• „Der Schatten des Windes“ | Carlos Ruiz Zafón

    Titel im Original: „La sombra del viento“
    Autor: Carlos Ruiz Zafón
    Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar
    Verlag: Fischer Verlag
    Genre: Roman
    Der Friedhof der vergessenen Bücher, Band 1
    Seitenzahl:  527
    ISBN: 978-3-458-17170-3

    Daniel Semperes Leben im grauen Barcelona der Nachkriegszeit erfährt eine drastische Wende, als er die Schicksalsbahn eines geheimnisvollen Buches kreuzt. Er gerät in ein Labyrinth abenteuerlich verknüpfter Lebensläufe, und es ist, als wiederholen sich vergangene Geschichten in seinem eigenen Leben. Die Menschen, denen er bei seiner Suche nach dem verschollenen Autor begegnet, die Frauen, in die er sich verliebt – sie alle scheinen Figuren in einem großen Spiel, dessen Fäden erst ganz am Schluss sichtbar werden.

    Meine Meinung

    Über „Der Schatten des Windes“, haben schon tausende von Lesern geschrieben und gesprochen. Die meisten begeistert, verzaubert und hoffnungslos gefangen im Barcelona der damaligen Zeit. Und auch für mich ist dieses Buch etwas ganz Besonderes!

    Wir verfolgen den junge Daniel Sempere, der aus einer alteingesessenen und gutangesehenen Buchhändlerfamilie stammt. Er wird von seinem Vater zu einer verborgenen Bibliothek, dem „Friedhof der vergessenen Bücher“ geführt, wo er sich ein Buch heraussuchen darf. Eines, das ihm bester Freund und treuer Begleiter sein soll. Daniel wählt den Roman „Der Schatten des Windes“ des unbekannten Autors Julián Carax. Total gebannt und fasziniert von der Geschichte, möchte er mehr über den Schriftsteller in Erfahrung bringen und gerät in einen Strudel aus Geheimnissen und Gewalt des Barcelonas der frühen 1920er Jahre.

    Wie man sich vielleicht denken kann, ist die Liebe zur Literatur ein wichtiges Grundthema dieses Buches, das mich als Leserin natürlich sofort angesprochen hat. Hat man die ersten Seiten hinter sich gelassen, kann man sich der grandiosen Geschichte nur noch schwer entziehen. Carlos Ruiz Zafón hat einen wunderbaren Sinn für Sprache und Ausdruck, den man aus tausenden anderen Büchern wiedererkennen würde. Der Schreibstil ist klar, lebendig und bildgewaltig. Wir bekommen hier viele unerwarteten Wendungen und unterschwellige Bedrohungen, die die Emotionen aufkochen lassen.

    Die Charaktere sind sehr gut gezeichnet und jeder hat seine Ecken und Kanten. So neigt der junge Daniel dazu, sich in aussichtslose Liebelein zu stürzen, sein Vater hängt immer wieder seiner Vergangenheit und seinen Ängsten nach, aber mein absoluter Lieblingscharakter ist Fermín Romero de Torres. Ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter, der auf der Straße lebt und überraschend gebildet und eloquent ist. Sein Potential wird von Daniel entdeckt, wodurch er von dessen Vater in der Buchhandlung beschäftigt wird, um seltene Bücher aufzuspüren. Er wird Daniels bester Freund und hilft ihm bei seinen Nachforschungen zu Julián Carax. Ich habe selten einen so nervig-verworrenen, aber doch sympathischen und liebenswürdigen Charakter gelesen!

    Wer in die Welt der Schriftstellerei abtauchen und sich von einer spannenden Geschichte durch das Barcelona um 1920 entführen lassen will, ist hier goldrichtig.

  • „Rendezvous im Café de Flore“ | Caroline Bernard

    Autor: Caroline Bernard
    Verlag: Aufbau Verlag
    Genre: Zeitgeschichtlicher Roman
    Seitenzahl:  424
    ISBN: 978-3-7466-3271-1

    Paris, 1928: Vianne träumt davon, Botanikerin zu werden – im renommierten Jardin des Plantes. Als sie sich in den aufstrebenden Maler David verliebt und mit ihm in das schillernde Bohéme-Leben der französischen Avantgarde eintaucht, scheint ihr Glück perfekt. Doch dann nimmt ihr Leben eine tragische Wendung …

    Jahrzehnte später steht Marlène im Musée d`Orsay vor dem Bild einer Frau, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht. Fasziniert von der Ausstrahlung der Fremden, begibt sich Marlène auf die Suche, bei der sie nach und nach ihr Leben verändern wird.

