„Das Seelenhaus“ | Hannah Kent

Titel im Original:  „Burial Rites“
Autor:  Hannah Kent
Aus dem Australischen übersetzt von
Leonie von Reppert-Bismarck & Thomas Rütten
Verlag:  Drömer Knaur
Genre:  Roman
Seitenzahl:  379
ISBN:  978-3-426-19978-7

Island 1828. Agnes ist eine selbstbewusste und verschlossene Frau. Sie wird als hart arbeitende Magd respektiert, was sie denkt und fühlt behält sie für sich. Als sie des Mordes an zwei Männern angeklagt wird, ist sie allein. Die Zeit bis zur Hinrichtung soll sie auf dem Hof eines Beamten verbringen. Die Familie ist außer sich, eine Mörderin beherbergen zu müssen – bis Agnes Stück für Stück die Geschichte ihres Lebens preisgibt!

Meine Meinung

„Das Seelenhaus“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Agnes Magnúsdóttir war 1829 die letzte Frau in Island, an der die Todesstrafe vollstreckt wurde. Die australische Autorin Hannah Kent stolperte bei einem Islandaufenthalt über diese Geschichte und war davon sofort fasziniert. Sie nutzte die bisher existierenden Dokumente für ihre Recherche, um sich beim Schreiben so weit wie möglich an die Tatsachen halten zu können.

Zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Island noch von vielen kleinen und einigen größeren bäuerlichen Gutsbetrieben geprägt. Eine entbehrungsreiche Zeit in der harte körperliche Arbeit den Alltag ausfüllte. Wer nicht das Glück hatte in eine Familie geboren zu werden, die im Besitz einer Landwirtschaft war, verdient sich als Magd oder Knecht …
Agnes Magnúsdóttir arbeitet als Magd, als ihr Dienstherr ermordet aufgefunden wurde. Auch sie wird vom Landrat als Komplizin des Täters zum Tode verurteilt. Da zu jener Zeit die Todesurteile noch vom dänischen König bestätigt werden mussten, wird Agnes bis zur Vollstreckung auf einem der Gutshöfe untergebracht. Wenn sie dem Land schon zur Last fällt, soll sie sich gefälligst auch nützlich machen! So landet sie auf dem Kornsahof. Die fleißige und stille Frau fügt sich nach und nach ins Familienleben ein, bis eines Tages die schlimme Botschaft mit dem definitiven Todestag eintrifft …

Hannah Kent beschreibt in aller Deutlichkeit die Lebensverhältnisse, das Land und das Klima, dazu passt auch ihre sachliche, klare und offene Schreibweise. Man spürt regelrecht die Kälte des Klimas und die Härte der Menschen. Dennoch schafft sie es die Spannung konstant in der Geschichte zu halten und lässt ihre Leser durch die stätigen Rückblicke eine innige Beziehung zu Agnes aufbauen. Die Menschen sind in all ihren Facetten wunderbar getroffen.

„Das Seelenhaus“ geht nicht nur unter die Haut, sondern auch tief ins Herz! Agnes wurde als Mörderin verurteilt. Eine Frau, die zu solch einer Tat fähig ist, musste ein Monster sein. So und nicht anders wird sie von den Menschen gesehen und behandelt. Welche Umstände letztendlich zu der Tat geführt haben, hat in ihrem Umfeld niemanden interessiert. So war auch der geistliche Beistand, der ihr zur Seite gestellt wurde, dazu angehalten, mit ihr zu beten, von der Barmherzigkeit Gottes zu predigen und sie im christlichen Sinne auf den Tod vorzubereiten. Dass der junge Vikar sich von Agnes ihre Lebensgeschichte erzählen lässt, ist an keiner Stelle vorgesehen. Im Gegenteil, es wird sogar als völlig falsch erachtet. Niemand darf sich für Agnes Magnúsdóttir interessieren. Sie ist eine eiskalte Mörderin und das sagt ja schließlich schon alles über ihren Charakter aus …
Doch genau das ist das Thema: Die Frau hinter dem Bild der Mörderin besser kennenzulernen. Ihr Leben, das von Anfang an von Armut geprägt war. Ebenso der Umstand, dass sie niemals eine verlässliche Gemeinschaft in ihrem Leben hatte. Agnes als eine intelligente und verletzliche Frau zu sehen!

Ein wirklich beeindruckender Roman, der gekonnt Fiktion mit historischer Realität vermischt!

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