„Die Vegetarierin“ | Han Kang

Titel im Original: „Vegetarierin, Ch`angbi“
Autor: Han Kang
Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee
Verlag: Aufbau Verlag
Genre: Roman
Seitenzahl: 190
ISBN: 978-3-351-03653-9

Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist – bis sie eines Tages beschließt, kein Fleisch zu essen.

Meine Meinung

Da man viele unterschiedliche Meinungen über „Die Vegetarierin“ hört, war es nun auch für mich an der Zeit, mir selbst ein Bild über dieses Buch zu machen.

Der Roman spielt zum größten Teil in der Hauptstadt Seoul. Chongs Frau, Yong-Hye, zieht sich zurück und wird über Nacht zur Vegetarierin. Ihre konservative Familie kann dieses Verhalten nicht verstehen und ihr anhaltender Protest führt bis zur häuslichen Gewalt. Bereits als Kind hatte sie in ihrer Familie grausame Erlebnisse erfahren, die sie seit einiger Zeit in ihren Träumen heimsuchen. Im zweiten Teil des Buches lernen wir den Mann ihrer Schwester kennen, einem Videokünstler. Selbst ein Außenseiter in der Familie, entwickelt er eine Obsession für Yong-Hye, kann sie ihm doch genau das Außergewöhnliche bieten, was er im Leben mit seiner Frau vermisst. Trotz der wenigen Seiten, erzählt Han Kang eine intensive und außergewöhnliche Geschichte.
Zum Ende hin nimmt das Buch eine erneute Wendung und wir springen 2 Jahre in die Zukunft. Hier erfahren wir was aus Yong-Hye und ihrer Familie geworden ist!

„Eine Frau verabschiedet sich von der Durchschnittlichkeit!“ Durch ihren Verzicht zieht sie die Aufmerksamkeit ihres doch sehr konservativen und prüden Umfelds auf sich. Das Interessante ist die Wahrnehmung: Während ihr Mann und ihr Vater es als pervers empfinden, wird sie für ihren Schwager zu einer begehrenswerten Person. Ihre Schwester hingegen sieht sie als jemanden, der ihren Schutz braucht.

Han Kangs Sprache würde ich persönlich als nüchtern und klar beschreiben. Die Geschichte wurde gradlinig und ohne grobe Ausschweifungen geschrieben. Für mich scheint die Erzählweise sehr realistisch zu sein, driftet aber doch oft ins Surrealistische ab. Hier zählen besonders die „floralen Motive“ dazu, die den Roman durchziehen. Am Ende meint Yong-Hye, selbst zur Pflanze geworden zu sein.

In mir hat das Buch viele Emotionen hervorgerufen. Einerseits war ich an vielen Stellen irritiert und verstört, gerade was die Radikalität, die verbohrten Blickwinkel und die gewaltbereitschaft angeht. Andererseits ist aber auch der Aufruf zur persönlichen, individuellen Befreiung bei mir angekommen. Yong-Hye`s Vorliebe für die Pflanzen und die Schönheit der Blumen wird ganz wunderbar dargestellt, aber auch ihr Aufblühen und der spätere Verfall werden für den Leser greifbar.

In der westeuropäischen und besonders in der französischen Literaturtradition könnte der zweite Abschnitt des Buches durchaus als erotischer und prickelnder Inhalt einer Obsession oder auch als Verführung mit Raffinesse gehandelt werden.

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