• „Anders“ | Anita Terpstra

    Titel im Original:  „Anders“
    Autor:  Anita Terpstra
    Aus dem Niederländischen übersetzt von Jörn Pinnow
    Verlag:  Blanvalet
    Genre:  Thriller
    Seitenzahl:  383
    ISBN: 978-3-7341-0257-8

    Alma Meester, ihr Mann Linc und die beiden Kinder Iris und Sander sind eine ganz normale, glückliche Familie. Bis zu dem Tag, als der elfjährige Sander zusammen mit einem Freund während eines Ferienlagers spurlos verschwindet. Der andere Junge wird kurz darauf tot aufgefunden, doch Sander bleibt wie vom Erdboden verschluckt.

    Sechs Jahre später meldet sich ein junger Mann bei einer deutschen Polizeistation. Er sei der verschwundene Sander Meester. Die Familie ist überglücklich, doch nach und nach kommen der Mutter Zweifel.
    Ist der Junge wirklich ihr Sohn?
    Und was ist damals in der verhängnisvollen Nacht tatsächlich passiert?

    Meine Meinung

    Mit „Anders“ liefert uns Anita Terpstra einen wirklich tollen Debütroman.
    Es handelt sich hier um einen Thriller der leisen Töne, der nicht nur durch eine gut ausgearbeitete Geschichte besticht, sondern auch durch seine authentischen Protagonisten, deren durchgerütteltes Gefühlsleben den Leser sehr mitnimmt.

    Der 11-jährige Sander verschwindet bei einer Nachtwanderung aus einem Ferienlager. Da sein Freund Martin kurz darauf tot im Wald aufgefunden wird, kommt recht schnell der Verdacht auf, dass ein Sexualstraftäter seine Hand im Spiel und Sander entführt hat. Trotz tagelanger Suche, bringt diese keine Ergebnisse! Die Familie ist schwer getroffen und erholt sich nicht mehr von diesem Schicksalsschlag. Mutter Alma bekommt zwar mit Linc nochmals ein Baby, aber die Ehe zerbricht.
    Als nach sechs Jahren ein Junge auftaucht, der im Wald von einem Pädophilen festgehalten wurde und sich bei der Polizei als Sander zu erkennen gibt, wird die eingekehrte Ruhe der Familie aufs Neue durchgerüttelt. Die Stimmung ist ganz und gar nicht glücklich oder gelöst, Sander verhält sich sehr distanziert und will keine Einzelheiten aus den vergangenen Jahren preisgeben …

    „Anders“ legt überhaupt keinen Wert auf die Tätersuche. Das Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf den Reaktionen der Familie und deren Freunde. Ich fand die unterschiedlichen Verhaltensweisen sehr spannend und teilweise auch richtig beklemmend. Vor allem das Verhalten der Mutter hat mich im Laufe der Geschichte sehr oft zum Kopfschütteln gebracht.
    Natürlich bekommt der Leser hier auch viel Spielraum für Spekulationen geboten!

    Anita Terpstra spricht ganz klar Themen wie Kindesmissbrauch und die menschliche Wertigkeit in der Familie an. Was passiert, wenn ein Kind, dem Anderen gegenüber bevorzugt wird? Warum blenden Eltern auffällige Verhaltensmuster eines Kindes total aus? Auch auf die Schuldgefühle des Vaters nach Sanders Verschwinden wird klar eingegangen, hätte er bei dieser Wanderung doch auf seinen Sohn achtgeben müssen!

    Und über all dem, schwebt noch ein großes Damoklesschwert:
    Die Frage, ob es sich bei dem jungen Mann wirklich um Sander handelt!

    „Anders“ regt definitiv zum nachdenken an und bleibt dem Leser noch sehr lange im Gedächtnis!

