• „Mein Name ist Judith“ | Martin Horvàth

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Martin Horváth
    Verlag:  Penguin Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  362
    ISBN:  978-3-328-60010-7

    Wien in der nahen Zukunft!
    Eines Tages sitzt ein fremdes Mädchen in einem altmodischen Mantel in León Kortners Küche. Wer ist diese Judith Klein? Sie behauptet, dass ihr Vater die Buchhandlung unten im Haus führt – Die Buchhandlung, die die Kleins Ende der 1930er Jahre auf der Flucht vor den Nazis aufgeben mussten …

    Meine Meinung

    Wien, im Jahre 2032. Martin Horváth beschreibt die traumatischen Ereignisse im Leben des Schriftstellers Leòn Kortner. Nachdem dieser bei einem Attentat auf den Wiener Bahnhof seine Frau und Tochter verliert, zieht er sich vollkommen aus seinem bisherigen Alltag zurück. Er beginnt zunehmend zu vereinsamen. Die Wohnung ist still, dennoch befinden sich an allen Ecken die Erinnerungen an seine Familie. Und plötzlich sitzt da ein junges Mädchen in seiner Wohnung: Nicht seine Tochter, aber Judith Klein!
    Leòn braucht nicht lange um zu verstehen, dass Judith nur in seiner Fantasie existiert …

    Martin Hováth ist mit seinem zweiten Roman hochkarätige Literatur gelungen. Der Schreibstil ist flüssig und mitreißend, dennoch lyrisch und poetisch. Auch die Art, wie er die Geschichte an den Leser transportiert ging mir durch Mark und Bein.
    „Mein Name ist Judith“ ist eine Geschichte, die sicher nicht immer leicht zu lesen ist, da sie unweigerlich einen eher bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Auch wenn viele Details aus der Vergangenheit nur bildlich angesprochen werden, bleibt der Schrecken des 2. Weltkrieges auf jeder Seite präsent.

    Leòn Kortner flüchtet sich immer wieder in die Vergangenheit: Zunächst erscheint es, als wäre Judith eine Erscheinung, die aus seinem eigenen Kopf entspringt, da er sich vermehrt mit den Kleins auseinandersetzt. Einer jüdischen Familie mit 3 Kindern, die früher in seiner Wohnung lebten und über Jahrzehnte eine Buchhandlung im Erdgeschoss des Zinshauses geführt haben. Judith ist die jüngste Tochter und bis heute ist ihr Schicksal ungewiss.
    Die Auseinandersetzung mit Gegenwart und Vergangenheit wird vom Autor sehr gelungen erzählt und hat mich definitiv zum Nachdenken gebracht. Drama, Liebesgeschichte und fantastische Elemente ergeben ein rundes Gesamtbild!

    Die schriftstellerische Freiheit ein Bibelzitat, dass uns aus dem Johannesevangelium bekannt ist „Am Anfang war das Wort …“, zu nutzen, um seinen Protagonisten hervorzuheben, finde ich zwar spannend gewählt, in meinen Augen hätte dieses Element aber vom dem Autor noch besser eingesetzt bzw. verflochten werden können. Das Zitat kommt zwar immer wieder durch, den Bezug zu der Geschichte muss man sich aber erst selbst erarbeiten …

    Martin Horvàth lässt seine Leser in diesem Buch neue Wege gehen und animiert uns immer wieder zum Umdenken!

  • „Der Berg“ | Dan Simmons

    Titel im Original:  „The Abominable“
    Autor:  Dan Simmons
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Friedrich Mader
    Verlag:  Heyne Verlag
    Genre:  Historischer Roman
    Seitenzahl:  759
    ISBN:  978-3-453-26896-8

    Wir schreiben das Jahr 1924. Auf der Nordostseite des Mount Everest machen sich die beiden britischen Bergsteiger George Mallory und Andrew Irvine auf den Weg zum Gipfel – und verschwinden spurlos!

