• „Das Feld“ | Robert Seethaler

    Autor:  Robert Seethaler
    Verlag: Hanser Berlin
    Genre: Roman
    Longliste Österreichischer Buchpreis 2018
    Seitenzahl:  239
    ISBN: 978-3-446-26038-2

    Wenn die Toten auf ihr Leben zurückblicken könnten, wovon würden sie erzählen?
    Wäre es eine Geschichte oder die Erinnerung an einem Moment, an ein bestimmtes Gefühl, eine Regung?

    Einer wurde geboren, verfiel dem Glücksspiel und starb. Ein anderer hat nun endlich verstanden, in welchem Moment sich sein Leben entschied. Einer erinnert sich daran, dass ihr Mann ein Leben lang ihre Hand in seiner gehalten hat. Eine andere hatte 67 Männer, doch nur einen von ihnen hat sie geliebt. Einer war vernünftig genug, sich seine Träume nicht zu erfüllen. Und einer dachte: Mann müsste mal raus hier. Doch dann blieb er!

    Meine Meinung

    Endlich wieder ein neues Buch von Robert Seethaler!
    Ein berührendes und sehr feines Buch, das für mich auch definitiv an seine Vorgänger anschließen kann. Es bringt einen zum Lachen, es weckt Bedauern, es zeigt Glück und das Gefühl etwas Wichtiges verpasst zu haben.

    Zu Beginn des Buches begleiten wir einen älteren Mann auf seinem täglichen Spaziergang zum Friedhof der kleinen Gemeinde Paulstadt. Ganz in seine Gedanken vertieft fragt er sich, wie es wohl wäre, wenn die Toten von ihrem Leben erzählen könnten und ihn überkommt der Verdacht, dass sie vermutlich genauso wie die Lebenden nur Belanglosigkeiten von sich geben würden.
    Der Leser taucht von der ersten bis zur letzten Seite in die kleine Welt der Paulstädter ein und lauscht den verschiedenen Geschichten der verstorbenen Bewohner.

    Robert Seethaler schreibt hier sehr komplex und fordert die Aufmerksamkeit seines Lesers deutlich heraus. Nach und nach entdeckt man erste Verbindungen zwischen den Personen. Einige sind durch liebe miteinander verbunden, andere sind miteinander verwandt. Zum Teil wird dies durch den Nachnamen offensichtlich, bei manch Anderen muss man doch aufmerksam lesen, um einzelne Hinweise in Nebensätzen nicht zu übersehen. Wir erfahren auch viele private Dinge, die in der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und heute stattfanden. Diese miteinander verknüpften Schicksale machen „Das Feld“ lebendig und man bekommt ein gutes Gefühl für die Harmonie in diesem kleinen Örtchen.

    Durch einige Bewohner erfahren wir die gleichen Begebenheiten, aber aus unterschiedlichen Sichtweisen. Das waren für mich die interessantesten Kapitel. Da erkennt man doch sehr klar, wie bedrückend anders dein Gegenüber doch eine Situation sehen kann.

    Eigentlich hatte ich gehofft, dass sich zum Ende hin der Kreis noch etwas mehr schließt, aber im Nachhinein wäre das total unlogisch. Immerhin kennen wir nur eine Seite der Medaille, die Lebenden haben sich hier auch noch nicht zu Wort gemeldet.

    Mich hat das Buch sehr nachdenklich gestimmt. Auf Seite 11 gibt es ein tolles Zitat:
    „Als junger Mann wollte er die Zeit vertreiben, später wollte er sie anhalten, und nun, da er alt war, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie zurückzugewinnen.“
    „Das Feld“ ermahnt uns, nichts aufzuschieben und im hier und jetzt zu leben. Vieles wurde im Leben nicht getan und die Toten bereuen es jetzt!

  • „QualityLand“ | Marc-Uwe Kling

    Autor:  Marc-Uwe Kling
    Verlag: Ullstein Verlag
    Genre: Roman  |  Humor
    Seitenzahl: 379
    ISBN: 978-3-550-05015-2

    Willkommen in QualityLand!
    In der Zukunft läuft alles rund: Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. QualityPartner weiß, wer am besten zu dir passt. Das selbstfahrende Auto weiß, wo du hinwillst. Und wer bei TheShop angemeldet ist, bekommt alle Produkte, die er haben will, zugeschickt, ganz ohne sie bestellen zu müssen. Superpraktisch! Kein Mensch ist mehr gezwungen, schwierige Entscheidungen zu treffen – denn in QualityLand lautet die Antwort auf alle Fragen: OK!

    Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller?

    Meine Meinung

    Mit Marc-Uwe Kling habe ich im Juli wieder einen neuen Autor für mich entdeckt. Mir waren zwar die Känguru-Chroniken ein Begriff, ich hatte sie aber bis dato noch nicht in der Hand. „QualityLand“ war für mich eine bitterböse, aber doch recht plausible Zukunftsperspektive, obwohl ich jetzt den absoluten Begeisterungsrausch, den dieses Buch durch die Medien zieht, nur bedingt verstehen kann.

    In einer nicht allzu fernen Zukunft haben die Algorithmen und ihre Schöpfer die Alleinherrschaft in Zentraleuropa, das nun den Namen QualityLand trägt, übernommen. Die Menschen wurden zum größten Teil durch produktivere Maschinen ersetzt und in ein Level-System gezwungen: Je mehr sie Arbeiten und Leisten, desto höher das Level. Hier lernen wir Peter Arbeitsloser kennen und begleiten ihn durch seinen Alltag. Als Level 10 fristet er ein eher tristes Leben, ist aber dennoch ganz zufrieden. Er kennt halt nichts Anderes! Als er von „The Shop“, dem mittlerweile größten Online-Versandhandel, einen rosafarbenen Delphinvibrator bekommt, ist nun auch für ihn das Maß voll und er beginnt sich aufzulehnen. Unterstützt wird er von einer rebellischen jungen Frau und seinen defekten Maschinen, die er vor der Schrottpresse gerettet hat.

    Man sollte beim Lesen dieses Buches immer die aktuellen Diskussionen über Datensicherung und die neuen Medien im Hinterkopf behalten, dann liest man hier viele Dinge, die dem Leser auch heute schon schrecklich realistisch erscheinen. Starten wir zum Beispiel auf Google eine Suchanfrage oder besuchen Webseiten zu einem bestimmten Thema, können wir uns sicher sein, dass uns in naher Zukunft ein passender Artikel aus dem großen „A“ vorgeschlagen wird.

    Marc-Uwe Kling hat definitiv viel Hintergrundwissen gesammelt und eine sehr gute Recherchearbeit geleistet. Mir gefällt es sehr, wie der Autor Theorien zur digitalen Gesellschaft mit dem gegenwärtigen Alltag verknüpft. So finden wir in „QualityLand“ viele Anspielungen auf die Popkultur oder Zitate, aber auch gute technische Erklärungen, die für den Leser einfach aufbereitet wurden.

    Der Schreibstil war sehr flüssig und leicht zu lesen, aber alles in allem wirkt die Geschichte eher düster, teilweise sogar trocken und trieft vor Sarkasmus. Ich weiß schon: Das gehört zu einer Satire dazu, aber hier ist der Autor für meinen Geschmack doch etwas über das Ziel hinaus geschossen. Für mich hat es total die Spritzigkeit weggenommen und es wurde immer wieder leicht schleppend. Vielleicht trifft es auch einfach nicht meine Art von Humor!
    Nichtsdestotrotz eine klare Leseempfehlung. Mir haben die Geschichte und der Hintergedanke dazu, sehr gut gefallen. Die Charaktere von Peters Maschinen waren jeder für sich einzigartig und lustig gezeichnet und auch Peter Arbeitsloser war ein toller Protagonist.

    Ich denke, um die Weihnachtszeit herum werde ich mir auch mal die Känguru-Chroniken anschauen! Was könnt ihr mir denn empfehlen? Lieber lesen oder als Hörbuch hören?

  • „Die Königin der Orchard Street“ | Susan Jane Gilmann

    Titel im Original:  „The Ice Cream Queen of Orchard Street“
    Autor: Susan Jane Gilman
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eike Schönfeld
    Verlag: Insel Verlag
    Genre: Zeitgeschichtlicher Roman
    Seitenzahl: 550
    ISBN: 978-3-458-17625-1

    New York, 1913. In den dicht gedrängten Straßen von Lower East Side, wo Armut herrscht und der Hunger erfinderisch macht, gelingt es der kleinen Malka, dem Schicksal dank ihrer Raffinesse und einer gehörigen Portion Chuzpe immer wieder ein Schnippchen zu schlagen. Bis sie es schließlich ganz nach oben schafft – zur „Eiskönigin von Amerika“!