  • „Die Zahlen der Toten“ | Linda Castillo

    Titel im Original:  „Sworn to Silence“
    Autor: Linda Castillo
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Helga Augustin
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Thriller
    1. Fall von Kate Burkholder
    Seitenzahl: 429
    ISBN: 978-3-596-18440-8

    Sie sind Amische. In ihrer Welt darf es keine Verbrechen geben!
    Doch jetzt liegt eine verstümmelte Frauenleiche auf dem Feld!

     Kate Burkholder, Polizeichefin in Painters Mill, Ohio, muss den Killer finden, bevor er noch einmal zuschlägt. Aber wenn sie in überführen, verrät sie nicht nur ihre amische Familie, sondern deckt auch ein dunkles Geheimnis auf, das ihr Leben zerstören kann.

    Meine Meinung

    Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr viele Bücher in einem bestimmten Genre lest und es euch dann wieder zur Abwechslung nach etwas ganz Anderem gelüstet? … und ihr, wie in meinem Fall, dann auch noch das „nach Hause kommen“-Feeling braucht?
    Nachdem ich in den letzten Wochen sehr viele historische und zeitgenössische Romane gelesen habe, hat es mich im Juli total zu einem guten Thriller hingezogen. Also starte ich wieder mal mit der Kate Burkholder-Reihe! … mein mittlerweile 3. Durchgang!

    Kate Burkholder ist die erste weibliche Polizeichefin im ländlichen und beschaulichen Painters Mill. Sie ist eine resolute, sympathische junge Frau, die selbst aus der amischen Gemeinde stammt, sich dann aber für die modernere Lebensform entschieden hat. In „Die Zahlen der Toten“ wird sie zu ihrem ersten richtigen Mordfall gerufen und direkt in ein Horrorszenarium katapultiert, dass selbst hartgesottene Polizeibeamte nicht kalt lässt: Auf einem Feld, der zum Hof einer amischen Familie gehört, wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Ihr wurde die Kehle aufgeschlitzt und der Täter ließ sie ausbluten. Zudem wurde ihr die Zahl XXIII in den Bauch geritzt.
    Diese Morde sind nicht neu für die kleine Gemeinde. Vor 16 Jahren tötete ein Verbrecher in eben dieser Art Frauen in der Gegend – nur waren die Zahlen damals noch unter 10!

    Die Story ist lebendig, spannend und mitreißend geschrieben. Der Schreibstil ist einfach und fließend. Beides ist in seiner Form eine absolut ansprechende Kombination und von der Autorin toll umgesetzt. Linda Castillo beherrscht das sprachliche Handwerk, unaufgeregt und sehr stimmig Spannung aufzubauen, auch wenn einem beim Lesen ab und an mal unnötige Wortwiederholungen auffallen. In meinen Augen aber absolut nichts Schlimmes!

    Ich mochte die Protagonistin Kate Burkholder sehr gerne. Sie ist eine intelligente Frau, die natürlich – wie in vielen Thrillern üblich – auch ihre Vergangenheit zu bewältigen hat. Sie wird von ihrem überwiegend männlichen Team als Chefin absolut akzeptiert und ich finde die Harmonie unter den einzelnen Personen sehr ausschlaggebend. Jeder für sich ist ein sympathischer und facettenreicher Charakter. Mit John Tomasetti haben wir hier vielleicht ein etwas stereotypischer Ermittler, wie er allzu oft in Spannungsliteratur zu finden ist, aber wenn er so gestaltet wird, wie in „die Zahlen der Toten“, bekommt auch er bei mir einen großen Platz in meinen Herzen!

    Was mir immer wieder auffällt: Gerade die Gewaltszenen in diesem Buch sind sehr treffend und prägnant beschrieben! Linda Castillo schafft es dem Leser aussagekräftig und glaubwürdig eine Entführungsszene zu beschreiben, die ich ihr in jeder Sekunde abkaufe. Es gibt keine unglaubwürdigen Heldentaten.  Es wird ganz offen ausgesprochen, das auch erfahrene Ermittler sich vor Angst in die Hose machen können. In diesem Buch wird einfach niemand als Übermensch dargestellt!