    Bis heute weiß man nicht, was damals geschehen ist. Führten die schlechten Wetterbedingungen zum Scheitern der Expedition? Lag es an der mangelhaften Ausrüstung der beiden Bergsteiger? Oder war vielleicht etwas dort oben bei ihnen auf dem Berg?
    Diese Fragen lassen den Bergsteiger Richard Deacon nicht los, und so organisiert er ein Jahr später eine weitere Expedition, um das Schicksal der beiden Verschollenen aufzuklären – und um den höchsten Berg der Welt endlich zu bezwingen.

    Meine Meinung

    Dan Simmons ist ein begnadeter Erzähler und gilt in meinen Augen völlig zurecht als einer der ganz Großen seiner Zunft. Ich lese seine Romane wahnsinnig gern! Er besitzt die Fähigkeit seine Leser mit fließenden und mitreißenden Bildern gefangen zu nehmen.

    Vor allem Kletterer und Alpinisten kennen die historischen Geschehnisse rund um die Erstbesteigung des Mount Everest. „Der Berg“ erzählt die schrecklichen Begebenheiten, die zum Verschwinden der britischen Bergsteiger George Mallory und Andrew Irvine geführt haben. Bei ihrem Versuch Mitte der 1920er Jahre, verschwanden die beiden Männer spurlos! George Mallorys Leiche wurde erst 1999 gefunden, die allerdings keine typischen Absturzverletzungen aufwies, lediglich einen gebrochenen Unterschenkel.
    Mit diesem historischen Hintergrund erschuf Dan Simmons einen fiktiven Roman, der den Leser in die damalige Zeit und in einen rauen Teil der Bergsteigergeschichte eintauchen lässt …

    Wer jedoch einen spannenden Abenteuerroman erwartet, wird hier wohl eher enttäuscht sein!
    Dan Simmons schreibt authentische, detailreiche und vor allem bildgewaltig, konzentriert sich aber vor allem auf seine Charaktere und die beeindruckenden und doch atmosphärischen Natur- und Bergbeschreibungen. Wir lernen den „Alspinstil“ kennen und sind bei den Vorbereitungen der Expedition hautnah dabei. So erhält man einen großen Einblick in die damalige Ausrüstung und die Weiterentwicklung der wichtigsten Gegenstände.

    Gegen Ende des Buches wird die Geschichte dann doch nochmal sehr temporeich und der Roman entwickelte sich zu einer spannenden Spionagegeschichte mit waghalsigen und beklemmenden Kletterpartien, die mir mehr als einmal den Atem geraubt haben.

    Ein toller Roman, der mein Kopfkino ordentlich auf Touren gebracht hat!

  • „Das Labyrinth der Lichter“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original:  „El Laberinto de los Espíritos“
    Autor:  Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag:  Fischer Verlag
    Genre:  Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 4
    Seitenzahl:  939
    ISBN:  978-3-10-002283-7

    Barcelona in den kalten Wintertagen des Jahres 1959.
    Die junge Alicia Gris kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um das überraschende Verschwinden des einflussreichen Ministers Mauricio Valls aufzuklären. In dessen Besitz befand sich ein geheimnisvolles Buch, das Alicia in die Buchhandlung „Sempere & Söhne“ führt, tief ins Herz Barcelonas. Der Zauber dieses Ortes nimmt sie gefangen, und wie durch dichten Nebel steigen Bilder ihrer Kindheit in ihr auf. Doch die Antworten, die Alicia findet öffnen die Tür zu einer finsteren Intrige und bringen all jene in Gefahr, die Alicia am meisten liebt.

    Meine Meinung

    Der aktuellste Roman des spanischen Autoren Carlos Ruiz Zafón stellt den Abschluss seiner Tetralogie um den „Friedhofes der vergessenen Bücher“ dar.

    Wie schon in den Vorgängerbänden spielt auch diese Geschichte wieder vor der Kulisse von Barcelona. Wir befinden uns Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre und die Schrecken der Franco Diktatur sind immer noch spürbar. Lange Rückblicke in diese Zeit des Bürgerkrieges bilden die Metapher über die Zufluchtsorte in der katalanischen Stadt, wie etwa die Buchhandlung der Familie Sempere. Sehr präsent ist auch das soziale Geschehen, das Elend, die Aussichtslosigkeit, aber auch der Zauber der Stadt!

