• „Archipel“ | Inger-Maria Mahlke

    Autor:  Inger-Maria Mahlke
    Verlag:  Rowohlt Verlag
    Genre:  Roman
    Gewinner „Deutscher Buchpreis“ 2018
    Seitenzahl:  423
    ISBN:  978-3-498-04224-0

    Julio, el portero, war nicht immer der Pförtner. Doch heute, mit über neunzig Jahren, hütet er die Türen im Asilo, dem Altenheim von La Laguna. Von ihm und von denen, die seinen Weg kreuzten, von dem, was sie liebten, flohen oder gesucht haben, auf der Insel und im Leben, erzählt dieser Roman.
    Er führt in die Tiefen des vergangenen Jahrhunderts, ein Jahrhundert mit vielen Gesichtern. Und es zeigt sich noch heute viel Gestern darin.

    Meine Meinung

    In Inger-Maria Mahlkes jüngstem Roman „Archipel“ weist uns die soziale Gruppendynamik den Weg. Im Gegensatz zu den meisten Romanen, die dem Leser eine soziale Entwicklung näherbringen möchten, geht es hier nicht um das „Wohin“, sondern um das „Woher“!
    Woher kommen die handelnden Personen? Wie wurden sie zu den Menschen, die sie jetzt sind?

    Die Autorin erzählt die Geschichte rückwärts vom Jahr 2015 ausgehend ins Jahr 1919!
    Dabei verfolgen wir fünf Charaktere, die uns 100 Jahre spanische Geschichte näherbringen möchten: Die 1994 geborene Rosa Bernadotte Baute, ihr Vater Felipe Bernadotte González, ihre Mutter Ana Baute Marrero und deren 94-jähriger Vater Julio Baute Ramos. Die fünfte Person ist Eulalia Morales Ruiz, die Hausangestellte der Bernadottes. Während die Bernadottes zur privilegierten Bevölkerungsgruppe der Aristokraten zählen und die Bautes Angehörige des Mittelstandes sind, sind die Morales‘ Teil der Unterschicht, deren Vertreter entweder in prekären Arbeitsverhältnissen oder in der Kriminalität enden.
    Es ist aber auch eine Geschichte der spanischen Gesellschaft zwischen der kurzen Blüte der Republik, einem furchtbaren Bürgerkrieg, der auch auf den Kanaren tiefe Wunden hinterließ und einer bis zur Mitte der 70er Jahre währenden Diktatur!

    Im November 1975 verlor Spanien die Kolonie Spanisch-Sahara an Marokko, was die Aristokratie unweigerlich in den Niedergang führt. Felipe, der Geschichte studiert und sich mit dem Machtmissbrauch seiner Vorfahren auseinandergesetzt hat, versucht sich abzugrenzen. Beim Putsch des Militärs am 23. Februar 1981, äußert er seinem besorgten Vater gegenüber klar seinen Wiederwillen. Auch seine Frau Ana, die der Mittelschicht entstammt und stark dem Sozialismus zugeneigt ist, macht Karriere als Politikerin.
    Die größte Zuneigung empfand ich allerdings gegenüber des 94-jährigen Julio Baute Ramos, der als Pförtner in einem Altenheim in Santa Cruz darauf achten muss, dass ihm kein dementer Bewohner ausbüxt.  Auch die Heiminsassen begegnen uns immer wieder in den Rückblenden …

    Inger-Maria Mahlke, die selbst einen Teil ihrer Kindheit auf Teneriffa verbracht hat, lässt in diesem Buch die spanische Geschichte und Inselgeschichte lebendig werden. Dass sie sich für eine Insel als Handlungsort entschieden hat, macht das Ganze besonders spannend, da sich alles auf einen Mikrokosmos konzentriert. Rechts und links prallen aufeinander. Verschiedene Lebensentwürfe, aber auch soziale Schichten. Vor allem das Schicksal der Morales-Frauen hat mich sehr berührt. Für sie gibt es kein Entkommen aus ihrem Herkunftsmilieu, sie sind in vielerlei Hinsicht abhäng.
    Zudem entwirft die Autorin ein tolles Panorama, das aufzeigt, wo Krisen und politische Entwicklungen ihren Ursprung nehmen.

    Zwar Nebensächlich, aber doch auffallend sind auch die Naturbeschreibungen in diesem Buch: Mahlke beobachtet nicht nur ihre Protagonisten aufmerksam, sondern auch die Flora und Fauna der Kanaren, die sie uns mit einem klaren Blick näher bringt.

