abständen und tauschen sich bei einer guten Tasse Tee nicht nur über Bücher aus. Sie entwickeln ein enges freundschaftliches Band und schließen sich zu einer starken Gemeinschaft zusammen. Das Besprechen der Bücher wird schnell zur Nebensache, vielmehr findet ein Austausch über die Sorgen und Nöte jeder einzelnen und vor allem eine ganz selbstverständliche gegenseitige Unterstützung statt.

    Sophie Green zeigt uns, wie wichtig eine verlässliche Gemeinschaft ist. Nicht nur in den Weiten des australischen Outbacks! Es gibt immer wieder Probleme im Leben, aber nicht immer muss man diese allein bewältigen. Unsere Protagonistinnen erleben viele Schicksalsschläge, lassen sich davon aber nicht unterkriegen. Sie stürzen sich in die Arbeit oder gehen andere Wege und finden immer wieder Halt in ihrer Freundschaft.

    Die Handlung ist abwechslungsreich, aber nicht sehr aufregend, dennoch wurde die Geschichte für mich nie langweilig. Ich bin den Geschehnissen gerne gefolgt und konnte mein Herz sehr schnell an die Frauen verschenken. Die Schicksale wurden uns glaubwürdig und gefühlvoll, aber vor allem auch schlüssig von der Autorin näher gebracht. Und natürlich konnte ich auch ihre Liebe zu den Büchern sehr gut nachvollziehen!

    Nebenbei bekommen wir auch einen guten Einblick in das Leben der Australier zum Ende der 1970er Jahre. Man erlebt die Isolation der einzelnen Farmen, die Abhängigkeit vom Wetter und den Jahreszeiten und die Widrigkeiten aufgrund der großen Distanzen. Wie man damals Notsituationen im Alltag bewältigen musste, aber auch wie lange Regenperioden vorzuplanen sind!

    „Willkommen im Fairvale Ladies Buchclub“ war für mich wie ein kleiner Urlaub in Down Under!

  • „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ | Joel Dicker

    Titel im Original: „La Disparation de Stephanie Mailer“
    Autor: Joel Dicker
    Aus dem Französischen übersetzt
    von Amelie Thoma & Michaela Meßner
    Verlag: Piper Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  666
    ISBN: 978-3-492-05939-8

    Vier Menschen, an einem schönen Sommerabend brutal ermordet.
    Zwanzig Jahre später: Die junge Journalistin Stephanie Mailer stellt zu viele Fragen und verschwindet. Was ist ihr zugestoßen? Und was hat sie herausgefunden?

    Meine Meinung

    Für mich hat Joel Dicker mit seinem Debütroman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ eine absolute Steilvorlag im Bereich der Spannungsliteratur hingelegt und auch sein zweiter Roman „Die Geschichte der Baltimores“ ging mir sehr zu Herzen. Mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist nun auch sein neues Buch auf dem Markt: Ein großartiges Werk für Freunde guter Kriminalliteratur!

    Wir schrieben das Jahr 2014. In dem beschaulichen Städtchen Orphea, direkt vor den Toren von New York, soll der State Police Detective Jesse Rosenberg in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet werden. Man nennt ihn auch den „Hundertprozentigen“, da er im Laufe seiner Karriere alle Fälle aufklären konnte!
    Während dieser Feier spricht ihn die junge Journalistin Stephanie Mailer an, die angeblich ausschlagende Indizien gefunden hat, die beweisen, dass Jesse und sein damaliger Partner bei einem Vierfachmord zwanzig Jahre zuvor den falschen Täter überführt haben. Während 1994 gefühlt ganz Orphea der Eröffnung des ersten Theaterfestivals der Stadt beiwohnen, werden einige Straßen weiter der Bürgermeister, seine Frau und sein Sohn brutal erschossen. Auch eine zufällt vorbeilaufende Joggerin fiel dem Täter zum Opfer.
    Doch dann ist Stephanie Mailer plötzlich verschwunden …

    Joel Dicker geht gern verschwenderisch und ausladend mit Worten um. Er erzählt nicht kurz und knackig, sondern detailliert und atmosphärisch. Und doch ist hier kein Wort zu viel!

