„Ein wenig Leben“ | Hanya Yanagihara

Titel im Original:  „A little Life“
Autor:  Hanya Yanagihara
Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Kleiner
Verlag:  Hanser Berlin
Genre:  Roman
Seitenzahl:  958
ISBN:  978-3-446-25471-8

„Ein wenig Leben“ handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern, die sich am College kennengelernt haben. Der brillanteste und charismatischste von ihnen ist Jude St. Francis, ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch.
Ein wenig Leben ist eine Geschichte von Freundschaft als wahrer Liebe – ein mit kaum fasslicher Dringlichkeit und Schönheit erzähltes Epos, das sich an die dunkelsten Orte begibt, an die Literatur sich wagen kann, und dabei immer wieder zum hellen Licht durchbricht.

Meine Meinung

„Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara war eine meiner längsten Leseleichen im Regal. Je mehr ich über diesen Roman erfahren habe, desto mehr Angst bekam ich, der Geschichte nicht gewappnet zu sein. Warum ich gerade jetzt dazu gegriffen habe, weiß nicht, aber ich wurde schlichtweg mit einem der großartigsten Bücher belohnt, welches ich je gelesen habe …
Auch wenn es mich im Inneren definitiv zerstört hat!

Jude, Willem, Malcolm und JB sind Freunde fürs Leben. In jungen Jahren haben sie sich kennen, lieben und auch hassen gelernt. Als Leser begleiten wir sie dabei, wie ihre Freundschaft anfängt, begleiten die Höhen und Tiefen im Laufe der Jahre und sehen dabei zu, wie sich diese Freundschaft in etwas ganz besonderes verwandelt …

Dabei kreisen alle Figuren um eine schwarze Sonne: Jude! Seine innere Zerrissenheit, sein Selbstekel, aber auch seine Güte und seine Bedürftigkeit stoßen dem Leser in eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Es war beeindruckend, wie absolut Schonungslos die Autorin dem Leser über Passagen hinweg die Faust in den Magen rammt, nur damit man später wieder von romantischen, unfassbar schönen und emotionalen Szenen aufgerichtet wird.
Dieser Roman ist schwere Kost und grade wegen dieser schonungslosen Ehrlichkeit ein absolutes Wunderwerk der Literatur. Es hat mein Leben in einer Art beeinflusst, mit der ich nicht gerechnet habe, und auch Tage später noch denke ich über die Geschehnisse nach, die zwar fiktiv, aber dennoch allzu real sind!

Wie man sich jetzt vielleicht schon denken kann, thematisiert die Autorin in diesem Buch sexuellen Missbrauch und dessen Folgen. Hanya Yanagihara zieht ihre Leser durch ihre ganz besondere Erzählweise unglaublich tief in ihren Bann. Abgründe tun sich auf und manchmal ist der Inhalt so erdrückend, dass es einem den Atem verschlägt. Dennoch muss man einfach weiterlesen, um Judes Willen. Er kann nicht aus seiner Haut raus. Er spricht sich selbst das Recht auf Leben ab, weil er sich für falsch hält …

In der Woche, in der ich diese fast 1000 Seiten gelesen habe, musste ich mich immer wieder von meiner Familie zurück ziehen, musste oft alleine sein und brauchte Zeit für mich um das Gelesene zu verarbeiten. Trotz all des Schmerzes und der wirklich schlimmen, weil sehr detailreichen Beschreibungen des Missbrauchs, zieht sich das Thema Freundschaft, Liebe, Loyalität und Menschlichkeit wie ein dicker roter Wollfaden durch die Geschichte. Ein Plädoyer für das „aushalten“ als Freund und auch als Partner. Wobei gerade diese Geschichte für mich durchaus nachvollziehbar macht, dass das nicht jeder Mensch aushalten kann …

Es gibt keinen vergleichbaren Roman, der zugleich so wunderschön und so unendlich traurig ist …

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