    „Archipel“ ist sicher keine leichte Lektüre, aber wenn man sich darauf einlässt, auf jeden Fall eine, die sich lohnt!

  • „Ruhm“ | Daniel Kehlmann

    Autor:  Daniel Kehlmann
    Verlag:  Rowohlt Verlag
    Genre:  Kurzgeschichten
    Seitenzahl:  203
    ISBN:  978-3-498-03543-3

    Ein Schriftsteller mit einer unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen. Ein verwirrter Internetblogger. Ein Abteilungsleiter mit Doppelleben. Ein berühmter Schauspieler, der lieber unbekannt wäre. Eine Dame auf der Reise in den Tod!
    Ihre Wege kreuzen sich in einem Geflecht von Episoden zwischen Wirklichkeit und Schein. Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen – komisch, tiefgründig und elegant erzählt!

    Meine Meinung

    „Wir sind immer in Geschichten. Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und die andere beginnt. In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.“ – Aber nicht in Diesem! In „Ruhm“ spielt Daniel Kehlmann mit den Ebenen der „abgeschlossen“ Kurzgeschichten und konnte mich damit wirklich überraschen und überzeugen!

    Das Buch besteht aus neun unabhängigen Geschichten, die miteinander durch Personen aus den anderen Geschichten, verbunden sind. Im Grunde haben sie nichts miteinander zu tun, aber irgendwie dann doch. Mit der Zeit ergibt sich aus den unterschiedlichen Blickwinkel ein surreales Gesamtbild …
    Ein Mann mit der Telefonnummer eines anderen. Ein Bestsellerautor, der in exotischen Ländern vor deutschen Diplomaten Vorträge hält und von seiner Geliebten begleitet wird. Die alte Dame, die wegen einer Krebserkrankung zum Sterben in die Schweiz fliegt. Der Filmstar, dessen Doppelgänger auf einmal zum Original wird. Der Abteilungsleiter einer Telekommunikationsfirma, dessen Leben zwischen zwei Geliebten mehr und mehr ins Chaos rutscht … Und mittendrin wird eine Figur, die eigentlich nur in einem Roman existiert, plötzlich real! Unterschiedliche Realitätsstufen vermischen und trennen sich wieder. Teilweise ein bisschen zugespitzt, entsprechen die Geschichten dennoch dem aktuellen Zeitgeist!

    Auch wenn es für Daniel Kehlmann eher untypisch ist, sind die Protagonisten in diesen Kurzgeschichten sehr witzig und in ihren Charakteren und Handlungen gezielt übertrieben und ausschweifend dargestellt. Zudem merkt man zwischen den einzelnen Erzählungen auch einen sehr deutlichen Unterschied in der Schreibweise, was sie für mich aber interessant und süffig zu lesen gemacht hat! Dennoch haben die Kurzgeschichten einen eher düsteren Hintergrund und haben doch sehr stark in mir nachgeklungen. Mir gefiel die innere Dynamik und Motivation sehr gut.

    Alles in allem sind die Geschichten pfiffig und trickreich erzählt. Manchmal greift der Erzähler ein. Manchmal gibt es gewitzte Überlappungen und Wendungen. Manchmal lesen wir philosophische Passagen und schöne Beschreibungen und besonders gut hat mir die feine, unaufdringliche Ironie gefallen, mit der Daniel Kehlmann seine Figuren begleitet! Die Sprache ist sehr eingängig und abwechslungsreich, wenn auch nicht wie von ihm gewohnt poetisch.

    Wollt ihr einen Tipp von Mir?
    Ihr solltet „Ruhm“ auf jeden Fall öfters lesen. Man entdeckt immer wieder neue Bezüge …

  • „Der Boxer“ | Szczepan Twardoch

    Titel im Original: „Król“
    Autor: Szczepan Twardoch
    Aus dem Polnischen übersetzt von Olaf Kühl
    Verlag: Rowohlt Berlin
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  457
    ISBN: 978-3-7371-0008-3

    Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auf der mächtigste Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch recht Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis: Er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los.