    In „Das Labyrinth der Lichter“ folgen wir der schönen Alicia Gris. Eine unnahbare Amazone, die in Zusammenarbeit mit der Polizei Ermittlungen um das Verschwinden des Politikers Valls führt. Der Minister war zuvor Direktor des berüchtigten „Castille den Montjuich“ und entführte und verkaufte die Kinder der politischen Gefangenen. Unter anderem auch ein Grund, warum die Mafia ihr Interesse an Alicia bekundet.
    Sie erforscht den Verbleib des verbotenen Buches Labyrinth der Lichter“ in Barcelona und wird dabei immer wieder an furchtbare Szenen ihrer eigenen Kindheit erinnert. Schon bald soll ihr klar werden, dass auch Fermín Romero de Torre ein Teil ihrer Vergangenheit ist …

    Der Autor führt hier tatsächlich alle noch offenen Handlungsstränge aus den Vorgängerbänden zusammen. Sehr gekonnt und mit spannenden Wendungen!
    So erfahren wir mehr über David Martin und seine Verbindung zu der Familie Sempere, aber auch Julian Carax bekommt hier wieder seinen Auftritt und wird für den Leser menschlicher und vertrauter.

    Die Handlungen sind wie gewohnt verschachtelt, unerwartet und absolut nicht linear, aber wie immer gut zu verfolgen. Die Dialoge sind auffallend intensiv und spannend gestaltet und Carlos Ruiz Zafón verwendet auch in diesem Buch wieder viel Poesie um seine Geschichte aufzubauen. Man könnte meinen, die Protagonisten sitzen beim Lesen des Buches neben einen …

  • „Der Boxer“ | Szczepan Twardoch

    Titel im Original: „Król“
    Autor: Szczepan Twardoch
    Aus dem Polnischen übersetzt von Olaf Kühl
    Verlag: Rowohlt Berlin
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  457
    ISBN: 978-3-7371-0008-3

    Jakub Shapiro ist ein hoffnungsvoller junger Boxer und überhaupt sehr talentiert. Das erkennt auf der mächtigste Warschauer Unterweltpate Kaplica, der Shapiro zu seinem Vertrauten macht. Doch recht Putschpläne gegen die polnische Regierung bringen das Imperium Kaplicas in Bedrängnis: Er kommt in Haft, als ihm ein politischer Mord angehängt wird. Im Schatten dieser Ereignisse bricht ein regelrechter Krieg der Unterwelt los.

    Meine Meinung

    Spätestens seit seinen Roman „Morphin“ gehört Szczepan Twardoch zu den ganz Großen der polnischen Literaturlandschaft. Im Januar 2018 ist nun sein neuester Roman im Rowohlt Berlin Verlag erschienen. Für mich war „Der Boxer“ das erste Buch des Autors, aber ganz sicher nicht das Letzte …

    Jakub Shapiro ist polnischer Jude und ein Gangster, der in die Hände des Großganoven Jan Kaplica gerät, des selbst ernannten Paten von Warschau. Er führt uns die Warschauer Unterwelt im Jahre 1937, mit all ihren Sünden und kriminellen Genossen. Kaplica wacht über die Stadt wie Al Capone über Chicago. Er kontrolliert die Bordelle, treibt Schutzgelder ein und genießt das Leben in neumodischen Autos und dunklen Bars. Shapiro begleitet ihn dabei!
    Der wahre Erzähler jedoch, ist ein im heutigen Israel lebender Offizier, der seine Erinnerungen an seine Jugendjahre in Warschau niederschreibt. Resümierend stellt er fest, dass der Besuch eines Boxkampfes und der Sieg von Jakub Shapiro über Philister sein Leben grundlegend verändert haben. Was der Junge damals noch nicht weiß:  Der Boxer, der ihm die Eintrittskarte für den Kampf beschafft hat, hat auch seinen Vater im Auftrag Kaplicas auf grausame Weise ermordet …

