„Die Geschichte der getrennten Wege“ | Elena Ferrante

Titel im Original:  „Storia di chi fugge e di resta“
Autor:  Elena Ferrante
Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger
Verlag:  Suhrkamp Verlag
Genre:  Roman
Neapolitanische Saga, Band 3
Seitenzahl:  541
ISBN:  978-3-518-42575-6

Lila ist Mutter geworden und hat alles hingeworfen, Elena ist nach Norditalien gezogen, hat ein Buch veröffentlicht und scheinbar gewinnend geheiratet. Ganze Welten trennen die Freundinnen, doch gerade in diesen schwierigen Zeiten –  es sind die politisch turbulenten 70er –  sind sie füreinander da, und die Nähe, die sie verbindet, scheint unverbrüchlich. Würde da nur nicht die langjährige Konkurrenz um einen bestimmten Mann immer deutlicher zutage treten …

Meine Meinung

Nachdem wir die Freundinnen Lila und Elena bereits während ihrer Schul- und Jugendjahre begleiten durften, widmet sich „Die Geschichte der getrennten Wege“ nun ihrem Erwachsensein.

Lila hat sich von ihrem Mann Stefano getrennt und lebt nun mit ihrem Sohn Gennaro und Enzo in einem armen Stadtteil Neapels. Sie fristet ihr Dasein in einer Fleischfabrik, um sich ihr kärgliches Leben zu erhalten. Dagegen ist Elena mit ihrem ersten Roman erfolgreich und hat einen jungen Professor aus einer Familie von Intellektuellen geheiratet. Sie wird zweifache Mutter und lässt sich, nachdem sie zunächst noch mit engagierten Artikeln in der „Unita“ auf sich aufmerksam gemacht hatte, immer mehr in die Rolle der Hausfrau und Mutter drängen.
Das Verhältnis der beiden Freundinnen bleibt entfremdet, besonders als Lila und Enzo in der damals noch neuen Computertechnik aufsteigen und sich von ihrem früheren Erzfeind anstellen lassen.

Die italienische Gesellschaft der 60er Jahren war von enormen Umbruch und einer revolutionären Energie betroffen, die zu den Auswüchsen der Roten Brigaden führte. Viele ihrer früheren, in den beiden ersten Büchern schon aufgetauchten Freunde, sind in diese radikalen Auseinandersetzungen verwickelt und auch Elena versucht sich damit zu identifizieren. Aber wie schon ihr ganzes Leben lang versucht sie auch hier, sich nur an anderen zu orientieren. An Menschen, die mittlerweile zu einer anderen Gesellschaftsschicht gehören, als sie selbst …

Auch im dritten Band der Neapolitanischen Saga konnte mich die Autorin wieder voll und ganz von ihrem Können überzeugen. Ellena Ferrante kann einfach schreiben und das auf wirklich hohem Niveau. Die Seiten fliegen nur so vorbei, während man mit Haut und Haaren in der Geschichte feststeckt. Sie verliert nicht eine Sekunde ihre Balance zwischen Spannung, interessanten Wendungen und ihrer wunderbaren Sprache!

Als politisch interessierter Mensch, waren gerade die Ausschreitungen in Italien für mich spannend mit zu verfolgen. Der Kampf unter den Parteien. Kommunisten, Sozial-Christdemokraten, Faschisten, aber auch die der Gewerkschaften. Die Vertretung durch das Kapital, dem Unternehmertum und der Arbeiterklasse. Dafür stehen auch die beiden Freundinnen: Die Eine auf der Seite der Reichen und Erfolgreichen. Die Andere auf der Seite der Arbeiter, die sich für ein paar Lira zu Tode schuften. Diesmal treten die persönlichen Ereignisse der beiden zwar nicht in den Hintergrund, die Einbettung ihrer Leben in die Zeit und der Strukturen der Gesellschaft sind aber markant.

Natürlich habe auch ich mir schon die ersten Gedanken darüber gemacht, was Lilas Verschwinden zu Beginn der Erzählung betrifft und werde mich gleich mit großer Neugierde auf den vierte und letzten Band stürzen …

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