    Meine Meinung

    Spätestens seit seinen Roman „Morphin“ gehört Szczepan Twardoch zu den ganz Großen der polnischen Literaturlandschaft. Im Januar 2018 ist nun sein neuester Roman im Rowohlt Berlin Verlag erschienen. Für mich war „Der Boxer“ das erste Buch des Autors, aber ganz sicher nicht das Letzte …

    Jakub Shapiro ist polnischer Jude und ein Gangster, der in die Hände des Großganoven Jan Kaplica gerät, des selbst ernannten Paten von Warschau. Er führt uns die Warschauer Unterwelt im Jahre 1937, mit all ihren Sünden und kriminellen Genossen. Kaplica wacht über die Stadt wie Al Capone über Chicago. Er kontrolliert die Bordelle, treibt Schutzgelder ein und genießt das Leben in neumodischen Autos und dunklen Bars. Shapiro begleitet ihn dabei!
    Der wahre Erzähler jedoch, ist ein im heutigen Israel lebender Offizier, der seine Erinnerungen an seine Jugendjahre in Warschau niederschreibt. Resümierend stellt er fest, dass der Besuch eines Boxkampfes und der Sieg von Jakub Shapiro über Philister sein Leben grundlegend verändert haben. Was der Junge damals noch nicht weiß:  Der Boxer, der ihm die Eintrittskarte für den Kampf beschafft hat, hat auch seinen Vater im Auftrag Kaplicas auf grausame Weise ermordet …

    Szczepan Twardoch besticht durch eine sehr raffinierte Distanz im Erzählstil, die für mich überzeugend die Plastizität und Vielschichtigkeit der Straßenkämpfe, des Drogenhandels, aber auch der Bestechungen und der brutalen Gewalttätigkeiten hervorhebt. Natürlich wird in diesem Kontext auch die Stellung der Bordelle und ihrer Wertigkeit für die polnische Unterwelt thematisiert. Atmosphärisch beeindruckend und ungeheuer genau recherchiert.
    Man könnte das Buch gut mit aktuellen Serienproduktionen à la „Sopranos“, aber auch mit Filmen der Coen-Brüder oder Quentin Tarantino vergleichen.

    Die Gewaltschilderungen und das Gemetzel im Namen des Paten, sind in ihrer Ausführlichkeit nicht nur brutal (wenn auch überwiegend), man findet hier auch sehr feine subtile Schilderungen, die die Fantasie des Lesers ankurbeln. Bei Szczepan Twardoch zählt die Gewalt als literarische Notwendigkeit, denn das Buch steuert unaufhaltsam auf die nahenden Judenmorde zu, wo die Menschlichkeit vollkommen versagt.

    Man bekommt einen guten Einblick in die jüdische Subkultur der 30er Jahre, die klar aufgezeigt, dass auch vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht nicht mehr alles gut war. Der damalige Antisemitismus war auch in Polen ein Thema … auch wenn man heute nichts mehr davon wissen will! Das macht das Buch für mich selbst im Jahre 2019 noch brandaktuell!

  • „Die Vermessung der Welt“ | Daniel Kehlmann

    Autor: Daniel Kehlmann
    Verlag: Rowohlt Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  302
    ISBN: 978-3-498-03528-2

    Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machen sich zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt. Der eine, Alexander von Humboldt, kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, erprobt Gifte im Selbstversuch und zählt die Kopfläuse der Eingeborenen. Der Andere, Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, der sein Leben nicht ohne Frauen verbringen kann und doch sogar in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren – er beweist auch im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt.

    Alt, berühmt und auch ein wenig sonderbar geworden, treffen sich die beiden 1828 in Berlin. Doch kaum steigt Gauß aus seiner Kutsche, sind sie schon tief verstrickt in die politischen Wirren Deutschlands nach dem Sturz Napoleons.

    Meine Meinung

    Bei „Die Vermessung der Welt“ ist immer wieder ein Genuss!
    Daniel Kehlmann liefert uns hier eine fiktive Doppelbiografie, die vielleicht nicht immer historisch korrekt ist, aber mit viel Witz und Satire punktet.

    „Die Vermessung der Welt“ ist eine lesenswerte Charakterstudie zweier großer Wissenschaftler, die als Menschen unterschiedlicher nicht hätten sein können und dennoch eines gemeinsam hatten: Die feste Überzeugung, dass man der Wahrheit nur durch genaues Messen auf die Spur kommen kann.
    Der Mathematiker Johann Carl Friedlich Gauß und der Naturforscher Alexander von Humboldt stehen im Mittelpunkt dieses Romans. Beide waren bereits zu Lebzeiten anerkannte Forscher auf ihren Gebieten und im Zuge dieser Geschichte begleiten wir die beiden Männer auf ihren Erlebnissen. So reisen wir mit Humboldt nach Spanien, Süd- und Mittelamerika, aber auch nach Paris und Russland. Dagegen hat der reisefaule Gauß das Königreich Hannover mit seinen Universitäten in Göttingen und Braunschweig zeitlebens kaum verlassen.
    Beide waren Universalbegabungen, die unter der Indifferenz ihrer Mitmenschen zu leiden hatten, und beide waren ihrer Zeit weit voraus.