    Meine Meinung

    Nachdem ich im Juni „Die Muse von Wien“ gelesen habe, wollte ich nun auch das Erstlingswerk von Caroline Bernard „Rendezvous im Café de Flore“ entdecken. Es handelt sich hier um eine Geschichte auf zwei Zeitebenen. Eine Erzählform, die ich zwar nur sehr selten lese, die mir hier aber sehr gut gefallen hat.

    Lili Marlène Roussel wird von ihrem Mann zum 15. Hochzeitstag mit einer Reise nach Paris überrascht. Sie liebt diese Stadt, seit sie während ihres Studiums dort die schöne Zeit ihres Lebens verbracht hat. Doch ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag kommt es zu einem Streit und Marlène geht allein ins Museum. Plötzlich steht sie vor dem Gemälde „Nach dem Ball“ des Malers David Marlowe Scott und ist geschockt:  Die junge Frau auf dem Bild könnte sie selbst sein!
    Der Gedanke lässt sie nicht mehr los und sie beginnt näheres über das Model in Erfahrung zu bringen. In dem Auktionator Etienne Viardot findet sie nicht nur starke Unterstützung, er gibt ihr auch die Schmetterlinge zurück, die sie schon so lange in ihrer Ehe vermisst.
    Im Geburtenregister entdecken sie einen Namen:  Vianne Renard. Wer ist diese Frau? Und gibt es eine Verbindung zu Marlène?

    Wie bereits erwähnt spielt die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Einerseits in der Zeit von 1926 bis 1945, andererseits in der Jetzt-Zeit und erzählt uns die Geschichten von zwei sehr starken Frauen.
    Sowohl die mutige Vianne, als auch Marlène schließt man als Leser rasch ins Herz. Die Handlungen und Entscheidungen der Protagonistinnen sind nachvollziehbar erklärt und stimmig, wobei die Erzählung um Vianne  den Schwerpunkt der Geschichte bildet.

    „Rendezvous im Café de Flore“ gibt einen guten Einblick in das vergangene Paris der Künstler und auch der Frauen, die ihren Platz im männerdominierten Bereich der Forschung, wie in Vianns Fall der Botanik, suchen. Aber auch das Leben in Frankreich während des Regimes der Nationalsozialisten und das Eingreifen der Resistance nehmen hier einen großen Platz ein.

    Schon in ihrem Erstlingswerk lässt Caroline Bernard ihr schriftstellerisches Können erkennen. Der Schreibstil ist wunderbar flüssig und mitreißend. Die Umgebung wird so detailliert beschreiben, dass der Leser fast blind durch die Gassen und Boulevards streifen könnte.
    Dennoch kann man eine deutliche Steigerung zwischen ihren beiden Büchern erkennen. Die Geschichte hat noch nicht die nötige Tiefe und gerade bei den Dialogen zwischen Lili Marlène und ihrem Mann fehlt es noch etwas an Raffinesse.

    „Rendezvous im Café de Flore“ bringt euch den Zauber von Paris in eure Herzen!

  • „Die Geisha“ | Arthur Golden

    Titel im Original:  „Memoirs of a Geisha“
    Autor:  Arthur Golden
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gisela Stege
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman  |  Roman
    Seitenzahl:  573
    ISBN:  978-3-442-73522-8

    Zu Beginn der 30er Jahre: Die 9jährige Chiyo lebt mit ihrer bettelarmen Familie in einem kleinen Fischerdörfchen. Als ihre Mutter im Sterben liegt, verkauft der Vater sie und ihre Schwester in das Vergnügungsviertel Gion der alten Kaiserstadt Kyoto.
    Bei ihrer Ankunft in Kyoto werden die beiden Mädchen getrennt. Chiyo kommt in eine Okiya, ein Geisha-Haus, die Spur ihrer Schwester verliert sich. Star der Okiya ist Hatsumomo, eine faszinierend schöne, aber unglaublich launische Geisha, die bei den Herren in Gion sehr beliebt ist und daher für die Okiya viel Geld einbringt.