    Szczepan Twardoch besticht durch eine sehr raffinierte Distanz im Erzählstil, die für mich überzeugend die Plastizität und Vielschichtigkeit der Straßenkämpfe, des Drogenhandels, aber auch der Bestechungen und der brutalen Gewalttätigkeiten hervorhebt. Natürlich wird in diesem Kontext auch die Stellung der Bordelle und ihrer Wertigkeit für die polnische Unterwelt thematisiert. Atmosphärisch beeindruckend und ungeheuer genau recherchiert.
    Man könnte das Buch gut mit aktuellen Serienproduktionen à la „Sopranos“, aber auch mit Filmen der Coen-Brüder oder Quentin Tarantino vergleichen.

    Die Gewaltschilderungen und das Gemetzel im Namen des Paten, sind in ihrer Ausführlichkeit nicht nur brutal (wenn auch überwiegend), man findet hier auch sehr feine subtile Schilderungen, die die Fantasie des Lesers ankurbeln. Bei Szczepan Twardoch zählt die Gewalt als literarische Notwendigkeit, denn das Buch steuert unaufhaltsam auf die nahenden Judenmorde zu, wo die Menschlichkeit vollkommen versagt.

    Man bekommt einen guten Einblick in die jüdische Subkultur der 30er Jahre, die klar aufgezeigt, dass auch vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht nicht mehr alles gut war. Der damalige Antisemitismus war auch in Polen ein Thema … auch wenn man heute nichts mehr davon wissen will! Das macht das Buch für mich selbst im Jahre 2019 noch brandaktuell!

  • „Vom Ende eines langen Sommers“ | Beate Teresa Hanika

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Beate Teresa Hanika
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  317
    ISBN:  978-3-442-75707-7

    Marielle lebt als Bildhauerin in Amsterdam. An einer der ersten warmen Frühlingstage kehrt die 40jährige mit einem riesigen Strauß roter und blassrosa Tulpen vom Bloemenmarkt zurück und findet vor ihrer Wohnungstür ein Paket. Altmodisch verschnürt und geheimnisvoll. Der Inhalt: Tagebücher ihrer vor kurzem verstorbenen Mutter Franke. Ein Leben lang fühlte Marielle sich von ihr unverstanden. Immer war ihr diese stolze, kühne Frau fremd geblieben. Nun beginnt sie zu lesen. Von jenem langen Sommer 1944, den Franka auf einem Landgut in der Toskana verbracht hatte …

    Meine Meinung

    Als Marielle von einem morgendlichen Spaziergang über den Markt nach Hause kommt, findet sie ein Paket vor ihrer Wohnungstür. Darin befinden sich die Tagebücher ihrer Mutter! Während sie die Notizen liest, reist sie mit der 17-jährigen Franka in die Toskana, zurück in den Sommer 1944 … und erinnert sie sich gleichzeitig an den letzten Sommer mit ihrer Mutter an eben diesem Ort. Sie erinnert sich an die Distanz und die Kälte, die ihr diese Frau entgegen brachte. Und während sie liest, erfährt sie auch die Gründe für dieses Verhalten …

    Mit „Vom Ende eines langen Sommers“ hat Beate Teresa Hanika ein eindrucksvolles und für mich sehr berührendes Buch geschrieben, dass trotz der schweren Thematik und den ernsten Themen mit einer leichten und mitreißenden Erzählstimme besticht! Schon nach den ersten Worten wird klar, dass es sich hier um einen ganz besonderen Roman handeln würde. Es waren die kleinen, leisen Zwischentöne, die mich sofort gefangen nahmen …
    Wir verfolgen die steinige Beziehung zwischen Mutter und Tochter und erfahren, wie Erlebnisse aus der Vergangenheit die Zukunft eines jeden Menschen beeinflussen. Sicherlich kein neues Thema und auch keine neue Art der Darstellung, aber von der Autorin sehr gut umgesetzt. Ich kam unheimlich schnell durch die Seiten und der Spannungsbogen war für mich oft zum Zerreißen gespannt!

