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  • „Saving Grace“ | B. A. Paris

    Titel im Original: „Behind Closed Doors“
    Autor: B. A. Paris
    Aus dem Englischen übersetzt von Wulf Bergner
    Verlag: Blanvalet
    Genre: Psychothriller
    Seitenzahl: 349
    ISBN: 978-3-7341-0263-9

    Niemand glaubt dir! Niemand hilft dir! Du gehörst ihm!
    Grace und Jack Angel sind das perfekte Paar. Die 33jährige Grace ist warmherzig, liebevoll, bildhübsch. Jack sieht gut aus, ist charmant und kämpft als renommierter Anwalt für die Rechte misshandelter Frauen. Aber sollte man Perfektion jemals trauen?

    Warum zu Beispiel kann Grace auf Dinnerpartys so viel essen und nimmt doch niemals zu? Und warum umgibt ein hoher Zaun das wunderschöne Haus der beiden?
    Doch wenn man Grace danach fragen möchte, stellt man fest, dass sie nie allein ist. Denn Jack ist immer – wirklich immer! – an ihrer Seite

    Meine Meinung

    Bei „Saving Grace“ handelt es sich um den Debütroman der Autorin und war eines der wenigen Bücher, die mich letztes Jahr total aus den Socken gehauen haben. Schon in der Verlagsvorschau fand ich den Klappentext sehr ansprechend, bin aber von einem ganz anderen Strickmuster ausgegangen. Das Buch entpuppte sich als außergewöhnlich furchteinflößender Thriller, der seinem Leser ein beklemmendes Gefühl in der Brust beschert!

    Normalerweise schreibe ich in meinen Rezensionen immer eine kleine unverfängliche Zusammenfassung über den Inhalt der Geschichte, das möchte ich in diesem Fall aber ausnahmsweise unterlassen, da schon der Klappentext sehr viel verrät und es sich auf jeden Fall lohnt, „Saving Grace“ aus dem unbekannten heraus zu erfahren. So viel sei gesagt: Während die Nachbarn und Freunde glauben, Grace hätte mit Jack das große Los gezogen, ist sie in ihrem persönlichen Alptraum mit einem Mann gefangen, der seine ganz eigenen kranken Ziele verfolgt …

    Grace Angel erzählt uns aus der Ich-Perspektive ihre Geschichte. Wir springen immer wieder zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her, laufen aber während des Lesens aufeinander zu. Ein tolles Erzählelement, das ganz großartig von B. A. Paris umgesetzt wurde und von ihrem klaren, bildlichen und mitreißenden Schreibstil nur noch getoppt wird.
    Die Ausweglosigkeit, in der wir Grace wiederfinden, ist so beklemmend und nachvollziehbar beschrieben, dass es mir oft eiskalt den Rücken runter gelaufen ist. Die Bedrohung und die Angst sind greifbar.

    Natürlich ist die Idee, des vermeintlichen Traummannes, der sich als verrückter Psychopath entpuppt im Thriller-Genre nichts Neues mehr, aber für mich hat die Autorin mit Jack Angel ein ganz neues Level erreicht. Er ist furchteinflößend, absolut real und abgrundtief böse. Ein Charakter, mit einem so überzeugenden aalglatten Pokerface, der mir bisher nur sehr selten in einem Buch begegnet ist.
    Ich musste unglaublich mit Grace mitleiden, konnte ihr aber einfach nicht helfen!

    B. A. Paris führt ihren Lesern auch ganz klar vor Augen, wie schnell es gehen kann, dass man sich als Frau in solch einer Situation wiederfindet. Wie oft hören wir von häuslicher Gewalt in unserem Umfällt? Dafür brauchen wir nicht erst den Fernseher aufdrehen!

    Eine absolute Leseempfehlung von der ersten bis zur letzten Seite!

  • „Anders“ | Anita Terpstra

    Titel im Original:  „Anders“
    Autor:  Anita Terpstra
    Aus dem Niederländischen übersetzt von Jörn Pinnow
    Verlag:  Blanvalet
    Genre:  Thriller
    Seitenzahl:  383
    ISBN: 978-3-7341-0257-8

    Alma Meester, ihr Mann Linc und die beiden Kinder Iris und Sander sind eine ganz normale, glückliche Familie. Bis zu dem Tag, als der elfjährige Sander zusammen mit einem Freund während eines Ferienlagers spurlos verschwindet. Der andere Junge wird kurz darauf tot aufgefunden, doch Sander bleibt wie vom Erdboden verschluckt.

