• „Auf der Placa del Diamant“ | Mercè Rodoreda

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „La Placa del Diamant“
    Autor:  Mercè Rodoreda
    Aus dem Katalanischen übersetzt von Hans Weiss
    Verlag:  Suhrkamp Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  318
    ISBN:  978-3-518-46706-0

    Bei einem Tanzfest auf der Placa des Diamant lernt Colometa den exzentrischen Quiment kennen. Von dem Moment an legt die junge Frau die Verantwortung über ihr Leben ganz und gar in seine Hände. Doch Quiment bricht das Versprechen, aus ihr seine „Königin“ zu machen und für Colometa beginnt eine Zeit der Entbehrungen und Demütigung. Bis der Spanische Bürgerkrieg ausbricht und sich alles ändert.

    Meine Meinung

    Colometa lernt auf der Placa del Diamant ihren zukünftigen Ehemann kennen. Woher sie weiß, dass sie heiraten werden? Weil Quimet bestimmt, dass sie seine Frau wird. Das akzeptiert sie genauso, wie sie es hinnimmt, dass er sie Colometa nennt, obwohl sie sich ihm mit ihren richtigen Namen – Natàlia – vorgestellt hat. Das ist bezeichnend für ihren Charakter und so verläuft auch ihre Ehe …
    Traditionell nicht anders gewöhnt, fügt sich Colometa in ein Leben, das der Mann mit großer Selbstgefälligkeit bestimmt. Sie nimmt ihre eigene Person völlig zurück, erträgt die Ungerechtigkeiten ihres Mannes, seine Wutausbrüche, seine Unzuverlässigkeit und auch seine Taubenzucht, die er kurzerhand vom Dachboden in ihre eigene Wohnung verlegt und das Leben für seine Frau damit unerträglich macht. Doch dann kommt der Bürgerkrieg und Quimet schließt sich der Miliz an. Er kommt nicht zurück und von heute auf morgen, ist Colometa auf sich selbst gestellt. Sie muss sich und ihre Kinder trotz großer Entbehrungen durch den Krieg bringen … und vor allem muss endlich zu sich selbst finden!

    In „Auf der Placa del Diamant“ wird das Leben unserer Protagonistin in aller Eindringlichkeit erzählt. Dabei ist der Erzählstil alles andere als emotional: Zu Beginn wirkte er auf mich holzig und ohne Rhythmus. Ich brauchte doch einige Zeit um mich daran zu gewöhnen. Die Geschichte wird in kurzen, groben Sätzen erzählt, so als würde man selbst seine Erinnerungen aufschreiben und dabei fallen einem zwischendurch doch noch Dinge ein, die man hinzufügen möchte. Dennoch ist das Buch flüssig lesbar und fesselnd, mit einer schlichten, aber schönen Sprache verfasst.

    Oft hat man das Gefühl, die Geschehnisse betreffen Colometa gar nicht, so sehr nimmt sie sich aus ihrer Person heraus. Aber gerade das bewirkt beim Lesen diese Eindringlichkeit. Das Weglassen von Gefühlsregungen erzeugt hier große Emotionen. Man leidet mit ihr und möchte sie soft einfach nur schütteln!

    Colometa berichtet von ihren Erlebnissen vor und während der Revolution, die sie in den 1930ern in Barcelona erlebt. Dadurch erfährt man nur sehr wenig über die Geschehnisse außerhalb ihrer kleinen Welt. Ab und zu werden ihr Einzelheiten durch die Berichte Anderer nähergebracht, doch das sind nur kurze Randgeschehnisse, die sich auf ihr Leben nur wenig auswirken.

    Die Mühen, die Colometa auf sich nimmt, um ihre Kinder zu ernähren, lassen das Buch für mich lebensnah wirken und man fühlt mit ihr. Das Leben ist entbehrungsreich und hart, hat aber auch seine schönen Seiten, die Mercè Rodoreda fast schon nebensächlich einfließen lässt.

    Es ist genau diese Einfachheit, die besticht und die Stimmung der Zeit so dicht und spürbar macht! Ein sehr beeindruckendes Buch!

