„Der letzte Satz“ | Robert Seethaler

Autor:  Robert Seethaler
Verlag:  Hanser Berlin
Genre:  Kurzroman
Seitenzahl:  126
ISBN:  978-3-446-26788-6

„Der letzte Satz“ ist Robert Seethalers ergreifendes Porträt eines Künstlers am Ende seines Weges. Innerlich immer noch glühend wie ein junger Mann, sitzt er allein an Deck eines Schiffes und blickt aufs Meer, verwundert über die Strecke, die hinter ihm liegt. Er liebt das Leben und ist doch unfähig, es zu nehmen, wie es ist, jetzt tritt es ihm in Form glasklarer Momente der Schönheit und des Bedauerns entgegen.

Meine Meinung

April 1911. Der österreichische Komponist und Dirigent Gustav Mahler befindet sich auf seiner letzten Reise von New York, wo er sein letztes Konzert gegeben hat, zurück nach Europa. Er sitz auf dem Deck, blickt in Ferne und sinniert über den Lauf seines Lebens. Er weiß, dass er an einer unheilbaren Herzentzündung leidet und bald sterben wird …

Er nimmt Abschied vom Leben. Seine Tochter ist schon vor Jahren gestorben, seine Frau geht fremd und seine Kräfte reichen gerade noch, um sich selbst auf den Beinen zu halten. Robert Seethaler wählt dabei die personale Erzählweise, um die inneren Konflikte Mahlers dazustellen und erweckt die Figur so sehr authentisch zum Leben. Ziele, Gefühle, Enttäuschungen, Freude und Momente des Glücks. Wenn das Großartige, das Öffentliche, das Herausragende verschwindet, bleibt lediglich die Trivialität zurück. Es ist das Leben eines großen Musikers, welches sich aber letztendlich nicht vom Leben eines Hilfsknechts unterscheidet, wenn man es nur auf die private Perspektive reduziert. Eine interessante Erkenntnis!

Die fast schon lakonische Sprache in der Robert Seethaler erzählt trifft exakt den Ton und fesselt den Leser vom ersten Kapitel an. Der Autor lenkt das Augenmerk auf die sensible Seite des Künstlers. Er zeichnet Mahler als getriebenen und leidenschaftlichen Menschen, dem es schwerfällt, seine Liebe im Alltag zu zeigen. Sein Medium ist die Musik, Zwischenmenschliches jagt ihm eher Angst ein. Diese Gefühle kann er nur seinen beiden Töchtern zeigen. Seinen großen Emotionen zu seiner Frau Alma steht er fast schon hilflos gegenüber. Es ist das Wissen, dass sie die Seine ist, dass er ihre Schönheit betrachten darf. Den „Menschen Alma“ kann er absolut nicht verstehen. Zugleich erschreckt ihn aber auch seine Leidenschaft und Eifersucht.

Robert Seethaler hat ein unglaublich hohes und dennoch feines Sprachniveau und seine großartige Erzählstimme begeistert mich immer wieder aufs Neue. Ich denke, genau das ist auch der Grund, warum mich die Geschichte, trotz der eher bedrückenden Grundstimmung, nicht mit runtergezogen hat. Er beschreibt den Musiker mit anteilnehmenden und einfühlsamen Worten und wird dem Genie absolut gerecht.

„Der letzte Satz“ orientiert sich an den großen klassischen Erzählern und ist doch ganz eigenständig und einzigartig. Dennoch werden sich sicher manche Leser über die Kürze und Oberflächlichkeit beschweren, aber sind es nicht gerade die flüchtigen, oft nicht „fertig gedachten” Gedanken und Erinnerungen eines Menschen, die uns besonders lang im Kopf bleiben?

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