• „Im Schatten des Turms“ | René Anour

    Autor:  René Anour
    Verlag:  Rowohlt Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  641
    ISBN:  978-3-499-27670-5

    Wien, 1787. Der Medizinstudent Alfred ist fasziniert vom sogenannten Narrenturm. Hier werden erstmals die Irrsinnigen behandelt, ein ganz neuer Zweig der Medizin. Doch die Zustände sind erbarmungswürdig. Und der Anblick einer jungen Frau mit seltsamen Malen auf den Armen lässt ihn nicht los.
    Die junge Adelige Helene war noch nie am Wiener Hof. Ihr Vater hält Schönbrunn für eine Schlangengrube und will seine Tochter möglichst lange von dort fernhalten. Doch er kann sie nicht beschützen.
    Der Student, der zu viel sieht. Und die Adelige, die frei sein will. Zwei Menschen, ein Schicksal – das sich im Schatten des Turms entscheiden wird …

    Meine Meinung

    René Anour entführt uns ins Wien des endenden 18. Jahrhunderts.
    „Im Schatten des Turms“ ist ein toller und unglaublich ehrlicher Roman, der mich nicht nur mit seinem Schreibstil überzeugen konnte, sondern auch eine einzigartige Geschichte erzählt.

    Wir schreiben das Jahr 1787. Alfred Wagener ist mit Leib und Seele Medizinstudent. Da er aus ärmlichen Verhältnissen stammt, ist es unüblich, dass er überhaupt studieren darf und muss sich, um die Gebühren und seinen Lebensunterhalt zu verdienen, mit Nebenverdiensten über Wasser halten. Ein Besuch im Narrenturm erschüttert ihn zutiefst und lässt seine Gedanken nicht mehr los …
    Helene lebt mit ihrem liebevollen, aber doch unkonventionellen Vater auf Schloss Weydrich am Wiener Stadtrand. Statt in höfischer Etikette wird sie in lateinischer Sprache, Pflanzenkunde und Mathematik unterrichtet. Alfred soll Helenes Wissen weiter fördern, verliebt sich aber Hals über Kopf in die wunderschöne aufmüpfige Frohnatur. Doch schon bald muss auch er am eigenen Leibe feststellen, wie sehr ein ehrlicher, aber mittelloser Medizinstudent den Plänen der hohen Gesellschaft im Weg stehen kann …

    Der Roman brilliert durch seine historischen Feinheiten. Maria Theresias Sohn Joseph II. von Österreich-Lothringen regiert das Kaiserreich und wird als Reformkaiser bezeichnet. Der junge Herrscher will das Reich modernisieren. Er kümmert sich vor allem um die Kranken und lässt 1785 die „Medizinisch-Chirurgische Militärakademie“, das „Josephinum“, errichten. Zwei Jahre zuvor wurde schon das große Armen- und Siechenhaus in ein Allgemeine Krankenhaus umwandeln und mit dem Narrenturm eröffnet er nun die erste, aber damals mordernste Einrichtung für psychisch Kranke!
    In dieser Zeit werden die Habsburger immer wieder vom Osmanischen Reich bedroht. Und der Kaiser reagiert:  Soldaten werden zwangsrekrutiert. Jägerbataillone, die aus Jägern und Forstarbeitern bestehen, werden einberufen und kämpfen aktiv im Gebirge. Besonders stolz ist der Kaiser aber auf seine Tiroler Standschützen!

    Der Einstieg in die Geschichte ist mir wirklich sehr leicht gefallen. Mit „Im Schatten des Turms“ hat René Anour keineswegs eine leichte Lektüre geschrieben, dennoch bietet jede Seite dem Leser Spannung und Nervenkitzel. Seine bildhafte Sprache ließ mich ganz rasch in die damalige Zeit eintauchen und der Wiener Flair sprang sofort auf mich über!
    Die Atmosphäre ist dicht und ehrlich. Der Schreibstil ist angenehm flüssig, spannend und mitreißend, aber auch authentisch!