  • „Meine geniale Freundin“ | Elena Ferrante

    Titel im Original:  „L`amica geniale“
    Autor:  Elena Ferrante
    Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger
    Verlag:  Suhrkamp Verlag
    Genre:  Roman
    Neapolitanische Saga, Band 1
    Seitenzahl:  423
    ISBN:  978-3-518-42553-4

    Sie können unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen beste Freundinnen, in Neapel der 50er Jahre. Und sei werden es über sechs Jahrzehnte bleiben, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen

    Meine Meinung

    Dank der Cliftons ist in diesem Sommer mein Fieber für „Familiengeschichten“ neu entbrannt und „Meine geniale Freundin“, also der Beginn der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante reiht sich wunderbar in diese Leselust mit ein!

    Lila und Elena sind seit ihrer Kindheit Freundinnen. Trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere hält ihre Beziehung nun schon seit über sechs Jahrzehnte. Doch nun ist Lila verschwunden!
    Für Elena Grund genug, um sich an ihre gemeinsame Kindheit und Jugend  zu erinnern …

    Die eigentliche Geschichte beginnt mit einem Telefongespräch und dem Verschwinden Lilas. Wollte sie, trotz Familie und geregeltem Leben, schon seit dreißig Jahren spurlos abtauchen? Mit dem Beginn der Rückblenden schlägt die Autorin einen gänzlich neuen, sehr literarischen Tonfall an, der in diesem Fall aber überhaupt kein Manko ist. Die Geschichte wirkt dadurch nie gewollt oder gar langweilig. Ganz Gegenteil gewöhnt man sich sehr schnell an das etwas zurückgenommene Tempo und bekommt zum Lohn eine Reihe von überaus präzisen Charakterstudien und jede Menge Lokal- und Zeitgeschehen, so dass man völlig eintaucht in das Lebensgefühl und den Rhythmus im Neapel der 50er Jahre.

    Wer sich also in die Vergangenheit Italiens entführen lassen möchte, ist in diesem Roman genau richtig. Hier werden nicht nur das Erwachsenwerden unserer Protagonisten und deren innige, aber auch toxische Freundschaft thematisiert, auch Eifersucht, Intrigen und Hass finden immer wieder ihren Platz. Elena Ferrantes Schreibstil wirkt auf mich überzeugend, realistisch und mitreißend. Ein Lehrstück über die „gute alte Zeit“ Italiens und ein realistischer Einblick in die Lebensweise in einem neapolitanischen Elendsviertel, das hier definitiv nicht romantisiert wird.

    Die Autorin besticht mit einem außergewöhnlichen Schreibstil. Wortgewand, punktgenau und klar in ihrer Aussage. Dennoch schreibt sie modern, altersgerecht und wunderbar bildhaft.

    Durch den voyeuristischen Erzählstil, bekommen wir Einblick in die Gedankenwelt und das Gefühlsleben, aber auch in das sexuelle Heranreifen unserer beiden Protagonisten. Welch ein Unterschied doch zwischen den beiden Mädchen besteht:  Die eine will die Verhältnisse durch Ehrgeiz und Leistung überwinden, während die Zweite einen gutsituierten Jungen kennenlernt und ihn noch im Teenageralter heiratet. Für mich ein Erwachsenwerden in eine mir völlig fremde Kultur, das mit großem Einfühlungsvermögen für die Psyche junger Mädchen erzählt wird.

    „Meine geniale Freundin“ ist ein gelungener Auftakt der Neapolitanischen Saga und eine Geschichte, die – im Gegensatz zu manch anderer – völlig zu Recht nun schon so lange auf der Bestsellerliste vertreten ist!

  • „Gott der Barbaren“ | Stephan Thome

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor: Stephan Thome
    Verlag: Suhrkamp Verlag
    Genre: Historischer Roman
    Shortliste „Deutscher Buchpreis“ 2018
    Seitenzahl:  708
    ISBN: 978-3-518-42825-2

    Mitte des 19. Jahrhunderts überzieht eine christliche Rebellion das chinesische Kaiserreich mit Terror und Zerstörung. Ein junger deutscher Missionar, der voller Idealismus bei der Modernisierung des Landes helfen will, gerät zwischen die Fronten eines Krieges und droht alles zu verlieren, was ihm wichtig ist.

    Meine Meinung

    Heutzutage scheint China allgegenwärtig zu sein. Ein Land, das jeder kennt …
    Doch was weiß man von seiner Geschichte?

    „Gott der Barbaren“ thematisiert die Taiping-Rebellion und den Opiumkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts, die in 15 Jahren der Kampfandlungen 30 Milliarden Menschen das Leben gekostet haben.
    In den Jahren 1851 bis 1864 versuchten die Rebellen die Qing-Dynastie zu stürzen, die von den Mandschu, die allgemein als grausam und korrupt galten, begründet worden war. Die Ideologie dieser neuen Bewegung gründete sich neben Anderen zu großen Teilen auf christlichen Idealen, die der Gründer Hong Xiuquan vermutlich durch einen Missionar vermittelt bekam.

