„Das Marillenmädchen“ | Beate Teresa Hanika

Autor:  Beate Teresa Hanika
Verlag:  btb Verlag
Genre:  Roman
Seitenzahl:  254
ISBN:  978-3-442-75705-3

Ein Marillenbaum in einem alten Wiener Garten. Seit ihrer Kindheit in den 1940er Jahren kocht Elisabetta jeden Sommer Marmelade ein. Und jedes Mal, wenn sie ein Glas aus dem alten Kellerregal in die Hand nimmt, es öffnet und den süßen Duft einatmet, erinnert sie sich an ihr Leben, an ihre in Dachau ermordete Familie, an ihre große Liebe Franz, an ihre Tochter Esther und ihre Enkelin Rahel.
Elisabetta lebt zurückgezogen in ihrer Welt mit den Stimmen der Vergangenheit. Als das deutsche Mädchen die Tänzerin Pola, bei ihr zur Untermiete einzieht, reißen die alten Wunden auf …

Meine Meinung

Eine alte Frau erinnert sich an ihre Kindheit und ihr Leben als Jüdin im Wien des Zweiten Weltkriegs!
In Elisabettas Leben gibt es nur eine Konstante: Den Marillenbaum vor ihrem Küchenfenster! Noch in der Kriegszeit vom Vater in den Garten ihres Wiener Elternhauses gepflanzt, ist er Elisabettas Halt und Zentrum ihrer Erinnerung. Jedes Jahr kocht sie aus den Früchten Marmelade und es sind genau diese Gläser, die sie immer wieder an die Geschehnisse erinnern. An ihr früheres Leben. An ihre Familie. An ihre große Liebe. An ihre Schwestern Rahel und Judith, mit denen sie noch heute stumme Zwiesprache führt, aber auch an ihre Tochter Esther und ihre Enkelin.
Erst als Pola, eine junge deutsche Baletttänzerin, als Untermieterin in Elisabettas Haus kommt, wird die rüstige alte Dame aus ihrer Ruhe gerissen!

Die Vergangenheit hinter sich lassen und nach Vorne, in die eigene Zukunft zu blicken, sagt sich immer so leicht. Nicht jeder schafft es, loszulassen und zu vergessen …

Beate Teresa Hanika erzählt uns die Geschichte aus mehreren Zeitebenen, jedoch kehren wir immer wieder in Elisabettas Gedanken und Erinnerungen zurück. Die Protagonistin war gerade 9 Jahre alt, als ihre Eltern und ihre beiden älteren Schwestern 1944 ins Konzentrationslager deportiert wurden. Sie kehrte als einzige Überlebende ins Familienhaus zurück. Dort meistert sie auch heute noch, im hohen Alter, ihren Haushalt allein. Dass ihre Erinnerungen daher oft etwas verwirrend und unklar sind, ist verständlich. Auch wenn nicht immer alles für den Leser ausgesprochen wird, ist doch klar wovon sie spricht. Erst durch Rückblenden erfahren wir mehr über die Verbindung zwischen den beiden Frauen.

Die Autorin hat einen wirklich tollen Schreibstil und ich konnte mich ihrer sensiblen Sprache nicht entziehen. Sie schreibt bildgewaltig, intensiv und fällt auch oft ins poetische. Manche Szenen sind so beklemmend geschrieben, dass sie noch eine ganze Weile nachwirken. Sehr melancholisch und doch behält sie ihren lebensbejahenden Ton.
Die Geschichte ist hervorragend zusammengesetzt und recherchiert. Sie serviert dem Leser nicht alles auf dem Silbertablett, mit ruhiger Eindringlichkeit und unterschwelliger Dramatik erlebt man den Roman bis zum Ende und kann dann alle Fäden miteinander verknüpfen. Dadurch nimmt man die Geschichte sehr intensiv war und wird sich vielleicht erst im Nachhinein bewusst, wie tiefgründig man diese erlebt hat.

Der Roman hat einen großen Mittelpunkt, nämlich den alten Marillenbaum bzw. die Marmelade, die von seinen Früchten gewonnen wird. Das sich jährlich wiederholende einkochen gibt einer traumatisierten alten Frau den nötigten Halt. Erinnerung und Trost gleichermaßen!

Diese Art von Geschichten sind in meinen Augen wichtig, denn hier stoppt das Nationalsozialistische Gedankengut nicht mit dem Ende des zweiten Weltkriegs, sondern bricht auch in unsere heutigen Köpfe ein. Dennoch hinterlassen solche Erzählungen bei vielen Lesern das Bedürfnis des Wegsehens oder der Übersättigung. Ich frage mich warum? Falsche Scham?

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