    Während des Lesens wechseln wir immer wieder zischen drei Zeitebenen, die in gleichmäßiger Reihenfolge wieder kehren. Die Perspektiven sind ausgewogen, die Kapitel kurz gehalten und der Schreibstil sehr flüssig.
    Beate Teresa Hanika hat ihre Protagonisten wunderbar zum Leben erweckt und glaubwürdig charakterisiert. Man konnte deren Entwicklungen sehr gut und einfach nachvollziehen und oft scheint es, als weisen die Geschehnisse der beiden Frauen Parallelen auf. Obwohl Franka eine sehr kontrollierte und kantige Persönlichkeit ist, berührt einen ihr Schicksal dennoch. Man erfährt, was sie zu dieser unnahbaren und verschlossenen Person werden ließ und warum sie Marielle immer aus ihrem Herzen fernhielt. Dabei spielt der zweite Weltkrieg eine nicht zu unterschätzende Rolle. Und natürlich hatte dieses Verhalten auch starke Folgen für die junge Marielle!

    Auch bildlich ist das Buch gewaltig: Man bekommt hier wunderschöne Landschaften näher gebracht, der Geruch des Oregano steigt einem in die Nase und man hört förmlich die Bandung des Meeres gegen die Felsen schlagen. Ich wollte mehr als einmal beim Lesen durch die Olivengärten spazieren. Die Toskana baut eine ganz eigene Atmosphäre auf!

    Das Buch regt nicht nur zum Nachdenken über die letzten Male an, sondern auch über die Beziehungen die man vielleicht ein bisschen mehr pflegen sollte …
    Ich kann es absolut empfehlen!

  • „Die schwarze Frau“ | Simone St. James

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Titel im Original:  „The broken Girls“
    Autor:  Simone St. James
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anne Fröhlich
    Verlag:  Goldman Verlag
    Genre:  Horror
    Seitenzahl:  443
    ISBN:  978-3-442-48822-3

    Vermont 1950. In dem abgeschiedenen Mädcheninternat  Idlewild Hall erzählen sich die Schülerinnen Schauergeschichten von der „schwarzen Mary“. Doch als eines Nachts eine von ihnen unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, wird der Schrecken sehr real.

    2014 ist das Internat eine Ruine, aber die Journalistin Fiona Sheridan kann nicht von Idlewild Hall lassen: Hier wurde vor 20 Jahren ihre Schwester ermordet. Als man bei Renovierungsarbeiten eine weitere Mädchenleiche findet, beginnt Fiona zu recherchieren und rührt dabei an einem dunklen Geheimnis.

    Meine Meinung

    Die kanadische Autorin Simone St. James erzählt uns in ihrem Buch „Die schwarze Frau“ die Geschichte von vier jungen Mädchen, die das obskure Internat „Idlewild Hall“ besuchen. In dem es definitiv nicht mit rechten Dingen zugeht!

    Die Journalistin Fiona Sheridan kommt nicht über den Tod ihrer geliebten Schwester hinweg. Immer wieder zieht es sie zum Fundort der Leiche – einem verfallenen Mädcheninternat – zurück. Viele Legenden kursieren um das düstere Gebäude und auch Fiona bleibt nicht von der Erscheinung einer schwarzgekleideten verschleierten Frau verschont.
    Während die alten Gemäuer von einer geheimnisvollen Investorin saniert werden, finden Arbeiter eine weitere Leiche:  die einer jungen Französin, die 1947 als Kriegsflüchtling nach Amerika ausreisen konnte. Genau dieser Fall lässt Fiona weiter über die Geschichte des Internats nachforschen, bis sie düsteren Geheimnissen auf die Spur kommt … und auch die Hintergründe zum Tod ihrer eigenen Schwester rücken näher!