    Anderthalb Jahre wird Chiyo von Hatsumomo gedemütigt. Doch als sie erkennt, dass ihr altes Leben unwiderruflich vorbei ist, fügt sie sich in ihre Schicksal. Von da an ist ihr Aufstieg zur begeisterten Geisha ganz Kyotos nicht mehr aufzuhalten. Doch dann lernt sie einen Mann kennen, in den sie sich unsterbliche verliebt.

    Meine Meinung

    Arthur Golden hat sich mit „Die Geisha“ von der ersten Zeile an in mein Herz geschrieben.
    Dieser Roman ist eines der meistgelesenen Bücher in meinem Regal und wird vermutlich auch in Zukunft noch öfters  zur Hand genommen werden.

    Wir begleiten die Japanerin Chiyo durch ihr bewegendes Leben. Zu Beginn noch als 9jähriges Mädchen, mit einfachen Wünschen und Hoffnungen, aber einem starken Blick auf die Welt. Wir bekommen einen ersten Einblick auf die japanische Kultur, über das Japan der und 30er Jahre und natürlich auch über den Kriegseinbruch in Japan. Chiyo wächst vom unbescholtenen Kind zum gedemütigten Dienstmädchen heran, das mit ihren Wiederständen regelmäßig gegen Wände läuft. Dank einer schicksalshaften Begegnung weiß sie sehr bald, was sie von ihrem Leben möchte: Eine Geisha sein!
    Von diesem Zeitpunkt an, verfolgen wir ihre Ausbildung. Sie nimmt den Namen „Sayuri“ an und wird im Laufe der Jahre in ganz Kyoto und über dessen Grenzen hinaus bekannt. Diese Zeit ist gespickt von Disziplin und Leidenschaft, aber auch Intrigen und Hass schlagen „Sayuri“ entgegen.

    Arthur Golden hat einen sehr bildlichen und ausschweifenden Schreibstil, mit auffallend guten Dialogen. Die Geschichte wird eher ruhig erzählt und vermittelt einen unglaublich realistischen Einblick in eine Kultur, die sich doch rigoros zur Westlichen unterscheidet. Auch die Belagerung Japans durch die Amerikaner wurde sehr ergreifend thematisiert, sowie der Wiederaufbau nach Kriegsende.
    Arthur Golden verliert nicht eine Sekunde den Bezug zu seinen Protagonisten. Sie liefern niemals ein völlig schillerndes oder gänzlich dunkles Bild, sondern die gesamte Vielfalt der menschlichen Natur.

    Die vielen eingestreuten Informationen wirken außergewöhnlich real, man sollte aber immer im Auge behalten, das es sich bei „Die Geisha“ um einen Roman und keine Biographie handelt.
    Viele Begebenheiten entstammen sicher der Realität, aber „Sayuri“ ist eine erfundene Person.

  • „Die Königin der Orchard Street“ | Susan Jane Gilmann

    Titel im Original:  „The Ice Cream Queen of Orchard Street“
    Autor: Susan Jane Gilman
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eike Schönfeld
    Verlag: Insel Verlag
    Genre: Zeitgeschichtlicher Roman
    Seitenzahl: 550
    ISBN: 978-3-458-17625-1

    New York, 1913. In den dicht gedrängten Straßen von Lower East Side, wo Armut herrscht und der Hunger erfinderisch macht, gelingt es der kleinen Malka, dem Schicksal dank ihrer Raffinesse und einer gehörigen Portion Chuzpe immer wieder ein Schnippchen zu schlagen. Bis sie es schließlich ganz nach oben schafft – zur „Eiskönigin von Amerika“!

    Meine Meinung

    In „Die Königin der Orchard Street“ begleiten wir die 5-jährige Malka Bialystoker durch ihr Leben.
    Susan Jane Gilman hat einen großartigen biographischen Roman geschrieben, der nicht nur die Flüchtlingspräsenz der 1910er Jahre offen darlegt, sondern auch die Not und den Einfallsreichtum der Menschen in der damaligen Zeit.