    Das Buch bedient sich ganz klar der Erzähltechnik des Cold Case: Wir springen immer wieder von der Gegenwart 2014 zurück ins Jahr 1994. So reiht sich ein Puzzlestein an den Andere, und die damaligen Geschehnisse und die Verflechtungen, setzen sich allmählich zusammen.
    Bei all den Verwirrungen tappt man als Leser lange im Dunkeln, geht zusammen mit den Ermittlern Irrwege, die zunächst plausibel wirken und doch mit der Wahrheit recht wenig zu tun haben. Man verstrickt sich in einem Netz aus Intrigen und menschlichen Abgründen, die wirklich nicht leicht zu durchschauen sind. Zudem baut der Autor immer wieder kleine Cliffhanger ein, die dringend zum Weiterlesen animieren.

    Die Protagonisten, die uns Joel Dicker hier präsentiert, decken eine enorme Bandbreite der Persönlichkeiten ab. Von wirklich glaubwürdigen bis hin zu völlig überbelichteten und mit Klischees nur so überzogen Figuren bekommen wir hier viele Schattierungen aufgezeigt. Da er über diese Personen aber auch eine gute Portion Humor ins Buch mitbringt, fand ich diesen Faktor wirklich gut!

    Ein spannender und komplexer Kriminal- und Gesellschaftsroman.
    Für meine Verhältnisse hätte das Buch  gerne noch etwas länger sein können …

  • „Scharnow“ | Bela B. Felsenheimer

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor: Bela B. Felsenheimer
    Mit Illustrationen von Bela B. Felsenheimer
    Verlag: Heyne Hardcore
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  414
    ISBN: 978-3-453-27136-4

    In Scharnow, einem Dorf nördlich von Berlin, in der Hund begraben. Scheinbar! Tatsächlich wird hier gerade die Welt gewendet:  Schützen liegen auf der Lauer um die Agenten einer Universalmacht zu vernichten, mordlustige Bücher richtigen blutige Verheerungen an und mittendrin hat ein Pakt der Glücklichen plötzlich kein Bier mehr.

    Wenn sich dann ein syrischer Praktikant für ein Mangamädchen stark macht, ist auch die Liebe nicht weit. Und was ist eigentlich mit den beiden homosexuellen Eichhörnchen?

    Meine Meinung

    Bela B. Felsenheimer dürfte den Jugendlichen meiner Generation überwiegend als Mitglied der Band „Die Ärzte“ bekannt sein. Durch viele Interviews und Reportagen wusste ich schon im Vorfeld, dass der Schlagzeuger ein sehr fantasievoller und vielschichtiger Mensch ist, mit einem skurrilen Sinn für Humor. Daher war ich sehr begeistert, als ich vor einigen Monaten das Veröffentlichungsdatum von „Scharnow“ entdeckt habe!

    Das Buch schildert das Leben in einer deutschen Kleinstadt, vor den Toren von Berlin, voller schräger Vögel und noch viel unglaublicherer Ereignisse. Es erzählt keine klassisch-flüssige Geschichte, sondern setzt sich aus vielen individuellen Handlungen zusammen, die sich aber konsequent miteinander verflechten. Die Protagonisten sind sowohl positiv wie negativ denkwürdige und durchgeknallte Charaktere, deren oft haarsträubende Gedanken und Taten ein absolut einzigartiges Gesamtpaket ergeben.

    Bela B. rockt schreibender Weise einfach mal drauf los! Ohne sich großartig um die Konventionen eines Genres oder einer sinnvollen Geschichte zu kümmern. Dennoch merkt man dem Roman an, dass das Ganze durchaus eine klare und gute Struktur hat. Es besticht mit einer skurrilen Geschichte und überraschenden Wendungen. Erst bei näherem Hinsehen eröffnet sich dem Leser ein Kosmos aus Büchern, Filmen und der flimmernden Welt von Comics und Pulp Fiction, der sich erstaunlich greifbar in unseren Köpfen festsetzt!