    Simone St. James hat einen tollen flüssigen und für mich absolut fesselndem Schreibstil. Die Geschichte konnte mich mit ihrer düsteren Atmosphäre und dem subtilen Horror von der ersten Seite weg einfangen. Sie bringt die Emotionen der Charaktere glaubhaft zum Ausdruck und ich konnte hier immer wieder miträtseln, mitfiebern und mich auch sehr oft gruseln. Stück für Stück werden Geheimnisse aufgedeckt und man bekommt als Leser sehr viel Spielraum, sich eigene Gedanken über die Vergangenheit der Mädchen zu machen.

    Der Roman transportiert unglaublich viel nostalgische Melancholie. Die Geschichte führt uns immer wieder zurück in die 50er Jahre, als es in der Gesellschaft noch Gang und Gebe war, sich von „unliebsamen“ Familienmitgliedern zu befreien. Allein um den guten Ruf der Familie zu wahren! Dabei ist es gar nicht wichtig, was sie „verbrochen“ haben, es reicht schon, wenn sie für die Öffentlichkeit zu weit in die Aufmerksamkeit rücken …

    Erst Nach und Nach enthüllt „Idlewild Hall“ sein Geheimnis! Das Zusammenspiel der Charaktere und das Ende, das letztendlich Alle miteinander vereint ist großartig! Die Protagonisten verraten dem Leser nie so viel, dass man sofort auf die Lösung schließen kann …

  • „Unter der Haut“ | Gunnar Kaiser

    Autor: Gunnar Kaiser
    Verlag: Berlin Verlag
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  517
    ISBN: 978-3-8270-1375-0

    Die atemberaubende Geschichte eines bibliophilen Mörders!

    Mit einer so bedrohlichen wie verführerischen Atmosphäre beschwört dieser Roman vieles zugleich: die helle und die dunkle Welt der Bücher, den Sommer 1969 im pulsierenden New York sowie eine unheilvolle Freundschaft deren Hintergründe von Berlin der 30er Jahre bis in die Zeit des Mauerfalls führen.

    Meine Meinung

    Mit „Unter der Haut“ bekommen wir ein Erstlingswerk der Extraklasse und ein großartiges Plädoyer an die Literatur und die Bücher!

    New York im Sommer 1969: Der Literaturstudent Jonathan Rosen macht die Bekanntschaft des bibliophilen, aber doch in die Jahre gekommenen, Dandys Josef Eisenstein. Durch den geheimnisvollen älteren Mann lernt der unerfahrene Junge nicht nur die Welt der Kunst und des Geistes, sondern auch die Macht der Verführung kennen und erlebt in den gemeinsamen Monaten sein Coming of Age. Zu ersten sexuellen Erlebnissen kommt es in Eisensteins Atelier, wo Jonathan mit einer jungen Frau schläft, die von den beiden Männern in einem Diner angesprochen wurde. In den folgenden Wochen machen sie sich in der brütenden Hitze New Yorks auf die Suche nach neuen „Opfern“. Eisenstein, der selber niemals eine Frau berührt, lehrt seinem Schützling die Kunst der Verführung! Mit der Zeit wächst in Jonathan jedoch der Verdacht, dass über seinem Mentor ein dunkles Geheimnis schwebt. Diese Ahnung wird erst Jahrzehnte später zur Gewissheit, als er in Israel von der ehemaligen FBI-Agentin Sally Goldman aufgesucht wird, die schon seit langem hinter dem „Skinner“, einem legendären Serienmörder, her ist!

    Die Geschichte hat mich von der ersten Seite an gefesselt und bis zur Letzten nicht mehr losgelassen. Der Roman ließ sich schnell und durchgehend spannungsgeladen lesen, wobei gerade die unterschwellige Spannung toll in die Geschichte verflochten ist. Gunnar Kaiser hat einen ganz besonderen Schreibstil mit Wiedererkennungswert, der die ohnehin tolle Geschichte noch zusätzlich unterstützt. Perfekt konstruierte Charaktere, Rückblenden und Perspektivwechsel, alles in allem ein Roman, der durch sein hohes literarisches Niveau aus der Masse an Büchern deutlich herausragt.

