previous arrow
next arrow
Slider
  • „Kintsugi“ | Miku Sophie Kühmel

    Autor:  Miku Sophie Kühmel
    Verlag:  S. Fischer Verlag
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  293
    ISBN:  978-3-10-397459-1

    Seit 20 Jahren sind Max und Reik ein Paar und seit 20 Jahren werden sie beneidet. Um ihre Harmonie, um ihr besonderes Band, darum, wie perfekt sie sich ergänzen. Dass sie dieses Jubiläum zurückgezogen in ihrem Wochenendhaus feiern wollen, versteht keiner so recht. Eingeladen sind nur ihr ältester Freund Tonio und dessen Tochter Pega.

    Der See liegt still, noch halb unter Eis, der Boden ist hart vor Frost und manchmal zieht ein Kranich über das Wasser. Doch bald wird klar, dass dieses Wochenende anders wird. Dass die Wahrheit ein vages Ding ist und schwer zu greifen.

    Meine Meinung

    Unter „Kintsugi“ („Goldverbinden“) oder auch „Kintsukuroi“ („Goldreparatur“) versteht man ein Stück japanischer Kultur. Ein traditionelles Kunsthandwerk, bei dem zerbrochenes Porzellan mit einem Lack geklebt wird, in dem pulverisiertes Gold eingestreut wurde. Aus einem Bruch wird also etwas Neues, dem man selbst mehr Wert verleihen kann. Eine perfekte Metapher fürs Leben!

    Die Stille ist der Unruhe Herr! Vier Menschen treffen sich im abseits gelegenen Haus am See: Max und Reik sind seit 20 Jahren ein Paar und das soll im kleinen Rahmen gefeiert werden. Eingeladen sind dabei nur ihr bester Freund Tonio und dessen Tochter Pega, die von allen drei Männern großgezogen wurde. Doch das Wochenende verläuft nicht wie geplant …

    Vermeintliche Harmonie entpuppt sich als Trugschluss, alte Verwundungen und Sehnsüchte verursachen Risse, die im scheinbar soliden Freundschaftsgefüge immer weiter auseinanderklaffen. Doch da ist auch so viel Liebe, dass man als Leser niemals die Hoffnung auf ein gutes Ende verliert.
    Besonders eine Teeschale wird zum Sinnbild der Geschichte. Sie zerbricht und wird so repariert, dass es außer dem Verursacher niemand auch nur annähernd bemerkt. Im Laufe der Geschehnisse zerbricht sie erneut. Und was jetzt?

    „Kintsugi“ lebt von seinen Charakteren, die diese Geschichte für mich absolut lesenswert gemacht haben. Universitätsprofessor Max braucht seine Routinen, klammert sich an seine Ordnung, schafft sich Sicherheit durch qualitativ hochwertige, aber dennoch schlichte Besitztümer. Jedes Ding hat seinen genau festgelegten Platz. Wenn er sich hinauswagen muss in eine Welt, in der er sich nie wohlzufühlen scheint, trägt er stets seine Büchertasche mit sich.
    Reik, getrieben von einem steten Drang nach Aufmerksamkeit, passt nicht in eine gesellschaftliche Norm, was von ihm als weltberühmtem Künstler aber auch nicht erwartet wird. Der Sohn einer alleinerziehenden Alkoholikerin ist in allem, was er tut, intensiv und leidet zugleich an katastrophalen depressiven Abstürzen. Er ist chaotisch und unordentlich und weiß in der Regel die zeitlose Eleganz, die Max so viel Halt gibt, nicht zu schätzen.
    Tonio ist Klavierspieler und hätte ein Pianist von Weltruhm werden können, wäre er nicht schon als Student zum alleinerziehenden Vater geworden. Und er wollte dieses Kind so sehr! Früher war Tonio einmal Reiks erster Freund und trauert der Beziehung auch mehr als 20 Jahre später noch hinterher.
    Pega, die als Gemeinschaftsprojekt der drei Männer aufgewachsen ist, ohne dass ihre Mutter ein Teil ihres Lebens gewesen wäre, versucht als junge Erwachsene, sich aus ihrer Kinderrolle zu befreien und gleichzeitig eine frühe Sehnsucht zu verwirklichen.