    Meine Meinung

    In „Die Königin der Orchard Street“ begleiten wir die 5-jährige Malka Bialystoker durch ihr Leben.
    Susan Jane Gilman hat einen großartigen biographischen Roman geschrieben, der nicht nur die Flüchtlingspräsenz der 1910er Jahre offen darlegt, sondern auch die Not und den Einfallsreichtum der Menschen in der damaligen Zeit.

    Als Tochter einer russischen Flüchtlingsfamilie mit jüdischen Wurzeln begleiten wir Malka während der Überfahrt nach Amerika. Eigentlich wollte die Familie über Hamburg nach Südafrika einschiffen, wo Verwandte sie erwartet und unterstützt hätten, doch wie es so oft im Leben passiert, kommt alles anders. Sie stranden im Land der Träume, wo man vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann. Oder auch nicht!
    In den Straßen von New York lernt Malka schnell sich durchzuschlagen, bis ein tragischer Unfall ihr ganzes Leben zu zerreißen droht. Sie wird von italienischen Einwanderern aufgenommen und großgezogen. Von nun an ist sie als Behinderte gebrandmarkt und auf die unwirsch erteilte Mildtätigkeit von fremden Leuten angewiesen. Ständig ausgegrenzt und ausgenutzt, aber auch emotional im festen Griff gehalten. Rein aus pragmatischen Gründen konvertiert sie zum katholischen Glauben und nimmt den Namen Lillian Maria Dinello an.

    Als Lillian mit viel Hinterlist, Einfallsreichtum und hervorragenden Ideen ein Geschäftsimperium aufbaut, hat sie sich alle ihre Träume erfüllt. Jetzt bekommt sie die lang ersehnte Anerkennung! Aber ist das genug um glücklich zu sein?

    Selten habe ich in einem Buch eine so vielschichtige und echte Figur, wie unsere Protagonistin bekommen. Mit allen Ecken und Kanten. Sie wurde bewundert, bemitleidet, geliebt, aber auch genauso gehasst.

    Susan Jane Gilman hat einen sehr geraden und leichten Schreibstil, der den Leser gut in die Geschichte rutschen lässt. Jedoch die ausdrucksstarken Worte, mit denen die Geschichte erzählt wird, finde ich großartig. Die Autorin nimmt definitiv kein Blatt vor den Mund. Eine Spannende Szene folgt der Nächsten und als Leser kann man oft nicht glauben, was Lillian und ihr Mann Bert im Laufe ihres bewegenden Lebens alles erlebt haben.
    Die Autorin bietet viele historische Details, auch wenn Lillian eine fiktive Person ist. Sie integriert die Geschichte der Eisherstellung in den biographischen Werdegang unserer Protagonisten und spannt einen tollen Bogen von den 1913er Jahren bis in die 1980er.

    Lillian ist eine Meisterin der jüdischen Sprache. So finden wir hier viele „mesuggeneh“ Menschen und auch die kleine Malka macht ja immer nur „Tsuris“. Dieses Stilmittel zieht sich durchs ganze Buch und lockert die Texte wunderbar auf. Eine super Idee!

    Eine Bewegende Geschichte! Ein bewegendes Leben! Ein tolles Buch!

  • „#FolgedeinemHerzen“ | Jacky Vellguth

    Autor:  Jacky Vellguth
    Verlag:  Selbstpublisher
    Genre:  Liebesgeschichte
    Seitenzahl:  218
    ISBN:  978-1-5335-1335-9

    Jung, engagiert und auf dem besten Weg, eine erfolgreiche New Yorker Tierärztin zu werden, hat Sara beschlossen, ihrer besten Freundin das ultimative Geburtstagsgeschenk zu machen.
    Die Sache hat nur einen Haken: Als Gegenleistung muss sie sich auf ein Date mit dem berühmten Vlogger und Frauenheld „BigJake“ einlassen. Was für andere der Hauptgewinn wäre, ist für Sara ein Stelldichein mit ihrer größten Angst.

    Was steckt hinter ihren Gefühlen und kann sie nach der Begegnung mit Jake tatsächlich einfach weitermachen wie bisher?

