• „Halloween“ | Stewart O`Nan

    Titel im Original: „The Night Country“
    Autor: Stewart O`Nan
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel
    Verlag: Rowohlt Verlag
    Genre: Roman | Horror
    Seitenzahl:  256
    ISBN: 978-3-498-05033-8

    Dies ist eine Abenteuergeschichte, eine Einladung zum Wahnsinn, ganz natürlich und doch verboten, verlockend, etwas, das auch du noch im Blut hast.
    Bist du nicht gespannt? Willst du es nicht wissen?

    Na dann los, komm mit uns in die Nacht hinaus!

    Meine Meinung

    Heute gruselt es uns! Wir schreiben die Nacht vor Halloween!

    Eine Clique aus fünf Jugendlichen ist unterwegs zu einer Party. Von der guten Laune und dem Nervenkitzel dieser Nacht mitgerissen, fahren sie zu schnell und werden von einem Polizisten ins Visier genommen, der sie zum Anhalten bringen möchte. Toe, der Fahrer des Quintetts, hält nichts von der Idee und drückt nochmal ordentlich aufs Gas um dem unliebsamen Anhängsel zu entkommen. Dies endet in einem grauenhaften Unfall, bei dem nur Tim unverletzt und Kyle mit schweren Kopfverletzungen überleben. Marco, Toe und Danielle sind sofort tot!

    Als wäre die Situation nicht schon bedrückend genug, können die Toten die Kleinstadt Avon nicht verlassen, da ihre Angehörigen und Freunde sie einfach nicht loslassen können. Sie bleiben als Geister zurück und springen von Person zu Person. Stewart O`Nan schafft hier eine ganz besondere Sicht auf die Geschehnisse, lässt er sie doch einen großen Teil der Geschichte selbst erzählen.

    „Halloween“ vermittelt einen unterschwelligen Grusel, jedoch mit ernstem Hintergrund.
    Eine amerikanische Kleinstadt ist traumatisiert. Der tragische Unfalltot bleibt für die Bevölkerung unfassbar und die Toten setzen sich in den Köpfen ihrer Mitmenschen fest. Auf diese Weise suchen die Lebenden auch die Nähe der Toten und sind ihnen schon bald näher als den Lebenden. Über Tim und Kyle schreibt Stewart O’Nan sogar, sie seien wie Monster.

    Auch Brooks ist ein sehr bedeutender Teil der Geschichte. Er ist der Polizist, der damals die Verfolgung des Wagens aufgenommen hat. Gequält von immensen Schuldgefühlen rekonstruiert er immer und immer wieder den Unfall und verfällt geradezu in eine Marnie, was diese Nacht angeht.
    War er wirklich Schuld an dem Unfall?

    Stewart O`Nan schafft es über das gesamte Buch hinweg, eine sehr angespannte Atmosphäre zu schaffen. Man leidet mit den Angehörigen mit und kann deren Gedanken und ihre Ohnmacht sehr gut verstehen.
    Gerade Tim, der die Nacht ohne körperliche Blessuren überstanden hat, hat mich sehr mitgenommen. Ein toller und ehrlicher Charakter! Er muss sehr häufig an seine Freundin Danielle denken, die er verloren hat. Je näher der Jahrestag rückt umso bedrohlicher scheinen sich seine Gedanken zu entwickeln.

    Nur Kyle, der den Unfall vergessen hat, kann als der einzig Glückliche angesehen werden!

  • „Boy in the Park“ | A. J. Grayson

    Titel im Original: „Boy in the Park“
    Autor: A. J. Grayson
    Aus dem Englischen übersetzt von Karl-Heinz Ebnet
    Verlag: Drömer Knaur
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  363
    ISBN: 978-3-426-30571

    Ein kleiner Junge verschwindet. Am helllichten Tag wird er aus dem Botanischen Garten in San Francisco entführt. Der einzige Zeuge des Verbrechens ist Dylan, der dort eigentlich in Ruhe seine Mittagspause verbringen wollte.
    Je weiter er bei seiner Suche ins kalifornische Hinterland dringt, je näher er dem mutmaßlichen Versteck kommt, desto verstörender und blutiger werden seine Alpträume.

