• „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ | Michel Faber

    Titel im Original:  „The Book of strange new Thinks“
    Autor:  Michel Faber
    Aus dem Englischen übersetzt von Malte Krutzsch
    Verlag:  Kein & Aber
    Genre:  Roman | Science Fiction | Religion | Apokalypse
    Seitenzahl:  679
    ISBN:  978-3-0369-5779-1

    Der junge Pastor Peter Leigh wird auf die Reise seines Lebens geschickt – nur darf seine Frau Bea ihn nicht begleiten. Um in Kontakt zu bleiben, schicken sie sich Briefe. Doch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit musste eine Liebe eine derart große Distanz überbrücken.

    Meine Meinung

    Als ich den Klappentext zu diesem Buch das erste Mal las, hatte ich sofort ein klares Bild der Geschichte im Kopf. Und ich lag ja sowas von Falsch! So beeindruckend schlicht und flüssig die Sprache Michel Fabers auch ist, so ungewöhnlich und unvorhersehbar ist die Geschichte, die hier erzählt wird …

    Wir begleiten den Geistlichen Peter Leigh, der von einem NASA-inspirierten Großkonzern auf einen ferne Planten namens „Oasis“ geschickt wird. Zu seiner großen Überraschung nehmen die dortigen Bewohner seine biblischen Erzählungen begierig auf und möchten ganz nach dem Wort Gottes leben. Sie nennen die Bibel „Das Buch der seltsamen neuen Dinge“!
    In vielen Briefen berichtet er seiner zu Hause gebliebenen Frau von dieser offensichtlich bequemen Mission. Sie dagegen schreibt von einer veränderten Welt, in der Erdbeben und Flutwellen ganze Staaten vernichten und wo Lebensmittel zur Mangelware werden. Doch für Peter ist das alles sehr weit weg …

    Michel Faber liefert uns einen tollen Roman, der nicht wirklich einem Genre zuzuteilen ist. Die Science Fiction war für mich zwar immer präsent, ist im Großen und Ganzen aber nur ein gut eingesetztes Stilmittel des Autors. Ebenso die apokalyptischen Geschehnisse auf der Erde. Das Buch besticht auch nicht durch seine rasante Action: Sie ist eher ruhig und intensiv erzählt und verlässt nur selten das Seelenleben unseres Hauptprotagonisten. Die Sprache ist schlicht und angenehm flüssig. Das Hauptaugenmerk liegt gezielt auf dem christlichen Glauben. Darum, wie er sich in einem Menschen manifestiert und was ein gläubiger Mensch mit Gottes Beistand alles zu ertragen weiß. Der Roman kreist um Erinnern und Vergessen, Fremdheit und Vertrautheit, um Nähe und Abschied.

    Eigentlich habe ich mir vom Leben auf der Oasis mehr Abenteuer, Spannung und Gefahren erwartet, stattdessen stellt sich dieser als friedlicher Ort heraus. Beinahe schon idyllisch! Auf der Erde hingegen ereignet sich eine Naturkatastrophe nach der Anderen. Es wird zwar nie ausgesprochen, doch liegt es nahe, dass diese durch die Klimaerwärmung ausgelöst wurden. Bea durchleidet Dramen, die für Peter in immer weitere Ferne rücken. Wie kann der Partner nachvollziehen, was einem selbst widerfährt? … man spürt in den Briefen deutlich, wie die Beiden voneinander wegdriften und die Realität des Anderen sich entfernt.

    Während andere Schriftsteller fast jährlich einen neuen Roman veröffentlichen, hat sich Michel Faber für sein aktuelles Buch mehr als sechs Jahre Zeit gelassen. An vielen Stellen schimmert die Trauer um seine an Krebs verstorbene Frau durch. Dennoch hat Michel Faber eine wunderbare Geschichte geschaffen, in dem man als Leser auch ohne strengen Glauben ganz aufgeht.

