• „1929 – Frauen im Jahre Babylon“ | Unda Hörner

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Unda Hörner
    Verlag:  Ebersbach & Simon
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman
    Seitenzahl:  244
    ISBN:  978-3-86915-213-4

    1929 – Die wilden 20er entfalten noch einmal ihre volle Blüte, es ist ein letzter Tanz auf dem Vulkan. Marlene Dietrich spielt die Rolle ihres Lebens in „Der blaue Engel“, Vicki Baum wird mit „Menschen im Hotel“ weltberühmt und Lotte Jacobi zur Starfotografin der Berliner Prominenz. Clärenore Stinnes tourt todesmutig im Auto um die Welt, Louise Brooks öffnet in Berlin die „Büchse der Pandora“ und Lotte Lenya feiert als Seeräuber-Jenny in der Dreigroschenoper triumphale Erfolge.

    Meine Meinung

    Unda Hörner lädt ein, zu einer faszinierenden Zeitreise auf den Spuren berühmter Frauen und entwirft ein facettenreiches Panorama weiblicher Kulturgeschichte im Jahr Babylon.

    Mit „1929 – Frauen im Jahre Babylon“ zeigt uns Unda Hörner Lebenswege und historischen Ereignisse und führt uns auf eine faszinierende Zeitreise in ein Jahr, das viele Möglichkeiten für Frauen eröffnete. Ein Jahr in dem sich die Menschen nach den letzten Kriegsunruhen und Wiederaufbauarbeiten endlich wie zu Leben trauten und doch ist Europa gerade im Wandel, steht doch der Aufstieg der Nationalsozialisten unmittelbar bevor.

    Marlene Dietrich spielt die Rolle ihres Lebens, Vicki Baum wird mit ihren Romanen weltberühmt und Lotte Jacobi zur Starfotografin der Berliner Prominenz. Clärenore Stinnes reist todesmutig im Auto um die Welt und Louise Brooks öffnet in Berlin die „Büchse der Pandora“ …
    Das Buch verbindet private und öffentliche Ereignisse zu spannenden und fast vergessenen zeitgeschichtlichen Ereignissen. Frauen aus sämtlichen Sparten der Öffentlichkeit wurden ausgewählt, um deren Beitrag für eine Beteiligung in der Gesellschaft zu zeigen. Frauen auf die die Welt ein Auge geworfen hat und deren Namen noch heute Bekannt sind

    Unda Hörner erzählt die Ereignisse eindrucksvoll, unterhaltsam und lehrreich und gerade ihr Erzählton hat mir besonders gut gefallen. Dabei trifft sie genau das richtige Verhältnis aus Sachlichkeit, Humor und einem ganz feinen Sarkasmus, der mir viele Schmunzler ins Gesicht gezaubert hat. So bekommen wir auch einen Einblick auf die Witwenbälle, die damals in Berliner Ballhäusern stattgefunden haben, einzig mit dem Ziel, zurückgebliebenen Frauen neues Glück in der Liebe oder schlicht einen Versorger zu beschaffen. Und auch Erika Mann macht in diesem Buch ihrem Frust wegen der chauvinistischen Aussagen Franz Hessels Luft.
    Dennoch behält das Buch immer seinen sachlichen und lehrreichen Charakter bei, jedoch ohne den Zeigefinger zu erheben. Für meine Generation sind viele dieser Ereignisse inzwischen in Vergessenheit geraten und mit diesem Buch werden die Frauen wieder lebendig. Wirklich toll gemacht!

    Auch die Recherchearbeit zu diesem Buch muss eine Löwenaufgabe gewesen sein. Wir finden hier unheimlich viele Zitate aus Tageszeitungen oder Briefen und ich frage mich wirklich, wo Unda Hörner das alles aufgetrieben hat! Wahnsinn!