    Die Gefühle und Gedanken der beiden Protagonisten kommen sehr gut zur Geltung. Alfred und Helene werden natürlich immer wieder in den Vordergrund der Geschehnisse gerückt und beide erzählen uns im perspektivwechsel ihre Erlebnisse. Besonders die Rolle der Frau war damals erschreckend, umso sympathischer war mir Helene, die drastisch von diesem Frauenbild Abstand nimmt und einfach nur frei sein möchte.

    Wer sich also mitreißen und ins Wien des 18. Jahrhunderts entführen lassen möchte, ist in diesem historischen Roman genau richtig. Eine Geschichte voller unvorhersehbaren Wendungen!

  • „F“ | Daniel Kehlmann

    Autor:  Daniel Kehlmann
    Verlag:  Rowohlt Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  380
    ISBN:  978-3-498-03544-0

    Es ist der Sommer vor der Wirtschaftskrise. Martin Friedland, katholischer Priester ohne Glauben,  übergewichtig, weil immer hungrig, trifft sich mit seinem Halbbruder Eric zum Essen. Der hochverschuldete, mit einem Bein im Gefängnis stehende Finanzberater hat unheimliche Visionen, teilt davon jedoch keinem etwas mit. Schattenhafte Männer, sogar zwei Kinder warnen ihn vor etwas, nur: Gelten diese Warnungen wirklich ihm, oder ist etwa sein Zwillingsbruder Iwan gemeint. Der Kunstkenner und Ästhet, der ihm zu verwechseln ähnlich sieht? Schon nimmt das Unheil seinen Lauf!

    Meine Meinung

    Friedland! Fatum! Falsch! … das große „F“! Doch es steckt eindeutig mehr dahinter …

    In Daniel Kehlmanns Roman lesen wir über das Schicksal dreier Brüder, die alle ein eigentümliches unechtes Scheinleben führen. Drei Männer, wie sieunterschiedlicher nicht sein könnten.
    Alle drei haben den gleichen Vater: Arthur! Dieser verschwindet jedoch nach einem gemeinsamen Sommernachmittag 1984, unmittelbar nachdem die Vier die Hypnosevorstellung des großen Hypnotiseurs Lindemann besucht haben.

    Martin, der Älteste und Kind aus erster Ehe, war zwar nicht zum Priester berufen, weil es ihm schlichtweg an Glauben fehlt, hat sich aber dennoch der Kirche verschrieben. Eric hat sich als erfolgreicher Vermögensberater selbst zu Vermögen, einer schönen Frau, einer Tochter, einer Villa und diverser Geliebter gebracht, was ihm aber gerade auf den Kopf zu fallen droht. Sein Zwilling Iwan war ein verkannter, aber großer Maler, ein Kunstkenner! Er ist der Nachlassverwalter des großen Künstlers Eulenböck.
    In deren Phantasien, in den Träumen und in den von Medikamenten hervorgerufenen Halluzinationen taucht aber auch immer wieder ein seltsamer, dünner Mann auf, der eindeutig an den Teufel erinnert …
    Wir begleiten unsere drei Protagonisten an ein einziger Tag im August 2008. Drei Männer im Zwist mit sich selbst, den Fälschungen ihres Lebens und dem Schicksal, das sich Stück für Stück ankündigt und ihre Leben in den Grundfesten zu erschüttern droht.

    Der Roman wandelt zwischen einer surrealen Welt, in der unser Leben von Hypnotiseuren begleitet wird, einer göttlichen Welt, die leichtfüßig als Mysterium beschrieben wird und dem Schneeballsystem, das sich als weltweite Finanzkrise einen Name gemacht hatte.  „F“ strotzt vor unzähligen Zwischentönen, vor zwischenmenschlicher Ignoranz und vielen Missverständnissen.
    Menschliche Tragödien, die wie im Zeitraffer retour laufen, bis nur noch ein einziges Kind übrig bleibt!