    Meine Meinung

    Im Jahr 2016 habe ich von einem interessanten Projekt gehört: Eine junge Autorin – Jacky Vellguth – möchte im Laufe von einem Jahr insgesamt 12 Bücher als Selbstpublisher herausbringen. Also ein Buch pro Monat! Daraufhin habe mich im Internet ein bisschen schlau gemacht und auch ihren Blog gefunden:  http://www.jvellguth.de/blog
    Hier bekommt ihr viele Informationen darüber, wie sie an das Schreiben herangeht, über ihre Bücher, aber auch über neue Projekte der Autorin. Für jeden, der gerade erst mit dem Schreiben anfängt, ist diese Seite eine wahre Fundgrube.

    „#FolgeDeinemHerzen“ war damals mein erstes Buch der von Jacky Vellguth und ist in meinen Augen bis dato noch eines ihrer Top-Bücher.

    Wir lernen hier Sara kennen, die in New York lebt und Tierärztin werden möchte. Sie veranstaltet für das Tierheim, in dem sie arbeitet eine Spendenaktion und verkauft Cupcakes im Central Park. So lernen sich zwei grundverschiedene Menschen kennen!
    Zu Beginn des Buches möchte Sara ihrer besten Freundin Cherry ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk machen:  Eine Date mit Internetstar Milo. Cherrys auserkorener Liebling! Nachdem sie das Preisausschreiben gewinnt, stellt sich jedoch heraus, dass sich Sara, ehe das Date für ihre Freundin stattfinden kann, mit dessen Freund BigJake treffen muss. Der ist wie Milo ein berühmter Vlogger und unsere Protagonistin ist alles andere als erpicht darauf, diesem Mann auch nur eine Minute ihrer Zeit zu schenken. Letztlich bleibt ihr aber nichts anders übrig.
    Nach und nach entpuppt sich Jake als weichherziger, tierliebender Mensch und ihr Herz beginnt sehr schnell höher zu schlagen. Nur, wie lässt sich eine Beziehung zwischen den Beiden vereinbaren …

    Jacky Vellguth weckt mit ihren wohldosierten und gefühlvollen Worten nicht nur eine Fülle an eigenen Erinnerungen an das erste richtige Verliebtsein, sondern versteht es auch ausgezeichnet, den Leser neugierig zu machen, wohin der Weg der beiden sehr sympathischen Protagonisten wohl führen wird. Der Schreibstil ist eher rasant, nimmt den Leser aber toll mit. Die klassische Erzählung wird immer wieder durch Mails zwischen den Beiden aufgelockert.
    Mir hat die Spannung in der Beziehung zwischen Sara und Jack sehr gut gefallen, das weckt die Neugierde.

    Für mich gibt ein großes Fazit aus dieser Geschichte:
    Folge deinem Herzen ist eine Philosophie, die sich jeder von uns zu Herzen nehmen und in seinem Alltag integrieren sollte. Die Tage werden dadurch definitiv lebenswerter …

  • „Harold“ | Einzlkind

    Autor:  Einzlkind
    Verlag:  Heyne
    Genre:  Komödie
    Seitenzahl:  222
    ISBN:  978-3-453-43597-1

    Harold bringt sich gerne um. Er hat das gleich Hobby wie sein Namensvetter aus „Harold und Maude“, einem amerikanischen Film aus den 70ern. Ansonsten hat er nichts mit ihm zu tun. Er ist 49 Jahre alt, lebt in London und hat gerade seine Anstellung als Wurstfachverkäufer verloren. Donnerstag spielt er Bridge mit drei alten Damen. Ein ganz normales Leben, bis der 11jähre Melvin an seine Tür klopft.

    Melvin sucht seinen Vater, und Harold willigt ein, ihn bei der Suche quer durch England und Irland zu begleiten. Sie treffen Humphrey Bogart, Jonny Danger, das Rosarote Badeschaf und Miss Pink Flamingo. Und das geht nicht immer gut aus …
    Harold bereut seine Hilfsbereitschaft spätestens, als er die Queen überfährt!

    Meine Meinung

    Mit „Harold“ bekommen wir einen wahren Schatz, was rabenschwarzen Humor und bitterbösen Sarkasmus angeht. Ich habe mittlerweile alle erschienen Bücher dieses Autoren gelesen, aber Harold ist mein ganz besonderer Liebling: Ein Protagonist mit dem Faible für öffentliches Erhängen? … am besten im Treppenaufgang seines Wohnhauses?  Das hört sich nicht nur skurril an, Harold ist es auch!

