„Die Dame mit der bemalten Hand“ | Christine Wunnicke

Rezensionsexemplar
Vielen Dank an den Verlag!

Autor:  Christine Wunnicke
Verlag:  Berenberg
Genre:  Kurzroman
Seitenzahl:  166
ISBN:  978-3-946334-76-7

Bombay, 1764. Indien stand nicht auf dem Reiseplan und Elephanta, diese struppige Insel voller Schlangen und Ziegen, schon gar nicht. Carsten Niebuhr aus dem Bremischen ist hier gestrandet, obwohl er doch in Arabien sein sollte. Ebenso Meister Musa, persischer Astrolabienbauer aus Jaipur, obwohl er doch in Mekka sein wollte. Man spricht leidlich Arabisch miteinander, genug, um die paar Tage bis zu ihrer Rettung gemeinsam herumzubringen. Um sich öst-westlich misszuverstehen und freundlich über Sternbilder zu streiten. Es könnte übrigens alles auch ein Fiebertraum gewesen sein. Doch das steht in den Sternen.

Meine Meinung

Carsten Niebuhr stammte aus einer wohlhabenden, alteingesessenen Bauernfamilie im Landkreis Hadeln. Als deutscher Mathematiker und Kartograph, war er im Jahre 1761 Teilnehmer einer sechsköpfigen Expedition nach Arabien, die vom dänischen König finanziert wurde. Mit dem Ziel durch Erforschung der Natur und materiellen Kultur des Orients ein besseres Verständnis der Texte des Alten Testaments zu erlangen. Drei Jahre später ist Carsten Niebuhr allein in Bombay. Seine Mitreisenden sind alle am Fieber gestorben …
Und genau hier setzt die fiktive Geschichte von Christine Wunnikes neuem Buch „Die Dame mit der bemalten Hand“ an. Ein sehr gelungener Kurzroman mit viel historischem Flair, aber ganz ohne orientalischen Kitsch und mit feinem Gespür für die Absurdität sprachlicher und kultureller Missverständnisse.

Auf einer kleinen, fast menschenleeren Insel vor Bombay begegnen sich der persisch-indische Astronom Musa und der Forschungsreisende Carsten Niebuhr. Beide gestrandet und orientierungslos. Ihre Unterhaltungen sind getrübt durch Sprachschwierigkeiten, kulturelle Missverständnisse und heftige Fieberschübe des erkrankten Niebuhrs. Sie campieren in einem verfallenen indischen Tempel und ernähren sich mehr schlecht als recht von dem, was die Insel und ihre wenigen Bewohner hergeben. Beim nächtlichen Erzählen vermischen sich Wahrheit und Lüge, Illusion und Wirklichkeit.
Niebuhr erreicht als einziger Überlebender der Expedition wieder die Heimat und muss dort feststellen, dass man die Forschungsreise nach dem Tod seiner Mitreisenden als gescheitert betrachtet und eigentlich niemand an den gesammelten Ergebnissen interessiert ist. Und doch haben beide Männer von ihrem erzwungenen Kulturaustausch auf der Insel profitiert…

Christine Wunnickes Roman hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Die Autorin entführt uns in wundervoller, ironischer Leichtigkeit in die Welt der Wissenschaft und Forschung des 18. Jahrhundert, springt dabei aber immer wieder zwischen Orient und dem Okzident hin und her und entwirft in jeweils wenigen prägnanten Szenen hochlebendige Eindrücke von der Blüte, aber auch den düsteren Kehrseiten des wissenschaftlichen Lebens an so gänzlich unterschiedlichen Orten wie Göttingen und Jaipur.

Die Art, wie hier östliche und westliche Gelehrsamkeit aufeinanderprallen, ist ein wirklicher Lesegenuss, der mich aus dem Schmunzeln kaum herauskommen ließ: Es ist einfach zu komisch, wie Musa al-Lahuri seinem liebevoll geschmiedeten Astrolabium hinterherweint, das im Haushalt eines intellektuell beschränkten Trottels gelandet ist und er teils aus Frust die Inselbewohner mangels einer passenden lingua franca dann eben auf Sanskrit herumzukommandieren versucht. Auch die arabischen Verständigungsversuche der beiden Wissenschaftler, umgeben von gebärenden Affen und achtarmigen indischen Götterskulpturen, gelingen nur teilweise und lösen jede Menge Lacher aus.

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