    Als Tochter einer russischen Flüchtlingsfamilie mit jüdischen Wurzeln begleiten wir Malka während der Überfahrt nach Amerika. Eigentlich wollte die Familie über Hamburg nach Südafrika einschiffen, wo Verwandte sie erwartet und unterstützt hätten, doch wie es so oft im Leben passiert, kommt alles anders. Sie stranden im Land der Träume, wo man vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann. Oder auch nicht!
    In den Straßen von New York lernt Malka schnell sich durchzuschlagen, bis ein tragischer Unfall ihr ganzes Leben zu zerreißen droht. Sie wird von italienischen Einwanderern aufgenommen und großgezogen. Von nun an ist sie als Behinderte gebrandmarkt und auf die unwirsch erteilte Mildtätigkeit von fremden Leuten angewiesen. Ständig ausgegrenzt und ausgenutzt, aber auch emotional im festen Griff gehalten. Rein aus pragmatischen Gründen konvertiert sie zum katholischen Glauben und nimmt den Namen Lillian Maria Dinello an.

    Als Lillian mit viel Hinterlist, Einfallsreichtum und hervorragenden Ideen ein Geschäftsimperium aufbaut, hat sie sich alle ihre Träume erfüllt. Jetzt bekommt sie die lang ersehnte Anerkennung! Aber ist das genug um glücklich zu sein?

    Selten habe ich in einem Buch eine so vielschichtige und echte Figur, wie unsere Protagonistin bekommen. Mit allen Ecken und Kanten. Sie wurde bewundert, bemitleidet, geliebt, aber auch genauso gehasst.

    Susan Jane Gilman hat einen sehr geraden und leichten Schreibstil, der den Leser gut in die Geschichte rutschen lässt. Jedoch die ausdrucksstarken Worte, mit denen die Geschichte erzählt wird, finde ich großartig. Die Autorin nimmt definitiv kein Blatt vor den Mund. Eine Spannende Szene folgt der Nächsten und als Leser kann man oft nicht glauben, was Lillian und ihr Mann Bert im Laufe ihres bewegenden Lebens alles erlebt haben.
    Die Autorin bietet viele historische Details, auch wenn Lillian eine fiktive Person ist. Sie integriert die Geschichte der Eisherstellung in den biographischen Werdegang unserer Protagonisten und spannt einen tollen Bogen von den 1913er Jahren bis in die 1980er.

    Lillian ist eine Meisterin der jüdischen Sprache. So finden wir hier viele „mesuggeneh“ Menschen und auch die kleine Malka macht ja immer nur „Tsuris“. Dieses Stilmittel zieht sich durchs ganze Buch und lockert die Texte wunderbar auf. Eine super Idee!

    Eine Bewegende Geschichte! Ein bewegendes Leben! Ein tolles Buch!

  • „Schachnovelle“ | Stefan Zweig

    Autor: Stefan Zweig
    Verlag: Anaconda
    Genre: Zeitgeschichtlicher Roman  |  2. Weltkrieg
    Seitenzahl:   128
    ISBN: 978-3-86647-897-8

    Für den kultivierten Großmeister Dr. B. ist das Schachspiel mehr als eine geistige Beschäftigung: Es wurde ihm einst zum Überlebensmittel, denn in der zermürbenden Einsamkeit seiner Gestapohaft hatte er aus dem strengen Regelwerk des Schachs seine Widerstandskraft gezogen. Nun trifft er auf den Weltmeister Czentovic, einen stumpfen Charakter, der mit mechanischer Präzision vorgeht. Zwei Spielhaltungen prallen aufeinander und mit ihnen zwei Lebenswelten.

    Die „Schachnovelle“ ist das eindrucksvolle Vermächtnis des schließlich selbst am Leben verzweifelten Stefan Zweig.

    Meine Meinung

    Was wäre denn eine Bibliothek ohne die alten österreichischen Klassiker?
    Stefan Zweig  war mir zwar in der Jugend nicht gerade der Liebste, aber jetzt im „Alter“ weiß ich den guten Mann doch zu schätzen. Für mich gehört die „Schachnovelle“ sicher nicht zu den spannendsten Kurzromanen, aber doch zu denen, die am längsten in einem nacharbeiten und dem Leser noch sehr lange präsent bleiben.