    Über den Autor Einzlkind ist bisher nur sehr wenig bekannt und selbst diese Informationen sind eher umstritten. Es dürfte sich hier um einen deutschsprachigen, männlichen Erdenbürger handeln, der in England oder Deutschland lebt. Angeblich ist er militanter Nichtraucher und schwer übergewichtig.
    Seine auf Deutsch erschienenen Bücher sind nach Angaben des Verlags keine Übersetzungsarbeiten.

    In dem Buch begleiten wir Harold und Melvin auf ihrem gemeinsamen Road-Trip, der in England startet und die Beiden bis ins tiefste Irland führt. Wie Harold in diese verzwickte Situation kommt, kann er sich selbst nicht ganz erklären, denn eigentlich sollte er doch nur ein paar Stunden Babysitten. Aber Melvin weiß schon, wo es lang geht: Er ist auf der Suche nach seinem Vater! Der Junge, der an verbaler Diarrhö gepaart mit enormer Eloquenz leidet, bringt sich und seinen Begleiter regelmäßig in lebensbedrohliche Situationen. Lebensbedrohlich vor allem für Herold!

    Der Autor hat einen wunderbaren Schreibstil. Sehr bildlich und sprachgewaltig. Am auffälligsten besticht das Buch aber durch seinen rabenschwarzen britischen Humor und bitterbösen Sarkasmus!
    Erfrischen, politisch unkorrekt und bezaubernd! Ein wahrer Schatz für Sprachfetischisten!

    Harold und Melvin sind zwei liebenswürdige schräge Vögel, die man einfach gern haben muss. Als Leser identifiziert man sich zwangsläufig mit den Hauptfiguren, ohne jedoch dessen Schwermut zu übernehmen. Zusätzlich bekommen wir einem außergewöhnlichen und hochgebildeten Wortschatz. Melvin entwirft für sich und seinen neuen besten Freund eine ganz eigene Welt, die die genialsten Dinge und Situationen offenbart.

    So viel schwarzen Humor hätte ich einem Deutschen gar nicht zu getraut. Auch wenn der Autor sich nicht zu erkennen gibt, gehe ich doch davon aus, dass er ein Deutscher ist, da das Buch im englischen noch nicht erhältlich ist!

  • „Stell dir vor, dass ich dich liebe“ | Jennifer Niven

    Titel im Original: „Holding up the Universe“
    Autor:  Jennifer Niven
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Maren Illinger
    Verlag:  Fischer Verlag
    Genre:  Roman  |  Jugendbuch
    Seitenzahl:   457
    ISBN:  978-3-7373-5510-0

    Jack ist der Coolste, der Schönste, von allen geliebt und begehrt. Doch Jack hat ein Geheimnis: Er kann sich nicht an Gesichter erinnern – nicht mal an das seiner aktuellen Freundin! Dass seine Coolness nur Selbstschutz ist, durchschaut niemand. Bis Libby in sein Leben tritt. Von allen Menschen ausgerechnet Libby. Ein No-go. Sozialer Selbstmord. Und der einzige Mensch auf der ganzen verdammten Welt, der die Wahrheit schöner findet als all die perfekten Lügen …

    Meine Meinung

    „Stell dir vor, dass ich dich liebe“ ist der zweite Roman von Jennifer Niven. Mit ihrem Debut „All die verdammt perfekten Tage“, das im Jahre 2015 erschienen ist, konnte sie sich bei mir ganz hoch in der Liste meiner liebsten Autoren einreihen. Warum ich jetzt aber so lange gebraucht habe, um mir ihr neues Buch zu greifen, weiß ich wirklich beim besten Willen nicht! Ich schätze, manchmal muss der richtige Moment einfach da sein.

    Wie schon in ihrem ersten Buch stehen auch hier wieder zwei Teenager im Mittelpunkt der Handlung, die mit ihren Problemen zu kämpfen haben. Auf der einen Seite ist da Libby, die lange Zeit als der „fetteste Teenager Amerikas“ gegolten hat und sich nun nach einem langen Abnehmmartyrium zurück in ihre Selbstständigkeit gekämpft hat. Das Buch startet am ersten Tag des neuen Schuljahres und man merkt schnell, das Libby mit Anfeindungen und Mobbing zu kämpfen bekommt.
    Auf der anderen Seite ist da Jack. Er ist beliebt, ein fescher junger Mann und wenn man nicht näher hinsieht, könnte man meinen, Jack Masselin führt ein sehr einfaches und beschwingtes Leben. Aber der Schein trügt:  Bisher hat sich Jack noch niemanden anvertraut, aber er leidet an Prosopagnosie. Das heißt, er kann zwar die Gesichter der Menschen sehen, aber sie sich nicht merken, geschweige denn, sie im Langzeitgedächtnis abspeichern. Noch nicht mal seine Familie weiß davon. Doch dann tritt Libby in sein Leben …