    Miku Sophie Kühmel schreibt in klaren und prägnanten Worten, die für mich schnell eine unheimliche Sogwirkung entwickelt haben. Zu Beginn wird man zwar von ihren detaillierten Beschreibungen etwas erschlagen, aber es macht absolut Sinn, dass jeder Baum und jedes Regal genauestens erklärt werden, denn die individuellen Charaktere spiegeln sich deutlich in ihrer Umgebung wider. Der Leser schleicht sich in die Gedanken der vier Personen und erfährt so mehr über ihre Beziehungen zueinander, über ihr Leben. Wie sie sich gefunden haben und warum sie sich brauchen. Wie sie aufgewachsen sind und wie ihre Eltern sie geprägt haben. Dabei war die besondere Familienkonstellation besonders interessant.

    Für mich ist „Kintsugi“ ein Buch mit viel Herz, das ganz ohne Kitsch ein breites Spektrum an Gefühlen hervorruft. Dazu gehören verschiedene Formen von Liebe, aber auch Trauer, Schmerz, Wut, Enttäuschung und Angst. Das Gesamtbild ist jedoch nicht trostlos oder deprimierend, sondern entwickelt gerade an den Bruchstellen eine atemberaubende Schönheit.

  • Podcast | „Mordlust“

    Im True-Crime-Podcast “Mordlust – Verbrechen und ihre Hintergründe” sprechen Laura und Paulina über wahre Kriminalfälle aus Deutschland. In jeder Folge widmen sich die Reporterinnen zwei Fällen und diskutieren die strafrechtlichen sowie psychologischen Aspekte!

    Was sind die Schwierigkeiten in einem Indizienprozess? Wie überredet man Unschuldige zu einem falschen Geständnis? Und wie hätte die Tat womöglich verhindert werden können? Was sind die Hintergründe einer Tat? Warum hat das Gericht ein bestimmtes Urteil gefällt? Und wie kann die Gesellschaft in Zukunft dafür sorgen, dass es nicht nochmal zu ähnlichen Fällen kommt?

    Zusätzlich zu solchen Fragen, begleiten Paulina Krasa und Laura Wohlers Gerichtsprozesse und führen interessante Interviews mit Experten. Egal ob Mord aus Heimtücke, niedrigen Beweggründen oder Mordlust – für die meisten Verbrechen gibt es eine Erklärung und danach suchen Laura und Paulina!

    Pro Folge werden zwei wahre Kriminalfälle aus Deutschland oder Europa besprochen, deren immer eine wechselnde Hauptthematik zu Grunde liegt. Dabei erfahren wir aber auch viele Details über die strafrechtlichen und psychologischen Aspekte.

    „Mordlust“ ist ein weiterer Podcast aus dem True-Crime-Genre, dem ich regelmäßig folge. Paulina und Laura haben dabei eine ganz andere Herangehensweise als zum Beispiel die Mädels von „Menschen & Monster“. Ihre Fälle beziehen sich in der Regel immer auf einen großen Überbegriff und zur eigenen Fallanalyse bekommt der Hörer auch viele Grundinformationen zum Strafrecht, zur Gerichtsordnung, zur Psychologie des Täters, aber auch viele andere fachspezifische Themen werden angesprochen.
    Dabei versprühen die jungen Frauen viel Charme und machen selbst bedrückende Themen mit etwas Witz für den Hörer erträglich. Dies meinen sie aber niemals despektierlich!

    Über die Gastgeber

    Die Journalistinnen Paulina Krasa und Laura Wohlers starteten im Juli 2018 hobbymäßig mit der ersten Folge „Mordlust“. Die Beiden arbeiten als Reporterinnen beim Fernsehen und sind sehr gut miteinander befreundet. Sie sind zwar keine Expertinnen auf diesem Gebiet, das Interesse ist aber schon lange groß und durch ihre Arbeit bekommen sie immer mehr Fachwissen dazu.
    Seit Januar 2019 ist „Mordlust“ ein Angebot von Funk, das Content-Netzwerk von ARD und ZDF für Jugendliche und junge Erwachsene!

  • „Die Dame mit der bemalten Hand“ | Christine Wunnicke

    Rezensionsexemplar
    Vielen Dank an den Verlag!