    Wenn ihr eine neue – wirklich Gute! – Thriller-Reihe sucht, schaut euch die Bücher von Linda Castillo unbedingt mal an!

  • „Die Therapie“ | Sebastian Fitzek

    Autor: Sebastian Fitzek
    Verlag:  Drömer Knaur
    Genre:  Thriller
    Seitenzahl:  336
    ISBN:  978-3-426-63309-0

    Keine Zeugen! Keine Spuren!  Keine Leiche!

    Josy, die 12jährige Tochter des bekannten Psychiaters Viktor Larenz, verschwindet unter mysteriösen Umständen. Ihr Schicksal bleibt ungeklärt.
    Vier Jahre später: Der trauernde Viktor hat sich in ein abgelegenes Ferienhaus zurückgezogen. Doch eine schöne Unbekannte spürt ihn dort auf. Sie wird von Wahnvorstellungen gequält. Darin erscheint ihr immer wieder ein kleines Mädchen, das ebenso spurlos verschwindet wie einst Josy. Viktor beginnt mit einer Therapie, die mehr und mehr zum dramatischen Verhör wird …

    Meine Meinung

    Heute möchte ich euch das Erstlingswerk von Sebastian Fitzek vorstellen.
    „Die Therapie“ wurde im Jahre 2006 veröffentlicht und ist in meinen Augen eines der besten Bücher des Autoren. Wenn nicht sogar DAS BESTE! Bis jetzt konnte mich nur noch „Der Seelenbrecher“ gleichwertig überzeugen.
    Der Autor schafft es binnen weniger Seiten seinen Leser zu fesseln und durch die Geschichte zu tragen. Man kann das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen.

    In „Die Therapie“ verfolgen wir Dr. Viktor Larenz. Der Psychiater ist nach dem spurlosen Verschwinden seiner Tochter ein gebrochener Mann und möchte die Zeit in seinem Ferienhaus nutzen, um ein wenig Frieden und neue Kraft für die Suche nach Josy zu finden. Sein Schicksal und die Trauer sind allgegenwärtig. Ich mochte diesen Charakter unwahrscheinlich gern. Er wurde nicht unangenehm raunzig dargestellt oder hat im Selbstmitleid gebadet, Dr. Larenz möchte einfach nur einen Tag nach dem Anderen überleben. Welchem Elternteil würde es da nicht genauso gehen?
    Während seines Aufenthalts, lernt er Anna Spiegel kennen. Die Frau wirkt nicht nur von der ersten Seite an vollkommen unsympathisch, aufgesetzt und unecht, man hat auch immer das Gefühl, man möchte sie einfach wieder bei der Tür rausschmeißen und hinter ihr absperren! Und trotzdem fordert sie doch eine gewisse Aufmerksamkeit! Ihre Wahnvorstellungen ziehen Dr. Larenz in den Bann, sieht er in ihren Erzählungen doch viele Parallelen zu dem Fall seiner Tochter.

    Sebastian Fitzek liefert uns hier eine großartige düstere Geschichte, die dem Leser an so manchen Stellen die Gänsehaut über den Rücken laufen lässt. Unerwartete Wendungen. Ein mitreißender und spannender Schreibstil. Aber auch die Kopfarbeit des Lesers wird durch versteckte Hinweise immer wieder angefacht. Es bleibt bis zum Schluss viel Spielraum für die eigenen Spekulationen!

    Die Kapitel sind relativ kurz gehalten und enden oft mit einer kryptischen Unklarheit, bei der man einfach nicht aufhören kann. Also alle „Ein Kapitel noch!“-Leser werden hier ganz bestimmt scheitern. Das wurden bei mir jeden Tag mindestens 10!

    Wer bei Büchern auf das richtige Gänsehautfeeling steht, der wird hier auf jeden Fall bedient!