    Ich weiß, dass diese kleine Zusammenfassung unnötig war, weil ich ja zu allen Rezensionen einen Klappentext beifüge, aber ich finde, in diesem Fall ist der Originaltext extrem negativ behaftet.
    Kommt das nur mir so vor?  Was sagt ihr?

    Die Geschichte wird abwechselnd aus Jacks und Libby’s Perspektive erzählt, in sehr kurzen und schlüssigen Kapiteln. Gerade durch diesen Perspektivenwechsel gewinnt die Geschichte unheimlich an Rhythmus und der Leser bekommt das Gefühl aktiv dabei zu sein, da man unmittelbar aufeinanderfolgend beide Seiten zu hören bekommt. Man erlebt mit, wie sich die beiden Charaktere im Laufe der Geschichte weiterentwickeln und stärker werden.

    In „Stell dir vor, dass ich dich liebe“ findet ihr mit Abstand eine der schönsten Erste Dates beschrieben, die ich bis jetzt in einem Buch gelesen habe. Diese Bilder muss man einfach aufsaugen.

    Durch Jacks Gesichtsblindheit bekommen wir in seinen Kapiteln immer wieder Erklärungen, wie er die Menschen auseinanderhält. Beschreibungen wie die Frisur, die sich bei „Arbeits-Mum“ und „Zuhause-Mum“ ändert oder welche Merkmale bei seinen Freunden ganz wichtig sind. Sehr Spannend zum lesen!

    Es gibt wunderschöne Momente in der Geschichte. Aber auch Momente, in denen man einfach nur wütend ist und das Buch gegen die Wand werfen könnte. Ihr findet hier aber keine dramatischen oder total überspitzten Szenen. Ganz im Gegenteil: Die Geschichte wird weniger von der tatsächlichen Handlung bestimmt, als von der Entwicklung der beiden Charaktere. Keine Hollywood-Dramatik. Das macht Jennifer Nivens Geschichten aus und macht sie zu einer so tollen und lesenswerten Autorin.

  • „Aquarium“ | David Vann

    Titel im Original:  „Aquarium“
    Autor:  David Vann
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Miriam Mandelkow
    Mit Illustrationen von Chris Russel
    Verlag:  Suhrkamp Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  283
    ISBN:  978-3-518-42536-7

    Die zwölfjährige Caitlin geht jeden Tag nach der Schule ins öffentliche Großaquarium und wartet dort, bis ihre Mutter sie abends nach der Arbeit abholt. Sie ist fasziniert von den stummen, bunten Wesen hinter dem Glas und geht ganz in der rätselhaften Unterwasserwelt auf. Eines Tages trifft sie im Aquarium einen älteren Mann, der die Fische ebenso zu lieben scheint wie sie selbst. Sie freundet sich mit ihm an – und öffnet damit nichtsahnend die Tür zur Vergangenheit ihrer Mutter …

    Meine Meinung

    „Aquarium“ war mein erster Roman von David Vann und ich habe mir definitiv etwas vollkommen Anderes darunter vorgestellt! Der Leser wird Zeuge davon, wie die heile Welt der Sheri Thompson zu zerbröckeln beginnt und ihre unverarbeitete Vergangenheit hervorbricht. Mit allen Tiefen, die sie schon lange begraben geglaubt hat.

    David Vann hat einen sehr ehrlichen und direkten Schreibstil, der eher anspruchsvoll zu lesen ist. Dialoge werden bei ihm nicht mit „Hasenfüßchen“ hervorgehoben, sondern direkt in den Text mit eingebaut und auch die Vergleiche aus der Ozeanographie sind nicht immer offen verständlich. Man sollte also mit einem wachen Kopf an die Geschichte herangehen, um die Zusammenhänge nicht zu verlieren.