    Daniel Kehlmann schafft es gekonnt diese widersprüchliche Atmosphäre über das gesamte Buch hinweg zu halten und in meinen Augen auch kontinuierlich zu steigern, sowohl inhaltlich also auch stilistisch. Sein Schreibstil ist klar und direkt, in leicht gehobener Sprache. Der Erzählton erinnert aber durchaus an eine lockere Plauderei!

    Selten habe ich beim Lesen eines Romans von Daniel Kehlmann so oft geschmunzelt und wurde vom Autor dennoch wieder unglaublich rasch auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt!

  • „Archipel“ | Inger-Maria Mahlke

    Autor:  Inger-Maria Mahlke
    Verlag:  Rowohlt Verlag
    Genre:  Roman
    Gewinner „Deutscher Buchpreis“ 2018
    Seitenzahl:  423
    ISBN:  978-3-498-04224-0

    Julio, el portero, war nicht immer der Pförtner. Doch heute, mit über neunzig Jahren, hütet er die Türen im Asilo, dem Altenheim von La Laguna. Von ihm und von denen, die seinen Weg kreuzten, von dem, was sie liebten, flohen oder gesucht haben, auf der Insel und im Leben, erzählt dieser Roman.
    Er führt in die Tiefen des vergangenen Jahrhunderts, ein Jahrhundert mit vielen Gesichtern. Und es zeigt sich noch heute viel Gestern darin.

    Meine Meinung

    In Inger-Maria Mahlkes jüngstem Roman „Archipel“ weist uns die soziale Gruppendynamik den Weg. Im Gegensatz zu den meisten Romanen, die dem Leser eine soziale Entwicklung näherbringen möchten, geht es hier nicht um das „Wohin“, sondern um das „Woher“!
    Woher kommen die handelnden Personen? Wie wurden sie zu den Menschen, die sie jetzt sind?

    Die Autorin erzählt die Geschichte rückwärts vom Jahr 2015 ausgehend ins Jahr 1919!
    Dabei verfolgen wir fünf Charaktere, die uns 100 Jahre spanische Geschichte näherbringen möchten: Die 1994 geborene Rosa Bernadotte Baute, ihr Vater Felipe Bernadotte González, ihre Mutter Ana Baute Marrero und deren 94-jähriger Vater Julio Baute Ramos. Die fünfte Person ist Eulalia Morales Ruiz, die Hausangestellte der Bernadottes. Während die Bernadottes zur privilegierten Bevölkerungsgruppe der Aristokraten zählen und die Bautes Angehörige des Mittelstandes sind, sind die Morales‘ Teil der Unterschicht, deren Vertreter entweder in prekären Arbeitsverhältnissen oder in der Kriminalität enden.
    Es ist aber auch eine Geschichte der spanischen Gesellschaft zwischen der kurzen Blüte der Republik, einem furchtbaren Bürgerkrieg, der auch auf den Kanaren tiefe Wunden hinterließ und einer bis zur Mitte der 70er Jahre währenden Diktatur!

    Im November 1975 verlor Spanien die Kolonie Spanisch-Sahara an Marokko, was die Aristokratie unweigerlich in den Niedergang führt. Felipe, der Geschichte studiert und sich mit dem Machtmissbrauch seiner Vorfahren auseinandergesetzt hat, versucht sich abzugrenzen. Beim Putsch des Militärs am 23. Februar 1981, äußert er seinem besorgten Vater gegenüber klar seinen Wiederwillen. Auch seine Frau Ana, die der Mittelschicht entstammt und stark dem Sozialismus zugeneigt ist, macht Karriere als Politikerin.
    Die größte Zuneigung empfand ich allerdings gegenüber des 94-jährigen Julio Baute Ramos, der als Pförtner in einem Altenheim in Santa Cruz darauf achten muss, dass ihm kein dementer Bewohner ausbüxt.  Auch die Heiminsassen begegnen uns immer wieder in den Rückblenden …