    Während des gesamten Buches befinden wir uns auf einem großen Personendampfer, begleiten die Passagiere auf ihrer Überfahrt von New York nach Buenos Aires und werden dabei Zeugen einer ungewöhnlichen Schachpartie. Der Schachweltmeister Mirko Czentovic wird von einem ehrgeizigen Geschäftsmann namens McConnor zu einer Partie herausgefordert. Dieser wittert das Preisgeld und willigt ein, in der Revange sogar gegen mehrere Passagiere gleichzeitig antreten. Doch auch dieses Unterfangen scheint zu scheitern, bis sich der unbekannte Dr. B. ins Geschehen einmischt und die Partie noch in ein Unentschieden retten kann.
    Der Erzähler und Dr. B. begegnen sich am folgenden Tag wieder und es kommt zu einem langen Gespräch, in dessen Verlauf Dr. B. berichtet, was ihn zu einem so guten Schachspieler werden ließ.

    Die „Schachnovelle“ vermittelt die gesammelten Aufzeichnungen eines Lebens, das durch die Gestapo völlig zerstört wurde. Der Leser bekommt einen sehr guten Einblick in die Foltermethoden der Nationalsozialisten. Die Schilderungen fühlen sich beim Lesen so real an, als würde man selbst daneben stehen. In beeindruckenden Bildern, erzählt Stefan Zweig von dem geistigen Tod durch die Isolationshaft, durch fehlende Anregungen. Aber auch davon wie das rettende Seil zum Strick um den Hals werden kann.

    Meiner Meinung nach weist dieser Kurzroman einige autobiographische Züge von Stefan Zweig auf. Der österreichische Autor sah sich durch seine Emigration nach Brasilien, wo dieser Roman auch entstand, als ein Gefangener in einem scheinbar goldenen Käfig. Die Umgebung war natürlich eine Wertvollere, aber im Inneren fühlte sich Stefan Zweig wahrscheinlich ebenso verloren wie Dr. B.
    Er war der Heimat und der Freunde beraubt und auch der Glaube an die Kunst und die Menschheit sind ihm durch die Kriegsgeschehnisse verloren gegangen.

  • „Der Trafikant“ | Robert Seethaler

    Autor: Robert Seethaler
    Verlag:  Kein & Aber
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman  |  2. Weltkrieg
    Seitenzahl:   250
    ISBN:  978-3-0369-5909-2

    Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einer Trafik – einem kleinen Tabak- und Zeitungsgeschäft – sein Glück zu suchen. Dort begegnet er eines Tages dem Stammkunden Sigmund Freud und ist sofort fasziniert von ihm. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern.

    Als sich Franz kurz darauf Hals über Kopf in die Varietétänzerin Anezka verliebt, sucht er bei dem alten Professor Rat. Dabei stellt sich jedoch schnell heraus, dass dem weltbekannten Psychoanalytiker das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel ist wie Franz. Ohnmächtig fühlen sich beide auch angesichts der sich dramatisch zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse.

    Meine Meinung

    „Der Trafikant“ von Robert Seethaler ist für mich einer dieser klassischen Romane, den ich immer wieder gerne aufs Neue entdecke. Das Buch ist sehr ruhig geschrieben, verfügt aber über eine Erzählgewalt, die den Leser fesselt. Teils poetisch, teils erschreckend realistisch und brutal, trifft der Autor gezielt den Nagel auf den Kopf. Aber auch ein guter Schuss Wiener Menschlichkeit darf hier nicht fehlen.