    Meine Meinung

    Es tut mir leid, aber ich habe absolut keine Ahnung ob dieser Roman das grenzgenialste Buch des Universums ist … oder die allergrößte Pflaume meines bisherigen Leselebens! Ihr seht mich hier ratlos auf meinem Sessel sitzen. Selbst Tage nach dem Beenden bin ich noch immer überfordert. Aber mit dem gesamten Buch. Von Vorne bis Hinten!

    In „Boy in the Park“ begleiten wir Dylan während seiner Mittagspause, die er tagtäglich an einem ruhigen Plätzchen im Botanischen Garten von San Franzisco verbringt. Eine einsame Bank an einem idyllischen Teich. Jeden Tag zur selben Zeit taucht ein kleiner Junge auf, der für Dylan ein fester Bestandteil geworden ist. Doch eines Tages ist der Junge verletzt und am Tag drauf sogar verschwunden. Da die Polizei seine Vermisstenanzeige nicht ernst nimmt, beschließt er die Sache selbst in die Hand zu nehmen und sucht auf eigene Faust nach dem Jungen.

    Gleich zu Beginn baut der Roman eine Frage nach der Anderen auf und über lange Zeit blieben Diese für den Leser auch unbeantwortet. Die Geschichte springt in eine reißerische und wüste Erzählung, die mich total reizüberflutet zurückgelassen hat, was jedoch recht schnell von Verwirrung zu Verärgerung umgeschlagen ist. Wann denkt der Autor denn die ersten Unklarheiten aufzulösen? Mal ein bisschen Licht ins Dunkle zu werfen, anstatt immer neue Rätsel aufzugeben? Darf ich euch die Frage beantworten? … erst im letzten Viertel des Buches!!

    Mal ehrlich! Ich bin Thriller-Leserin, daher liebe ich es, von einem Buch in die Irre geführt zu werden, aber was A. J. Grayson hier fabriziert, nagt schwer an den Gedankengängen eines Frettchens auf Koks! Dazu kommen ein recht literarischer Erzählstil, dem man oft nur schwer folgen kann und Gedankensprünge, die teilweise schon weh tun.
    Jedoch positiv zu erwähnen sind auf jeden Fall die recht kurzen Kapitel, die mich zum weiterlesen animiert und für das nötige Tempo gesorgt haben. Ich möchte auch gar nicht behaupten, dass mir der Schreibstil an sich nicht gefallen hat, er geht nur in der Fülle der Emotionen total unter.

    Die Charaktere waren eher flach gezeichnet, aber sie waren ok. Ich fühlte mich mit keinem so richtig verbunden, was aber vermutlich eher dem Verlauf der Geschichte geschuldet war. Ich konnte mich auf keinen so richtig einlassen und fand sie teilweise sehr skurril. Die Umgebungsbeschreibungen dagegen waren sehr gut.

    Obwohl ich das Ende durchaus befriedigend und originell fand, wenn auch in Teilen vorhersehbar, konnte es mich nicht vollständig mit der Geschichte versöhnen!

  • „Ein einziges Geheimnis“ | Simona Ahrnstedt

    Titel im Original: „En enda hemlighet“
    Autor: Simona Ahrnstedt
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Antje Rieck-Blankenburg
    Verlag: LYX Verlag
    Genre: Liebesgeschichte
    Only One Night, Band 2
    Seitenzahl: 669
    ISBN: 978-3-8025-9946-0

    Zwei Personen, die nicht unterschiedlicher sein können:
    Alexander de la Grip, Schwedens Jetset-Prinz, der vor allem für zwei Dinge bekannt ist: Sein Aussehen und seine Frauengeschichten. Und Isobel Sorensen, eine leidenschaftliche Ärztin, die ihr Leben in gefährlichen Krisenregionen riskiert, um den Menschen dort zu helfen.
    Sie leben in verschiedenen Welten, und sie verbindet nicht …

    Doch als Isobels Hilfsorganisation „Medpax“ plötzlich vor dem finanziellen Aus steht, kreuzen sich ihre Wege. Denn jetzt braucht Isobel das, was Alexander im Überfluss besitzt: Geld

    Meine Meinung

    „Ein einziges Geheimnis“ ist der zweite Teil der „Only One Night“-Trilogie und für mich zwar eine tolle Geschichte aus der Hand von Simona Ahrnstedt, aber ein Buch, dass leider viele unterschiedliche Gefühle in mir hervorgerufen hat.