    Der Schreibstil ist durchaus anspruchsvoll, mit vielen tollen Phrasen und Umschreibungen, passt aber dennoch perfekt zu den unglaublichen Handlungen der Geschichte. Die Szenen sind bildlich und lebendig. Zudem hat der Autor ein enormes Talent, die Szenen unterhaltsam und ironisch zu gestalten. Vermutlich kein Humor für Jedermann, aber bei mir hat er total ins Schwarze getroffen.

    Obwohl ich mir den Debütroman von Bela B. Felsenheimer schon so in etwa so vorgestellt habe, wurde ich doch positiv überrascht. Ein bisschen hat sich „Scharnow“ auch in meine Seele gebrannt … und wenn mir in Zukunft irgendwo das Lied „Fiesta Mexicana“ unterkommt, werde ich wohl unweigerlich an dieses Buch denken müssen!

  • „Das Labyrinth der Lichter“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original:  „El Laberinto de los Espíritos“
    Autor:  Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag:  Fischer Verlag
    Genre:  Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 4
    Seitenzahl:  939
    ISBN:  978-3-10-002283-7

    Barcelona in den kalten Wintertagen des Jahres 1959.
    Die junge Alicia Gris kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um das überraschende Verschwinden des einflussreichen Ministers Mauricio Valls aufzuklären. In dessen Besitz befand sich ein geheimnisvolles Buch, das Alicia in die Buchhandlung „Sempere & Söhne“ führt, tief ins Herz Barcelonas. Der Zauber dieses Ortes nimmt sie gefangen, und wie durch dichten Nebel steigen Bilder ihrer Kindheit in ihr auf. Doch die Antworten, die Alicia findet öffnen die Tür zu einer finsteren Intrige und bringen all jene in Gefahr, die Alicia am meisten liebt.

    Meine Meinung

    Der aktuellste Roman des spanischen Autoren Carlos Ruiz Zafón stellt den Abschluss seiner Tetralogie um den „Friedhofes der vergessenen Bücher“ dar.

    Wie schon in den Vorgängerbänden spielt auch diese Geschichte wieder vor der Kulisse von Barcelona. Wir befinden uns Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre und die Schrecken der Franco Diktatur sind immer noch spürbar. Lange Rückblicke in diese Zeit des Bürgerkrieges bilden die Metapher über die Zufluchtsorte in der katalanischen Stadt, wie etwa die Buchhandlung der Familie Sempere. Sehr präsent ist auch das soziale Geschehen, das Elend, die Aussichtslosigkeit, aber auch der Zauber der Stadt!

    In „Das Labyrinth der Lichter“ folgen wir der schönen Alicia Gris. Eine unnahbare Amazone, die in Zusammenarbeit mit der Polizei Ermittlungen um das Verschwinden des Politikers Valls führt. Der Minister war zuvor Direktor des berüchtigten „Castille den Montjuich“ und entführte und verkaufte die Kinder der politischen Gefangenen. Unter anderem auch ein Grund, warum die Mafia ihr Interesse an Alicia bekundet.
    Sie erforscht den Verbleib des verbotenen Buches Labyrinth der Lichter“ in Barcelona und wird dabei immer wieder an furchtbare Szenen ihrer eigenen Kindheit erinnert. Schon bald soll ihr klar werden, dass auch Fermín Romero de Torre ein Teil ihrer Vergangenheit ist …

    Der Autor führt hier tatsächlich alle noch offenen Handlungsstränge aus den Vorgängerbänden zusammen. Sehr gekonnt und mit spannenden Wendungen!
    So erfahren wir mehr über David Martin und seine Verbindung zu der Familie Sempere, aber auch Julian Carax bekommt hier wieder seinen Auftritt und wird für den Leser menschlicher und vertrauter.