    Im Nachhinein betrachtet sind mir viele Frauen in diesem Buch im Gedächtnis geblieben und haben mich stark beeindruckt. Vielleicht auch durch ihre inspirierende Wirkung auf mich. Das Buch und gerade die Art, wie die Autorin die Leben der Frauen an uns heranträgt, ließ mich die Leistungen heutiger Frauen in ihren Metier auf jeden Fall nochmal mit anderen Augen sehen. Vielleicht auch bewusst jetzt ein wenig kritischer als zuvor!

  • „Das Evangelium der Aale“ | Patrik Svensson

    Titel im Original:
    „Ålevangeliet. Berättelsen om världens mest gåtfulla fisk.“
    Autor:  Patrik Svensson
    Aus dem Schwedischen übersetzt von Hanna Granz
    Verlag:  Hanser Verlag
    Genre:  Roman | Sachbuch
    Seitenzahl:  246
    ISBN:  978-3-446-26584-4

    In seinem meisterhaften Debüt begibt sich Patrik Svensson auf die Spuren von einem der rätselhaftesten Tiere der Welt. Sie führen ihn aus den Tiefen des Atlantiks mitten hinein in das eigene Leben. Eine literarische Schule voll unerwarteter Einsichten.

    Meine Meinung

    Der Debütroman des Schweden Patrik Svensson führt uns an die schwedische „Aalküste“. Dabei wechselt die Geschichte immer wieder zwischen Autobiografie und Sachbuch und macht nicht nur Umwege zur Literatur, sie schneidet auch Themen wie Geschichte, Religion und Psychologie an.
    Der Autor hat einen großen Teil seiner Kindheit, zusammen mit seinem Vater, am Ufer eines Flusses, verbracht. Nicht weit von seinem Elternhaus entfernt. Immer mit im Gepäck die Köder, Langleinen und Reusen um Aale zu fangen. Eine ruhige, aber auch wortkarge Beschäftigung, die die beiden Männer einander näher brachte …
    Patrik Svensson erinnert sich hier an die schönen Stunden mit seinen Vater, sinniert über dessen Vergangenheit und über all das Rätselhafte, was ein Sohn nicht über seinen Vater weiß!

    Dennoch nimmt der Aal und seine Lebensgeschichte den größeren Teil dieses Romans ein. Schon vor Jahrhunderten befassten sich Menschen mit der Herkunft und Fortpflanzung dieser Tiere, die den Biologen bis heute noch Rätsel aufgeben. Heutzutage weiß man zwar mehr über die Lebensweise und die verschiedenen Metamorphosen des Aals als es noch der alte Aristoteles, trotzdem ist es immer noch unklar, warum sich Aale nur in der Sargassosee vermehren. Nirgends sonst!

    Patrik Svensson verknüpft seine eigenen Erlebnisse gekonnt mit den sachlich toll recherchierten Informationen. Das Spektrum der einzelnen Kapitel reicht von Aristoteles über Siegmund Freud bis hin zum Christentum und dem Klimawandel. Trotz der Fülle wirkt der Inhalt aber weder konstruiert noch flach. Ganz im Gegenteil empfand ich den Schreibstil als sehr leicht und zugänglich, mit einer wunderbar bildlichen und gefühlvollen Sprache. Zum Teil erscheint Svenssons Stil fast poetisch und seine Gedanken philosophisch.

    Mehr als einmal habe ich mich beim Lesen gefragt, warum ich über Aale so gut wie nichts wusste. Und ob mich diese Spezies  genauso angesprochen hätte, wenn ich Abends bei einer Naturdokumentation im Fernsehen hängen geblieben wäre. Vermutlich eher nicht!

    Mich persönlich, hat Patrik Svensson definitiv zu einem Fürsprecher des Europäischen Aals gemacht, der vom Aussterben bedroht ist. Er verführt seine Leser regelrecht, diesen unscheinbaren Flussbewohner kennenzulernen.