    Hier geht es um Natalias Bruder Alexander, der ein Lebemann und Selfmade-Millionär ist, es aber als strenges Geheimnis hütet, dass er für sein Geld auch arbeitet. Alle denken, er finanziert sich lediglich aus seinem Erbe und sieht gut aus. So auch Isobel, die alles andere als eine hohe Meinung von ihm hat, aber zwingend eine Geldspritze aus seiner Stiftung benötigt.

    Vergleicht man diesen Band mit dem Vorgänger „Die Erbin“, wird man doch gravierende Unterschiede im Geschichtenaufbau finden. Mich haben diese zwar nicht abgeschreckt, aber sie fallen einem als Leser doch recht schnell ins Auge.

    Auch was die Charaktere angeht, fällt einem ein großer Unterschied auf. Sind Natalia und David aus dem ersten Band noch sehr realistisch und nachvollziehbar gehalten, schießt Simona Ahrnstedt gerade bei der Charakterbildung von Alexander de la Grip in meinen Augen total über das Ziel hinaus. Ein für mich von grundauf unsympathischer aber auch unrealistischer und unangenehmer Charakter. Leider änderte sich dieses Gefühl auch im Laufe des Buches nicht mehr bei mir.
    Ihm gegenüber steht die vegetarische Ärztin Isobel, die die Organisation ihrer Mutter in Krisengebieten unterstützt und leidenden Kindern hilft. Natürlich ist da die Sympathie vorprogrammiert, aber auch ihr Einsatz im Tschad wird in meinen Augen sehr realistisch beschrieben.
    Für mich hat die Harmonie zwischen den beiden Hauptcharakteren leider gar nicht gepasst und so konnte ich auch bei der beginnenden Liebesbeziehung nicht mitfühlen.

    Als zweiten Handlungsstrang erfahren wir sehr viele Neuigkeiten über Peter de la Grip, dem ältesten Sohn der Familie. Im ersten Band besticht dieser noch durch sein negatives Verhalten als Marionette seines Vaters und seinem denkwürdigen Charakter, in diesem Buch erfahren wir aber mehr über die Veränderungen in seinem Leben. Eine Geschichte, die mir wesentlich mehr zu Herzen gegangen ist, als die Hauptstory!

    Dennoch: Simona Ahrnstedt besticht auch in „Ein einziges Geheimnis“ wieder durch ihren unglaublich stilvoll Schreibstil und einer wunderbaren Sprache. Stockholm wird für das innere Auge des Lesers lebendig und man bekommt richtig Lust darauf diese Stadt auf der Stelle einen Besuch abzustatten!

  • „Die Wunderübung“ | Daniel Glattauer

    Autor: Daniel Glattauer
    Verlag: Deuticke Verlag
    Genre: Roman | Komödie
    Seitenzahl:  111
    ISBN: 978-3-552-06239-9

     „Sie sehen ja, wo Verständnis hinführt, wenn nicht beide das gleiche darunter verstehen!“

    Eine Frau und ein Mann, beide um die vierzig, haben im Arbeitsraum eines Paartherapeuten Platz genommen. Der Therapeut ihnen gegenüber. Die Stimmung ist geladen – die Komödie kann beginnen!

    Meine Meinung

    Für mich ist Daniel Glattauer seit „Gut gegen Nordwind“ eine absolute Institution am österreichischen Autorenhimmel. Ich mag ihn unheimlich gern!
    „Die Wunderübung“ ist ein dünnes kleines Büchlein, das seinen Leser wieder in den Alltag der Protagonisten mitnimmt und bei mir durch seinen Witz und der glattauertypischen Satire punkten kann.