    Wie weit darf man als Mutter gehen um seine Kinder zu beschützen?
    Sheri ist eine beinharte Frau, die sich nicht nur in einem männerdominierten Job durchsetzen muss, auch ihre Vergangenheit hat sie hart und undurchlässig gemacht. Um ihre Tochter vor vermeintlichem Unheil zu schützen, greift sie zu drastischen Maßnahmen, die einen sehr oft an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifeln und den Leser nicht nur Einmal tief durchatmen lassen. Unerbittlich geht die Mutter gegen Caitlin vor und will sie von ihrem Weg abbringen. Nur sie als Mutter ist im Recht und niemand sonst!
    Der Autor zeigt uns, wie selbstzerstörerisch und fragil ein Mensch bzw. dessen Leben sein kann und das es nicht viel braucht, um aufgebaute Mauern einreißen zu lassen.

    Ich muss ehrlich gestehen: So ein Werk hätte ich einem Mann niemals zugetraut!
    David Vann beschreibt das Seelenheil einer weiblichen Person in so detailliertem Ausmaß, dass es ein Psychologe vermutlich nicht besser hätte machen können.
    „Aquarium“ besticht durch seine abgründige Erzählung und durch starke Metaphern, weswegen der Roman lange beim Leser nachhallt. Nicht nur die dichte bedrückende Atmosphäre reißt den Leser mit, sondern auch die Sprachgewalt. Die Gespräche und die Harmonie zwischen Caitlin und dem alten Mann im Aquarium sind toll zu verfolgen und auch die Beobachtungsgabe der beiden, wie sie die einzelnen Fische mit Menschen oder Schwäre mit Familien vergleichen ist einzigartig!

    Ein tolles, wenn auch bedrückendes Buch!!

  • „A Single Man“ | Christopher Isherwood

    Titel im Original:  „A Single Man“
    Autor:  Christoper Isherwood
    Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Melle
    Mit einem Vorwort von Tom Ford
    Verlag:  Hoffmann und Campe
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  159
    ISBN:  978-3-455-40501-9

    Ein einziger Tag wie ein ganzes Leben!

    Jim ist tot, und ohne Jim ist alles nichts. George, 58, Literaturprofessor in einer kalifornischen Kleinstadt kann den Verlust seines Partners nicht verwinden. Sein Leben ist bloß noch Routine, und vor ihm liegt ein Tag wie jeder andere. Doch eine nächtliche Begegnung mit einem Studenten bringt seine Welt durcheinander …

    Meine Meinung

    George ist ein eleganter Mann mittleren Alters, gebildet, mit scharfer Zunge und sehr gutem Geschmack. Man könnte sagen, er repräsentiert nach außen hin den guten spießbürgerlichen Briten!
    Er ist ein 58-jähriger Literaturprofessor, der bis vor kurzem noch in einer glücklichen homosexuellen Beziehung gelebt hat, der nun aber ein auffällig konservatives und strukturiertes Leben führt, doch was in seinem Inneren vorgeht, bleibt für seine Umgebung verborgen!
    Wir tauchen in Georges Kopf ein und erleben mit ihm gemeinsam einen einzigen Tag. Wir stehen morgens mit ihm auf, sehen wie sein Blick durch sein kleines Häuschen streift und ihn fast jeder Gegenstand an seine große Liebe Jim erinnert. Sein Tod interlässt in George nur eine dumpfe Taubhaut, die jedoch jedes andere Gefühl für ihn nichtig macht.

    „A Single Man“ ist eine Geschichte voll Einsamkeit und Sehnsucht.
    Christopher Isherwood schafft es, diesen Roman schlicht und manchmal fast sachlich zu erzählen. Er vermeidet dabei jede Form von triefender Rührung. Dem Autor gelingt es in ganz besonderer Art und Weise das äußere Geschehen durch Georges Gedankengänge zu kommentieren und ihnen eine neue Ebene zu geben. Wir zerpflücken dabei kommunikative Prozesse und zeigen die täglichen Machtspiele auf, die sich in jedem Gespräch und in jeder Geste für ihn stellen.
    Auch die Müdigkeit, die George empfindet wird sichtbar. Es war der lebhafte Jim, der ihn aus seinem täglichen Trott und aus seiner Gedankenwelt herausholen konnte.

    Die Neuübersetzung dieser zeitlosen und eleganten Geschichte war dringend notwendig, denn dieses Buch sollte auf keinen Fall in Vergessenheit geraten!

    Der Roman wurde 1964 erstmals von Christopher Isherwood veröffentlicht und ist für mich ganz zu Recht zu einem Klassiker geworden. Zu diesem Status hat ihm sicher auch der gelungene gleichnamige Film von Tom Ford aus dem Jahre 2009 verholfen, mit Colin Firth in der Hauptrolle!