    Ein wirklich großartiges literarisches Sachbuch mit viel Familiensinn und Tiefgang!
    Es ist faszinierend, das der Mensch mehr mit diesem Tier gemeinsam hat, als man sich vermutlich vorstellen kann …

  • „Funkenflug“ | Hauke Friederichs

    Autor:  Hauke Friederichs
    Verlag:  Aufbau Verlag
    Genre:  Sachbuch | Historischer Roman
    Seitenzahl:  360
    ISBN:  978-3-351-03487-0

    August 1939. Flirrende Hitze in Mitteleuropa. Das Korn wird gemäht. Ferienzeit. Es könnten unbeschwerte Tage sein, aber etwas Verstörendes liegt in der Luft. Die einen sagen, ein neuer Krieg stehe bevor. Die anderen schwören, der Frieden sei sicher. In diesem unruhigen August schaut die Welt auf den Obersalzberg. Hier verbringt Adolf Hitler seinen Sommer. Von hier aus wagt er ein riskantes Spiel.

    Meine Meinung

    In „Funkenflug“ vermittelt uns der Journalist Hauke Friederichs einen Rückblick auf die Monate vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, beginnend mit dem Frühjahr 1939. Vor 80 Jahren überfiel Deutschland Polen und begann damit einen unsäglichen Krieg, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen. Aber was sich genau in den Monaten zuvor auf der politischen Bühne abspielte, wurde bisher nur selten erzählt. Dabei beschreibt der Autor die Ereignisse aus einem ganz neuen Blickwinkel!

    Das Buch ist eine gekonnte Mischung aus einem informativen Sachbuch mit klarer, energischer Sprache und einem Kriegsroman. Nicht nur, dass wir hier viele neue Informationen vermittelt bekommen, die auch mir so noch nicht klar waren, der Autor schreibt auch in einer wunderbar bildlichen und effektvollen Sprache, die mich beim Lesen voll und ganz überzeugen konnte. Spannend, ohne großer Längen oder inhaltlichen Leerläufen.

    Hauke Friederichs nimmt den August 1939 genau unter die Lupe …
    Überall, im ganzen Land, spürte man bereits, dass ein Krieg unmittelbar bevor stand. Wer nicht gerade mit Scheuklappen durchs Leben lief, der sah wohin die politische Entwicklung ging, denn auch der Ton der Staatsmächte hatte sich bereits vor Wochen verschärft. An den Grenzen schwelten schon die ersten Konflikte und entluden sich in Gewaltakten.
    Wusstet ihr, dass Hitler den Plan forcierte zusammen mit Polen die Sowjetunion zu überfallen? Dabei war – bei günstigem Kriegsverlauf – bereits beschlossene Sache, dass Polen die Ukraine als Kriegsbeute bekommen sollte. Allein Polen stellte sich den Plänen quer und so ließ Hitler von seinen Militärs den Überfall auf Polen ausarbeiten …

    Auch Adolf Hitler kommt uns als Mensch unangenehm nahe …
    Was aß und was hörte er am liebsten? Welche Frauen weckten ganz besonderes sein Interesse? Worüber pflegte er zu scherzen und welche Personen gehörten am Obersalzberg zu seinem inneren Kreis? Seine Vorlieben werden für ihn schnell zur Passion und sein Größenwahn wächst …
    Während andere Machthaber noch nicht an einen Blitzkrieg glauben, hat Hitler schon einen konkreten Plan im Kopf!

    Auch die Idee, den einzelnen Kapiteln jeweils Zitate aus Zeitungen oder von berühmten Persönlichkeiten voranzustellen, fand ich großartig. Nicht nur, weil sie die doch sehr bedrückenden Fakten nochmal lebendiger machen, sie lockern beim Lesen auch mein Gedankarusell ein wenig auf.

    Mich persönlich hat das Buch geistig sehr bereichert. Ich wurde zu Nachschlagen und mitdenken angeregt und habe viele neue Einzelheiten erfahren, die ich bisher noch in keinem gängigen Geschichtsbuch gefunden habe!