    Daniel Kehlmann würdigt er seinen Protagonisten manchmal auf sehr respektlose Weise. Der Leser wird Zeuge, wie Gauß und Humboldt mit ihren charakterlichen Besonderheiten und dem lästigen Ballast des täglichen Lebens ringen. Die Genialität und Skurrilität der Beiden blitzt meist nur oberflächlich auf und trotzdem setzen sich die einzelnen Episoden zu einem geschlossenen Gesamtbild zusammen.

    Ich würde den Schreibstil als detailliert und flüssig beschreiben, man sollte aber doch ein Fan von starken und teilweise verschachtelten Sätzen sein. Er schreibt menschlich, aber nicht rührselig und manchmal sogar ehrfurchtsvoll über seine Protagonisten. Dazu kommt ein guter Schuss Witz und Satire.

    Was mir sehr gut an diesem Buch gefallen hat, ist die Balance zwischen Biographie und Roman, da zum einen das Leben beider Person chronologisch wiedergegeben wird, zum anderen jedoch in Form und Ausdruck stark an einen Abenteuerroman erinnert.

  • „Halloween“ | Stewart O`Nan

    Titel im Original: „The Night Country“
    Autor: Stewart O`Nan
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel
    Verlag: Rowohlt Verlag
    Genre: Roman | Horror
    Seitenzahl:  256
    ISBN: 978-3-498-05033-8

    Dies ist eine Abenteuergeschichte, eine Einladung zum Wahnsinn, ganz natürlich und doch verboten, verlockend, etwas, das auch du noch im Blut hast.
    Bist du nicht gespannt? Willst du es nicht wissen?

    Na dann los, komm mit uns in die Nacht hinaus!

    Meine Meinung

    Heute gruselt es uns! Wir schreiben die Nacht vor Halloween!

    Eine Clique aus fünf Jugendlichen ist unterwegs zu einer Party. Von der guten Laune und dem Nervenkitzel dieser Nacht mitgerissen, fahren sie zu schnell und werden von einem Polizisten ins Visier genommen, der sie zum Anhalten bringen möchte. Toe, der Fahrer des Quintetts, hält nichts von der Idee und drückt nochmal ordentlich aufs Gas um dem unliebsamen Anhängsel zu entkommen. Dies endet in einem grauenhaften Unfall, bei dem nur Tim unverletzt und Kyle mit schweren Kopfverletzungen überleben. Marco, Toe und Danielle sind sofort tot!

    Als wäre die Situation nicht schon bedrückend genug, können die Toten die Kleinstadt Avon nicht verlassen, da ihre Angehörigen und Freunde sie einfach nicht loslassen können. Sie bleiben als Geister zurück und springen von Person zu Person. Stewart O`Nan schafft hier eine ganz besondere Sicht auf die Geschehnisse, lässt er sie doch einen großen Teil der Geschichte selbst erzählen.

    „Halloween“ vermittelt einen unterschwelligen Grusel, jedoch mit ernstem Hintergrund.
    Eine amerikanische Kleinstadt ist traumatisiert. Der tragische Unfalltot bleibt für die Bevölkerung unfassbar und die Toten setzen sich in den Köpfen ihrer Mitmenschen fest. Auf diese Weise suchen die Lebenden auch die Nähe der Toten und sind ihnen schon bald näher als den Lebenden. Über Tim und Kyle schreibt Stewart O’Nan sogar, sie seien wie Monster.

    Auch Brooks ist ein sehr bedeutender Teil der Geschichte. Er ist der Polizist, der damals die Verfolgung des Wagens aufgenommen hat. Gequält von immensen Schuldgefühlen rekonstruiert er immer und immer wieder den Unfall und verfällt geradezu in eine Marnie, was diese Nacht angeht.
    War er wirklich Schuld an dem Unfall?