    Inger-Maria Mahlke, die selbst einen Teil ihrer Kindheit auf Teneriffa verbracht hat, lässt in diesem Buch die spanische Geschichte und Inselgeschichte lebendig werden. Dass sie sich für eine Insel als Handlungsort entschieden hat, macht das Ganze besonders spannend, da sich alles auf einen Mikrokosmos konzentriert. Rechts und links prallen aufeinander. Verschiedene Lebensentwürfe, aber auch soziale Schichten. Vor allem das Schicksal der Morales-Frauen hat mich sehr berührt. Für sie gibt es kein Entkommen aus ihrem Herkunftsmilieu, sie sind in vielerlei Hinsicht abhäng.
    Zudem entwirft die Autorin ein tolles Panorama, das aufzeigt, wo Krisen und politische Entwicklungen ihren Ursprung nehmen.

    Zwar Nebensächlich, aber doch auffallend sind auch die Naturbeschreibungen in diesem Buch: Mahlke beobachtet nicht nur ihre Protagonisten aufmerksam, sondern auch die Flora und Fauna der Kanaren, die sie uns mit einem klaren Blick näher bringt.

    „Archipel“ ist sicher keine leichte Lektüre, aber wenn man sich darauf einlässt, auf jeden Fall eine, die sich lohnt!

  • „Ruhm“ | Daniel Kehlmann

    Autor:  Daniel Kehlmann
    Verlag:  Rowohlt Verlag
    Genre:  Kurzgeschichten
    Seitenzahl:  203
    ISBN:  978-3-498-03543-3

    Ein Schriftsteller mit einer unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen. Ein verwirrter Internetblogger. Ein Abteilungsleiter mit Doppelleben. Ein berühmter Schauspieler, der lieber unbekannt wäre. Eine Dame auf der Reise in den Tod!
    Ihre Wege kreuzen sich in einem Geflecht von Episoden zwischen Wirklichkeit und Schein. Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen – komisch, tiefgründig und elegant erzählt!

    Meine Meinung

    „Wir sind immer in Geschichten. Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und die andere beginnt. In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.“ – Aber nicht in Diesem! In „Ruhm“ spielt Daniel Kehlmann mit den Ebenen der „abgeschlossen“ Kurzgeschichten und konnte mich damit wirklich überraschen und überzeugen!

    Das Buch besteht aus neun unabhängigen Geschichten, die miteinander durch Personen aus den anderen Geschichten, verbunden sind. Im Grunde haben sie nichts miteinander zu tun, aber irgendwie dann doch. Mit der Zeit ergibt sich aus den unterschiedlichen Blickwinkel ein surreales Gesamtbild …
    Ein Mann mit der Telefonnummer eines anderen. Ein Bestsellerautor, der in exotischen Ländern vor deutschen Diplomaten Vorträge hält und von seiner Geliebten begleitet wird. Die alte Dame, die wegen einer Krebserkrankung zum Sterben in die Schweiz fliegt. Der Filmstar, dessen Doppelgänger auf einmal zum Original wird. Der Abteilungsleiter einer Telekommunikationsfirma, dessen Leben zwischen zwei Geliebten mehr und mehr ins Chaos rutscht … Und mittendrin wird eine Figur, die eigentlich nur in einem Roman existiert, plötzlich real! Unterschiedliche Realitätsstufen vermischen und trennen sich wieder. Teilweise ein bisschen zugespitzt, entsprechen die Geschichten dennoch dem aktuellen Zeitgeist!

    Auch wenn es für Daniel Kehlmann eher untypisch ist, sind die Protagonisten in diesen Kurzgeschichten sehr witzig und in ihren Charakteren und Handlungen gezielt übertrieben und ausschweifend dargestellt. Zudem merkt man zwischen den einzelnen Erzählungen auch einen sehr deutlichen Unterschied in der Schreibweise, was sie für mich aber interessant und süffig zu lesen gemacht hat! Dennoch haben die Kurzgeschichten einen eher düsteren Hintergrund und haben doch sehr stark in mir nachgeklungen. Mir gefiel die innere Dynamik und Motivation sehr gut.