    Das Buch zieht seine Stärken aus Franz` Entwicklung und einer sehr realistischen Darstellung der österreichischen Geschichte in den 30er und 40er Jahren, als Österreich nationalsozialistisch wurde. Das private Leben der Wiener Bevölkerung kann nicht mehr von der Gesellschaft getrennt werden, so sehr man es auch versucht. Kaum in Wien angekommen, beginnt Franz seine Lehre bei Otto Trsnjek. Dieser ist Kriegsinvalide und ein guter Freund der Familie Huchel. Trsnjek handelt mit Zeitungen, Schreib- und Rauchwaren. Auf gut wienerisch: Er ist Trafikant! Bei ihm kauft die gesamte Couleur der näheren Umgebung, unter Anderem auch Dr. Sigmund Freud. So macht auch Franz dessen Bekanntschaft und im Laufe der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden ungleichen Männern eine ungewöhnliche Freundschaft.
    Als sich die politische Situation mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus dramatisch zuspitzt, der Judenhass in seine Vollen geht und all jene in den Schwitzkasten genommen werden, die weiterhin Bekanntschaften  zu Juden pflegen, bleibt Otto Trsnjek in seiner Meinung standhaft und solidarisch.
    Doch was wird Franz tun? … Einfach nur zuschauen, wie all die Anderen?

    Die Entwicklung von Franz ist ganz großartig beschrieben. Er wächst nicht nur an der großen Stadt und den rasch einziehenden Veränderungen, er lernt sehr schnell Entscheidungen zu treffen und sich selbst eine Meinung zu bilden. Und wenn Diese eben gerade nicht der gängigen Auffassung entspricht, muss man sich auch selbst eingestehen können, dass man nicht immer gewinnen kann …
    Er gerät immer wieder zwischen die Fronten, auch wenn die Gegenspieler nicht immer klar sind. Aber Franz verzagt nicht an seinem Leben, sondern kämpft unverdrossen weiter!

    Ein großartig geschriebener Roman mit viel Liebe zum Detail und Einfühlungsvermögen!

  • „Die rote Frau“ | Alex Beer

    Autor:  Alex Beer
    Verlag:  Limes Verlag
    Genre:  Kriminalroman
    2. Fall von August Emmerich
    Seitenzahl:  411
    ISBN:  978-3-8090-2676-1

    Wien in den Nachwehen des Ersten Weltkriegs. Als ein prominenter Politiker ermordet wird, kann sich Inspektor August Emmerich nicht an den Ermittlungen beteiligen – stattdessen soll er sich um eine Schauspielerin kümmern, die um ihr Leben fürchtet. Doch der Fall entpuppt sich als nicht so nebensächlich wie es scheint, und schon bald stecken Emmerich und sein Assistent mitten in einem perfiden Mordkomplott. Ihnen bleibt nicht viel Zeit, um die Fäden zu entwirren, denn der Mörder verfolgt einen Plan, der nicht schrecklicher sein könnte.

    Meine Meinung

    Nachdem Inspektor August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter den Fall um den zweiten Reiter im Wiener Untergrund aufklären konnten, wurden die Beiden in die Abteilung „Leib und Leben“ versetzt. Diese ist vergleichbar mit unserer heutigen Mordkommission und im Wien der 20er Jahre das absolute Non-plus-Ultra. Man könnte meinen, sie haben es endlich geschafft, aber weit gefehlt: Die Kollegen missachten die neuen Polizisten und verbannen sie verächtlich als „Krüppelbrigade“ an den Schreibtisch.
    Die Geschichte beginnt 1920. Es herrschen Hunger und Not. Die Armut zermürbt die Wiener Bevölkerung und kaum eine Familie leidet nicht an den Folgen des Ersten Weltkrieges. Die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch, die reiche Oberschicht vergnügt sich in Tanzlokalen und die Filmindustrie hat ihren Höhepunkt erreicht.

    Während sich die gesamte Abteilung um die Ermordung des allseits beliebte Stadtrats Richard Fürst kümmert, müssen sich Emmerich und Winter um die Belange einer bekannten Wiener Schauspielerin kümmern. Schon bald wird ein Tatverdächtiger im Mordfall Fürst verhaftet:  Ein durchaus bekanntes Gesicht für Emmerich, weshalb dieser jedoch auch an dessen Unschuld glaubt …
    Emmerich und Winter bekommen von ihrem Vorgesetzen, wenn auch nur widerwillig, 72 Stunden Zeit, um den wahren Täter zu überführen!

    Auch in „Die rote Frau“ besticht die Autorin Alex Beer mit ihrem fließenden und einnehmenden Schreibstil. Der Handlungsverlauf ist spannend und abwechslungsreich, man fühlt sich sehr gut in die damalige Zeit hineinversetzt und man bekommt einen großrahmigen Einblick in die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse der damaligen Zeit.