  • „QualityLand“ | Marc-Uwe Kling

    Autor:  Marc-Uwe Kling
    Verlag: Ullstein
    Genre: Roman  |  Humor
    Seitenzahl: 379
    ISBN: 978-3-550-05015-2

    Willkommen in QualityLand!
    In der Zukunft läuft alles rund: Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. QualityPartner weiß, wer am besten zu dir passt. Das selbstfahrende Auto weiß, wo du hinwillst. Und wer bei TheShop angemeldet ist, bekommt alle Produkte, die er haben will, zugeschickt, ganz ohne sie bestellen zu müssen. Superpraktisch! Kein Mensch ist mehr gezwungen, schwierige Entscheidungen zu treffen – denn in QualityLand lautet die Antwort auf alle Fragen: OK!

    Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller?

    Meine Meinung

    Mit Marc-Uwe Kling habe ich im Juli wieder einen neuen Autor für mich entdeckt. Mir waren zwar die Känguru-Chroniken ein Begriff, ich hatte sie aber bis dato noch nicht in der Hand. „QualityLand“ war für mich eine bitterböse, aber doch recht plausible Zukunftsperspektive, obwohl ich jetzt den absoluten Begeisterungsrausch, den dieses Buch durch die Medien zieht, nur bedingt verstehen kann.

    In einer nicht allzu fernen Zukunft haben die Algorithmen und ihre Schöpfer die Alleinherrschaft in Zentraleuropa, das nun den Namen QualityLand trägt, übernommen. Die Menschen wurden zum größten Teil durch produktivere Maschinen ersetzt und in ein Level-System gezwungen: Je mehr sie Arbeiten und Leisten, desto höher das Level. Hier lernen wir Peter Arbeitsloser kennen und begleiten ihn durch seinen Alltag. Als Level 10 fristet er ein eher tristes Leben, ist aber dennoch ganz zufrieden. Er kennt halt nichts Anderes! Als er von „The Shop“, dem mittlerweile größten Online-Versandhandel, einen rosafarbenen Delphinvibrator bekommt, ist nun auch für ihn das Maß voll und er beginnt sich aufzulehnen. Unterstützt wird er von einer rebellischen jungen Frau und seinen defekten Maschinen, die er vor der Schrottpresse gerettet hat.

    Man sollte beim Lesen dieses Buches immer die aktuellen Diskussionen über Datensicherung und die neuen Medien im Hinterkopf behalten, dann liest man hier viele Dinge, die dem Leser auch heute schon schrecklich realistisch erscheinen. Starten wir zum Beispiel auf Google eine Suchanfrage oder besuchen Webseiten zu einem bestimmten Thema, können wir uns sicher sein, dass uns in naher Zukunft ein passender Artikel aus dem großen „A“ vorgeschlagen wird.

    Marc-Uwe Kling hat definitiv viel Hintergrundwissen gesammelt und eine sehr gute Recherchearbeit geleistet. Mir gefällt es sehr, wie der Autor Theorien zur digitalen Gesellschaft mit dem gegenwärtigen Alltag verknüpft. So finden wir in „QualityLand“ viele Anspielungen auf die Popkultur oder Zitate, aber auch gute technische Erklärungen, die für den Leser einfach aufbereitet wurden.

    Der Schreibstil war sehr flüssig und leicht zu lesen, aber alles in allem wirkt die Geschichte eher düster, teilweise sogar trocken und trieft vor Sarkasmus. Ich weiß schon: Das gehört zu einer Satire dazu, aber hier ist der Autor für meinen Geschmack doch etwas über das Ziel hinaus geschossen. Für mich hat es total die Spritzigkeit weggenommen und es wurde immer wieder leicht schleppend. Vielleicht trifft es auch einfach nicht meine Art von Humor!
    Nichtsdestotrotz eine klare Leseempfehlung. Mir haben die Geschichte und der Hintergedanke dazu, sehr gut gefallen. Die Charaktere von Peters Maschinen waren jeder für sich einzigartig und lustig gezeichnet und auch Peter Arbeitsloser war ein toller Protagonist.

    Ich denke, um die Weihnachtszeit herum werde ich mir auch mal die Känguru-Chroniken anschauen! Was könnt ihr mir denn empfehlen? Lieber lesen oder als Hörbuch hören?