    Wir verfolgen hier vier Hauptpersonen als Ich-Erzähler. Zwei mächtige Befehlshaber, die sich auf den jeweiligen Seiten gegenüberstehen und zwei Zivilisten. Zum Einen lernen wir da den deutsche Missionar Philipp Neukamp kennen, der schon bei der deutschen Revolution 1848 aktiv war. Seine Wege kreuzen sich mit denen der Chinesin Huang Shua, die uns als einzige weibliche Erzählerin ihre Sicht näher bringt und einfach nur überleben will. Zu den Mächtigen gehört der General und Gelehrte Zeng Guofan, der Anführer einer privaten Söldnertruppe und der englische Gesandte Lord Elgin, der das englisch-französische Expeditionskorps anführt. Ein erfahrener Diplomat der britischen Krone mit starkem Überlegenheitsgefühl, der noch heute die oberen Zehntausend in England prägt.

    Obwohl das Buch geschichtlich total auf meiner Wellenlänge war, habe ich für die knapp 700 Seiten wirklich lange gebraucht. Stephan Thome hat die Geschichte nicht als Tatsachenbericht geschrieben, sondern als Roman, was nur bedingt tiefere Einblicke zulässt und das Gelesene an manchen Stellen doch etwas zu sachlich wirken lässt. Seitenlange Monologe über die chinesische Philosophie sind zwar interessant, aber gerade abends doch eher ermüdend. Dennoch habe ich das Buch sehr gern gelesen. Der Autor hat eine unheimliche Recherchearbeit geleistet und verfügt über beeindruckende Kenntnisse der chinesischen Geschichte.

    Bei seiner Veröffentlichung wurde „Gott der Barbaren“ stark im literarischen Quartett diskutiert und zudem in vielen deutschen Zeitungen besprochen. Hier schwanken die Beurteilungen doch erheblich, was ich persönlich gar nicht verstehen kann.
    Es hat mir großen Spaß gemacht, dieser tiefgründigen und feinen Geschichte zu folgen. Man versinkt in den Geschehnissen und folgt den Überlegungen. Nach und nach entsteht ein üppiges und farbenprächtiges Gemälde der damaligen Zeit mit all den historischen Ereignissen, Besonderheiten und Tücken. Ob es um die gebunden Füße der chinesischen Frauen und ihrer Stellung in der Gesellschaft geht. Oder um die Rebellen und ihr Streben nach Macht. Bei all dem ist man hautnah dabei! Opium wird reichlich konsumiert und natürlich rollen auch Köpfe …

  • „So enden wir“ | Daniel Galera

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „Meia-Noite e Vinte
    Autor:  Daniel Galera
    Aus dem Brasil. Portugiesischen von Nicolai v. Schweder-Schreiner
    Verlag:  Suhrkamp Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  232
    ISBN:  978-3-518-42801-6

    Am Grab ihres alten Mitstreiters kommen Aurora, Antero und Emiliano zusammen, nach einer gefühlten Ewigkeit wie Fremde. Damals waren sie unsterblich – Helden einer neuen digitalen Gegenkultur, wütend und exzessiv – jetzt ist der genialste von ihnen tot. In seinen Büchern scheint er ihnen ein Rätsel hinterlassen zu haben. Oder ist es eine Warnung?

    Meine Meinung

    Unruhen auf den Straßen. Korruption. Gewalt. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014!
    Inmitten dieser Krisengesellschaft begegnet uns eine Gruppe junger Menschen, die ein etwas anderes Leben suchen, fernab von der Moderne. Sie wünschen sich in das Jahr vor der Jahrtausendwende zurück …

    Ende der 90er Jahre erobert das kontroverse Online-Magazin „Orangotango“ die digitale Welt Brasiliens. Die vier Freunde Aurora, Emiliano, Antero und „Duke“ erleben eine wilde zügellose Studentenzeit. Unbewusst setzten sie eine Bewegung frei, die von vielen Menschen verfolgt wurde. Immer bereit, die bekannten Strukturen aufzubrechen, um kulturelles Neuland zu betreten.
    Als sich ihre Wege trennen, ist Emiliano weiterhin als Journalist tätig, während Antero eine sehr erfolgreiche Werbefirma aufbaut. Aurora hat sich für ein Biologiestudium entschieden und arbeitet an ihrer Dissertation über den Biorhythmus von Zuckerrohr. „Duke“ wird ein erfolgreicher Schriftsteller mit einer großen Fangemeinde – doch 2014 wird er bei einem Raubüberfall ermordet! Bei seinem Begräbnis beginnen sich die drei Freunde zu fragen, was aus ihnen und ihren Träumen geworden ist und vor allem:  Wer war Duke wirklich und was bedeutet sein Vermächtnis?