    Auch in „Die rote Frau“ kann ich den trockenen Humor und den bitterbösen Sarkasmus nur loben!

    August Emmerich und Ferdinand Winter haben nach dem ersten Misstrauen endlich einen Schritt aufeinander zu getan und sich zu einem guten Team entwickelt. Emmerich ist grundsolide, hat aber keinerlei Skrupel sich unkonventionellen Ermittlungsmethoden zu bedienen. Er ist stur wie eine alte Bulldogge. Wohingegen Ferdinand Winter im Vergleich noch immer unerfahren wirkt, sich aber gerade im Laufe dieser Ermittlungen merkbar weiterentwickelt. Er ist wissbegierig, zuverlässig und macht mit seinem Charme oft die schroffe Art Emmerichs wieder wett. Ich finde die Beiden absolut authentisch und überzeugend!

  • „Die Muse von Wien“ | Caroline Bernard

    Autor:  Caroline Bernard
    Verlag:  Aufbau Verlag
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman |  Biographie
    Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe, Band 6
    Seitenzahl:  472
    ISBN:  978-3-7466-3392-3

    Klimt war ihre erste Liebe, für Gustav Mahler wird sie zur Muse – Alma Schindler wächst in mitten der Wiener Boheme auf, ist in den Salons der schillernden Metropole zu Hause, verfolgt den Aufstieg der Secession, inspiriert und verführt. Und sie ist Künstlerin, ihre Leidenschaft gehört dem Klavierspiel, vor allem der Komposition. Bis sie Gustav Mahler trifft und sich Hals und Kopf in ihn verliebt. Gustav erwidert ihre Liebe, jedoch zu einem hohen Preis: Für ihn soll sie ihre Kunst aufgeben …

    Meine Meinung

    In „Die Muse von Wien“ lernen wir zu Beginn die junge Alma Schindler kennen. Ihres Zeichens die Tochter des bekannten Wiener Landschaftsmalers Emil Jacob Schindler (1842-1892) und begleiten sie im Laufe ihres turbulenten Lebens. Durch die Kontakte ihres Stiefvaters bewegt sie sich in den besten und illustren Kreisen Wiens, zu denen bekannte Maler, Literaten und Musiker gehören. Nach einer kurzen Liaison mit Gustav Klimt verliebt sie sich auf den ersten Blick in den zwanzig Jahre älteren Hofoperndirektor Gustav Mahler.

    Alma ist eine sehr verwöhnte und eitle Person. Ständig auf der Suche nach Liebe und Selbstverwirklichung, wird sie oft durch ihren eigener Egoismus aus der Bahn geworfen. Sie ist vielleicht nicht gerade die sympathischste Person mit der man gerne auf Urlaub fahren möchte, aber dennoch ein interessanter und leidenschaftlicher Charakter der Wiener Zeitgeschichte.

    Nach dem Tod von Almas Vaters heiratete die Mutter Carl Moll, der 1897 einer der Mitbegründer der Wiener Secession war. Die Autorin hat auch diesen Faktor sehr gut aufgenommen. Der Leser lernt sehr viele namenhafte Künstler und Denker aus dieser Zeit kennen und bekommt ein sehr schönes Bild davon, wie die Gesellschaft damals dachte und funktionierte. Insbesondere über die Rolle der Frau an der Seite ihres Mannes, aber auch über die schwierige Lage der Juden in Europa wird wahrheitsgetreu berichtet.

    „Die Muse von Wien“ war mein erster Roman von Caroline Bernard. Ich finde, mit diesem Buch hat sie eine sehr gefühlvolle und spannende Biographie vorgelegt, die sich durchaus messen kann. Der Schreibstil ist flüssig und emotional und lässt seinen Leser schnell in eine realistische Darstellung der Jahrhundertwende einzutauchen. Man muss aber direkt dazu sagen, dass wir uns während des gesamten Romans in gehobenen Kreisen aufhalten. Man bekommt hier definitiv nichts von der Armut und der damals herrschende „Klassengesellschaft“ gezeigt.
    Dennoch hat die Autorin hat sehr detailliert recherchiert und die Historie wunderbar mit ihrer Handlung verwebt. Die Streifzüge durch Wien und New York sind lebhaft und farbenfroh und bilden die damalige Zeit wunderbar ab.

