„Wolgakinder“ | Gusel Jachina

Titel im Original:  „Deti Moi“
Autor:  Gusel Jachina
Aus dem Russischen übersetzt von Helmut Ettinger
Verlag:  Aufbau Verlag
Genre:  Roman
Seitenzahl:  581
ISBN:  978-3-351-03759-8

Jakob Bach ist 1916 Schulmeister in Gnadental, einem deutschen Dorf am Ufer der Wolga, um das die Zeitläufe keinen Bogen machen. Als er Klara, die Tochter eines reichen Bauern unterrichten soll, findet er in ihr die Liebe seines Lebens. Aber dann wird Klara vergewaltigt und stirbt bei der Geburt des Kindes. Unter schwierigsten Umständen zieht Bach Annchen allein groß. Doch die Politik aus Moskau macht vor den Dörfern der Wolgarepublik nicht Halt, und er, der nach Klaras Tod die Sprache verloren hat, vermag seine Tochter nicht an sich zu binden, die Kind einer neuen Zeit ist und den Verheißungen der Sowjets folgt …

Meine Meinung

Was sich Gusel Jachina mit „Wolgakinder“ traut, ist wirklich mutig! Was für ein Buch!
Sie erklärt nicht nur die Herkunft der Wolgadeutschen, sondern erzählt auch noch wie es ihnen während der großen Oktoberrevolution ergangen ist. Virtuos und faszinierend erlebt man als Leser die Sprache, mit der sie die kleine Welt lebendig werden lässt, aber auch der Protagonist selbst beherrscht mit seiner Freude an der Literatur die Kunst des Erzählens und Fabulierens.

Dies war mein erstes Buch von Gusel Jachina, daher ging ich völlig frei von Erwartung an den Roman heran und wurde sofort gefesselt!

Im dem kleinen Dörfchen Gnadental an der Wolga siedeln seit dem 18. Jahrhundert deutsche Einwanderer. Unter ihnen führt Jakob Iwanowitsch Bach ein bescheidenes Leben als etwas schrulliger, aber doch liebevoller und respektierter Schulmeister. Er ahnt noch nicht, dass sich sein Leben von der ersten Stunde an, in der er die junge Bauerntochter Klara am anderen Wolgaufer unterrichten soll, verändern wird. Liebe und Politik prägen fortan sein Leben, auch wenn er sich beidem zu entziehen versucht.

Gusel Jachina schreibt in einer anspruchsvollen und mitreißenden Sprache, springt dabei aber von Stilmittel zu Stilmittel. Mal greift sie zur Poesie und erschafft traumhafte Bilder, kehrt aber genauso flott wieder zur klaren, sachlichen Erzählform zurück und lässt uns in kurzen Passagen an der politischen Lage der damaligen Zeit teilhaben. Auch mystische und bezaubernde Naturbeschreibungen finden hier ihren Platz. Selbst Stalin und der totkranke Lenin bekommen in „Wolgakinder“ ihren Gastauftritt! Der Roman versprüht eine tolle Atmosphäre!

Mit dem Schulmeister Jakob Bach erschafft die Autorin einen Sonderling mit vielen liebenswerten Facetten, mit dem man unweigerlich seine Begeisterung, aber auch sein Leid teilen möchte. Wir begleiten ihn durch fünf große Lebensabschnitte und bemerken schnell, dass er so sonderlich gar nicht ist. Eher naturverbunden und von Schicksalsschlägen geprägt. Besorgt um die wenigen Lieben, die er im Laufe der Zeit noch um sich hat.
Während er sich immer mehr zurückzieht und in die Einsamkeit flüchtet, verändert sich um ihn die Welt: Politische Ereignisse nimmt er nur aus der Distanz wahr, dennoch hat alles Einfluss auf ihn. Selbst in seinem abgeschiedenen Gehöft bleibt er von der Revolution und der Gründung der Deutschen Republik an der Wolga nicht verschont.

Wer in diesem Buch Informationen über das Leben der Deutschen im Wolgagebiet sucht, wird vielleicht enttäuscht sein, wer sich hingegen auf eine wunderbare Reise einlassen möchte und sein Vergnügen in einer melodisch anmutenden Sprache findet, ist bei „Wolgakinder“ absolut richtig.

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