    Daniel Galera legt uns hier einen gesellschafts- und medienkritischen Roman vor. Wir lesen hier über das Dilemma einer mit allen Möglichkeiten der neuen digitalen Welt aufgewachsenen, intellektuellen Jugend, die sich selbst jedoch mit den Jahren irgendwann verloren hat. In der Realität verunsichert und vereinsamt!
    Er siedelt seine Geschichte mitten in den chaotischen Zuständen der Proteste und Streiks im Jahre 2014 in den Städten Porto Alegre und Sao Paulo an. Thema dieses Romans ist natürlich auch die wirtschaftliche Situation in Brasilien und die Demonstrationen der unzufriedenen Bevölkerung. Das Kernthema ist jedoch deutlich die vernetzte Konsumwelt und die immer schillernder werdende Welt der sozialen Medien, der sich niemand entziehen kann. Selbst die sexuellen schnellen Bedürfnisse lassen sich dort ganz einfach ausleben …

    Wir erfahren die Geschichte aus wechselnden Perspektiven der drei übrig gebliebenen Freunde, die ihr Leben reflektieren und die Beziehung zu „Duke“ thematisieren. Die Sprache ist frech und vulgär, was wir insbesondere bei der einzigen weiblichen Figur Aurora zu spüren bekommen, die noch am Stärksten die Auswirkungen der neuen Gesellschaft zu spüren bekommt.
    Die Erzählung ist eher ruhig gestaltet und bleibt oftmals in den Gedanken des Autoren stecken.

    Wer sich auf Daniel Galera und seine Sprache einlässt, muss sich Zeit nehmen. Man sollte auch für eine oft harte, beinahe brutale Ausdruckweise und entsprechende Gedankenbilder bereit sein. Dennoch ist der Autor nie wirklich destruktiv und er entlässt seine Protagonisten und Leser mit einem Ausblick in eine positive Zukunft …

  • „Flut“ | Daniel Galera

    Titel im Original: „Barba ensopada de sangue“
    Autor: Daniel Galera
    Aus dem Brasil. Portugiesischen von Nicolai v. Schweder-Schreiner
    Verlag: Suhrkamp Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  423
    ISBN: 978-3-518-42409-4

    Sein Vater bittet ihn um einen letzten Gefallen. Und was als Aufbruch in ein neues Leben an der Küste beginnt, treibt ihn schon bald in die sonderbaren Tiefen einer Vergangenheit, die nicht vergangen ist.
    Mit lichter, hypnotisierender Kraft erzählt „Flut“ die epische Geschichte einer Suche über drei Generationen, die an der Grenze des Menschenmöglichen führt.

    Meine Meinung

    Mit Daniel Galera nehme ich nach vielen Jahren wieder meinen ersten portugiesischen Autor zur Hand.

    „Flut“ ist ein sehr intensiver und mitreißender Roman, der im heutigen Brasilien spielt. Wir begleiten unseren männlichen Erzähler auf der Suche nach seiner Familiengeschichte. Ein eher stiller und introvertierter Mann, der nur wenig Wert auf die Außenwelt legt. Nach dem Selbstmord seines Vaters, nimmt er dessen Hündin bei sich auf und zieht mit ihr direkt ans Meer, in den kleinen Ort Garopaba in der Nähe von Santa Catarina. Dort soll sein Großvater in den 60er Jahren ermordet worden sein, doch seine Leiche wurde nie gefunden.
    Nach all den Schicksalsschlägen hat er kaum noch einen Plan für sein Leben. Neben der Leidenschaft zum Schwimmen und dem Meer scheint diese Tragödie der letzte Halt für ihn zu sein. Schon bald soll er merken, wie wichtig ihm die alte Hündin seines Vaters geworden ist … und wie verstrickt das Leben eines einzigen Menschen sein kann!