    Die Beziehung von Joana und Valentin ist am Tiefpunkt angelangt und die hilflosen Versuche des Paartherapeuten, die beiden Streithähne in den Griff zu kriegen sind zwar unterhaltsam, aber anscheinend ganz und gar nicht erfolgreich. Joana weiß eigentlich immer schon vorher, was ihr Ehemann sagen will, und sorgt mit ihrem Redeschwall obendrein dafür, dass er oft gar nicht erst zu Wort kommt. Valentin straft sie dafür mit Gefühlskälte und leidenschaftsloser Ignoranz. Er nimmt die Missstände offenbar als gegeben hin und sieht keinen Grund für große Veränderungen. Wodurch sich Joana nur noch mehr provoziert fühlt.
    Doch nicht nur Joana und Valentin haben ein Problem, auch der Therapeut selbst scheint in gröberen Schwierigkeiten zu stecken.

    Das Buch ist in Form eines Theaterstücks geschrieben und lässt sich durch seine 111 Seiten auch sehr locker an einen gemütlichen Abend wegsuchten. Daniel Glattauer wirft seinen Leser mitten in den Arbeitsraum des Paartherapeuten und wir sind sofort mit von der Partie. Natürlich bekommen wir hier keine hochtrabende schwere Literatur, aber vielleicht ist dieses Buch gerade deshalb ein toller Wegbegleiter. Präzise und Treffliche Formulierungen. Ein toller Humor, der mich sehr oft zum Lachen gebracht hat. Was wünscht man sich mehr?

    Solange man nicht selbst von so einer Situation betroffen ist, darf man sich genüsslich zurücklehnen – natürlich etwas schadenfroh – und selbst den bedauernswerten Paartherapeuten ob seiner hilflosen Versuche der Schadensbegrenzung belächeln.
    Ist doch alles halb so wild! Etwas anderes hat Daniel Glattauer sicher nicht gewollt …

  • „I Saw a Man“ | Owen Sheers

    Titel im Original: „I Saw a Man“
    Autor: Owen Sheers
    Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Mohr
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  297
    ISBN: 978-3-421-04669-7

    Es war an einem Samstag im Juni, als sich ihrer aller Leben komplett veränderte: Schlagartig, nur wenige Minuten, nachdem Michael Turner das Haus der Nelsons durch die Hintertür betreten hatte. In der Stille wirkte es, als wäre niemand daheim.

    Meine Meinung

    Da sich die Meinungen der Leser zu diesem Buch in alle Richtungen spalten, hat mich die Geschichte ganz besonders interessiert. Und Wirklich: Der Klappentext lässt an eine ganz andere Geschichte denken, als man letztendlich von dem Autor bekommt.
    „I Saw a Man“ ist ein großartiger Roman über die Auswirkungen schicksalhafter Momente und zeigt den Umgang der betroffenen Personen mit ihren dramatisch veränderten Leben auf authentische Art und Weise.

    Nach dem tragischen Tod seiner Frau Caroline gerät Michaels Leben komplett aus den Fugen. Das frisch verheiratete Paar hatte gerade erst begonnen, sich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, als die Journalistin bei einem Auslandsdreh in Afghanistan durch tragische Ereignisse ums Leben kommt.
    Um sich selbst wieder zu finden, zieht Michael zurück nach London. Schnell schließt er dort Freundschaft mit Josh und Samantha Nelson, die mit den beiden Töchtern direkt nebenan leben und schon bald geht Michael bei den Nelsons wie selbstverständlich ein und aus.
    Doch an einem Samstagnachmittag im Juni soll sich ihr aller Leben schlagartig verändern. An diesem Nachmittag betritt Michael das Haus der Nelsons durch die offene Hintertür mit einem äußerst unguten Gefühl. Es scheint niemand im Haus zu sein, doch warum stand dann die Hintertür auf? Das sieht den Nelsons gar nicht ähnlich!

