„Der Freund der Toten“ | Jess Kidd

Titel im Original: „Himself“
Autor: Jess Kidd
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Wasel & Klaus Timmermann
Verlag: Dumont Verlag
Genre: Roman
Seitenzahl:  381
ISBN: 978-3-8321-9836-7

Im irischen Mulderrig sind Fremde nicht willkommen. Auch der sympathisch-abgerissene Mahony nicht, der obendrein etwas beunruhigend Vertrautes an sich hat. Dass er das mysteriöse Verschwinden seiner blutjungen Mutter vor mehr als 20 Jahren aufklären will, stimmt die Dorfbewohner nicht freundlicher. Ganz im Gegenteil. Einzig die exzentrische und scharfzüngige alte Mrs. Cauley unterstützt in tatkräftig – denn sei glaubt schon lange, dass jeder weiß, was damals wirklich geschah …

Meine Meinung

Ich muss ehrlich gestehen, dass mir Jess Kidd bisher als Autorin noch gar kein Begriff war. Mir ist das Buch aufgrund des schönen Covers ins Auge gefallen. Und erst bei näherem Hinsehen sind mir auch die Augen zwischen den frischen grünen Blättern und den filigranen Blüten aufgefallen, die einen so unauffällig beobachten.

Mulderrig 1950: Im irischen County Mayo wird eine junge Frau langsam und quälend ermordet. Selbst fast noch ein Kind hinterlässt sie ein Baby, das auf den Stufen eines Dubliner Waisenhauses zurückgelassen wird.
25 Jahre später taucht in Mulderrig ein verblüffend gut aussehender junger Mann auf. Bei seinem Anblick läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter, denn Mahoney blickt sein Gegenüber mit Orlas Augen an … die Augen des Mädchens das vor langer Zeit verscharrt wurde! Mahoney wurde im Waisenhaus stets gesagt, seine Mutter sei eine Hafenhure gewesen, doch ein in ausdrucksvoller Handschrift verfasster Brief verrät ihm seinen richtigen Namen und weist ihm den Weg ins Heimatdorf seiner Mutter. Gemeinsam mit der alternden Mrs. Cauley nimmt er es mit den Lebenslügen einer Dorfgemeinschaft auf, in der vermutlich jeder etwas zu verbergen hat. Ein geplantes Theaterstück dient den beiden als Deckmantel ihrer Befragung und als dann auch noch die Toten von Mulderrig mit Mahoney zu sprechen beginnen, zerstreut das letzte Zweifel, ob er wirklich Orlas Sohn sein kann …

„Der Freund der Toten“ ist ein Roman, auf den man sich einlassen und von dem man sich vereinnahmen lassen muss, erst dann kann er seine Magie so richtig entfalten. Mit seinem schwarzen Humor und seiner bunten, schrägen und exzentrischen Schar an Protagonisten erzeugt er einen wunderbaren Sog.

Das ganze Setting wirkt auf mich ganz typisch irisch. Humorvoll, versponnen und voller Glauben an das Übersinnliche. Dabei ist die ganze Handlung sehr real und zeigt uns ein gutes Bild der 50iger und der 70iger Jahre, als der Priester und die Gemeindeschwestern noch über das Leben des Dorfes bestimmen konnten. Ein Rebell wie Mahoney muss unweigerlich den Unmut all der „anständigen“ Mitmenschen auf sich ziehen, zumal er aussieht wie ein Hippie und Fragen über Ereignisse stellt, an die niemand mehr erinnert werden möchten.

Jess Kidd konnte mich mit ihrer schönen poetischen und bildhaften Erzählweise überzeugen. Ich würde den Schreibstil allerdings nicht als von grundauf flüssig bezeichnen. Die oft nur angedeuteten mystischen Elemente ließen mich immer wieder innhalten und ich genoss es, die Stimmung auf mich wirken zu lassen. Sie belebt jeden Stein und jeden Baum. Äste beugen sich über Kinder, Holzwürmer singen, Flussinseln schlafen, Sonnenlicht folgt den Leuten auf Schritt und Tritt. Dieser Erzählstil schafft eine unglaublich dichte und lebendige Atmosphäre!

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