    Auch am handwerklichen Prozess gibt es an diesem Roman wirklich nichts zu meckern. Der Plot ist in drei Handlungsstränge aufgeteilt: Zum einen bekommen wir einen Rückblick aus Jonathans Sicht 1969. Zwischendurch wechseln wir immer wieder in die Autobiografie des vermeintlichen Serienmörders und zum guten Schluss erfahren wir den Ausgang der Geschichte aus Jonathans heutiger Gegenwart in Israel. In allen Handlungssträngen wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, nur der Killer schreibt von sich in der dritten Person. Ein tolles Stilmittel, das uns den Charakter Josef Eisenstein in seiner andersartigen Düsternis deutlich näher bringt, aber auch die Atmosphäre des Buches stark beeinflusst.

    Der Inhalt mag an Patrick Süskinds „Das Parfum“ erinnern, jedoch liegt hier die Obsession des Mörders nicht so stark im Mittelpunkt. Sie blitzt zwar immer wieder im Hintergrund auf, aber die Lebensgeschichte und „Freundschaft“ der beiden Männer steht dem deutlich vor.

    Gunnar Kaiser weiß mit handwerklichen „Abweichungen“ zu überraschen. Bei einer Szene wechselt er einfach mal locker-flockig die Zeit, um diese hervorzuheben. Etwas später ändert er mitten im Absatz nicht nur die Zeit, sondern auch die Perspektive von der dritten Person zur Ich-Erzählung und genau diesen Wechsel finden wir auch mitten innerhalb eines Dialogs wieder! Grandiose zu lesen! Überraschend und hat mich im Lesefluss deutlich aufgeweckt!

    „Unter der Haut“ ist ein besonders intensives und mitreißendes Buch, das ihr euch auf jeden Fall ansehen solltet!

  • „Der Fürst des Parnass“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „El Príncipe de Parnaso“
    Autor:
      Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag:
      Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 3.5
    Seitenzahl: 83
    ISBN: 978-3-596-19882-5

    Carlos Ruiz Zafón schrieb sich mit seinen großen Romanen in die Herzen der Leser rund um den Globus. Überall tauchten die Menschen ein in die betörende Atmosphäre Barcelonas – Mittelpunkt seiner Welt.

    In „Der Fürst des Parnass“ erzählt er davon, wie diese unnachahmliche Welt ihren Anfang nimmt. Eine unwiderstehliche Welt ihren Anfang nimmt. Eine unwiderstehliche Geschichte von Ehrgeiz und Scheitern, von Wahnsinn und unsterblicher Liebe, eine Hommage an eine verwunschene Stadt am Meer und an die universelle Magie der Bücher.

    Meine Meinung

    „Der Fürst von Parnass“ ist ein kleiner Zusatzband zu der Reihe um Daniel Sempere und dem Friedhof der vergessenen Bücher. Wie im Vorwort beschrieben, möchte sich der Autor mit dieser Kurzgeschichte bei seinen Lesern für ihre Treue bedanken.

    Es handelt sich hier um eine Erzählung über den großen spanischen Schriftsteller Miguel de Cervantes Saavedra, gleichzeitig ist das Buch aber auch ein wichtiger Schlüssel zum „Friedhof der vergessenen Bücher“ und zu guter Letzt eine Lektion hinsichtlich der Versuchung Eitelkeit.

    Carlos Ruiz Zafón nutzt seine Fantasie, um Lücken im Lebenslauf von Miguel de Cervantes Saavedra, dem späteren Autor des Don Quijote, zu schließen. Er integriert diese Figur in sein Barcelona und verarbeitet literarisch die Tatsache, dass Cervantes Saavedra erst in späteren Jahren seines Lebens Erfolg hatte. Und natürlich bekommt auch ein geheimnisvoller Verleger mit Engelsbrosche auf dem Revers wieder seinen Auftritt.
    Manche Geheimnisse werden gelüftet, andere Rätsel bleiben aber weiterhin im Nebel verborgen. Die Erzählungen bewegen sich auf verschiedenen Ebenen und lassen viel Spielraum für eigene Interpretationen.