    Sechs Jahre später meldet sich ein junger Mann bei einer deutschen Polizeistation. Er sei der verschwundene Sander Meester. Die Familie ist überglücklich, doch nach und nach kommen der Mutter Zweifel.
    Ist der Junge wirklich ihr Sohn?
    Und was ist damals in der verhängnisvollen Nacht tatsächlich passiert?

    Meine Meinung

    Mit „Anders“ liefert uns Anita Terpstra einen wirklich tollen Debütroman.
    Es handelt sich hier um einen Thriller der leisen Töne, der nicht nur durch eine gut ausgearbeitete Geschichte besticht, sondern auch durch seine authentischen Protagonisten, deren durchgerütteltes Gefühlsleben den Leser sehr mitnimmt.

    Der 11-jährige Sander verschwindet bei einer Nachtwanderung aus einem Ferienlager. Da sein Freund Martin kurz darauf tot im Wald aufgefunden wird, kommt recht schnell der Verdacht auf, dass ein Sexualstraftäter seine Hand im Spiel und Sander entführt hat. Trotz tagelanger Suche, bringt diese keine Ergebnisse! Die Familie ist schwer getroffen und erholt sich nicht mehr von diesem Schicksalsschlag. Mutter Alma bekommt zwar mit Linc nochmals ein Baby, aber die Ehe zerbricht.
    Als nach sechs Jahren ein Junge auftaucht, der im Wald von einem Pädophilen festgehalten wurde und sich bei der Polizei als Sander zu erkennen gibt, wird die eingekehrte Ruhe der Familie aufs Neue durchgerüttelt. Die Stimmung ist ganz und gar nicht glücklich oder gelöst, Sander verhält sich sehr distanziert und will keine Einzelheiten aus den vergangenen Jahren preisgeben …

    „Anders“ legt überhaupt keinen Wert auf die Tätersuche. Das Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf den Reaktionen der Familie und deren Freunde. Ich fand die unterschiedlichen Verhaltensweisen sehr spannend und teilweise auch richtig beklemmend. Vor allem das Verhalten der Mutter hat mich im Laufe der Geschichte sehr oft zum Kopfschütteln gebracht.
    Natürlich bekommt der Leser hier auch viel Spielraum für Spekulationen geboten!

    Anita Terpstra spricht ganz klar Themen wie Kindesmissbrauch und die menschliche Wertigkeit in der Familie an. Was passiert, wenn ein Kind, dem Anderen gegenüber bevorzugt wird? Warum blenden Eltern auffällige Verhaltensmuster eines Kindes total aus? Auch auf die Schuldgefühle des Vaters nach Sanders Verschwinden wird klar eingegangen, hätte er bei dieser Wanderung doch auf seinen Sohn achtgeben müssen!

    Und über all dem, schwebt noch ein großes Damoklesschwert:
    Die Frage, ob es sich bei dem jungen Mann wirklich um Sander handelt!

    „Anders“ regt definitiv zum nachdenken an und bleibt dem Leser noch sehr lange im Gedächtnis!

  • „Die Geisha“ | Arthur Golden

    Titel im Original:  „Memoirs of a Geisha“
    Autor:  Arthur Golden
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gisela Stege
    Verlag:  btb Verlag
    Genre:  Zeitgeschichtlicher Roman  |  Roman
    Seitenzahl:  573
    ISBN:  978-3-442-73522-8

    Zu Beginn der 30er Jahre: Die 9jährige Chiyo lebt mit ihrer bettelarmen Familie in einem kleinen Fischerdörfchen. Als ihre Mutter im Sterben liegt, verkauft der Vater sie und ihre Schwester in das Vergnügungsviertel Gion der alten Kaiserstadt Kyoto.
    Bei ihrer Ankunft in Kyoto werden die beiden Mädchen getrennt. Chiyo kommt in eine Okiya, ein Geisha-Haus, die Spur ihrer Schwester verliert sich. Star der Okiya ist Hatsumomo, eine faszinierend schöne, aber unglaublich launische Geisha, die bei den Herren in Gion sehr beliebt ist und daher für die Okiya viel Geld einbringt.

    Anderthalb Jahre wird Chiyo von Hatsumomo gedemütigt. Doch als sie erkennt, dass ihr altes Leben unwiderruflich vorbei ist, fügt sie sich in ihre Schicksal. Von da an ist ihr Aufstieg zur begeisterten Geisha ganz Kyotos nicht mehr aufzuhalten. Doch dann lernt sie einen Mann kennen, in den sie sich unsterbliche verliebt.