    Der Autor zeigt uns den Schwimmer zwischen seinem Alltag und der Suche nach dem Leben des Großvaters. Der größte Pluspunkt ist die Erzählperspektive des Romans: Der Autor schreibt in der dritten Person Singular und diese Person bleibt namenlos. Dies liest sich zunächst vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, doch das ist meiner Meinung nach genau der Kniff, der den Roman vor jeglichem Kitsch bewahrt. Der Leser ist dem Schwimmer gleichzeitig nah und fern. Auch in Kombination mit der „Gesichtsamnesie“ unseres Erzählers (Prosopagnosie) funktioniert die Erzählperspektive hervorragend!

    Unser Protagonist ist in einem tiefen Strudel gefangen. Er kämpft und schwimmt ohne voran zu kommen. Obwohl er nicht unbedingt sympathisch ist, schafft es Daniel Galera, dass er einem ans Herz wächst. Er sucht mit seinem Großvater auch nach seiner eigenen Identität.

    „Flut“ ist kein Buch, dass man mal so nebenbei liest, man muss sich darauf einlassen, aber dann wird es einen nicht mehr loslassen …

  • „Aquarium“ | David Vann

    Titel im Original:  „Aquarium“
    Autor:  David Vann
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Miriam Mandelkow
    Mit Illustrationen von Chris Russel
    Verlag:  Suhrkamp Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  283
    ISBN:  978-3-518-42536-7

    Die zwölfjährige Caitlin geht jeden Tag nach der Schule ins öffentliche Großaquarium und wartet dort, bis ihre Mutter sie abends nach der Arbeit abholt. Sie ist fasziniert von den stummen, bunten Wesen hinter dem Glas und geht ganz in der rätselhaften Unterwasserwelt auf. Eines Tages trifft sie im Aquarium einen älteren Mann, der die Fische ebenso zu lieben scheint wie sie selbst. Sie freundet sich mit ihm an – und öffnet damit nichtsahnend die Tür zur Vergangenheit ihrer Mutter …

    Meine Meinung

    „Aquarium“ war mein erster Roman von David Vann und ich habe mir definitiv etwas vollkommen Anderes darunter vorgestellt! Der Leser wird Zeuge davon, wie die heile Welt der Sheri Thompson zu zerbröckeln beginnt und ihre unverarbeitete Vergangenheit hervorbricht. Mit allen Tiefen, die sie schon lange begraben geglaubt hat.

    David Vann hat einen sehr ehrlichen und direkten Schreibstil, der eher anspruchsvoll zu lesen ist. Dialoge werden bei ihm nicht mit „Hasenfüßchen“ hervorgehoben, sondern direkt in den Text mit eingebaut und auch die Vergleiche aus der Ozeanographie sind nicht immer offen verständlich. Man sollte also mit einem wachen Kopf an die Geschichte herangehen, um die Zusammenhänge nicht zu verlieren.

    Wie weit darf man als Mutter gehen um seine Kinder zu beschützen?
    Sheri ist eine beinharte Frau, die sich nicht nur in einem männerdominierten Job durchsetzen muss, auch ihre Vergangenheit hat sie hart und undurchlässig gemacht. Um ihre Tochter vor vermeintlichem Unheil zu schützen, greift sie zu drastischen Maßnahmen, die einen sehr oft an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifeln und den Leser nicht nur Einmal tief durchatmen lassen. Unerbittlich geht die Mutter gegen Caitlin vor und will sie von ihrem Weg abbringen. Nur sie als Mutter ist im Recht und niemand sonst!
    Der Autor zeigt uns, wie selbstzerstörerisch und fragil ein Mensch bzw. dessen Leben sein kann und das es nicht viel braucht, um aufgebaute Mauern einreißen zu lassen.

    Ich muss ehrlich gestehen: So ein Werk hätte ich einem Mann niemals zugetraut!
    David Vann beschreibt das Seelenheil einer weiblichen Person in so detailliertem Ausmaß, dass es ein Psychologe vermutlich nicht besser hätte machen können.
    „Aquarium“ besticht durch seine abgründige Erzählung und durch starke Metaphern, weswegen der Roman lange beim Leser nachhallt. Nicht nur die dichte bedrückende Atmosphäre reißt den Leser mit, sondern auch die Sprachgewalt. Die Gespräche und die Harmonie zwischen Caitlin und dem alten Mann im Aquarium sind toll zu verfolgen und auch die Beobachtungsgabe der beiden, wie sie die einzelnen Fische mit Menschen oder Schwäre mit Familien vergleichen ist einzigartig!

    Ein tolles, wenn auch bedrückendes Buch!!