„Ein Winter in Paris“ | Jean-Philippe Blondel

Titel im Original:  „Un hiver à Paris“
Autor:  Jean-Philippe Blondel
Aus dem Fanzösischen übersetzt von Anne Braun
Verlag:  Deuticke Verlag
Genre:  Kurzroman
Seitenzahl:  189
ISBN:  978-3-552-06377-8

Victor hat die Provinz hinter sich gelassen und ist zum Studium nach Paris gekommen. Er kommt aus einfachen Verhältnissen, der Druck an der Uni ist hoch. Victor ist einsam und fühlt sich zunehmend unsicher. Einzig mit Mathieu raucht Victor hin und wieder eine Zigarette.
Als Mathieu in den Tod springt, verändert sich für Victor alles. Plötzlich wird er, der einzige Freund des Opfers, sichtbar!

Meine Meinung

Victor liebt die Aussagekraft und Bedeutung von Worten. Schon früh wird ihm klar, dass er nach dem Gymnasium nach Paris gehen und am Lycée D. Geisteswissenschaften studieren möchte. Der Abschied von seiner Familie und seinem provinziellen Zuhause fällt ihm nicht schwer, doch das Leben und Lernen am Lycée hat er sich dann doch etwas anders vorgestellt. Er fühlt sich einsam und ausgegrenzt. Vom Leistungsdruck eingefangen verwickelt er sich immer weiter in sein tristes Dasein. Ein bisschen Abwechslung bieten ihm nur die gelegentlichen Raucherpausen und Unterhaltungen mit Mathieu, einem jungen Mann aus der Stufe unter ihm. Doch dann geschieht das Unfassbare: Mathieu begeht aus Verzweiflung Selbstmord! Und Victor wird, als vermeintlicher Freund des Opfers, auf einmal sichtbar und interessant für seine Mitmenschen …
Als dann auch noch Mathieus Vater in sein Leben tritt, ändert sich für ihn auf einmal alles!

Obwohl dieser Roman nicht viele Seiten hat, überzeugt er durch Tiefe und Dramatik. Die eher melancholische Stimmung nimmt den Leser sofort gefangen und auch sprachlich ist das Buch einfach großartig.

„Ein Winter in Paris“ besticht durch seine unheimlich fesselnde Erzählweise und seinen detailreichen Schilderungen. Jean-Philippe Blondes schreibt in einer klaren, aber dennoch poetischen Sprache, die durch die doch sehr kurzen Sätze und klaren Dialoge unterstrichen wird. In Kombination mit Victors Gedanken und Beobachtungen lässt dieses Buch absolut keine Wünsche offen. Der Autor hat ein unglaublich gutes Händchen für berührende Szenen, die die eigenen Gedanken anregen, ohne dabei künstlich zu wirken.

Der Beginn des Romans zeigt schon sehr klar, dass Victor gefühlt alles erreicht hat, was er sich erträumt und vorgenommen hat. Er beginnt, aufgrund eines sehr persönlichen und offenen Briefes von Mathieu Vater, auf sein bisheriges Leben zurückzublicken. Seine Rolle als Außenseiter wird hier bedrückend real dargestellt und es faszinierte mich, wie ein Mensch fast ein Jahr lang ohne großartige Kommunikation durchs Leben gehen kann. Seine Sinne verändern sich und Victors Beobachtungsgabe wird immer schärfer und detaillierter. Er saugt förmlich die Emotionen und Verhaltensweisen seiner Mitmenschen auf!
Mit Mathieus Tod beginnt sich jedoch der Blickwinkel unseres Protagonisten zu verändern. Hier beleuchtet der Autor gekonnt, welche Auswirkungen ein starres Schulsystem hat. Wem man wohlmöglich die Schuld an Mathieus Selbstmord geben kann. Wer Schuldgefühle hat und warum Menschen auf einmal aufeinander zugehen. Die Geschichte regt unglaublich zum Nachdenken an!

„Ein Winter in Paris“ war ein wahrer Lesegenuss!
Jean-Philippe Blondel ist ein ganz besonderer Schriftsteller mit einem unglaublichen Feingefühl für Menschen, das er mit Victor hervorragend zum Ausdruck bringen konnte.

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