    Alles in allem sind die Geschichten pfiffig und trickreich erzählt. Manchmal greift der Erzähler ein. Manchmal gibt es gewitzte Überlappungen und Wendungen. Manchmal lesen wir philosophische Passagen und schöne Beschreibungen und besonders gut hat mir die feine, unaufdringliche Ironie gefallen, mit der Daniel Kehlmann seine Figuren begleitet! Die Sprache ist sehr eingängig und abwechslungsreich, wenn auch nicht wie von ihm gewohnt poetisch.

    Wollt ihr einen Tipp von Mir?
    Ihr solltet „Ruhm“ auf jeden Fall öfters lesen. Man entdeckt immer wieder neue Bezüge …

  • „Der Boxer“ | Szczepan Twardoch

    Titel im Original: „Król“
    Autor: Szczepan Twardoch
    Aus dem Polnischen übersetzt von Olaf Kühl
    Verlag: Rowohlt Berlin
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  457
    ISBN: 978-3-7371-0008-3

    Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auf der mächtigste Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch recht Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis: Er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los.

    Meine Meinung

    Spätestens seit seinen Roman „Morphin“ gehört Szczepan Twardoch zu den ganz Großen der polnischen Literaturlandschaft. Im Januar 2018 ist nun sein neuester Roman im Rowohlt Berlin Verlag erschienen. Für mich war „Der Boxer“ das erste Buch des Autors, aber ganz sicher nicht das Letzte …

    Jakub Shapiro ist polnischer Jude und ein Gangster, der in die Hände des Großganoven Jan Kaplica gerät, des selbst ernannten Paten von Warschau. Er führt uns durch die Warschauer Unterwelt im Jahre 1937, mit all ihren Sünden und kriminellen Genossen. Kaplica wacht über die Stadt wie Al Capone über Chicago. Er kontrolliert die Bordelle, treibt Schutzgelder ein und genießt das Leben in neumodischen Autos und dunklen Bars. Shapiro begleitet ihn dabei!
    Der wahre Erzähler jedoch, ist ein im heutigen Israel lebender Offizier, der seine Erinnerungen an seine Jugendjahre in Warschau niederschreibt. Resümierend stellt er fest, dass der Besuch eines Boxkampfes und der Sieg von Jakub Shapiro über Philister sein Leben grundlegend verändert haben. Was der Junge damals noch nicht weiß:  Der Boxer, der ihm die Eintrittskarte für den Kampf beschafft hat, hat auch seinen Vater im Auftrag Kaplicas auf grausame Weise ermordet …

    Szczepan Twardoch besticht durch eine sehr raffinierte Distanz im Erzählstil, die für mich überzeugend die Plastizität und Vielschichtigkeit der Straßenkämpfe, des Drogenhandels, aber auch der Bestechungen und der brutalen Gewalttätigkeiten hervorhebt. Natürlich wird in diesem Kontext auch die Stellung der Bordelle und ihrer Wertigkeit für die polnische Unterwelt thematisiert. Atmosphärisch beeindruckend und ungeheuer genau recherchiert.
    Man könnte das Buch gut mit aktuellen Serienproduktionen à la „Sopranos“, aber auch mit Filmen der Coen-Brüder oder Quentin Tarantino vergleichen.

    Die Gewaltschilderungen und das Gemetzel im Namen des Paten, sind in ihrer Ausführlichkeit nicht nur brutal (wenn auch überwiegend), man findet hier auch sehr feine subtile Schilderungen, die die Fantasie des Lesers ankurbeln. Bei Szczepan Twardoch zählt die Gewalt als literarische Notwendigkeit, denn das Buch steuert unaufhaltsam auf die nahenden Judenmorde zu, wo die Menschlichkeit vollkommen versagt.

    Man bekommt einen guten Einblick in die jüdische Subkultur der 30er Jahre, die klar aufgezeigt, dass auch vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht nicht mehr alles gut war. Der damalige Antisemitismus war auch in Polen ein Thema … auch wenn man heute nichts mehr davon wissen will! Das macht das Buch für mich selbst im Jahre 2019 noch brandaktuell!