    Autor:  Christine Wunnicke
    Verlag:  Berenberg
    Genre:  Kurzroman
    Seitenzahl:  166
    ISBN:  978-3-946334-76-7

    Bombay, 1764. Indien stand nicht auf dem Reiseplan und Elephanta, diese struppige Insel voller Schlangen und Ziegen, schon gar nicht. Carsten Niebuhr aus dem Bremischen ist hier gestrandet, obwohl er doch in Arabien sein sollte. Ebenso Meister Musa, persischer Astrolabienbauer aus Jaipur, obwohl er doch in Mekka sein wollte. Man spricht leidlich Arabisch miteinander, genug, um die paar Tage bis zu ihrer Rettung gemeinsam herumzubringen. Um sich öst-westlich misszuverstehen und freundlich über Sternbilder zu streiten. Es könnte übrigens alles auch ein Fiebertraum gewesen sein. Doch das steht in den Sternen.

    Meine Meinung

    Carsten Niebuhr stammte aus einer wohlhabenden, alteingesessenen Bauernfamilie im Landkreis Hadeln. Als deutscher Mathematiker und Kartograph, war er im Jahre 1761 Teilnehmer einer sechsköpfigen Expedition nach Arabien, die vom dänischen König finanziert wurde. Mit dem Ziel durch Erforschung der Natur und materiellen Kultur des Orients ein besseres Verständnis der Texte des Alten Testaments zu erlangen. Drei Jahre später ist Carsten Niebuhr allein in Bombay. Seine Mitreisenden sind alle am Fieber gestorben …
    Und genau hier setzt die fiktive Geschichte von Christine Wunnikes neuem Buch „Die Dame mit der bemalten Hand“ an. Ein sehr gelungener Kurzroman mit viel historischem Flair, aber ganz ohne orientalischen Kitsch und mit feinem Gespür für die Absurdität sprachlicher und kultureller Missverständnisse.

    Auf einer kleinen, fast menschenleeren Insel vor Bombay begegnen sich der persisch-indische Astronom Musa und der Forschungsreisende Carsten Niebuhr. Beide gestrandet und orientierungslos. Ihre Unterhaltungen sind getrübt durch Sprachschwierigkeiten, kulturelle Missverständnisse und heftige Fieberschübe des erkrankten Niebuhrs. Sie campieren in einem verfallenen indischen Tempel und ernähren sich mehr schlecht als recht von dem, was die Insel und ihre wenigen Bewohner hergeben. Beim nächtlichen Erzählen vermischen sich Wahrheit und Lüge, Illusion und Wirklichkeit.
    Niebuhr erreicht als einziger Überlebender der Expedition wieder die Heimat und muss dort feststellen, dass man die Forschungsreise nach dem Tod seiner Mitreisenden als gescheitert betrachtet und eigentlich niemand an den gesammelten Ergebnissen interessiert ist. Und doch haben beide Männer von ihrem erzwungenen Kulturaustausch auf der Insel profitiert…

    Christine Wunnickes Roman hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Die Autorin entführt uns in wundervoller, ironischer Leichtigkeit in die Welt der Wissenschaft und Forschung des 18. Jahrhundert, springt dabei aber immer wieder zwischen Orient und dem Okzident hin und her und entwirft in jeweils wenigen prägnanten Szenen hochlebendige Eindrücke von der Blüte, aber auch den düsteren Kehrseiten des wissenschaftlichen Lebens an so gänzlich unterschiedlichen Orten wie Göttingen und Jaipur.

    Die Art, wie hier östliche und westliche Gelehrsamkeit aufeinanderprallen, ist ein wirklicher Lesegenuss, der mich aus dem Schmunzeln kaum herauskommen ließ: Es ist einfach zu komisch, wie Musa al-Lahuri seinem liebevoll geschmiedeten Astrolabium hinterherweint, das im Haushalt eines intellektuell beschränkten Trottels gelandet ist und er teils aus Frust die Inselbewohner mangels einer passenden lingua franca dann eben auf Sanskrit herumzukommandieren versucht. Auch die arabischen Verständigungsversuche der beiden Wissenschaftler, umgeben von gebärenden Affen und achtarmigen indischen Götterskulpturen, gelingen nur teilweise und lösen jede Menge Lacher aus.

