„Lisa“ | Thomas Glavinic

Autor: Thomas Glavinic
Verlag: Hanser Berlin
Genre: Roman
Seitenzahl:  204
ISBN: 978-3-446-23636-3

Ein Mann hat sich mit seinem kleinen Sohn in einem einsamen Landhaus verschanzt. Er hat Angst. Denn Lisa, eine internationale Mörderin, deren Gesicht niemand kennt, ist hinter ihm her. Um sich abzulenken, spricht er jeden Abend per Internet-Radio zu einem unsichtbaren Publikum.

Thomas Glavinic erzählt vom unsichtbaren Grauen, das uns alle umgibt.

Meine Meinung

„Jetzt dreht der Glavinic total durch!“ – Das waren meine ersten Gedanken, als ich vor einigen Jahren „Lisa“ erstmals zur Hand nahm. Ein literarisches Experiment? Nervenzusammenbruch? Anaphylaktische Nachwirkungen nach akutem Alkoholexzess?
Warum sollte man sonst auf die Idee kommen, den Monolog eines vermeintlichen Paranoikers aufzuschreiben, der auf einer abgelegenen bayerischen Alm hockt und in ein Mikrofon mit Wackelkontakt spricht?

Tom und sein 8jähriger Sohn Alex verbringen den Sommer in einem einsamen Haus auf dem Land, mitten im Wald und ohne nähere Nachbarn. Warum? Weil sich unser Protagonist vor der ominösen Lisa fürchtet, die bereits Monate zuvor in seine Wohnung eingebrochen und darüber hinaus mehrere Jahrzehnte für Gewaltverbrechen  verantwortlich sein soll. Während Alex unter Tags die einsame Umgebung unsicher macht und abends erschöpft in sein Bett fällt, begleiten wir Tom jede Nacht als Sprecher seines eigenen Radioprogrammes ins Internet.

Bereits nach den ersten Seiten entfaltet der Roman seine unheimliche Kraft und einen enormen Wortwitz. Während des ganzen Buches lässt Thomas Glavinic seinen Protagonisten einen Monolog führen. Tom erzählt über sein Leben, redet über Gott und die Welt. Selten politisch korrekt, dafür aber umso ehrlicher und schonungsloser. Der Monolog ist stimmig und zeigt ein gutes Bild von Toms Sprunghaftigkeit, die nicht zu Letzt dem enormen Alkohol- und Drogenkonsum geschuldet ist. Der Leser bekommt Schritt für Schritt den Charakter des Mannes skizziert.

„Lisa“ ist ein Buch über die vielen kleinen und großen Lügen, mit denen Menschen ihr Leben ausstatten. Um simple Erkenntnisse, die sich aber niemand auszusprechen traut. Um Freundschaften, aber auch um das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Um linksredende Rechtsdenker. Und nicht Zuletzt auch um Hundekot!

Kryptisch-indirekt, offenherzig und mit einem Hang zum rabenschwarzem Humor, genau so liest sich ein echter Glavinic!

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