    Meine Meinung

    Arthur Golden hat sich mit „Die Geisha“ von der ersten Zeile an in mein Herz geschrieben.
    Dieser Roman ist eines der meistgelesenen Bücher in meinem Regal und wird vermutlich auch in Zukunft noch öfters  zur Hand genommen werden.

    Wir begleiten die Japanerin Chiyo durch ihr bewegendes Leben. Zu Beginn noch als 9jähriges Mädchen, mit einfachen Wünschen und Hoffnungen, aber einem starken Blick auf die Welt. Wir bekommen einen ersten Einblick auf die japanische Kultur, über das Japan der und 30er Jahre und natürlich auch über den Kriegseinbruch in Japan. Chiyo wächst vom unbescholtenen Kind zum gedemütigten Dienstmädchen heran, das mit ihren Wiederständen regelmäßig gegen Wände läuft. Dank einer schicksalshaften Begegnung weiß sie sehr bald, was sie von ihrem Leben möchte: Eine Geisha sein!
    Von diesem Zeitpunkt an, verfolgen wir ihre Ausbildung. Sie nimmt den Namen „Sayuri“ an und wird im Laufe der Jahre in ganz Kyoto und über dessen Grenzen hinaus bekannt. Diese Zeit ist gespickt von Disziplin und Leidenschaft, aber auch Intrigen und Hass schlagen „Sayuri“ entgegen.

    Arthur Golden hat einen sehr bildlichen und ausschweifenden Schreibstil, mit auffallend guten Dialogen. Die Geschichte wird eher ruhig erzählt und vermittelt einen unglaublich realistischen Einblick in eine Kultur, die sich doch rigoros zur Westlichen unterscheidet. Auch die Belagerung Japans durch die Amerikaner wurde sehr ergreifend thematisiert, sowie der Wiederaufbau nach Kriegsende.
    Arthur Golden verliert nicht eine Sekunde den Bezug zu seinen Protagonisten. Sie liefern niemals ein völlig schillerndes oder gänzlich dunkles Bild, sondern die gesamte Vielfalt der menschlichen Natur.

    Die vielen eingestreuten Informationen wirken außergewöhnlich real, man sollte aber immer im Auge behalten, das es sich bei „Die Geisha“ um einen Roman und keine Biographie handelt.
    Viele Begebenheiten entstammen sicher der Realität, aber „Sayuri“ ist eine erfundene Person.

  • „Lisa“ | Thomas Glavinic

    Autor: Thomas Glavinic
    Verlag: Hanser Berlin
    Genre: Roman
    Seitenzahl:  204
    ISBN: 978-3-446-23636-3

    Ein Mann hat sich mit seinem kleinen Sohn in einem einsamen Landhaus verschanzt. Er hat Angst. Denn Lisa, eine internationale Mörderin, deren Gesicht niemand kennt, ist hinter ihm her. Um sich abzulenken, spricht er jeden Abend per Internet-Radio zu einem unsichtbaren Publikum.

    Thomas Glavinic erzählt vom unsichtbaren Grauen, das uns alle umgibt.

    Meine Meinung

    „Jetzt dreht der Glavinic total durch!“ – Das waren meine ersten Gedanken, als ich vor einigen Jahren „Lisa“ erstmals zur Hand nahm. Ein literarisches Experiment? Nervenzusammenbruch? Anaphylaktische Nachwirkungen nach akutem Alkoholexzess?
    Warum sollte man sonst auf die Idee kommen, den Monolog eines vermeintlichen Paranoikers aufzuschreiben, der auf einer abgelegenen bayerischen Alm hockt und in ein Mikrofon mit Wackelkontakt spricht?

    Tom und sein 8jähriger Sohn Alex verbringen den Sommer in einem einsamen Haus auf dem Land, mitten im Wald und ohne nähere Nachbarn. Warum? Weil sich unser Protagonist vor der ominösen Lisa fürchtet, die bereits Monate zuvor in seine Wohnung eingebrochen und darüber hinaus mehrere Jahrzehnte für Gewaltverbrechen  verantwortlich sein soll. Während Alex unter Tags die einsame Umgebung unsicher macht und abends erschöpft in sein Bett fällt, begleiten wir Tom jede Nacht als Sprecher seines eigenen Radioprogrammes ins Internet.

    Bereits nach den ersten Seiten entfaltet der Roman seine unheimliche Kraft und einen enormen Wortwitz. Während des ganzen Buches lässt Thomas Glavinic seinen Protagonisten einen Monolog führen. Tom erzählt über sein Leben, redet über Gott und die Welt. Selten politisch korrekt, dafür aber umso ehrlicher und schonungsloser. Der Monolog ist stimmig und zeigt ein gutes Bild von Toms Sprunghaftigkeit, die nicht zu Letzt dem enormen Alkohol- und Drogenkonsum geschuldet ist. Der Leser bekommt Schritt für Schritt den Charakter des Mannes skizziert.