    Das Buch besticht durch seinen rückblickenden Erzählstil, der den Leser sehr gut in der Geschichte fesseln kann. Er ist mit vielen bildhaften Vergleichen gespickt, bleibt dabei aber flüssig und leicht.
    Die Rückblenden sind geschickt eingebaut, so dass man erst allmählich den Menschen hinter Michael Turner kennen lernt. Er erlebt seine Gegenwart und springt dabei gleichzeitig immer wieder zurück in seine Vergangenheit. Durch diese wechselnden Zeiten erfährt der Leser erst nach und nach worum es in dem Buch überhaupt geht. Je mehr man über die gemeinsame Zeit mit seiner Ehefrau erfährt, desto klarer wird wie es zu der aktuellen Situation kommen konnte.

    Ich war nicht immer mit Michaels Reaktionen einverstanden, aber er ist ein interessanter und authentischer Charakter mit einer traurigen Vorgeschichte, die ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt ist. Auch Josh und Samantha Nelson haben ihre kleinen Schwächen, wodurch sie ebenfalls authentisch wirken.

    Owen Sheers behandelt und kritisiert in diesem Buch auch ein sehr aktuelles Thema, dass den Leser direkt dazu verleitet, sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen.

  • „Tyll“ | Daniel Kehlmann

    Autor:  Daniel Kehlmann
    Verlag: Rowohlt Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl: 474
    ISBN: 978-3-498-03567-9

    Tyll Ulenspiegel – Vagant, Schausteller und Provokateur – wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einen kleinen Dorf geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät schon bald mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen und die Bäckerstochter Nele begleitet ihn.

    Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen: dem jungen Gelehrten und Schriftsteller Martin von Wolkenstein, der für sein Leben gern den Krieg kennenlernen möchte, dem melancholischen Henker Tilman und Pirmin, dem Jongleur, dem sprechenden Esel Origenes, aber auch dem dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, deren Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hat.

    Meine Meinung

    Mit „Tyll“ bekommen wir ein wunderbar skurriles Buch, dass uns tief in die Gedankenwelt des Dreißigjährigem Krieges eintauchen lässt. In meinen Augen, ist Daniel Kehlmann ein Meister der Sprache!

    Tyll Ulenspiegel wächst als Sohn einer Müllersfamilie auf. In seinem Vater brennt ein wissbegieriger Geist, der sich oft mit der Frage beschäftigt, wie die Welt wirklich funktioniert. Leider fehlt es ihm an Vorwissen und er sucht nach Erklärungen für den Lauf der Zeit, für die Ursache von Krankheiten, für die wirkliche Natur der Dinge. Mit jeder Frage, die er stellt, macht er sich zunehmend in den Augen der Kirche verdächtig, die die alleinige Deutungshoheit beanspruchen. Die Gelehrten sorgen dafür, dass Tylls Vater als Hexer hingerichtet wird, worauf sich der Junge auf den Weg ins Ungewisse macht. Aus seinen zaghaften Versuchen, auf einem Seil zu gehen und zu jonglieren, wird ein Beruf, den er auf die harte Tour von einem brutalen Gaukler beigebracht bekommt.

    Der Dreißigjährige Krieg war eine Zeit der inneren und äußeren Auflösung. Europa war im Begriff sich selbst zu zermalmen. Aus Bauernsöhnen wurden Söldner, anders konnten viele nicht überleben. Die Soldaten wechselten manchmal mehrfach am Tag die Fronten. Der Feind, das waren immer die anderen, und jedem Gerücht wurde geglaubt, auch an magische Amulette, die Kugeln fernhielten, und an die Gewissheit der Hölle.
    Und so begleitet Tyll auch den dümmsten der Mächtigen, den glücklosen König von Böhmen, der durch die Annahme seiner Krone den Dreißigjährigem Krieg ausgelöst hat, und auch seine Frau, die ihn wohl dazu überredete, sich gegen den Kaiser zu stellen.

    Für mich gibt es in diesem Buch eine ganz große Kernaussage:  „Zuerst kommen die Gaukler, dann kommt der Krieg!“ Das Volk will nicht regiert werden, es will unterhalten werden. Die Herrschenden umgeben sich mit Hofnarren, weil es ihren guten Status unterstreicht. Also bietet sich Tyll gleich mehr als einmal als Hofnarr an, weil ihm das ein relativ sicheres Leben ermöglicht.