    Zafòn versteht es meisterlich, Atmosphäre und Spannung zu erzeugen. Phantasievoll und doch im Bereich des Möglichen, mit bildreichen Beschreibungen und einer für den Autor unverkennbaren Wortvielfalt und Harmonie. Auch der dürftige Umfang ändert nichts an der Qualität des Inhalts!

    Selbst in der Kürze dieser Geschichte beweist Carlos Ruiz Zafón, dass er schreiben kann und nicht viele Seiten braucht um seine Leser zum Nachdenken anzuregen!

  • „Der Gefangene des Himmels“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „El Prisionero del Cielo“
    Autor: Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 3
    Seitenzahl: 403
    ISBN: 978-3-10-095402-2

    Barcelona, 1957.
    Ein Fremder betritt die Buchhandlung „Sempere & Söhne“. Er ersteht das teuerste Buch im Laden eine Ausgabe des „Grafen von Monte Christo“, und widmet sie Fermín, über den er mehr zu wissen scheint, als gut ist.

    Für Fermín und Daniel Sempere ist es der Auftakt einer dramatischen Geschichte von Verfolgung und Heimsuchung, die sie an schmerzliche Punkte der Vergangenheit führen und ihr ganzes Glück bedrohen wird. Fermín muss sich seiner dunkelsten Zeit stellen und ein anderer werden, um schließlich ganz er selbst zu sein.

    Meine Meinung

    Schon in „Der Schatten des Windes“ und dem Folgeband „Das Spiel des Engels“ bekommen wir immer wieder kleine Einblicke über Fermín Romero de Torres. Nachdem ihn der junge Daniel Sempere von der Straße geholt und ihm eine Anstellung in der Buchhandlung seiner Familie gegeben hat, wird er zu seinem engsten Freund und Vertrauten. Im dritten Band erfahren wir nun Genaueres über Fermíns Vergangenheit. Über die Jahre der Gefangenschaft in dem berüchtigtem Castille den Montjuich, aber auch wie seine Taten ihn schon als jungen Mann unumgänglich mit der Familie Sempere verbunden haben.

    Wie schon seine Vorgänger baut auch „Der Gefangene des Himmels“ in sehr geringem Maße auf einem magischen Grundbaustein auf. Natürlich muss man das mögen. Ich bin normalerweise auch eher skeptisch, wenn fantastische Elemente in einen belletristischen Roman eingearbeitet werden, aber hier fand ich es wieder hervorragend umgesetzt.
    Carlos Ruiz Zafón besticht mit seiner wunderbaren poetischen und bildlichen Sprache und der dichten Atmosphäre in diesem Buch. Er schildert mitreißend von den mächtigen politischen Ungeheuern, die damals in Francos unbarmherziger Regierung herrschten und zieht geschickt die Fäden zwischen der Buchhandlung der Familie Sempere und dem Friedhof der vergessenen Bücher.

    Auch Fermins philosophische Kommentare sind immer wieder eine Freude zu lesen!

    Natürlich haben auch Liebe, Drama und Leid in diesem Buch seinen Platz, werden aber so harmonisch in der Geschichte eingearbeitet, dass sie nie zu viel oder übertrieben wirken. Wir erfahren viele erschütternde Details über den Tod von Isabella Sempere, Daniels Mutter. Doch alle Antworten werfen neue Fragen auf und ihr Sohn steht letztendlich vor einer schweren Entscheidung.

    Carlos Ruiz Zafón stellt mit diesem Buch ganz gekonnt eine Verbindung zu den beiden Vorgängern her und schafft sowohl in den Szenen als auch bei den Charakteren eine sehr besondere Vertrautheit. Spätestens jetzt versinkt man als Leser in die damalige Zeit und lernt Barcelona mit seinem düsteren, morbiden und tiefgründigen Charme zu lieben. Die Charaktere wirken reifer und ausdrucksstärker.
    Auch die gesellschaftskritischen Dimensionen stechen hier viel stärker heraus!