    „Lisa“ ist ein Buch über die vielen kleinen und großen Lügen, mit denen Menschen ihr Leben ausstatten. Um simple Erkenntnisse, die sich aber niemand auszusprechen traut. Um Freundschaften, aber auch um das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Um linksredende Rechtsdenker. Und nicht Zuletzt auch um Hundekot!

    Kryptisch-indirekt, offenherzig und mit einem Hang zum rabenschwarzem Humor, genau so liest sich ein echter Glavinic!

  • „Das Feld“ | Robert Seethaler

    Autor:  Robert Seethaler
    Verlag: Hanser Berlin
    Genre: Roman
    Longliste Österreichischer Buchpreis 2018
    Seitenzahl:  239
    ISBN: 978-3-446-26038-2

    Wenn die Toten auf ihr Leben zurückblicken könnten, wovon würden sie erzählen?
    Wäre es eine Geschichte oder die Erinnerung an einem Moment, an ein bestimmtes Gefühl, eine Regung?

    Einer wurde geboren, verfiel dem Glücksspiel und starb. Ein anderer hat nun endlich verstanden, in welchem Moment sich sein Leben entschied. Einer erinnert sich daran, dass ihr Mann ein Leben lang ihre Hand in seiner gehalten hat. Eine andere hatte 67 Männer, doch nur einen von ihnen hat sie geliebt. Einer war vernünftig genug, sich seine Träume nicht zu erfüllen. Und einer dachte: Mann müsste mal raus hier. Doch dann blieb er!

    Meine Meinung

    Endlich wieder ein neues Buch von Robert Seethaler!
    Ein berührendes und sehr feines Buch, das für mich auch definitiv an seine Vorgänger anschließen kann. Es bringt einen zum Lachen, es weckt Bedauern, es zeigt Glück und das Gefühl etwas Wichtiges verpasst zu haben.

    Zu Beginn des Buches begleiten wir einen älteren Mann auf seinem täglichen Spaziergang zum Friedhof der kleinen Gemeinde Paulstadt. Ganz in seine Gedanken vertieft fragt er sich, wie es wohl wäre, wenn die Toten von ihrem Leben erzählen könnten und ihn überkommt der Verdacht, dass sie vermutlich genauso wie die Lebenden nur Belanglosigkeiten von sich geben würden.
    Der Leser taucht von der ersten bis zur letzten Seite in die kleine Welt der Paulstädter ein und lauscht den verschiedenen Geschichten der verstorbenen Bewohner.

    Robert Seethaler schreibt hier sehr komplex und fordert die Aufmerksamkeit seines Lesers deutlich heraus. Nach und nach entdeckt man erste Verbindungen zwischen den Personen. Einige sind durch liebe miteinander verbunden, andere sind miteinander verwandt. Zum Teil wird dies durch den Nachnamen offensichtlich, bei manch Anderen muss man doch aufmerksam lesen, um einzelne Hinweise in Nebensätzen nicht zu übersehen. Wir erfahren auch viele private Dinge, die in der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und heute stattfanden. Diese miteinander verknüpften Schicksale machen „Das Feld“ lebendig und man bekommt ein gutes Gefühl für die Harmonie in diesem kleinen Örtchen.

    Durch einige Bewohner erfahren wir die gleichen Begebenheiten, aber aus unterschiedlichen Sichtweisen. Das waren für mich die interessantesten Kapitel. Da erkennt man doch sehr klar, wie bedrückend anders dein Gegenüber doch eine Situation sehen kann.

    Eigentlich hatte ich gehofft, dass sich zum Ende hin der Kreis noch etwas mehr schließt, aber im Nachhinein wäre das total unlogisch. Immerhin kennen wir nur eine Seite der Medaille, die Lebenden haben sich hier auch noch nicht zu Wort gemeldet.

    Mich hat das Buch sehr nachdenklich gestimmt. Auf Seite 11 gibt es ein tolles Zitat:
    „Als junger Mann wollte er die Zeit vertreiben, später wollte er sie anhalten, und nun, da er alt war, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie zurückzugewinnen.“
    „Das Feld“ ermahnt uns, nichts aufzuschieben und im hier und jetzt zu leben. Vieles wurde im Leben nicht getan und die Toten bereuen es jetzt!