  • „Böses Geheimnis“ | B. C. Schiller

    Autor:  B. C. Schiller
    Verlag:  Edition M
    Genre:  Thriller
    1. Fall für Levi Kant & Olivia Hofmann
    Seitenzahl:  251
    ISBN:  978-3-2919808137

    An dem Tag vor 5 Jahren verschwand der Mann und die kleine Tochter der Psychaterin Olivia Hofmann. Seit 5 Jahren ist auch der Mörder der 14-jährigen Lisa Manz auf freiem Fuß. Der ehemalige Inspektor Levi Kant hadert bis heute mit sich, diesen Mord nicht aufgeklärt zu haben. Bis ausgerechnet die Psychiaterin Olivia Hofmann ein Lebenszeichen von Lia Manz erhält …

    Lebt Lisa doch noch? Wer ist dann das Mädchen, das auf so grausame Weise verbrannt ist? Als Levi Kant gemeinsam mit Olivia Hofmann den Fall neu aufrollt, stoßen sie auf ein böses Geheimnis.

    Meine Meinung

    Als Leser von wirklich ausgefallenen Thrillern kommt man an den Büchern von „B. C. Schiller“ eigentlich nicht mehr vorbei. Dass das Schriftstellerpaar Barbara und Christian Schiller aber ebenso wie ich aus Wien stammen und schon über 20 Bücher auf den Markt gebracht haben, war auch für mich noch neu! Beim Durchstöbern ihrer Klappentexte ist mir gleich die Reihe um Levi Kant und Olivia Hofmann ins Auge gestochen. Und gut war`s! Der erste Teil der bislang 3-teiligen Reihe konnte mich schon sehr von sich überzeugen …

    Levi Kant war einer der hochkarätigsten Ermittler der Wiener Mordkommission, doch eine schwere Schussverletzung zwang ihn in den Ruhestand. Seitdem unterrichtet er an der Polizeiakademie.
    Olivia Hofmann dagegen ist praktizierende Psychiaterin. Als Jonathan, einer ihrer Patienten, Lisa Manz zu sehen glaubt, die bereits vor fünf Jahren aus der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie verschwunden ist, will sie der Sache nachgehen. Eigentlich kann das gar nicht sein, denn Lisas verbrannte Leiche wurde einige Wochen später im Burgenland aufgefunden. Olivia kontaktiert den damaligen Ermittler Levi Kant, der sich wie besessen auf die neuen Informationen stürzt. Doch es scheint einige Leute zu geben, die genau das verhindern wollen!

    „Böses Geheimnis“ ist ein klar strukturierter Thriller, bei dem die Spannung kontinuierlich aufgebaut und bis zum überraschenden Ende verfeinert wird. Der Schreibstil ist wunderbar bildlich und die Geschichte besticht durch klare Aussagen, geschickten Wendungen und wird dennoch mit einem sehr schönen weichen Unterton durchzogen. Dieser kommt gerade bei der Charakterzeichnung stark hervor und lässt auch die Vergangenheit unseres Ermittlerduos sehr nah und menschlich an den Leser heran.

    Levi Kant vermisst seine Arbeit und natürlich auch das Hochgefühl, wenn man einer Spur Stück für Stück nachgeht und den Täter am Ende überführen kann. Gerade der Mord an Lisa Manz ließ ihn in den letzten Jahren nicht los, war es doch der einzige Fall in seiner Karriere, den er nicht aufklären konnte! Olivia Hofmann, als sein aktiver Gegenpart, kümmert sich nicht nur um ihren dementen Vater, sie kämpft auch mit ihrer Vergangenheit. Zur Zeit von Lisas Leichenfund verschwand auch ihr Ehemann mit der gemeinsamen Tochter spurlos. Dank des tollen Schreibstils kann sich der Leser sehr leicht in die beiden Charaktere hineinversetzen. Sie agieren sehr harmonisch und stimmig.

    Ein grandioser Thriller, mit einer spannenden Geschichte und zwei sympathischen Ermittlern, dem ich unheimlich gerne weiter folgen werde. Levi Kant und Olivia Hofmann passen wunderbar in mein Beuteschema!

