„Der Trafikant“ | Robert Seethaler

Autor: Robert Seethaler
Verlag:  Kein & Aber
Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman  |  2. Weltkrieg
Seitenzahl:   250
ISBN:  978-3-0369-5909-2

Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einer Trafik – einem kleinen Tabak- und Zeitungsgeschäft – sein Glück zu suchen. Dort begegnet er eines Tages dem Stammkunden Sigmund Freud und ist sofort fasziniert von ihm. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern.

Als sich Franz kurz darauf Hals über Kopf in die Varietétänzerin Anezka verliebt, sucht er bei dem alten Professor Rat. Dabei stellt sich jedoch schnell heraus, dass dem weltbekannten Psychoanalytiker das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel ist wie Franz. Ohnmächtig fühlen sich beide auch angesichts der sich dramatisch zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse.

Meine Meinung

„Der Trafikant“ von Robert Seethaler ist für mich einer dieser klassischen Romane, den ich immer wieder gerne aufs Neue entdecke. Das Buch ist sehr ruhig geschrieben, verfügt aber über eine Erzählgewalt, die den Leser fesselt. Teils poetisch, teils erschreckend realistisch und brutal, trifft der Autor gezielt den Nagel auf den Kopf. Aber auch ein guter Schuss Wiener Menschlichkeit darf hier nicht fehlen.

Das Buch zieht seine Stärken aus Franz` Entwicklung und einer sehr realistischen Darstellung der österreichischen Geschichte in den 30er und 40er Jahren, als Österreich nationalsozialistisch wurde. Das private Leben der Wiener Bevölkerung kann nicht mehr von der Gesellschaft getrennt werden, so sehr man es auch versucht. Kaum in Wien angekommen, beginnt Franz seine Lehre bei Otto Trsnjek. Dieser ist Kriegsinvalide und ein guter Freund der Familie Huchel. Trsnjek handelt mit Zeitungen, Schreib- und Rauchwaren. Auf gut wienerisch: Er ist Trafikant! Bei ihm kauft die gesamte Couleur der näheren Umgebung, unter Anderem auch Dr. Sigmund Freud. So macht auch Franz dessen Bekanntschaft und im Laufe der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden ungleichen Männern eine ungewöhnliche Freundschaft.
Als sich die politische Situation mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus dramatisch zuspitzt, der Judenhass in seine Vollen geht und all jene in den Schwitzkasten genommen werden, die weiterhin Bekanntschaften  zu Juden pflegen, bleibt Otto Trsnjek in seiner Meinung standhaft und solidarisch.
Doch was wird Franz tun? … Einfach nur zuschauen, wie all die Anderen?

Die Entwicklung von Franz ist ganz großartig beschrieben. Er wächst nicht nur an der großen Stadt und den rasch einziehenden Veränderungen, er lernt sehr schnell Entscheidungen zu treffen und sich selbst eine Meinung zu bilden. Und wenn Diese eben gerade nicht der gängigen Auffassung entspricht, muss man sich auch selbst eingestehen können, dass man nicht immer gewinnen kann …
Er gerät immer wieder zwischen die Fronten, auch wenn die Gegenspieler nicht immer klar sind. Aber Franz verzagt nicht an seinem Leben, sondern kämpft unverdrossen weiter!

Ein großartig geschriebener Roman mit viel Liebe zum Detail und Einfühlungsvermögen!

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