    Das Buch ist gespickt mit, auf den ersten Blick absurden, aber auf den zweiten Blick doch immer schlüssigen Gedankenspielen auf der Basis des damaligen Aberglaubens bzw. der noch in den Kinderschuhen befindlichen Wissenschaft. Die Geschichte wird bildgewaltig erzählt, obwohl es kaum ein sprachliches Bild enthält. Man stapft durch Schnee und Dreck und riecht die Dummheit und das Blut.

    „Tyll“ ist ein trickreicher und extrem gut recherchierter Roman von Daniel Kehlmann, welcher mit klarer Sprache von Schauplatz zu Schauplatz reist und wichtige Figuren in ein spannendes Licht rückt.

  • „Das letzte Geständnis des Raphael Ignatius Phoenix“ | Paul Sussmann

    Titel im Original: „The Final Testimony of Raphael Ignatius Phoenix“
    Autor: Paul Sussmann
    Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger
    Verlag: Drömer Knaur
    Genre: Roman  |  Humor
    Seitenzahl:  430
    ISBN: 978-3-426-30439-6

    Raphael Ignatius Phoenix hat Stil. Manchmal lebt er seinen leichten Hang zur Exzentrik aus, aber letztlich geht ihm nichts über Eleganz und geordnete Verhältnisse. Daher ist es selbstverständlich, dass er zu seinem bevorstehenden 100. Geburtstag ein Geständnis ablegt. Denn sein Ehrentag wird der Tag seines Todes sein. Und da es sich nicht schickt, einfach so aus der Welt zu scheiden, schreibt er zuvor den längsten Abschiedsbrief aller Zeiten – und beichtet ganz nebenbei zehn Morde, die ihm unter anderem mit Hilfe eines Halloween-Kürbisses, der Reißleine eines Heißluftballons und eines Erdbeer-Sahnehörnchens unterlaufen sind.

    Meine Meinung

    Als der britische Journalist und Autor Paul Sussmann im Jahre 2012 plötzlich verstarb, fand man in seinem Nachlass ein unveröffentlichtes Manuskript, das zu seinen Lebzeiten keinen Verleger gefunden hat. Da seine bisherigen Veröffentlichungen hauptsächlich Bereiche der Archäologie zum Thema hatten, war „Das letzte Geständnis des Raphael Ignatius Phönix“ mit seinem schwarzen Humor eine Kuriosität aus der Hand des Autors.

    Stell dir vor, du besuchst eine alte Burg in England. Du läufst durch die rustikalen Räume, hörst die hallenden Schritte und entdeckst eine alte verglaste Aussichtskuppel aus der man die Sterne beobachten kann. Aber am faszinierendsten ist die spezielle Wandgestaltung im inneren der Burg: Hier findest du das letzte Geständnis des 99-jährigen Raphael Ignatius Phönix! Nach 100 Jahren auf Erden und 10 begangenen Morden möchte nun auch er seinen Frieden finden und aus der Welt scheiden. Eineinhalb Gran Strychnin, eineinhalb Gran Arsen, ein halbes Gran Zyankali und ein halbes Gran zerstoßene Brechwurzel, geformt in einer Tablette, soll ihm dabei behilflich sein.

    Er schreibt seine Memoiren mit Filzstift auf die Wände seiner Burg und verrät dem Leser, wen er wann umgebracht hat. Natürlich nicht ohne den gewissen Spott und mit der Selbstverliebtheit eines Mörders, der ungewöhnliche Methoden angewendet hat, um Personen ins Jenseits zu befördern. Er rühmt sich mit seinen Taten, berichtet rational und emotionslos, wie er sich gewisser Leute entledigt hat und lässt dabei keine Illusionen aufkommen, warum er die Taten begangen hat.

    Wir erfahren die Geschichte nicht chronologisch. Nein, das wäre viel zu einfach für Raphael Ignatius Phönix! Er beginnt beim letzten seiner Morde, die er übrigens so gut wie alle nicht vorsätzlich begangen hat. Fast klingt es an einigen Stellen so, als sei Phönix ein unbescholtener Bürger, dem einzig und allein das böse Schicksal seine weiße Weste befleckt hat.