  • „Meine Schwester, die Serienkillerin“ | Oyinkan Braithwaite

    Titel im Original:  „My Sister, the Serial Killer“
    Autor:  Oyinkan Braithwaite
    Aus dem Englischen übersetzt von Yasemin Dincer
    Verlag:  Blümenbar
    Genre:  Roman
    Seitenzahl:  236
    ISBN:  978-3-351-05074-0

    Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Ayoola ist das Lieblingskind, unglaublich schön – und sie hat die Angewohnheit, ihre Männer umzubringen. Korede ist eher praktisch veranlagt und dafür zuständig, hinter ihrer Schwester aufzuräumen: Die Krankenschwester kennt die besten Tricks, um Blut zu entfernen, und ihr Kofferraum ist groß genug für eine Leiche. Dann verknallt sich natürlich auch Tade in Ayoola, der hübsche Arzt aus dem Krankenhaus, der doch eigentlich für Korede bestimmt ist. Jetzt muss die sich fragen, wie gefährlich ihre Schwester wirklich ist – und wen sie hier eigentlich vor wem beschützt.

    Meine Meinung

    Ayoola und Korede sind Schwestern. Zwei moderne junge Frauen mit Ecken und Kanten, wobei Ayoola ohne Zweifel die hübschere der Beiden ist. Klein, zierlich und mit einer Haut wie flüssiges Karamell liegen ihr die Männer zu Füßen. Doch manchmal bleiben sie da auch, dank dem Messer in ihrem Rücken. Die junge Frau hat ein wankendes Gemüt, da kann es schon einmal vorkommen, dass die Trennung von einem Mann endgültiger ist, als es sich dieser hätte vorstellen können!
    Zum Glück hat Ayoola die zuverlässige und pragmatische Korede auf ihrer Seite.  Die Krankenschwester ist systematisch, clever und tut alles, um ihre Schwester vor der Polizei zu schützen. Doch wo sollte Geschwisterliebe aufhören und das Gesetz beginnen?

    „Meine Schwester, die Serienmörderin“ wartet kaum mit Spannung auf, denn von Anfang an wissen wir wer hier die Täterin ist und auch was passieren wird und doch konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Oyinkan Braithwaite erzählt temporeich, ohne großartiger Schnörkel und Wendungen und bleibt dabei nah an ihren Figuren. Sie charakterisiert die männermordende Schönheit und ihre unscheinbare, hinter ihr aufräumenden Schwester mit viel Geschick und Feinheit, wobei sie aber auch nicht davor zurückschreckt, ihre Charaktere für den Leser in manchen Szenen absolut unsympathisch zu machen. Korede darf eine ironische oder gar sarkastische Distanz zu sich selbst einnehmen. Ayoola wäre dazu nicht fähig. Aus beidem heraus entwickelt sich oft eine Situationskomik, bei der einem schon im nächsten Moment das Lachen im Halse stecken bleiben kann. Ich persönlich mochte diesen ungewöhnlichen Humor sehr.
    Der lockere Erzählstil, der den Schwestern viel Ernsthaftigkeit nimmt, trägt dazu bei, dass man keinerlei Mitleid empfindet. Nicht für die Opfer, nicht für Ayoola und auch ganz sicher nicht für Korede.

    Ehrlich und auf den Punkt gebracht erzählt die Autorin, wie die beiden Frauen diese gefährliche Lage meistern. Dabei erfährt man als Leser ganz nebenbei auch eine Menge über die nigerianische Gesellschaft.
    In einigen Rezensionen wurde kritisiert, dass der spezielle Hintergrund in ihrem Land nicht explizit genug in die Geschichte eingewoben wurde. Dazu muss ich sagen, dass mir gerade das an dem Roman gefallen hat. Es kann doch nicht die Aufgabe von afrikanischen Autoren sein, westlichen Lesern ständig ihr jeweiliges Land zu erklären, historische Hintergründe darzulegen oder eine grundlegende Sozialdebatte über Reich und Arm zu führen. Oyinkan Braithwaite versucht das erfreulicherweise erst gar nicht. Die Reibungspunkte zwischen traditionellen und modernen Werten fließen ganz von selbst mit ein, ohne dass die Autorin diese immer wieder breittreten muss.

    Natürlich sind einige Teile der Handlung absurd, grotesk und überzeichnet, aber über weite Strecken wird das Tun und Lassen der Hauptfiguren psychologisch schlüssig und entwirrt am Ende eine fantastische Geschichte!