    Die Handlungen sind wie gewohnt verschachtelt, unerwartet und absolut nicht linear, aber wie immer gut zu verfolgen. Die Dialoge sind auffallend intensiv und spannend gestaltet und Carlos Ruiz Zafón verwendet auch in diesem Buch wieder viel Poesie um seine Geschichte aufzubauen. Man könnte meinen, die Protagonisten sitzen beim Lesen des Buches neben einen …

  • „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ | Michel Faber

    Titel im Original:  „The Book of strange new Thinks“
    Autor:  Michel Faber
    Aus dem Englischen übersetzt von Malte Krutzsch
    Verlag:  Kein & Aber
    Genre:  Roman | Science Fiction | Religion | Apokalypse
    Seitenzahl:  679
    ISBN:  978-3-0369-5779-1

    Der junge Pastor Peter Leigh wird auf die Reise seines Lebens geschickt – nur darf seine Frau Bea ihn nicht begleiten. Um in Kontakt zu bleiben, schicken sie sich Briefe. Doch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit musste eine Liebe eine derart große Distanz überbrücken.

    Meine Meinung

    Als ich den Klappentext zu diesem Buch das erste Mal las, hatte ich sofort ein klares Bild der Geschichte im Kopf. Und ich lag ja sowas von Falsch! So beeindruckend schlicht und flüssig die Sprache Michel Fabers auch ist, so ungewöhnlich und unvorhersehbar ist die Geschichte, die hier erzählt wird …

    Wir begleiten den Geistlichen Peter Leigh, der von einem NASA-inspirierten Großkonzern auf einen ferne Planten namens „Oasis“ geschickt wird. Zu seiner großen Überraschung nehmen die dortigen Bewohner seine biblischen Erzählungen begierig auf und möchten ganz nach dem Wort Gottes leben. Sie nennen die Bibel „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“!
    In vielen Briefen berichtet er seiner zu Hause gebliebenen Frau von dieser offensichtlich bequemen Mission. Sie dagegen schreibt von einer veränderten Welt, in der Erdbeben und Flutwellen ganze Staaten vernichten und wo Lebensmittel zur Mangelware werden. Doch für Peter ist das alles sehr weit weg …

    Michel Faber liefert uns einen tollen Roman, der nicht wirklich einem Genre zuzuteilen ist. Die Science Fiction war für mich zwar immer präsent, ist im Großen und Ganzen aber nur ein gut eingesetztes Stilmittel des Autors. Ebenso die apokalyptischen Geschehnisse auf der Erde. Das Buch besticht auch nicht durch seine rasante Action: Sie ist eher ruhig und intensiv erzählt und verlässt nur selten das Seelenleben unseres Hauptprotagonisten. Die Sprache ist schlicht und angenehm flüssig. Das Hauptaugenmerk liegt gezielt auf dem christlichen Glauben. Darum, wie er sich in einem Menschen manifestiert und was ein gläubiger Mensch mit Gottes Beistand alles zu ertragen weiß. Der Roman kreist um Erinnern und Vergessen, Fremdheit und Vertrautheit, um Nähe und Abschied.

    Eigentlich habe ich mir vom Leben auf der Oasis mehr Abenteuer, Spannung und Gefahren erwartet, stattdessen stellt sich dieser als friedlicher Ort heraus. Beinahe schon idyllisch! Auf der Erde hingegen ereignet sich eine Naturkatastrophe nach der Anderen. Es wird zwar nie ausgesprochen, doch liegt es nahe, dass diese durch die Klimaerwärmung ausgelöst wurden. Bea durchleidet Dramen, die für Peter in immer weitere Ferne rücken. Wie kann der Partner nachvollziehen, was einem selbst widerfährt? … man spürt in den Briefen deutlich, wie die Beiden voneinander wegdriften und die Realität des Anderen sich entfernt.

    Während andere Schriftsteller fast jährlich einen neuen Roman veröffentlichen, hat sich Michel Faber für sein aktuelles Buch mehr als sechs Jahre Zeit gelassen. An vielen Stellen schimmert die Trauer um seine an Krebs verstorbene Frau durch. Dennoch hat Michel Faber eine wunderbare Geschichte geschaffen, in dem man als Leser auch ohne strengen Glauben ganz aufgeht.