  • „Der zweite Reiter“ | Alex Beer

    Autor:  Alex Beer
    Verlag:  Limes Verlag
    Genre:  Kriminalroman
    1. Fall von August Emmerich
    Seitenzahl:  382
    ISBN:  978-3-8090-2675-4

    Wien, 1919.
    Der erste Weltkrieg ist verloren, und in der einst so glanzvollen Stadt herrschen Hunger und Elend. Als der Polizeiagent August Emmerich über die Leiche eines ehemaligen Soldaten stolpert, glaubt er zunächst an einen Selbstmord. Doch schon bald stößt er auf eine schreckliche Wahrheit, die ihn vom Jäger zum Gejagten macht.

    Meine Meinung

    Mit „Der zweite Reiter“ führt uns Alex Beer ins winterliche Wien des Jahres 1919. Von der ersten Seite an, konnte die Autorin die bedrückende Atmosphäre der damaligen Zeit wunderbar bildlich einfangen. Der 1. Weltkrieg war verloren, das österreich-ungarische Kaiserreich ist zerfallen, der Kaiser abgesetzt und es mangelte an allem. Angefangen von den Lebensmitteln bis hin zum Brennholz. Zudem waren noch hunderte Männer, Väter, Söhne und Brüder in Gefangenschaft. Die Schmach des verlorenen Krieges und des zerfallenen Reiches sitzt auch in der Wiener Bevölkerung tief!

    Genau hier lernen wir den Rayonsinspektor August Emmerich kennen. Er ist selbst Kriegsinvalide und von den vergangen Jahren schwer gezeichnet. Von seinen Vorgesetzten wird er damit beauftragt, den aufkeimenden Schwarzhandel zu bekämpfen und die Lebemänner hinter Schloss und Riegel zu bringen. Man kann sich vorstellen, dass Emmerich vor eine meterhohe Wand läuft, denn in Zeiten der Not floriert nichts so gut wie illegale Geschäfte mit Versorgungsgütern aller Art. Als er bei seinen Ermittlungen auf eine Serie von Selbstmorden stößt, erkennt er ein Muster und beginnt auf eigene Faust, nur mit Hilfe seines jungen Kollegen Ferdinand Winter, zu ermitteln. Er wittert seine Chance, denn schon lange träumt er davon zu der Abteilung „Leib und Leben“, der heutigen Kriminalpolizei, aufzusteigen.

    In der Geschichte der Apokalypse ist der zweite Reiter auf seinem roten Pferd das Symbol des Blutes, das im Krieg vergossen wird. Und der Buchtitel ist auf gar keinen Fall zufällig gewählt …

    Alex Beer wurde zwar in Vorarlberg geboren, studiert, arbeitet und lebt aber seit Jahren in Wien.
    In „Der zweite Reite“ findet man den klassischen „Wiener Schmäh“ und den für Wien so typischen Zynismus wieder, der einer gebürtigen Wienerin wie mir, so richtig ans Herz geht. Der Schreibstil ist sehr locker und die Seiten fliegen nur so dahin. Einmal angefangen zu lesen, möchte man gar nicht mehr aufhören.
    Die Autorin hat das Leben der damaligen Zeit perfekt eingefangen. Die Trostlosigkeit ist spürbar. Und auch die damals so prägnante Zweiklassengesellschaft wird grandios dargestellt.

    Auch August Emmerich ist eine Marke für sich. Er macht dem „Wiener Grantler“ alle Ehre, schleicht sich aber durch seine Lebensgeschichte ganz schnell in die Herzen der Leser. Wegen seiner Kriegsverletzung, die ihm doch schwerer zu schaffen macht, als er sich selbst eingestehen möchte, lernt er das neue Wunderheilmittel Heroin kennen und sitzt sehr bald tiefer im Pferdemist als ihm lieb ist! Er stürzt ab, fällt tief und verliert dabei fast alles. Er schafft sich Feinde und findet gerade dort Hilfe, wo er es am aller wenigsten erwartet hätte. Der Fall führt ihn zurück in das Gemetzel des vergangen Krieges!