    Der Roman ist spannend und einfühlsam geschrieben, verzichtet auf billige Effekte und widmet sich lieber dem Innenleben seines skurrilen Protagonisten. Der Schreibstil lässt die Seiten nur so fliegen, wobei es auch einige Längen gibt, diese haben sich für mich aber doch recht einfach umschiffen lassen. Paul Sussmann schreibt sich die Geschichte mit großer Leidenschaft aus der Seele. Er skizziert, charakterisiert und zerlegt das Böse in Raphael und versucht am Rande doch immer auch Verständnis für seinen Protagonisten zu finden.

    Die Geschichte ist amüsant, bitterböse, sarkastisch und zynisch.
    Auf jeden Fall ist sie Anders!

  • „Die Erbin“ | Simona Ahrnstedt

    Titel im Original: „En enda natt“
    Autor: Simona Ahrnstedt
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Antje Rieck-Blankenburg
    Verlag: LYX Verlag
    Genre: Liebesgeschichte
    Only One Night, Band 1
    Seitenzahl: 604
    ISBN: 978-3-8025-9945-3

    Natalia de la Grip ist ein aufgehender Stern am schwedischen Wirtschafshimmel: Sie ist klug, tough und schon jetzt eine der angesehensten Unternehmensberaterinnen des Landes. Doch diesen Erfolg musste sie sich hart erarbeiten. Denn obwohl sie als Tochter des mächtigsten Unternehmers Schwedens in die Elite der Finanzbranche hineingeboren wurde, hat ihr Vater nie einen Hehl daraus gemacht, dass Frauen seiner Meinung nach in der Wirtschaft nichts zu suchen haben.
    Als sie eines Tages von niemand Geringerem als David Hammar, einem der erfolgreichsten Risikokapitalgeber Europas, zum Lunch eingeladen wird, ist sie zunächst sehr überrascht!

    Meine Meinung

    Für mich ist Simona Ahrnstedt die schwedische Queen der Romantik! Sie hat einen tollen und lebendigen Schreibstil, der sich aber ganz klar von amerikanischen und deutsche Autorinnen dieses Genres unterscheidet. In „Die Erbin“ konnte sie mich nicht nur mit ihrer Geschichte fesseln, sondern schafft es auch auf ihre ganz eigene Weise Szenen bildgewaltig greifbar zu machen.

    Wir bekommen hier einen sehr intensiven Einblick in die Welt der Reichen und Schönen in Schweden, der so manchen menschlichen Abgrund offenbart. Es gibt Schattenseiten, die man am liebsten nie betreten würde und auf einmal ist man doch ganz froh, ein normaler Mensch zu sein.

    Leider verrät uns der Klappentext schon sehr viel von der Geschichte!
    Natalia de la Grip ist eine sehr sympathische Frau. Stark, ehrgeizig und karriereorientiert! Sie weiß um ihren Stand im Leben und hat einen doch recht guten Plan, wie sie ihre Ziele erreichen kann. Natürlich kommt dieser Charakter nicht von irgendwo her:  Die strenge Erziehung ihres Vaters Gustav und sein altbackenes Frauenbild haben nicht nur sie merklich geprägt, auch ihre Brüder ziehen daraus ihre Schlüsse.
    Als männlichen Gegenpart finde ich David Hammar sehr gut gewählt. Er ist charamant, sexy und musste sich seinen Erfolg im Geschäftsleben wirklich hart erarbeiten. Ich würde seinen Charakter durchaus als facettenreich beschreiben. Ein Mann mit Vergangenheit und Geheimnissen. Und genau diese Erlebnisse haben ihn zu dem erfolgreichen Geschäftsmann gemacht, der er heute ist! Ohne Klischees wäre so ein Buch doch wirklich langweilig, oder?

    Der erotische Anteil in diesem Buch war sehr intensiv und sinnlich und auch die Beschreibungen der Gefühle, haben mich unheimlich berührt. Klare Aussagen, Klare Handlungen!
    Die Wendungen waren nicht immer Unvorhersehbar, aber dennoch toll beschrieben und spannend. Nur der gute Gustav hat mich des Öfteren mit seinen Aussagen zur Weißglut gebracht.