    Stewart O`Nan schafft es über das gesamte Buch hinweg, eine sehr angespannte Atmosphäre zu schaffen. Man leidet mit den Angehörigen mit und kann deren Gedanken und ihre Ohnmacht sehr gut verstehen.
    Gerade Tim, der die Nacht ohne körperliche Blessuren überstanden hat, hat mich sehr mitgenommen. Ein toller und ehrlicher Charakter! Er muss sehr häufig an seine Freundin Danielle denken, die er verloren hat. Je näher der Jahrestag rückt umso bedrohlicher scheinen sich seine Gedanken zu entwickeln.

    Nur Kyle, der den Unfall vergessen hat, kann als der einzig Glückliche angesehen werden!

  • „Tyll“ | Daniel Kehlmann

    Autor:  Daniel Kehlmann
    Verlag: Rowohlt Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl: 474
    ISBN: 978-3-498-03567-9

    Tyll Ulenspiegel – Vagant, Schausteller und Provokateur – wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einen kleinen Dorf geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät schon bald mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen und die Bäckerstochter Nele begleitet ihn.

    Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen: dem jungen Gelehrten und Schriftsteller Martin von Wolkenstein, der für sein Leben gern den Krieg kennenlernen möchte, dem melancholischen Henker Tilman und Pirmin, dem Jongleur, dem sprechenden Esel Origenes, aber auch dem dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, deren Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hat.

    Meine Meinung

    Mit „Tyll“ bekommen wir ein wunderbar skurriles Buch, dass uns tief in die Gedankenwelt des Dreißigjährigem Krieges eintauchen lässt. In meinen Augen, ist Daniel Kehlmann ein Meister der Sprache!

    Tyll Ulenspiegel wächst als Sohn einer Müllersfamilie auf. In seinem Vater brennt ein wissbegieriger Geist, der sich oft mit der Frage beschäftigt, wie die Welt wirklich funktioniert. Leider fehlt es ihm an Vorwissen und er sucht nach Erklärungen für den Lauf der Zeit, für die Ursache von Krankheiten, für die wirkliche Natur der Dinge. Mit jeder Frage, die er stellt, macht er sich zunehmend in den Augen der Kirche verdächtig, die die alleinige Deutungshoheit beanspruchen. Die Gelehrten sorgen dafür, dass Tylls Vater als Hexer hingerichtet wird, worauf sich der Junge auf den Weg ins Ungewisse macht. Aus seinen zaghaften Versuchen, auf einem Seil zu gehen und zu jonglieren, wird ein Beruf, den er auf die harte Tour von einem brutalen Gaukler beigebracht bekommt.

    Der Dreißigjährige Krieg war eine Zeit der inneren und äußeren Auflösung. Europa war im Begriff sich selbst zu zermalmen. Aus Bauernsöhnen wurden Söldner, anders konnten viele nicht überleben. Die Soldaten wechselten manchmal mehrfach am Tag die Fronten. Der Feind, das waren immer die anderen, und jedem Gerücht wurde geglaubt, auch an magische Amulette, die Kugeln fernhielten, und an die Gewissheit der Hölle.
    Und so begleitet Tyll auch den dümmsten der Mächtigen, den glücklosen König von Böhmen, der durch die Annahme seiner Krone den Dreißigjährigem Krieg ausgelöst hat, und auch seine Frau, die ihn wohl dazu überredete, sich gegen den Kaiser zu stellen.

    Für mich gibt es in diesem Buch eine ganz große Kernaussage:  „Zuerst kommen die Gaukler, dann kommt der Krieg!“ Das Volk will nicht regiert werden, es will unterhalten werden. Die Herrschenden umgeben sich mit Hofnarren, weil es ihren guten Status unterstreicht. Also bietet sich Tyll gleich mehr als einmal als Hofnarr an, weil ihm das ein relativ sicheres Leben ermöglicht.

    Das Buch ist gespickt mit, auf den ersten Blick absurden, aber auf den zweiten Blick doch immer schlüssigen Gedankenspielen auf der Basis des damaligen Aberglaubens bzw. der noch in den Kinderschuhen befindlichen Wissenschaft. Die Geschichte wird bildgewaltig erzählt, obwohl es kaum ein sprachliches Bild enthält. Man stapft durch Schnee und Dreck und riecht die Dummheit und das Blut.

    „Tyll“ ist ein trickreicher und extrem gut recherchierter Roman von Daniel Kehlmann, welcher mit klarer Sprache von Schauplatz zu Schauplatz reist und wichtige Figuren in ein spannendes Licht rückt.