„Ein Leben mehr“ | Jocelyne Saucier

Titel im Original:  „Il pleuvait des oiseaux“
Autor:  Jocelyne Saucier
Aus dem Französischen übersetzt von Sonja Finck
Verlag:  Suhrkamp | Insel Verlag
Genre:  Kurzroman
Seitenzahl:  192
ISBN:  978-3-458-17652-7

Drei alte Männer leben in den Tiefen der nordkanadischen Wälder, sie verbringen ihre Tage in gemächlicher Einsiedelei, sie angeln, jagen, plaudern, träumen vor sich hin. Bis eines Tages eine Fotografin und eine geheimnisvolle Dame von 82 Jahren dazustoßen – und zwischen ihnen allen etwas entsteht, dass niemand für möglich gehalten hätte.

Meine Meinung

„Er liebte sie, wie man einen Vogel liebt, einen seltenen Vogel, der dir von weit her zugeflogen ist und der sich in deiner Hand ein Nest gebaut hat.“
Ein wunderschönes Zitat, das mich gedanklich immer wieder in Jocelyne Sauciers Wildnis des nördlichen Kanadas versetzt und auch mein Herz auf Reisen zu meinem Lieblingsmenschen schickt …

„Ein Leben mehr“ ist das Erstlingswerk der kanadischen Autorin und auch wenn mich alle ihre Geschichten begeistern, kann für mich nichts diesen tollen ersten Roman toppen!
Drei Männer, alle weit über 80 Jahre alt, sind in den kanadischen Wäldern untergetaucht, um in der Abgeschiedenheit einen unabhängigen und freien Lebensabend zu genießen. Die Zukunft ist eine Nebensächlichkeit. Die Erlebnisse aus der Vergangenheit wurden aus ihren Gedanken verbannt. Selbst für den Tod haben sie sorgfältig vorgesorgt und können auch darüber scherzen …
Als eines Tages eine junge Fotografin den Weg zu ihnen findet und kurz darauf auch noch die 82-jährige Marie zu der kleinen Gemeinschaft stößt, wird der eingeschworene Alltag der Männer in seinen Grundfesten auf den Kopf gestellt!

Eine Geschichte, die ich auch beim zweiten Mal atemlos zu Ende gelesen habe und die bei mir am Ende noch lange nachgeschwungen hat. Berührend, zärtlich und kraftvoll, aber auch rau und ursprünglich. Eine Hommage an das Leben und die Liebe, bei der uns Jocelyne Saucier in den letzten Seiten noch ein befreiendes Lächeln schenkt!

Spontan fallen mir nur wenige Romane ein, in denen die ältere Generation auf so grundlegende und ursprüngliche Art und Weise die Hauptrolle spielt. Ein Buch, das nicht nur durch seine wunderschöne Erzählstimme besticht, sondern sich auch mit großem Respekt und beeindruckendem Einfühlungsvermögen dem hohen Alter widmet.

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie es der Autorin nicht nur gelingt, derart stimmungsvoll und plausibel zu erzählen, sondern auch die Gedanken des Lesers geistreich über Freiheit, Selbstbestimmung, Liebe, aber auch über abstrakte Kunst und über die oft sehr schmerzhafte Tragik des Lebens anzuregen!

„Wenn man die Freiheit hat, zu gehen, wann man will, entscheidet man sich leichter für das Leben.“

„Ein Leben mehr“ ist wieder mal der Beweis, dass ein Buch keine 1.000 Seiten haben muss, um eine großartige Geschichte zu erzählen!

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