    Taucht auf jeden Fall in Schwedens Upperclass ein und seht selbst, ob wirklich alles Gold ist, was glänzt!

  • „Die Geisha“ | Arthur Golden

    Titel im Original:  „Memoirs of a Geisha“
    Autor:  Arthur Golden
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gisela Stege
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman  |  Roman
    Seitenzahl:  573
    ISBN:  978-3-442-73522-8

    Zu Beginn der 30er Jahre: Die 9jährige Chiyo lebt mit ihrer bettelarmen Familie in einem kleinen Fischerdörfchen. Als ihre Mutter im Sterben liegt, verkauft der Vater sie und ihre Schwester in das Vergnügungsviertel Gion der alten Kaiserstadt Kyoto.
    Bei ihrer Ankunft in Kyoto werden die beiden Mädchen getrennt. Chiyo kommt in eine Okiya, ein Geisha-Haus, die Spur ihrer Schwester verliert sich. Star der Okiya ist Hatsumomo, eine faszinierend schöne, aber unglaublich launische Geisha, die bei den Herren in Gion sehr beliebt ist und daher für die Okiya viel Geld einbringt.

    Anderthalb Jahre wird Chiyo von Hatsumomo gedemütigt. Doch als sie erkennt, dass ihr altes Leben unwiderruflich vorbei ist, fügt sie sich in ihre Schicksal. Von da an ist ihr Aufstieg zur begeisterten Geisha ganz Kyotos nicht mehr aufzuhalten. Doch dann lernt sie einen Mann kennen, in den sie sich unsterbliche verliebt.

    Meine Meinung

    Arthur Golden hat sich mit „Die Geisha“ von der ersten Zeile an in mein Herz geschrieben.
    Dieser Roman ist eines der meistgelesenen Bücher in meinem Regal und wird vermutlich auch in Zukunft noch öfters  zur Hand genommen werden.

    Wir begleiten die Japanerin Chiyo durch ihr bewegendes Leben. Zu Beginn noch als 9jähriges Mädchen, mit einfachen Wünschen und Hoffnungen, aber einem starken Blick auf die Welt. Wir bekommen einen ersten Einblick auf die japanische Kultur, über das Japan der und 30er Jahre und natürlich auch über den Kriegseinbruch in Japan. Chiyo wächst vom unbescholtenen Kind zum gedemütigten Dienstmädchen heran, das mit ihren Wiederständen regelmäßig gegen Wände läuft. Dank einer schicksalshaften Begegnung weiß sie sehr bald, was sie von ihrem Leben möchte: Eine Geisha sein!
    Von diesem Zeitpunkt an, verfolgen wir ihre Ausbildung. Sie nimmt den Namen „Sayuri“ an und wird im Laufe der Jahre in ganz Kyoto und über dessen Grenzen hinaus bekannt. Diese Zeit ist gespickt von Disziplin und Leidenschaft, aber auch Intrigen und Hass schlagen „Sayuri“ entgegen.

    Arthur Golden hat einen sehr bildlichen und ausschweifenden Schreibstil, mit auffallend guten Dialogen. Die Geschichte wird eher ruhig erzählt und vermittelt einen unglaublich realistischen Einblick in eine Kultur, die sich doch rigoros zur Westlichen unterscheidet. Auch die Belagerung Japans durch die Amerikaner wurde sehr ergreifend thematisiert, sowie der Wiederaufbau nach Kriegsende.
    Arthur Golden verliert nicht eine Sekunde den Bezug zu seinen Protagonisten. Sie liefern niemals ein völlig schillerndes oder gänzlich dunkles Bild, sondern die gesamte Vielfalt der menschlichen Natur.

    Die vielen eingestreuten Informationen wirken außergewöhnlich real, man sollte aber immer im Auge behalten, das es sich bei „Die Geisha“ um einen Roman und keine Biographie handelt.
    Viele Begebenheiten entstammen sicher der Realität, aber „Sayuri“ ist eine erfundene Person.