  • „Liebe und andere Zufälle“ | Jennifer Crusie

    Titel im Original:  „Bet me“
    Autor:  Jennifer Crusie
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eva Kornbichler
    Verlag:  Goldmann Verlag
    Genre:  Liebesgeschichte  |  Roman
    Seitenzahl:  446
    ISBN:  978-3-442-46716-7

    Die selbstbewusste 33jährige Min Dobbs traut ihren Ohren nicht: Der Zufall will es, dass sie mit anhören muss, wie um sie gewettet wird. Calvin Morrissay, der Schwarm aller Frauen, soll ausgerechnet sie – mit ihrer unübersehbaren Vorliebe für gutes Essen und deutlichen Abneigung gegen zu viel männlichen Charme – innerhalb eines Monats verführen. Zuerst ist Min empört, aber dann plant sie, Calvin mit seinen eigenen Waffen zuschlagen. Doc das Schicksal hält für beide eine große Überraschung bereit …

    Meine Meinung

    „Liebe und andere Zufälle“ habe ich vor gefühlten 100 Jahren von einer Schulfreundin geschenkt bekommen und meine derzeitige Ausgabe, ist mittlerweile schon meine 5te, weil ich es immer wieder in regelmäßigen Abständen schaffe dieses Buch zu Tode zu lesen …
    Für mich ist es dieses eine Buch, das mich gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen bringt, dass ich im Jahr mindestens 3 mal lese und dass mir niemals langweilig werden wird!
     „Liebe und andere Zufälle“ von Jennifer Crusie ist mein persönliches „Gute Laune“-Buch!

    Jennifer Crusie hat einen tollen Schreibstil. Sehr atmosphärisch, fröhlich und bildlich, und dennoch mitreißend und spannend. Die Autorin verbreitet einen Wortwitz, der den Leser zum Lachen bringt und hat eine sehr subtile Art und Weise, die Szenen für den Leser bis in die Tiefe aufzubauen! Einfach Toll!!

    Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und passen perfekt zueinander. Ich glaube, ich kenne keine Frau, die sich nicht in irgendeiner Art und Weise mit Min Dobbs identifizieren kann. Sie ist klug und hübsch, hat aber so wie wir alle ihre Zweifel und Unsicherheiten. Dennoch ist sie frech, aktiv und lässt ihrem Gegenüber nicht viel Atem um sich gegen sie zu währen. Was Calvin angeht: Jede Frau braucht in ihrem Leben einen Calvin Morrissay! Er ist ein offener und witziger Typ, ein kleiner Sunnyboy, dem man es aber glaubhaft abnimmt, wenn er Gefühle zeigt und der auch seine Probleme mit sich mitschleppt! Ich liebe ihn!

    Die Beiden sind mit den dazupassenden besten Freunden jeweils ein 3er-Gespann, die super miteinander harmonieren und untereinander agieren. Beim Lesen möchte ich immer wieder ein Teil dieser Gemeinsacht werden. Aber auch die Familien und Ex-Partner bekommen hier ihren Raum:  Manche liebt man, manche feiert man, manchen würde man einfach nur gern an die Gurgel gehen … und einer ganz speziellen Person würde man am liebsten weh tun, weil sie einen so aufregt …
    Hast du das Buch gelesen? Wen könnte ich da wohl meinen?

    Ein weiterer Pluspunkt:
    Ich liebe es, wie Jennifer Crusie mit dem Thema Essen umgeht. Ich bin ja der totale Genussmensch … und bei dem Buch bekommt man auf gefühlt jeder zweiten Seite Hunger! Sie schafft es ein Mittagessen zwischen unseren Protagonisten so toll zu beschreiben, das der Leser einfach hin und weg ist. Und das macht nicht nur der äußerst charmante Restaurantbesitzer! 😉

    Kann mir jemand von euch verraten, wo ich Marsala herbekomme? Den finde ich in Österreich in keinem Supermarkt, aber das Rezept für Chicken Marsala muss ich unbedingt mal versuchen nachzukochen! 🙂

    Wenn ihr die Möglichkeit habt „Liebe und andere Zufälle“ von Jennifer Crusie in die Finger zu bekommen, dann schnappt zu! Ihr werdet sicher nicht enttäuscht werden